Die Begegnung

 

Als das Postauto aus Ancona auf der kleinen Piazza des Bergdörfchens Corinaldo hielt, entstieg ihm ein unscheinbar gekleideter, bartloser alter Mann. Er erkundigte sich nach der Wohnung der Frau, der sein Besuch galt, gelangte in ein schmuckloses, bescheidenes Haus, erklomm dort eine steile Holztreppe und betrat schließlich eine geschwärzte Küche, wo eine uralte Frau, die Hände im Schoß gefaltet, in einem Lehnstuhl am Fenster saß. Bei seinem Eintritt wandte sie sich nach ihm um.

 

„Seid Ihr es, Sandrino?“ fragte sie. Und als der Alte nickte, meinte sie: „Kommt näher. Setzt Euch hier zu mir.“

 

Der Besucher folgte der Aufforderung. Er schien unsicher und befangen. Als er sich neben der Greisin niedergelassen hatte, dauerte es eine ganze Weile, ehe er ein Wort über die Lippen brachte. „Es ist sehr lange her, seit wir uns zuletzt sahen, Mamma Assunta“, sagte er schließlich.

 

„Ja“, erwiderte die Greisin und ließ den Rosenkranz durch die gichtstarren Finger gleiten, „sehr, sehr lange. Und wir sind alle beide inzwischen alt geworden.“ Dann, nach einer kleinen Pause, fügte sie hinzu: „Wir wollen Gott danken, mein Sohn, dass wir diesen Tag noch erleben durften.“

 

Mit unbeholfenen Worten begann der Mann nun von dem Leben zu erzählen, das er in den letzten Jahren im Kloster von Ascoli Piceno geführt hatte, und er sprach von dem Augenleiden, das ihn befallen, von den rheumatischen Schmerzen, die ihn zu quälen begonnen hatten.

 

„Wie ich Euch schon schrieb“, sagte er schließlich, „bin ich gekommen, weil ich aus dieser Gegend fortgehe. Und da wir uns wahrscheinlich in diesem Leben nicht wiedersehen werden, wollte ich Euch zuvor noch einmal aufsuchen und mich von Euch verabschieden, Mamma Assunta.“

 

„Geht in Frieden, mein Sohn“, erwiderte die Greisin und reichte ihrem Besucher die Hand.

 

Es war eine Begegnung, wie sie vielleicht noch nie vorher stattgefunden hatte – die Begegnung zwischen dem Mörder und der Mutter einer Heiligen. Die Greisin nämlich war Assunta Goretti, die neunundachtzigjährige Mutter der vor wenigen Jahren heiliggesprochenen Maria Goretti; der Mann aber, der gekommen war, sich von ihr für immer zu verabschieden, war Alessandro Serenelli, derselbe, der vor mehr als einem halben Jahrhundert in einem Sinnenrausch die junge Maria angefallen und die sich verzweifelt Wehrende getötet hatte.

 

Alessandro Serenelli hat für diese grausige Tat, die er einst als Zwanzigjähriger verübte, schwer gebüßt. Ein ganzes Menschenalter verbrachte er hinter Kerkermauern, bis er endlich, nach Verbüßung seiner Strafe, den Weg in die Freiheit wieder fand. Sein Opfer Maria Goretti, das seine Ehre mit dem Leben bezahlen musste, ist mittlerweile heilig gesprochen worden. Ihr einbalsamierter Leichnam liegt in gläsernem Sarg, von Scharen wallfahrender Gläubigen besucht, in einer Kapelle, die man eigens für sie bei dem Hafenort Nettuno errichtet hat, ebendort, wo einst ihr Leben von Mörderhand endete.

 

Die Kapuzinermönche von San Serafino in Ascoli Piceno nahmen sich Serenellis an, als er aus der Strafanstalt entlassen wurde. Sie übertrugen ihm das Amt des Klostergärtners, das er in der Folge zwanzig Jahre hindurch zur allgemeinen Zufriedenheit verwaltet hat. Nur einmal verließ er in all der Zeit seine Zufluchtsstätte – damals nämlich, als er nach Rom reiste, um dort, unerkannt inmitten der Zehntausende, die den Petersdom füllten, der Heiligsprechung seines Opfers beizuwohnen.

 

Jetzt ist der Zweiundsiebzigjährige zu krank, um noch länger seine Arbeit zu verrichten, und so wird er seine Tage in einem Altersheim der Kapuziner in Macerata beschließen. Ehe er jedoch die Reise dorthin antrat, wollte er noch einmal die Mutter Maria Gorettis besuchen, die er an jenem verhängnisvollen Tag des Jahres 1902, an dem er seine Bluttat beging, , zum letzten Mal gesehen hatte. Kein Dichter hätte eine seltsamere Begegnung ersinnen können als die, die hier das Leben herbeiführte.

 

Aus „Sie und Er“, Zofingen/Schweiz 1954

(Assunta Goretti, die Mutter Maria Gorettis,

ist kurz nach dieser Begegnung

mit dem Mörder ihres Kindes gestorben.)