Vom Aberglauben des "Bösen Blickes"

 

Philipp Schmitt S.J.

 

Wort und Blick haben in den abergläubischen Vorstellungen aller Menschen eine Hauptrolle gespielt im Zauberwahn des Verwünschens mit seinen beiden Arten des „Bösen Blickes“ und des „Berufens“. Lautes Verwünschen ist das „Berufen“, stilles der „Böse Blick“. Der „Böse Blick“ ist eines der Übel, das der Büchse der Pandora, der ersten von Zeus im Zorn geschaffenen Frau entwich und Not und Elend ohne Maß unter die Menschheit brachte. Die Geschichte des „Bösen Blickes“ gehört zur Nachtseite der Kultur- und Völkergeschichte der Menschheit. In den abergläubischen Vorstellungen spielt der Glaube an die unheilvolle Zauberkraft der Augen wohl die Hauptrolle. Für den Naturmenschen ist der Blick von jeher etwas höchst Geheimnisvolles gewesen, und seine ungezügelte Phantasie hat ihm eine Menge von mystischen Kräften angedichtet, die „faszinierend“, bezaubernd wirken sollen. In immer neuen Variationen stoßen wir bei allen Völkern der Erde auf den weitverbreiteten Aberglauben des „Bösen Blickes“. Die ganze Literatur der Griechen und Römer, eine Unmenge von Inschriften, Darstellungen auf Sarkophagen, Reliefs, Bildern, Amuletten, staatlichen Gesetzen zeugen von der Verbreitung des Glaubens an die Bezauberung durch das „Schalksauge“, wie Luther es nennt. Meist galten Frauen als Trägerinnen des „Bösen Blickes“, die diese unheilvolle Macht absichtlich und bewusst ausübten. Die Zeit der Hexenprozesse, wo der „Böse Blick“ mit dem Teufelsglauben in Zusammenhang gebracht wurde, sah die höchste Betätigung des Augenzaubers mit all seinen entsetzlichen und furchtbaren Folgen. Im Hexenhammer, den die beiden Inquisitoren für Nord- und Süddeutschland, Heinrich Institoris und Jakob Sprenger 1484 herausgaben, ist immer wieder vom „Bösen Blick“ die Rede. Hexen waren die wirksamsten Werkzeuge des Bosheitszaubers. Schon Luther setzte in seinem lateinischen Kommentar zum Galaterbrief (1519) auseinander, wie die Hexen durch „Bösen Blick“ Kindern bezaubern, krank machen, besonders dann, wenn sie eine glückliche Mutter wegen eines auffallend schönen Kindes beneiden. Alles Unheil, selbst Winde, Hagel und Unwetter schrieb man ihnen als Wetterhexen zu, und vielfach war die angebliche Verzauberung durch das Auge der Grund für das Vorgehen gegen sie. Irgendein auffälliges Auge, ein „gezeichnetes Auge“, wie Triefaugen, Augen mit roten Lidern, schielende Augen genügte, um Frauen in den Verdacht der Hexerei und damit auf den brennenden Holzstoß zu bringen.

 

Dieser Wahn lebt in voller Kraft bei allen Kulturvölkern weiter und ist besonders noch in ländlichen Kreisen lebendig am Werk. So erhielt der Verfasser einen Brief von einem Bauern, in dem langwährendes Unglück unter dem Vieh, Verzopfung und Verfilzung der Schwänze von Pferden, Abmagerung des Viehs sowie Milchlosigkeit und Verhexung durch den „Bösen Blick“ zugeschrieben werden.

 

In Bayern nennt man heute das Ausüben des „Bösen Blickes“ „verlügen“ oder „verneiden“, in Norddeutschland „entsetzen“ oder „schieren“, in Steiermark „verschauen“ oder „verneinen“, in Böhmen „übersehen“.

 

In Italien, dem klassischen Land des „Bösen Blickes“, heißen die Bösäugigen „jettatori“ (wörtlich „Werfer“, von jettare „werfen“, Menschen, die ihre verderblichen Blicke wie Pfeile auf Personen oder Sachen werfen). In Italien an der unheimlichen Wirkung des „mal occhio“ zu zweifeln, wäre ein Verbrechen. Gebildete und Ungebildete leben in der Atmosphäre dieses Aberglaubens. Bei keinem Volk kommen Angehörige anderer Nationen so leicht und unbegründet in den Verdacht des „Bösen Blickes“ wie bei den Italienern. So galt z.B. der Dichter Heine mit seinen schielenden Augen und seinen gefärbten Brillengläsern als einer der gefürchteten Träger dieser gefährlichen Eigenschaft, ebenso der englische Dichter Lord Byron. Auch der verstorbene Exkaiser Wilhelm II. war für die Italiener ein Jettatore. Als eines Tages bei einem Besuch des Kaisers in Rom ein Festessen im Quirinal stattfand, fiel, als er gerade den Saal betrat, der schwere Kronleuchter herunter. Ein Abgeordneter und ein Staatsrat, die der Festlichkeit beiwohnten, sahen sich darauf entsetzt an, und der eine flüsterte dem anderen zu: „E proprio jettatore“ („er hat wahrhaftig den Bösen Blick“).

 

Der „Böse Blick“, die angebliche Eigenschaft gewisser Menschen, durch bloßes Ansehen Menschen, Tieren und Pflanzen zu schaden und selbst leblose Gegenstände wie Haus und Hof, Quellen und Brunnen und Lebensmittel zu verderben, wird meist als außerhalb des Bewusstseins liegend betrachtet. Er soll ein mehr magisches Wesen sein, das also auch ohne den Willen des Menschen wirkt. Nach abergläubischer Anschauung ist diese schreckliche Fähigkeit des Augenzaubers angeboren, kann aber auch durch besondere Umstände erworben werden. So soll man durch Trunkenheit, gewisse Krankheiten, wie Gelbsucht und Aussatz, zum jettatore werden können. Tieren, von der wildesten Bestie bis herab zum harmlosen Singvögelchen, werden ähnliche Wirkungen zugeschrieben, so den Schlangen, dem Marder, Wiesel, den Vipern, Spinnen, den sagenhaften Basilisken („Basiliskenblick“). Besonders hat von den Tieren nach abergläubischer Ansicht der Pfau den „Bösen Blick“. Auch dieser Wahn hat sich bis heute erhalten. „Wer Pfauenfedern im Haus hat, wird oft den Doktor rufen müssen“, sagt der Volksmund. Als vor einigen Jahren in London das Prince of Wales-Theater eröffnet wurde, in dem die Logenbrüstungen mit gemalten Pfauen geschmückt waren, weigerten sich die Schauspieler aufzutreten. Es blieb nichts anderes übrig, als den Schmuck wieder von den Logen zu entfernen.

 

Zu allen Zeiten hat der Volksglaube seine Schutzmittel ersonnen, um sich vor der überall vorhandenen Wirkung der Verzauberung zu bewahren, vor allem in einer Legion von Amuletten und Talismanen. Auch ausgeprägt suggestive Mittel wurden gegen den „Bösen Blick“ angewandt. Ein solches Mittel gibt der Talmud an: „Derjenige, welcher hineingeht in eine Stadt und sich vor einem bösen Auge fürchtet, der nehme den Daumen seiner rechten Hand und sage folgendes: Ich, N.N., Sohn des N.N., stamme ab von dem Samen Josephs, den ein böses Auge nicht beherrschen kann. Wenn er sich aber fürchtet vor seinem eigenen bösen Auge, so sehe er auf seinen linken Nasenflügel.“ Nach primitiver Anschauung galt der Grundsatz, dass dieselbe Kraft, die eine Wirkung ausübt, sie auch wieder aufzuheben vermag. Deshalb tritt uns in den Abwehrmitteln gegen den „Bösen Blick“ so oft die Darstellung eines Auges entgegen. Auge gegen Auge! Alle diese gegenzauberischen Mittel müssen aber nach den Anschauungen des Aberglaubens offen und möglichst sichtbar getragen werden, damit sie die Aufmerksamkeit des Bösäugigen von dem Träger ablenken und seinen Blick auf sich ziehen. So werden sie zum „Blickableiter“.

 

Wo liegen die Ursachen für die Entstehung dieses Zauberwahns? Die Philosophen des klassischen Altertums erblicken die Ursachen des „Bösen Blickes“ in „Neidstrahlen“, die wie vergiftete Pfeile aus dem Auge herausfahren, Kirchenväter wie Augustinus, Chrysostomus und Kirchenschriftsteller wie Tertullian in einer durch Hass und Eifersucht verderbten Seele. Die Scholastiker des Mittelalters sahen fast alle in dämonischer Beeinflussung die Ursache für den „Bösen Blick“. Nach dem hl. Thomas kann, wenn eine Seele heftig zur Schlechtigkeit erregt wird, ihr Blick giftig und schädlich werden, besonders für Kinder, die einen zarten Körper haben und deshalb für solche Eindrücke empfänglich sind. Möglich ist nach ihm auch, dass dies mit Erlaubnis Gottes oder mittels eines geheimen Paktes durch die Bosheit der Dämonen geschieht. Die letztere Anschauung, die den „Bösen Blick“ mit Teufelsglauben in Verbindung brachte, wurde allgemeine Schulmeinung und hat sich, wie schon erwähnt, in den furchtbaren Hexenverfolgungen in grauenhafter Weise ausgewirkt.

 

Bei der Verseuchung des ganzen damaligen Lebens mit astrologischem Geistesgut erblickten die Sterndeuter als Ursache für den „Bösen Blick“ das trügerische Gespinst einer schlechten Konstellation der Gestirne, besonders der Tierkreiszeichen und der Planeten. Wer im Augenblick der Geburt unter einem ungünstigen Gestirn stand, war von vornherein mit dem „Bösen Blick“ gezeichnet.

 

Vielleicht liegt dem Wust all dieser Erklärungen wie so manchen abergläubischen Formen irgendeine richtige Beobachtung und damit ein Körnchen Wahrheit zugrunde. Wir sprechen ja auch von „niederschmetternden“, „durchbohrenden“, „verachtenden“, „verweisenden“, „tötenden“, „beglückenden“ Blicken. Jeder weiß, wie der scheele, neidische Blick vergiftend wirken und das ganze Innere in Unruhe und Aufregung versetzen kann. Es gibt jedenfalls eine seelische Willenseinwirkung eines Menschen auf den anderen, wie man aus dem Einfluss des starren Blickes des Hypnotiseurs weiß. Doch erklärt diese Suggestivwirkung noch nicht die Entstehung des über die ganze Erde verbreiteten Zauberwahns. Falsch verstandene anatomische und physikalische Beobachtungen an Menschen- und Tieraugen, wie der funkelnde und phosphorisierende Blick gewisser Tiere, führten zu dem Glauben, dass das Auge der Sitz der Seele sei, die unter Umständen ihren Sitz verlassen und in die Außenwelt treten könne, um dort ihre unheimliche Faszinationskraft zu entfalten.