Muttergottesverehrung in Andalusien

 

Andalusien heißt bei den Spaniern la tierra de Maria Santisima, das Land der allerheiligsten Jungfrau. Der feierlichste Schwur, den ein Andalusier tut, geschieht immer bei der heiligen Jungfrau. In allen Herzensnöten, in allen schwierigen Unternehmungen ruft er Maria Santisima an. Wer kennt nicht die berühmten Gemälde von Villegas und von Sorolla, die einen in gleicher Stellung betenden Stierfechter darstellen? Der Stierfechter fleht die Jungfrau an, damit die Stiere ihn verschonen mögen.

 

In der seit Bizets Oper „Carmen“ berühmt gewordenen Tabakfabrik zu Sevilla gibt es beiläufig 10.000 Arbeiterinnen, Cigarreras. Ihre Schutzpatronin ist Unsere Liebe Frau de la Victoria, deren Bild jedes Jahr von den Cigarreras reichlich beschenkt wird. Unter den Wundertaten, die dieses Muttergottesbild zu Ansehen gebracht haben, erzählt man nachstehende:

 

Einige hundert Zigarrenarbeiterinnen hatten vor einigen Jahren um Weihnachten ein Los gekauft. Der Haupttreffer der Lotterie beträgt 6 Millionen Pesetas. Eine der Cigarreras schlug den Genossinnen vor, der Mutter Gottes de la Victoria einen Losanteil zu geben. Das werde Glück bringen, meinte sie. Der Vorschlag wurde angenommen, und siehe, die Cigarreras gewannen ein größeres Los! Die Mutter Gottes bekam die stattliche Summe von 20.000 Pesetas ab.

 

Vergangenes Jahr hatten die sevillanischen Tabakfabrikarbeiterinnen der Virgen ein schweres Anliegen vorzubringen. Vor einigen Monaten waren die heißblütigen Frauen wegen einer Lohnfrage wild geworden und hatten in der Fabrik, um ihren Ansprüchen Geltung zu verschaffen, alles kurz und klein geschlagen. Die Folge davon war, dass die Rädelsführerinnen, etwa vierzig an der Zahl, aus der Fabrik entlassen wurden und seitdem am Hungertuch nagten. Alle ihre Bemühungen, wieder zur Arbeit zugelassen zu werden, waren gescheitert. Selbst der Erzbischof von Sevilla konnte, als er bei der Tabakmonopol-Gesellschaft zugunsten der entlassenen Cigarreras zu intervenieren suchte, nichts ausrichten. Da dachten die armen Mädchen: Jetzt kann nur noch die Virgen de la Victoria helfen. Sie taten sich zusammen, brachten ihre letzte Habe zum Opfer und kauften der Maria Santisima eine goldene Krone mit weißen Atlasschleifen, auf denen in goldenen Lettern die Worte eingestickt waren: „A la Virgen de la Victoria la Cigarreras de Sevilla“. Sie nahmen das Bild der genannten Madonna aus der Pfarrkirche und trugen es, unter lauten Vivatrufen, wie dies in Sevilla üblich ist, nach der Tabakfabrik. Alle Arbeiterinnen der letzteren hatten sich der Prozession angeschlossen. Das Madonnenbild trug eine große Rolle Papier in den Händen.

 

Als der Verwalter der Fabrik das Madonnenbild und die Prozession erblickte, trat er hervor und als echter Andalusier ließ er einen großen Blumenstrauß kommen, mit dem er das Bild schmückte. Die Arbeiterinnen empfingen ihn mit Beifallsjauchzen und sagten ihm, die Papierrolle, die die Maria Santisima trage, sei für ihn bestimmt. Der Verwalter nahm die Rolle in Empfang, öffnete und las sie. Es war ein Gesuch der heiligen Jungfrau, die ihn bat, mit ihren Schutzkindern, den entlassenen Cigarreras, Erbarmen zu haben. Der Verwalter lächelte gnädig und erklärte, dass er der Bitte der Maria Santisima natürlich nachgeben müsse und dass die entlassenen Cigarreras wieder zugelassen seien.

Vossische Zeitung 1911