Auferstehung der katholischen Kirche in England

 

Vor ungefähr 170 Jahren kam die Kirche in England wieder aus den Katakomben heraus.

 

(Von Roger Capel, zusammengefasst aus „St. Joseph Magazine“, Mt. Angel Abbey, St. Benedict Ore., September 1950)

 

Das London von heute (1950) mit seinen rund 200 katholischen Kirchen und nahezu 1000 katholischen Priestern bietet ein sehr verschiedenes Bild von dem London zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Zu jener Zeit war es zwar schon kein Vergehen mehr, die hl. Messe zu feiern oder ihr beizuwohnen, wenn sich auch die Leute, die damals lebten, noch auf die Zeit, in der das der Fall war, erinnern konnten. Die Katholikengesetze von 1778 und 1791 hatten einige der einschneidendsten Verbote aufgehoben. Die Katholiken konnten von nun an ihren Glauben offen bekennen und ausüben. Vorbei waren die Tage, in denen unter dem heiligmäßigen Bischof Challoner, dem apostolischen Vikar von London, die Katholiken sich mit ihrem Geistlichen an einem Wirtshaustisch versammeln mussten, um dort – bei einem Glas Bier der Predigt ihres Pfarrers zu lauschen. Nach außen hatten diese Zusammenkünfte wie eine gewöhnliche Unterhaltung am Biertisch ausgesehen.

 

Im Jahr 1805 gab es 11 Kapellen in London. Man sprach in jenen Tagen nicht von Kirchen! Vier dieser Kapellen waren Gesandtschaftskapellen. In der Zeit vor Erlass der genannten Gesetze waren sie die einzigen Orte, wo die hl. Messe öffentlich gefeiert werden durfte, da sie zu den Gesandtschaften katholischer Nationen gehörten und die mit der Exterritorialität verbundenen Vorrechte genossen.

 

Kardinal Newman beschreibt die damalige gesellschaftliche Stellung der Katholiken und den Eindruck, den sie auf ihre Mitbürger vor 100 Jahren (1850) machten: „Es bestand weder mehr eine katholische Kirche noch eine katholische Gemeinde im Land. Man fand nur noch ein paar einzelne Anhänger der alten Religion, die schweigend und sorgenvoll umhergingen, gewissermaßen Denkmäler dessen, was einst gewesen war . . . eine Gruppe armer Iren, die zur Erntezeit aus Irland herüberkamen und danach wieder fortgingen, oder eine kleine irische Kolonie in einem Elendsviertel der Hauptstadt. Da und dort sah man vielleicht auch einmal eine ältere Person ernst, einsam und fremd durch die Straßen gehen, von der erzählt wurde, dass sie aus guter Familie stamme und römisch-katholisch sei. Oder man fand noch ein altmodisches, von hohen Mauern umgebenes düsteres Haus mit eisernem Tor, von dem das Gerücht ging, dass römische Katholiken in ihm lebten. Doch wer sie waren und was sie taten, konnte niemand sagen.“

 

Die Katholiken waren damals Leute, die nach dem Ende der Verfolgung soeben wieder aus dem Dunkel der Katakomben zum Licht emporstiegen und noch nicht recht wussten, welche Wirkung das Licht auf sie haben und wie sich ihre Mitbürger zu ihnen verhalten würden. Daher lebten sie abseits vom allgemeinen Strom des nationalen Lebens. Sie gingen regelmäßig an den Sonn- und Feiertagen zum „Gebet“ - von der hl. Messe sprach man länger als ein Jahrhundert öffentlich nicht -, und wenn der Gottesdienst vorbei war, verschwanden sie wieder schweigend. Sonst wurden die Kirchen nicht aufgesucht. Man hielt sie der Sicherheit halber geschlossen.

 

Diese englischen Katholiken zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren streng in ihrem täglichen Leben: Die Abstinenz an Freitagen und die Fastenzeit wurden genau eingehalten. Von Aschermittwoch bis Ostern gab es kein Fleisch und zur Abendbrotzeit weder Käse noch Butter, Milch oder Fisch.

 

Außerhalb der Kirche kleidete sich der Geistliche genau wie die anderen Männer und trug in der Regel keine schwarze Kleidung. Selbstverständlich war der römische Kragen zu jener Zeit unbekannt.

 

Das Kircheninnere war damals ganz einheitlich und völlig schmucklos, zweifellos eine Folge der evangelischen Umgebung. In der Regel gab es nur einen Altar. Seitenaltäre, Muttergottes- und Heiligenstatuen, ja selbst Kreuzwegstationen fehlten völlig. Auch ein Beichtstuhl war nur selten zu finden. Der Geistliche hörte die Beichten zu Hause. Oft hat man die Szene beschrieben, wie die Leute am Samstagabend im Haus des Priesters die Treppe auf den Knien erstiegen und warteten, bis die Reihe zur Beichte an sie kam.

 

Die Kirchenmusik damals war opernhaft. In London bildeten bezahlte Kräfte von der Oper den Chor. Die Predigten waren viel länger als heute und im Stil der Sprache jener Tage angeglichen. Wir würden sie heute theatralisch finden.

 

Das Gesamtbild des englischen Katholizismus jener Zeit ist das eines treuen Restes von Gläubigen, die hartnäckig an den wesentlichen Bestandteilen des Glaubens festhielten, aber auf jede größere Kundgebung und Wirkung nach außen verzichten mussten. Doch ereigneten sich zwei Dinge, die diesen Zustand ändern sollten: Das erste war die starke Einwanderung von Iren in die großen Städte Englands, das zweite die Ernte von Konvertiten, die durch die sogenannte Oxfordbewegung zur Kirche kamen.

 

Vor 1845 waren Konvertiten in England eine Seltenheit gewesen. In diesem Jahr wurde Newman in die Kirche aufgenommen, und eine Zeitlang hatte es den Anschein, als ob es zu einer ganzen Flut von Bekehrungen käme. Die meisten Konvertiten waren Menschen von überdurchschnittlicher Bildung, was das Ansehen der Katholiken im Land außerordentlich hob.

 

Einige Jahre vor diesen Ereignissen waren Verhandlungen über die Wiedererrichtung der Diözesanbischofsstellen geführt worden, aber verschiedene missliche Vorkommnisse hatten die Angelegenheit verzögert. Schließlich aber war es soweit, dass Papst Pius IX. ein Breve veröffentlichen konnte, in dem er die Hierarchie in England wiederherstellte. Es trug das Datum des 29. September 1850. Der apostolische Vikar von London, Nicholas Wiseman, wurde nach Rom berufen und zum Kardinal ernannt. Im Breve des Papstes war er für den neu zu errichtenden Stuhl von Westminster ausersehen. Gleichzeitig wurden 11 andere Bistümer errichtet.

 

Kardinal Wiseman erließ noch von Rom aus sofort einen Hirtenbrief, in dem er seine Ernennung bekanntgab. Dieser wurde in der „Times“ veröffentlicht und erregte unter den Nichtkatholiken gewaltiges Aufsehen und löste einen wahren Sturm im Land aus. Die Zeitungen, voran die Times, wandten sich mit scharfen Worten gegen die „päpstliche Eroberung“, und die Königin Viktoria selbst war außerordentlich verärgert. Sie ließ den Innenminister kommen und erklärte ihm: „Ich bin die Königin von England und werde das nicht dulden!“ Die Witzblätter brachten Woche für Woche Karikaturen.

 

Aber unbeirrt durch diesen Aufruhr, setzte der Kardinal sein Werk der Wiederherstellung der katholischen Kirche in England friedvoll fort. Die Nachrichtenverbreitung erfolgte zu jener Zeit nicht so schnell wie heute, so dass der Kardinal erst 6 Wochen nach Erlass seines Hirtenbriefes bei seiner Ankunft in Brügge die englischen Zeitungen sah. Er erhielt auch Briefe von einigen seiner Geistlichen, die ihm rieten, sich in England erst sehen zu lassen, wenn der Sturm sich gelegt habe.

 

Aber das war nicht die Art eines Kardinal Wiseman. Am 11. November kam er in London an. Sofort machte er sich daran, die Gemüter im Land durch beruhigende Briefe an die Regierung und eine lange Flugschrift zur Erklärung seiner früheren Ausführungen zu beschwichtigen, was ihm schließlich auch gelang. Im Jahr 1852 versammelten sich die englischen Bischöfe zu einer Konferenz, womit ein Jahrhundert normalen katholischen Lebens nach so langer Verfolgungszeit eingeleitet wurde.

 

Seit jener Zeit ist England in 3 Erzbistümer eingeteilt. Die Zahl der Diözesen wurde vermehrt. Die katholische Bevölkerung stieg auf nahezu 4 Millionen. Es gibt heute (1950) viele Klöster in England und mehr Klosterschwestern als vor der Trennung im 16. Jahrhundert. Damit hat der Katholizismus wieder seinen alten Platz im Leben der Nation eingenommen.