Die Armee des Papstes

 

Eine besondere Ehre der Schweiz

 

Von J. Schaefer

Zusammenfassung aus „Liguorian“

1118 N. Grand Blvd. St. Louis, 6, Mo.

Februar 1948

 

Die päpstliche Garde oder das, was man die „Armee des Papstes“ nennen kann, ist eine symbolische Armee, genauso wie der Vatikanstaat nur ein symbolischer Staat ist. Die Fremden sehen nur eine kleine, disziplinierte Schar Wächter und Polizisten, die still durch die Vatikanstadt und den Palast des Hl. Vaters patrouillieren.

 

Die päpstliche Armee setzt sich aus vier Einheiten zusammen: der berühmten Schweizer Garde, den päpstlichen Gendarmen, der Palatingarde und der Nobelgarde. Die älteste ist die Schweizer Garde. Sie erhielt ihren Namen vom Heimatland ihrer Mitglieder. Heute kommen die Rekruten für diese Garde, mit einer einzigen Ausnahme, aus allen Schweizer Kantonen, und sogar in den heißesten Tagen der Reformation hielten einige protestantische Kantone die Rekrutierung aufrecht.

 

Die Uniform der Schweizer Garde, die Michelangelo entworfen haben soll, hat sich in der langen Geschichte dieses Korps nicht geändert und wird noch stolz getragen. Sie besteht aus rot-, gelb- und blaugestreiften Blusen und weiten Kniehosen, blau- und gelbgestreiften Gamaschen, einer Brustplatte aus Metall, einer weißen Halskrause und einem flachen Metallhelm, dessen Spitze mit einem roten Busch geziert ist. Eine mittelalterliche Hellebarde d.h. ein langschaftiger Spieß, weshalb die Soldaten dieser Garde auch Hellebardiere genannt werden, vollendet die farbenprächtige Uniform. Heute ist die Schweizer Garde auch mit modernen Gewehren ausgerüstet. Mag diese Uniform auch veraltet und beinahe aufgeputzt erscheinen, so passt sie doch in einem gewissen Grad gerade zur Schweizer Garde; denn sie erinnert diese Korps an eine Geschichte, die in den Annalen militärischer Einheiten kaum ihresgleichen hat.

 

Am 21. Januar 1506 marschierten 150 Schweizer Soldaten unter der Führung ihres Hauptmanns Caspar Silenen durch die Porta del Popolo im Norden von Rom zum Petersplatz. Dort wurden sie von Papst Julius II., der Vorbereitungen für ihre Ankunft getroffen hatte, feierlich gesegnet. Sie sollten die Wache des päpstlichen Palastes übernehmen. Die Schweizer Katholiken rühmen sich noch heute des Titels „Verteidiger der Freiheit der Kirche“, der ihnen von Papst Julius II. verliehen wurde.

 

Diese Garde hat die schweren Zeiten und auch die Ruhmeszeiten des Papsttums geteilt. Im Jahr 1527 zog ein buntscheckiger Haufen französischer und italienischer Soldaten in der Hoffnung auf leichte Beute durch Italien nach Rom. Die päpstlichen Kräfte, die weit in der Minderheit waren, wurden von der anstürmenden Horde geschlagen und niedergemetzelt. Am 7. Mai fiel Rom, mehr als 7000 Einwohner wurden an einem Tag getötet, die Stadt mitsamt den Kirchen geplündert, und Papst Clemens VII. musste in die Engelsburg fliehen. Nur 47 der 250 Mann zählenden Schweizer Garde konnten die Burg erreichen, die übrigen wurden bei der standhaften Verteidigung St. Peters und der Person des Heiligen Vaters niedergemacht.

 

Als im Jahr 1571 ein neuer Einfall der Türken die Christenheit bedrohte, stellte Papst Pius V. Don Juan von Österreich an die Spitze der christlichen Streitkräfte. Die Türken wurden in der berühmten Seeschlacht von Lepanto, bei der die Schweizer Garde an Bord des Flaggschiffes kämpfte, entscheidend geschlagen. Bei der Siegesparade vor dem Papst nach Rückkunft der Truppen wurden 40 der vornehmsten Gefangenen von der Schweizer Garde geführt.

 

In der napoleonischen Zeit, und noch einmal, als die Truppen Garibaldis dem Papst den Rest der weltlichen Macht nahmen, zog die Schweizer Garde mit Papst Pius VII. in die Verbannung. In hoffnungsloser Minderheit um einen anderen Papst. Pius IX., geschart, musste die kleine Leibwache zusehen, wie ein verräterischer französischer Offizier, ein Mitglied des diplomatischen Korps, die weiße Flagge hisste und damit den päpstlichen Soldaten das Zeichen gab, die Waffen niederzulegen und die Truppen Garibaldis das wehrlose Rom stürmen zu lassen.

 

Im Jahr 1825 wurde zwischen Papst Leo XII. und dem Kanton Luzern ein Vertrag abgeschlossen, der in der Hauptsache noch heute in Gültigkeit ist. Die Schweiz erlaubte darin die Errichtung eines Werbebüros in Luzern, durch das mehr als 200 Freiwillige zwischen achtzehn und fünfundzwanzig Jahren aus den katholischen Kantonen für den päpstlichen Dienst geworben werden sollten. Leo XII. seinerseits legte die Bezahlung der verschiedenen Mitglieder der Garde fest, versprach ihre Unterbringung im Vatikan und erkannte der Schweiz das Recht zu, drei Kandidaten für den Posten des kommandierenden Offiziers vorzuschlagen. Die letzte Reorganisation des Korps wurde im Jahr 1914 durch Pius X. durchgeführt. Dabei wurde die Zahl der Garde auf sechs höhere Offiziere, von denen der höchste den Rang eines Oberleutnants bekleidet, einen Feldgeistlichen, fünfzehn Unteroffiziere und einhundertfünfzehn Hellebardiere festgesetzt.

 

Zusammen mit dem Heiligen Vater wurde auch die Schweizer Garde zum freiwilligen Gefangenen im Vatikan, bis sie der Lateranvertrag des Jahres 1929 wieder zur Leibwache eines weltlichen Herrschers machte.

 

Die Schweizer Garde versieht ihren Dienst, der in der Bewachung der Person des Papstes und in seiner Begleitung, besonders bei Reisen außerhalb des Vatikanstaates, besteht, nach den Gesetzen des Vatikanstaates. Die Garde ist dem Heiligen Vater direkt unterstellt, wenngleich der Gouverneur des Vatikanstaates und eine polizeiliche Überwachung ihre Hilfe anfordern kann. Ihre alten Hellebarden trägt die Garde nur bei besonderen Gelegenheiten. Bei allen öffentlichen Zeremonien in St. Peter tragen vier von ihnen, bekannt als die „Spadoni“, die neben der „Sedia gestatoria“, der Sänfte des Papstes, marschieren, die vier großen Schwerter, die die Schweizer vor fünf Jahrhunderten dem heiligen Stuhl gaben. Sie sind ein Sinnbild der katholischen Kantone der Schweiz als der Verteidiger der weltlichen Macht der Päpste. Kommandeur der Schweizer Garde ist heute (1948) Baron Heinrich Pfyffer aus Altishofen, ein Abkömmling früherer Kommandeure der Garde.

 

Die drei anderen Einheiten der Schweizer Armee, die Paladingarde, die päpstlichen Gendarmen und die Nobelgarde, sin neueren Ursprungs. Die Palatingarde setzt sich aus zwei Bataillonen Freiwilligen zusammen, die eine Stärke von rund 500 Mann haben. Ihr Kommandeur hat den Rang eines Oberst; neben ihm gibt es eine Anzahl Majore und Offiziere niedrigeren Ranges. Sie sind in der Vatikanstadt oder in Rom untergebracht. Ihre Aufgabe ist es, die Person des Heiligen Vaters und den Wohnpalast zu bewachen und den Heiligen Vater bei allen öffentlichen Funktionen zu unterstützen.

 

Die päpstlichen Gendarmen sind die Polizei der Vatikanstadt. Sie führen den gleichen Namen wie die ähnlichen Einrichtungen in vielen Staaten. Dieses Korps besteht aus einem kommandierenden Oberst, mehreren höheren Offizieren sowie 150 Unteroffizieren und Gendarmen. Ihre Aufgabe besteht hauptsächlich in der Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung im Vatikanstaat und der Sorge dafür, dass die Gesetze, Verordnungen und Vorschriften eingehalten werden. Auch sie sind bei feierlichen Zeremonien, päpstlichen Audienzen und religiösen Veranstaltungen anwesend und machen in Castel Gandolfo und den Besitzungen des Heiligen Stuhles in Rom Dienst.

 

Als die Franzosen am 15. Februar 1789 Rom einnahmen, wurden alle päpstlichen Truppen, mit Ausnahme einer Handvoll Schweizergarden, zersprengt. Unter den Zersprengten war eine Gruppe Adeliger, die unter dem Namen Garderitter Seiner Heiligkeit bekannt waren und die Ehrengarde darstellten. Um sie wieder zu ersetzen, stellte Papst Pius VII. am 11. Mai 1801 ein neues Korps, bekannt als die adelige Leibgarde Seiner Heiligkeit, auf. Sie nehmen den ersten Platz unter den Hütern des Heiligen Vaters ein und haben die Ehrenaufgabe, seine Person unmittelbar zu betreuen. Nur Abkömmlinge adeliger italienischer Familien können Mitglieder dieses Korps sein.

 

Der Schutzpatron der Nobelgarde ist der heilige Sebastian, der Märtyrerkommandeur der ersten Prätorianerkohorte. Auf ihrer Standarte aus weißer Seide befindet sich das Wappen des regierenden Papstes in Gold. Ihr Kommandeur wird aus den Adeligen Roms gewählt und hat den Rang eines Generalleutnants. Die Garde wird in drei Klassen, Hauptleute, Oberleutnante und Leutnante eingeteilt. Nach der neuesten Aufstellung (1948) zählt sie 103 Mitglieder. 20 davon sind im Ruhestand, zwei gehören der Familie Pacelli an.