Die Geschichte der Verehrung des heiligsten Antlitzes Jesu Christi

 

El Greco: Veronika mit dem Schweißtuch Jesu

Quelle: Joachim Schäfer, Ökumenisches Heiligenlexikon

 

O meine liebe Seele,

Sieh, hier dein Christusbild!

Ihm klage deinen Kummer

Und was dein Herz sonst fühlt!

Er blickt mit seinen Augen

So schmerzlich mild dich an;

Als wollt es zu dir sprechen:

„Das hat man mir getan!

Sieh meine blutigen Wunden,

Mein bleiches Angesicht!

Sieh meine Dornenkrone

Und geh – und klage nicht!“

 

Da das Bild des heiligsten Antlitzes Christi in Rom seit den ältesten Zeiten hoch und feierlich verehrt wird, so konnte es der Welt nicht verborgen bleiben, denn es gilt von dieser Hauptstadt der Christenheit noch viel mehr dasselbe, was der heilige Papst Leo I. von ihr als der Hauptstadt der Heidenwelt sagt:

 

„Welchen Völkern könnte unbekannt bleiben, was Rom kennengelernt hat?“

 

Ist es ja die heilige Stadt, deren Boden mit dem Blut der heiligen Märtyrer getränkt worden ist, deren Mauern die Wohnungen und Denkmäler von Heiligen umschließen, deren Tempel und Grabmäler Ruhestätten heiliger Leiber sind, deren Basiliken, Meisterstücke der Baukunst, an Großartigkeit und Pracht des Gottesdienstes alles in der Welt übertreffen, die die heiligen Gebeine der Apostelfürsten Petrus und Paulus besitzt, die der Sitz des Statthalters Jesu Christi, der Mittelpunkt der katholischen Welt ist, die die Mutterkirche aller Kirchen des Erdkreises in sich schließt, von der jeder Stein ein Denkmal der profanen und der heiligen Geschichte ist, in der alle Schätze der Kunst und Wissenschaft aufgehäuft sind, und aus der alle Völker Wahrheit und Recht und Gesittung schöpfen. Und der heilige Papst Leo I. spricht zu ihr von den Apostelfürsten Petrus und Paulus:

 

„Diese sind es, die dich zu dieser Herrlichkeit erhoben haben, dass du, ein heiliges Geschlecht, ein auserwähltes Volk, eine priesterliche und königliche Stadt, durch den geheiligten Sitz des seligen Petrus zum Haupt des Erdkreises gemacht, vermittelst du der göttlichen Religion eine ausgebreiterte Oberherrlichkeit inne hast, als vormals durch deine irdische Herrschaft. Denn obwohl du, durch viele Siege vergrößert, dein Herrscherrecht zu Wasser und zu Land ausgedehnt hast, so ist doch das, was dir deine kriegerische Mühe und Arbeit unterworfen, geringer, als was dir der christliche Friede untertänig gemacht hat.“

 

Das alles wendet die Augen der ganzen Welt nach Rom, unzählige Pilger wallfahrten zu den Gräbern der Apostelfürsten, und wollen selbstverständlich auch alle Heiligtümer, ausdrücklich aber und vor allen andern jene besuchen, und verehren, die auf den göttlichen Erlöser Bezug haben. Wie hätte also diese kostbare Reliquie des heiligen Schweißtuches in der Welt unbekannt bleiben können?

 

Von dem Bildnis des göttlichen Erlösers auf diesem Schweißtuch werden ununterbrochen Abbildungen auf feiner Leinwand, mit dem Siegel, mit der Authentik der Peterskirche und mit der Unterschrift: „Wahre Abbildung des heiligen Antlitzes unseres Herrn Jesu Christi, welches in Rom in der hochheiligen Basilika des heiligen Petrus im Vatikan mit größter Ehrfurcht aufbewahrt und verehrt wird“, durch die ganze Welt versendet, und allenthalben in Kirchen und Kapellen, wie auch in den Wohnungen der Gläubigen ausgestellt. Dadurch wird nicht nur die Kenntnis von dem Bildnis , sondern auch seine Verehrung überallhin verbreitet. Wir wollen nur ein großartiges Beispiel hier anführen, das uns zeigt, wie wohlgefällig dem Herrn eine solche Verbreitung und Verehrung sei, und welche Gnaden und Segnungen sie mit sich bringt.

 

Einer der eifrigsten Verehrer des heiligsten Antlitzes und der eifrigste und wirksamste Verbreiter und Beförderer dieser Andacht war der gottselige Leo Sapin Dupont, der zu Tours am 18. März 1876 im Ruf der Heiligkeit gestorben ist. Gegen Ende der Fastenzeit des Jahres 1851 schickte ihm die Priorin der Karmelitinnen zwei aus Rom gekommene Abdrücke des heiligsten Antlitzes, ein Geschenk der Benediktinerinnen zu Arras, die gleichfalls eifrige Beförderinnen des Sühnungswerkes waren.

 

Die Bilder stellten den im Vatikan zu Rom aufbewahrten Schleier der heiligen Veronika dar, und waren von maßgebender Stelle als getreue Abbilder dieser kostbaren Reliquie und als an ihr angerührt beglaubigt. Der fromme Diener Gottes ließ die beiden Bilder in schwarze Holzrahmen fassen, und schenkte eines von ihnen dem Verein der nächtlichen Anbetung. Das andere hängte er in seinem Empfangszimmer auf, und zwar so, dass es jedem Eintretenden sofort ins Auge fiel. Als er darüber nachdachte, wie er das ihm teure Bild wohl am besten ehren könnte, kam ihm der Gedanke, vor demselben eine Lampe anzuzünden. Ein Lichtlein, das am hellen Tag brennt, so dachte er bei sich, wird aller Blicke auf sich ziehen, vielfach Neugierde erregen, und mir so die gewünschte Gelegenheit verschaffen, von unserm göttlichen Heiland und von seinem heiligen Antlitz, sowie von der Notwendigkeit der Sühne zu reden. Als ein Mann von freier, unabhängiger Stellung glaubte er sich von Gott berufen, die Andacht zur Verehrung des heiligsten Antlitzes Christi draußen in der Welt bekannt zu machen, und zur Geltung zu bringen. Mehrere, allem Anschein nach wunderbare, Begebenheiten bestärkten ihn in diesem Entschluss.

 

Im Verlauf der Ausführung dieses Entschlusses ereigneten sich vor diesem Bild unzählige Gebetserhörungen und wunderbare Heilungen aller Art in der Nähe und Ferne, dass dieses Empfangszimmer zu einem öffentlichen und ununterbrochen besuchten Wallfahrtsorte sich gestaltete. Nach dem gottseligen Tod dieses Mannes wurde es unter kirchlicher Genehmigung in eine Kapelle umgewandelt, eine eigene Bruderschaft zur Verehrung des heiligsten Antlitzes mit päpstlicher Bestätigung und ein Priesterverein zur Besorgung dieser Kapelle und dieser Bruderschaft gegründet, dem der Domdechant von Tours als Direktor vorsteht.

 

Der Zweck der Andacht zum heiligsten Antlitz Jesu Christi

 

Der Hauptzweck der Andacht zum heiligen Antlitz ist, dem anbetungswürdigen, im Leiden entstellten und im heiligsten Sakrament verborgenen Antlitz Jesu unsere ehrerbietige Huldigung und Liebe darzubringen, einen Ersatz zu leisten für die Ihn aufs Neue beleidigenden Gotteslästerungen, für die Entheiligung der Sonntage und schließlich um von Gott die Bekehrung der Gotteslästerer, besonders der Sabbatschänder, zu erhalten und für uns selbst große Gnaden für Leib und Seele zu erbitten.

 

Diese erhabene, rührende Andacht, die von unserem Heiland selbst eingesetzt zu sein scheint, als er auf seinem Kreuzweg und seinem Todestag wunderbarerweise Veronikas Schleier die Züge seines blutbedeckten Antlitzes klar einprägte und es somit der heiligen Frau zum Andenken hinterließ, war von jeher in der Kirche bekannt. Dies heilige Schweißtuch, das in der Basilika des Vatikans zu Rom sorgfältig aufbewahrt wird, erhält große Achtung und Vertrauensbezeigungen. Jährlich wird es mehrmals den Gläubigen zur Verehrung ausgestellt. Die Päpste haben denjenigen, die dieses erhabene Bildnis in frommer Meinung besuchen, zahlreiche Ablässe verliehen.

 

 

 

Mehrere Heilige haben sich durch ihre Andacht zum heiligen Antlitz ausgezeichnet und durch die Anrufung desselben viele Gnaden und Segnungen empfangen, z.B. der heilige König Ludwig, die heilige Mechthildis, die heilige Gertrudis, der heilige Bernard. Unter jenen, die in unseren Tagen im Ruf der Heiligkeit verschieden sind, wollen wir die Schwester Maria vom hl. Petrus, Karmeliterin in Tours, die ehrwürdige Mutter Maria Theresia, Gründerin der Kongregation der „Sühnenden Anbetung“ und den ehrwürdigen Leo Dupont, diesen unermüdlichen Verbreiter der Andacht zum heiligen Antlitz, anführen.

 

In neuester Zeit fand diese Andacht die weiteste Verbreitung. Ein Hauch des Heiligen Geistes scheint die Erde zu durchwehen. Sie ist ein Heilmittel der Vorsehung, das der Welt jetzt angeboten wird, um die Verheerungen der Gottlosigkeit zu bekämpfen und uns gegen den Zorn der göttlichen Gerechtigkeit zu schützen.

 

Der wichtigste Teil des Körpers ist das Haupt, an dem wir erkannt und unterschieden werden, an ihm ist das Antlitz, an ihm sind alle Sinne, die Werkzeuge des Lebens und der Sprache, die Schönheit, die ersten Anzeichen und der Ausdruck der Freude oder Trauer, der Betrübnis oder Furcht, der Gesundheit oder Krankheit und aller Neigungen der Seele. Und dieses hat Jesus mit Dornen durchstechen und mit Blut und Speichel beflecken lassen wollen. Ja, es ist bemerkenswert, dass es unser Herr in keinem anderen Teil seines Leibes so viele Beschimpfungen, Verspottungen, Beleidigungen und Schandtaten erlitt, als in seinem liebevollen Antlitz. Kein anderer Umstand wurde von den Propheten so deutlich vorausgesagt, keiner ausführlicher von den Evangelisten erzählt. Alle diese Umstände wurden nicht ohne Absicht Gottes in den heiligen Schriften aufbewahrt.

 

Wie viele außerordentliche Gnaden, welche unverhoffte Bekehrungen, welche übernatürliche Erleuchtungen sind nicht durch diese Andacht erlangt worden.

 

Wer also die Ehre Gottes und das Heil des Nächsten befördern will, ehre mit inniger Andacht das heiligste, verdemütigte Antlitz unseres Erlösers mit vollkommenem Vertrauen.