Wie wird der Antichrist sein?

 

Man redet heute viel von dämonischen Dingen und Menschen, ohne jedoch ernstlich an einen Dämon zu glauben. Dies ist aber unbedingt notwendig, um die Figur des Antichrist und seine Herrschaft verstehen zu können. Es gibt Dämonen, reine Geistwesen, gefallene Engel, welche in die Menschengeschichte hineinwirken. „Der Böse“ wird in der Hl. Schrift der „Fürst dieser Welt“, der „Gott dieser Welt“ genannt. Das eigentliche Thema der Weltgeschichte ist der Kampf um Christus: Wenn die am Ende der Zeit den Schauplatz der Geschichte beherrschende Figur der Antichrist ist, dann ist eine eindeutig auf Christus bezogene Gestalt der Hauptakteur der letzten Epoche.

 

Wie der Märtyrer, innergeschichtlich gesprochen, eine Figur der politischen Ordnung ist, so ist auch der Antichrist eine Erscheinung des politischen Bereichs. Der Antichrist ist nicht so etwas wie ein „Häretiker“, nicht ein Ketzer, der nur kirchengeschichtlich von Belang wäre und von dem die übrige Welt gar nicht Notiz zu nehmen brauchte. Weltliche Macht ist das eigentliche Instrument des Antichristen, er ist weltlicher Machthaber. Damit ist noch etwas anderes ausgesagt: Das Ende wird nicht in dem Sinne Chaos sein, dass etwa eine Vielzahl von geschichtlichen Kräften gegeneinanderstünden und allmählich eine Auflösung der Strukturen und endlich die Verwesung herbeiführten, sondern am Ende steht ein mit ungeheurer Macht ausgestattetes Herrschaftsgebilde. Am Ende der Geschichte steht eine durch Machtausübung aufrechterhaltene Pseudoordnung. Die Kennzeichnung „Pseudoordnung“ ist auch in dem Sinn gültig, dass die „Täuschung“ Erfolg hat; es ist ein Element der Prophetie vom Ende, dass die „Ordnungs-Wüste“ des Antichristen für ein wahres, echtes Ordnungsgebilde gehalten wird. Die Vorstellung eines rein organisatorischen Sozialgehäuses, in welchem alles „Technische“, von der Gütererzeugung bis zur Hygiene, „glatt funktioniert“, liegt der zeitgenössischen Erfahrung nicht zu fern.

 

Der Antichrist ist zu denken als eine Figur der über die ganze Menschheit sich erstreckenden politischen Machtausübung: er ist Weltherrscher. Nachdem Weltherrschaft im vollen Sinn möglich geworden ist, ist der Antichrist real möglich geworden.

 

Der Weltstaat des Antichrist wird ein im extremen Sinne totalitärer Staat sein. Der durch keine überlieferte Bindung eingeschränkten Gewaltmacht des Weltstaates steht die Kirche in der Rolle der Märtyrerkirche gegenüber.

 

aus: Josef Pieper

Über das Ende der Zeit.

Eine geschichtsphilosophische Meditation.

Kösel, München 1950