Die "Altarfelsen" in Irland

 

Die „Altarfelsen“ in Irland

 

Von Liam Brophy

Zusammenfassung aus „Sentinel oft he Blessed Sacrament“

194 E. 76th St., New York City, 21. November 1945

 

“Italien mag seine großen Basiliken haben, Frankreich seine stattlichen Dome, aber Irland hat seine heiligen Stätten, seine Märtyrer und seine Altarfelsen.” So sprach Bischof John Joseph Glennon von St. Louis vor der gewaltigen Menschenmenge im Phönix-Park in Dublin beim Eucharistischen Kongress 1932. Die Geschichte der Martern Irlands ist eng verbunden mit der glorreichen Geschichte der Altarfelsen. Es ist keine Übertreibung, zu behaupten, dass Irlands 300jähriges Martyrium durch sein unbeugsames Festhalten an der Heiligen Messe veranlasst wurde.

 

Manchmal nimmt man irrtümlicherweise an, die religiösen Verfolgungen hätten bereits mit dem Einfall der Normannen begonnen. Allein diese hatten die gleiche Religion wie das Volk, dessen Land sie zu erobern kamen, und wurden allmählich von der besiegten Rasse aufgesogen, so dass die Günstlinge der Königin Elisabeth von ihnen sagten: „Sie wurden irischer als die Iren selber.“ Die Ruinen der herrlichen normannischen Klöster und Abteien, die man in ganz Irland findet, legen Zeugnis davon ab, mit welchem Eifer die normannischen Familien an ihrem alten Glauben festhielten.

 

Mit den Tudors begann Irlands langes Martyrium. Der Anfang war der „Suprematieakt“, in dem Heinrich VIII. sich selbst als „das einzige Oberhaupt der Kirche Englands auf Erden“ erklärte. Dieses Gesetz wurde später von einem unbefugten irischen Parlament angenommen. Kirchen und Klöster wurden geplündert, um Heinrich VIII. und seine Anhänger zu bereichern. Aber es gibt einen ergreifenden Zug im Leben dieses Herrschers: er entweihte die Heilige Messe nicht! Hatte er nicht einst gegen einen abgefallenen Mönch eine Erwiderung mit dem Titel „Eine Verteidigung der sieben Sakramente“ geschrieben, sie Papst Leo X. gewidmet und dafür den Titel „Verteidiger des Glaubens“ erhalten? Dieser Titel, den Heinrich für seine Glaubensverteidigung erhielt, steht noch heute auf den englischen Münzen und im Wappen der englischen Herrscher. Heinrichs Anhänger aber gingen darauf aus, die Messe als den Mittelpunkt des katholischen Gottesdienstes zu treffen und damit den ganzen Katholizismus zu lähmen. Aber Heinrich, der in so vielen Dingen schwach war, widersetzte sich ihnen bis zum Schluss. Seine letzte Bitte stimmt traurig und kommt uns wie eine Ironie vor: „Wir flehen die allerheiligste Jungfrau, die Gottesmutter, mit all ihrem himmlischen Hof inständig an, für uns zu bitten; es wolle ein entsprechender Altar angeschafft, geweiht und aufgestellt werden, schön hergerichtet und mit allem Nötigen versehen zum Abhalten einer täglichen Messe für meine Seele auf ewige Zeiten, solange die Welt steht.“

 

Nach seinem Tod aber beseitigten seine fanatischen Nachfolger schnell, was er noch beibehalten hatte. Der Hauptangriffspunkt im Kampf war nun die Heilige Messe, da man diese mit Recht als die Quelle und den nährenden Born des Glaubens ansah. England wurde rasch bezwungen, aber Irland gab nie nach, und seit Heinrichs Tod schwoll das Tempo der religiösen Verfolgung in einem entsetzlichen Crescendo an.

 

Besonders unter der Königin Elisabeth richtete sich der Hass der Verfolger gegen die Priester. „Keine Priester, keine Messe mehr!“ lautete der Kampfruf. Elisabeth stellte eine Kommission auf, die feststellen sollte, wie weit das Gesetz, das die Teilnahme am staatlichen Gottesdienst zur Pflicht machte, eingehalten wurde. Man berichtete ihr, dass die große Mehrheit fortfahre, der Messe beizuwohnen, als ob überhaupt kein Gesetz erlassen worden sei. Die Gebildeten würden ihre Herrschaftshäuser als „Messehäuser“ zur Verfügung stellen und den Priestern, denen es verboten sei, in öffentlichen Kirchen die Heilige Messe zu feiern, Zuflucht gewähren und sie nicht melden. Da beauftragte Elisabeth ihren ersten Staatssekretär William Drury, diesem Zustand regelrechter Gesetzesverachtung ein Ende zu machen. Drury war bekannt für seinen Hass. Er war besonders empört, dass in Waterford täglich furchtlos die Heilige Messe gefeiert wurde. Ein Bischof und ein Mönch fielen ihm dort in die Hände. Nach Folterung ließ er sie an Bäumen als Zielscheibe der Soldaten aufhängen. 14 Tage später aber starb Drury, wie es ihm der Bischof vorhergesagt hatte, an der gleichen Stelle.

 

Es war etwas Gewöhnliches, den Priestern Daumen und Zeigefinger abzuhacken, um sie zur Feier der Heiligen Messe untauglich zu machen. Aber nur wenige kamen damit davon. Das Martyrium des Erzbischofs Dermot O`Hurley ist typisch für die Behandlung, die man den Geistlichen zukommen ließ. Nachdem er lange Jahre in Louvain gelehrt hatte, wurde er durch Gregor XIII. auf den Bischofssitz von Cashel berufen. Obwohl er sich der Gefahr, die ihm drohte, bewusst war, brach er als neugeweihter Erzbischof im Alter von beinahe 60 Jahren von Rom auf. Er landete, als Matrose verkleidet, in Irland. Aber Spione waren hinter ihm her, und schon nach einigen Tagen wurde er gefangen und nach Dublin gebracht. Man sicherte ihm Straflosigkeit zu, wenn er die geistliche Herrschaft des Papstes ableugne und den Suprematieeid leiste. Als er sich weigerte, wurde er an einen Baum gebunden und gepeitscht. Danach marterte man ihn mit Pech und Feuer, bis seine Knochen bloßlagen. Als er sich auch dann noch weigerte und alle Schmeicheleien und Drohungen versagten, hing man ihn an einem Galgen außerhalb der Stadtmauer auf. Dies war das Signal für eine grausame Verfolgung der Priester. 14 Bischöfe wurden allein unter der Herrschaft Elisabeths gemartert. Die Mitglieder ganzer Klöster wurden vor den Altären erschlagen.

 

Unter Cromwell erreichte der Hass gegen die Heilige Messe seinen Höhepunkt. Sein Zug durch Irland war durch rauchende Ruinen und Leichen gekennzeichnet. Nur unter einer Bedingung war er bereit, Schonung zu gewähren, dann nämlich, wenn die Heilige Messe abgeschafft würde.

 

In den folgenden 100 Jahren, die unter dem Namen „Penal Times“ (Strafzeiten) bekannt sind, erreichte der Hass der Feinde Irlands gegen die Heilige Messe einen zweiten und letzten Höhepunkt ausgeklügelter Grausamkeit. Von diesen Zeiten heißt es in dem späteren Gedicht des evangelischen Dichters Davis:

 

„Sie bestachen die Herde, bestachen den Sohn,

Um den Priester zu kaufen, den Herrn zu berauben

Die Hunde lehrte man beiden zu folgen,

Der Fährte des Wolfs und der Fährte des Mönchs.“

 

Die letzten Zeilen sind eine Anspielung auf die Tatsache, dass man die gleiche Belohnung für den Kopf eines Priesters wie für den eines Wolfes aussetzte.

 

Zu jener Zeit nun, als die Heilige Messe gesetzlich verboten war und jedes Haus und jeder Schuppen beobachtet wurden, ob sie nicht in ein sogenanntes „Messehaus“ verwandelt seien, gingen die Priester und das Volk in die Hügel und Täler und errichteten in der Wildnis Altäre. Noch heute sind diese Messefelsen in Irland vorhanden, über das ganze Land als Zeichen und Symbole des Glaubens verstreut. Sie gaben vielen Orten Irlands ihren Namen. Um nicht überrascht zu werden, stellte man auf den umliegenden Hügeln Wachtposten auf, während sich die Gemeinde um den Priester scharte, der das heilige Opfer feierte. Aber zuweilen wurden sie doch überlistet, und die kleine Schar der frommen Beter musste dann zu dem erhabenen Opfer der Heiligen Messe noch ihr eigenes Leben opfern. Priester und Bischöfe hatten damals wie der Menschensohn nichts, wohin sie ihr Haupt legen konnten. Oft finden wir am Schluss ihrer Briefe die Bemerkung: „ex loco refugii“ (aus einem Zufluchtsort).

 

Im Laufe der Zeit begann die Verfolgung allmählich nachzulassen. „Messehäuser“ wurden, vorausgesetzt, dass sie abgelegen waren, erlaubt. Sie bestanden nur aus strohbedeckten Hütten, gerade groß genug, um Priester und Altar zu überdecken. Die Gläubigen knieten außen herum in einem weiten Kreis.

 

Der Mann, der dem langen Martyrium ein Ende machte, war der großmütige Befreier Irlands, Daniel O`Connell. Die Katholiken bekamen wieder die Freiheit ihres religiösen Gottesdienstes, d.h. der Heiligen Messe, die Priester durften sich wieder zeigen und mussten sich nicht mehr als Verfolgte Geschöpfe in Höhlen verbergen.

 

Wir müssen uns vor Augen halten, dass zur Zeit, als man in Italien die Peterskirche erbaute, in Frankreich die Kathedrale von Reims und in Deutschland den Dom zu Köln, die Heilige Messe in Irland von einer fremden Macht verboten war. Statt der bescheidenen Pracht des romanischen oder gotischen Stils kannte man dort als Decke über dem Altar nur das Dach einer Berghöhle oder die sich verschlingenden Äste der Bäume über einem einsamen Felsen in den Bergen. Heute aber (1945) geht eine liturgische Bewegung durch dieses Land, und man erwartet von Irland, das ein so schweres und langes Martyrium wegen seiner Treue zur Heiligen Messe auf sich nahm, einen besonderen Beitrag zur eucharistischen Erneuerung unserer Tage.