Ein Almosen für Gott selbst

 

Manche von uns werden schon einmal eine Wallfahrt nach Trier unternommen haben, um dem Kleid die Verehrung zu bezeigen, das einst der menschgewordene Sohn Gottes auf Erden getragen hat, und das die römischen Soldaten bei seiner Kreuzigung nicht zerschneiden wollten, sondern unter sich verlosten. Nach frommer Überlieferung hat die allerseligste Jungfrau Maria dieses Kleid mit eigener Hand für ihren göttlichen Sohn Jesus, als er noch Kind war, gewoben und dann soll das Kleid mit dem göttlichen Kind gewachsen sein. Wie gerne wird Maria an diesem Kleid gearbeitet haben! Sie hätte es wohl auch bei fremden Leuten, bei einem Weber bestellen können. Aber die Freude, die Ehre, es selbst zu verfertigen, wollte sie sich nicht nehmen lassen.

 

Ein ähnliches Glück wie Maria haben wohl überhaupt alle empfunden, denen es vergönnt war, der heiligen Menschheit Jesu Christi zu dienen. So besonders der heilige Josef. Er war ja von Gott eigens ausgewählt, um durch seiner Hände Arbeit den Sohn Gottes zu ernähren. Und wie glücklich werden sich auch die geschätzt haben, denen der Heiland die Ehre schenkte, auf seinen Reisen bei ihnen einzukehren und sich von ihnen bewirten zu lassen, so z.B. Maria und Martha von Bethanien, die Schwestern des Lazarus. Oder würden nicht auch wir es als die höchste Ehre und das größte Glück ansehen, wenn der Heiland noch unter uns lebte, und wir ihm ein Mittagsmahl bereiten dürften?

 

Beleben wir unseren Glauben! Unser Herr Jesus Christus hat uns nicht verlassen. Er ist im allerheiligsten Sakrament des Altares noch immer in höchst eigener Person ebenso wahrhaft zugegen wie ehedem in Palästina und verdient darum auch im hochheiligen Sakrament die gleiche Liebe und Verehrung wie damals. Da können wir ihn anbeten wie die Hirten, uns vor ihm niederwerfen wie die heiligen drei Könige, ja sogar ihm ähnliche Dienste erweisen wie Maria, die für das Jesuskind das Röcklein gewoben hat. Das klingt vielleicht sonderbar, aber es ist doch wahr. Unser Heiland war in seiner Menschwerdung schon so arm und schwach geworden, dass er hätte verhungern und erfrieren müssen, wenn Maria und Josef nicht für Nahrung, Kleidung und Obdach gesorgt hätten. Im allerheiligsten Altarsakrament verhält es sich ähnlich mit ihm. Auch da ist er arm, so arm, dass er ohne unsere Hilfe dort nicht einmal existieren kann. Wir müssen Brot und Wein bereiten, Kerzen, Leinen und dergleichen bringen, sonst kann er sich auf unseren Altären nicht opfern. Wir müssen ihm ein Haus, einen Tabernakel bauen, die heiligen Gefäße herbeischaffen, sonst kann er unter uns nicht wohnen. Er muss also sozusagen ganz von unserem Almosen leben, und wir machen ihn dadurch zu unserem Schuldner. Wird er wohl seine Schulden bezahlen, wenn wir ihm im hochheiligen Sakrament so dienen? Ja, Jesus kann seine Schulden bezahlen und wird sie bezahlen! Er ist ja nicht überall so arm wie im Tabernakel; im Himmel hat er unermessliche Reichtümer. Mit diesen wird er sogar fremde Schulden tilgen, nämlich die unserer notleidenden Mitmenschen, denen wir zu essen geben, die wir bekleiden oder beherbergen: um wie viel mehr seine eigenen! Er hat sich ja als Bürge für die Armen hingestellt. Wenn wir ihm einst die nicht getilgten Schuldscheine der Armen vorzeigen, wird er alles hundertfach bezahlen. Um wie viel mehr, wenn wir ihm sagen können: „Wir haben Dich nicht bloß in der Person der Armen bekleidet und beherbergt, sondern im hochheiligen Sakrament des Altars Dich selbst in eigener Person!“ Doch lassen wir einmal die Aussicht auf Verdienst und Lohn beiseite!

 

Ist es nicht eine große Ehre, den König der Könige beschenken zu dürfen? Nicht jeder dürfte sich herausnehmen, einem irdischen König ein Geschenk anzubieten. Und ist es nicht auch eine Quelle des Trostes, dem ein Opfer zu bringen, der sich in seiner grenzenlosen Liebe fort und fort für uns opfert, bei uns wohnt und sich uns ganz schenkt in der heiligen Kommunion? Wer von einem lebendigen Glauben an Christi Gegenwart im hochheiligen Sakrament durchdrungen ist, und noch mehr, wer ihn wahrhaft liebt, der wird sich auch ohne Rücksicht auf den zu erwartenden Lohn angetrieben fühlen, sein Möglichstes zu tun, auf dass die Darbringung des heiligen Messopfers und die Aufbewahrung des hochheiligen Sakramentes in geziemender Weise geschehen kann. Oder soll der König in einer Hütte wohnen und in Lumpen gehüllt sein, während viele seiner Untertanen in Palästen leben und es ihnen an gar nichts fehlt? Es gibt aber manche Kirchen, die leider oft nur zu sehr ähnlich sind jenem Stall, in dem der Sohn Gottes zum ersten Mal als Mensch erschienen ist. Und es gibt manche Kirchen, wo es auch in Bezug auf innere Einrichtung und Ausstattung gar schlecht bestellt ist, sogar bezüglich dessen, was zum hochheiligen Altarsakrament in allernächster Beziehung steht. Da ist manchmal der Altar, in dem der Tabernakel sich befindet, ganz morsch und zerrüttet, und niemand gibt ein Scherflein zu einem neuen, oder auch nur zu einer Reparatur. Da sind die heiligen Gefäße aus unedlem Metall oder von schlechter kunstloser Arbeit. Da stehen zwischen hässlichen Leuchtern alte, verstaubte und verderbliche Blumensträuße. Da sind die Corporalien, worauf bei der heiligen Messe die heilige Hostie ruht, die Kelchtüchlein, die Altar- und Kommuniontücher verbraucht und geflickt. Da muss der Priester vielleicht in einer Albe an den Altar treten, wiewohl das Verbot der Kirche entgegensteht. Da sind die Messgewänder von geschmackloser Form, von billigem Stoff, verschlissen oder gar zerrissen. In der ewigen Lampe brennt übelriechendes Petroleum – und das alles oft aus keinem anderen Grund, als weil die Kirche zu arm ist, um dem abzuhelfen, und weil niemand etwas beisteuert. Das ist gewiss kein gutes Zeichen für eine Pfarrei, wo so etwas vorkommt. Denn es gibt selten eine Gemeinde, die so arm wäre, dass sie nicht wenigstens das Notwendigste beschaffen könnte, um das hochheilige Sakrament mit Würde und Anstand und nach den Vorschriften der Kirche zu behandeln. Man kann sagen, dass die Opferwilligkeit hinsichtlich der Sorge für das Haus Gottes der Maßstab für den Glauben eines Volkes und einer Pfarrei ist. Dass unsere Vorfahren im Mittelalter so prächtige Kirchen gebaut und sie so großzügig mit allem, was zu einem würdigen Gottesdienst gehört, ausgestattet haben, das hatte in nichts anderem seinen Grund, als in ihrem lebendigen Glauben.

 

Leider gibt es heute viele Christen, die für die Ausschmückung der Kirchen kein Verständnis mehr haben. Wenn sie auch für andere gute Zwecke noch etwas geben – für unsern Heiland im hochheiligen Sakrament haben sie nichts übrig. „Gebt den Armen Almosen“, sagen sie, „die Kirchen brauchen nichts; es ist genug, wenn man Gott innerlich recht verehrt. All dieser verschwenderische äußere Aufwand ist Gott selbst zuwider.“ Einem Protestanten könnte man solches Gerede nachsehen, aber einem Katholiken nicht; denn es ist die Lehre der katholischen Kirche, dass wir Gott nicht bloß im Herzen, sondern auch äußerlich zu ehren verpflichtet sind. Gerade darum hat sie ja die vielen Zeremonien eingerichtet und angeordnet, dass wir uns auch an dem gemeinsamen öffentlichen Gottesdienst beteiligen. Und zudem, woher wissen denn jene, dass der äußere, verschwenderische Aufwand, wie sie es nennen, Gott selbst zuwider ist? Ich meine, aus der heiligen Schrift geht gerade das Gegenteil hervor. Einst trat eine Frau zu Jesus hin und salbte seine heiligen Füße mit kostbaren Nardenöl, um ihm ihre Liebe und Ehrfurcht zu bezeugen. „Wozu diese Verschwendung?“ murrte da der geizige Judas, „man hätte die Salbe um mehr als dreihundert Denare verkaufen und den Erlös den Armen geben können.“ Hat nun Jesus etwa dem Judas zugestimmt? Nein, er nahm die Frau in Schutz und spendete ihr das höchste Lob. „Lasst sie nur“, sprach er, „was sie an mir getan hat, ist recht; und wo immer dieses Evangelium verkündet werden wird, da wird man auch diese Tat zu ihrem Lob erzählen.“ (Matth 26,6-13; Joh 12,1-8) Diese Weissagung Jesu hat sich genau erfüllt. Wenn nun Jesus damals den äußeren Aufwand billigte, warum sollte er ihn jetzt verschmähen?