allmächtig und allwissend

 

Es waren einmal zwei Kinder am Streiten, was sie sich wählen würden, wenn sie aus den Eigenschaften Gottes eine für sich nehmen dürften. Das Mädchen wollte lieber allmächtig sein, denn dann könnte es immer befehlen und sich auch nach Belieben alle Spielsachen bescheren. Der Junge wünschte sich die Allwissenheit, denn dann brauchte er nicht mehr zu lernen und könnte überdies hübsch allem zuschauen, was auf der Welt vor sich ginge. Und beide beharrten mit Eifer auf ihre Meinung, das Beste gewählt zu haben.

 

Du lachst vielleicht darüber. Wenn du aber in das Leben der sogenannten „großen Leute“ schaust, und zwar gerade auf jene, die etwas Großes leisten wollen, so findest du ein ähnliches Streben wieder. Die einen wünschen möglichst viel Macht, um ihrem Willen Geltung zu verschaffen, die andern wollen ein möglichst glänzendes Wissen. Und mancher kleine oder große Machthaber fühlt sich dabei wie eine Art Miniatur-Herrgott, und mancher kleine oder große Gelehrte wie eine Art Sonne, die alles ringsum beleuchtet.

 

Es ist ja auch etwas Schönes um den Adel der menschlichen Gedanken und um die Wissenschaft. Sehr köstlich versucht das Abraham a Santa Clara zu zeigen. Er sagt: „Ich habe mit absonderlichem Fleiß die heilige Bibel durchblättert, und in derselben gefunden das Wort Ackersmann 36 mal, das Wort Acker 314 mal, das Wort Säen 20 mal, das Wort Wachsen 500 mal, das Wort Korn 57 mal, das Wort Einschneiden 52 mal, das Wort Teuer 21 mal, das Wort Dreschen 15 mal, das Wort Heu 48 mal, aber das Wort Stroh nur ein einziges mal, und zwar nicht mit absonderlichem Lob, weil die Rachel darauf gesessen hat, als sie die goldenen Götzenbilder ihrem Vater Laban verborgen hat; weil dann kaum einmal das Wort Stroh in göttlicher Schrift anzutreffen ist, darf ich schier mutmaßen, dass selbiges für sehr verächtlich gehalten sei.

 

So geringfügig nun ein Stroh ist, also soll auch ein plumper und dummer Strohkopf geschätzt werden, indem derselbe nur Seel halber das Konterfei eines Menschen führet, im Übrigen den vernunftlosen Tieren nicht ungleich erscheinet.

 

Ein Stuben ohne Tisch,

Ein Teich ohne Fisch,

Ein Schiff ohne Ruder,

Ein Zech ohne Bruder,

Ein Schreiber ohne Feder,

Ein Schuster ohne Leder,

Ein Bauer ohne Pflug,

Ein Hafner ohne Krug,

Ein Soldat ohne Gewehr,

Ein Mensch ohne Lehr‘,

Sind alle nicht weit her.“

 

Was ist doch dein Kopf für ein kleines Ding, nicht größer als ein Kürbis. In die Kürbisschale kannst du Wasser gießen, und dann ist sie gleich voll, und es geht mit dem besten Willen nichts mehr hinein, ohne dass sie überläuft. Dein Kopf aber mit seinem unermüdlich arbeitenden Gehirn nimmt eine ganze Welt in sich auf, die viel tausendmal größer ist als er selber.

 

Bist du auf einer Fußtour einmal zu einer hübschen Gegend, einem Aussichtsturm, einem alten Schloss gewandert und hast mit Staunen die Schönheit angesehen, - schwupp, hast du auch schon ein Bild davon in deinem Kopf, und wenn du willst, kannst du es dir wieder vor die Einbildung zaubern. Und hast du ein schönes Lied singen hören, wie wir ja so viele herrliche besitzen, und hat sich die Melodie an dein Ohr geschmeichelt, vielleicht mehrmals, und siehe da, sie sitzt auch schon in deinem Kopf und geht nicht mehr hinaus. So wandert alles, was dir am Tag vor die Sinne kommt, was du selber sprichst und tust, in deinen Kopf hinein, so dass sich darin schließlich eine ganze Gemäldegalerie findet, so großartig und fein und mannigfaltig, wie keine Kunstausstellung auf Erden es bieten kann. Und das alles im kleinsten Raum zusammengedrängt, ohne dass eines das andere hindert.

Das ist nicht bloß ein wunderbarer Speicher, das ist auch eine noch wunderbarere Werkstätte. Denn zwischen den aufgeschichteten Schätzen wandert ein Werkmeister, Verstand, auf und ab, von einem Ding zum andern, und schaut alles wohl an und prüft und ordnet es, das Gleiche zum Gleichen, den Anfang zur Fortsetzung, die Ursache zur Wirkung, das Mittel zum Ziel. Er überlegt, zu was alles verwertbar sei, wirft das Nutzlose auf den großen Schutthaufen der Vergessenheit, und weist seinem Bruder und Geschäftsteilhaber, dem Willen, die rechte Verwendung an.

 

O wenn man in so einen kleinen Menschenkopf hineinschauen könnte, das wäre der sehenswerteste Anblick auf Erden.

Nun denke dir aber erst einmal Gottes Geist, der eine Unendlichkeit umspannt und der alle Dinge der Welt in sich fasst, wie das Weltenmeer ein Tröpflein! All die Millionen Menschenköpfe mit ihrer wunderbaren Innenwelt stehen auch in seinem Geist und verschwinden darin, wie ein Sandkörnchen im Weltall. Was muss das für ein Reichtum im Geist Gottes sein, wenn er mit einem einzigen Blick sich selbst und seine Herrlichkeit durchschaut.

 

Und diesen Geist Gottes wirst du einst schauen, wie er ist. Und alles, was sich in ihm spiegelt, also auch die kleine Welt, die vielen Menschen darauf und ihr Tun, was sie Weltgeschichte nennen, und ihr Wissen und noch vieles andere, was über Menschheit und Engelwelt hinausragt, - alles wirst du schauen, wenn du ein Gotteskind geblieben bist und die heiligmachende Gnade bewahrt hast.

 

Hast du einmal erklärt bekommen, wie wunderbar es zugeht, wenn dein Auge, das doch fest im Kopf sitzt, auf einmal mit dem Berg in Verbindung steht, der stundenweit entfernt liegt und ihn sieht. Nicht? Dann will ich dich nur auf eines aufmerksam machen. Von allem, was du siehst, hast du ein sichtbares Spiegelbild in deinem Auge. Wenn dir z.B. jemand ins Auge schaut, blickt ihm sein eigenes Bild daraus entgegen, wie aus einem Spiegel. Und dieses Bild ist es, das den Eindruck auf deinen Sehnerv macht und ihn sehen lässt.

 

Nun kommt die Anwendung. Wenn du einmal gestorben bist, dann ist deine Seele wie ein großes geistiges Auge. Und wenn sie dann die heiligmachende Gnade besitzt, gibt ihr Gott einen unaussprechlich vollkommenen Sehnerv, den wir das „Licht der Glorie“ nennen. Und auf diesen Sehnerv prägt Gott als unendliches Bild zum Anschauen sich selber, soweit ein geschaffener Geist Gott fassen kann, oder besser gesagt, er versenkt sich in diesen Sehnerv ganz hinein. Dann schaust du Gott, wie er ist, mit einem großen, tiefen, ewigen Blick und schaust in ihm die ganze Welt, und je länger du schaust, um so herrlicher wächst dir sein Licht. Und wenn du auf Erden der einfachste Arbeiter, das schlichteste Dienstmädchen warst, und wenn dein Kopf auf Erden ungelehrt und beschränkt war, nun hast du eine Fülle von Erkenntnis, die der gelehrteste Forscher auf Erden nicht zu ahnen vermag.

So spiegelt sich im Himmel die Allwissenheit Gottes in seinen Kindern.

Aber auch schon hier auf Erden sendet dieser Glanz sein Licht voraus, wenn es auch erst ein Sternenlicht bei nächtlichem Himmel ist.

 

Hier auf Erden ist der Gesichtskreis unserer Erkenntnis sehr beschränkt. Aber Gott hat ihn auf übernatürliche Weise für seine Kinder erweitert durch die Offenbarung. Wer mit gläubigem Herzen die Offenbarung Gottes annimmt, der wächst über sich selbst und die Welt hinaus, als säße er in einem gewaltigen Flugzeug, das immer höher und höher schwebte, während ringsum immer neue Bergspitzen hinter dem Rücken der bisher gesehenen auftauchen. O wie klar und übersichtlich liegen dann die Geheimnisse des Himmels und der Erde vor uns, und was die Erdenforscher, die sich nur auf die eigene Kraft verlassen wollen und deshalb in der Tiefe bleiben, nie ergründen, was sie „Welträtsel“ nennen, steht offenbar und sicher vor den Augen des Glaubens; es wird uns alltäglich und vertraut.

 

Nur ein Beispiel. Ein moderner Weltschmerzdichter sagt: „O löst mir das Rätsel des Lebens, das qualvoll uralte Rätsel, worüber schon manche Häupter gegrübelt, Häupter in Hieroglyphenmützen, Häupter in Turban und schwarzem Barett, Perückenhäupter und tausend andere arme schwitzende Menschenhäupter. – Sagt mir, was bedeutet der Mensch? Woher ist er kommen? Wo geht er hin? Wer wohnt da oben auf goldenen Sternen?“

 

Jener Dichter erwartete die Antwort am Meeresstrand von den Wogen und den nächtlichen Sternen. Und da sie ihm schwiegen, brach er in Schmähung aus. Wie erhaben lautet da die Antwort, die jedes kleine katholische Dorfkind ihm hätte geben können, das seine erste Katechismusfrage gelernt hat: „Ich bin auf Erden, um Gott zu erkennen, ihn zu lieben, ihm zu dienen und dadurch in den Himmel zu kommen.“ Und wenn das Kind auch nur die erste Seite der Bibel gelernt hatte, konnte es antworten: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“

 

Hat Gott ein solches Kind nicht groß und weise gemacht, zur Beschämung jener Menschen, die „nicht glauben wollen, was sie nicht selber sehen“, und die deshalb ewig unwissend bleiben und sprechen: „Ignoramus et ignorabimus. – Wir wissen es nicht und werden es nie wissen!“

 

Du aber schätze im Erdental schon das schlichte Licht des Glaubens, wie wir zur Nachtzeit das gedämpfte Licht der Sterne schätzen; dann hast du beim ewigen Morgengrauen ein Recht, den vollen Glanz der Sonne zu schauen.