Die Kindheit Jesu und das allerheiligste Sakrament des Altars

 

Einst stieg der König der Könige, Gottes eingeborener Sohn, von seinem himmlischen Thron herab. Den Glanz seiner göttlichen Majestät, seine Allmacht verbarg er unter menschlicher Gestalt. Der Herr Himmels und der Erde lag so hilflos wie ein schwaches Menschenkind im Stall zu Betlehem auf hartem Stroh. Seinen allerhöchsten Thron, den Kerubim und Seraphim anbetend und lobpreisend umstehen, hatte er vertauscht mit der ärmlichen Krippe. Unvernünftige Tiere standen da, wo Engel hätten stehen sollen, wo die Fürsten dieser Welt zu stehen nicht verdienten. Furchtlos schauten sie mit sanftem Blick auf die verschleierte Majestät des Ewigen. Sie erwärmten durch ihre Nähe und ihren Atem die kalten Glieder des göttlichen Kindes.

Ähnlich ist die Umgebung des Heilandes im heiligsten Sakrament, wenn er auf dem Altar liegt oder in der Monstranz thront. Lichter flimmern um ihn, zarte Blümchen spenden ihm ihren Wohlgeruch und welken vor ihm hin, Weihrauchwolken steigen furchtlos zu ihm auf und hüllen ihn in einen Schleier. Alles, was klein, einfach und unschuldig ist, wird aus der Schöpfung auserwählt und vor dem heiligsten Sakrament aufgestellt, um dem Heiland zu huldigen, wie es bei seiner Geburt der Fall war.

In der Krippe schlief das göttliche Kind; Maria und Josef sahen die geschlossenen Augen und hörten die sanften Atemzüge; sie beobachteten all die lieblichen Umstände seines kindlichen Schlafes. Das Kind schien in voller Sorglosigkeit zu schlafen; Kälte und Armut, die ganze Außenwelt schien vergessen zu sein. Und doch war das nur Schein! Unter dieser Brust, die sich so leicht hebt, wacht das Herz, wenngleich der Leib schläft, und unter diesen geschlossenen Augenlidern ist der Anblick des Kalvarienberges nicht minder klar, deutlich und schrecklich als in den Stunden des Wachens. Der Schlaf unterbricht keineswegs die Tätigkeit des Geistes, der unablässig bei jedem Pulsschlag die Akte des Gehorsams, des Opfers, der Genugtuung mehrte.

Gerade so ist es im Tabernakel. Hier schläft der Heiland in der Umarmung eines geheimnisvollen Todes. Er entsagt dem Gebrauch seiner Sinne: er sieht nicht mit seinen Augen, er hört nicht mit seinen Ohren, er streckt seine Hände nicht aus und bewegt nicht die Lippen zum Sprechen, nicht die Füße zum Gehen. Und dennoch ist er da unter den Gestalten des Brotes, Gottes eingeborener Sohn: vom Tabernakel aus regiert er die Welt, spendet er den Menschen seine Gnade. Er besitzt im Tabernakel ein vielseitiges Leben, welches unsere Worte nicht schildern können, unsere Liebe nicht würdig anzubeten vermag.

Verlassen wir Betlehem! Kaum sind einige Wochen verstrichen seit der Geburt des Kindes; eine frostige Morgenluft weht über die Sandflächen der Wüste, vom Tau der Nacht befeuchtet. In der Morgendämmerung erblicken wir einen Mann mit einer jungen Frau. In den Armen des Mannes ruht ein gar zartes Kind: es ist die heilige Familie; gar eilig ist ihr Schritt, denn Herodes strebt dem Kind nach dem Leben. Der von Gott Verheißene, von den Völkern seit Jahrtausenden Ersehnte ist endlich gekommen, - und schon ist er auf der Flucht vor seinen eigenen Geschöpfen. Getragen auf den Armen des heiligen Josef verlässt er das Land, das seit Jahrhunderten Zeuge vieler Wunder seiner göttlichen Liebe und Erbarmung war; er sucht Zuflucht in dem heidnischen Ägypten. – In den Augen der Welt scheint Josef ein Verbrecher zu sein. Er flieht bei Nacht und Nebel, um das Kind zu retten, welches durch den grausamen Befehl des Herodes dem Tod geweiht war. Mariä Herz ist bis zum Überfließen voll des Leids: ein Schmerzensschwert hat es durchbohrt. Sie kennt den unendlichen Wert dieses Kindes, wie kein Apostel, kein Kirchenlehrer ihn je erkannt hat, und die Welt stößt dieses Kind, ihren Heiland und Erlöser, von sich. Sanft ruht das Kind in den Armen des heiligen Josef. Bald macht der kalte Wind der Nacht seine zarten Glieder zittern, bald leidet es unter den sengenden Strahlen der südlichen Sonne. Gar selten erfreut das Rauschen einer labenden Quelle sein Ohr, gar selten erquickt der Schatten einer Palme den Schöpfer aller Dinge. Ein wunderbares Geheimnis!

Nun gehen wir nach Rom! Es waren ungefähr 250 Jahre verflossen; in Rom wütete eine Christenverfolgung. Zahlreiche Priester waren schon gemartert, nach ihnen fahndete man zuerst; bei Tag durften sie sich auf den Straßen nicht blicken lassen. Im Gefängnis schmachteten viele Christen; schon war der Tag bestimmt, wo sie den wilden Tieren vorgeworfen werden sollten. Am Tag vorher sehen wir viele Christen sich heimlich im Haus der heiligen Agnes versammeln. Dort las ein Priestergreis die heilige Messe. Eben ist sie beendet. Das Allerheiligste liegt auf dem Altar, für die gefangenen Christen bestimmt. Wer aber wird es wagen, das Allerheiligste ins Gefängnis zu bringen? Fragend wendet sich der Priestergreis an die Versammlung. Da kniet schon vor im der Junge Tarcisius.

Mit ausgestreckten Händen, mit einem Blick voll englischer Unschuld schien er um die Gunst zu bitten, den Christen im Gefängnis das Allerheiligste bringen zu dürfen. „Du bist zu jung, ein Kind“, sprach der Priester. „Meine Jugend, heiliger Vater, wird mein bester Schutz sein; o, verweigert mir diese große Ehre nicht“, lautete die Antwort des Jungen. Die Tränen standen ihm in den Augen, seine Wangen glühten vor heiliger Rührung. Seine Bitte wurde gewährt. Der Priester hüllte das Allerheiligste in innen und legte es in die Hände des Jungen mit den Worten: „Vergiss nicht, Tarcisius, welcher Schatz Deiner Sorgfalt anvertraut ist.“ Dieser antwortete: „Eher will ich sterben, als ihn verraten.“ Er verbarg das Allerheiligste vor seiner Brust und eilte durch die Straßen der Stadt.

Da erblickte ihn eine Schar spielender Jungen. „Tarcisius“, rief einer, „Du musst jetzt mit uns spielen, es fehlt uns gerade noch einer.“ „Jetzt nicht“, antwortete dieser, „ich habe ein wichtiges Geschäft.“ „Aber Du musst, ich dulde keinen Widerspruch“, versetzte einer der Jungen. Alles Bitten half nichts. „Was trägst Du denn so sorgfältig an Deiner Brust? Lass sehen!“ rief ein Junge, während ein anderer schon die Hand ausstreckte, um es genau zu fühlen. Krampfhaft drückte Tarcisius die Arme auf die Brust mit den Worten: „Nie, nie!“ Die heidnischen Jungen dringen auf ihn ein und werfen ihn zu Boden; es sammelt sich Volk um den Haufen; ein Heide, der sich schon wiederholt in die Versammlung der Christen eingeschlichen hatte und Tarcisius kannte, rief: „Er trägt die christlichen Geheimnisse.“ Das war das Zeichen zu einem erneuten Angriff auf den Jungen, der blutend am Boden lag.

Da fühlten sich die Angreifer plötzlich von einem starken Arm zurückgeschleudert; es war Quadratus, ein Offizier von außergewöhnlicher Größe und Stärke, vor dem die Menge auseinanderstob. Er war ein Christ und kannte den Jungen. Sanft hob er den blutenden Tarcisius auf und sprach: „Bist Du schwer verletzt?“ Tarcisius erwiderte mit leiser Stimme: „Sei nicht um mich besorgt, Quadratus, ich trage die heiligen Geheimnisse; für diese sorge!“ Voll tiefster Ehrfurcht nahm Quadratus den Jungen auf seine Arme und trug ihn fort. Alsbald hauchte der Junge seine Seele aus, und Quadratus trug den Leib eines Martyrers und den des Königs der Martyrer in seinen Armen.

Papst Damasus I. rühmte Tarcisius, er sei, als er die heilige Eucharistie

zu Gläubigen trug, von heidnischem Pöbel überfallen

und erschlagen worden und vergleicht ihn mit Stephanus.