Allerheiligen und Allerseelen

 

„Ihr alle, wer ihr immer seid,

Die ihr am Throne Gottes steht,

Seid uns zu helfen stets bereit,

Wenn unser Herz um Gnade fleht!“

(Aus dem Festhymnus)

 

1.

Allerheiligen.

 

Das kirchliche Jahr naht wieder seinem Ende. Die merkwürdigsten Ereignisse der Erlösung sind in den Festen des Herrn gefeiert. Auch die heilige Jungfrau Maria, die am Werk der Erlösung so großen Anteil hatte, hat ihre Ehrenfeste erhalten. Ebenso hat die Kirche das Andenken einiger Heiligen durch Festtage ausgezeichnet. Unzählig aber, wie die Zahl der Sterne am nächtlichen Himmel, ist die Schar der Heiligen, deren Namen nicht im Kalender stehen und die wir nicht kennen, die aber nicht minder als die uns bekannten Heiligen für die Krone der ewigen Seligkeit gekämpft haben und wie jene in die Anschauung Gottes eingegangen sind. Und doch möchte die Kirche alle Heiligen auszeichnen und allen Liebe, Dankbarkeit und Verehrung erweisen, wie sie dieselbe verdienen. Was ist also natürlicher, als dass die Kirche ein Fest für alle Heiligen feiert, damit alle geehrt werden.

 

Das Fest Allerheiligen geht uns selbst noch näher an, als viele glauben möchten. Wenn wir nämlich, wie dieses Fest uns anleitet, unsere Blicke nach oben richten und im Geist eintreten in das himmlische Jerusalem und da Rundschau halten unter den Geistern der vollendeten Gerechten, was sagt uns unsere Hoffnung?

 

Wir hoffen zuversichtlich unter diesen Scharen auch die Großzahl der uns im Tod vorangegangenen lieben Angehörigen zu finden. Wir machen also da im Geist unseren eignen Familiengliedern in der Seligkeit einen Besuch und erfreuen uns in den Gedanken, dass diejenigen, die vielleicht unter unseren eigenen Augen die Last des Lebens getragen, für ihr ewiges Leben getreu gearbeitet, auf Gott gehofft und ihm zuliebe geduldet haben, nun auch ihr ewiges Erbe besitzen und dort ausruhen von den Mühen ihres Lebens.

 

Mehr als irgend ein Tag im ganzen Jahr dient uns sodann dieses Festtag auch als Erinnerung, dass wir selbst berufen sind, Heilige zu werden, d.h. dereinst in den Himmel zu kommen. Das sagen uns diese Heiligen alle, denn sie waren nicht etwa andere Menschen, sozusagen aus anderem Stoff gebildet, als wir, sondern gleich uns sündige und durch die heilige Taufe gereinigte Geschöpfe. Viele von ihnen gehörten dem gleichen Stand, demselben Alter und Geschlecht an, wie wir, lebten in denselben, vielleicht noch größeren Gefahren der Verführung, wie wir; sie hatten die gleichen bösen Neigungen und Leidenschaften zu bekämpfen, vielleicht noch größere, als wir, fanden dieselben Hindernisse bei der Ausübung des Guten, ja vielleicht noch mächtigere, als wir sie alle finden; sie hatten keine anderen Gnadenmittel, keine anderen heiligen Sakramente, als wir und dennoch siegten sie und errangen die Krone der Unsterblichkeit.

 

Das alles soll uns ermutigen, das Beispiel der Heiligen nachzuahmen, unsere Sehnsucht nach dem Himmel zu wecken, für den geschaffen zu sein, wir heute mehr als je fühlen. Mit dem heiligen Augustin sollen wir beim Anblick der Heiligen sagen: „Konnten es diese, warum nicht auch ich?“ Und unter ihnen, so sagt uns unsere Hoffnung, befinden sich wohl viele unserer lieben Angehörigen. Sag, lieber Christ, gibt uns das nicht die größte Zuversicht, dass sie vom Himmel her mit ihrer mächtigen Fürbitte uns unterstützen werden?

 

Hört auch die irdische Liebe mit dem Tod auf, so ist doch darum gewiss dem Vater der Sohn, der Mutter das Kind, dem Gatten die Gattin, dem Freund der Freund nicht gleichgültig geworden und mit unendlich größerem Eifer und reinerer Liebe noch als sie jemals während ihres irdischen Lebens für das Wohl ihrer Angehörigen sorgten, werden sie jetzt durch ihre Gebete für uns Sorge tragen.

 

2.

Allerseelen.

 

Wie sehnlich wir indes hoffen, dass all unsere lieben Angehörigen, die uns im Tod vorangegangen, sich unter der Zahl der Seligen befinden, haben wir doch hierfür keine völlige Gewissheit. Im Gegenteil, wenn wir bedenken, dass nur derjenige, der ganz rein, ganz makellos, ganz heilig ist, zur Anschauung des reinsten und heiligsten Gottes zugelassen wird, können wir uns der bangen Sorge nicht entschlagen, ob nicht vielleicht lässliche Sünden oder zeitliche Sündenstrafen für bereits vergebene Sünden (auch wenn sie fromm gelebt und wohl vorbereitet gestorben sind) noch am Ort der Reinigung zurückbehalten, um durch Leiden jene Vollkommenheit erst zu erlangen, der die Pforten des Himmels sich erschließen.

 

Sieh, lieber Christ, darum reiht sich unwillkürlich an das Fest Allerheiligen die Allerseelenfeier, die uns hinausführt zu den Gräbern unserer lieben Angehörigen und uns ermuntert, denen, die noch am Ort der Reinigung verweilen, zu helfen, damit auch sie umso schneller Aufnahme finden in der Zahl der Seligen und Heiligen des Himmels. Denn je mehr uns das Fest Allerheiligen Gelegenheit bietet, die Freuden und das Glück der Seligen zu betrachten, umso schmerzlicher müssen wir es fühlen, dass noch so viele dieser Freude und Seligkeit entbehren und umso eifriger muss es uns angelegen sein, dass wir durch Gebet und gute Werke, durch Lesenlassen und Anhören von heiligen Messen, durch den Empfang der heiligen Sakramente und Zuwendung möglichst zahlreicher und großer Ablässe, ihnen Erlösung aus ihrer Pein und recht baldige Erreichung des so heiß ersehnten Glücks erwerben.

 

Vielleicht sind es sogar solche, die um unsertwillen manches Gute unterlassen, die durch unsere Schuld dort noch zu büßen und zu leiden haben – unsere nächsten Angehörigen, Eltern, Großeltern, Verwandte, Freunde, die wir während ihres Lebens auf das Innigste geliebt haben und denen wir mit Freuden jeden Dienst erwiesen hätten. Einen schöneren Dienst aber, eine größere Wohltat, eine herzlichere Liebe, als es während ihres ganzen Lebens möglich war, können wir ihnen jetzt durch unsere Fürbitte erweisen.

 

So sind die Tage von Allerheiligen und Allerseelen ein wunderbar schönes und erhabenes Familienfest der Kinder Gottes. Die heilige Liebe verbindet die Seligen des Himmels und die Seelen im Fegfeuer mit den Gläubigen auf Erden zum vereinten Gebet: „ut omnes unum sint!“ dass wir alle vereint seien, dort dereinst: wo unser Glaube in Schauen und die Hoffnung in Besitz übergeht, die Liebe aber ewig bleibt! Amen.