Über den Ablass

 

Da über den Ablass so viele falsche Vorstellungen verbreitet sind, so sollen hier einige Bemerkungen über den Begriff, die Geschichte, die Arten und Bedingungen des Ablasses gesagt werden.

 

1. Der Ablass ist die Umwandlung der verdienten zeitlichen Sündenstrafen in eine entsprechende leichtere Genugtuung, oder – was dasselbe ist – der Ablass ist eine außerhalb des Bußsakramentes erteilte Nachlassung derjenigen zeitlichen Sündenstrafen, die wir nach bereits vergebener Sünde entweder hier oder im Fegfeuer noch abbüßen sollten. Es wird demnach durch den Ablass weder eine Sünde vergeben, noch die ewige Strafe, für die Christus das Bußsakrament eingesetzt hat. Zudem müssen gewisse gute Werke, wie Beten, Fasten, Almosengeben, Kirchbesuch u. a. verrichtet werden, um einen Ablass zu gewinnen. Die Kirche schöpft die Gnade des Ablasses aus dem Schatz der Verdienste Christi und der Heiligen, die unendlich mehr getan haben, als Gott von ihnen verlangte. Die Lehre vom Ablass ist trotz der heftigen Kritik an ihr durchaus vernünftig und tröstlich. Wenn eine hochgestellte und verdienstvolle Person beim König für einen Verbrecher Fürsprache einlegt, so erteilt der König um seines treuen Beamten willen dem Verbrecher einen teilweisen oder gänzlichen Nachlass der Strafe. Das ist ein Ablass. Sollte das dem unmittelbaren Stellvertreter Gottes, dem Oberhaupt der Kirche, nicht gestattet sein? Der Kirche ist die Gewalt zu binden und zu lösen erteilt. Kann sie von der Sünde freisprechen, dann umso mehr von den Sündenstrafen.

 

2. Der Ablass ist so alt, wie die Kirche. Selbst im Alten Bund finden wir Spuren davon. Gott ließ durch seinen Propheten Jona der sündigen Stadt Ninive den Untergang ankündigen. Als aber die Einwohner in Fasten und Trauern Buße taten, verschonte sie der Herr. Der Apostel Paulus erließ dem aus der Kirchengemeinschaft gestoßenen Blutschänder zu Korinth die rückständige Buße und nahm ihn wieder in die Gemeinschaft der Christen auf, weil er einen außerordentlichen Bußeifer zeigte. (2 Kor 2) Das war ein vollkommener Ablass. Zur Zeit der Verfolgungen baten die Sünder insbesondere die Märtyrer um ihre Fürsprache und es wurde ihnen ein vollkommener Ablass erteilt, wie uns der heilige Cyprian berichtet. – Die Gründe, warum Ablässe erteilt wurden, waren entweder ein besonderer Bußeifer oder die Fürsprache erprobter Diener Gottes. Um der Fürsprache Abrahams willen erklärte Gott die Strafe von Sodom abzuwenden, wenn sich noch zehn Gerechte dort fänden. Demgemäß konnte eine Nachlassung eintreten, wenn ein Büßer durch Zerknirschung, Verdemütigung, strenge Bußwerke und gute Handlungen eine aufrichtige Besserung bewies, oder auch, wenn fromme Gläubige, besonders die Märtyrer, einen Büßer des Nachlasses würdig erklärten, und für ihn Fürsprache einlegten. Außerdem wurden Ablässe erteilt für ausgezeichnete, der Ausbreitung der Kirche und dem Wohl der Menschheit förderliche Werke. So erhielten die Kreuzfahrer einen vollkommenen Ablass, jedoch nur unter der Bedingung, dass sie aus reiner Absicht zur Befreiung des Heiligen Landes kämpften. Oft wurden Ablässe erteilt für die, die sich an dem Bau eines Tempels oder Hospitals oder anderer gemeinnütziger Werke durch freiwillige Beisteuer beteiligten. Als im Lauf der Jahrhunderte der christliche Bußeifer erkaltete, minderte die Kirche die Strenge der Bußwerke und verwandelte sie durch Ablässe in leichtere Genugtuungswerke.

 

3. Die Ablässe werden eingeteilt in vollkommene Ablässe und Teilablässe, je nachdem die zeitlichen Sündenstrafen ganz oder nur teilweise aufgehoben werden. Bis ins elfte Jahrhundert werden vollkommene Ablässe meistens nur Sterbenden gewährt, heutzutage können viele vollkommene Ablässe auch von Gesunden gewonnen werden. – Die Ablässe für Lebende kann jeder nur für seine Person gewinnen, die Ablässe für die Verstorbenen werden ihnen fürbittweise zugewandt. – Der Ablass ist weiter ein örtlicher oder sächlicher oder persönlicher d.h. er kann gebunden sein an einen bestimmten Ort z.B. Kirche oder Altar, oder an bestimmte Sachen z.B. Rosenkränze, Kreuze, Medaillen, oder an bestimmte Personen z.B. Geistliche, Mönche, Mitglieder einer Bruderschaft. – Der Dauer nach ist der Ablass entweder auf eine bestimmte Zeit beschränkt oder er gilt für alle Zeiten. Zu den ersten gehört der Jubiläumsablass, der sich von anderen vollkommenen Ablässen nur durch besondere Feierlichkeiten und erweiterte Vollmachten für die Beichtväter unterscheidet. Ein Ablass von einer Quadragene ist die Nachlassung einer zeitlichen Strafe, für die in den ersten christlichen Jahrhunderten40 Tage streng gefastet und gebüßt werden musste.

 

4. Die Bedingungen, um eines Ablasses teilhaftig zu werden, sind der Gnadenstand und die Erfüllung der vorgeschriebenen Werke. Demnach muss das Bußsakrament vorher gültig und würdig empfangen werden, und es müssen die Bestimmungen der Kirche z.B. Fasten, Beten, Almosen, Besuch gewisser Kirchen, beobachtet werden. – Gebrauchen wir fleißig dieses erwünschte Mittel, um die zeitlichen Strafen der Sünde auszutilgen! Unsere Mutter Kirche überhäuft uns mit den überschwänglichen Gnaden der Ablässe, damit keiner der strengen Gerechtigkeit, sondern jeder der Liebe des himmlischen Vaters anheimfalle.