Das Abendland

Botanischer Garten in Berlin

 

Der heilige Benedikt und das Abendland

 

Was wir Abendland nennen im Unterschied von der zerklüfteten und gespaltenen Welt des heutigen Europas, also jene christliche Ökumene, die germanische und romanische Völker zu einer geistig-religiösen Einheit werden ließ, jenes Abendland zeichnete sich eben am geschichtlichen Himmel in erkennbaren Umrissen ab, als St. Benedikt lebte. Er selber sah und erlebte noch die grandiose Einheit des Imperium Romanum, kannte nur Provinzen der einen römischen Welt. Aber die Antike als Kulturwelt und als politische Macht um das Mittelmeer gelagert, räumte doch dem Abendland und dem Mittelalter langsam den Platz. Die Achse der Weltgeschichte drehte sich dem Norden zu. Die Macht Roms und der Cäsaren war nur noch ein Schatten. Als Benedikt geboren wurde, herrschte über Italien der germanische Heerkönig Odoaker. Während er in der Stille seiner Mönchszelle seine Regula schrieb, lenkte die Geschicke des Westens der große Theoderich, der vielleicht als erster die Herrschaft der neuen Völker als eine politische Zukunft im Geiste erwog. Auf Monte Cassino empfing Benedikt den Besuch des Gotenkönigs Totila, und im Jahr 529, da er mit dem Bau seines Klosters begann, nahm zum ersten Mal ein „Barbar“ den Stuhl Petri ein, Bonifatius II., der Sohn des Goten Sigisbald. Alles Zeichen, dass eine neue Zeit sich ankündigte.

 

Vorerst aber war die Welt ein einziges großes Trümmerfeld, wohl noch furchtbarer als das heutige Europa. Die Pax Romana, in der die Völker gelebt hatten, war dahin und wurde unter den Marschschritten der germanischen Heerhaufen niedergestampft. Der Soldat gab dem Zeitalter das Gepräge. Germanische Söldner und germanische Heerführer zertrümmerten die alte Welt und überschwemmten die Erde mit ihren Gräueln und ihren Heldentaten. Sie glaubten, eine neue Welt errichten zu können. Man vertrieb Völker und Volksstämme von ihren Wohnsitzen, siedelte selber auf dem freigewordenen Boden, um ihn bald wieder gegen einen anderen zu vertauschen, zog Grenzen, wie es beliebte, gründete Reiche im Süden und Norden, an der Donau, am Rhein, an der Rhone, am Ebro und an den Rändern der Sahara. Und doch hat nicht der Soldat die neue Welt gebaut. Was er zu errichten glaubte, ist nach wenigen Jahrzehnten wieder zugrunde gegangen.

 

Viele haben sich damals um eine neue Ordnung bemüht und nach Rettung Ausschau gehalten. Die einen sahen die Rettung Ausschau gehalten. Die einen sahen die Rettung im Heerführer, der die zuchtlosen Barbaren bändige und mit den Waffen des alten Rom wieder Frieden und Wohlfahrt bringe. Die anderen glaubten an die Macht der Philosophie; und in den Rhetorenschulen Italiens, Galliens und Griechenlands mühten sich die Dozenten, eine blutleere Geistigkeit zu erhalten. Selbst ein Mann wie Cassiodor glaubte, mit einem neuen Bildungsprogramm die Welt retten zu können und begründete seine Akademie zu Vivarium, als Benedikt an seiner Mönchsregel schrieb. Der Kaiser zu Byzanz sah das Heil in einer neuen Rechtsordnung, die den Völkern Sicherheit gewähren sollte.

 

Benedikt hat sich an diesen Versuchen zur Rettung nicht beteiligt. Er war als echter Römer gewiss kein Verächter wahren Soldatentums, und die Wörter „miles“ (Soldat) und „militia“ (Heerbann) gehören zu seinen Lieblingsvorstellungen; seine Professformel ist dem römischen Fahneneid nachgebildet, und man hat festgestellt, dass manche seiner Anordnungen ihr Vorbild und ihre Parallele im römischen Soldatenleben haben. Aber er war doch weit davon entfernt, im Soldatisch-Kämpferischen ein absolutes Ideal zu sehen. Er kannte nur einen des Menschen würdigen Kriegsdienst, den für Christus, und hat einem germanischen Eroberer das Wort gesagt: „Du tust Böses!“ Benedikt war auch kein Feind der Bildung, sondern erweist sich selber als belesen in der christlichen und in der heidnischen Literatur und wäre nicht Römer gewesen, wenn er das Recht nicht geschätzt hätte als die große und erhabene Macht. Seine Regula mit ihrer Fülle juristischer Prägungen ist der beste Beweis dafür. Dennoch mühte er sich nicht darum, das Wissen oder das Recht inmitten des Unterganges zu retten.

 

Benedikt schätzte die Arbeit, hat seine Mönche zu ernster Arbeit, auch zur Feldarbeit angehalten; Garten, Feld und Weinberg sind in der Regula als Arbeitsbereiche des Mönches genannt. Aber er wollte keineswegs Bauern erziehen und hat die Seinen nicht zur Kultivierung von Ödland ermahnt. Das Handwerk hat er geachtet und der Werkstätte einen Platz in seinem Klosterbezirk angewiesen genauso wie dem Gotteshaus. Aber deshalb sind seine Klöster nicht einfach Handwerksschulen geworden. Studium verlangt er von seinen Mönchen, schreibt als selbstverständliche Utensilien Buch, Griffel und Schreibtafel vor, aber er hat den Gelehrten nicht als das Ideal gepriesen. Er fordert Takt, Haltung, Vornehmheit im Reden und Benehmen, verpönt jegliche Ungebundenheit und Zuchtlosigkeit, und doch ist nicht die „urbanitas“ Inhalt seiner Lehre. Anordnungen über Nahrung, Kleidung und Schlaf hat er getroffen, die eine wundersame Ausgewogenheit von Körperlichem und Geistigem und die Einordnung aller Tätigkeit und des Lebens in den Rhythmus des Tages- und Jahreszeiten bekunden. Trotzdem ist Benedikt nicht ein hervorragender Vertreter der christlichen Humanitas. Benedikt hat dem Abendland nicht dadurch gedient, dass er rief: „Rettet den Staat, rettet die Bildung, rettet die Kultur, rettet die Menschlichkeit!“ Dass all diese Werte gerettet wurden, daran ist er beteiligt, und vielleicht in erster Hinsicht, mehr als Cassiodor oder Justinian oder Belisar.

 

Was hat Benedikt dem Abendland gebracht? Die alte Welt lag in Trümmern. Durch Italien irrten die Flüchtlinge, vertrieben von Haus und Hof, hungernd und heimatlos. Die Gewalt herrschte. Dieser harten und herrischen Welt des feindlichen Eroberers hat Benedikt die friedsame Welt des Mönches gegenübergestellt, der Kaserne und dem Lager gegenüber erhob sich das Kloster, das Zelt des Herrn. Inmitten dieser Weltkatastrophe wagte Benedikt das Wort: „Man darf dem Gottesdienst nichts vorziehen.“ Es war ein Wagnis zu sagen: man muss Gotteshäuser bauen, da Millionen kein Heim hatten. Ein Wagnis zu sagen: man muss psalmieren, da viele vor Gram verstummten. Ob man Benedikt nicht für einen Schwärmer gehalten hat? Keine zeitgenössische Quelle nennt uns seinen Namen. Das ist wohl ein Beweis dafür, dass man von seinem Werk, das er in Monte Cassino begann, in den wohlunterrichteten Kreisen nicht viel hielt. Und doch hat Benedikt dem Abendland den wichtigsten Dienst erwiesen, das gerettet, was das einzig Notwendige war und aus dem alles andere geflossen ist: die Religion, die Christlichkeit. Es waren gewiss furchtbare Schäden, wenn Kulturdenkmäler in Trümmer sanken, wenn die Felder verödeten, wenn kaum jemand noch den Stil der Alten zu schreiben wusste, aber noch schlimmer war es, wenn in der allgemeinen Flut der Kult des wahren Gottes erlosch.

 

Benedikt wies auf Christus. Das ist wohl das Entscheidende, dass er die Seinen zur Christlichkeit führte. Es geht ihm um die Verwirklichung des Christentums. Nicht nur das äußere Tun entscheidet, nicht das Gewand, nicht die Tonsur, mit all dem kann man Gott belügen. Es gilt das Evangelium zu leben, die Gebote des Herrn zu halten, an seinem Leiden teilzuhaben, der Liebe zu Christus nichts vorzuziehen, von der Liebe, dem Zeichen der Jüngerschaft, nicht zu lassen. Mit einer deutlich spürbaren Eindringlichkeit wird die Liebe gefordert inmitten des Hasses und der Gewalt. Es gab ja nur ein Recht, das des Stärkeren. Benedikt rief in diese Welt voller Trotz und Frevel: „Unrecht dulden! Wenn einer euch den Mantel nimmt, gebt ihm auch den Rock, wenn einer euch zwingt eine Meile mitzugehen, so geht zwei mit ihm. Niemanden hassen, für die Feinde beten!“ Er nahm Goten in sein Kloster auf, die Plünderer von gestern, und sagte seinen Mönchen, unter denen Patriziersöhne waren: „“Vor Gott gilt kein Ansehen der Person, vor Gott sind alle gleich, Herr und Sklave.“ Religiosität und Christlichkeit sind aber für Benedikt nicht zu leben in der Stille des Herzens, sondern in der Gemeinschaft und im Kult. Es gilt, Gott in den Mittelpunkt zu stellen, ihm den schuldigen Dienst zu entrichten. So fordert Benedikt den betenden Menschen, den Menschen, der sich mit seinem ganzen Sein an Gott und seinen Dienst hingibt. Dadurch, dass Benedikt die Schule für den göttlichen Dienst errichtete, hat er dem Abendland den größten Dienst erwiesen. Nicht Bildungsstätten, sondern Kulturstätten hat er errichtet.

 

Was im Anfang war, dass nämlich aus dem Kult alle Kultur erblühte, das wurde wiederum Wirklichkeit dank Benedikts Regula und Mönchtum im werdenden Abendland. Die Verheißung des Herrn erfüllte sich, dass denen, die das Reich Gottes zuerst suchen, alles andere hinzugegeben wird. Benedikt sammelte die Menschen um den Altar und nannte das Gotteslob ihre erste und vornehmste Aufgabe, nicht die einzige, aber die dringlichste. Bald zeigte sich, dass aus dem Kult auch die Kulturarbeit erwuchs, mit der seine Mönche das Abendland so reich beschenkt haben. Architektur, Musik, Gesang, Malerei, Goldschmiedekunst und nicht zuletzt die Wissenschaft erhielten Antrieb, Wurzel und Befruchtung in der Liturgie. Benedikt verschloss sich mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit des Kultes auch keineswegs den Aufgaben der Caritas und der Seelsorge. Das Fremdenhospiz gehört zum Kloster, und es hat sich in der Geschichte des benediktinischen Mönchtums gezeigt, dass die Hände, die sich im Gebet zu Gott erheben, auch die Hände sind, die sich hilfreich dem Armen entgegenstrecken.

 

Benedikts Geschenk an das Abendland war seine Regula, jene wahrhaft christliche Lebensordnung, der kurze Abriss einer Vollkommenheitslehre gemäß dem Evangelium des Herrn. Aber was hätte diese Lebensordnung dem Abendland genutzt, wenn sie nur eine Lehre und Theorie geblieben wäre? Wichtiger ist noch geworden, dass Benedikt Vorsorge traf, dass diese Ordnung gelebt wurde. Sein größtes Geschenk an das Abendland ist die Abtei, das benediktinische Kloster. Es war nicht der Orden als eine imponierende, geschlossene Macht, der wirkte, es waren auch nicht die einzelnen Persönlichkeiten, die das Abendland gestalteten. Es waren die Klöster. Als Athen und Alexandrien, als Byzanz und Antiochien keine Formkräfte mehr waren, wurden es Monte Cassino, Farfa, Bobbio, Cluny, Fleury, Bec, Canterbury, Malmesbury, St. Gallen, Reichenau, Fulda, Prüm, Tegernsee, Corvey, Hirsau, Kremsmünster, Pannonhalma, Brevnov und Tyniec, um nur einige Stätten zu nennen.

 

Diese Klöster waren die Stätten eines neuen Gemeinschaftslebens, in denen das Ora (bete) mit dem Labora (arbeite) harmonisch verbunden war. Aus diesen Klöstern kamen sie alle, die die Kultur des Abendlandes schufen und hüteten: die Glaubensboten, die zu den Angelsachsen, zu den Friesen, den Deutschen, den Schweden, den Polen, den Böhmen und den Ungarn zogen; die Gelehrten, die das antike Bildungsgut bewahrten und die Annalen der neuen Zeit sorgsam niederschrieben; die Künstler, die unsere Gotteshäuser bauten und in den Handschriften ihre zierlichen Miniaturen malten; nicht zuletzt die großen Päpste, die mit machtvoller Gebärde den Völkern des Abendlandes den Weg wiesen. Benedikts Werk hat die Jahrhunderte überdauert, weil er es den Klöstern vorgab. Er wollte keinen Orden, uniform und organisiert bis ins letzte, sondern gab seine Regula den einzelnen Klöstern. Sie sollten sie leben in Anpassung an Ort und Lage, mit Rücksichtnahme auf Zahl und Veranlagung der Mönche, auf den Besitz und das Klima und im Besonderen gemäß der Anordnung des Abtes. So ist jedes benediktinische Kloster eine Welt für sich geworden, jedes eigengeprägt durch das Volkstum, die Zeit und die Persönlichkeit der Äbte; dennoch sind sie alle Glieder der einen großen benediktinischen Familie, eine große Gemeinschaft. Überall dient man dem einen Herrn, leistet Kriegsdienst dem einen König. Universalismus und Eigenwesen sind in der benediktinischen Abtei aufs harmonischste verbunden und erzogen den abendländischen Menschen zu jener Weite, die zusammenging mit der Liebe zur Scholle und zur Heimat. So überzeitlich die Aufgabe der Abtei ist, nämlich Gott dem Herrn den Kult zu entrichten bei Tag und Nacht, so erstaunlich ist, wie all diese Abteien jeder Zeitaufgabe dienten: in der Anfangszeit des Abendlandes durch die Mission unter den neuen Völkern, im Mittelalter unter der Führung der burgundischen Abtei Cluny durch die Verteidigung der kirchlichen Rechte, in der Barockzeit durch die Wissenschaft und in unseren Tagen durch das Apostolat der Liturgie, um eine entgottete Welt zur Ehrfurcht vor dem Höchsten zurückzuführen und die Gläubigen wieder das Leben mit der Kirche zu lehren, dessen Quellen am Altar strömen. Wer sieht, was heute den Menschen Einsiedeln, Solesmes, Maredsous, Beuron, Maria Laach, St. Bonifaz in München, St. Peter in Salzburg bedeuten – um nur diese wenigen Namen zu nennen – der weiß, dass St. Benedikts Sendung für das Abendland noch nicht zu Ende ist.


Stephan Hilpisch

Aus „Begegnung“,

Verlag „Wort und Werk“,

Koblenz, 15. Juni 1947