Inhalt:

 

1. Christine, Königin von Schweden

2. Christenverfolgungen

3. Credo

4. Codex Sinaiticus

5. Christoph Columbus

6. Claretiner

7. Caritas im Mittelalter

8. Cortés, Donoso

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1. Christine, Königin von Schweden

 

Wenn ein Besucher Roms, der Hauptstadt der Christenheit, die weiten Hallen der St. Peterskirche durchwandert, so fällt ihm unter all den reichen Kunstschätzen der Basilika ein prachtvolles Grabmonument auf, das in künstlerisch schönem Bronzemedaillon das Brustbild einer Frau zeigt. Es ist dies Christine, Königin von Schweden, deren irdische Hülle in der Unterkirche von St. Peter ihre letzte Ruhestätte gefunden.

 

Christine war geboren am 16. Dezember 1626 zu Stockholm, als die Tochter des Königs Gustav Adolf, den die Protestanten so gern als den Hort ihrer Religion bezeichnen. Da Gustav Adolf keinen Sohn besaß, sah man in der Tochter des Königs seine einstige Nachfolgerin und tatsächlich wurde sie nach seinem im Jahr 1632 erfolgten Tod zur Königin von Schweden erklärt, welches Land sie bis zum Jahr 1644 unter einer Regentschaft und später noch weitere zehn Jahre selbstständig regierte.

 

Schon als Kind zeichnete die Königstochter ein scharfer Verstand aus, der sie allen Dingen auf den Grund gehen ließ. Die Schwäche der Eitelkeit verachtete sie und trug sich einfach in der Kleidung wie eine Bürgerstochter Stockholms. Als man ihr einst sagte, dass ihr schöner Schmuck ihr prachtvolles Haar sei, gab sie sich Mühe, es so kunstlos und schlicht wie möglich aufzustecken.

 

Der Sitte der damaligen Zeit entsprechend, war sie eine kühne Jägerin, die im Sattel fest und sicher zu sitzen wusste. Das Abfeuern eines Geschützes erschütterte ihre Nerven nicht im mindesten und so sehr war sie von ihrer Stellung als Herrscherin und als die Höchstgebietende ihrer Truppen durchdrungen, dass sie, wäre ein Krieg ausgebrochen, sich unfehlbar an die Spitze ihres Heeres gestellt hätte. – Ihren Geschäften als Regentin widmete sie sich von dem Zeitpunkt an, da sie die Regierung des Landes selbst übernommen, mit bewundernswertem Eifer. Niemals versäumte sie eine Senatssitzung, selbst wenn sie vom Fieber heimgesucht war. Mit großer Geschicklichkeit verstand sie dabei Fragen vorzulegen, suchte die Meinung anderer zu erforschen und äußerte dann erst ihre eigene, die, wohl begründet, gewöhnlich Annahme fand.

 

Neben ihren Staatsgeschäften lag die junge Königin mit einer Art Leidenschaft den Studien ob. Schon in ihren Kinderjahren war ihr nichts lieber gewesen, als ihr Wissen zu bereichern. Diese Neigung wuchs mit den Jahren, so dass sie, in das Jungfrauenalter eingetreten, als eine der geistreichsten und gelehrtesten Frauen ihrer Zeit galt. Sie beherrschte eine Anzahl fremder Sprachen und auf dem Gebiet der Literatur war sie eine maßgebende Persönlichkeit.

Ihre größte Freude fand sie daran, einen Kreis berühmter Männer zu sammeln, und zumeist waren es deutsche Gelehrte, die sie in ihre Nähe zog. Zuerst versenkte sie sich in die alten Klassiker und dann wandte sie sich dem Studium der Kirchenväter zu.

 

Hiermit war sie auf jenem Weg angelangt, auf dem die Vorsehung sie, die Tochter des gefürchteten Schwedenkönigs, des Schützers der Lehre Luthers, aus der dürren Wüste des Irrtums zu den reichen, nie versiegenden Quellen der Wahrheit zurückführen wollte. Seit 1649 verglich Christine die verschiedenen Religionen miteinander und ihrem scharfen, durch tiefes Studium ausgebildeten Verstand zeigten sich bald die Blößen und Widersprüche der Lehre Luthers. So dauerte es nicht lange, bis sie erkannte, dass die wahre Religion nur eine sein könne, während die andern alle falsch sein müssten, und dass diese eine die katholische Religion sei.

 

„Wenn man katholisch ist,“ rief sie einmal aus, „hat man den Trost, zu glauben, was so viele edle Geister 16 Jahrhunderte lang geglaubt; einer Religion anzugehören, die durch Millionen Wunder, Millionen Märtyrer bestätigt ist, die endlich so viele Jungfrauen hervorgebracht hat, welche die Schwachheit ihres Geschlechtes überwunden und sich Gott geopfert haben.“

Dass die katholische Kirche die Ehelosigkeit anrät, war ein Punkt, welcher der Königin besonders zusagte, da sie selbst das Drängen ihrer Staatsmänner und Ratgeber, sich zu vermählen, stets energisch zurückgewiesen hatte.

 

Die Unterredungen und Gespräche mit zwei Jesuiten, die mit dem portugiesischen Gesandten Pinto Perara nach Stockholm gekommen waren, vollendeten in Christine das Werk der Gnade. Als der eine von ihnen im Begriff stand, wieder abzureisen, erklärte ihm die Königin, sich in den Heilswahrheiten der katholischen Kirche unterrichten lassen zu wollen, und ersuchte den Ordensgeneral zu Rom, ihr als Lehrer zwei italienische Patres zu senden; um keinen Verdacht zu erregen, könnten dieselben ja als Edelleute sich am Hofe aufhalten. Der Ordensgeneral der Gesellschaft Jesu, P. Gosvin Nickel, ein geborener Kölner, erfüllte den Wunsch der Königin und entsandte den Professor der Theologie, P. Malines aus Turin, und den Professor der Mathematik, P. Casati aus Rom, nach Stockholm.

 

Die Unterweisungen der beiden Patres fanden einen empfänglichen Boden. Sie lösten die Zweifel der Königin und halfen ihr über die letzten Einwendungen wie über alle Befürchtungen hinsichtlich ihrer Zukunft hinweg.

 

War die Überzeugung Christinens auf diese Weise nun auch befestigt, so dehnte sich bis zu ihrem offenen Übertritt doch noch ein weiter, dornenvoller Weg aus und waren noch Hindernisse der schwierigsten Art zu besiegen. Man denke nur: die junge Königin war die Beherrscherin eines Landes, das eben unter der Fahne des Protestantismus seine glorreichen Siege in Deutschland erfochten und sich einen Platz unter den ersten Mächten Europas gesichert hatte. Nun stand die Königin im Begriff, jenem Bekenntnis zu entsagen, das ihr Volk groß gemacht, für das ihr Vater sein Blut auf dem Schlachtfeld von Lützen vergossen! Das konnte nur geschehen um den Preis der Krone und um den Preis der Sympathien eines Volkes, dessen fanatischer Sinn den Übertritt der Herrscherin zum Katholizismus als den schwersten Frevel gegen das Evangelium ansehen musste. – Es war ein schwerer Kampf, der in dem Herzen der Königin entbrannte. Aber gekräftigt durch den mächtigen Beistand Gottes, blieb Christine Siegerin. Sie wollte Katholikin werden und zwar offen vor aller Welt. Dafür war ihr kein Preis zu hoch. Energisch wies sie das Ansinnen, nur im geheimen den katholischen Glauben anzunehmen, damit ihr die Krone erhalten bleibe, zurück. Was sie tat, wollte sie auch in der Öffentlichkeit vertreten und dieser Gedanke ließ sie mit einer beinah schwärmerischen Begeisterung daran gehen, das Haupthindernis ihres Vorhabens, den Besitz der Krone, aus dem Weg zu räumen.

 

Alle Bemühungen der höchsten Räte und Staatsbeamten, sie von diesem Entschluss abzubringen, erwiesen sich als erfolglos und so wurde der Tag der Thronentsagung auf den 17. Januar 1654 festgesetzt. Zu ihrem Nachfolger hatte Christine ihren Vetter Karl Gustav vorgeschlagen, den auch der Reichstag bereits für den Fall ihres Todes dazu ausersehen hatte.

 

Am Tag der Verzichtleistung auf den Thron erschien Christine im Vorhof des königlichen Palastes zu Upsala, das Diadem auf dem Haupt, angetan mit einem weißen Kleid, über welches ein Purpurmantel fiel, in den Händen die Abzeichen ihrer Würde, Reichsapfel und Szepter. Umgeben von den Großen des Reiches, umwogt von den Scharen des Volkes, nahm sie unter einem silbernen Thronhimmel Platz. Zunächst las der Großkanzler die Verzichturkunde vor, laut welcher die Königin ihr Reich an den Prinzen Karl Gustav übertrug mit Ausnahme von drei Inseln und den Einkünften von Pommern, deren jährliches Erträgnis, ungefähr 600 000 Mark, sie für sich behielt. Nachdem dieses Dokument verlesen war, nahm Christine das Diadem von ihrem Haupt und übergab es dem ersten Senator des Reiches. Dasselbe geschah mit den Reichsinsignien. Dann löste sie den Mantel von ihren Schultern und ließ ihn lächelnd in die Hände ihrer Frauen gleiten, während alles um sie her in Tränen zerfloss. So stand sie denn, eine weithin leuchtende, glänzende Gestalt, da und richtete mit lauter, wohlklingender Stimme Abschiedsworte an ihr Volk und an ihren Nachfolger, dem sie die treue Erfüllung seiner Pflichten und die Sorge für ihre Dienerschaft ans Herz legte. – Am Nachmittag des nämlichen Tages fand die Krönung des neuen Herrschers statt, bei welcher Gelegenheit Denkmünzen verteilt wurden. Die des Königs trugen die Inschrift: „A Deo et Christina“ („Durch Gott und Christina“), die der Königin zeigten eine Krone mit der Umschrift: „Et sine te“ („Auch ohne Krone bin ich, was ich bin“).

 

Nachdem dieser äußere große Schritt geschehen, zögerte Christine nicht länger, die übrigen Vorbedingungen ihres Übertritts zur katholischen Kirche zu erfüllen. Sie hatte sich Flandern zu ihrem vorläufigen Aufenthalt erwählt. Schon fünf Tage später sehen wir sie deshalb auf dem Weg dorthin. Von hier aus wollte sie in aller Ruhe mit dem Heiligen Stuhl über ihre öffentliche Rückkehr verhandeln. Um jedoch dem Zug ihres Herzens zu folgen, beschloss sie, zunächst im verborgenen das katholische Glaubensbekenntnis abzulegen, und zwar sollte diese fromme, stille Feier dem festlichen Empfang folgen, den Flanderns Hauptstadt Brüssel der Königin zu bereiten gedachte.

 

Kurz nach Sonnenuntergang hielt Christine am 23. Dezember 1654 ihren Einzug in die glänzend erleuchtete Stadt und in den Palast des Erzherzog-Statthalters. Am Abend des nächsten Tages, dem Vorabend des Weihnachtsfestes, versammelten sich in der Hauskapelle des Palastes die Botschafter von Deutschland, Spanien und Frankreich und wenige auserlesene Personen. Bald darauf erschien die Königin, geleitet vom Erzherzog, und am Altar niederkniend, legte sie das katholische Glaubensbekenntnis in die Hände des Dominikanerpaters Guemes nieder. In dem Augenblick, da der Priester die Worte der Lossprechung über Christine sprach und sie der katholischen Kirche wieder zuführte, erdröhnten auf geheimen Befehl sämtliche Geschütze der Stadt. Mochte auch außer den wenigen Eingeweihten niemand der Bedeutung dieser Freudensalven sich bewusst werden, so sollten sie immerhin der Welt den bedeutsamen Augenblick verkünden, da Königin Christine von Schweden, die Tochter Gustav Adolfs, in die von ihrem Vater so schwer und bitter verfolgte Kirche zurückkehrte.

 

Niemand konnte den Schritt der Königin schwerer verwinden als Oxenstjerna, der alternde und kränkelnde Großkanzler Gustav Adolfs. Dass die gelehrte Tochter seines vielgepriesenen Herrn die katholische Religion als die allein wahre erkannte, bereitete ihm so großen Kummer, dass er bald darauf starb.

 

Königin Christine verfolgte ihrerseits den einmal eingeschlagenen Weg rastlos weiter. Bald nachdem sie der Irrlehre abgeschworen hatte, richtete sie an Papst Alexander VII., der zu Anfang des Jahres 1655 Innozenz X. auf den päpstlichen Thron gefolgt war, ein ehrerbietiges Handschreiben, in welchem sie ihn über das Geschehene unterrichtete und den Wunsch aussprach, ihren Wohnsitz fortan in Rom zu nehmen. Den Sommer über blieb sie indes noch in Flandern; erst gegen den Herbst hin trat sie die Reise nach Süden an.

 

Diese Reise, auf welcher die Königin etwa 200 Personen begleiteten, glich einem wahren Triumphzug. Über Rörmond gelangte man nach Köln, woselbst Christine mit Jubel aufgenommen wurde. Der Sitte der damaligen Zeit entsprechend, brachte man der hohen Reisenden ein Geschenk von 25 Fässern Wein dar, welche sie den Karmeliterinnen überwies. Dann wurde die Reise über Frankfurt, Aschaffenburg, Rottenburg, Donauwörth, Augsburg bis Innsbruck fortgesetzt. Hier sollte die Königin auf Wunsch des Papstes öffentlich und feierlich das katholische Glaubensbekenntnis ablegen, ehe sie den Boden Italiens betrat. Der Erzherzog-Statthalter von Tirol, Karl Ferdinand, hatte dazu die umfassendsten Vorbereitungen getroffen und wollte die Feier mit einem Glanz umgeben, wie er in der Hauptstadt Tirols noch selten gesehen worden war.

 

Der Papst hatte hohe Würdenträger dazu entsandt und viele Tausende aus dem Volk strömten herbei, dem seltenen kirchlichen Schauspiel beizuwohnen. Viele von ihnen waren mit den Schweden, die noch in trübster Erinnerung standen, persönlich zusammengekommen. Manche hatten den gefürchteten Gustav Adolf selbst gekannt und nun durften sie erleben, dass die Tochter dieses Mannes um den Preis einer Königskrone Einlass begehrte und um Aufnahme bat in den Schoß der katholischen Kirche! Das war allerdings ein seltsames, in der Geschichte einzig dastehendes Ereignis und mit Bewunderung und Ehrfurcht blickte man auf die jungfräuliche Herrscherin, die, mit eiserner Willenskraft ihren Weg verfolgend, Glanz, Macht und Ehre von sich warf, um ihrer Überzeugung zu gehorchen.

 

Über die Vorgänge in Innsbruck berichtet eine von einem Zeitgenossen der Königin herausgegebene Schrift. Galeazzo Gualdo Priorato hat seine Aufzeichnungen offenbar einem Tagebuch der Königin selbst entnommen oder dem einer ihr nahe stehenden Persönlichkeit. Er erzählt:

 

Am Morgen des denkwürdigen 3. November 1655 trat die Königin, umgeben von einem strahlenden Kranz von Rittern und edlen Damen, aus dem erzherzoglichen Palast und wurde mit unermesslichem Jubel von der Volksmenge begrüßt. Sie war ganz einfach gekleidet. Ein Gewand von schwarzer Seide umwallte sie und ihr einziger Schmuck war ein goldenes Kreuz mit fünf kostbaren Diamanten, das sie auf ihrer Brust trug. Geleitet von den weltlichen und kirchlichen Würdenträgern, die sich in großer Zahl eingefunden, und unter dem Gesang des „Veni Creator Spiritus“ wurde die Königin in den Chor der Hofkirche geführt, woselbst sie sich auf einer mit Goldbrokat bekleideten Kniebank vor dem Altar niederließ.

 

Der päpstliche Gesandte nahm nun den Akt der feierlichen Eidesablegung vor, bei welchem ihm die Erzherzoge Karl Ferdinand und Franz Sigismund wie der spanische Gesandte als amtliche Zeugen assistierten. Sich an Christine wendend, die in Andacht versunken auf der untersten Stufe des Altares kniete, las er ihr das in lateinischer Sprache abgefasste Formular vor und bat sie, es selbst nachzulesen und zu unterschreiben.

 

Lautlose Stille herrschte unter den Tausenden, welche die Hallen des Gotteshauses füllten, und jedes Ohr lauschte gespannt, als die Königin mit klarer, weitvernehmbarer Stimme sagte: „Ich, Christine, glaube mit festem Glauben und bekenne alles und jedes, was in dem Glaubensbekenntnis der heiligen katholischen Kirche enthalten ist.“ Dann las sie jeden Satz des Formulars laut vor, um mit den Worten zu schließen: „Diesen wahren katholischen Glauben, außer welchem niemand selig werden kann und den ich jetzt freiwillig bekenne und mit Überzeugung umfasse, will ich unversehrt und unverletzt bis zum letzten Hauch meines Lebens festhalten und bekennen und vor meinen Untergebenen und denen, die meiner Sorge anvertraut sind, lehren und ihn bekennen lassen, soweit es in meiner Macht steht. Das verspreche, gelobe und schwöre ich, Christine, so wahr mir Gott helfe und seine heiligen Evangelien.“

 

Nach diesem herrlichen Akt begrüßte der päpstliche Gesandte Königin Christine als ein Kind der katholischen Kirche, woran sich eine Predigt des erzherzoglichen Hofpredigers schloss, dem das feierliche Hochamt folgte. Nach Beendigung desselben wurde das Te Deum angestimmt, unter dessen Jubelklängen, begrüßt von den begeisterten Zurufen der Menge, die Königin das Gotteshaus verließ, um in den Palast des Statthalters zurückzukehren.

Innsbruck ließ es sich nicht nehmen, dieses Fest, das in seiner Geschichte einen Ehrenplatz einnimmt, auch äußerlich mit aller Pracht zu feiern, und bereitete deshalb seinem königlichen Gast eine Reihe Festlichkeiten nach dem Geschmack jener Tage.

 

Ein weiterer lebhafter Wunsch der Königin war es, ihre erste heilige Kommunion und das Sakrament der Firmung aus der Hand des Papstes selbst zu empfangen und zwar am folgenden Weihnachtsfest. Sie verlängerte darum ihren Aufenthalt in Innsbruck bis zum 8. Dezember und benützte diese Zeit, die Welt mit der Nachricht von ihrem Übertritt zur katholischen Kirche bekannt zu machen. Der französisch geschriebene Brief, den sie in diesem Sinn an ihren Nachfolger, den König von Schweden, richtete, ist uns erhalten geblieben und hat folgenden Wortlaut: „Mein Herr Bruder! Ich bin glücklich hier angekommen, wo ich die Erlaubnis und den Befehl Seiner Heiligkeit vorgefunden habe, mich hier als das öffentlich zu bekennen, was ich bereits lange gewesen. Ich habe mich glücklich geschätzt, ihm zu gehorchen, und diese Ehre derjenigen vorgezogen, über die mächtigen Staaten zu herrschen, die Ihr jetzt besitzt. Ihr werdet diesen Schritt würdigen, selbst wenn es Euch scheinen sollte, dass ich eine verkehrte Wahl getroffen; ist er ja für Euch ebenso vorteilhaft wie glorreich! Übrigens erkläre ich, dass ich nicht im geringsten die Gefühle der Freundschaft erkalten lasse, die mich stets gegen Euch beseelten, noch auch die Liebe, die ich für Schweden im Herzen trage. Ich werde sie bewahren, solange ich lebe, und stets bleiben – Eure liebevolle Schwester und Freundin Christine.“

 

Auch die Reise nach Rom war für die Königin ein Triumphzug. Überall wurde sie ob ihres Heldenmutes gefeiert. Ihren ersten Besuch in Italien stattete sie dem Heiligtum von Loreto ab, wo sie zu Füßen der Gottesmutter eine prachtvolle goldene Krone und ein Zepter niederlegte. Von hier nahm sie ihren Weg direkt nach Rom, wo Papst Alexander VII. sie voll väterlicher Liebe aufnahm, ihr seinen Segen erteilte und, wie sie es sich gewünscht hatte, die heilige Kommunion reichte und die heilige Firmung spendete.

 

Jetzt hatte Königin Christine das Ziel ihrer Wünsche erreicht. Sie lebte in der Hauptstadt der Christenheit, die ihr mit dem von dem Blut der Märtyrer geheiligten Boden, den herrlichen Basiliken, den Gräbern so vieler Heiligen eine stete Quelle der Erbauung und Erhebung, , mit ihren reichen Kunstschätzen aber zugleich auch eine Stätte neuer Anregung für ihren rastlosen, vorwärtsstrebenden Geist wurde.

 

Hatte schon in Stockholm ihre Umgebung zumeist aus Gelehrten bestanden, so wurde der Palast Farnese, den sie sich zur Wohnung erkoren, bald der Sammelplatz von Künstlern und Gelehrten aus der ganzen Welt, die den prachtvollen Kunstsammlungen und Büchern, welche die Königin aus Schweden mitgebracht, nach Herzenslust studieren und forschen durften.

 

Bis zum Jahr 1666 war Christine genötigt, wiederholt Reisen zu unternehmen. Zweimal kehrte sie nach Schweden zurück. Dabei wäre es ihr ein leichtes gewesen, nach dem früh erfolgten Tod ihres Nachfolgers, Karls X., die Krone Schwedens wieder für sich zu gewinnen. Doch als sie sah, wie der Fanatismus des Volkes, anstatt allmählich abzunehmen, im Laufe der Zeit sich nur noch mehr gesteigert hatte; dass sie im Plast zu Stockholm nicht einmal eine hl. Messe lesen lassen durfte und dass die in ihrer Begleitung befindlichen Priester ihres Lebens nicht sicher waren, verließ sie ohne Zögern ihr Vaterland, ordnete von Hamburg aus die Angelegenheiten mit dem schwedischen Reichsrat und kehrte nach Rom zurück, um es nie wieder zu verlassen. Sie lebte fortan einfach und schlicht gleich einer bürgerlichen Frau und ergab sich vollständig der Frömmigkeit und den Werken der christlichen Nächstenliebe, ohne ihre Vorliebe für Kunst und Wissenschaft zu verlieren.

 

Wenige Jahre vor ihrem Tod stiftete sie in ihrem Palast eine Akademie für literarische und politische Bestrebungen, die von echt christlichem Geist beseelt war und die Hilfsmittel gegen manche Irrtümer jener Zeit bieten sollte. Wurde der Zweck des Unternehmens in größerem Maße auch erst später erreicht, so gebührt doch der Ruhm, diese Gesellschaft gegründet zu haben, Königin Christine und ihrer unermüdlichen Wohltätigkeit.

Der erkannten Wahrheit blieb die Königin treu, bis der Todesengel nach 21. Jahren ihres Aufenthaltes in der ewigen Stadt sich ihr nahte. Sie starb am 19. April 1689 als wahre Jüngerin Christi und wurde auf Befehl Papst Innozenz`XI. in der Unterkirche von St. Peter beigesetzt. Sein Nachfolger, Innozenz XII., ließ ihr durch den Bildhauer Fontana ein Denkmal errichten, das, wie bereits erwähnt, ihr Brustbild und auf dem Sarkophag in einem Relief die Szene ihrer Glaubensablegung zu Innsbruck zeigt.

 

Sollen wir schließlich das Charakterbild dieser merkwürdigen, am Fuß eines Thrones geborenen Frau mit einigen wenigen Worten zeichnen, so müssen wir sagen, dass ihre Größe eine seltene Energie und Ausdauer ausmacht, eine tiefe Demut, eine bewundernswerte Seelengröße, welche ihren Gipfelpunkt fand in der Verachtung aller irdischen Größe, allen äußeren Glanzes im Hinblick auf das eine Notwendige. 

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2. Christenverfolgungen

 

Was Jesus seinen Jüngern voraussagte: „Haben sie mich verfolgt, so werden sie auch euch verfolgen“, hat sich nicht nur an den Aposteln, sondern auch an allen seinen treuen Bekennern erfüllt. Durch Leiden und Bedrängungen, durch Kerker und Folter, durch Verfolgung und Blut sind sie geläutert und vervollkommnet, sie haben gläubig geduldet und auf den vertraut, der versichert hat: „Mein ist die Rache, ich will vergelten.“ Wie wahr der Herr gesprochen hat, weist die Geschichte der Christenverfolgungen nach: In allen Jahrhunderten hat es Christenverfolgungen gegeben, aber alle Verfolgungen haben den Untergang der Verfolger und das Heil der Kirche befördert.

 

Wer hat nicht von den grausamen Verfolgungen gelesen, unter denen die Christen der ersten drei Jahrhunderte litten? Wer erschrickt nicht bei den übermenschlichen Qualen, mit denen man die Christen von ihrem Glauben und ihrer Gottesliebe losreißen wollte? Das Blut der jungen Kirche floss in Strömen, und die Arglist der Hölle wie die Bosheit der Feinde des Christentums erschöpfte sich in Erfindungen von Todesqualen, um das Christentum auszurotten. Aber „das Blut der Christen war der Same neuer Christen“. Der Passionszeit folgte das jubelnde Halleluja der Auferstehungsfeier der Kirche Jesu Christi, als dem Kaiser Konstantin die Siegesfahne der ewigen Wahrheit vorschwebte und dem Blutgemetzel der Friede folgte. Hat denn unter den christlichen Kaisern und Gewalthabern die Verfolgung der Kirche aufgehört? Keineswegs. In allen Jahrhunderten, auch in unserem 21. Jahrhundert nach Christi Geburt, hat die Kirche ihre Verfolger. Bald bedrohten die Andersgläubigen mit ihren falschen Lehren die Kirche des Herrn, bald massten sich die weltlichen Herrscher Eingriffe in die unveräußerlichen Rechte der Kirche an, bald beförderten die Großen und Mächtigen der Erde unwürdige Personen auf die einflussreichsten kirchlichen Pfründen, bald suchte man mit Zwangsmaßregelungen die Diener der Kirche den ungerechten Forderungen des Staates zu unterwerfen, und bis auf den heutigen Tag hören die Feinde der christlichen Religion nicht auf, heimlich und öffentlich den Stuhl Petri und alles katholische Leben und Wirken zu untergraben. Aber Gott im Himmel sieht das. Wir finden in der Geschichte und im täglichen Leben bestätigt, dass alle Verfolgungen den Untergang der Feinde und das Heil der Kirche befördert haben. Wie endeten die mächtigen Cäsaren Roms, die mit den Martern der Christen sich selbst und das entartete Volk belustigten? Sie sind fast ausnahmslos elend umgekommen, ihre Bildsäulen sind im Staub zerfallen und ihr Andenken ist beschmutzt und wird verachtet. Was für einen Lohn erntete Sueno für seine Gräueltaten gegen die Christen? Verbannung, Schmach und Elend. Was ist aus den christlichen Kaisern und Fürsten geworden, die die Kirche in ihren treuesten Dienern verfolgten? Schlagen wir die Jahrbücher der Geschichte auf, zeigen sie, wie Gott seine treuen Kinder nicht verlässt, hingegen die Angriffe gegen seine Braut auf Erden mit strengen Strafen ahndet. Was zum Verderben der Kirche geplant wurde, schlug immer zu ihrem Besten aus. Deswegen preisen wir die Zeiten der Verfolgungen als die glänzendsten der christlichen Jahrhunderte. Wer Augen hat zu sehen, bemerkt auch in unseren Tagen ein Schauspiel, wie man es vor kaum einem Jahrhundert für unmöglich hielt. Der römische Stuhl sah sich häufig von allen Mächten der Welt verlassen, den katholischen nicht ausgenommen, von den Feinden verhöhnt, seines Besitztums beraubt. Man strebte und strebt bis heute, den Einfluss Roms zu lähmen, die Bischöfe vom Mittelpunkt der Einheit zu trennen, man warf und wirft heute wieder Bischöfe und Priester und Ordensleute ins Gefängnis, weil sie ihre heiligen Pflichten erfüllen, man entzog den Geistlichen ihr Einkommen, um sie durch Hunger gefügig zu machen, aber es traf stets das Gegenteil ein von dem, was man beabsichtigte: das katholische Volk schloss sich fester an seine drangsalierten Geistlichen und unterhielt sie mit schweren Opfern, die Geistlichkeit scharte sich unentwegt um ihre Bischöfe, die Bischöfe standen fest um das Oberhaupt der Kirche. Und in unseren Tagen bringen nicht nur die katholischen Mächtigen und Völker, sondern selbst die Protestanten und Atheisten dem Papst ihre Huldigungen und Geschenke dar. Staunend und jubelnd erkennen wir die Wahrheit des göttlichen Wortes: „Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen“, auch nicht die aggressiven und vielfältigen Angriffe auf die Kirche und auf viele Christen in unserer Zeit zu Beginn des dritten Jahrtausends nach der Geburt unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus.

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3. Christkindlegenden

 

Zahlreiche liebliche Legenden ranken sich um Jesu Kinderleben. Schon von der Geburtsstunde wird eine solche erzählt. Als die Hirten in demütiger Andacht vor der armseligen Krippe knieten, hörten sie zu ihrem Missmut auf einmal laut lachen und singen. Doch wie sie aufsahen waren sie froh erschrocken, denn

 

„... Was den Stall so helle macht

Und was so lieblich singt und lacht,

Das sind die lichten Engelein,

Die schaun zu Tür und Fenster ein.“

 

Die Mutter Gottes strickte dem kleinen Jesus ein feines Hemdlein.

 

„Und strickt ihm in das Hemde zart,

So wie`s besorgter Mütter Art,

Wohl manchen Wunsch und manch Gebet; -

Was Wunder, wenn`s ihm lieblich steht!“

 

Doch siehe da: Mit dem heranwachsenden Kindchen wuchs auch das Hemd mit.

 

„Und größer wuchs das Kind heran,

So lieb nur eines wachsen kann,

Und blüht empor voll Wonnigkeit;

Und mit dem Kindlein wuchs das Kleid.

Zum Knaben ward`s voll frohem Mut,

Das Hemd saß auch dem Knaben gut.

Zum Jüngling ward es, ward zum Mann,

Das Hemd wuchs auch mit ihm heran.“

 

Wenn der kleine Jesus im Häuschen von Nazareth spielte, indes Maria am Spinnrocken saß und Joseph in seiner Werkstätte arbeitete, kamen oft Engel vom Himmel als Spielgefährten. Sie holten sich Späne von St. Joseph und verfertigten daraus schönes Spielzeug:

 

„Die Engel tragen Spänlein Holz

Herbei zum Kinderspiele,

Sie machen Vöglein draus und Bolz

Und eine Federmühle.“

 

Einmal saß die Mutter mit ihrem Kind auf dem Arm in ihrer Hütte. Draußen ging ein rauer Wind. Da traten zwei wunderschöne Knaben ein, grüßten Maria ehrfurchtsvoll und beschenkten dann das Christkind mit einem Kreuz!

 

„Die Engel neigen sich und reichen

Ein kleines Kreuz dem Kinde hin;

Die Mutter sieht es mit Erbleichen,

denn sie erkennt den ernsten Sinn.

Doch lächelnd streckt die zarten Hände

Der Knabe nach dem Kreuzlein aus –

Und sieh, der Hütte arme Wände

Erglänzen wie das Himmelshaus.“

 

Viele Legenden umweben die Flucht nach Ägypten. Die Heilige Schrift erwähnt das geschichtliche Ereignis mit sehr wenigen Worten: „Joseph stand auf, nahm in der Nacht das Kind und seine Mutter und floh nach Ägypten und blieb dort bis zum Tod des Herodes“ (Mt 2,14). Doch die apokryphen (unechten) Evangelien haben die Flucht mit sinnreichen Legenden ausgeschmückt.

 

So begegnet die Heilige Familie Drachen, die das göttliche Kind anbeten. Löwen und Tiger zeigen ihr den Weg. Blumen erblühen unter ihren Fußtritten. Unfern dem Grab Rachels rastete die Heilige Familie unter einem Eichenbaum. Als das Kind tändelnd nach den Feigen langte, bog sich der Baum hernieder und bot seine Früchte zum Pflücken dar. Als die Flüchtenden nach Alexandria kamen, entstand plötzlich ein starkes Erdbeben. Alle Priester versammelten sich im Götzentempel und erhielten hier vom Orakel die Weisung: „Ein fremder Gott ist angekommen, dem allein Anbetung gebührt, denn er ist der wahre Sohn Gottes, und deshalb erzittert und bebt das ganze Land.“ Beim Einzug Jesu in Ägypten soll es keinen Tempel gegeben haben, in dem nicht ein Götzenbild zu Boden gestürzt wäre. (Vgl. Jes 19,1: „Siehe, der Herr setzt sich auf eine leichte Wolke und kommt nach Ägypten; da beben die Götzen Ägyptens vor seinem Antlitz, und der Ägypter Herz verzagt in ihrer Brust.“) In der Nähe von Heliopolis, am Geburtsort des großen Propheten und Staatsmannes Moses zu Matarea, löschte die Heilige Familie in der einzigen trinkbaren Quelle der weiten Umgebung ihren Durst. Diese Quelle sprang erst auf, als Maria nach Wasser suchte, und heißt heute noch Marienbrunnen. Was gibt es da doch viele Legenden vom Marienbalsam, Marienbaum usw., die alle Christkindlegenden sind.

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4. Credo

 

Bekenntnis des Glaubens

       

Wir können Gott nie genug danken für die Gnade, dass er uns zum wahren Glauben berufen hat, denn „ohne den Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen und selig zu werden.“ (Hebr 2,6) Preisen wir unser Glück, dass wir uns im Schoß der Kirche befinden, die den wahren Glauben als den kostbaren Schatz treu und unverfälscht bewahrt hat. Soll uns aber der Glaube zum Heil führen, dann genügt es nicht, dass wir ihn im Herzen bewahren, wir müssen ihn auch offen und freudig bekennen, „denn – schreibt der Apostel – mit dem Herzen glaubt man zur Gerechtigkeit, mit dem Mund aber geschieht das Bekenntnis zur Seligkeit.“ (Röm 10,10) Wir müssen unseren Glauben bekennen:

 

1. so oft es die Ehre Gottes fordert,

2. so oft das Seelenheil des Nächsten dazu verpflichtet,

3. so oft ein kirchliches Gebot es verlangt.

 

1. Wir sind verpflichtet, unseren Glauben zu bekennen, wenn die Ehre Gottes es von uns fordert. Wenn wir von der Obrigkeit nach unseren Glauben befragt werden, dann müssen wir unumwunden, ohne Rückhalt und Zweideutigkeit erklären, dass wir katholische Christen sind, sollten wir deshalb auch das Leben verlieren müssen. Daher hat die Kirche jederzeit diejenigen, die aus Furcht vor dem Tod ihren Glauben verleugneten, als schwere Sünder betrachtet und nur nach langer und strenger Buße wieder in die Gemeinschaft aufgenommen. Als Christus vor dem Hohenrat gefragt wurde, ob er der Sohn des lebendigen Gottes sei, gab er ohne Zögern zur Antwort: „Du hast es gesagt, ich bin es.“ Diesem Beispiel ihres göttlichen Lehrmeisters folgten die Apostel und bekannten vor der Obrigkeit ohne Scheu ihren Glauben. Dasselbe taten die Märtyrer zu allen Zeiten, obgleich ihr Bekenntnis sie dem grausamsten Martertod entgegenführte. Ein Wort, einige Weihrauchkörner, dem heidnischen Götzen hingestreut, hätten genügt, viele Heilige vor dem Martertod zu schützen, aber sie zogen den Tod einer Verleugnung ihres Glaubens vor. Auch wir müssen unseren Glauben unumwunden bekennen trotz allen Gefahren, trotz Hohn und Spott, trotz Verachtung und Verfolgung, damit Gott gegeben werde, was Gottes ist.

 

2. Zum Bekenntnis unseres Glaubens verpflichtet uns auch unser und des Nächsten Seelenheil. Schätzen wir den Glauben als die kostbarste Gabe Gottes, dann dürfen wir auch keine Bedenken tragen, ihn zu bekennen, müssten wir auch Hab und Gut verlieren und selbst unser Leben aufs Spiel setzen. „Wer mich vor den Menschen bekennt, den will ich auch bekennen vor meinem Vater, der im Himmel ist; wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater, der im Himmel ist“, spricht die ewige Wahrheit. Was für ein Ärgernis würde die Verleugnung des Glaubens auch den Mitmenschen bereiten. Wir sollen dem Gebot der Liebe gemäß die Schwachen stärken, die Verfolgten trösten, die Irrenden und Ungläubigen auf einen besseren Weg führen. Hüten wir uns darum, etwas zu tun, was den Glauben anderer gefährden und zerstören könnte.

 

3. Wir müssen unseren Glauben bekennen, so oft der Nutzen oder ein Gebot der Kirche es verlangt. Kommst du in eine Gesellschaft, wo man den Glauben der Kirche verspottet und als Fabel verwirft, wo man alles Heilige in den Kot zieht, da gilt es, den Gottlosen offen die Stirn zu bieten und die Wahrheit und Gebräuche des Christentums zu verteidigen. Warum sollten wir uns auch unseres Glaubens schämen? Ist es eine Schande, das zu glauben, dass Gottes eingeborener Sohn uns gelehrt hat, was seine Heilsanstalt, die eine Säule und Grundfeste der Wahrheit ist, uns zu glauben vorhält? Ist es schimpflich, das zu glauben, was die frömmsten, erleuchtetsten und gelehrtesten Männer und Frauen voll Ehrfurcht für wahr gehalten, worin die edelsten Menschen ihr größtes Glück und ihren höchsten Ruhm gefunden haben? Warum sollten wir uns schämen vor Menschen, die nur darum ungläubig sind, weil ihnen der Mut und die Lust fehlt, die Fesseln ihrer sündhaften Leidenschaften zu brechen und einen ehrbaren Lebenswandel zu führen, wie der Glaube es von uns verlangt? Nein, schämen wir uns des Glaubens nie, vielmehr bekennen wir ihn frei und offen, wie die Heiligen es getan haben, damit wir einst auch an ihrem Triumphzug teilnehmen mögen. Amen. 

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5. Codex Sinaiticus

 

Ein Gelehrter findet ein Buch – Vor den Flammen gerettet

       

Der deutsche Gelehrte Konstantin von Tischendorf beschloss im Jahr 1839, sich dem Textstudium des Neuen Testamentes zu widmen. Sein Ehrgeiz war es, den ursprünglichen Text wiederherzustellen, so wie er aus der Feder der Verfasser der heiligen Bücher kam.

 

So zog er aus, um die Bibliotheken von Paris, Florenz, Mailand und anderen großen Städten in Europa zu durchforschen, später ging er nach dem Osten und besuchte Ägypten, Arabien, Palästina und Griechenland. Er hatte sich vorgenommen, jede griechische Handschrift, die ihm unter die Finger kommen sollte, zu untersuchen. „Die literarischen Schätze“, so erklärte er, „nach denen ich suchte, stammten meist aus den Klöstern des Ostens, wo jahrhundertelang fleißige Mönche die heiligen Schriften abgeschrieben und Handschriften aller Art sammelten. Ich fragte mich, ob es nicht sein könnte, dass in irgendeinem Winkel eines griechischen, koptischen, syrischen oder armenischen Klosters kostbare Handschriften seit Jahrhunderten in Staub und Vergessenheit herumlägen. Wäre nicht jedes Blatt Pergament, das man dort fände, bedeckt mit Handschriften aus dem 5., 6. Oder 7. Jahrhundert, ein literarischer Schatz und eine wertvolle Bereicherung unseres christlichen Schrifttums?“

 

Dieser Wunsch fand eine über alle Erwartungen hinausgehende Erfüllung. „Es war am Fuß des Sinai“, schreibt er, „im Katharinenkloster, dass ich die Perle meiner Nachforschungen entdeckte.“ Im Mai 1844 besuchte er die Bibliothek dieses russisch-orthodoxen Klosters. In einem der Räume stieß er auf einen mächtigen Papierkorb, der voll alter Pergamente war. Der Bibliothekar des Klosters sagte ihm lächelnd, dass schon zwei Körbe mit solch altem Zeug verbrannt worden wären. Tischendorf hob einige der alten Blätter auf und war ganz erstaunt, Abschriften des Alten Testamentes in Griechisch zu finden. Er bat den Klosteroberen, ihm diese zum Verbrennen bestimmten alten Blätter zu überlassen, und erhielt 43 Blätter. Als aber der Archimandrit sah, wie hoch sein Gast diese Blätter schätzte, trat er ihm die übrigen 86 Blätter aus dem Alten Testament nicht mehr ab. Er durfte sie nur verzeichnen und einige Seiten genau abschreiben.

 

Mit seinem großen Fund kehrte der Gelehrte wieder nach Leipzig zurück und bearbeitete dort die 43 Pergamentblätter. (Anm. Sie wurden der Leipziger Universitätsbibliothek unter dem Namen „Codex Friderico-Augustianus“ – Name des Königs von Sachsen – einverleibt. Den Fundort aber verriet Tischendorf nicht.) Er hatte beschlossen, eines Tages dorthin zurückzukehren, um die wertvollen Pergamentblätter wenigstens abzuschreiben. Im Februar 1853 stand er wieder vor der Tür des Klosters. Aber im ganzen Kloster wollte man nicht mehr das Geringste von den 1844 zurückgelassenen Pergamentblättern wissen. Am 31. Januar 1859 betrat Tischendorf zum dritten Mal das Kloster, diesmal mit einer Empfehlung des russischen Kaisers versehen. Er wurde herzlich aufgenommen. Nur acht Tage wollte er bleiben. Diese wenigen Tage verwendete er zum Durchsuchen der Handschriften, fand aber das Gewünschte, die 86 Blätter, nicht. Am Abend vor der geplanten Abreise sagte ihm der Hausverwalter, mit dem er einen Spaziergang gemacht hatte: „“Auch ich habe in meiner Zelle ein griechisches Altes Testament, das will ich dir doch zeigen!“ Er brachte ihm einen dicken Band, der in ein rotes Tuch eingeschlagen war.

 

Tischendorf erzählte: „Ich nahm die Umhüllung weg und entdeckte zu meiner großen Überraschung nicht nur jene Teile, die ich vor 15 Jahren aus dem Korb gezogen und zurückgelassen hatte, sondern auch Teile des Alten Testamentes, das ganze Neue Testament und dazu noch den Brief des Barnabas und den „Hirten des Hermas“. (Anm. Diese beiden Schriften gehören nicht zum kanonischen Schriftbestand des Neuen Testamentes, haben aber ebenfalls ein sehr hohes Alter und standen in der alten Kirche in sehr hohem Ansehen. Der Brief des Barnabas war seit Jahrhunderten verschollen und der „Hirte des Hermas“ überhaupt nur dem Namen nach bekannt.) Voller Freude, die ich aber diesmal zu verbergen verstand, bat ich in unauffälliger Weise um die Erlaubnis, die Handschrift auf mein Schlafzimmer nehmen zu dürfen, um sie in Ruhe betrachten zu können. Dort angekommen, konnte ich mich ganz der Freude hingeben, die ich empfand. Ich wusste, ich hielt den kostbarsten Bibelschatz, der existiert, in Händen, ein Schriftstück, dessen Alter und Wichtigkeit alle Handschriften, die ich in den vergangenen 20 Jahren meines Studiums bearbeitet hatte, übertraf.“

 

Beim düsteren Schein einer Lampe saß Tischendorf in der Kälte der Nacht am Tisch und schrieb den so lange vermissten Barnabas-Brief ab. Zu einer solchen Zeit zu schlafen, erschien ihm direkt unerlaubt.

 

Am anderen Morgen bat Tischendorf, der nach Kairo abreisen wollte, den Ikonomos, ihm zu erlauben, die Handschrift mitzunehmen, um eine ganze Abschrift herzustellen. Aber da der Ordensobere nicht anwesend war, wurde die Erlaubnis nicht erteilt. Tischendorf jagte nun hinter dem Ordensoberen her und erhielt die Zustimmung. Am 24. Februar bekam er seinen Schatz zurück. Er verlor keine Zeit und scheute keine Mühe, eine Abschrift der 110.000 Zeilen herstellen zu lassen. (Anm. Ein deutscher Arzt und ein deutscher Apotheker in Kairo besorgten die Abschreibearbeit, und Tischendorf verglich die Handschrift mit der Abschrift. Dabei entdeckte sein geübtes Auge, dass nicht ein einzelner diese große Handschrift verfertigt hatte, sondern dass sich vier Abschreiber in die Arbeit geteilt hatten. Außerdem unterschied er noch sieben spätere Korrektoren. Auf den 346 Blättern fanden sich mehr als 12.000 Korrekturen.)

 

Am 28. September 1859 wurde ihm durch den Archimandriten Agathangelos in Kairo der Codex übergeben, damit er ihn mit nach Leipzig nehme, dort herausgebe und ihn dann im Namen der Mönche dem russischen Kaiser schenke. Drei Jahre später hatte er einen möglichst genauen Nachdruck (Faksimile) der Handschrift in vier Foliobänden fertiggestellt. (Anm. Der Photographie wurde der Druck vorgezogen. Die deutsche Druckerei von Giesecke und Devrient musste erst eigene Lettern gießen, die genau den Buchstaben des Codex angeglichen wurden, nicht nur nach Form und Größe, sondern auch im Abstand der Buchstaben voneinander. Die 300 Exemplare des Faksimile-Typendruckes kamen gerade noch rechtzeitig zur 1000jährigen Jubelfeier der russischen Monarchie 1862 an. 20 Exemplare davon waren für den Kaiser auf Pergament gedruckt. In dem 4. Folioband gab Tischendorf 1500 Erläuterungen, deren größter Teil die Änderungen betrifft, die die Korrektoren vom 4. bis 12. Jahrhundert in die Handschrift am Rand oder in den Text eingetragen hatten.) Seine Majestät hatte das Unternehmen mit 300.000 Mark finanziert und verteilte die Exemplare in der ganzen christlichen Welt. Eins befindet sich in der öffentlichen Bibliothek in New York. Papst Pius IX. selbst sprach in einem Handschreiben dem hervorragenden Autor seinen Glückwunsch und seine Bewunderung aus.

 

Die Auffindung des berühmten Pergamentes im Jahr 1844, des letzten der wichtigsten Codices, die man bis jetzt fand, war für Tischendorf der höchste Triumph seines Lebens. Da die Handschriften des griechischen Bibeltextes für praktische Gebrauchszwecke mit Buchstaben des Alphabetes bezeichnet werden und ein passender lateinischer Buchstabe für den „Codex Sinaiticus“ genannten Codex fehlte, wurde er von seinem Entdecker mit dem ersten Buchstaben des hebräischen Alphabetes, mit dem Aleph bezeichnet. Dieses unbezahlbare Dokument wurde im 4. Jahrhundert n. Chr. in feiner Initialschönschrift (Großbuchstaben) geschrieben.

 

Der Codex hat das Format 43:37,8 Zentimeter und besteht aus bestem Pergamentpapier. Jede Blattseide zeigt vier enge Kolumnen, was die Möglichkeit einer Abschrift von einer Originalpapyrusrolle andeutet. Jede Kolumne besitzt 48 Zeilen fortlaufender, schöner und einfacher Großbuchstaben. Die Abschrift enthielt ursprünglich die ganze griechische Bibel und die beiden genannten Apokryphen. Diese letzteren, das ganze Neue Testament und ein kleiner Teil des Alten Testamentes waren glücklicherweise noch im letzten Moment aus dem Papierkorb gerettet worden.

 

Unter den großen Codices nimmt der Codex Sinaiticus die zweite Stelle ein. Der wertvollste Codex und die älteste Biobelhandschrift ist ohne Zweifel der Codex Vaticanus B, der sorgfältig in der Vatikanischen Bibliothek in Rom aufbewahrt wird. Dieser Codex ist die älteste Vollbibel, die wir besitzen. Tischendorf glaubte, dass der Codex Sinaiticus eine der 50 kostbaren Bibelhandschriften ist, die, wie der Kirchenhistoriker Eusebius uns in seinem Leben Konstantins des Großen berichtet, auf Befehl Konstantins hergestellt wurden.

 

Viele Jahre lang ruhte der Codex Sinaiticus als kostbarer Schatz in der öffentlichen Bibliothek in Petersburg. Am 16. Dezember 1933 verkaufte ihn die russische Regierung um 500.000 Dollar dem britischen Museum in London.

 

Im Mai 1944 wurde die Jahrhundertfeier der Auffindung des Codex Sinaiticus in der ganze Welt mit einer ehrenden Erinnerung an Konstantin von Tischendorf begangen.

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6. Christoph Columbus

 

Das weiße Banner mit dem grünen Kreuz flattert im Wind. Der Mann mit dem lebhaften, oft in die Ferne versinkenden Blick auf der Befehlsstelle der „Santa Maria“ ist Christoph Kolumbus, zu seiner Zeit Christobal Colon genannt, der Admiral. In seiner Seele paart sich die Liebe zur Natur mit der Sorge für die Männer seiner Begleitung. Colon ist ein Mann der Tat, der sein Ziel zu erreichen weiß und die Faustregeln der Lebensmeisterung kennt wie kein zweiter. Wer liest, wie bewunderungswürdig souverän und geduldig er alle Bedenken seiner Männer zerstreut hat, die zu murren beginnen, weil das ersehnte Land nicht auftauchen will, der wundert sich nicht, dass ihre Furcht vor ihm aus der Ehrfurcht entspringt. Er hat sich in der Hand, dieser kühne Weltumsegler – und die Wolken, die da wie eine Fata Morgana weit über dem Meer aus den Wellen steigen, gaukeln zwar auch ihm das Land nur vor, dem er zustrebt, aber sie können sein Gottvertrauen und seine Standhaftigkeit nicht erschüttern.

 

Und so segeln sie denn einsam über das weite, weite Meer. Wie fern ist die Heimat! Ohne Grenzen wogt das Meer von Horizont zu Horizont. Hier ist noch niemals ein Mensch gewesen – und die Vögel, die aus dem Himmel fallen und immer wieder nahes Land verheißen, setzen sich in paradiesischer Ahnungslosigkeit auf das ragende Takelwerk. Sie entfachen die entschwindende Hoffnung immer wieder neu. Die Mutlosigkeit der Besatzung wird so eher überwunden, und der gefährlich aufwuchernden Verzweiflung wird stets von neuem ein Riegel vorgeschoben. Aber die Unzufriedenheit auf den drei Schiffen wächst doch stetig, und das in dem Grad, in dem die Land verheißenden Winde sie alle zum Narren halten.

 

Wieder einmal steht der Admiral über die Karten gebeugt und berechnet die Schiffsposition. Er ist zuversichtlich und zufrieden, wenn ihm die meuterischen Absichten rings um ihn auch Sorgen bereiten. Die um ihn sind, spähen angestrengt über das Meer, denn jeder will das Land zuerst bemerken, des hohen Jahrgeldes wegen, das dafür von der spanischen Regierung ausgesetzt ist, 468 Mark, doch damals zehnmal so viel wert wie heute. Dem Unfug, bei jeder Gelegenheit „Land!“, „Land!“ zu rufen, hat Kolumbus zwar gesteuert, indem er befahl, wenn irgendeiner so rufen und bis zum dritten Tag kein Land erscheinen werde, so solle der Rufer aller ferneren Ansprüche auf die Belohnung verlustig gehen. So wird die Ungeduld der Wartenden zwar etwas gemildert und eingeschläfert, aber unter der Decke glimmt der teuflische Funke weiter. Bis zur offenen Meuterei ist nur noch ein Schritt.

 

Plötzlich löst sich aus der Bordkanone der Pinta ein Schuss. Auf dem Begleitschiff hat sein Kommandant Martin Alfonso Pinzon Land gesehen. Laut ruft er vom Hinterdeck seines Schiffes aus: „Land, Land, Señor, ich bitte um den Lohn!“ Und wirklich, im Südwesten steigt ein Gebilde aus dem Wasser, das wie Land aussieht. Da wirft sich der fromme Kolumbus auf die Knie und dankt Gott mit dem „Gloria in excelsis Deo“. Langsam sinkt die Nacht in violetten Schleiern auf das Wasser und entzieht das Eiland den sehnenden Blicken. Schaukelnd durchfurchen die drei Karavellen den Ozean.

 

Am anderen Morgen klettern die Männer schon früh in den Mastkorb, um beim Aufgang der Sonne möglichst bald das erhebende Schauspiel des näher gerückten Fahrzieles zu sehen. Doch welche Enttäuschung! Nur Wasser und Himmel – soweit das Auge reicht. Wieder einmal sind sie von einer Abendwolke schmerzlich getäuscht worden.

 

So gehen die Tage im Wechsel von Mutlosigkeit und Spannung dahin, bei gutem Wetter und angenehmen Winden. Seevögel fliegen in südwestlicher Richtung über die Schiffe – ob man den Kurs von West nach Südwest ändern soll? Die Führer der Pinta und Nina sind dafür, der Admiral auf der Santa Maria aber bleibt fest, und so bleibt es bei der westlichen Richtung. Vom 10. Oktober ist uns ein Stimmungsbericht erhalten: „Es wollte die Mannschaft nicht länger aushalten, sie beklagte sich über den langen Weg. Allein der Admiral machte ihnen Mut, soviel er konnte, indem er ihnen große Hoffnung auf den Gewinn erweckte. Er fügte hinzu, dass es vergebens sei, wenn sie sich beklagten, denn er sei fest entschlossen, nach Indien zu gehen, und werde seinen Weg verfolgen, bis er das Land mit Hilfe unseres Herrn werde erreicht haben.“

 

Sein Gottvertrauen soll belohnt werden. Nachdem am Abend des folgenden Tages, der Vorschrift gemäß, das „Salve Regina“ gesungen ist, hält Kolumbus eine eindringliche Ansprache an seine Männer. Er dankt Gott, der sie alle so sicher geleitet und ihnen so oft schon Zeichen des nahen Landes gegeben habe. Jetzt gelte es, dieser Gottesgüte wert zu sein und die letzten Tage der Ungewissheit mit Mut und Anstand zu überstehen. Denn groß sei der Lohn, der sie alle in dem herrlichen Land erwarte. Wer aber das nahe Festland zuerst erblicke, der erhalte außer dem festgesetzten Lohn von ihm persönlich ein samtenes Wams.

 

Und siehe da, das Land schickt seine Boten. Schwimmt hier nicht ein Dornzweig mit roten Beeren daher, schlägt dort nicht ein Brett an die Bordwand, fischt man nicht gar einen künstlich geschnitzten Stab und ein Rohr auf! Land, wo bist du, wann steigst du vor uns aus dem Meer, du Hort des Glückes, Ziel der Sehnsucht, Gegenstand der gespanntesten Erwartung!

 

Da der Abend hereinbricht, steigt Kolumbus selber auf das Hauptkastell, aufgeregt in die Weite spähend. Sein Blick durchbohrt die Finsternis. Aber die graue Wand zwischen Schiff und Welt ist mit Menschenkraft nicht zu durchdringen. Da plötzlich, es ist gerade zehn Uhr, gewahrt der spähende Mann vor sich im Westen ein Licht. Es bewegt sich zitternd vorwärts, verschwindet kurze Zeit und blitzt dann wieder auf. Ja, wahrhaftig, da muss eine Barke in Landnähe über das Meer kreuzen, von einer Fackel friedlich beleuchtet. Oder sieht es nicht sogar aus, als ob jemand hinter Bäumen und Büschen eine Kerze einhertrage? Kolumbus, weit davon entfernt, voreilige Schlüsse zu ziehen, hält die Erscheinung für ein Gebilde seiner Phantasie. Er beordert einen Kameraden zu sich auf den Kommandoturm. Aber auch dieser Pedro Gutierrez, ein Kammerherr des Königs, bestätigt die Wahrnehmung des Admirals. Welche Gedanken mögen in den beiden einsamen Männern erwachen, da sie mit brennenden Augen nach diesem Lichtlein spähen. Es ist ihnen wie ein Stern, den Gott für sie auf die Erde gesandt hat. Plötzlich ist der helle Schimmer verschwunden, so schnell, wie er zuvor erschienen war. Wieder breitet die Nacht ihren undurchdringlichen Schleier über das Meer. Noch immer stehen die beiden Männer regungslos und pressen die Hand auf das bebende Herz, damit sie in der Dunkelheit der schlafenden Natur den Pulsschlag des Lebens nicht ganz zu vermissen brauchen.

 

Ein paar Stunden später entzündet ein friedlicher Mond auf dem wogenden Spiel der Wellen blitzende Funken. Und da erfüllt sich endlich die Sehnsucht des Abendlandes und die Sendung der tapferen Meerbezwinger. Juan Rodriguez Bermejo aus Molinos heißt der Mann, der am 12. Oktober 1492 im Glanz des Mondes das schimmernde Gestade als erster erblickt. „Tierra! Tierra! Land! Land!“ Er stürzt ans nächste Geschütz und gibt das Signal. Mit Ungeduld wird der Morgen erwartet.

 

Die Schiffe steuern auf das Eiland zu. Mit Wohlgerüchen durchwürzt ist die Luft. Zahllose Bäume erheben sich über einer lichten, grünen Landschaft, die Unberührtheit atmet und wie vom Zauber des Paradieses übersonnt erscheint. Da kommen schon die Eingeborenen in Scharen aus den Wäldern. Man sieht, wie sie am Strand Halt machen und in grenzenlosem Staunen auf die heranbrausenden Segler starren. Was mag wohl in ihren Gehirnen vor sich gehen? Für sie ist der Anblick so stattlicher Schiffe ein nie gesehenes Schauspiel. Ob die Götter aus dem Meer gestiegen kommen, die Inselbewohner zu besuchen?

 

Kolumbus lässt die Boote auf das Wasser setzen und besteigt, reich in Scharlach gekleidet, seine Schaluppe. Die Führer der Pinta und Nina mit ihren Männern folgen seinem Beispiel und hissen auch auf ihren Booten die weiße Flagge mit dem grünen Kreuz aus reiner Seide. Da sie den Boden des Landes betreten, fliehen die Eingeborenen vor den prächtig gekleideten weißen Männern in den Urwald und spähen, hinter Büschen und Bäumen versteckt, mit neugierigen Augen auf das einzigartige Schauspiel. Und es ist wahrhaftig von erhabener Würde, wie nunmehr Christoph Kolumbus auf die Knie sinkt und seine Begleiter sich neben ihm in den Sand werfen, um wie er dreimal den Boden des neugewonnenen Landes zu küssen und Gott unter Tränen der Rührung zu danken. Dann erhebt sich der Admiral, zieht sein Schwert und entfaltet das königliche Banner. So nimmt er – (heute wissen wir, wie unberechtigt dies in Teilen war) - für das kastilische Herrscherhaus Besitz von der Insel, der er den Namen San Salvador (Erlöserinsel) verleiht. Aber nicht nur für den christlichen Glauben gilt diese Landnahme. Das geistige Reich der Kirche soll den Eingeborenen gebracht werden. Der Eingang des Gebetes, das Kolumbus mit zum Kreuz erhobenen Händen feierlich spricht, ist uns erhalten und lautet:

 

„O Herr, allmächtiger, ewiger Gott! Du hast durch Dein heiliges Wort das Firmament, die Erde und das Meer erschaffen; Dein Name sei überall gepriesen und verherrlicht! Deine Majestät, welche sich gewürdigt hat, zu gewähren, dass durch Deinen demütigen Diener Dein heiliger Name in diesem anderen Teil der Welt erkannt und gepredigt werde, sei gelobt . . .“

 

Dann lässt er sich von seinen Begleitern als Vizekönig des neugewonnenen Landes den Treueid schwören.

 

Es ist von einer ergreifenden Natürlichkeit, wie nunmehr die Eingeborenen in Scheu und Ehrfurcht zu den weißen Männern treten und wie unschuldige Kinder ihre Bärte und herrlichen Gewänder anstaunen. Und die Europäer ihrerseits schauen verwundert auf die unbekleidete, bunt gefärbte Menschenschar, die einer ganz fremden Kultur angehört. Mit einer unendlichen Güte gewinnen die Fremden das Vertrauen der Indianer, wie Kolumbus sie als Ureinwohner des Landes nennt, von dem er die irrige Meinung hat, dass es Indien zuzurechnen sei. Als dann die Spanier die staunenden und zutraulichen Naturkinder gar mit buntem und schillerndem Tand und Putz beschenken, da ist schnell eine warme Freundschaft geschlossen.

 

So erobert Christobal Colon eine Insel nach der anderen. Die Indianer aber lernen den weißen Mann verehren und lieben, der ihnen so viel Gutes erweist und jeden Übergriff seiner Begleiter bestraft und ausgleicht. Wahrhaftig, dieser Kolumbus war (trotz aller Fehler, die er aus unserer heutigen Sicht beging) ein großer und weiser Mensch.

Heinz Kley

aus „Paulinusblatt“

Paulinus-Druckerei, Trier

17. November 1946

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7. Claretiner

 

Im Geist von Fatima 

 

Von Charles Gietow CMF

Aus Catholic Digest Bldg., 41 E. Eight St., St. Paul, 2, Minn. März 1948

 

Beinahe ein Jahrhundert ist vergangen, seit Anton Claret, ein unbekannter katalonischer Priester, wieder einmal bewies, dass die Kirche desto kräftiger wächst, je starker sie angegriffen wird. Inmitten einer von antiklerikalen Ideen beherrschten Welt gründete er einen religiösen Orden, um den Nöten der Zeit zu begegnen.

 

Am 16. Juli 1849 rief der Geistliche Claret fünf andere Priester, alle Katalonier wie er, zusammen, um eine Missionsgruppe zur Wiedererweckung des Glaubenseifers, der durch die Spärlichkeit der Missionare sehr nachgelassen hatte, zu bilden. Zu jener Zeit hatte die spanische Regierung unter dem Einfluss freimaurerischer Elemente die religiösen Orden aufgehoben und ihre Mitglieder gezwungen, entweder ins Exil zu gehen oder im geheimen, so gut sie konnten, weiter tätig zu sein. Da war es offensichtlich nicht das richtige Mittel zur Lösung des Problems, einen neuen religiösen Orden zu gründen. Die Lösung jedoch, auf die Claret kam, umging dieses Gesetz, indem es die Mitglieder zeitweilig von den herkömmlichen drei Ordensgelübden dispensierte. Die Missionare, die durch ein jährliches Treueversprechen in ihrer Kongregation zusammengehalten wurden, füllte nicht nur die Lücke aus, die durch den Wegfall der alten Orden entstanden war, sondern brachten auch den neuen Geist ihres Gründers mit in ihre Arbeit der Seelenrettung.

 

Claret hatte diese Notwendigkeit einer religiösen Erneuerung schon lange gefühlt. Kaum war er 1835 ausgeweiht worden, als er bereits wahrnahm, wie der Glaube in den Massen infolge des Priestermangels schwand. Er bat seinen Bischof, ihn von seiner kleinen Pfarrei Sallent zu beurlauben, um sein Leben ganz dem Abhalten von Volksmissionen und Exerzitien zu widmen. Damit begann seine erstaunlich rührige Laufbahn als Missionsprediger, Schriftsteller und Organisator. Neben seinen beständigen Predigten – zuweilen hielt er bis zu 12 Predigten im Tag – schrieb er über Theologie, Apologetik, Rechtswissenschaft, Medizin, Musik, Soziologie, Geschichte und Landwirtschaft. Ein Schrifttum, das alles zusammen 144 Bände füllt.

 

Seine Tätigkeit fand ihre geistige Nahrung und Stütze im Gebet und besonders in der Verehrung des Herzens Mariens, die gerade damals Verbreitung fand. Die Herz-Marien-Bruderschaft, die der ehrwürdige Pfarrer der Kirche Unserer Lieben Frau vom Sieg in Paris, Charles Dufriche Des-Genettes, 1836 gegründet hatte, zog wegen der überraschenden Bekehrungen, die durch ihre Gebete zustande kamen, große Aufmerksamkeit auf sich. Claret übernahm diese Verehrung als bestes Hilfsmittel für sein Missionswerk. Er schrieb über sie, predigte über sie während seiner Missionen und gründete, wo es nur möglich war, eine solche Bruderschaft.

 

Nach 14jähriger Tätigkeit als Predigtapostel beschloss er, sich Helfer zu gewinnen, durch die er sozusagen sich an vielen Plätzen zu gleicher Zeit befinden und sein Werk über die Spanne eines Menschenlebens hinaus ausdehnen konnte. Als er seine Gesellschaft gründete, erfüllte er ihre Mitglieder mit seinem Eifer und seiner Idee, die Sünder durch die Vermittlung des Herzens Mariens zu gewinnen. So war es ganz natürlich, dass er seine Gründung unter den Schutz der Muttergottes stellte und sie Kongregation der Söhne des Unbefleckten Herzens Mariens nannte. Daher fügen die Mitglieder ihrem Namen die Anfangsbuchstaben C.M.F. d.h. „Cordis Mariae Filius“, Sohn des Herzens Mariens, bei.

 

Dem Zweck ihrer Gründung entsprechend, tragen die Claretiner – unter diesem Namen ist der Orden bekannt – kein Ordenskleid. Sie haben lediglich die schwarze Soutane des Weltklerus.

 

Nach den ersten 20 Jahren ihres Daseins zählte die Kongregation nur 6 Missionshäuser, die alle in Spanien lagen. Aber ihr Gründer hatte vorhergesagt, dass das Wachstum ein langsames sein würde: Ihre Verbreitung über die Welt würde erst dann erfolgen, wenn „das Blut eines Märtyrers den Baum der Einrichtung begossen habe“. Im Jahr 1868 brach eine neuerliche Revolution und Kirchenverfolgung in Spanien aus. Die Claretiner flohen nach Perpignan in Frankreich, und auf den Kopf des Generalsuperiors war ein Preis ausgesetzt. Pater Franz Crusat fiel in die Hände des kirchenfeindlichen Pöbels und wurde mit Messern zu Tode gestochen.

 

Zwei Jahre später, im Jahr 1870, verließen zwei Missionsgruppen Frankreich, um sich ins Ausland zu begeben. Die eine fuhr auf Ersuchen Kardinals Lavigerier nach Algier in Nordafrika und die anderen nach Santiago in Chile. Mit diesen beiden Überseegründungen fand sich die Kongregation in der einzigartigen Lage, drei Häuser zu besitzen, von denen jedes in einem anderen Erdteil lag. Ihr Wachstum hatte damit begonnen.

 

Inzwischen hatte der Heilige Stuhl am 11. Februar 1870 die Regel der Claretiner bestätigt. Erzbischof Claret – er war dies kurz nach der Gründung seines Ordens geworden – kehrte, gesundheitlich gebrochen, vom Vatikanischen Konzil zurück, legte seine Gelübde auf dem Totenbett ab und starb bald darauf am 24. Oktober 1870 im Zisterzienserkloster zu Frontfroide in Frankreich. Am 25. Februar 1935 sprach Papst Pius XI. Antonius Maria Claret selig. Papst Pius XII. sprach ihn am 7. Mai 1950 heilig. Die katholische Kirche feiert sein Fest am 24. Oktober.

 

Neben den drei gewöhnlichen Gelübden legen die Claretiner auch einen Eid ab, lebenslänglich in der Kongregation zu bleiben. Sie weihen sich dem Unbefleckten Herzen Mariens und verzichten auf Annahme aller persönlichen Würden, ausgenommen der Fall, dass ein ausdrücklicher Befehl des Heiligen Stuhles vorliegt. Da es das Ideal eines Ordens ist, den Geist des Gründers widerzuspiegeln, haben die Claretiner die vielseitige Tätigkeit des heiligen Antonius Maria Claret fortgeführt. Ihr dreifaches Ziel ist folgendes: Persönliche Heiligung, Vermehrung der Ehre Gottes und Rettung aller Seelen der Welt. Als Folge dieser weiten Einstellung legen sich die Claretiner nicht auf eine bestimmte Seite des Apostolates unter Ausschluss der anderen fest. Sie sind heute als Pfarrgeistliche, Missionsprediger, Exerzitienmeister, Jugenderzieher, wissenschaftliche Forscher und Heidenmissionare tätig. Auch in der katholischen Presse sind sie sehr rührig und geben 96 Zeitschriften in vielen Sprachen heraus. In den Vereinigten Staaten besitzen sie zwei Monatszeitschriften, den „Immaculate Heart Messenger“ (Boten des Unbefleckten Herzen Mariens) und die „Voice of St. Jude“ (Die Stimme des heiligen Judas Thaddäus). In Rom veröffentlichen sie die lateinische Zeitschrift „Commentarium pro Religiosis“ zum Studium der Probleme des Kirchenrechts, soweit diese religiöse Orden betreffen. Ihre Tätigkeit aber würde fruchtlos sein, wie der heilige Claret seinen Männern sagte, wenn sie nicht dauernd vom Geist der Frömmigkeit genährt würde. Der Claretiner, der sich bemüht, die Welt durch Maria zu Gott zu bringen, muss zu allererst selbst ein Liebhaber Gottes und der Muttergottes werden. Er beginnt seinen Tag um 4.30 Uhr morgens, wo er mit dem Gruß geweckt wird, „Deo gratias et Mariae“ (Gott und Maria sei Dank), worauf er antwortet „Semper Deo gratias et Mariae“. Um 5 Uhr findet sich die ganze Gemeinschaft zu einer Stunde der Betrachtung in der Kapelle ein. Vor dem Abendessen begibt man sich wieder zur Gewissenserforschung und geistigen Lesung geschlossen in die Kapelle. Nach dem Abendessen wird gemeinschaftlich der Rosenkranz gebetet. Die Marienverehrung dieser Kongregation wird dadurch besonders betont, dass bei jedem Stundenschlag der Uhr ein Ave gebetet wird.

 

Seit den Erscheinungen von Fatima haben die Claretiner ihre Bemühungen zur Ausbreitung der Verehrung des unbefleckten Herzens Mariens verdoppelt. Die Weihe der Welt an das Herz Mariä durch Papst Pius XII. am 31. Oktober 1941 war die Erhörung einer Bitte, die diese Kongregation seit 1917 dem Heiligen Stuhl wiederholt unterbreitet hatte.

 

Zu Ehren ihrer Patronin haben die Claretiner an die 75 Kirchen errichtet und bauen die internationale Gedächtniskirche zu Ehren des unbefleckten Herzens in Rom. Wenn diese Kirche vollendet sein wird, wird sie die größte in der ewigen Stadt nach St. Peter sein. Die Claretiner bemühen sich nach dem Motto zu leben, das auf dem Wappen ihrer Kongregation zu lesen ist: „Ihre Söhne haben sich erhoben und verkünden ihre Gnade“ (Sprichwörter 31,28).

 

Der Heilige Stuhl hat den Claretinern fünf Missionsgebiete anvertraut. Das älteste davon ist das Vikariat Fernando Po in Zentralafrika, das sie 1883 erhielten. Dann gingen sie im Jahr 1909 in den Chaco, in die Dschungel Kolumbiens. Im Jahr 1926 wurde das Vikariat Darien in Panama unter die direkte Betreuung durch die amerikanische Provinz gestellt. Im gleichen Jahr übernahmen sie auch die Präfektur Tocatins im Inneren Brasiliens und im Jahr 1933 die Präfektur Tungki in China. In allerneuester Zeit sandte die amerikanische Provinz ihre erste Missionsgruppe auf die Philippinen.

 

Die Claretiner kamen von Mexiko aus nach den Vereinigten Staaten und zwar am 18. September 1902. Bischof John Anthony Forest von San Antonio in Texas berief sie zur Mithilfe für die Seelsorge bei der amerikanischen Bevölkerung in seine Diözese. Er übergab ihnen die Kathedrale von San Fernando. Die Kongregation verbreitete sich so schnell im Südwesten des Landes, dass 21 Jahre später, 1923, die amerikanische Provinz errichtet wurde.

 

An der katholischen Universität in Washington, D.C. wurde 1922 ein Studienhaus errichtet, und in verschiedenen Orten der Vereinigten Staaten Seminarien. Außerdem haben die Claretiner in Rom ein internationales Kolleg, das Claretianum, an dem Studenten aus vielen Ländern studieren.

 

Ein schwerer Schlag für die Kongregation bedeutete der spanische Bürgerkrieg. Viele Claretiner Kollegs, Seminarien und Kirchen wurden zerstört, 269 Claretiner wegen ihrer religiösen Haltung erschlagen. Ergreifend ist das Schicksal des Theologenseminars von Barbastro. Alle Mitglieder des Seminars, 51 an der Zahl, die meisten junge Theologiestudenten, wurden nach vergeblichen Versuchen, sie zum Abfall zu bewegen, vor ihren eigenen Gräbern erschossen. Eines der tröstendsten Vermächtnisse, das der heilige Claret seinen Söhnen hinterließ, ist das, was man gewöhnlich das große claretische Versprechen nennt, nämlich das Versprechen der endgültigen Rettung für alle Mitglieder, die innerhalb der Kongregation sterben. „Gott hat mir enthüllt“, schrieb er, „dass alle, die als Mitglieder der Kongregation sterben, nicht nur die ganz außergewöhnlich guten, sondern alle, am Ende gerettet werden“.

 

Heute (1948) zählen die Claretiner an 4000 Mitglieder und haben Niederlassungen in 25 Ländern. Der Generalsuperior residiert in Rom, der Provinzial der amerikanischen Provinz in Los Angeles in Kalifornien.

 

Anm. der Redaktion: Die Claretiner sind auch in Deutschland vertreten. Im Jahr 1924 kamen die ersten aus Spanien, dem Mutterland der Genossenschaft, und ließen sich auf dem Dreifaltigkeitsberg bei Spaichingen (Württemberg) nieder. Der Reihe nach wurden folgende Niederlassungen eröffnet: Weissenhorn bei Ulm a.D. zur Heranbildung der Missionszöglinge der unteren 6 Klassen des Gymnasiums und Noviziat des deutschen Ordensnachwuchses, Würzburg für die höheren Klassen des Gymnasiums, Heudorf bei Riedlingen (Württemberg), Miedary bei Beuthen für Pfarrseelsorge, Frankfurt/M. als Seminar für die Ordenstheologen, die die Jesuitenhochschule St. Georgen besuchen. Anlässlich der Vierteljahrhundertfeier des Bestehens der Niederlassung der Claretiner auf deutschem Boden soll der Zweig der Genossenschaft zur Ordensprovinz erhoben werden.

 

http://claretiner.org/

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8. Caritas im Mittelalter

   

Das dumme Wort vom „finsteren Mittelalter“ ist heute nicht oft mehr zu hören oder zu lesen. Es wäre ja auch seltsam, eine Zeit finster nennen zu wollen, die trotz mancher Beschränkung in den Mitteln und Erkenntnissen zahllose Kunstwerke von erstaunlicher Höhe schuf. Vollkommen abwegig wäre es zumal, jene Zeit schwarz zu machen im Hinblick auf die Gegenwart, die so dämonisch groß war und ist in der Zerstörung jener Kulturwerke. Ganz Hervorragendes hat das Mittelalter geleistet auf dem Gebiet der Caritas. Wer Näheres darüber wissen will, der studiere etwa die Geschichte des Ritterordens der Johanniter. Dieser Orden besaß auf der Insel Rhodos, die er den Ungläubigen entriss und Jahrhunderte lang im Besitz hatte, ein Krankenhaus. Das war das mächtigste Gebäude der Insel, es ruhte auf acht gewaltigen Pfeilern. In dem Haus war eine eigene Apotheke untergebracht und in den Speisekammern geboten riesige Vorräte jeglicher Not. Die Kranken jeder Abstammung und aus jedem Land wurden hier kostenlos verpflegt. Zweimal am Tag wurden sie von je zwei Ärzten und zwei Wundärzten besucht. Die Speisen wurden ihnen auf Silbergeschirr von unschätzbarem Wert gereicht. Es war auch eine gute Hausordnung da. Die Kranken durften beispielsweise nicht Schach oder Dame spielen (wegen der damals in allen Ländern grassierenden Spielleidenschaft), keine Romane und Chroniken lesen (die Romane waren vielfach recht lüstern und sinnlich). Starb einer der Kranken, so trugen ihn vier adelige Ritter „in neue schwarze Gewänder gekleidet“ auf den Schultern hinaus, so wollte es die Regel. Die Kranken wurden also wie vornehme Menschen behandelt.

 

Und warum das alles? Die Regel des Johanniterordens gibt uns Aufschluss darüber, denn dort heißt es: „Das Spital soll mit Geschirr gut ausgestattet werden und glänzen von Sauberkeit; denn in ihm wohnt Christus, in ihm wird er verehrt, in ihm wird er gepflegt!“ Für unseren Herrn ist nur das Beste gut genug, und da die Johanniter in jedem Kranken den Heiland selbst sehen, schien ihnen kein Aufwand zu groß. Heutzutage wird auch viel Geld für wohltätige Zwecke zusammengetragen. Aber ist es auch ein Almosen aus der Güte der Herzen? Was die Johanniter taten, das geschah aus freiem Willen und aus reiner Liebe zu unserem Herrn und Meister Jesus Christus, der es so befahl. Und das erst ist wirkliche Caritas. Zu ihr muss auch unsere Zeit zurückkehren, dann wird sie reich sein trotz aller Armut.

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9. Donoso Cortés

 

Die europäische Gesellschaft stirbt

       

Donoso Cortés hat in einer seiner berühmten Reden vor dem spanischen Parlament in den Jahren 1849 und 1850 deutlich und prophetisch zum Ausdruck gebracht, wie es um Europa zukünftig bestellt sein wird:

 

„Die europäische Gesellschaft stirbt. Ihre Extremitäten sind bereits kalt. Bald wird es auch ihr Herz sein. Und wissen Sie, warum sie stirbt? Sie stirbt, weil sie vergiftet worden ist. Sie stirbt, weil Gott sie geschaffen hatte, um mit der katholischen Substanz ernährt zu werden und weil Kurpfuscher ihr die rationalistische Substanz als Nahrung verabreicht haben. Sie stirbt, denn wie der Mensch nicht allein vom Brote lebt, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt, so gehen die Gesellschaften nicht nur durch das Schwert zugrunde, sondern auch durch jedes antikatholische Wort, das aus dem Mund der Philosophen kommt. Sie stirbt, weil der Irrtum tötet und weil diese Gesellschaft auf Irrtümern aufgebaut ist. Alles, was die Menschen für unbestritten halten, ist falsch. Die Lebenskraft der Wahrheit ist so groß, dass, wenn die Menschen eine Wahrheit besäßen, diese eine Wahrheit sie retten könnte. Aber der Sturz der Menschheit ist so tief, ihre Dekadenz so radikal, ihre Blindheit so vollständig, ihre Blöße so gründlich, dass sie diese Wahrheit nicht besitzen. Daher wird die Katastrophe, die kommen muss, in der Geschichte die Katastrophe schlechthin sein. Die einzelnen Menschen können sich noch retten, weil sie sich immer retten können. Aber die Gesellschaft ist verloren, nicht deshalb, weil ihre Rettung eine radikale Unmöglichkeit an sich darstellt, sondern weil die Gesellschaft meiner Überzeugung nach ganz offenbar sich nicht retten will. Es gibt keine Rettung für die Gesellschaft, weil wir aus unseren Kindern keine wahren Christen machen wollen und selber keine wahren Christen sind. Weil der katholische Geist, der einzige, der Leben in sich trägt, nicht alles belebt, weder den Unterricht noch die Regierung, noch die Institutionen, noch die Gesetze, noch die Sitten. Es wäre ein gigantisches Unterfangen – das sehe ich nur zu klar –, wollte man den derzeitigen Lauf dieser Dinge ändern. Es gibt keine Macht auf Erden, die das von sich aus fertig brächte.“

Zitat aus: Ludwig Fischer,

Donoso Cortés, Der Staat Gottes.

Eine katholische Geschichtsphilosophie,

Karlsruhe 1933, S. 35

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