Weihnacht

 

Weihnacht

 

Es ist zwei Stunden vor Mitternacht. Herodes sitzt allein im roten Saal seines Marmorpalastes in Jerusalem. Ein einziges Lämpchen nur wirft sein flackerndes Licht über die rohen Züge des unheimlichen Mannes im goldenen Armstuhl. Kein menschlicher Laut ist um ihn her. Sie fürchten ihn alle, angefangen vom letzten Sklaven bis zur ersten seiner zehn Frauen, die er Königin nennt.

 

Sind es die Schatten der Nacht, oder sind es Gespenster, die finster in der Ecke kauern? Entsetzen erfasst den rauen Mann. Vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben. Der Vorhang an der Tür hat sich bewegt. Da kommen sie! Zwei blasse, fahle Gestalten, den Strick um den Hals. Er kennt sie; es sind seine beiden Söhne. In Sebaste hatte er sie erwürgen lassen. Ein eisiger Hauch weht ihm entgegen. Und schon steht neben den beiden eine junge Frau, bleich wie der Mond und doch so wunderbar anzuschauen. Um ihren Hals geht ein blutiger Streifen. Es ist Mariamne, seine rechtmäßige Gattin aus dem edlen Geschlecht der Makkabäer. Er hat sie hinrichten lassen. Ein röchelndes Stöhnen kommt aus der Brust des Mörders, als er sie sieht. Mit Grausen versucht er sich abzuwenden. Aber neue Schatten bannen seinen starren Blick: Der greise Hohepriester Hyrkan und der jugendliche Aristobul mit dem heiligen Ephod bekleidet. Den einen hat er hingerichtet, den anderen ertränken lassen, weil das Volk ihn liebte. Und immer neue Gestalten treten aus dem Hintergrund hervor mit fahlen Gesichtern und drohenden Blicken; in unheimlichem Kreis schweben sie auf ihn zu. Seine Glieder fangen an zu zittern und mit Schaudern versucht er ihrer eisigen Berührung zu entfliehen. Hastig greift er nach dem Hammer und lässt ihn dröhnend auf die Kupferscheibe fallen. Ein Sklave stürzt herbei. „Mache Licht!“ herrscht er ihn an und sinkt entkräftet auf den Polstern nieder.

 

Eine Viertelstunde später, und der Palast ist voll Ausgelassenheit und lärmender Musik. Diener stellen kostbaren Wein auf die Tafel in goldenen Gefäßen, die dem Heiligtum entwendet sind. Tänzerinnen wirbeln durch den hellerleuchteten Saal. Die schmeichelnden Hände der Frauen umkränzen den König mit Blumen. Er lacht rau und gellend auf: „Haha, so vertreibt man Gespenster. Ich denke, ich habe Ruhe vor euch!“

 

Herodes war von niederer Herkunft. Er stammte aus dem Volk der Edomiter, der Nachkommen Esaus. Er wusste wohl, dass die Juden den Messias aus dem Hause Jakobs und aus dem Stamme Juda erwarteten. Deswegen fühlte er sich nicht eher sicher auf seinem Thron, als bis die Häupter aller Edlen in Juda gefallen waren. Nun hatte er diejenigen ermordet, die ihm im Wege standen, und er glaubte seiner Sache sicher zu sein. Sein Gewissen betäubte er in zügelloser Ausschweifung.

 

Und doch gerade jetzt, wo Herodes vermeinte, am Ziel zu sein, gerade jetzt war die Hoffnung Israels näher denn je. Freilich ganz anders, als dieser fürchtete und jene hofften.

 

Zur selben Stunde, da der schlaue, lüsterne Mann sich an seinem schlüpfrigen Gelage berauschte, stand die reine Jungfrau im unfreundlichen Stall zu Bethlehem angelehnt an die kalten Felsen der Höhle. Der frostige Wind der Nacht wehte zur verfallenen Öffnung herein, so dass ihre zarten Glieder erzitterten. Da war kein Stuhl, sich darauf zu setzen, kein Tisch, daran zu essen, kein Bett, darauf zu ruhen. Die einzigen lebenden Wesen ihrer Umgebung waren der Ochs und das Eselein, die geruhsam auf ihrer Spreu gelagert waren.

 

Tief betrübt kehrt Sankt Josef aus Bethlehem zurück mit einem Bündel Stroh unter dem Arm. An vielen Häusern hat er angeklopft, an allen ist er abgewiesen worden. Die tröstenden Worte Mariä richteten ihn auf zu festem Gottvertrauen. Er zündet ein Feuerchen an, reinigt den Boden und sorgt, so gut er es vermag, für die Unterkunft der heiligen Jungfrau. Wie kümmerlich mag die Mahlzeit gewesen sein, die er nach so langer, mühevoller Reise zubereiten konnte!

 

Langsam geht es der Mitte der Nacht zu. Die heiligen Personen knien nieder zu frommem Gebet. Die heiligste, lieblichste aller Stunden war so nahe. Leise verglomm das Feuer unter der Asche. Es war ganz still. Nur der Atem der beiden Tiere ging heimelig durch den Raum. Die Arme vor die Brust gekreuzt, neigte die heilige Jungfrau in seliger Hoffnung und stiller Anbetung ihr Haupt. Da war es Mitternacht. Und mit einem Mal – Gott, wer mag es ehrfürchtig genug aussprechen? – mit einem Mal verbreitete sich ein milder Glanz in der Höhle. Und die Wassertröpfchen an den Wänden funkelten auf wie Diamanten, und die nackten Felsen erglänzten in silbernem Licht. Und siehe, da lag das neugeborene Kind wie frischgefallener Schnee auf dem Schoß der reinen Jungfrau, so zart, so rein, so lieblich. In himmlischer Freude erhebt Maria ihre jungfräulichen Hände und scheut sich noch, das göttliche Kind zu berühren. Sankt Josef aber wirft sich in frommem Entzücken zur Erde nieder und betet das Kindlein an. Er fühlt die Nähe der Engel, die in den gottgesegneten Raum herniederschweben.

 

Stille, heilige Nacht! Welch ein Trost geht von dir aus in unsere trostlose, liebeleere Zeit! Das Jahr, das in wenigen Tagen hinabsinken wird in die Ewigkeit, gleicht nur allzu sehr einem Herodespalast. Seine Fließen sind befleckt mit dem Blut unschuldiger Menschen, die Verbrecherhände aus Habgier oder politischer Leidenschaft oder Gewissenlosigkeit oder Gleichgültigkeit aus dem Weg räumten. Die stille Trauer einfacher Leute, die in Not geraten sind, wird übertönt von den Zechgelagen der Schlemmer, die die Reichtümer, die sie der Not der Zeit und der Menschen erpressten, in frevelhafter Weise verprassen. Die edle Zucht und fromme Sitte ist verstoßen und ausgewiesen aus stillen Landgemeinden, aus bürgerlichen Häusern, wo sie ehedem zu Hause war, und einsam irrt sie umher, wie Maria auf den Straßen Bethlehems.

 

Sollen wir traurig sein? O ihr alle, ihr schuldlosen Seelen, die ihr aufrecht geblieben seid in dieser Zeit sittlicher Verwirrung, die ihr eure Hände nicht befleckt habt an der Not des Nächsten, die ihr eure Ehre nicht preisgegeben habt, euch gilt die Botschaft des Engels: „Fürchtet euch nicht, ich verkünde euch eine große Freude: Heute ist in der Stadt Davids der Heiland geboren, welches ist Christus, der Herr!“ Mit den frommen Hirten möget ihr niederknien an der Krippe des Jesuskindes und in seine gütigen Augen sehen und eure Lippen leise an die segnenden Händchen drücken und Treue geloben, heilige Treue.

 

Oder hattest auch du keinen Platz in der Herberge deines Herzens, weil du andere Gäste darin aufgenommen hattest? Hast auch du deinen Fuß in sündigem Fieber auf die Schwelle des Herodespalastes gesetzt? Dann kehre um, ich bitte dich, in der heiligen Nacht. Es wird auch dir ein Stern leuchten, der den Weg zeigt zurück zu dem göttlichen Kind. Wahrhaftig, du bist zu gut, gemein zu sein. Fühlst du nicht, dass die Sünde nicht glücklich macht? Beuge auch du deine Knie vor dem Heiland der Welt und bekenne deine Schuld, dass du mit reinem Gewissen die Schwelle des neuen Jahres überschreitest.

 

Mit festem Gottvertrauen nehmen wir Abschied vom alten Jahr. Wir bereuen alle Fehler und Sünden, durch die wir es in unserer Schwäche entweiht haben, und danken Gott, dass er uns durch die Fährnisse der Zeit glücklich hindurchgeführt hat.

 

„Fürchtet euch nicht!“ Es hat im Laufe der Jahrhunderte schon manchen Herodes gegeben; es waren schon schlimmere Zeiten als unsere. Jene sind vermodert, diese sind vergangen. Das göttliche Kind in der Krippe aber lenkt immer noch die Welt. Wer es mit ihm hält, der wird nicht zuschanden werden. Und wenn wir mit Josef und Maria Mangel leiden, sind wir nicht glücklicher, als wenn wir im Palast des Herodes im Überfluss schwelgen?

 

„Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede den Menschen auf Erden!“

 

Mit diesem ehrwürdigen Gebet auf den Lippen gehen wir still und bescheiden den geraden Weg weiter hinüber in das neue Jahr.