Kommt zu Maria der Sünder...

 

Denken wir an den wunderbaren Augenblick, an dem Jesus als glorreicher Sieger mit seinem Leib von einer lichten Wolke umgeben in das Reich seines himmlischen Vaters einzog. Der auffahrende Erlöser wollte die Mahlzeichen der Wunden und die tiefen Narben an seinem verherrlichten Leib nicht abschütteln, sondern er behielt die blutigen Buchstaben, mit denen der Kreuzestod in seinen Händen und Füßen und an der Seite eingeschrieben war. Und so gezeichnet fuhr er hinauf. Er wollte unter den Engeln des Himmels vor dem Angesicht seines Vaters mit jenen Malen erscheinen, er wollte durch ihren Anblick den Vater, wenn er zornig ist über einen Sünder, zum Mitleid bewegen. An ihm soll der Vater die Zeichen des Todes sehen und dem Sünder das Leben schenken; ihn soll der Vater als ein geopfertes Lamm betrachten und den Sünder, weil er ein unseliges Opfer ist, der Rache entziehen.

 

Die Kirche lehrt, dass Maria mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen worden ist. Der Leib, der den Sohn Gottes umgeben hatte, das Fleisch, von dem das ewige Wort Mensch geworden ist, durfte die Verwesung nicht sehen. Der Tempel, in dem Gott geruht hat, durfte nicht durch Vermoderung zerstört werden, von der Verwesung nicht aufgelöst werden. Auch Maria ist mit Leib und Seele in das Reich ihres Sohnes eingezogen. Und so wie der Sohn seinem Vater, wenn er über die Sünder zornig ist, die Wunden zeigt, die er aus Liebe an seinem Leib trägt, so zeigt Maria ihrem Sohn, wenn er als Richter den Sünder verurteilen will, ihr Herz, unter dem er gebildet wurde, den Leib, der ihn trug und nährte.. Der Sohn lässt sich durch das Zeigen seiner Narben als Mittler zwischen dem Vater und den Menschen sehen, Maria aber tritt als eine Fürsprecherin zwischen den Sünder und ihren Sohn. Der Vater lässt ab von der Rache, die er sich bereits vorgenommen hatte, vom Mitleid erweicht, indem er die Wunden seines Sohnes erblickt; und auch der Sohn lässt ab von der Strafe, wenn er den Leib seiner Mutter sieht.

 

David, der königliche Stammvater der seligsten Jungfrau, hat Maria schon als eine Königin zur Rechten des Herrn stehen sehen. Eine Königin stand zu deiner Rechten in einem goldenen Gewand (Psalm 45,10). Er sah Maria stehen, diese Herrlichste unter den Königinnen, und eben dieses Stehen muss dem Sünder zu einem besonderen Trost werden. Sie steht bereit denen zu helfen, von denen sie angefleht wird, sie steht wartend da für die, die zu ihr fliehen, ihr Vertrauen auf sie setzen, die sie um ihre mächtige Fürsprache bitten, sie steht bereit, ihnen Gnade und Barmherzigkeit zu erlangen. Eine Königin stand zu seiner Rechten. Jesus kennt das mitleidige Herz der zärtlichsten Menschenfreundin. Zu Kana, wo Jesus mit seiner Mutter dem Hochzeitsfest beiwohnte, hat sich das Herz Mariens geäußert. Die Ehre der guten Brautleute lief Gefahr, denn sie hatten keinen Wein mehr. Das Herz Mariä wurde innigst angerührt. Sie blickte ihren Sohn wehmütig an und klagte ihm den Weinmangel. Die Stunde ein Wunder zu wirken war bei Jesus noch nicht gekommen, allein Maria bittet, und Jesus wirkt ein Wunder. Hat er nun die Bitte seiner Mutter vollzogen? Was wird er tun? Vielmehr: Was wird er seiner Mutter nicht tun, wenn sie um das Heil eines Menschen bittet? Maria, die nahe am Thron des Richters steht, wird mit ihrem Gebet den Thron wie mit einer Wolke umgeben, sie wird die Hitze des Richters dämpfen, die ausbrechenden Flammen löschen, und dem Herzen des Sünders einen gedeihlichen Tränenregen bringen.

 

Bringt einen Sünder, auch den größten Sünder! Er soll zu Maria gehen und wird als Büßer zurückkommen. Er wird durch die Fürbitte der mächtigsten Jungfrau die Gnade erhalten, ein Büßer zu werden, und hätte er auch seine Sünden zu einem riesigen Berg angehäuft, hätte er seine Augen mit den übelsten Blicken, die Ohren mit Anhörung der schändlichsten Geschichten, die Zunge mit den ärgerlichsten Gesprächen, die Hände mit Menschenblut, das Herz mit den schrecklichsten Lastern beschmutzt. Soll er ohne Licht sein, ohne Strahl, in der fürchterlichsten Finsternis ohne Stern, gänzlich von der Hoffnung verlassen?

 

Versetzen wir uns in Gedanken in die Gegend von Jerusalem. Wir sehen viele Menschen in eine Kirche gehen, Einheimische und Fremde, Neugierige und Pilger, das Kreuz zu verehren, an dem der Herr, das Heil der Welt, gehangen. Ganz vorwitzig drängelt sich auch eine junge Frau dorthin, die bisher nie um Gott und den Glauben Gedanken hatte. Maria von Ägypten ist ihr Name, eine andere Magdalena, eine stadtbekannte Sünderin. Ihre Sünden waren wirklich so groß, dass sich sogar die leblosen Steine weigerten, sie in das Heiligtum hineinzulassen. Auf der Treppe vor der Pforte der Kirche hält sie aber eine unsichtbare Gewalt zurück. Bei allem Schrecken, gibt sie einer bloßen Einbildung die Schuld und wagt es ein weiteres Mal. Sie versucht in die Kirche hineinzukommen, wird aber zum zweiten Mal heftig zurückgestoßen. Wie sich ein zu Boden geschlagener Kämpfer zusammenreißt, jetzt seinen Gegner zu stürzen, so sammelt die getroffene Sünderin den letzten Mut zusammen, sich in das Heiligtum hineinzudrängen. Nun wird sie aber zum dritten Mal so kräftig zurückgestoßen, dass sie erblasst, wie eine Leiche, und im Staub liegt. Alle ihre Herrlichkeit hat sie verlassen, alle Knochen zittern und geraten aus den Fugen, alle Haare stehen starr wie in die Höhe gebürstet. Die Unglückliche muss sich Tod und Hölle vor Augen führen. Sie weiß nicht mehr aus noch ein. Aber das erste was sie tut ist, dass sie die Augen gen Himmel erhebt, wohin sie auch Gottesleugner erheben, wenn sie von einem schweren Schicksalsschlag überfallen werden. Bei diesem Hinaufsehen erblickt sie an dem äußeren Gebäude der Kirche das Bildnis der seligsten Jungfrau Maria. Und kaum hat Maria von Ägypten Maria von Nazareth gesehen, so fällt die Ägypterin vor der Nazarenerin auf die Knie hin, nimmt ihre Zuflucht zu ihr, setzt ihr völliges Vertrauen auf sie, bittet, seufzt und fleht. „Maria“, jammert sie aus der Tiefe ihres ganz gefühlten Elends, „Maria, ach du Zuflucht der Sünder, reiche du mir deine Hand, da dein Sohn wider mich ist, sei du meine Fürsprecherin, da mich dein Jesus nicht will, dann wird er mich nicht weiter verstoßen. Aufnehmen wird er mich, wenn du für mich bist. Wo soll ich mich denn hinwenden als zu dir, du Mutter der Barmherzigkeit?“ Tränen strömten jetzt aus ihren Augen und redeten die Sprache eines ganz zerknirschten Herzens. Aber durch ein sanftes Zutrauen aufgemuntert, kehrt die Jammervolle zur Pforte der Kirche zurück, um sich vor dem Sühnealtar des Kreuzes niederzuwerfen. Ungehindert geht sie jetzt hinein, weil sie nämlich an der Pforte des Lebens , bei Maria angeklopft hat. Noch mehr! Die ein steinerner Tempel ihrer ungeheuren Sünden wegen nicht aufnehmen wollte, die ist auf die Fürbitte Mariens durch eine wahre Buße selbst ein lebendiger Tempel des Heiligen Geistes geworden. Die schrecklichste Wölfin kam zahm wie ein Lämmlein von Maria. Und nun trug sie mit viel Inbrunst Jesus das Kreuz der Abtötung nach, die kurz vorher von dem Becher der Wollust noch trunken war. Mit einem Wort: Maria von Ägypten ist als eine Sünderin zu Maria von Nazareth gekommen, und mit dem klaren Beispiel der Buße ist sie von ihr gegangen.

 

So sollte jeder kommen! Auch wenn die Sünde bis in das Mark hineingedrungen ist und man gleichsam mit ihr eines Wesens geworden ist: zittern, beben, flehen, allein nicht verzagen. Zu Maria eilen, die das Leben geboren hat und die Mutter der Barmherzigkeit ist. Wir werden sie stehend antreffen, als hätte sie schon auf uns gewartet, auf unsere Bitte hin, ihren Sohn für uns zu bitten. Sie braucht nicht einmal reden, mit ihren Blicken nimmt sie den Sohn ein. Nicht nur ihre Worte sind voll Kraft, sondern auch ihre Augen. Sie zeigt ihr Herz, jenes Leidensmeer, welches alles empfand, was Jesus an seinem Leib erlitten hat. Und der Sohn, sollte er seiner Mutter, nach jenem Leiden, die Freude versagen, welche sie in der Bekehrung eines Sünders empfindet? Wir Sünder sollten uns trösten und uns freuen, denn ganz gewiss werden wir als Büßer wieder von Maria gehen.

 

Ist Maria kein Licht für uns? Ist sie etwa nur ein Mond in der Nacht der Sünde? Werden wir sie vergeblich suchen? Nichts weniger! Maria wird sich zeigen durch den Zufluss der Gnaden als eine Morgenröte!