Ihr Name aber war Maria

 

Dem Kind einen Namen zu geben, ist heiliges Recht der Eltern. Gott selber hat dieses Recht ausgeübt, als er am Anfang der Geschichte Menschen und Tieren einen Namen gab. Er hat mit dem Namen das Wesen der Dinge bezeichnet. Der Name deutete an, was die Dinge sind oder sein sollten. Die Eltern handeln als Gottes Stellvertreter, wenn sie ihren Kindern einen Namen geben. Gewiss, sie durchschauen nicht das Wesen und die künftige Bedeutung ihres Kindes und der Name ist daher nicht so bedeutungsvoll, wie wenn Gott selber ihn gäbe oder wenn Eltern unter dem Einfluss seiner besonderen Leitung das Recht der Namensgebung ausübten.

 

Joachim und Anna, die so lange Jahre auf dieses Kind gewartet hatten, handelten sicher unter der besonderen Leitung Gottes, als sie das langersehnte und lang erbetete Kind Mirjam, Maria nannten. Sie glaubten, sie selber würden den Namen geben, aber tatsächlich führten sie Gottes Ratschluss aus. Sie wussten ja nicht, welche Lebensbestimmung dieses Kind einst haben sollte, und doch gaben sie einen Namen, der seiner Bestimmung gerecht wurde. Er sollte nächst dem Namen Gottes und seines eingeborenen Sohnes der heiligste und ehrwürdigste Name im Himmel und auf Erden werden.

 

Gelehrte und ungelehrte Marienverehrer aller Zeiten haben sich von jeher mit der Deutung dieses Namens beschäftigt. Man behauptet, es gäbe 60 verschiedene Erklärungen, und jede beanspruche, die beste zu sein. Die ältesten und wohl auch die schönsten Erklärungen der Kirchenlehrer sagen, Maria bedeute „Herrin, Gebieterin, Mächtige, Starke, Erhabene“. Diese Erklärung hat ihren Widerhall in vielen Sprachen gefunden. Die Italiener nennen Maria Madonna, meine Herrin, die Franzosen und Spanier ehren sie als „Unsere Herrin, Notre Dame, Nuestra Senora“. Den schönsten und innigsten Ausdruck aber fand diese Erklärung im deutschen Mittelalter, das Maria als „Unsere Liebe Frau“ verehrte. Frau war damals der Titel für vornehme, adelige, ritterliche Damen. Andere Erklärer geben dem Wort einen ganz anderen Sinn. Sie sagen, es bedeute „Bitterkeit des Meeres“.

 

Am verbreitetsten aber ist wohl die Deutung des Namens als „Stella maris, Meeresstern“. Sie erinnert an ein Bild der Geheimen Offenbarung, wo es heißt: „Es erschien ein großes Zeichen am Himmel, eine Frau, mit der Sonne umkleidet, den Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen.“ Diese Deutung wurde ungeheuer volkstümlich, weil sich vor allem die Dichtung ihrer bemächtigte und in vielen Liedern Maria als Meeresstern feierte. Man denke nur an die Lieder „Stern auf diesem Lebensmeere“, „Meerstern, ich dich grüße“, „O Stern im Meere“, „Ave maris stella“. Maria steht wie ein lichter, makelloser Stern über uns, als unsere Wegweiserin auf dem Meer des Lebens, damit wir sicher zum Hafen der Ewigkeit gelangen. Immer wieder werden wir ermahnt, aus den Härten des Lebens hinaufzuschauen zu den lichten Höhen der Sterne. Und unzählige Menschen, die sich verirrt hatten, ruder- und steuerlos sich Wind und Wellen preisgegeben sahen, haben, wie sie selber bekannten, den richtigen Weg zu Gott, der höchsten Wahrheit, gefunden durch Maria, den hellen Meeresstern.

 

Darum durfte schon der große Minnesänger Marias, der heilige Bernhard, Maria preisen als „hellleuchtenden, hilfreichen, tröstenden und wegweisenden Stern“. Und in einem ganz wunderbaren Loblied auf Maria forderte er die Christen auf, in allen Lebenslagen zu diesem Stern aufzuschauen und den Namen Maria anzurufen.

 

Friedrich Wilhelm Weber hat den gleichen Gedanken in dichterischer Form Ausdruck gegeben in den Versen:

 

Es gibt so bitt`re Stunden

im wirren Lebenslauf,

da brechen alte Wunden

mit neuen Schmerzen auf.

Der Frühling ist verdorben,

der Sonnenschein erstorben,

und trüb und schwer der Mut:

da denk ich dein, Maria,

und gleich ist alles gut.

 

Der Name Maria erscheint auf dem ersten und dem letzten Blatt der Heiligen Schrift. Denn sie ist die Frau, die in der Schöpfungsgeschichte als Retterin der Menschheit verheißen wird, und auf dem letzten Blatt der Schrift erscheint sie wiederum als Mutter der Erlösten, der Kirche, gegen die die Mächte der Unterwelt vergebens ankämpfen.

 

Seit dem ersten Magnifikat auf Erden, als Maria voraussagte, dass ihr Name selig gepriesen würde von allen Geschlechtern, ist ihr Lob auf Erden nicht mehr verstummt. Die äußeren Formen der Marienverehrung haben sich wohl geändert, aber die Verehrung selbst hat nicht nachgelassen. Die Kirchenlehrer und Gottesgelehrten, die Dichter, Baumeister und Maler haben in heiligem Wetteifer ihr Lob gesungen. Die Orden und Gemeinschaften, die ihren Namen tragen und ihre Verehrung besonders fördern wollen, haben sich über die ganze Welt verbreitet und tragen das Lob ihrer Herrin und Königin mit jedem Tag weiter in die heidnische Welt, damit alle ihre Mutter erkennen und lieben.

 

Und wer kann sagen, wie viele Ave Maria täglich auf Erden gebetet werden, wie viele Stoßgebete zu ihr hinaufdringen! Und jedes Ave und jedes Stoßgebetlein ist wie ein inniger Gruß und wie ein herrliches Lob auf Maria. Millionen von Glocken läuten ihr zu Ehren, über die ganze Erde ziehen sich die Wallfahrtsorte, wo man ihr Lob singt und feiert. Unzählige heben ihre Hände zu ihr empor, ihre guten, reinen, getreuen Kinder sowohl als auch jene, die in die Irre gegangen waren und nun heimkommen zur Mutter und ihre Güte und Barmherzigkeit preisen. Wir können uns die Welt gar nicht mehr vorstellen ohne Maria, ebenso wenig wie wir sie uns vorstellen können ohne Christus. Seite an Seite mit ihm kam sie zu unserer Rettung, Seite an Seite steht sie mit ihm im Himmel, um für uns Fürbitte einzulegen, Seite an Seite steht ihr Altar neben dem Christusaltar in unseren Kirchen. Sie hat uns einst Christus gebracht und sie tut es noch immer, und soll uns besonders in der Ewigkeit zu ihm führen. Darum beten wir im Salve Regina so gern: „Und nach diesem Elend zeige uns Jesus, die gebenedeite Frucht deines Leibes.“

 

Das wollen wir an jedem Tag und besonders am Fest ihres heiligen Namens tun und aus tiefstem, dankbaren, frohen Herzen dem Engel den einzigschönen Gruß nachsprechen:

 

Ave Maria !