Ein Wahlspruch

 

Ein Wahlspruch

 

Josef, der heilige Zimmermann zu Nazareth, hatte sich eines Abends, wie schon so oft, ermüdet von der Arbeit auf sein hartes Lager hingelegt und wohl nichts anderes gedacht, als dass er am Morgen sein gewohntes Tagewerk – wenn es so Gottes Wille sei – wieder aufnehmen werde. Ja, wenn es Gottes Wille sei! Aber diesmal war es nicht Gottes Wille! Es war bestimmt in Gottes ewigem Ratschluss, dass das Lebensschifflein Josefs in dieser Nacht urplötzlich eine von ihm nie geahnte Richtung einschlagen solle.

 

Als in der Hütte alles – der heilige Nährvater, die heiligste Mutter und das göttliche Kind – in tiefem Schlummer lag, da vernahm das Haupt der heiligen Familie eine Stimme, die zu ihm sagte: „Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und fliehe nach Ägypten!“ Ein Engel des Herrn war es, der ihm diese Botschaft gebracht, und Josef war es sofort klar geworden, dass Gott hierdurch seinen Willen kundgetan hat.

 

Es ist Josef wohl auch sofort zum Bewusstsein gekommen, dass dieser Befehl Schweres und Hartes in sich schließe. Nach Ägypten zu fliehen – nach einem Land, das ihm bisher wohl wenig mehr als dem Namen nach bekannt war – auf einem Weg, von dem er nur wusste, dass er durch eine große Wüste führe – abzureisen sofort, mitten in der Nacht, ohne Zeit zu haben, von Verwandten und Bekannten Abschied zu nehmen: Wahrlich, das war ein Auftrag, in dem in der Tat gar viel Schweres und Hartes lag!

 

Aber wie führte ihn Josef aus? Ohne im Geringsten zu zögern und zu zaudern. Sofort und mit größter Bereitwilligkeit erhebt er sich von seinem Lager, kleidet sich an, weckt seine heilige Gemahlin, macht sie mit dem erhaltenen Gottesauftrag bekannt, und unverzüglich treffen die beiden die nötigsten Vorbereitungen zur Abreise und dann – dann geht es hinaus in die Nacht und ihr Wegweiser ist nicht ein Stern, der ihnen wie den heiligen drei Weisen voranzieht, sondern einzig das Wort, das einst Abraham gesprochen, als ihn Isaak fragte, wo das Schlachtopfer sei, das Wort: „Gott wird sorgen!“

 

Und ihr Vertrauen, dass der Herr für sie sorgen werde, es wurde nicht zuschanden. Der himmlische Vater ließ die drei Reisenden den Weg finden mitten durch die Wüste, die si zu durchwandern hatten; er schützte sie vor den Gefahren, die ihnen überall drohten und er führte sie in das Land, das ihnen bisher ganz fremd gewesen war.

 

„Gott wird sorgen!“ – Schlichtes, aber ein recht inhaltsreiches Wort! Möchte es immer auch unser Wahlspruch sein, insbesondere aber dann, wenn es uns einmal schwer oder fast unmöglich erscheinen sollte, den göttlichen Willen zu vollziehen, oder wenn Kleinmut und Verzagtheit sich unserer Seele bemächtigen und es den Anschein hat, als wollten der Sorgen zu viele werden. Sicher werden wir, gleich dem heiligen Josef, die Erfahrung machen, dass auch unser Vertrauen nicht zuschanden wird, dass Gott auch uns den Weg weist, dass er überhaupt in allem väterlich für uns sorgen wird.

 

Freilich – und das muss auch gesagt werden – freilich wird Gottes Absicht nur dann erreicht werden, wenn wir uns bemühen, unseren Willen immer so bereitwillig, so rasch, so ohne Zögern, so entschieden mit dem göttlichen Willen zu vereinen, wie das der heilige Josef getan und worin er uns ein so schönes Beispiel gegeben hat.

 

Im Kleinen

 

O welch ein hehres Streben,

Welch hohe Seligkeit:

Ihm leben und ihm dienen,

Dem Herrn der Herrlichkeit!

 

Ja, selbst dem Dienst im Kleinen

Versprach der Gottessohn

Des Himmels ew`ge Freuden,

Als überreichen Lohn.

 

O Wonne, dann zu hören, -

Wenn wir sein Antlitz sehn -:

„Das Kleine, das du tatest,

Es ist für mich geschehn!“