Die Sunamitin

 

Wo ein lieber Gast erwartet wird, da freuen sich alle im Haus, und es wird gefegt und geputzt, und alles wird aufs beste hergerichtet, damit der Besuch sich wohl fühlt und gern verweilt.

 

Am Weihnachtsfest kommt zu uns ein hoher Gast, der höchste, den es gibt im Himmel und auf Erden. Der liebe Heiland kommt. Das Christkind ist nahe. Das ist eine Freude, die so groß ist, dass man sie kaum fassen kann. Da müssen wir uns also für den Besuch einrichten und alles aufs beste ordnen, damit das Christkind gern zu uns kommt und sich gern bei uns aufhält. Eine Geschichte aus dem Alten Testament soll uns zeigen, was wir zu tun haben, damit das Christkind mit Freuden bei uns einkehrt und gern bei uns bleibt. Ungefähr neunhundert Jahre vor der Geburt des lieben Heilandes lebte im Heiligen Land der Prophet Elisäus. Einmal wanderte er nach der Stadt Suna. Es war ein weiter Weg in drückender Hitze auf staubiger Landstraße. Man kann sich denken, dass Elisäus, als er endlich in der Stadt Suna ankam, hungrig und durstig und zum Umfallen müde war.

 

Von Herzen froh war er daher, als ihn eine Frau aus Suna, also eine Sunamitin, auf der Straße ansprach und ihn einlud, ihre Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen, und so gut hat sie den Fremden bewirtet und beherbergt, dass Elisäus, sooft er später nach Suna kam, regelmäßig bei ihr einkehrte. Bei diesen Besuchen bemerkte die Frau bald, dass der Gast ein heiliger Mann war, und weil sie auch selbst zur Frömmigkeit neigte, hätte sie es gern gesehen, dass Elisäus häufiger und länger in ihrem Haus verweilte. Deshalb richtete sie eigens für ihn, wie die Heilige Schrift erzählt, mit Zustimmung ihres Mannes ein schönes wohnliches Zimmer ein, das nur für ihn bestimmt war und das immer für ihn bereitstand.

 

Ähnlich wie die Sunamitin den heiligen Mann Elisäus aufnahm, müssen auch wir das Christkind aufnehmen, wenn es am hochheiligen Weihnachtsfest zu uns kommt.

 

Wir müssen ein Zimmer für das Christkind herrichten. Das Zimmer ist unser Herz. Was soll das bedeuten? Wie ist das zu verstehen, dass wir unser Herz als Zimmer für das Christkind herrichten? Das heißt, dass wir an das Christkind denken sollen, so dass es durch unsere Gedanken gleichsam in unseren Herzen wohnt. Leider gibt es viele Menschen, die zu Weihnachten nur an Geschenke und Besuche und Festessen denken und darüber das Christkind vergessen, so dass in ihren Herzen kein Platz für das Christkind ist. Wie unschön solch ein Benehmen ist, zeigt die folgende Geschichte.

 

Es war einmal eine Kindtaufe. Als man aus der Kirche heimkehrte, legte man das Kindlein, weil noch keine Wiege vorhanden war, in ein Bett, und dann setzten sich die Gäste zu Tisch und aßen und tranken und scherzten und lachten, und niemand dachte mehr an das Kind. Als schließlich die Besucher aufbrechen und beim Abschied das Kindlein noch einmal sehen wollten, fanden sie es tot in den Kissen. Es war unter den Mänteln und Tüchern, die man achtlos in der Eile, um schnell an den Tisch zu kommen, auf das Bett geworfen hatte, erstickt. Nicht wahr, das ist eine traurige Geschichte!

 

Geradeso traurig ergeht es zu Weihnachten leider auch dem Christkind in vielen Häusern und Herzen. An tausend Dinge denkt man, nur an das Christkind denkt man nicht. Tausend Dinge nimmt man liebend auf ins Herz, aber das Christkind lässt man als Fremdling draußen stehen.

 

Nein, das Christkind dürfen wir über all dem Drum und Dran des Weihnachtsfestes am wenigsten vergessen. Dafür ist ja gerade das Weihnachtsfest da, dass wir uns an das Christkind und an die Gnaden und Gaben, die es uns gebracht, in Liebe erinnern.

 

Wir müssen also oft an das Christkind denken und ihm so in unseren Herzen ein schönes, wohnliches Zimmer bereiten. Dann mag es wohl sein, dass es am Weihnachtsfest gern zu uns kommt und gern bei uns bleibt und uns segnet mit Friede und Freude und Gnade und Heil.