Die Andacht zu Maria

 

Ob wir wohl einmal in den Himmel kommen, oder ob wir zur Zahl jener Unglücklichen gehören, die Gottes Antlitz niemals schauen werden? – Wer könnte uns bloß diese Sorge nehmen, wer könnte uns sagen: „Sei ruhig und fürchte dich nicht, denn du hast ja ein Merkmal an dir, dass dein Name ins Buch des Lebens eingeschrieben ist!“ –

 

Doch nein, wir brauchen nicht andere um unser ewiges Los zu befragen, wir können uns selbst die Antwort geben. Denn es gibt wirklich ein Kennzeichen, das nur jene an sich tragen, die Gott der Herr selig machen will – nämlich die Andacht zu Maria. Wer sich das Zeugnis geben kann, dass er Maria aufrichtig liebe und verehre, der besitzt ein Unterpfand des Himmels, der darf voll Zuversicht und froher Hoffnung seinem Lebensende und dem Gericht entgegen sehen.

 

Auf den ersten Blick scheint diese Behauptung zu schön, um wahr zu sein, und doch ist sie nicht etwa nur eine fromme Phantasterei, sondern die einstimmige Lehre aller Heiligen und Gottesgelehrten. Der hl. Anselm z.B. äußert sich dahin: wie derjenige unmöglich selig werden könne, der keine große Andacht zu Maria habe und der von ihr nicht beschützt werde, so werde unmöglich verloren gehen, wer immer die Mutter des Herrn kindlich verehre und sich ihre Huld erwerbe. Auf ähnliche Weise drückt sich der hl. Antonin aus: „Gleich wie es unmöglich ist, dass die, von denen Maria die Augen ihrer Barmherzigkeit abwendet, zur Seligkeit gelangen, so müssen notwendigerweise auch alle, auf die sie ihre Augen richtet und für welche sie Fürbitte einlegt, gerettet und verherrlicht werden.“ Der hl. Alphons von Liguori hat diese und viele andere Aussprüche von verschiedenen Heiligen in seinem Buch über die „Herrlichkeiten Marias“ gesammelt und er fügt seinerseits hinzu, man könne von einem treuen Diener Mariens mit dem hl. Paulus sagen: „Er hat dieses Siegel: es kennt der Herr die Seinen.“ (2 Tim 2,19): „Wer diese Andacht zu Maria als ein Siegel an sich trägt, den erkennt Gott als den Seinigen und er kann dies mit dem hl. Bernhard als ein sicheres Zeichen der Erlangung der künftigen Seligkeit betrachten.“ Der große Bischof war davon so fest überzeugt, dass er selbst mit fast ängstlicher Genauigkeit an seinen gewöhnlichen Andachtsübungen zu Ehren der Himmelskönigin festhielt. Als er in den letzten Jahren seines Lebens ans Krankenlager gefesselt war, fragte er eines Abends den ihn bedienenden Laienbruder, ob er an diesem Tag auch schon den Rosenkranz gebetet habe. Der Krankenwärter antwortete, um ihn zu beruhigen: „Ich glaube, Sie haben ihn gebetet.“ „Ich glaube, ich glaube,“ erwiderte der Heilige, „bist Du sicher? Du weißt also nicht, dass von der Andacht zu Maria mein ewiges Heil abhängt?“

 

Dieser tröstliche Glaube der Heiligen stützt sich wie auf zwei starke, unerschütterliche Säulen namentlich auf die Macht und Güte Mariens. Auf der einen Seite ist es nämlich gewiss, dass Maria uns retten kann, wenn sie will. Denn infolge eines Gesetzes der göttlichen Vorsehung kommen uns alle Gnaden durch ihre Vermittlung zu. Sie ist die Schatzmeisterin, die Ausspenderin der Gnaden. „Keine Gnade“, sagt der hl. Bernardin, „senkt sich vom Himmel auf die Erde nieder, sie gehe denn durch Marias Hand.“ So hat es Gott gewollt, weil Maria mit ihrem göttlichen Sohn zur Erlösung der Menschen mitgewirkt hat.

 

Andererseits ist es ebenso unzweifelhaft, dass die seligste Jungfrau sich am Thron Gottes vor allem für jene verwendet, die ihr treu ergeben sind und beständig und vertrauensvoll ihre Zuflucht zu ihr nehmen. Wie die Königin Esther den König Assuerus für ihr ganzes Volk um Schonung bat, so legt Maria für alle Menschen Fürbitte ein, aber in besonderer Weise für ihre eifrigen Verehrer. Deshalb legt ihr die hl. Kirche die Worte der hl. Schrift in den Mund: „Ich liebe, die mich lieben; und die frühe zu mir wachen, werden mich finden. Bei mir sind Reichtum und Ehre, überschwängliche Güter und Gerechtigkeit.“ (Sprichwort 8,17-18).

 

Recht sinnig drückt dies die naive Legende aus, in der sich unsere Vorfahren erzählen ließen, wie der erste Schwarzafrikaner in den Himmel gekommen sei.

 

Als es nach vielen Jahrhunderten, so erzählt die Sage, endlich einem aus diesem Geschlecht gelungen war, das Himmelreich und die Pforte des himmlischen Jerusalem zu finden, da habe er auch herzhaft an derselben angepocht, um eingelassen zu werden. Bald habe auch St. Petrus den ihm übergebenen Schlüssel des Himmelreiches ins Schloss geschoben, zurückgedreht und etwas die Pforte geöffnet. Doch kaum sei er des Himmels-Reisenden, der in seiner ganzen Größe und Schwärze draußen stand, ansichtig geworden, so habe er vor Schreck die Tür gar eilends wieder zugeworfen und den armen Mann umsonst um Einlass rufen lassen. Was sollte der jetzt beginnen? Sterbenstraurig setzte er sich nach langem Harren nieder und weinte bitterlich; und sein Schmerz war um so untröstlicher, weil sowohl ihn wie seine Stammesgenossen die ersten Glaubensboten einer guten Aufnahme im Himmel versichert hatten. Sein lautes Weinen machte die Königin des Himmels, die eben von den Mauern zu ihrer lieben Erde hinabsah, auf ihn aufmerksam und voll Liebe und Milde rief sie ihm zu, was er denn habe und weshalb er weine. Er brachte schluchzend sein Anliegen vor und bat die schöne liebe Frau, ihm doch das Tor wieder aufmachen zu lassen, das sie ihm verschlossen hätten. „Über dieses Tor“, lautete die Antwort, „habe ich keine Macht, aber gehe auf die entgegengesetzte Seite der Himmelsmauer, dort ist ein Hinterpförtchen, an dem klopfe an, so werde ich dir auftun heißen.“ Der arme Mann flog mehr als er ging zur bezeichneten Stelle, pochte mit aller Gewalt und lag der Himmelskönigin zu Füßen.

 

Das ist eine kindlich-einfältige Erzählung, und doch tut ihr Kern, ihr Geist dem gläubigen Gemüt so wohl. Der Gedanke, der ihr zugrunde liegt, ist eben kein anderer, als dass Maria oft dem ärmsten, schwärzesten Sünder noch zur Seligkeit verhilft, wenn er recht innig ihre barmherzige Liebe anfleht. Selbstverständlich gilt dies nicht von den verstockten Sündern, die da glauben, sich hinter einigen Andachtsübungen zur lieben Muttergottes gleichsam verstecken zu können, um desto ungestörter ihren Lastern zu frönen. Solche warnt der hl. Alphons: „Wenn ich sage, dass ein Verehrer der Gottesmutter nicht verloren gehen könne, so verstehe ich natürlich darunter keinen, der seine Andacht zu dem Zweck missbraucht, um mit größerer Zuversicht sündigen zu dürfen . . . Solche verwegene Menschen verdienen für ihr tollkühnes Vertrauen keine Barmherzigkeit, sondern gerechte Strafe.“ Wenn aber ein Sünder unter der Last seines Gewissens seufzt und sich gern bessern möchte, wenn er sich selbst zu schwach fühlt, um das Joch der schlechten Gewohnheiten abzuwerfen, so soll er nur aus dem Abgrund seines Elends zu Maria um Hilfe schreien: sie wird, von seinem traurigen Zustand gerührt, ihm ihre Hand reichen, seine Ketten sprengen und ihn in die Arme seines himmlischen Vaters zurückbringen.

 

Oder was könnte dem Sünder diese Hoffnung rauben? Etwa der Zweifel, ob Maria wirklich auch ihn liebe? Aber sie ist ja die Zuflucht der Sünder, die Königin und Mutter der Barmherzigkeit. Oder die Furcht vor dem Zorn Gottes? Aber Maria ist ja mächtig genug, Gott zu besänftigen und mit uns zu versöhnen. Der hl. Bonaventura vergleicht sie nicht umsonst mit der weisen Abigail, die durch ihre Bitten den erzürnten König David so gut zu beruhigen verstand, dass er sie sogar segnete und ihr dafür dankte, dass sie seine Rache an Nabal verhindert hatte. Dasselbe tut Maria im Himmel fortwährend für unzählige Sünder: durch ihre Bitten entwaffnet sie die göttliche Gerechtigkeit und verwandelt dieselbe in Segen.

 

Noch viel mehr als die Sünder haben Grund, auf Maria zu hoffen, die Gerechten, die „Tag für Tag an ihren Toren wachen“, ihre Tugenden nachahmen, aus Liebe zu ihr gute Werke verrichten, für ihre Ehre eifern usf. Denn keine Mutter wacht mit der Sorgfalt über der Wiege ihres Kindes, wie Maria darauf bedacht ist, diese ihre Lieblingskinder durch die Stürme des Erdenlebens glücklich in die ewige Heimat zu geleiten. Es ist ja auch der Mutter eigen, dass sie nichts sehnlicher verlangt als ihre Kinder bei sich zu sehen. Wenn dieselben noch in der Fremde herumirren und darben, während sie bereits im Glück ist, ruht sie nicht, bis sie ihre Freude mit ihren Kindern teilen kann.

 

Daher der wunderbare Schutz des Himmels, der über dem ganzen Leben der Kinder Mariens waltet, wie man immer beobachten kann. Wie einst über den hl. Drei Königen zieht über ihrem Haupt ein leuchtender Stern dahin, der ihnen auf allen Wegen und Stegen folgt und sie schließlich zu Jesus führt: das Auge der zärtlichsten der Mütter. Dieser Stern verbleicht nie, wenn auch von allen Seiten die Wolken sich türmen; er erglänzt um so heller, je dunkler die Nacht. Die Kinder Mariens haben Versuchungen zu bestehen wie alle Sterblichen, aber Maria schützt sie, dass sie nicht in die Fallstricke des Teufels geraten, und wenn sie einmal das Unglück gehabt haben, zu fallen, hilft sie ihnen, bald wieder aufzustehen. Sie bleiben nicht verschont von Kreuz und Leid, aber sie verzweifeln nicht: der Gedanke an Maria träufelt Balsam in alle ihre Wunden. Sie entgehen ebensowenig als die anderen Menschen der größten Not, der Todesnot, aber ihr Tod ist gleichsam verklärt vom Widerschein ihrer nahen Seligkeit.

 

Ja, es ist eine Tatsache, welche den Weltmenschen oft wie ein unlösbares Rätsel vorkommt, dass die Diener Mariens so leicht und schön sterben. Der heilige Klemens Maria Hofbauer bekannte auf dem Totenbett seinem Beichtvater: „Ich trage den Himmel in meiner Brust.“ In den neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts lag in Linz a. D. ein Beamter, ein Mitglied der marianischen Kongregation, schwer krank darnieder. Die Ärzte hatten ihn aufgegeben und erwarteten seinen Tod, doch er überwand die Krankheit und genas wieder. Als ihn dann einer seiner Freunde fragte, was er gedacht und gefühlt habe in den Stunden, da er dem Tod aus unmittelbarer Nähe ins Auge schauen konnte, erwiderte er: „Merkwürdig! Ich habe mich gar nicht gefürchtet, und was mir so große Ruhe gab, war das Bewusstsein, dass ich ein Kind Marias sei.“

 

Wenn wir uns wie dieser brave Kongreganist sagen können, dass die Liebe zur allerseligsten Jungfrau nicht nur auf unseren Lippen, sondern in unserem Herzen wohne, so müssen wir Gott dafür wie für eine besondere Gnade danken und unsere Andacht als kostbares Kleinod hüten und bewahren. „Danke Gott“, schreibt der hl. Alphons, „wenn du erkennst, dass Gott dir Liebe und Vertrauen zur Himmelskönigin eingeflößt hat, und sprich mit dem hl. Johannes Damascenus: O Mutter meines Gottes, wenn ich mein Vertrauen auf dich setze, so werde ich gewiss selig; wenn ich unter deinem Schutz bin, so habe ich nichts zu fürchten, denn die Andacht zu dir ist eine sichere Waffe des Heils.“

 

Sollten wir aber bemerken, dass unsere Liebe zu Maria allmählich erkaltet ist, so dürfen wir uns nicht zufrieden geben, bis der Funke wieder zur hellauflodernden Flamme geworden ist, ja, bis die Andacht zur Gottesmutter in uns feste Wurzeln geschlagen hat, so dass uns wie von der Liebe Gottes so auch von der Liebe zu ihr nichts zu trennen vermag: „weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Stärke, weder Höhe noch Tiefe, noch ein anderes Geschöpf.“ (Röm 8,39 ff) „Denn, wenn ich Maria liebe“, sagte oft und mit Recht der hl. Johannes Berchmans, „so bin ich meiner Beharrlichkeit gewiss und werde alles von Gott erlangen, was ich will.“