Das hochheilige Weihnachtsfest

 

Nach Betlehem sind es von Jerusalem knapp zwei Stunden Wegs. Man wandert, ein wenig steigend, durch fruchtbares Gelände, durch Weizen- und Maisfelder, unter schattigen Oliven-, Mandel- und Feigenbäumen, an denen, vielfach verschlungen, Reben mit weißen und roten Trauben sich hochranken. Landschaftlich gesehen, liegt Betlehem scheinbar in einer verlorenen Ecke des Paradieses, und ein Paradies ist es in Wahrheit dadurch geworden, dass dort der Erlöser geboren wurde.

 

Über der begnadeten Stätte, wo der Heiland zur Welt kam, hat vor ungefähr sechzehn Jahrhunderten die heilige Kaiserin Helena ein Marienheiligtum erbauen lassen, das heute noch steht, breit und wuchtig, mit fünf Schiffen, die durch vierundvierzig Säulen voneinander getrennt sind.

 

Im weichen Gestein unter dem Fußboden der Kirche befinden sich vier Grotten oder Höhlen, von denen die geräumigste zwölf Meter lang, vier Meter breit und drei Meter hoch ist. Dort wurde, wie in einem alten Buch zu lesen ist, im Jahre 5199 seit der Erschaffung der Welt, im Jahre 2759 seit der Sintflut, im Jahre 2015 seit Abrahams Geburt, im Jahre 1032 seit Davids Krönung zum König, im 42. Jahre der Regierung des Kaisers Augustus, als der Friede auf der ganzen Welt hergestellt war, Jesus Christus, der ewige Gott und der Sohn des göttlichen Vaters, geboren.

 

Wenn diese Stelle aus dem alten Buch nach altem Brauch in alten Klöstern alljährlich am Tag vor Weihnachten verlesen wird, ziehen die Mönche vorher die Schuhe aus, entblößen ehrfurchtsvoll das Haupt und vernehmen schweigend, in Demut tief gebeugt, die heiligste und herrlichste Kunde, die je den Menschen zuteil wurde.

 

Der Heiland wurde also nicht in einem Stall auf freiem Feld geboren, sondern in einer Felsengrotte, und Maria wickelte das Christkind in Windeln und legte es in den Futtertrog, der sich am Ende der Höhle befand in einer Felsennische, die mit Lehm zu einer Krippe hergerichtet war. Solche Steinkrippen gibt es heute noch viele in der Umgegend von Betlehem, und es ist wohl anzunehmen, dass das Christkind nach der Geburt in eine kalte Steinkrippe von dieser Art und nicht in eine wärmere Holzkrippe gebettet wurde, die man damals kaum kannte.

 

Wenn sich das aber so verhält, wie ist es dann zu verstehen, dass heute noch in Rom die Reliquien der Holzkrippe von Betlehem gezeigt werden?

 

Früh schon wurden nämlich die Reste einer Holzkrippe, in Silberplatten eingelegt, von den Gläubigen hoch verehrt. Fünf Bretter sind es, die im Lauf der Jahrhunderte recht klein wurden, weil man immer wieder Splitter von ihnen loslöste und als Reliquien in die ganze Welt verschenkte. Heute befinden sich die Reste dieser Krippe in der Kirche Groß-Sankt-Marien zu Rom auf einem eigenen Altar, von dem sie für die Weihnachtszeit auf den Hauptaltar übertragen und zur Verehrung der Gläubigen ausgestellt werden.

 

Wenn also die liebe Mutter Gottes das Christkind nach der Geburt in einen Steintrog bettete, woher um alles in der Welt kommt da die Holzkrippe, deren Überreste noch vorhanden sind?

 

Das ist eine leichte Frage. Die Holzkrippe kommt vom Zimmermann. Kaum hatte der heilige Joseph im Stall zu Betlehem die große Not gesehen, in der sich das Christkind befand, da suchte er gleich ein paar Bretter zusammen, aus denen unter seinen geschickten Zimmermannshänden im Nu eine Krippe entstand. Schnell füllte er sie mit reinem Heu und Stroh, und dann bettete Maria das Christkind aus dem Steintrog in die Holzkrippe.

 

Das hat der gute heilige Joseph recht gemacht, dass er sofort die hölzerne Krippe herstellte, denn darin lag das Christkind doch ein wenig weicher und wärmer als in dem Steintrog – und trotzdem lag es immer noch hart und kalt genug.

 

Kann man ihm denn gar nicht helfen?

 

Doch, man kann dem Christkind wohl helfen, nämlich dadurch, dass man es aus der Krippe ins eigene Herz bettet. Wie macht man das? Durch die Liebe, die man dem Christkind schenkt. Wie aber schenkt man dem Christkind die Liebe? Dadurch, dass man gut ist, denn der Heiland sagt: „Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt.“ Das Herz eines guten Menschen ist daher wie eine weiche und warme Wiege für das Christkind.