Das Gnadenbild vom Christkind

 

Unter den vielen Gnadenbildern, die es in der katholischen Christenheit gibt, befindet sich auch ein Gnadenbild vom Christkind. Nicht in Betlehem ist es zu suchen, sondern in Rom.

 

Unter den sieben Hügeln, auf denen die Ewige Stadt steht, ist einer, Kapitol geheißen, der ehedem zur Heidenzeit der Mittelpunkt der damaligen Welt war, denn auf ihm erhob sich mächtig, breit und wuchtig das Kaiserschloss des großen Römischen Reiches mit vielhundert Zimmern und Sälen unter einem Dach, das aus eitel Gold bestand. Dort herrschte wie ein Gott Kaiser Augustus so gewaltig, dass die Untertanen vor ihm auf die Knie sanken und ihn anbeteten.

 

Gar zu gern hätte Kaiser Augustus, der stolze Gründer und tatkräftige Mehrer des Römischen Reiches, gewusst, was nach seinem Tod aus seiner Herrschaft werde und wer sein Nachfolger sei. Deshalb befahl er die berühmteste Seherin im Land zu sich, damit sie ihm die Zukunft künde, und als sie kam, hatten beide, der Kaiser und die Seherin, ein Gesicht. Von einem schimmernden Strahlenkranz umgeben, sahen sie die Sonne, und in der Sonne mit dem Strahlenkranz rundum stand, mit einer goldenen Krone auf dem Haupt, überirdisch schön, eine junge Mutter, die auf den Armen ein Kindlein trug, und zugleich wurde dem Kaiser durch den Mund der Seherin bedeutet, dass das Kind auf den Armen der überirdischschönen jungen Mutter der Herr der Herren sei und einmal die ganze Welt regieren werde. Die Vision ereignete sich zu Rom um die gleiche Zeit, da in Betlehem das Christkind geboren wurde.

 

Kaiser Augustus starb. Nach ihm bestiegen noch etwa achtzig Nachfolger den römischen Thron. Dann zerfiel das Reich. Der kaiserliche Palast auf dem Kapitol mit den vielhundert Zimmern und Sälen unter dem goldenen Dach zerbröckelte. Schließlich blieb buchstäblich kein Stein mehr auf dem anderen. Gras wuchs aus den Trümmern. Dort, wo einst das prachtvolle Schloss stand, weideten Ziegen, und so kam es, dass man den Kaiserberg, der ehedem der Mittelpunkt der Welt war, gemeinhin den Ziegenberg nannte. Wie ein Atemhauch, der den Mund verlässt und sich gleich darauf in der Luft verliert, so vergeht irdische Größe.

 

Jahrhunderte zogen vorüber. Der früheren mächtigen römischen Kaiser gedachte längst keiner mehr, aber das Kind der Jungfrau war mit der Zeit immer deutlicher der zwar unsichtbare, aber wirkliche König der Welt geworden als der König der Herzen, und eines Tages erschienen Bauleute am Ziegenberg, schufen eine hohe Treppe den Hügel hinan und errichteten auf dem Gipfel dort, wo Kaiser Augustus die Vision von der jungfräulichen Mutter hatte, zu Mariens Ehren ein Gotteshaus, schön und prächtig.

 

Wieder vergingen einige Jahrhunderte. Da kam vom Heiligen Land ein Franziskanerbruder nach Rom und brachte eine Statue des Christkinds mit, die er in seinen Mußestunden aus dem Holz eines Olivenbaumes geschnitzt hatte, der im Garten Gethsemani gewachsen war. In der Marienkirche auf dem Ziegenberg wurde das Bild aufgestellt, und kaum stand es dort, als sich Wunder über Wunder ereigneten, und heute noch pilgern die Leute zuhauf zu dem Gnadenbild vom Christkind auf dem Kapitol, das von denen, die vor ihm Erhörung fanden, mit liebender Dankbarkeit in seidene Windeln gehüllt und mit Gold und Silber und Perlen und Edelsteinen geschmückt wurde. Zu allen Zeiten findet man Beter vor dem Gnadenbild vom Christkind, und in der Weihnachtswoche wird dort acht Tage lang abends eine Andacht gehalten, in der nach altem Brauch ein als Bischof gekleideter römischer Junge eine Lobrede auf das Christkind spricht.

 

Schön ist das alles in Rom, aber schön ist es am Weihnachtsfest auch bei uns, und wenn das Christkind in unserer Krippe auch kein berühmtes Gnadenbild ist wie jenes in der Ewigen Stadt, so ist es trotzdem über die Maßen lieb, weil es doch auch ein Abbild des Christkinds ist. Ja, innig freuen wir uns heute schon auf unsere Krippe. Es ist nicht mehr lang, bis das Christkind kommt, das wir heute bereits begrüßen:

 

O Kindelein, von Herzen

Will ich dich lieben sehr,

In Freuden und in Schmerzen,

Je länger, mehr und mehr,

Eja, eja, je länger, mehr und mehr.