An der Schwelle des Advent

 

Es ist Abend und die Schatten der Dämmerung senken sich über die dornenbewachsene Erde abseits vom verlorenen Paradies. Weltverlassen und einsam sitzt Eva, die Mutter aller Lebendigen, vor der armseligen Hütte. Ihre Augen gehen suchend hinüber zu dem verschlossenen Eden. O, dieses reine Glück, diese ungetrübte Freude dort! Verloren, alles verloren! Und das also ist die Sünde! Hinter ihr aus der Ferne dringt das Heulen der Hyänen an ihr Ohr und das Brüllen der Raubtiere. Da krampft sich ihr Herz zusammen in tiefem Schmerz und Tränen netzen die Tierfelle, die ihre zarten Glieder umhüllen. Verstoßen! Verstoßen von Gott! O, dass er sich noch einmal liebend über sie neigte und ihre reuige Seele die Verzeihung fühlen ließe – sie wollte alles, alles tragen.

 

Verstoßen! Vier Jahrtausende haben geseufzt unter der Wucht dieses Wortes. Es gab Generationen, die es im Taumel der Sinne oder in habgierigen Kriegen zu vergessen suchten. Aber dann kam wieder das Erwachen. Und dann klammerten sie sich umso verlangender an die eine große Hoffnung: Es wird ein Erlöser kommen. Der Prophet Jesaja durfte es verkünden: „Siehe, eine Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären und man wird ihn nennen: Emmanuel, Gott mit uns!“

 

Es war ein heißes, sehnsüchtiges Flehen: „O, dass du die Himmel zerrissest und herabstiegest! Tauet, ihr Himmel, von oben, ihr Wolken regnet herab den Gerechten; die Erde tue sich auf und sprosse den Heiland.“ Das war der große Advent.

 

Und wieder erwacht auch in unserem Herzen dieses Sehnen des alten Bundes: „Tauet, Himmel, den Gerechten!“ Stärker wird in unserer sündigen Seele das Verlangen nach Reinigung und Heiligung. „Brüder, es ist die Stunde, wo wir vom Schlaf erwachen sollen“, so schrieb der Apostel Paulus ehedem in seinem Brief an die ersten Christen in Rom, und nun stehen diese Worte in der Lesung des ersten Sonntags im Advent. „Denn jetzt ist unser Heil näher als da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber hat sich genahet; lasset uns also ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichtes. Wie am Tag lasset uns ehrbar wandeln, nicht in Schmausereien und Trinkgelagen, nicht in Schlafkammern und Unzucht, nicht in Zank und Neid, sondern ziehet den Herrn Jesus Christus an.“

 

Wer von uns wollte mit entweihtem Herzen an der Krippe des Jesuskindes niederknien?

 

Draußen in der Natur liegt das Winterfeld in lautloser Stille. Nebel hüllen es wie mit dichtem Schleier ein. Dann wieder geht eisiger Wind darüber hin und die letzten Gräslein ducken sich unter dem Frost. Man meint, alles Leben müsste ersterben. Und doch gerade jetzt in der stillen Zeit des Winters sammeln und ergänzen sich die lebenspendenden Kräfte. Der harte Frost räumt auf mit all dem schädlichen Insekt und Ungeziefer, das sich in seine Schlupfwinkel verkrochen hat; er lockert und bereitet das Erdreich zu dem kommenden Wachstum.

 

Auch unsere Seele braucht Adventsruhe, damit sie wieder zu sich komme und erwache aus all den Sorgen und Zänkereien, aus all der Unruhe und Hast und Leidenschaft. Sie braucht ein raueres Klima, damit das Spinnengeziefer der Neigungen und der Verweichlichung abgetötet werde, das die Seele mit sanften Fäden so fest umschlungen hält und den Willen lähmt.

 

Nun wirst du verstehen, warum uns die Kirche in der heiligen Adventszeit zu Johannes dem Täufer führt, der in rauem Bußgewand eine so ernste Predigt hält. „Die Stimme des Rufenden in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn; machet die Wege gerade; jedes Tal soll ausgefüllt und jeder Hügel abgetragen werden.“ Der Weg zur Heiligung führt durch Abtötung und Überwindung. Einen bequemeren Weg gibt es nicht.

 

Ernste Seelen fühlen sich zur Strenge hingezogen, und zu den oberflächlichen gehörst du nicht. Sicherlich wirst du dich nicht damit begnügen, öffentliche Lustbarkeiten und ungeziemende Ausgelassenheit zu meiden. Du wirst in stiller Sammlung diese heilige Zeit verbringen. Vielleicht ist es dir möglich, am Abend noch ein wenig im Katechismus zu lesen oder sonst in einem frommen Buch; das macht die Seele nachdenklich. Große Bußwerke verrichten, das kannst du nicht. Wenn du aber dein Morgen- und Abendgebet kniend betest, wenn du am kalten Morgen pünktlich aufstehst aus dem warmen Bett, wenn du die Unannehmlichkeiten deiner Umgebung froh und geduldig erträgst, dann ist es gut. Du wirst empfinden, wie dich eine heilige Weihe umgibt und es wird dir unmöglich sein, in der „Zeit der Erwartung“ Gott schwer zu beleidigen.

 

Zeit der Erwartung! Wie ergreifend schön ist das Bild der unbefleckt empfangenen Jungfrau in die heilige Adventszeit eingefügt! Sie, die reine Jungfrau, durfte ja die große Hoffnung der Völker an ihrem Herzen tragen. Was müssen das für weihevolle Stunden gewesen sein, wo Maria im Haus zu Nazareth den Augenblick herbeisehnte, da sie das göttliche Kind auf ihren Armen halten sollte, da es ihr zum ersten Mal entgegenlächeln und seine Händchen zu ihr ausstrecken würde!

 

Dass wir doch ein wenig von diesem inbrünstigen Verlangen in unserem Herzen trügen!

 

Am heiligen Weihnachtsfest wird das Christkind auch an deinem Herzen ruhen. Wie schön dann, wenn du in der Stille des Adventes in ernster Sammlung und Bußgesinnung deine Seele dem Jesuskind bereitet hast! Dann magst du deine reinen Hände über deiner Brust falten und ein wenig von dem Weihnachtsfrieden in Betlehem empfinden, der die Seele der heiligen Jungfrau durchbebte.