Ist der Allerseelenmonat ein Marienmonat?

 

Der Allerseelenmonat

 

Ernste, stille Friedhofsmauern, die eine schweigende Totenstadt umschließen! Ein Kreuz ragt in der Mitte empor und von ihm blickt der Heiland brechenden Auges auf die Grabsteine und Kreuzchen, die sein Sterbebild umdrängen. Efeuumrankt, von Trauerweiden und Zypressen beschattet liegen sie da. Dazwischen schreiten stille, trauernde Menschen und tragen Kränze auf die Hügel, unter denen ihre Lieben ruhen. Und über alles webt der Novembernebel seinen wehmütigen Schleier.

 

Wer hat dies Bild nicht schon dann und wann gesehen und den Schauer empfunden, den es in der Seele weckt? Und wer hat nicht selber schon mit wehem Herzen ein liebes Menschenkind zur letzten Ruhe begleitet? Erst wer selber das scharfe Schwert gefühlt, das die Seele durchschneidet, wenn die Erdschollen dumpf kollernd auf den Sarg seines Vaters, seiner Mutter, seiner Kinder, seiner Geschwister oder eines treuen Freundes fallen, der weiß, was im November die Herzen erfüllt!

 

Es ist der herzzerreißende Schmerz der Trennung, der alle wieder scheidet, die sich auf Erden in Liebe und Treue zusammenfanden.

 

Fast jeder von uns trägt schon eine solche wunde im Herzen. Vielleicht ist sie noch frisch, vielleicht hat die Zeit sie schon vernarbt; aber im November fühlt man ihr Brennen.

 

Darum schauen wir im November auf das Bild einer edlen Frau, die uns nahesteht. Sie hat selber mit Schmerz an der Bahre ihres Vaters und ihrer Mutter gestanden, sie hat dem Mann die Augen zugedrückt, der sie treu durch das Leben führte, sie hat ihr Kind, ihr einziges Kind, sterben sehen in Qual und Verachtung. Und doch hat sie heldenhaft ihr Leid getragen, so stark und hochherzig, dass jetzt alle Menschen bei ihr Trost und Mut finden.

 

Wenn du Schmerz um liebe Tote trägst, sprich einmal zu ihr, zu Maria! Wenn du in solchen Gedanken den Rosenkranz betest, wirst du sehen, wie deine Wunden heilen!

 

Viele Menschen stehen jetzt an den Gräbern und denken nur an ihren Schmerz und an die Lücke, die der Tod in ihr Leben gerissen hat. Dass aber der Tote vielleicht selbst noch ihrer Hilfe bedarf, daran denken manche gar nicht. Dass sie vielleicht selbst mit daran Schuld tragen, wenn er noch im Fegfeuer leidet, und es eine Ehrensache für sie wäre, ihm durch ihr Gebet zu Hilfe zu kommen, das mag vielen gar nicht in den Sinn kommen.

 

Gewiss, es entspricht der Gerechtigkeit, dass jeder, der mit verziehener aber noch ungesühnter Schuld stirbt, erst im Fegfeuer gereinigt werde, - aber es entspricht auch der Liebe und Barmherzigkeit, dass wir durch unsere Bitten und Bußwerke vor Gott ersetzen, was die Toten nicht mehr leisten können! Welche Wohltaten können wir im Rosenkranzgebet den armen Seelen spenden!

 

Die Zeit geht schnell dahin. Wie viele Menschen, die wir kannten, sind schon ins Grab gesunken! Die Zeit geht schnell dahin! Auch an unserem Namen wird – wer weiß wie bald? – ein Kreuzlein stehen, und andere werden für uns beten: „Herr, gib ihnen die ewige Ruhe!“ Wie gut ist es, wenn wir dann beizeiten mit der Mutter Gottes vertraut geworden sind, und sie uns gern in ihrer Nähe weiß! Wie gut, wenn wir dann Gott sagen können: „Sei mir barmherzig, wie ich anderen barmherzig war!“ Dann wird auch bald ein November kommen, in dem wir für uns nicht mehr den Allerseelentag, sondern das Allerheiligenfest im Himmel feiern!

 

Der Allerseelenmonat ist ein Marienmonat!