Betrachtungen von Oktober bis Dezember

 

Betrachtung am 1. Oktober - Das Joch und die Bürde Jesu und der Welt

 

Dein leichtes Joch und deine sanfte Bürde,

O Jesu, tragen den, der fromm sie trägt;

Das Joch der Welt entehrt der Seelen Würde,

Und ihre Bürde ist mit Hass geprägt.

 

1. Worin besteht das Joch und die Bürde Jesu Christi? Darin, dass wir uns Gewalt antun, unser Kreuz ohne Murren tragen, und unsere Feinde aufrichtig lieben. Die Welt lehrt gerade das Gegenteil, und spottet derjenigen, die nicht allen ihren Gelüsten folgen. Gewiss aber ist es leichter, seine Begierden mit Gottes Gnade allmählich abzutöten, als sie jemals vollauf zu ersättigen, die gleich einem Feuer sind, das umso heftiger brennt, als mehr Brennstoff ihm aufgelegt wird. Dazu hilft auch Jesus selbst uns sein Joch tragen, und der Geist seiner Gnade wandelt alles Bittere in Lieblichkeit.

 

2. Das Joch und die Bürde Jesu bestehen in freundlichen Tugenden, in Sanftmut, Demut, Geduld und Liebe. Das Joch und die Bürde der Welt dagegen in Sünden und Lastern, in Unglauben, Fleischeslust, Geiz, Ehrsucht und Ungehorsam gegen das heilige Gesetz, eine Last, die bis zur Hölle hinabdrückt. Das Joch Jesu wird immer leichter, je länger es getragen wird. Seine Bürde ist gleich den Flügeln des Adlers, die zwar seine Schwere vermehren, die ihn aber bis in die Lüfte des Himmels erheben. Das Joch und die Bürde der Welt aber werden immer schwerer, und erfüllen zuletzt das Herz mit allen Schrecknissen der Hölle. Selig, wer das Joch Jesu trägt. Unglückselig aber in Zeit und Ewigkeit, wer das Joch der Welt sich erwählt.

 

3. Was aber erleichtert und versüßt das Joch und die Bürde Jesu? Die Liebe und die feste Hoffnung auf die künftige Seligkeit des Himmels. Und was erschwert und verbittert das Joch der Welt? Der Undank der Welt, getäuschte Hoffnungen und die Furcht vor dem künftigen Gericht, die, gegen den Willen des Sünders, in seinem Gewissen erwacht. So wunderbar wirkt die Liebe Jesu in seinen Auserwählten, dass sie ihre Trübsale nicht gegen die süßesten Freuden der Welt vertauschten, ja dass zahllose heilige Märtyrer und Bekenner ihre höchste Wonne in ihren Leiden für Jesus fanden. Gehen wir auf ihren Spuren, und erfahren werden wir die Wahrheit des Ausspruchs unseres Herrn in Matthäus 11,28-30: "Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin gütig und von Herzen demütig, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht, und meine Last ist leicht."

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Betrachtung am 2. Oktober - Vom festen Vertrauen auf Gott in Versuchungen

 

Hält dir der Feind den Spiegel hin,

Dein Angesicht zu schauen,

Und fasst dich drob Ergrauen

Und der Verzweiflung schwarzer Sinn,

So brich darum den Spiegel nicht;

Doch wasche schnell dein Angesicht.

 

1. Wenn bei der Erinnerung an die Sünden deines verflossenen Lebens Angst und Schrecken dich überfallen, die deine Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit erschüttern, und es dir scheint, alles sei verloren, so lass mit diesen Gedanken dich in keinen Streit ein und gib ihnen kein Gehör, sondern sprich mit dem Propheten: "Ein Abgrund, Herr, ruft den andern an!" Ein Abgrund von Bosheit, Lastern und Missetaten ist mein verflossenes Leben, Herr, aber ein unendlich tieferer Abgrund ist deine ewige Barmherzigkeit, in der der Abgrund meines Elends wie ein Tropfen im Meer verschwindet. Es genügt mir dein Eid, dass du den Tod des Sünders nicht willst,sondern dass er sich bekehre und lebe.

 

2. Überlass dich auch niemals der folternden Angst, ob du zur Anzahl der Auserwählten gehörst oder nicht, und ob du bis ans Ende ausharren wirst. Denn dies sind verborgene Geheimnisse Gottes, und auch die tiefsinnigsten Gottesgelehrten können nicht in sie eindringen. Lege dein Heil mit Vertrauen in Gottes Hände, erwecke Akte seiner Liebe, arbeite für seine Ehre und weiche nicht vom Weg seiner Gebote. Unendlich besser ist es, deine Zeit auf diese Dinge, als auf jene unnützen Fragen zu verwenden, und weit mehr wirst du dein Heil dadurch sichern, als durch eine Verzweiflung, die Gott beleidigt und dich selbst peinigt. 

 

3. Drängt aber der böse Geist dich mit der Versuchung, seine Götzen anzubeten und den Lüsten des Fleisches und der Welt dich zu ergeben, weil du am Ende dennoch verdammt wirst, so antworte großmütig mit den drei hebräischen Jünglingen, Daniel 3,17-18: "Der Gott, dem wir dienen, kann uns von dem Feuerofen und aus deinen Händen erretten. Tut er es aber nicht, so wisse, dass wir dein goldenes Bild dennoch nicht anbeten." Lieben werde ich meinen Gott und ihm dienen um seiner selbst willen, auch wenn ich nicht selig würde. Diese großmütige Liebe wird den Teufel bald in die Flucht treiben, und dein Herz mit dem freudigsten Trost erfüllen. Psalm 31,15-16a: "Ich aber, Herr, ich vertraue dir, ich sage: Du bist mein Gott. In deiner Hand liegt mein Geschick."

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Betrachtung am 3. Oktober - Von der Heiligung der Sonn- und Feiertage

 

Wann werde ich, mein Gott, vor dir erscheinen

Und selig mit den Scharen mich vereinen,

Die in den Höhen unter Jubelklang

Allewig singen deinen Lobgesang.

 

1. Kein Gebot des alten Bundes verpflichtete strenger, als das Gebot der Heiligung des Sabbats, und mit keinem auch waren größere Verheißungen verknüpft. Auf das Strengste waren alle knechtlichen Werke verboten, weil der Tag dem Herrn geheiligt und zu seinem Lob und seiner Verherrlichung bestimmt war. Darum auch ging die Heiligung dieses Tages in das Christentum über, und wurde zur Ehre der Auferstehung des Herrn in den Sonntag umgewandelt. Die Juden indessen glaubten, sie feierten diesen Tag zur Genüge, wenn sie knechtlicher Arbeiten sich enthielten, und vergaßen darüber der Werke der Liebe und Barmherzigkeit, ja sie verfolgten sogar den Herrn Jesus, weil er am Sabbat Kranke durch ein Wort seiner Barmherzigkeit heilte, gleich als wären seine allmächtigen Wunder knechtliche Werke.

 

2. Verdiente aber dieser Aberglaube der Juden strengen Tadel: was verdient wohl der furchtbare Missbrauch, den so viele Christen von den Gott geheiligten Tagen machen, die sie zu aller Ausgelassenheit, zu Tanz und Spiel und zu allen Lastern verwenden, ohne, oder doch kaum, in der heiligen Stätte zu erscheinen, wo sie selbst das göttliche Opfer durch ihre fehlende Ehrerbietung entehren, gleich als wären alle Laster und Ausschweifungen gerade für diese Tage aufbewahrt. Wenn wir in dieser heiligen Zeit selbst, wo wir unsere Wunden heilen sollen, sie mit neuen vermehren: wann werden wir je geheilt werden? Dürfen wir uns noch wundern, wenn die Wirkungen des göttlichen Zorns auf so vielen Einzelnen und ganzen Städten und Ländern sichtbar sind.

 

3. Betrauern wir diese furchtbare Blindheit, und heiligen wir die Tage des Herrn mit Ehrfurcht durch Hinzutritt zu den Quellen des Heils, die seine unendliche Güte für unsere Heiligung einsetzte. Durch andächtige Erscheinung beim unblutigen Opfer unserer Erlösung. Durch Danksagung für die zahllosen Wohltaten unseres Gottes, durch Betrachtung der heiligen Geheimnisse und durch fromme Werke der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit. Besuchen wir die heiligen Tempel und erfreuen wir uns im Herrn über unsere glorreiche Bestimmung, ihn einst im Himmel ewig zu lieben und im Verein mit allen seinen glückseligen Heiligen zu loben in alle Ewigkeit. Exodus 20,8: "Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig!"

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Betrachtung am 4. Oktober - Der heilige Franz von Assisi

 

Franziskus, der mit Siegeswunden prangt,

Hat als ein Held das Himmelreich erworben;

Denn starke Siege hat das Heer erlangt,

Das er geführt, ob auch sich selbst erstorben.

 

1. Der heilige Franz von Assisi war nicht nur abgetötet, sondern erstorben, ja er war gekreuzigt, und trug die Wundmale des Herrn an seinem Leib. Das arme Leben Jesu Christi nachzuahmen war er so arm, dass es ihm sogar am Notwendigsten fehlte. Er verachtete alle weltliche Ehre so sehr, dass er sich selbst der Verachtung preisgab. Sein Verlangen aber, für Jesus zu leiden, war unersättlich. Er war ein lebendiges Bild des Erlösers, und gleichsam selbst ein Erlöser, da er zahllose Sünder bekehrte. Wie ahmst du das Leben Jesu nach? Liebe mindestens die Armen hilfreich, wenn du die Armut nicht lieben kannst. Suche keine andere Ehre, als den Ruhm eines guten Gewissens, und präge durch andächtige Betrachtung des Leidens deines Herrn seine heiligen Wundmale wenigstens deinem Herzen ein.

 

2. Der lebendige Eifer dieses großen Heiligen trieb ihn an, die drei Hauptfeinde der Kirche, die Götzendiener, die Häretiker und die schlechten Katholiken, zu bekämpfen. Er stiftete einen heiligen Orden, die Lehre der Kirche gegen ihre abtrünnigen und ungläubigen Feinde zu verteidigen, und sein strenges Leben führte viele schlechten Christen zur Bekehrung. Was hast du für Gott getan? Wie verteidigst du deinen Glauben? Wie willst du überzeugen, dass man die Verachtung liebt, wenn du ehrsüchtig bist, - dass man den Reichtum verachtet, wenn du geizig bist, - dass man das Leiden umfangen muss, wenn du weichlich und sinnlich bist?

 

3. Viele himmlische Kronen erwarb der heilige Franziskus. Seine jungfräuliche Keuschheit erwarb ihm die Krone der Jungfrauen, seine wunderbare Buße die Krone der Büßer, sein heiliges, eifriges Leben die Krone der Bekenner, seine seraphische Liebe die Krone der Märtyrer. Denn ohne von den übernatürlichen Schmerzen zu sprechen, die er durch die Wundmale des gekreuzigten Heilandes in seinen letzten Jahren bis zu seinem Tod erlitt, schiffte er nach Syrien, den Sultan zu bekehren, oder als Märtyrer zu sterben. Welche Krone wirst du durch dein Leben verdienen? Bedenke, dass niemand gekrönt wird, der nicht rechtmäßig gestritten hat. Galater 5,24: "Alle, die zu Christus Jesus gehören, haben das Fleisch und damit ihre Leidenschaften und Begierden gekreuzigt."

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Betrachtung am 5. Oktober - Vom letzten Platz

 

Das reine Herz ist nahe dir, dem Herrn,

Ob selbst es in der tiefsten Hölle wäre.

Das schuldbefleckte aber ist dir fern,

Und flög es in des Himmels höchste Sphäre.

 

1. Die Wunden unserer Hoffart zu heilen, empfahl der Herr uns die Arznei der Demut durch Lehren, Gleichnisse und durch sein eigenes Beispiel. Er empfiehlt uns den letzten Ort, und damit dieser Ort uns nicht verächtlich vorkommt, wählte er ihn selbst, kam vom Himmel auf die Erde, wurde in einem Stall geboren, und starb auf der Schädelstätte. Waren dies nicht die letzten Orte in dieser Welt? Wer kann nun noch zweifeln, dass der letzte Ort der ehrenvollste sei. O gütiger Erlöser unserer Seelen, noch sind wir so sehr von Hoffart aufgedunsen, dass wir immer höher und höher streben: was würde erst geschehen, hättest nicht du selbst durch dein Beispiel und vorgeleuchtet.

 

2. Wären wir nicht von unserer Eigenliebe verblendet, so würden wir einsehen, dass der Vorzug eines Ortes nicht von dem Ort, sondern von der Person abhängt. Wenn ich ein Sünder bin, macht der erste Ort mich nicht zu einem Gerechten; und bin ich gerecht, werde ich durch den letzten Ort nicht zum Sünder. Ein heiliger Ort war der Stuhl des Mose. Wurden aber die Pharisäer und Schriftgelehrten, die darauf saßen, dadurch heilig? Kein erhabener Ort ist denkbar, als der Himmel und das Paradies. Dessen ungeachtet wurden weder Luzifer noch der erste Mensch besser darin. Dagegen war Hiob, selbst an dem letzten Ort, auf dem Mist, heilig und überaus wohlgefällig.

 

3. Aber nicht nur zur Übung in der Demut, auch für unsere Ruhe empfahl der Herr uns den letzten Ort. Hohe Bäume und Türme werden am leichtesten vom Donner getroffen. Wie viele Gefahren, Bitterkeiten, Sorgen, Demütigungen müssen diejenigen verschlingen, die auf den ersten Plätzen stehen, und wie schwer auch ist ihre Verantwortung. Von allen diesen Mühsalen sind jene frei, die auf der letzten Stufe sind. Selig, wer dies erkennt. Noch seliger, wer diese letzte Stelle sich erwählt. Denn niemand wird ihn darum beneiden, niemand ihn befeinden, nie auch kann er von dort tief fallen. Ruhig verfließt sein Leben, und keine strenge Rechenschaft verbittert ihm den Gedanken an den Tod. Psalm 37,34a: "Hoffe auf den Herrn und bleib auf seinem Weg. Er wird dich erhöhen."

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Betrachtung am 6. Oktober - "Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden."

 

Die Hoffart strebt Gott stets entgegen,

Vom Himmel stürzt er sie hinab;

Die Hölle selber ward ihr Grab;

Die Demut aber fand den Segen.

 

1. Die Menschen verachten und demütigen einen hoffärtigen, und achten dagegen einen bescheidenen, demütigen Menschen. Hierin stimmen die Gesetze des Evangeliums und der Welt überein. Wie aber befolgen wir selbst diese himmlische Vorschrift? Wie oft verletzen wir sie durch unser Betragen? Wäre die Demut die Richtschnur unseres Lebens: wie viele Gehässigkeiten, Zankereien, Feindschaften, Murren und Ärgernisse würden wir vermeiden. Zeigen wir nicht in unserer Weise uns zu kleiden, in den Vorzügen, nach denen wir streben, und in allen unseren Ansprüchen, dass wir nur darauf ausgehen, vor den Menschen zu glänzen? Was würden sie wohl von uns denken, wenn sie in unserem Innern lesen könnten?

 

2. Gewiss gibt es niemand, der nicht in gewisser Hinsicht den Vorzug vor uns verdiente, denn entweder ist ein Mensch edler, mächtiger, fähiger und nützlicher, oder aber er ist frömmer, eifriger und heiliger, als wir. Immer auch werden wir solche finden, mit denen wir uns in keiner Beziehung messen können. Billig sogar sollten wir dem letzten Sünder uns nachsetzen, denn hätte er so viele Gnaden empfangen, als uns zuteil wurden: wie weit wohlgefälliger würde er vor Gott leben. Das gleiche gilt auch von Menschen ohne Bildung, von denen wir gewiss glauben dürfen, dass sie uns bei weitem übertreffen würden, wenn die göttliche Vorsehung sie an unsere Stelle gesetzt hätte.

 

3. Was aber sind wir erst vor Gott. Erkennen wir doch unser Nichts, unser Unvermögen, unseren Unwert, unsere zahllosen Sünden und Vergehen. Sind wir nicht in die tiefsten Laster versunken, so ist es seine Güte, die uns davor behütete. Tun wir aber irgend etwas Gutes, so gebührt ihm alle Ehre dafür, da von ihm das Wollen und das Vollbringen kommt. Wie viele, die nicht in den Schranken der Demut sich bewahrten, verloren die Andacht, den Eifer, ja sogar den Glauben, und fielen in die schändlichsten Laster. Wollen wir demnach zeitlicher und ewiger Schmach entkommen, so bewahren wir uns in der Demut. Jakobus 4,6b: "Gott tritt den Stolzen entgegen, den Demütigen aber schenkt er seine Gnade."

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Betrachtung am 7. Oktober - Vom Eitelruhm

 

Menschengunst ist eitler Dunst,

Der im Wind verfliegt;

Wahre Demut ist die Kunst,

Die dies Gift besiegt.

 

1. Ein sehr subtiles Gift, das gern in alle unsre guten Werke einfließt und sie verdirbt, ist die eitle Ruhmgier, die nicht nur Anfängern, sondern sogar Vollkommenen nachstellt, um sie um das Gold aller ihrer Tugenden zu bringen. Diese Seuche liegt gleich einer Schlange im Hintergrund des Herzens verborgen, und es gehört ein geübtes Auge dazu, sie zu entdecken und hinauszutreiben. Wer sie aber wahrnimmt und dennoch ihren Einflüsterungen Gehör gibt, den beraubt sie nicht nur, sondern sie spottet seiner auch obendrein.

 

2. Wer nach der Ehre der Menschen giert, der hascht nach Schatten. Denn weder ist diese Ehre ständig, noch wahrhaft, noch irgendwie nützlich. So wenig Bestand hat sie, dass der Prophet von ihr spricht: "Ihre Ehre verblüht wie eine Feldblume." (Jesaja 40,6.8) Ebenso wenig ist sie auch wahrhaft, denn sie ist ein eitler Dunst, eine Meinung der Menschen, die, wenn sie auch alle übereinkommen, dich zu loben, dich dennoch nimmermehr besser machen, als du vor Gott bist. Endlich gereicht sie auch zu keinem Nutzen. Umgekehrt vielmehr bringt sie den Menschen um alles Verdienst, und raubt ihm den Himmel. Denn zu solchen, die ihre guten Werke tun, damit sie von den Menschen gesehen und gelobt werden, spricht der Herr: "Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten." (Matthäus 6,2b) 

 

3. Wie viele werden, nach langen und schweren Arbeiten, mit leeren Händen vor dem ewigen Richter erscheinen, und statt der Belohnung diese Antwort empfangen. Hüten wir uns also, dass diese Hauptfeindin aller Tugenden uns nicht um das Verdienst unserer guten Werke bringe. Nur dann schadet die Ehre der Menschen uns nicht, wenn wir sie nicht suchen, noch auch Wohlgefallen daran haben. Denn sollen wir auch diese Seuche fliehen, so soll dennoch unsere Furcht nie so weit gehen, dass wir wegen ihr irgend ein gutes Werk unterlassen, das uns Lob und Ehre zuziehen kann. Sprechen wir in solchen Fällen mit unserem Herrn: "Ich suche meine Ehre nicht." (Johannes 8) "Wir wollen nicht prahlen, nicht miteinander streiten und einander nichts nachtragen." (Galater 5,26)

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Betrachtung am 8. Oktober - Die Stufen der Selbsterkenntnis und Demut

 

Wer bist du, Mensch, du Nichts und Staubgebilde,

Dich in so eitler Hoffart zu erheben?

Rief aus dem Abgrund dich nicht Gottes Milde,

Und schenkte Dasein dir und Licht und Leben?

Ist Asche, Mensch, nicht deine letzte Zier?

Ja selbst die Asche bist du nicht aus dir.

 

1. Wie kam ich in dieses Dasein? Habe ich mich selbst erschaffen? Was war ich vor einem Jahrhundert? Tief im Abgrund des Nichts, hatte ich weder Kraft, daraus hervorzutreten, noch Verdienst, daraus erhoben zu werden. Aus mir selbst bin ich noch heute, was ich damals war. Bin ich nun etwas, so kommt mir dies vom Urheber meines Daseins, ich selbst konnte aus mir nicht einmal eine Mücke werden. Dir, mein Gott, verdanke ich alles. Darum will ich deine Barmherzigkeit preisen, und meine ganze Wissenschaft bestehe darin, dir die Ehre für alles zu geben, ohne das Geringste mir selbst anzueignen.

 

2. War ich aber nichts, durchaus nichts im Reich der Natur, so war ich noch unendlich weniger im Reich der Gnade. Unfähig war ich, Gnade zu erwerben, unwürdig, sie zu empfangen. Denn die Gnade ist "das beste Geschenk, die vollkommene Gabe, die vom Vater der Lichter herabkommt". (Jakobus 1,17) Wie aber hätte ich, dieses Nichts, jemals Anspruch auf diese Würdigung des Allerhöchsten machen können? Vermag ich es nun nicht, für meine Schöpfung dir würdig zu danken, mein Gott: wie kann ich je für diese allerhöchste Gabe dir danken?

 

3. Aber noch einen anderen, tieferen Abgrund sehe ich vor mir. Denn wie verwendete ich die Gaben der Natur und der Gnade, die deine unendliche Güte mir zu deiner Verherrlichung gegeben hat? Undank, Bosheit, Hoffart, Sünde: dies ist es, was ich aus mir selbst hervorbrachte. Statt dich zu verherrlichen, beleidigte ich deine göttliche Majestät unzählige Male. Unendlich weniger also bin ich, als selbst das Nichts. Deutlich sprach mein Erlöser dies aus, als er von seinem meineidigen Jünger Judas sagte, es wäre ihm besser, er wäre nicht geboren. Wo also ist noch ein Winkel, meine Hoffart zu verbergen? Und wo wäre ich, hätte deine unendliche Barmherzigkeit diesem schauderhaften Abgrund mich nicht großmütig entrissen? Nichts also bin ich aus mir, nichts durch mich, und als Sünder stehe ich tief unter dem Nichts. Galater 6,3: "Wer sich einbildet, etwas zu sein, obwohl er nichts ist, der betrügt sich."

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Betrachtung am 9. Oktober - Von den göttlichen Vollkommenheiten

 

Gott, unerreichbar ist das heil`ge Licht,

Worin du wohnst vor allem Anbeginn.

Hoch übersteigt dein Wesen allen Sinn.

Dich fassen selbst die höchsten Geister nicht,

Die, Sonnen gleich, in deinem Lichte glänzen;

Denn deine Größe, Herr, kennt keine Grenzen.

 

1. Erleuchte mich, Herr, mein Ursprung und mein Ziel, dass ich dich erkenne, in dessen Erkenntnis das ewige Leben besteht. O gib der Seele dich kund, die du nach deinem Bild erschaffen hast, damit sie dich würdig preise und dein Lob verkündige. Wer bist du, mein Gott, du Zielpunkt und Grundveste aller Wesen? Die unendliche Allmacht bist du, die unerschaffene Urschönheit, die untrügliche Wahrheit, die abgründliche Güte, die unermessliche Liebe, die glorreiche Ewigkeit ohne Anbeginn und ohne Ende. Unendlich hoch übersteigst du die Sinne, denn nicht zu schauen bist du den Augen, nicht vernehmbar den Ohren des Fleisches, aber fühlbar bist du den Herzen, und dein Licht zeigt dich dem unsterblichen Geist.

 

2. In dir selbst wohnst du, mein Gott, glückselig durch dich, dir selbst genügend, und alles in dir selbst besitzend. Groß bist du, ohne Maß, gut, ohne Grenzen, schön, ohne Gestalt, unendlich, ohne Zahl, ewig, ohne Dauer, vollkommen, ohne Teile. Deine Größe ist deine ewige Majestät, dein Leben beständige Fruchtbarkeit, dein Verstand unendliche Weisheit, dein Wille Heiligkeit, dein Gedanke Licht, dein Wesen Liebe. Überall zugegen und überall verborgen, immerdar wirkend und immerdar in Ruhe, gibst du allen ohne Unterlass, ohne dich zu erschöpfen, bist heilig und überaus lieblich in deinen Heiligen, aber schrecklich in deinen Gerichten über die Verworfenen. Unaussprechlich glorreich bist du, alle Wesen rufen: "Wer, Herr, ist dir gleich!"

 

3. Was suchst du auf Erden? Was suchst du in den hinfälligen Geschöpfen, das du nicht in unendlicher Fülle in deinem Gott fändest? Wie also verlässt du den Quell des lebendigen Wassers, aus Zisternen zu trinken, die deinen Durst nicht stillen können. O Gott meines Herzens, dich will ich suchen, dich allein lieben. Kann auch mein Geist deine unendlichen Vollkommenheiten nicht erfassen, so fasst dich doch mein Herz, das du zu deiner Liebe erschaffen hast. Exodus 15,11: "Wer ist wie du unter den Göttern, o Herr? Wer ist wie du gewaltig und heilig, gepriesen als furchtbar, Wunder vollbringend?"

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Betrachtung am 10. Oktober - Ermahnung zur Liebe Gottes

 

Die Liebe, die in Gott, dem Schöpfer, ruht,

Sie ist der Seele Geist und höchstes Leben;

Sie schwillt das Herz mit reiner Himmelsglut,

Und jubelt, selbst wenn alle andern beben.

 

1. Psalm 85,9a: "Ich will hören, was Gott redet": Gleich wie der Hirsch nach den Wasserquellen, so solltest du in lebendigem Durst nach mir, dem Urquell deiner Glückseligkeit, erglühen, und weder Rast noch Ruhe finden, bis deine Sehnsucht gestillt wird. Ohne Unterlass sollte dies sehnliche Verlangen in dir zunehmen, denn kein Ziel setzt sich die wahre Liebe, niemals wird sie satt, und sie wächst um so schneller, als diese Pilgerschaft ihrem Ende näher kommt. Alle Gedanken und Begierden des Herzens reißt sie an sich, und findet keinen Trost, keine Freude, keinen Frieden, außer in mir, ihrem Ursprung und ewigen Ziel.

 

2. Nicht müssig ist meine Liebe in der Seele. Unermüdlich ist sie, für meine Ehre zu wirken. Ist es ihr aber nicht gestattet zu tun, was sie verlangt, so wirkt sie doch dem Willen nach, und überaus wohlgefällig ist dieser Wille vor meinen Augen, da ich nicht so sehr auf die Menge der Werke, als auf die Größe der Liebe sehe. Was auch soll mir die Spreu ohne die Frucht? Ich sehe nicht auf äußerliche Werke ohne Liebe, wohl aber auf die Liebe, auch wenn sie ohne Werke ist, wenn nämlich solche aus Krankheit, aus Gehorsam, oder aus einem andern rechtmäßigen Hindernis unterblieben. Wer mich allein in allen Dingen sucht, und nur durch mein Wohlgefallen satt wird, der wirkt das größte Werk der Liebe.

 

3. Eine solche Seele erfährt den Trost meiner Liebe, der alle Freuden und Lieblichkeiten der Welt unendlich übertrifft. O dass doch die Menschen, die ich zu meiner Liebe erschaffen habe, so weit von ihrer Glückseligkeit irren, und von der Liebe zu den Geschöpfen sich bestricken lassen, wodurch sie nicht gesättigt, sondern verunreinigt, geängstigt, und zeitlich und ewig unglückselig werden. Was ist je in den Geschöpfen Erfreuliches, das nicht in unendlicher Fülle in mir wäre? Nacht und Bitterkeit ist alles außer mir. Meine Liebe sei dein größter Schatz, dann wird dein Herz schon hier auf Erden im Himmel sein. Johannes 15,9b-10a: "Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben." 

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Betrachtung am 11. Oktober - Von Gottes Ehre und Verherrlichung

 

Die Schöpfung steht, o Gott, zu deiner Ehre.

Dein Lob verkünden aller Wesen Heere;

Sie alle ehren dich auf ihre Weise.

O gib mir, dass auch ich dich würdig preise.

 

1. In der ganzen Schöpfung hat nur eins Wert, und auf dieses eine muss alles sich beziehen, dies aber ist Gottes Ehre. Denn die Ehre ist Gottes einziges Gut, darum auch gibt es nichts Größeres, als diese Ehre ihm zu erwirken. Dass ich Staub und Asche Gottes unendliche Majestät verherrlichen kann, dies ist der höchste Adel meines Wesens. Selbst die glorreichsten Cherubim und Seraphim haben kein erhabeneres Ziel. Eine unsterbliche Seele, die anderes sucht, erniedrigt sich selbst. So sehr eifert Gott für seine Ehre, dass er durch Jesaja (42,8) spricht: "Ich überlasse die Ehre, die mir gebührt, keinem andern, meinen Ruhm nicht den Götzen." Suchen wir diese Ehre, und halten wir es für unseren höchsten Ruhm, alles, sogar unser Leben, für Gottes Ehre zu opfern.

 

2. Diese Ehre suchte Jesus, unser göttliches Vorbild, durch alle Werke seiner heiligsten Menschheit, durch sein Leiden und seinen Tod. Dies war das erhabene Ziel, für das er sich opferte, und ähnlich werden wir ihm nur in sofern, als wir hierin ihm nachahmen. Ja alle unsere Werke sind auch nur in sofern verdienstlich, als wir Gottes Ehre dadurch suchen. Was nicht in dieser Absicht geschieht, ist für die Ewigkeit verloren. Was gegen sie geschieht, ist schwere Schuld. Bieten wir nun unsere ganze Kraft auf, Gottes Ehre zu fördern, um die Zeit zu ersetzen, wo wir ihn durch unsere Sünden verunehrten. 

 

3. Gott zu verherrlichen ist die Beschäftigung aller Chöre der seligen Engel und aller zahllosen Scharen der heiligen Himmelsbürger in alle Ewigkeit. Ohne Unterlass singen sie den Lobgesang: "Heilig, heilig, heilig ist der Herr, der Gott der Heerscharen! Alleluja! Heil, Ehre und Herrlichkeit sei unserem Gott, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit!" In dieser Verherrlichung besteht zugleich ihre Seligkeit. So beginnen wir denn schon in diesem Leben, was wir im Himmel ewig tun werden, und loben wir Gott nun nach Maßgabe unserer Sterblichkeit, bis wir in jene glückseligen Lobgesänge einstimmen. 1. Timotheus 1,17: "Dem König der Ewigkeit, dem unvergänglichen, unsichtbaren, einzigen Gott, sei Ehre und Herrlichkeit in alle Ewigkeit. Amen."

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Betrachtung am 12. Oktober - Regeln der Nächstenliebe

 

Du liebtest, Herr, uns Sünder bis zum Tod,

Und ließest uns dein heiliges Gebot,

Dass auch wir selbst die Brüder lieben lernen,

Uns nicht von deiner Liebe zu entfernen.

 

1. Lieben sollen wir den Nächsten wie uns selbst. Dies ist ein göttliches Gebot. Sehr empfindlich sind wir gegen unsre geringsten Übel. Lieben wir aber den Nächsten wie uns selbst, so werden wir allerdings auch gefühlvoll für seine geringsten Übel sein, oder vielmehr werden solche uns immer groß erscheinen. So zärtlich auch ist unsere Liebe zu uns selbst, dass wir alle unsere Fehler verbergen, oder sie doch als gering ansehen. Mit diesen Augen aber sollen wir auch die Fehler unserer Brüder und Schwestern betrachten. Können wir solche nicht entschuldigen, so entschuldigen wir wenigstens ihre Absicht, und ist auch dies nicht möglich, so haben wir Mitleid mit ihren Schwächen und schweigen wir. Dies soll unser Verhalten sein. Sieh also, wie fern du von der wahren Nächstenliebe bist.

 

2. Lieben sollen wir den Nächsten, wie wir wollen, dass er uns liebe. Blicke in diesen Spiegel. Möchtest du, dass man dich mit Härte behandelt? Möchtest du, dass man verächtlich mit dir spricht? Möchtest du, dass man mit herrischem Ton dir Befehle erteilt? Möchtest du, dass man dich aus Bosheit verleumdet, dich verspottet, dich lächerlich macht, deine geringsten Fehler übertreibt, deine unschuldigen Handlungen vergiftet, gar keine Nachsicht mit deinen Schwächen hat? Möchtest du nicht vielmehr, dass man gerade umgekehrt gegen dich handelt? Warum denn begegnest du andern nicht selbst, wie du willst, dass man dir begegnet?

 

3. Lieben sollen wir den Nächsten, wie Christus uns geliebt hat. Wie aber liebte uns der Herr? Ohne all unser Verdienst. Was auch hätte er je an uns lieben können? Auch liebte er uns ohne allen Eigennutz. Denn was konnte er von uns armen und elenden Sündern erwarten? Und dennoch liebte er uns so sehr, dass er Gut und Blut, Ruhe, Ehre und Leben für uns hingab. So liebte uns Jesus. Dies ist das Beispiel, dass er uns zur Regel aufstellte. Dies ist sein neues Gebot, an dessen Erfüllung er seine Jünger erkennt. Herr, mit Schmerz bekenne ich, dass ich bisher dein Liebesgebot nicht erfüllte, doch gelobe ich dir, es künftig mit deiner Gnade getreu zu erfüllen. 1. Johannes 3,14b: "Wer nicht liebt, der bleibt im Tod."

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Betrachtung am 13. Oktober - Jesus, Gottes und Davids Sohn

 

Es zeigten, Herr, die Seher dich in Klarheit,

Du aber führtest selbst zum Sieg die Wahrheit;

Die Feinde deines Reiches sind vernichtet,

Und ewig steht dein Herrscherthron errichtet.

 

1. Viele verfängliche Fragen hatten die Pharisäer dem Herrn über verschiedene Gegenstände gestellt, er aber hatte sie mit einer Weisheit gelöst, dass sie, ob auch seine größten Feinde, darüber erstaunten. Hierauf aber stellte er selbst eine Frage an sie, und sprach: "Was wisst ihr von Christus? Wessen Sohn ist er?" Sie antworteten: "Davids!" Darüber waren alle einig. Allein David, der ihn seinen Sohn genannt hatte, nannte ihn auch, und zwar im Heiligen Geist, seinen Herrn. Wie also war er Davids Sohn, und zugleich sein Herr? Diese Frage wusste die Synagoge nicht zu lösen. Wir aber kennen diese Lösung. Beten wir Jesus in heiliger Freude an, der unsere Natur in die Einheit seiner Gottheit aufnahm.

 

2. Oft hatte Jesus sich den Sohn Gottes genannt, und immer waren die Juden darüber wütend, wenn er auch seine Gottheit durch allmächtige Wunder bewies. Ja sie hatten nach seinem Ausspruch: "Ich und der Vater sind eins." Steine aufgehoben, und ihm ins Gesicht gesagt: "Wir steinigen dich um der Gotteslästerung willen, weil du dich selbst zu Gott machst, da du doch ein Mensch bist!" (Johannes 10,22-39) Durch die Anführung des 110. Psalms, worin, wie sie selbst bekannten, David im Heiligen Geist gesprochen hatte, bewies ihnen Jesus, dass die Person des Heiligen Geistes nicht gegen die Einheit Gottes streite, und dass also auch seine Sohnschaft dieser göttlichen Einheit nicht widerspreche. Aber ihre Blindheit war unheilbar. 

 

3. Der göttliche Erlöser führte diesen Psalm an, der ihnen sehr geläufig war, sie zum Nachdenken über seinen Inhalt zu wecken, und ihnen die Augen zu öffnen. Denn ausgesprochen war in diesem Psalm, dass Gott selbst den Messias aus seiner Wesenheit erzeugt hatte, dass er ein ewiger Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedechs sei, dass er das Zepter seiner Herrschaft von Sion aussenden, zur Rechten Gottes sitzen, und zugleich mitten unter ihnen, seinen Feinden, herrschen und sie zerschmettern würde. Wie wunderbar wurde diese Weissagung erfüllt, die so lange vor der zeitlichen Geburt des Messias in den Büchern der Juden aufgezeichnet stand. Offenbarung 19,16: "Er ist der König der Könige, und der Herr der Herrscher."

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Betrachtung am 14. Oktober - Von den zwei Naturen in Christus

 

Preis, Jesus, dir, der du vom Himmel kamst,

Und aus Maria unsre Menschheit nahmst:

Als Mensch uns mit dem Vater zu versöhnen,

Als Gott uns mit Erbarmungen zu krönen.

 

1. Betrachten wir die Person Jesu Christi, so sehen wir in ihm eine Heiligkeit und Allmacht, die eines Gottmenschen vollkommen würdig ist. Die glorreichen Wunder, die er zum Beweis seiner Gottheit wirkte, erforderten Gottes ganze Allmacht. Von dieser Art waren: Blindgeborenen Augen zu erschaffen, wenige Brote aus nichts zu vermehren, Tote, und zumal einen viertägigen Toten, zu erwecken, Aussätzige durch ein bloßes Wort zu reinigen. Diese und zahllose andere Wunder tat Jesus vor allem Volk, sprach sich dabei als Gott, und zwar als einen Gott mit seinem Vater aus, und ließ sich als solchen anbeten. Nimmermehr aber konnte, wofern er nicht Gott war, Gott seine Allmacht ihm mitteilen, ein falsches Zeugnis zu bestätigen.

 

2. War Jesus nicht Gott, so war er (was ewig fern sei) der verbrecherischste aller Betrüger, da er für Gott sich ausgab, und göttliche Ehre forderte, - ein Betrüger jedoch, dessen Absichten Gott mit seiner ganzen Allmacht förderte, und durch beinahe zwei Jahrtausende beständig fördert. War er ein bloßer Mensch, so war er ein unauflösliches Rätsel. Er war der demütigste und stolzeste aller Menschen zugleich, der Unterwürfigste und der größte Rebell. Er gehorchte Gott in tiefster Ehrfurcht, opferte ihm Ehre und Leben, und empörte sich zugleich dergestalt wider ihn, dass er selbst auf dem Thron Gottes sich erheben und als Gott herrschen wollte. Wer wird dies je begreifen?

 

3. Ist aber Jesus ein Gottmensch, dann lösen sich alle scheinbaren Widersprüche seines Charakters wunderbar. Dann konnte er in Wahrheit sagen, "er sei dem Vater gleich, er sei früher denn Abraham; was der Vater tut, das tut auf gleicher Weise auch der Sohn, damit alle den Sohn ehren;" - und begreiflich wird dann auch seine tiefe Demut, sein Eifer für die Ehre seines Vaters, seine Aufopferung bis zum Kreuzestod, ihm zu gehorchen. Es glänzt in ihm die Gottheit in ihrer vollen Würde, und die Demut in der höchsten menschlichen Vollkommenheit. Also, liebevollster Erlöser, beten wir dich als den Sohn Gottes und der Jungfrau an. "Ich bin vom Himmel herabgekommen." (Johannes 6,38)

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Betrachtung am 15. Oktober - Die heilige Theresia 

 

Wie glänzest hehr du in des Himmels Sitze,

Theresia, die du das Kreuz erkoren, 

Und lobest Gott an deiner Kinder Spitze,

Die du in Schmerz und Liebe ihm geboren.

 

1. Die heilige Theresia brannte von heiliger Liebe zu ihrem göttlichen Geliebten. Ihre Liebe aber war tätig gleich dem Feuer, das niemals spricht: Es ist genug! Schon in ihrer Kindheit trieb diese heilige Flamme sie an, die Marter zu suchen, in späteren Jahren aber das Gelübde abzulegen, alle ihre Werke mit möglichster Vollkommenheit zu tun. Diese feurige Liebe nahm bis an das Ende ihres Lebens fortwährend an Stärke und Innigkeit zu. Sie erweckte in ihr ein unersättliches Verlangen nach Leiden. Ohne Unterlass krank, peinigte sie ihren unschuldigen Körper noch mit schweren Bußwerken, ja ihr Wahlspruch war: "Entweder leiden oder sterben." - Wann wirst du einmal anfangen, Gott wahrhaft, standhaft und eifrig zu lieben.

 

2. Großes tat die heilige Theresia für Gott. Großes auch litt sie für ihn. Gott, die Menschen und die bösen Geister prüften ihre Liebe und übten ihre Geduld, Gott durch innerliche Trostlosigkeit, die Menschen durch Verfolgungen, die bösen Geister durch wütende Versuchungen. Zwar erhob Gott, nachdem sie durch ihre standhafte Treue seiner sich würdig bewiesen hatte, sie zu den höchsten Entzückungen, und offenbarte ihr viele verborgene Geheimnisse seiner Weisheit, aber wie viele Leiden erweckten ihr diese Offenbarungen, wie schwere Widersprüche ertrug sie von ihren geistigen Führern. Dennoch aber unterwarf sie sich ihrem Urteil, denn mit Recht hielt sie alle Heiligkeit für falsch, die ihrem eigenen Sinn nicht entsagt.

 

3. Endlich war diese seraphische Jungfrau eine glückselige Mutter zahlloser Kinder. Sie stiftete einen Orden für Klostermänner und für Klosterfrauen. Aber wie überaus schwer war ihr die Geburt so vieler Kinder Gottes. Große und strenge Verfolgungen musste sie deshalb, und zwar sogar von solchen erdulden, die ihre heilige Absicht hätten fördern sollen. - Lerne die innerlichen Trockenheiten des Herzens ertragen, da Gott immer großmütig die Seelen belohnt, die in diesen strengen Prüfungen ihm getreu sind. Lerne Gott zuliebe vieles leiden, wenn du Großes für ihn tun willst, da das Samenkorn, wenn es nicht erstirbt, keine Frucht bringt. Hohelied 2,2: "Wie eine Lilie unter Dornen, also ist meine Freundin unter den Töchtern!"

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Betrachtung am 16. Oktober - Jesus ein Pilger in der menschlichen Natur

 

Dass wir im Glanz der Gottheit nicht vergingen,

Nahmst, Herr, du unser sterbliches Gewand;

Und alle, die als Mittler dich empfingen,

Führt deine Huld ins hohe Vaterland.

 

1. Wenn wir die wunderbare Pilgerschaft unseres Herrn in der menschlichen Natur betrachten, dann muss unser Herz von wehmütiger Liebe und Dankbarkeit durchdrungen werden. Denn eine beständige Gewalt litt seine heiligste Menschheit. Angeboren war die Glückseligkeit seiner heiligsten Seele, wegen ihrer persönlichen Vereinigung mit der Gottheit, und ihrer Natur nach hätte diese Glückseligkeit auf seinen heiligsten Leib sich übertragen sollen. Gewaltsam aber wurde das Recht auf diese Glorie seinem heiligsten Leib entzogen, damit er auf solche Weise den Leiden der Sterblichkeit sich unterwerfen könnte. Ebenso litt auch seine heiligste Seele Gewalt, da ihre Glückseligkeit einen ihr entsprechenden, von allen Schmerzen freien und glückseligen Leib erforderte.

 

2. Wer beherzigt diese unermessliche Liebe? Denn freiwillig und aus Liebe unterwarf sich Jesus diesem beständigen Zwang zur Verherrlichung seines himmlischen Vaters, und zu unserem Heil. Die Liebe zu uns Sündern beraubte ihn seiner Glückseligkeit, damit er mit unserer Armseligkeit sich beladen könnte. Die Liebe machte ihn sterblich, die Unsterblichkeit uns mitzuteilen, sie machte ihn arm, uns in den Besitz unsterblichen Reichtums zu versetzen, sie bewog ihn, Knechtsgestalt anzunehmen, uns zu ewiger Herrlichkeit zu erhöhen. Wie mächtig fordert diese Liebe uns auf, dass auch wir um seinetwillen uns Gewalt antun, ihm Liebe mit Liebe zu vergelten.

 

3. Nur einmal hob der Herr diesen Zwang auf eine kurze Stunde bei seiner heiligen Verklärung auf, seinen auserwählten Jüngern eine Probe der künftigen Seligkeit zu zeigen, und auch da besprach er sich mit Mose und Elia über seinen nahen Kreuzestod zu Jerusalem. So groß aber war diese Herrlichkeit, dass die beiden Apostel Petrus und Johannes keine Worte finden, sie auszusprechen. Sein ganzes übriges Leben hindurch aber ertrug er diesen gewaltsamen Zustand, wiewohl seine heiligste Seele immer der glorreichen Anschauung seiner Gottheit genoss. Also vereinigte er die höchste Glückseligkeit und das bitterste Leiden. Verleihe uns, gütigster Jesus, dass auch wir bei beständiger Abtötung der Sinne immerwährender Freude des Geistes erfahren. "Er erniedrigte sich, und wurde gehorsam bis zum Tod am Kreuz." (Philipper 2,8)

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Betrachtung am 17. Oktober - Über Krankheiten

 

Du heilest, Herr, durch Schmerzen unsre Wunden,

Und lässest durch die Krankheit uns gesunden:

Damit wir rein, durch Buße in der Zeit,

Nicht büßen müssen in der Ewigkeit.

 

1. Wenn unser barmherziger Erlöser körperlich Kranken die Gesundheit verlieh, begleitete er sie gewöhnlich mit Worten, die eine Arznei für unsere Seelen sind. So zeigte er durch die Verzeihung der Sünden, die er dem Gichtbrüchigen verlieh, dass die menschlichen Krankheiten ihren Ursprung in der Sünde haben, und dass wir vor allen Dingen um die Befreiung von unseren Sünden bitten sollen. Eben darum auch sprach er zu dem anderen Gichtbrüchigen, den er beim Schwemmteich heilte: "Sieh, du bist nun gesund geworden, sündige hinfort nicht mehr, damit dir nichts Schlimmeres widerfährt!" Deutlich sehen wir hier, dass diese Krankheit seiner Sünden wegen ihm widerfahren war. Darum sollen wir die Krankheiten, die Gott uns zusendet, im Geist der Buße annehmen und zur Versöhnung der göttlichen Gerechtigkeit mit Geduld und Ergebung ertragen.

 

2. Gott sendet zwar seinen Auserwählten zuweilen Krankheiten zu, wie er ihnen andere Trübsale zusendet, nicht um sie zu strafen, als sie dadurch wie das Gold im Feuer zu läutern und die Verdienste ihrer Geduld zu vermehren. Meist aber sucht er die Menschen ihrer Sünden wegen mit Krankheiten heim. Dies bezeugt die Schrift, die spricht: "Wer da sündigt vor dem Angesicht seines Schöpfers, der wird dem Arzt in die Hände fallen!" und an anderer Stelle: "Gott redet, um dem Menschen seine Seele vor dem Grab zu retten, sein Leben davor, in den Todesschacht hinabzusteigen. Er wird gemahnt durch Schmerz auf seinem Lager, und ständig ist Kampf in seinen Glieder." (Ijob 33,18+19)

 

3. Sprechen wir also, wenn eine Krankheit über uns kommt, und Schmerzen uns bedrängen: Herr, ein Sünder bin ich, ein großer Schuldner deiner göttlichen Gerechtigkeit. Nichts auch ist billiger, als dass du die Sünde bestrafst. Doch Dank dir, denn du bestrafst mich als ein milder Vater durch Trübsale dieses Lebens, und schlägst, damit du heilst. So nimm denn meine Schmerzen barmherzig als ein Sühnopfer auf, und verleihe mir deine Gnade, damit sie durch meine Geduld verdienstlich und dir wohlgefällig werden. Ijob 6,10: "Das wäre noch ein Trost für mich; ich hüpfte auf im Leid, mit dem er mich nicht schont. Denn ich habe die Worte des Heiligen nicht verleugnet."

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Betrachtung am 18. Oktober - Vom Nutzen der Krankheiten

 

Das Kreuz und Leiden, Herr, aus deiner Hand

Ist deiner Liebe sichres Unterpfand.

Drum, ist mein Herz darüber auch beklommen,

Sei dennoch, was du sendest, mir willkommen.

 

1. Zahllose Mittel wendet Gottes Weisheit an, die Menschen zu sich zu führen, und oft sendet sie körperliche Krankheiten als Arzneien, kranke Seelen zu heilen. Wäre der königliche Beamte im Evangelium durch die Krankheit seines Sohnes nicht in so schwere Bedrängnis gekommen, so hätte er vielleicht den Herrn niemals gesucht, und wäre nie zur Gnade des Glaubens gelangt. (Johannes 4,46-54) Es gereichte also diese Krankheit nicht nur seinem Sohn, sondern auch ihm selbst zum größten Heil. Darum sollen wir die Geißel des Herrn nicht als ein Unheil betrachten, denn sie zieht die Irrenden oft mit Gewalt zu Gott, weckt die Trägen und Schläfrigen, reinigt die Gerechten, und tilgt oft durch kurze Schmerzen in der Zeit die Strafen der Ewigkeit.

 

2. Nicht feindlich also erzeigt sich Gott gegen uns, wenn er uns, die wir mit so vielen Seelenkrankheiten behaftet sind, die Arznei einer körperlichen Krankheit zusendet; vielmehr sollen wir sie als einen Beweis seiner väterlichen Vorsehung und Liebe betrachten. Denn die Krankheit ist ein Licht. Sie zeigt dem Menschen den Unwert und das Nichts aller weltlichen Eitelkeit ganz nahe. Sie führt ihn in sein Inneres ein und weckt ihn zum Nachdenken. Sie lehrt den Sünder, dessen Herz noch nicht gänzlich erhärtet ist, aus der Not eine Tugend machen, die allmählich durch Gottes Gnade sich vervollkommnet, und löst die Gott ergebene Seele vollends von der Anhänglichkeit an dieses vorübergehende Leben.

 

3. Hören wir den Geist Gottes, der uns also ermahnt, Sprichwörter 3,11+12: "Mein Sohn, verachte nicht die Zucht des Herrn, widersetz dich nicht, wenn er dich zurechtweist. Wen der Herr liebt, den züchtigt er, wie ein Vater seinen Sohn, den er gern hat." Der Apostel, der diese Worte wiederholt, folgert daraus den Schluss, dass also diejenigen, die in diesem Leben nicht von Gott gezüchtigt werden, keine rechtmäßigen Kinder (Hebräer 12), und folglich von der Anzahl der Auserwählten ausgeschlossen sind. Zum größten Trost muss uns dies gereichen, wenn wir von Trübsalen und Krankheiten heimgesucht werden, und uns zum Lob Gottes anregen. Römer 8,28a: "Wir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt."

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Betrachtung am 19. Oktober - Über den Argwohn

 

Die Unschuld ist ein reines Licht,

Sie kennt den falschen Argwohn nicht;

Doch wo die Schuld im Herzen steckt,

Sieht ringsum alles sie befleckt.

 

1. "Was denkt ihr Arges in euren Herzen?" So fragt der Herr die Pharisäer. Er hatte nämlich einem Gichtbrüchigen, bevor er ihn körperlich heilte, die Gesundheit der Seele durch die Worte erteilt: "Deine Sünden sind dir vergeben!" Sie aber sprachen alsbald untereinander: "Dieser lästert Gott!" Wie der Baum, so die Frucht. Weil sie selbst Gotteslästerer waren, hielten sie auch den göttlichen Heiland für einen Gotteslästerer. Also hält ein unkeuscher Mensch alle anderen für unkeusch, ein Lügner, alle anderen für Lügner. Voll sind die Herzen der meisten Menschen von argwöhnischen Gedanken, weil, wie der Apostel Johannes spricht, die ganze Welt im Argen liegt.

 

2. Ijobs Freunde gaben diesem heiligen Dulder zu verstehen, er müsse mit heimlichen Lastern behaftet sein, die Gott so streng an ihm bestrafe. Er aber antwortete ihnen: "Warum verfolgt ihr mich wie Gott?" (Ijob 22) Ein tiefer Sinn liegt in diesen Worte. Er sagt ihnen nämlich dadurch: Was denkt ihr Arges in euren Herzen? Seid ihr vielleicht rein von Fehlern wie Gott, dass auch ihr das Recht habt, mich zu verfolgen? Greift doch in eure Brust, vielleicht findet ihr darin die Laster, deren ihr mich beschuldigt, wenn nicht noch schwerere. Also sollen wir selbst antworten, wenn argwöhnische Gedanken gegen unseren Nächsten in unseren Herzen sich erheben.

 

3. Wollen wir Gott nicht missfallen, so denken wir immer Gutes von unserem Nächsten. Also waren die drei heiligen Weisen so fern, Arges von Herodes zu denken, dass sie zu ihm zurückgekehrt wären, wofern nicht ein Engel sie davon abgemahnt hätte. Ebenso hielt auch der heilige Joseph, ob er auch Maria, seine Jungfräuliche Braut, schwanger sah, es eher für möglich, dass eine Frau ohne Zutun eines Mannes empfangen, als dass Maria sündigen könne. Desgleichen waren auch die Apostel so fern, einen Argwohn auf Judas zu werfen, dass vielmehr jeder selbst zitterte, der Verräter des Herrn zu sein. Denn nimmer denkt, wer selbst gut ist, Böses vom Nächsten. "Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und nimmst den Balken in deinem Auge nicht wahr?" (Lukas 6,41)

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Betrachtung am 20. Oktober - Von der Hingabe an Gott in Trübsalen

 

Du sendest, Herr, mir Kreuz als Arzenei,

Zu heilen meine Wunden;

Durch sie nur kann, wie bitter sie auch sei,

Vollkommen ich gesunden.

Drum heile mich, und sieh dabei

Nicht auf mein töricht Klageschrei.

 

1. Mit väterlicher Liebe sorgt Gott für seine Auserwählten, und er reinigt und prüft sie durch Trübsale, wie das Gold im Feuer. Darum murre nicht, wenn eine Trübsal dir widerfährt, wenn dein guter Ruf verletzt wird, wenn irgend ein bitterer Verlust oder Schaden dich trifft, wenn du mit Schmach zurückgesetzt wirst, oder wenn eine Krankheit dich darnieder wirft, sondern folge der Ermahnung des Apostels, der uns zuruft: "Beugt euch also in Demut unter die mächtige Hand Gottes." (1. Petrus 5,6a) Führst du dein verflossenes Leben wohl zu Gemüte, so wirst du bald zur Überzeugung kommen und sprechen: "Gesündigt hatte ich und das Recht verkehrt; doch hat er mir nicht mit Gleichem vergolten." (Ijob 33,27)

 

2. Lass dich also von deinen Trübsalen niemals verwirren, dass du an Gottes Vorsehung irre wirst, gleich als ob alles, was dir widerfährt, zufällig oder durch die Bosheit der Menschen geschehe, und als ob Gott nicht mehr an dich denkt. Er selbst hat alle Tropfen des Kelches gezählt, den er dir vorsetzte. Er sendet dir, gleich einem Kranken, nicht wonach dich gelüstet, sondern was dir heilsam ist. Er war es, der dein schädliches Vorhaben vereitelte, der die Schmach, die bittere Kränkung über dich verhängte, und so vieles zulässt, das dir widerfährt. Und zwar tut er dies aus wahrer väterlicher Liebe, dich zu heilen und zur Vollkommenheit zu führen.

 

3. Ist nicht der Kranke albern zu nennen, der die Hand des heilenden Arztes von sich stößt, und über seine Anordnungen murrt? Oder wird es dadurch besser mit ihm? Zieht er sich durch seine Ungeduld und seinen Widerstand nicht noch größere Übel zu, und setzt sich der Gefahr aus, das Leben zu verlieren? Du also ahme diese Torheit nicht nach, sondern ergib dich Gott, wie ein gutes Kind, das auf die Liebe seines Vaters vertraut, weil es weiß, dass sein Wohl ihm am Herzen liegt. Je größer dein Vertrauen, um so mehr wird der himmlische Vater bewogen, dir zu helfen, wie er durch seinen Propheten spricht: "Ja, ich werde dich heil entrinnen lassen; du wirst nicht unter dem Schwert fallen, sondern dein Leben wie ein Beutestück gewinnen, weil du auf mich vertraut hast." (Jeremia 39,18)

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Betrachtung am 21. Oktober - Vom Leben aus dem Glauben

 

Herr, deine Wahrheit nähre mich,

Und stärke meiner Seele Mark:

Dann werde ich zum Kampfe stark,

Und preise durch mein Leben dich.

 

1. "Mein Gerechter aber wird durch den Glauben leben." spricht der Herr. (Hebräer 10,38a) Es gibt zwar nicht wenige, die sich selbst für gerecht halten, die aber nicht aus dem Glauben, sondern aus der Hoffart, aus dem Eigendünkel leben, "da sie die Gerechtigkeit Gottes verkannten und ihre eigene aufrichten wollten, haben sie sich der Gerechtigkeit Gottes nicht unterworfen". (Römer 10,3) Aber nicht diese sind es, die der Herr seine Gerechten nennt. Der Glaube des wahren Gerechten ist ein lebendiger Glaube, der die Offenbarungen des Allerhöchsten in ihrem ganzen Zusammenhang dankbar umfängt; "ein Glaube, der durch die Liebe wirkt". (Galater 5,6b) Ist der Glaube nicht so beschaffen, so ist er tot. Nimmermehr aber wird ein Glaube, der selbst kein Leben in sich hat, den Gerechten so nähren, dass er davon leben kann.

 

2. Ein lebendiger Glaube ist stark und siegreich. "Und das ist der Sieg, der die Welt besiegt hat: unser Glaube." (1. Johannes 5,4b) Er siegt "mit den Waffen der Gerechtigkeit in der Rechten und in der Linken." (2. Korinther 6,7b) Weder achtet er der irdischen Wohlfahrt zur Rechten, noch der Widerwärtigkeiten zur Linken, denn sein heller Blick erkennt, dass nichts zu achten sei, außer was ewig ist. Woher der Anfang der Schwäche und des Untergangs einer Seele? Aus der Schwäche ihres Glaubens. Ihr toter Glaube nährt sie nicht, er ist wie ein Brot ohne Kraft, das keine Nahrung gibt; daher die fortwährende Abnahme ihrer Kräfte. Ist nicht dieser tote Glaube die Ursache deiner Schwäche?

 

3. Der Glaube ist nicht nur die gewöhnliche, er ist auch oft die einzige Speise des Gerechten. Es kommen Zeiten, wo seine Seele keine andere Nahrung, keinen Trost vom Himmel empfängt, Zeiten der Trockenheit und der Prüfung. Es ergeben sich oft Ereignisse, Siege der Gottlosen, Unterdrückung der Gerechten und Drangsale, wo die göttliche Vorsehung so gänzlich sich verbirgt, dass selbst der Gerechteste erschüttert würde, wenn er nicht vom Glauben an Gottes unendliche Weisheit und Vorsehung durchdrungen wäre. Hochwichtig also ist es, dass wir durch Betrachtung der ewigen Wahrheiten reich im Glauben werden, damit wir zur Zeit des Hungers davon leben können. Psalm 46,3: "Darum fürchten wir uns nicht, wenn die Erde auch wankt, wenn Berge stürzen in die Tiefen des Meeres."

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Betrachtung am 22. Oktober - Über die innerliche Trostlosigkeit

 

Du bist, Herr, mein Licht und Leben,

Froh nur ist mein Herz bei dir;

Doch es will vor Angst erbeben,

Ist dein Trost entfernt von mir.

 

1. Du klagst über Dürre und Mangel an Trost bei deinem innerlichen Gebet. Kommt dies nicht vielleicht daher, weil du lau bist und zu sehr liebst, was die Sinne erfreulich anspricht? Das Feuer des innerlichen Gebets wird nur durch das Holz des Kreuzes und der Abtötung angefacht und ernährt. Vielleicht auch verlangst du mit allzu großer Gier nach diesem Trost. Gott aber versagt dir ihn, dich in der Demut zu erhalten, vor geistiger Hoffart zu bewahren, zur Erkenntnis deiner selbst dich zu führen und deine Armut und Schwäche dir zu zeigen. Auch entzieht er dir seinen Trost, deine Geduld zu üben und deine Verdienste zu vermehren.

 

2. Gott will, dass du im Geist leben lernst. Er will, dass du im Glauben und in der Hoffnung stark wirst, und dass deine Liebe gereinigt werde. Er will, dass du die Gnade seiner innerlichen Heimsuchung durch ihre Entbehrung hoch achten lernst, dass du sie sorgsam bewahrst, wenn sie dir verliehen wird, und sie eifrig suchst, wenn du sie verloren hast. Er will schließlich deine Treue bewähren, und dich dahin führen, dass du ihn auch dann liebst, wenn das liebliche Licht der Gnade verschwindet, und die Finsternis des Geistes eintritt. So verzage denn nicht, und hoffe in der Nacht, dass der innerliche Tag abermals aufgehen und mit großem Trost dich erfreuen wird. 

 

3. Herr, ich bekenne meine Schuld vor dir. Träge, lau und zerstreut, verdiente ich den Entzug der Gnade deines Trostes. Vergib mir, Herr, meine Untreue und Nachlässigkeit in deinem heiligen Dienst. Ich erkenne, mein Gott, dass ich arm, schwach und elend bin, wenn dein Licht mich verlässt. Aber demütigen will ich mich vor dir, und die verdiente Trockenheit meines Herzens in Geduld ertragen, bis du meiner dich wieder erbarmst, und dir in fester Treue dienen, um deiner selbst willen, und nur suchen, was dir gefällt, nicht aber, was mir erfreulich ist. Psalm 51,13+14: "Verwirf mich nicht von deinem Angesicht, und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir! Mach mich wieder froh mit deinem Heil; mit einem willigen Geist rüste mich aus!"

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Betrachtung am 23. Oktober - Von der christlichen Abtötung

 

Willkommen sei mir, Tod, dein strenger Schmerz,

Der du die Sünde von der Seele scheidest.

Durch dich nur kommt zur Reinigkeit das Herz,

Da du des Lasters Wurzeln ihm entschneidest.

 

1. Die Abtötung ist eine Art des Todes, wie man es am Namen sieht, eines Todes jedoch, der ein Leben erteilt, das uns anregt, der Sünde und der Begierlichkeit zu ersterben, um der Liebe und der Gnade zu leben. Sie geht darauf aus, die Eigenliebe, die Trägheit, die Lust am sinnlichen Vergnügen in uns zu tilgen, damit die heilige Gottesliebe, das wahre Leben der Seele, in uns herrsche. Willst du also zum wahren Leben des Geistes, zum Leben der Gnade und der Glorie gelangen, so musst du dir selbst ersterben durch diese heilige Abtötung, ohne die keine Seele zur glückseligen Umwandlung eines geistigen Lebens gelangen kann.

 

2. Diese Abtötung ist ein Entzug, eine Trennung der Seele vom fleischlichen Leben. Durch sie wird der Geist Gott, der Körper dem Geist unterworfen. Sie beschränkt sich nicht darauf, zu verwerfen was das heilige Gesetz verbietet, sie versagt sich Gott zu Liebe auch erlaubtes Vergnügen, seiner heiligsten Gerechtigkeit für die Schulden ihres vergangenen Lebens genug zu tun. Sie bewacht die Sinne, die Fenster, durch die der Tod in die Seele steigt, und scheidet die Hoffart, die Eigenliebe, die Verachtung des Nächsten, den Vorwitz und alle ungeregelten Anhänglichkeiten an Geschöpfe aus dem Herzen. Das Ziel aber, wohin alle ihre Arbeiten streben, ist, Gott in allen Dingen uns gnädig zu erhalten.

 

3. Diese Abtötung ist die beständige Übung des wahren Christen, und jeden Tag ergeben sich ihm Gelegenheiten dazu. Denn haben wir auch eine Untugend überwunden, so ergibt sich dennoch bald wieder die Notwendigkeit, gegen eine andere zu kämpfen. Denn unser Herz ist ein Acker, auf dem die Natur fortwährend Unkraut hervorbringt, weshalb wir immer wachsam sein müssen, dass es nicht überhand nehme und die wenige gute Frucht ersticke, die wir durch Gottes Gnade nach mühsamer Arbeit gewonnen haben. Unsere Leidenschaften aber sind gleich einer übel gelöschten Fackel, die sogleich sich wieder entzündet, wenn sie in die Nähe des Feuers gebracht wird. Römer 8,13: "Wenn ihr nach dem Fleisch lebt, müsst ihr sterben; wenn ihr aber durch den Geist die sündigen Taten des Leibes tötet, werdet ihr leben."

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Betrachtung am 24. Oktober - Von der Berufung zum Glauben

 

Preis dir, o Gott, der du den Finsternissen

Mich huldreich durch des Glaubens Licht entrissen.

Es führe dieses Lichtes heller Schein

Zum ewigen Vermählungsfest mich ein.

 

1. Wenn ich, mein Gott, betrachte, wie tief die Welt im Argen liegt, wie viele Völker auf dem Erdkreis noch bis zur Stunde in den Finsternissen des Heidentums irren, ja wie viele selbst derjenigen, die deine Barmherzigkeit in das Licht deines Evangeliums berief, die Augen diesem göttlichen Licht vorsätzlich verschließen, um ihre höchste Glückseligkeit in den Schatten und vergänglichen Lüsten der Zeit zu suchen: dann wird mein Herz von innigster Dankbarkeit für die so große und so unverdiente Gnade des heiligen Glaubens durchdrungen, der die künftigen Güter der ewigen Glorie mir zeigt, und mich kräftigt und ermutigt, sie durch Werke der Gerechtigkeit und Geduld in den Trübsalen dieses Lebens zu verdienen. 

 

2. Groß fürwahr und würdig deiner göttlichen Freigebigkeit ist diese Berufung zum Glauben deines göttlichen Evangeliums, mein Gott. Welches Herz auch würde sie verschmähen, ja welches würde sie nicht in seligem Jubel annehmen, wenn es ihren unendlichen Wert betrachtet. Denn dieser Beruf ist die Einladung zu jenem himmlischen Vermählungsfest, das du, der allerhöchste König des Himmels, deinem eingeborenen Sohn, dem Bräutigam seiner Kirche, hältst, und dessen Freuden alles unendlich übersteigen, was die menschliche Einbildungskraft erreichen kann, weil alles darin himmlisch, alles göttlich, alles glorreich und ewig ist. Selig diejenigen, die indessen in diesem heiligen Beruf so wandeln, dass sie "nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes sind!" (Epheser 2,19)

 

3. Preise die Erbarmungen deines Gottes, der vor so vielen Tausenden zu diesem göttlichen Vermählungsfest dich berief, und bereite dich dazu durch ein frommes und gerechtes Leben. Sieh, eingeladen wurdest du durch die Boten des himmlischen Königs, durch seine Kirche. So halte dich denn jederzeit bereit, denn bald werden die Pforten der Ewigkeit aufgetan werden, die in das Gemach des himmlischen Bräutigams dich einführen. Bewahre dich also in heiliger Treue, dass du mit dem Propheten sprechen kannst: "Mein Herz ist bereit, o Gott, mein Herz ist bereit." - "Der Bräutigam kommt! Geht ihm entgegen! . . . und die bereit waren, gingen mit ihm in den Hochzeitssaal, und die Tür wurde zugeschlossen." (Matthäus 25,6+10)

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Betrachtung am 25. Oktober - Über die Glorie der Heiligen

 

O glorreiche Himmelskrone,

Nach dir seufzet mein Verlangen.

Gern will ich das Kreuz umfangen,

Gib, mein Gott, dich mir zum Lohne.

 

1. Gott will, dass alle Menschen selig werden. Alle lädt er zu seinem himmlischen Gastmahl ein. Vieles, ja Unfassbares tat er in dieser Absicht. Doch verlangt er, um dir Anteil an der glorreichen Seligkeit seiner Heiligen zu geben, dass du gleich ihnen sein Gesetz beobachtest, sanftmütig und demütig dich verhältst, und dein Kreuz mit Geduld erträgst. Erhebe dich im Geist in den Himmel, und sieh, ob du darin auch nur einen Heiligen findest, der nichts gelitten hätte. Nimmst du ihre Leiden ihnen hinweg, so nimmst du ihre Krone hinweg. Um diesen Preis also steht auch dir der Himmel offen; tue dir Gewalt an, und du reißt ihn an dich.

 

2. Frage die glorreichen Himmelsbürger, ob es sie nun gereut hat, dass sie das Kreuz umfingen, dass sie in Armut, in Leiden und Trübsalen lebten? Bereit wären sie, wenn Gott es zuließe, abermals auf die Erde zu kommen, und ohne Vergleich größere Schmerzen zu ertragen, ihre Glorie dadurch zu vermehren. Frohlockend preisen sie nun ihre Bußwerke, ihre Leiden, die in diese unermessliche Glorie sie führten, wo sie Gott von Angesicht zu Angesicht schauen, und ewig aus dem Strom seiner Wonnen getränkt werden. Soll ihre glorreiche Seligkeit uns nicht zur Nacheiferung erwecken? Was also hält uns ab? Wo ist unser Glaube? Erheben wir doch unseren Blick zum Himmel, und jede Arbeit wird uns leicht werden.

 

3. Hatten etwa die Heiligen ein anderes Evangelium, andere Sakramente? Oder hatten sie weniger Hindernisse? Sie alle hatten böse Neigungen zu bekämpfen, Gelegenheiten zu meiden, Versuchungen zu überwinden. Was also kann dich entschuldigen? Deine Jugend? Bist du jünger als ein Stanislaus? Deine Kränklichkeit? Sind deine Krankheiten schwerer und länger, als die einer Theresia, einer Liduwina? Deine Geschäfte? Hättest du mehr Geschäfte, als so viele heilige Könige und Fürsten? Oder hättest du schwerere Versuchungen zu überwinden, als Joseph, eine Susanna? Kein Hindernis also steht dir im Wege, als deine Trägheit, und wahrlich nicht sehr teuer erkaufst du den Himmel durch ihre Überwindung. "Schon empfängt der Schnitter seinen Lohn und sammelt Frucht für das ewige Leben, so dass sich der Sämann und der Schnitter gemeinsam freuen." (Johannes 4,36)

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Betrachtung am 26. Oktober - Von der geringen Anzahl der Auserwählten

 

Gerecht und heilig, Herr, ist dein Gericht,

Mild rufst du alle in dein Vaterhaus,

Und die da kommen, führst du in dein Licht;

Die dich nicht hören, schließen selbst sich aus.

 

1. "Gott will," spricht der Apostel, "dass alle Menschen selig werden, und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen!" Der eingeborene Sohn Gottes aber versichert feierlich, "viele sind berufen, und nur wenige auserwählt". Woher dies? Erstens aus dem menschlichen Widerstand, der Gottes liebreiche Absichten vereitelt. Wenn ganze Nationen der Verkündigung der Apostel sich widersetzten, und ihren Nachfolgern noch immer sich widersetzen; - wenn ganze Völker von der Einheit der Kirche sich losrissen, und noch zur Stunde die Augen der Wahrheit verschließen; - wenn so viele Kinder selbst der katholischen Kirche das Irrgerede der Gottlosen anhören, und gegen ihre Mutter sich empören: ist dies nicht ihre eigene Schuld? Und ist Gottes Vorsehung nicht vollkommen gerechtfertigt?

 

2. Die zweite Ursache ist "die Weisheit dieser Welt, die Torheit vor Gott ist". Denn was anderes rät diese törichte Weisheit, als Schädliches suchen, Vergängliches lieben, Heilsames vernachlässigen und Ewiges als nichts achten? Also verschmähten jene vom himmlischen König eingeladenen Gäste diese glänzende Auszeichnung, und gingen ihren Geschäften, ihren Unterhaltungen nach, ja sie misshandelten sogar seine Boten. Ahmen wir aber nicht ihrer Verkehrtheit nach? Ziehen wir unsere zeitlichen Vorteile nicht dem Heil unserer Seele vor? Widerstehen wir Gottes Einladungen nicht beständig, und zürnen denjenigen, die uns ermahnen, seiner Stimme Gehör zu geben, und seinen glorreichen Verheißungen durch treue Befolgung seines heiligen Gesetzes und würdig zu machen?

 

3. Die dritte Ursache ist unser toter Glaube. Wären wir von Gottes Güte und Gerechtigkeit, von der Würde unserer Seele, von der Ewigkeit der himmlischen Belohnungen durchdrungen, wahrlich, wir würden den vergänglichen Gütern dieser Zeit nimmermehr mit so großer Gier nachstreben. Denn welcher Hungernde greift je nach einem Stein, wenn er durch Brot sich erquicken kann? Oder nach einer Schlange, wenn treffliche Fische ihm vorgesetzt werden? Welcher Mensch auch würde je der Hölle zueilen, wenn er tief von dem Gedanken an den Himmel durchdrungen wäre? Irren wir nicht, und treffen wir eine gute Wahl, dann werden auch wir von Gott auserwählt werden. "Vor dem Menschen ist Leben und Tod, das Gute und das Böse; welches ihm gefällt, das wird ihm gegeben werden." 

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Betrachtung am 27. Oktober - Über die Hoffnung, zu den Auserwählten zu gehören

 

Auf dir, o Herr, ruht mein Vertrauen,

Dich einst in deinem Licht zu schauen,

Und dich zu preisen ewiglich.

O milder Gott, erhöre mich.

 

1. Die Gerichte Gottes sind ein tiefer Abgrund. Er allein kennt diejenigen, die mit seiner Gnade zum Heil gelangen werden. Wir aber sollen, nach der Ermahnung des Apostels, unser Heil mit Furcht und Zittern wirken, da wir nicht wissen, ob wir zur Anzahl seiner Auserwählten gehören. Gottes unendliche Weisheit aber wollte dies so, damit wir in der Demut und in beständiger Wachsamkeit bleiben, ohne Unterlass zu seiner göttlichen Barmherzigkeit beten, uns rein bewahren und guten Werken mit Eifer nachgehen, die allein unsere Auserwählung sichern, auch wenn wir wüssten, dass wir zur glückseligen Anzahl der Auserwählten gehörten.

 

2. Bete also die göttlichen Ratschlüsse in Demut deines Herzens an, und fürchte die göttlichen Gerichte. Aber mäßige diese Furcht durch Liebe und Vertrauen. Ist nicht dein ganzes Leben eine beständige Verkettung von Gnaden und Erbarmungen von deinem himmlischen Vater? Früh schon erleuchtete dich sein heiliges Licht und zog dich zu seiner Erkenntnis und Liebe an. Und sieh, als du später hin dich verirrt und seinen Weg verlassen hast, ging seine Gnade dir nach, bewahrte dich vor den Schrecknissen eines jähen Todes und vor gänzlicher Verstocktheit des Herzens, und ruhte nicht, bist du zu ihm zurückgekehrt bist. Wie also fürchtest du, er werde nun das Schäflein verlassen, dass er mit so großer Mühe aufsuchte, und über dessen Wiederfinden er ein Fest mit seinen Engeln feierte? 

 

3. Aber, sprichst du, wer weiß, ob ich aushalten werde! Denn wie viele, die Gott lange Zeit dienten, fielen am Ende ab und gingen ewig verloren. Sage mir, hast du in dir selbst die Kraft gefunden, deine sündhaften Fesseln zu brechen, oder hast du sie von Gott bekommen? Sind also diese großen Gnaden des Heils, die Gott dir verlieh, nicht ein sicheres Unterpfand, dass er auch die übrigen dir verleihen werde, selig zu vollenden? Rufe täglich mit ganzem Herzen um seine Gnade zu ihm, und er wird sie dir täglich verleihen. Nicht durch kleinmütiges Zagen, sondern durch kräftige Hoffnung und getreue Liebe wirst du zur Seligkeit gelangen. Psalm 31,2: "Herr, ich suche Zuflucht bei dir. Lass mich doch niemals scheitern; rette mich in deiner Gerechtigkeit."

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Betrachtung am 28. Oktober - Vom dreifachen Stand derjenigen, die Gott dienen

 

O gib mir, Herr, der heil`gen Liebe Mut,

Und deines Eifers immer rege Glut,

Dass nimmer ich von deinem Wege weiche,

Bis standhaft ich mein hohes Ziel erreiche.

 

1. Die christliche Vollkommenheit ist gleich einem hohen Berg, auf dessen Gipfel die heilige Stadt erbaut ist, wohin alle zielen, die diesen Berg besteigen, um daselbst zur Vereinigung mit ihrem Gott zu gelangen. Unter diesen Wanderern nun werden Anfänger diejenigen genannt, die noch unten am Fuß des Berges sind; - Fortschreitende die, die bereits die Mitte des Berges erreicht haben; - Vollkommene endlich die Glückseligen, die bis an seinen Gipfel gelangt sind. Die ersten haben noch vollauf zu tun, vor Sünden sich zu hüten. Die zweiten ringen nicht mehr, Sünden zu meiden, sondern wahre Tugenden zu erlangen. Die dritten, die bereits in Tugenden geübt sind, streben nach der Vereinigung mit Gott. Erwäge nun, zu welchen aus diesen dreien du gehörst.

 

2. Es müssen zwar auch die Fortschreitenden, ja sogar die Vollkommenen vor Sünden sich hüten, und auch die Anfänger müssen Fleiß anwenden, Tugenden zu erlangen und zur Vereinigung mit Gott zu gelangen. Indessen ist doch jeder dieser Stände vorzüglich mit der Arbeit beschäftigt, die ihm eigen ist, und niemand soll plötzlich von dem einen zu den andern übergehen wollen. Denn viele möchten gerne auf einmal vollkommen sein. Dies aber ist so wenig möglich, als dass der Körper eines kleinen Jungen plötzlich zu einem vollkommenen Mann erwachse. Das Kind mag weder die Speisen, noch die Arbeiten eines Mannes zu ertragen. 

 

3. Darum ermahnt der heilige Apostel Petrus uns sehr weise, gleich neugeborenen Kindern nach vernünftiger Milch zu verlangen, damit wir dadurch allmählich zum Heil erwachsen (1. Petrus 2), und spricht auch an einer anderen Stelle: "Wachst in der Gnade und in der Erkenntnis unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus." (2. Petrus 3) Meist ist es nur die Eigenliebe, die so gerne sich vollkommen sehen möchte, und die nicht sowohl auf ihre Schwäche, als auf ihr Verlangen sieht, weshalb sie auch gewöhnlich auf dem Weg erliegt. Darum schreite mit Gottes Gnade, demütig und behutsam, bis dir gesagt wird: "Freund, rücke weiter hinauf!" Psalm 84,8: "Die Gerechten werden von Tugend zu Tugend schreiten, bis sie den Gott der Götter schauen."

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Betrachtung am 29. Oktober - Von der Anziehung der Gnade

 

Dein Wille, Herr, nur kann mich sicher leiten,

Denn was, o Gott, du willst, ist gut allein.

O lass mich nicht von deinem Wege gleiten,

Und lehre mich, dir wohlgefällig sein.

 

1. Habe immer fromme und gute Übungen zur Hand und vollbringe sie getreu und in reiner Absicht. Doch hänge ihnen nicht so an, dass du sie nicht alsbald verließest, wenn die göttliche Vorsehung entweder durch Anordnung deiner Vorgesetzten oder auf andere deutliche Weise dir kund gibt, dass sie nun anderes von dir fordert. Denn wir sollen Gott nicht nur dienen, sondern dienen sollen wir ihm, wie er selbst es will, und unseren eigenen Willen verleugnen, ja sogar Großes und Lobenswertes verlassen, um Geringes zu tun. Denn verlangt Gott dies von dir, so hört das Geringe auf gering zu sein, und wird besser denn alles, was dir groß und lobwürdig scheint. 

 

2. Dein ganzes Verdienst besteht in deiner Selbstverleugnung, um Gottes heiligen Willen zu tun. Er verteilt seine Gaben auf verschiedene Weise, je nach dem Wohlgefallen seiner Weisheit und dem Beruf und den natürlichen Anlagen seiner Diener. Nicht alle sollen die genannten Übungen abwarten, alle aber sollen in einem Geist der Liebe wirken. Kannst du also nicht tun, was andere tun, so kannst du doch diese Tugenden üben, und demütig, barmherzig und geduldig sein, wenn auch nicht auf dieselbe Weise wie sie. Nimmst du alles wie von Gott an, und suchst in allem nur seine Ehre, nimmermehr wird Gott es dann zulassen, dass du irre gehst, und was immer dir widerfahren mag, wird dir zu größerem Heil gereichen.

 

3. Bemiss deine Vollkommenheit nicht nach dem Maß anderer, sondern richte dich nach Gottes Wohlgefallen, und sieh nicht auf die Gnade, die dieser oder jener empfing. Verlange du keine größeren Gaben, als Gott will, dass du sie haben sollst. Deine Vollkommenheit bestehe darin, so zu sein, wie es Gott wohlgefällig ist, gleichwie ob arm oder reich. Suchst du dich selbst nicht und bist immer bereit, Gottes Anordnungen zu folgen, ob sie der Natur erfreulich oder lästig sind, dann bist du auf dem geraden Weg, der zum Himmel führt. Psalm 143,10: "Lehre mich, deinen Willen zu tun; denn du bist mein Gott. Dein Guter Geist leite mich auf ebenem Pfad."

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Betrachtung am 30. Oktober - Über den Glauben des Halbchristen

 

Erwecke, Herr, in mir den Glauben;

Es leuchte mir sein heil`ges Licht,

Mich zu belehren und zu stärken,

Dass einst ich mit gerechten Werken

Vor dir erscheine beim Gericht.

 

1. "Wer nicht glaubt, der ist schon gerichtet!" spricht der Herr. (Johannes 3,18) Prüfen wir uns also mit Sorgfalt, diesem schweren Strafgericht zu entkommen. Haben wir den Glauben, das heißt, einen festen, lebendigen, werktätigen Glauben? Jakobus 2,19: "Du glaubst: Es gibt nur den einen Gott. Damit hast du recht; das glauben auch die Dämonen, und sie zittern." spricht der Apostel. Glauben wir, dass wir mit Jesus leiden müssen, wenn wir mit ihm herrschen wollen? Betrachten wir alle Dinge nach dem Urteil dieses Glaubens? Würde, wer wahrhaft glaubte, was wir zu glauben verpflichtet sind, leben, wie wir leben?

 

2. Wie viele leben in den Tag hinein, lassen die Wahrheiten des Glaubens dahin gestellt sein, und führen ein heidnisches Leben. Gehören nicht auch wir zu dieser Anzahl von Menschen? Wie kann man je an die unendliche Majestät eines Gottes glauben, und ihm nicht dienen, an seine unendliche Gerechtigkeit, und ihn nicht fürchten? Wie kann man glauben, dass, was vor den Augen der Menschen groß ist, ein Gräuel in seinen Augen ist, und mit aller Gier nach dieser Größe verlangen? Glauben, dass wir uns selbst verleugnen, unser Kreuz tragen, Buße wirken und uns Gewalt antun müssen, wenn wir selig werden wollen, und alle diese Dinge gleich dem Feuer meiden? Wie können wir an die schrecklichen Strafen der Hölle glauben, und ruhig in der Sünde fortleben, ja unsere alten Sünden mit neuen vermehren?

 

3. Der Glaube muss das Licht und die Richtschnur unseres Lebens sein. Immer zeigen unsere Handlungen unseren Glauben wirksamer, als unsere Worte. "Der Gerechte", spricht die Schrift, "lebt aus dem Glauben." Wir aber leben nicht nur nicht daraus, sondern wir ertöten ihn in unserem Verstand und in unserem Herzen. Stehen nicht unsere Sitten in furchtbarem Widerspruch mit unserem Glauben? Verleugnen wir den Glauben nicht unter Ungläubigen, und opfern unser Heil einer geringen Ehre, einem unbedeutenden Nutzen auf? Wehe uns, wenn wir dem Evangelium nicht glauben, und abermals Wehe uns, wenn wir als Christen glauben und als Heiden leben. 2. Petrus 2,21: "Es wäre besser für sie, den Weg der Gerechtigkeit gar nicht erkannt zu haben, als ihn erkannt zu haben und sich danach wieder von dem heiligen Gebot abzuwenden, das ihnen überliefert worden ist."

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Betrachtung am 31. Oktober - Von der Wirksamkeit des Gebetes

 

Verschmähe, Herr, nicht mein Gebet,

Das in Bedrängnis zu dir fleht;

Denn niemand rettet in der Not,

Als du, o Herr, Gott Sabaoth.

 

1. Willst du Gottes Gnade erlangen und bewahren, so liebe das Gebet und lass es deine beständige Übung sein. Gott gab es uns als das allgemeine Mittel gegen alle unsere Übel, und es fordert weder einen erhabenen Geist, noch große Wissenschaft. Ein ehrerbietiges und eifriges Gebet findet immer eine liebevolle Aufnahme. Auch steht der Zutritt zu dem himmlischen König dir frei zu jeder Zeit. Er ist keine stolze und unzugängliche Majestät. Keine Wache verwehrt dir den Eintritt in seinen Palast. Er ist bereit, uns anzuhören, so oft wir wollen, und niemand, der mit andächtigem und zerknirschtem Herzen zu ihm kommt, geht leer von dem Thron seiner Barmherzigkeit aus. 

 

2. Wie oft nimmst du, statt zu dem Vater des Erbarmens zu beten, deine Zuflucht zu Menschen und klagst ihnen deine Not. Darfst du dich aber wundern, wenn du ohne Hilfe, ja oft mit bitteren Worten abgewiesen wirst? Gott hat die Herzen der Menschen in seiner Hand, und sie werden dir auch nur in sofern helfen, als er sie dazu anregt. Warum also nimmst du deine Zuflucht nicht sogleich zu ihm? Hast du nicht seine untrügliche Verheißung, dass du erhalten wirst, um was du im Glauben bittest? Glaubst du etwa dieser Verheißung nicht? Oder achtest du Gottes Wohltaten so gering, dass du nicht einmal darum bittest?

 

3. Betrachte den Fürsten, der zu Jesus kam, ihn zu bitten, dass er seinen Sohn gesund macht. Statt ihn zu erhören, gab der Herr ihm einen Verweis. Aber der betrübte Vater wurde dadurch nicht irre an der Güte Jesu. Er bat noch dringender, und erhielt endlich zu seiner großen Freude die Frucht seines Gebetes. Also prüft Gott zuweilen den Glauben und die Beharrlichkeit seiner Diener, immer aber erhört er ihr andächtiges, dringendes und beharrliches Gebet, und zögert zuweilen nur darum mit der Erhörung, damit sie dann seine Gaben um so höher achten. Denn ausdrücklich ist die Verheißung unseres Herrn: "Ich sage euch: Alles, um was ihr bettet in eurem Gebet, glaubt nur, dass ihr es empfangen werdet, dann wird es euch zuteil." (Markus 11,24)

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Betrachtung am 1. November - Am Fest Allerheiligen

 

O seht herab vom hohen Himmelssaal,

Wo selig eure Jubelhymnen klingen,

Ihr Himmelsbürger, in dies Tränental,

Wo, ach, wir arme noch in Schmerzen ringen;

Und bittet, dass Gott unser Flehn erhöre,

Und bald durch uns ergänze eure Chöre.

 

1. Es besteht zwischen der triumphierenden und der streitenden Kirche eine wahre, lebendige und innige Gemeinschaft, denn alle Glieder der einen heiligen Kirche sind durch das Erlösungsblut Jesu Christi miteinander verschwistert. Wir zwar leben noch im Glauben, sie aber in der Anschauung. Doch sind alle, die hienieden in Gottes Gnade leben, "Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes". (Epheser 2,19) Versichert uns aber die ewige Wahrheit, dass mehr Freude im Himmel ist über einen Sünder, der da Buße tut, als über 99 Gerechte, die der Buße nicht bedürfen (Lukas 15,7), so sehen wir daraus klar, dass die glückseligen Himmelsbürger die Gerechten genau von den Sündern unterscheiden.

 

2. Diese Freude der Heiligen an der Bekehrung der Sünder entspringt ihrer feurigen Liebe und der lebendigen Sehnsucht, dass die unendlich liebevolle Majestät Gottes von einer immer größeren Anzahl Anbeter verherrlicht wird. Daher auch nehmen sie den innigsten Anteil an ihren Brüdern und Schwestern, die noch in diesem Tal des Kampfes sind. Sie kennen unsere Schwächen und die Versuchungen, denen wir beständig ausgesetzt sind, und bringen die Bitten, die wir an sie richten, vor Gottes Thron. Wie auch sollten sie, die im irdischen Leben sogar für ihre Feinde beteten, nun, wo ihre Nächstenliebe vollkommen ist, nicht für diejenigen bitten, die sie verehren und anrufen?

 

3. Gott aber erhört die Fürbitten seiner Heiligen für uns. Psalm 145,18-19: "Der Herr ist allen, die ihn anrufen, nahe, allen, die zu ihm aufrichtig rufen. Die Wünsche derer, die ihn fürchten, erfüllt er, er hört ihr Schreien und rettet sie." Auch spricht der Sohn Gottes: "Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren" (Johannes 12,26b), diese Ehre aber besteht darin, dass er ihre Bitten erhört. So rufen wir denn diese glorreichen Himmelsfürsten oftmals an, und sprechen wir: Selige Bewohner des himmlischen Jerusalems, bittet für uns beim Thron des Allmächtigen, der euch als seine Kinder liebt, damit wir, wie ihr, die Welt und uns selbst überwinden, im Glauben leben und sterben, und einst Gefährten eurer Seligkeit werden. So heißt es in Davids Psalm: "Deine Freunde, mein Gott, sind mir überaus hoch geehrt; ihre Herrschaft ward überaus mächtig gekräftigt."

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Betrachtung am 2. November - Am Gedächtnis Allerseelen

 

Nimm, Herr, die Seelen, die in deinem Frieden

Aus dieses Lebens Kämpfen abgeschieden,

Barmherzig auf in deiner Heil`gen Schar,

Dass sie dich selig preisen immerdar.

 

1. 2. Makkabäer 12,45: "Es ist ein heiliger und heilsamer Gedanke, für die Verstorbenen zu beten, damit sie von ihren Sünden gelöst werden." Heilig ist dieser Gedanke, weil er von der Liebe, der ersten aller Tugenden, ausgeht, die fordert, dass wir alle, die wir in Jesus Christus ein Körper sind, einander zu Hilfe kommen, und füreinander beten sollen. Sind wir nun schon gegen unsere lebenden Brüder und Schwestern zu diesem heiligen Liebesdienst verpflichtet, wie weit mehr gegen jene, die keine Verdienste mehr erwerben können, der göttlichen Gerechtigkeit genug zu tun, da sie bereits "in jener Nacht sind, wo niemand mehr wirken kann?"

 

2. Ja, dieser Gedanke ist nicht nur heilig, sondern auch heilsam. Denn unsere Gebete, Almosen und andere guten Werke, ganz vorzüglich aber das unblutige Opfer unserer Erlösung, gereichen den Seelen, die das Leben in Gottes Gnade verließen, zum größten Heil, weil wir dadurch an ihrer Statt der göttlichen Gerechtigkeit genugtun. Denn liebevoll nimmt der Vater der Erbarmungen auf, was wir mit Liebe für diese Seelen tun, die er selbst väterlich liebt, und zu seiner ewigen Liebe auserwählte. Es ist also eine heilige Pflicht, für unsere verstorbenen Brüder und Schwestern zu beten, die mit unserem Gebet rechnen und uns zurufen: "Erbarmt, erbarmt euch meiner, ihr, meine Freunde." (Ijob 19,21)

 

3. Es ist ein Ausspruch aller Väter, dass die Strafen der künftigen Welt alle unsere Vorstellungen übertreffen. "Denn jetzt aber, da sein Zorn nicht straft, und nicht groß des Frevels achtet" (Ijob 35,15), dann aber wird der letzte Heller eingefordert. Wie viele Eltern seufzen dort nach der tätigen Liebe undankbarer Kinder. Wie viele Freunde erwarten Hilfe von ihren Freunden und anderen, denen sie einst Gutes taten. Und wie überaus schmerzlich ist für sie die Unbarmherzigkeit ihrer Hinterlassenen. Könnten wir nur einen Blick in diese Gefängnisse der göttlichen Gerechtigkeit tun, wie eifrig würden wir sein, für die Verstorbenen zu beten und zu wirken. Unterlassen wir diese heilige Pflicht an keinem Tag, denn mit dem Maß, womit wir messen, wird uns zurückgemessen werden. Im Buch Kohelet lesen wir: "Versage einem Verstorbenen keine Gnade."

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Betrachtung am 3. November - Gottes Vaterherz

 

Aus deinem Herzen strömt, o Gott, die Liebe,

Die dein Geschöpf zu deinem Bilde schmückt;

Und unbesiegbar sind des Herzens Triebe,

Das wahrhaft liebt und liebend selbst beglückt.

 

1. Gewaltig ist die Liebe guter Eltern für ihre Kinder. Sie scheuen keine Sorgen, keine Anstrengungen, ihr Glück zu fördern. Erkranken aber diese geliebten Kinder, dann ist die ganze Familie ängstlich beschäftigt. Kein Geld wird gespart, keine Nachtwache, kein Opfer gescheut. Also sandte auch jener Fürst, dessen Sohn erkrankt war, nicht seine Leute: er selbst kam zu Jesus, um ihn um die Heilung seines Sohnes zu bitten. Aber liebe Eltern, warum diese Angst? Warum diese Sorgen? Was verliert ihr denn, wenn dieses Kind stirbt? Oder was gewinnt ihr, wenn es am Leben bleibt? Ach, du kennst die Liebe nicht, würden sie dem so Fragenden antworten, uns selbst lieben wir in unserem Kind, und wir selbst sterben gleichsam mit ihm.

 

2. Erkennst du hier das Bild des himmlischen Vaters? Nur einen Funken seiner Liebe legte er in das Herz der Eltern, und wie unüberwindlich wirkt er in ihnen. Was ist aber dieser geringe Funke gegen die unermessliche Liebe des göttlichen Vaterherzens. Denn der Herr selbst spricht in Jesaja 49,15: "Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde, ich vergesse dich nicht." Nichts zwar verliert er, wenn wir verloren gehen, und nichts gewinnt er, wenn wir selig werden, aber sein Wesen ist die Liebe, er liebt uns als seine Geschöpfe, er liebt sein eigenes Bild in uns.

 

3. Gute Eltern versuchen ihre Kinder durch Güte und Strenge zu bessern, sie verstoßen sie nicht, auch nach vielen Fehlern. Nun wenn sie nach allen Ermahnungen, Wohltaten und Strafen sich also gegen die Eltern empören, dass sie ihnen nach dem Leben stellen, schließen sie sie mit Schmerz vom Vaterhaus aus. So tut es auch unser himmlischer Vater, der seine unendliche Güte gleichsam erschöpft, und schließt nur jene Verstockten vom Himmel aus, die da wünschten, dass kein Gott wäre, und bis an ihr Ende in dem hartnäckigen Trotz gegen ihn verharren. "Sag zu ihnen: So wahr ich lebe - Spruch Gottes, des Herrn -, ich habe kein Gefallen am Tod des Schuldigen, sondern daran, dass er auf seinem Weg umkehrt und am Leben bleibt." (Ezechiel 33,11a)

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Betrachtung am 4. November - Von der himmlischen Freude

 

Nach dem hohen Vaterlande

Seufzet, hier verbannt, mein Herz.

Wann zerfallen meine Bande?

Wann, ach, weicht der Sehnsucht Schmerz?

Wann verschlingt der Sieg den Streit

In dem Reich der Seligkeit.

 

1. O glückseliges Vaterland in den Höhen, himmlisches Jerusalem, wie glüht mein Herz nach dir. Psalm 87,3: "Herrliches sagt man von dir, du Stadt unseres Gottes." Wann, o wann wird der Tag erscheinen, wo ich unter deine glückseligen Bürger aufgenommen werde, die im lieblichsten Einklang die göttliche Dreieinigkeit loben Tag und Nacht, und, trunken aus dem Strom der göttlichen Wonnen, von Freude zu Freude schweben. Unverwelklich blüht dort ihre Seligkeit in der Fülle unendlicher Liebe. Dort glänzen alle wie die Sonne in ihres Vaters Reich, und singen ewige Triumphgesänge. Dort schauen sie unentwegt die glorreiche Gottheit, lieben sie und werden gleich geliebten Kindern von ihr geliebt und umfangen.

 

2. O Seligkeit, die hoch über allen sterblichen Worten steht. Dort wechseln nicht alternde Tage mit dunklen Nächten, denn dort herrscht der Tag der Ewigkeit, und Gott selbst ist das Licht, das die wunderbare Himmelsburg durch seine Glorie erleuchtet. Dort sind alle in Gott entzückt, und unendlich mehr lieben sie ihn, als ihre eigene Seligkeit. Dort herrscht kein Neid, wo alle groß, alle Kinder Gottes sind, denn das Maß aller ist erfüllt, und die in minderer Glorie glänzen, erfreuen sich der größeren Herrlichkeit ihrer glückseligen Brüder und Schwestern. Die ersten Himmelsfürsten aber sind mit ihnen durch die schönste Liebe verschwistert und tragen Gewänder der himmlischen Glorie.

 

3. O unendliche, unerschaffene Schönheit meines Gottes. Selig, die in deinem Licht wohnen und deine Herrlichkeit schauen. Selig die liebeflammenden Chöre der heiligen Engel, die zahllosen Scharen der heiligen Patriarchen, Propheten, Apostel, Blutzeugen, Bekenner, Jungfrauen und Büßer. Selig alle, die in diese himmlische Heimat aufgenommen werden, und in schöner Vertraulichkeit mit diesen heiligen Bürgern der ewigen Stadt Sion leben, wo alle in einem Geist dich, den König der Unsterblichkeit, preisen, mit deinem eingeborenen Sohn, der diese Seligkeit durch sein Blut ihnen erworben hat, und dem Heiligen Geist, dessen Gnade sie geheiligt und des Himmels würdig gebildet hat. Psalm 42,3: "Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann darf ich kommen und Gottes Antlitz schauen?"

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Betrachtung am 5. November - Von den Fortschritten in der Vollkommenheit

 

Lass dich Kampf und Arbeit nicht verdrießen,

Denn sie blühen dir als reiche Saat;

Dort wirst du im Jubel sie genießen.

Fasse Mut, denn sieh, das Ende naht.

 

1. "Wer gerecht ist," spricht der Herr, "der werde noch gerechter, und wer heilig ist, noch heiliger!" Warum dringt der Herr so sehr auf unsere Zunahme an Gerechtigkeit und Heiligkeit? Weil unsere Zeit, Verdienste für die Ewigkeit zu erwerben, sehr kurz ist, "denn", fügt er bei; "ich komme bald, und mit mir bringe ich den Lohn, und ich werde jedem geben, was seinem Werk entspricht." Er liebt uns, und hat das herzlichste Verlangen, unsere himmlischen Belohnungen zu vermehren. Und diese Liebe drängt ihn, uns zu immer größerem Eifer zu ermahnen, damit er uns eine um so glorreichere Krone erteilen kann. Soll dies Verlangen unseres Herrn uns nicht zu dem lebendigsten Verlangen nach unserer Vollkommenheit anregen?

 

2. So lange wir leben, können und sollen wir unablässig an Gerechtigkeit und Heiligkeit zunehmen, ja es soll dies unsere einzige Beschäftigung und das Ziel aller unserer Werke sein, denn dazu wurde das Leben uns geschenkt. Niemand denke, er habe die Vollkommenheit erreicht. Denn dürfen wir auch dankbar erkennen, dass wir durch Gottes Gnade nun von manchen Sünden und schweren Fehlern frei sind, so verschwinden doch alle unsere Tugenden wie nichts, wenn wir sie mit den heldenmütigen Aufopferungen großer Heiligen vergleichen. Vergessen wir doch niemals, dass jede Minute eine Ewigkeit auf ihren Flügeln trägt, und dass wir, wenn wir sie verlieren, eine Stufe in der Glorie verlieren.

 

3. Die Demut der Heiligen war keine Heuchelei, sie verkannten das Gute nicht in sich, aber sie gaben Gott die Ehre dafür und sprachen mit dem Apostel: "Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin!" (1. Korinther 15,10a) Indessen war ihre Liebe, ihr Verlangen, Gott immer wohlgefälliger zu werden, und noch mehr für seine Ehre zu tun, so groß, ihr Hunger und Durst nach der Gerechtigkeit so verzehrend, dass sie alles, was sie getan und gelitten hatten, als nichts betrachteten, und mit demselben Apostel sprachen: "Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist." (Philipper 3,13b) An diese Dinge denke und tue alles, was deine Hand zu tun vermag.

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Betrachtung am 6. November - Von der Größe der heiligen Gottesliebe

 

O meine Seele, lieben wir den Herrn,

Denn seine Liebe nur versüßt das Leben.

Wer ihn nicht liebt, irrt von der Freude fern;

Denn was kann ihm die arme Erde geben,

Das nicht wie Rauch verschwände in der Zeit?

Doch seine Liebe bleibt in Ewigkeit.

 

1. "Hervorbringen werden sie, Herr, das Andenken an deine überschwängliche Liebe!" So groß ist die Liebe unseres Gottes, wenn sie dem Herzen sich kund gibt, dass darüber dem Menschen alle Freuden der Erde verleiden. Dies sehen wir an den Sündern, die sich aufrichtig bekehrten, und die wegen dieser Liebe und Freundlichkeit des Herrn, der sie nicht als ein strenger Richter bestrafte, sondern als ein milder Vater liebreich aufnahm, ihm mit Freuden alles opfern, was sie früher für die einzige Glückseligkeit gehalten hatten. So groß ist der Trost in ihrem Herzen, dass sie alle Lockungen, die zur Sünde sie zurückführen wollten, mit Abscheu von sich weisen, und gegen die Liebe ihres Gottes mit dem Apostel alles andere gleich dem Gassenkot verachten.

 

2. Unaussprechlich ist der Friede, den diese freundliche Liebe Gottes in ihre Herzen ergießt, und den Salomo ein beständiges Freudenmahl nennt. Ihre Leidenschaften schweigen, oder regen sie sich auch zuweilen, so werden sie doch bald besänftigt. Die innerliche Salbung dieser Liebe versüßt ihnen jedes Leiden, jedes Werk der Buße. Sie genießen im Umgang mit ihrem Gott, zumal aber bei seinem himmlischen Tisch, eine selige Freude, die sie über diese Erde erhebt, und mit Vertrauen sehen sie die Stunde ihrer Auflösung nahen. Sie sind zwar nicht ohne Furcht, doch ist ihre Furcht eine kindliche Furcht, die nicht sowohl der Strafe gedenkt, als den Gegenstand ihrer ewigen Liebe zu beleidigen fürchtet.

 

3. Dies ist der Unterschied zwischen den Kindern der Welt und den Kindern Gottes, dass jene in ihren Leiden klagen und einer trostlosen Verzweiflung sich überlassen, diese aber in den Trübsalen dieses Lebens Gott loben, dessen Hand sie ihnen sendet, und ihn durch ihre Geduld verherrlichen. Denn der Weg der Auserwählten ist der Weg des Kreuzes. Aber die Liebe erleichtert ihnen jedes Kreuz: sie hilft ihnen es zu tragen. Und ob auch die Natur darüber murre, umfangen sie es dennoch friedlich. Öffnen wir dieser göttlichen Liebe unser Herz, und sie wird uns bald in himmlische Menschen umwandeln. Psalm 34,9a: "Kostet und seht, wie gütig der Herr ist."

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Betrachtung am 7. November - Die Stunde der Rechenschaft

 

Es zittert, Herr, das Mark in den Gebeinen,

Kommt jene ernste Stunde mir zu Sinn,

Wo ich vor dir, dem Richter, muss erscheinen,

Da - übst du Strenge - ich verloren bin.

 

1. Viele leben nun so, als hätten sie sich selbst erschaffen, und wollen keinen Herrn über sich erkennen. Aber es kommt eine Stunde, eine unendlich bittere Stunde, wo der allerhöchste König der Schöpfung, ob sie wollen oder nicht, sie zur Rechenschaft berufen wird. Auch für uns ist diese Stunde bereits im Anzug, darum bereiten wir uns zu dieser Rechenschaft vor. Wozu verwendeten wir unseren Leib, unsere Seele, unseren Verstand, unsere Fähigkeiten, unser Vermögen, unseren Einfluss? Wozu die Zeit, die Gnade Gottes, die Mittel des Heils, die Sakramente der Erlösung? Was werden wir Gott, unserem allerhöchsten König, antworten, wenn er Rechenschaft über seine Gaben von uns verlangt?

 

2. Beherzigen wir diese Stunde ernsthaft, denn schrecklich ist die Todesstunde, wenn das schlafende Gewissen erst dann erwacht. Weit größer und entsetzlicher als je in unserem Leben werden dann unsere Sünden uns erscheinen, Sünden, die wir begehen wollten, Sünden, die wir wirklich begingen, Sünden der Jugend, Sünden des höheren Alters, Sünden, die wir im Verborgenen, Sünden, die wir öffentlich begingen, Sünden, die wir vor uns selbst geheim hielten, und deren wir uns nie gehörig in der Beicht anklagten, persönliche Sünden, und Sünden, wozu wir andere verleiteten. O wie wird der Anblick dieser unermesslichen Schulden uns erschüttern, die wir nun so gleichgültig betrachten.

 

3. Wehe dem Toren, der da wartet, seine Rechnungen zu ordnen, bis diese letzte und schreckliche Stunde erscheint. Eilen wir also zu tun, was jener Knecht, der außer Stande war, die zehntausend Talente zu bezahlen; werfen wir uns zu den Füßen unseres himmlischen Königs und seiner Diener nieder, in Tränen um die Nachlassung unserer Schuld zu bitten, und verwenden wir unser ganzes übriges Leben darauf, sie abzutragen. Denn wie groß, wie schwer, wie zahlreich auch unsere Sünden nun sind, wird Gottes unendliche Güte sie uns erlassen, wenn wir uns vor ihm demütigen und uns wahrhaft zu ihm bekehren. Jesus Sirach 5,7+8: "Zögere nicht, dich zu ihm zu bekehren, verschiebe es nicht Tag um Tag! Denn sein Zorn bricht plötzlich aus, zur Zeit der Vergeltung wirst du dahingerafft! Vertrau nicht auf trügerische Schätze; sie nützen nichts am Tage des Zorns."

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Betrachtung am 8. November - Dass wir nicht unser eigen sind

 

Bin, Gott, ich dein schon durch das Schöpfungsrecht,

Da du mir Sein und Atem hast gegeben,

So bin ich zweifach dein als ew`ger Knecht,

Da mich dein Sohn erkaufte durch sein Leben.

So nimm denn, Herr, mein ganzes Wesen hin.

Dir diene alles, was ich durch dich bin.

 

1. "Wisst ihr nicht," spricht der Apostel, "dass ihr nicht euer seid? Denn ihr seid um großen Preis erkauft." Wahrlich um großen Preis, um den unendlichen Preis seines Blutes erkaufte uns der Sohn Gottes selbst von der Knechtschaft des ewigen Todes los, zu dem die göttliche Gerechtigkeit uns verurteilt hatte. Du also betrachte dich als ein wahres Eigentum deines Herrn, wie du es denn auch in Wahrheit bist. Denn nicht dein sind diese Augen, nicht dein diese Ohren, nicht dein diese Zunge, nicht dein diese Glieder, sondern sie gehören dem, der sie erkauft hat, und darum dürfen sie auch nur zu seinem Dienst gebraucht werden.

 

2. Mehr jedoch als selbst dies unendliche Lösegeld verpflichtet dich seine unendliche Liebe, sein eigen zu sein. Denn bedurfte er etwa deiner, dass er um so teuren Preis dich erkaufte? Wäre er ohne dich weniger selig, weniger glorreich gewesen? Um deiner selbst willen erkaufte er dich, von ewiger Pein dich zu erlösen. Welchen Nutzen auch hättest du ihm je gewähren können? Ja er fragte dich auch nicht, ob du ihm dienen würdest, wenn er dich erlöst, sondern zuerst erlöste er dich, und erst nachdem er die Freiheit durch sein Blut dir erworben, bittet er dich und spricht durch den Propheten Jeremia: "Kehre zurück zu mir, dieweil ich dich erlöst habe." Wer vermag es noch, einer so großmütigen Liebe zu widerstehen?

 

3. Mehr denn alle Furcht vor der Hölle sollte diese unendliche Liebe dich aneifern, deine Seele rein zu bewahren, und wachsam zu sein, dass du dieses Kleinod nicht verlierst, damit du es ihm als sein Eigentum getreu übergeben kannst. Ja, wenn eine mühsame Arbeit für seine Ehre zu tun, oder irgend ein Leiden um seinetwillen zu dulden ist, so ermahne deine unwilligen oder ermüdeten Glieder, zu bedenken, wem sie gehören. Ebenso sprich auch zu deinen Augen und Ohren und zu deiner Zunge, wenn sie murren, unter der Zucht zu stehen, und nicht zu sehen, zu hören, noch zu sprechen, was sich nicht geziemt, 1. Korinther 6,19-20: "Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst; denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib!"

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Betrachtung am 9. November - Von der Verzeihung der Beleidigungen

 

Wer ist wie du, o unerschaffne Huld.

Die unsrer Schuld du nicht mehr willst gedenken,

Wofern wir selbst nur die geringe Schuld

Aus ganzem Herzen unsren Brüdern schenken.

 

1. Das Reich Jesu Christi ist ein Reich der Liebe, das keinen Hass unter denjenigen duldet, die zur ewigen Liebe im Himmel berufen sind. Indessen ist die menschliche Bosheit, der Eigennutz, die Hoffart, der Neid und die Missgunst so groß, dass unsere Geduld unaufhörlich geübt wird, und wir beständig zu Zorn, Hass und Rache gereizt werden. Bald leiden wir durch Betrug und Raub Schaden an unserem Vermögen, bald werden wir durch Verleumdung um Ehre und guten Ruf gebracht, bald unschuldig verfolgt oder auf andere Weise bitter gekränkt, so dass es in der Tat schwer ist, so vielfältige Beleidigungen gleichmütig zu ertragen, ohne dem Beleidiger zu zürnen. 

 

2. Dennoch fordert unser allerhöchster Herr von uns, dass wir alle diese Beleidigungen und Bosheiten aus ganzem Herzen verzeihen. Da er jedoch die schmerzlichen Wunden kennt, die unserem Herzen durch die Bosheit der Menschen geschlagen werden und unseren Schaden nicht will, setzt er uns, wenn wir seinem Befehl gehorchen, eine unendliche Belohnung vor. Wer von uns ist seiner Gerechtigkeit nicht unermessliche Summen durch zahllose Sünden schuldig? Wer muss nicht erbeben, vor seinem Gericht zu erscheinen? Alle diese Schulden aber erlässt der Herr uns bis auf den letzten Heller, wofern wir unseren Beleidigern verzeihen. In Lukas 6,37b spricht der Herr: "Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden."

 

3. Wird aber dein Herz von dieser unendlichen Gnade nur wenig gerührt, so erwäge, dass dein Feind durch schwere Beleidigungen selbst der Rache Gottes anheimfällt, der spricht: "Mein ist die Rache, und ich werde vergelten." (Deuteronomium 32,35) Ja bedenke, dass die Hand Gottes selbst unter der Hand der Menschen verborgen ist, die dich betrüben, und durch deine Geduld dir zu ewigen Verdiensten helfen. Dies bedachten alle frommen und gerechten Menschen. Darum auch schrieb Ijob die Unfälle, die ihn trafen, nicht den Menschen zu, sondern er sprach: "Der Herr hat`s gegeben, der Herr hat`s genommen." Ja selbst unser göttlicher Heiland sprach: "Der Kelch, den mir der Vater gegeben hat - soll ich ihn nicht trinken?"  (Johannes 18,11b) - Matthäus 6,15: "Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben."

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Betrachtung am 10. November - Von der Barmherzigkeit

 

Barmherzigkeit, dich liebt mein Herz,

Denn du bist Gottes Siegel;

Du linderst mild des Armen Schmerz

Und sperrst der Hölle Riegel.

Du gingst von Jesu Herzen aus,

Und kehrest reich ins Vaterhaus.

 

1. Keine Tugend macht uns Gott so ähnlich, als die Barmherzigkeit. Darum ermahnt sein eingeborener Sohn uns zu dieser Lieblingstugend seines Herzens durch die Worte: "Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!" (Lukas 6,36) So wohlgefällig ist diese Tugend vor den Augen unseres Gottes, dass er durch den Mund des Propheten spricht: "Barmherzigkeit will ich, nicht Schlachtopfer." (Hosea 6,6a); und durch einen anderen Seher: "Der Herr ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Gnade. Der Herr ist gütig zu allen, sein Erbarmen waltet über all seinen Werken." (Psalm 145, 8-9) Was anderes auch war das ganze Leben Jesu, als ein beständiger Akt der Barmherzigkeit.

 

2. Durch wie viele Beispiele, Ermahnungen, liebevolle und erschreckende Parabeln auch drängt er uns zu dieser so göttlichen Tugend. Sogar mit der ewigen Verdammnis bedroht er diejenigen, die sie nicht üben. "Denn ich war hungrig, und ihr habt mir nichts zu essen gegeben . . . usw." (Matthäus 25) Darum auch war Barmherzigkeit die Tugend aller Auserwählten. Alle wahrhaft frommen und gottseligen Menschen waren überaus mildherzig. Viele spendeten den Armen mit großer Liebe. Andere scheuten keine Arbeit, keine Schwierigkeit, kein Opfer, dem bedrängten Nächsten zu helfen oder seine Not zu lindern. Noch andere verkauften sogar ihre liebste Habe, Armen, Kranken oder Leidenden dadurch beizustehen. Welche großen Schätze hinterlegten sich diese liebreichen Seelen im Himmel. Wie wohlgefällig wurden sie dadurch dem göttlichen Vaterherzen. Wahrlich, kluge Kaufleute waren sie, die dem ewigen König auf reiche Zinsen borgten. 

 

3. Wie sicher wirst du auf deinem Totenbett sein, wenn du in deinem Leben Barmherzigkeit geübt hast. Schrecklich ist diese Stunde für den Unbarmherzigen, "denn das Gericht ist erbarmungslos gegen den, der kein Erbarmen gezeigt hat. Barmherzigkeit aber triumphiert über das Gericht." (Jakobus 2,13) Hast du aber den Geist Jesu, den Geist der Barmherzigkeit, dann erfreue dich in jener Stunde. Er selbst nämlich spricht: "Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden." (Matthäus 5,7) Bist du also mildherzig und liebreich, dann wirst du einen mildherzigen und liebreichen Richter an ihm finden. Matthäus 7,2: "Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden, und nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden."

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Betrachtung am 11. November - Von den Mahnungen des Gewissens

 

Du schreckst mich, Herr, doch schreckst du mich zu Heile;

Hinauszuwerfen, rufst du mir, in Eile

Die Schlange aus dem innersten Gewissen,

Da schwerer Tod erfolgt von ihren Bissen.

 

1. Wie große Gnaden liegen in den Vorwürfen des Gewissens. Dieser Schrei ist die erste Hilfe Gottes, die erste Gnade des Heils, die schnellste Gnade, die unmittelbar auf die Sünde folgt, ja die gleichsam der Sünde selbst entspringt, und deren Stimme im Grunde des Herzens ertönt, den Sünder verurteilt, bedroht und erschreckt. Ist sie aber eine strenge Rüge, so ist sie zugleich eine Einladung zur Buße, und zwar ist sie um so dringender, als sie zugleich ein Zeuge ist, dessen Zeugnis wir nicht verwerfen können, ein Zeuge, der uns überall hinfolgt, durch diese heimliche Folter uns peinigt und nicht von uns weicht, bis wir uns ergeben und uns mit Gott versöhnen. 

 

2. Du kostbare Rüge, du bist der Anfang meiner Bekehrung. Du wunderbare Erbarmung des Herrn, durch dich fand ich den Quell des Lebens im Grund meines Todes. Nicht ausweichen kann der Sünder dir, er fühlt dich, auch wenn er nicht will. Du gehst ihm überall nach und deine innerliche Stimme schreckt ihn mitten unter seinen Belustigungen auf. Nur die Beobachtung deines heiligen Gesetzes, mein Gott, verleiht ein gutes Gewissen und wahren Frieden. Dort allein auch will ich ihn suchen, der ein Unterpfand des höchsten und himmlischen Friedens ist.

 

3. Wer die Vorwürfe des Gewissens erstickt, widersetzt sich Gott im eigentlichsten Sinn. Dies aber ist die schwerste Bosheit, der unüberwindlichste Starrsinn. Je lauter der Ruf im Gewissen ertönt, um so unverzeihlicher ist der Widerstand, der diese Stimme Gottes verachtet und zu ersticken sucht. Gott lässt es aber zu, dass der Sünder durch fortwährenden Trotz es endlich bis dahin bringt, diese Stimme nicht mehr zu hören. Doch wehe ihm dann, er ist verloren. Denn die strengste Strafe Gottes in diesem Leben ist, nicht weiter zu drohen und zu erschrecken. Weit furchtbarer ist dies Stillschweigen des Gewissens, als sein lautester Schrei. Psalm 38,2-3: "Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn, und züchtige mich nicht in deinem Grimm! Denn deine Pfeile haben mich getroffen, deine Hand lastet schwer auf mir."

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Betrachtung am 12. November - Von Gottes barmherziger Strenge

 

Barmherzig bist du, Herzergründer.

Schlägst du, so heilst du den Sünder;

Denn träfen ihn nicht deine Pfeile,

Er käme nimmermehr zum Heil.

 

1. Gott folgt dem Menschen, der durch die Sünde ihn verlässt, überall nach, und seine Barmherzigkeit ist es, die ihm die Hindernisse in den Weg legt, die seine sündhafte Lust stören und verbittern. Denn verleiden will er ihm die Sünde und zur reinen und wahren Freude ihn zurückführen. Wären die falschen Freuden dieser Welt nicht von Dornen durchflochten, würde der Sünder, der ihnen nachjagt, nicht dabei verwundet und gepeinigt. Wären ihre Früchte nicht so bitter und brächte ihr Genuss nicht Ekel und Überdruss hervor, so wäre die Rückkehr zu Gott gleichsam unmöglich, weil der Leidenschaft eine Art unvermischter Glückseligkeit innewohnte. 

 

2. Gott jedoch hat barmherzige Absichten mit dem Sünder. Er weckt ihm Hindernisse, Kummer, Verlegenheiten und Verdruss aller Art, damit er einsehen lerne, dass die Glückseligkeit nicht dort ist, wo er sie sucht, und von seinen Verirrungen zurückkehrt. Wäre der verlorene Sohn nicht nahe daran gewesen, vor Hunger und Elend zu verschmachten, er wäre weder in sich gegangen, noch in das väterliche Haus zurückgekehrt. Das gegenwärtige Elend weckt die Erinnerung an den früheren Wohlstand, sowie die Hoffnung, wieder dazu zu gelangen. Und dies ist es, was die meisten zurückführt. Ich war glücklich, spricht der Sünder, als ich unschuldig war, und war elend, als ich mich strafbar machte. So kehren wir denn zu Gott zurück.

 

3. Gottes Absicht ist keineswegs, uns alle Freuden zu entziehen, sondern uns zur Einsicht zu führen, dass die wahre Freude von einem reinen und frohen Gewissen ausgeht, das nur in seinem Dienst erlangt wird, und dass alles Vergnügen, das die Vernunft missbilligt und die Religion verdammt, immer mehr Bitterkeit als Süße in sich fasst. Davon auch überzeugt uns selbst unser innerstes Bewusstsein. Wie also können wir noch warten, zur Ordnung Gottes zurückzukehren, die der unversiegbare Quell einer reinen, heiteren, lieblichen Freude ist, da alle Leidenschaften der Vernunft, die Vernunft aber Gott unterworfen ist und ihn besitzt, einer Freude, die keinen Überdruss, keine Angst, keine Reue kennt? Psalm 32,11: "Freut euch am Herrn und jauchzt, ihr Gerechten, jubelt alle, ihr Menschen mit redlichem Herzen!"

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Betrachtung am 13. November - Von der täglichen Gewissenserforschung

 

O gib mir, Herr, der Liebe Licht und Mut,

Und lehre mich mein Inn`res wohl erkennen,

Und in der heiligen Zerknirschung Glut

Entdeckte Fehler gleich der Spreu verbrennen.

 

1. Wer sich selbst nicht kennt, geht gleich einem Blinden beständig in der Irre, und fällt beinahe jeden Augenblick, teils aus blinder Vermessenheit, teils aus Irrtum und Schwäche. Zur genauen Erkenntnis unser selbst aber führt uns nur die tägliche Erforschung unseres Innern. Denn wie werden wir je unsere Fehler und Untugenden ausrotten, wenn wir sie nicht kennen? Wie aber lernen wir sie kennen, wenn wir nicht in das Innere unseres Gewissens dringen und alle seine Fakten genau durchforschen? Wie voll des Aussatzes ist ein Herz, dessen tägliche Reinigung vernachlässigt wird, oder dessen Krankheiten wir zu entdecken fürchten? Nur durch tägliche und wiederholte Erforschung ihrer innerlichen Triebe, Neigungen und Fehler gelangten heilige Seelen zur Reinheit des Herzens.

 

2. Diese besondere Erforschung ergeht besonders über die herrschende Neigung des Gemütes, die der Quell und die Wurzel aller oder doch der meisten und der größten unserer Fehler ist, die aber unsere Eigenliebe oft sehr sinnreich vor uns selbst verbirgt. Daher ist diese tägliche, aufmerksame Erforschung notwendig, sie zu entdecken, um sie zu bekämpfen, zu überwinden, und uns in beständiger Wachsamkeit gegen sie zu erhalten. Nur auf diesem Weg können wir mit Gottes Gnade dahin gelangen, dass wir allmählich alle unsere Leidenschaften wirksam besiegen und eine vollkommene Herrschaft über alle Regungen unseres Herzens erlangen. Richten müssen wir uns also selbst mit aller Strenge und uns nichts vergeben.

 

3. Diese tägliche Erforschung gehört zu den wesentlichsten Übungen des geistigen Lebens, und es gibt auch kein kräftigeres Mittel, uns vor Trägheit und Lauigkeit im Dienst Gottes zu bewahren. Denn es ist nicht möglich, sein Inneres aufmerksam zu durchforschen, und dabei über bedeutende Fehler sich zu verblenden und sie überhand nehmen zu lassen. Wer täglich bis zu dem Quell seiner Fehler, bis an das innerste Mark seiner Werke dringt, sich immer mehr zu reinigen und durch demütige Reue über die geringsten Vergehen mit Gott sich versöhnt, der schläft sehr sicher, und ist immer bereit, vor seinem Richter zu erscheinen. - Psalm 77,7: "Mein Herz grübelt bei Nacht, ich sinne nach, es forscht mein Geist."

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Betrachtung am 14. November - Von der Heuchelei

 

Die schwarze Heuchelei flieht scheu das Licht,

Denn Satans falsche Bosheit ist ihr eigen;

Doch wehe, wenn der Herr sie im Gericht

In ihrer nackten Schändlichkeit wird zeigen.

 

1. Der Heuchler betrachtet die Frömmigkeit als einen schönen Schleier, die Bosheit und Verdorbenheit seines Herzens zu bedecken, um dadurch die Menschen, ja Gott selbst zu täuschen. Darum auch zürnte unser Herr keinem Sünder so schwer, als den Heuchlern, die er ein getünchtes Grabmal, ein Natterngezücht nannte. Oft aber lässt Gottes Vorsehung es zu, dass schon in diesem Leben dem Heuchler die Larve herabgerissen wird, und er vor den Augen aller in seiner ganzen Hässlichkeit erscheinen muss. Gibt man sich so viel Mühe, seine Ausschweifungen vor dieser Welt zu verbergen: wie weit mehr sollte man sich bemühen, sie durch wahre Buße vor jener Welt zu verbergen, wo aller Gedanken offenbar werden, und die Heuchelei mit ewiger Schande bedeckt wird. 

 

2. Mit Recht verabscheuen wir dieses hässliche Laster. Wie oft aber verfallen wir selbst in dieses Laster hinein, geben uns den Anschein, besser zu sein als wir sind, und verbergen unsere Fehler unter dem Schleier der Sittsamkeit. Wie viele guten Werke auch tun wir aus Eitelkeit, oder aus anderen unreinen Absichten. Ja wie oft treten wir sogar vor den Herrn, nennen ihn unseren Gott, unseren Erlöser, unser Vorbild. Kann er uns nicht antworten: Ihr Heuchler, wenn ich euer Gott, euer Erlöser, euer Vorbild bin, wo ist dann eure Liebe, eure Ehrfurcht, euer Gehorsam, eure Nachfolge? Müssen wir aber bei so gerechten Vorwürfen nicht verstummen?

 

3. Ja mehr noch. Wie oft bitten wir ihn um Gnaden, um Demut, um Keuschheit, um die Gaben der innerlichen Sammlung und Andacht. Kann er uns nicht mit Wahrheit sagen: "Ihr Heuchler, was versucht ihr mich? Warum bittet ihr mich um Gnaden, die es euch nicht ernst ist, zu erlangen, da ihr alles mögliche tut, dass ich sie euch nicht verleihe, oder - wenn ich sie euch verleihe, - ihre Wirkungen zu vereiteln?" Kehren wir in unser Inneres ein, erkennen wir unsere Schuld, klagen wir uns der Schuld vor dem Herrn an, und bitten wir ihn ganz im Ernst und dringend um die Gnade an, uns zu bessern. Lukas 6,46: "Was sagt ihr zu mir: Herr! Herr!, und tut nicht, was ich sage?"

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Betrachtung am 15. November - Der Mensch ein Bild Gottes

 

Du schufst die Seele, Herr, zu deinem Bilde;

Du bist ihr Ursprung und ihr höchstes Ziel.

Dein ist sie zweifach: denn es schuf sie deine Milde,

Und schuf sie neu, als durch die Schuld sie fiel.

 

1. "Herr," ruft der Prophet in hohem Erstaunen aus, "du lässt dein Angesicht über uns leuchten!" (Psalm 4,7b) Geadelt hast du den Menschen durch Vernunft, Freiheit und Unsterblichkeit, und ihn erschaffen nach deiner Ähnlichkeit, denn rein, heilig und fleckenlos ging er aus deinen Händen hervor. Als dein Bild hattest du ihn erschaffen, und selbst der tiefste Fall, in dem durch die Schuld deine göttliche Ähnlichkeit erlosch, vermochte es nicht, dein unsterbliches Bild in ihm zu ertilgen. Psalm 49,21: "Der Mensch in Pracht und Ehren, doch ohne Einsicht, er gleicht dem Vieh, das verstummt."

 

2. Dies ist das Elend, worin die menschliche Natur nun schmachtet, und leider sind die meisten Menschenkinder so gänzlich in diese Tierheit versunken, dass sie gleich den Tieren des Feldes allen blinden Trieben ihrer Begierlichkeit folgen, und dieser schändlichen Herrin wie geborene Knechte gehorchen. Aber so edel ist die menschliche Seele, dass das Licht des göttlichen Angesichtes, mit dem sie besiegelt wurde, selbst durch diese Finsternisse hindurchdringt, und an ihr unsterbliches Ziel sie ermahnt. Ja so unendlich auch ist ihr Wert, dass die ewige Weisheit selbst vom Himmel kam, ihr Bild aufsuchte, es in ihrem Blut reinigte, und die göttliche Ähnlichkeit wiederherstellte, damit es würdig würde, in den lebendigen Bildersaal des ewigen Königs aufgenommen zu werden, und in unsterblicher Herrlichkeit zu glänzen.

 

3. Ja sie brachte auch Arzneien aus den himmlischen Höhen mit, auf dass jede Seele das Licht ihrer Vernunft und ihrer angeborenen Freiheit anwendet, die Wunden ihres Falles zu heilen, und stellte sich selbst als das Urbild auf, dem wir uns gleichförmig bilden müssen, um zu unserer ursprünglichen Würde wiederhergestellt zu werden. Darum blicken wir ohne Unterlass zu diesem göttlichen Urbild auf, und bilden wir die Züge seiner Sanftmut, seiner Demut, seiner Geduld, seiner Gerechtigkeit, seines Gehorsams, seiner Liebe in uns nach, auf dass der ewige Vater sein Bild in uns erkenne und in seine ewige Glorie uns aufnehme. "Wie wir nach dem Bild des Irdischen gestaltet wurden, so werden wir auch nach dem Bild des Himmlischen gestaltet werden." (1. Korinther 15,49)

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Betrachtung am 16. November - "Gebt dem Kaiser was des Kaisers,

und Gott was Gottes ist."

 

Du sprichst, Herr, und ein Lichtstrahl ist dein Wort.

Beschämt gehn seine argen Feinde fort;

Doch horchen alle Völker, - denn der Frieden

Wird nur durch dein Gesetz der Welt beschieden.

 

1. Selten löste der Herr die arglistigen Fragen seiner Widersacher, ohne dabei zugleich ein Geheimnis oder eine Sittenlehre auszusprechen. Also ist auch obiger Ausspruch des Herrn ein Grundsatz der Religion und ein Gebot des christlichen Gesetzes. Darum spricht der Apostel Petrus: "Unterwerft euch um des Herrn willen jeder menschlichen Ordnung: dem Kaiser, weil er über allen steht, den Statthaltern, weil sie von ihm entsandt sind." (1. Petrus 2,13a) "Jeder", fügt der Weltapostel bei, "leiste den Trägern der staatlichen Gewalt den schuldigen Gehorsam. Denn es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott stammt; jede ist von Gott eingesetzt. Wer sich daher der staatlichen Gewalt widersetzt, stellt sich gegen die Ordnung Gottes, und wer sich ihm entgegenstellt, wird dem Gericht verfallen." (Römer 13,1-2) Sehen wir nicht, sogar in unseren Tagen, welche Verheerungen, welche Staatsumwälzungen, welche Gräuel, welches Blutvergießen, welches unaussprechliche Elend der Ungehorsam gegen dieses heilige Sittengebot nach sich zieht. 

 

2. Folgerte aber der Herr, es sei dem Cäsar der Tribut zu geben, weil die Zinsmünze mit Cäsars Bild geprägt war, so zeigte er dadurch uns deutlich, dass wir uns Gott geben sollen, weil das Bild Gottes uns eingeprägt ist. Ihm verdanken wir Dasein und Leben. Opfern müssen wir ihm daher unser ganzes Wesen, unseren Leib und unsere Seele. Wir opfern ihm aber den Leib, "wenn unsere Glieder, die einst der Missetat dienten, nun der Gerechtigkeit zur Heiligung dienen;" wenn wir unsere Kräfte und Fähigkeiten zu seinem Dienst verwenden, und unsere Glückseligkeit nicht in fleischlichen Lüsten, noch in verweslichen Gütern dieser Welt, sondern in ihm suchen. Denn dies ist ein reines, Gott wohlgefälliges Opfer: "sich vor jeder Befleckung durch die Welt zu bewahren." (Jakobus 1,27b)

 

3. Ganz vorzüglich aber sind wir verpflichtet, den edelsten Teil unser selbst, unsere Seele, ihm zu opfern. Dies aber geschieht durch innerlichen und äußerlichen Gottesdienst, durch Unterwerfung unseres Geistes zum Glauben an seine göttlichen Offenbarungen, durch eine Liebe, die ihn über alles liebt, durch Reinheit des Gewissens und ein Leben nach seinem heiligen Gesetz. Wie haben wir diese Pflicht bis jetzt erfüllt? Haben wir Gott das Leben geweiht, das wir von ihm empfingen? Haben wir seine Gaben zu seiner Ehre verwendet? Säumen wir nicht, diesen Ehrenzins ihm zu bezahlen, der ihm gebührt. Psalm 29,2a: "Bringt dar dem Herrn die Ehre seines Namens."

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Betrachtung am 17. November - Vom Laster der Verleumdung

 

Setze, Herr, vor meines Mundes Pforte

Eine Wache zum Gericht;

Dass nur milde und gerechte Worte

Treten an des Tages Licht.

 

1. Kein Laster ist im eigentlicheren Sinn niederträchtiger, als die Verleumdung. Ergießt deine Galle sich über einen Feind, so geschieht dies offenbar aus Hass, aus Rachsucht, und zwar dann, wenn er am wenigsten imstande ist, sich zu verteidigen. Was aber ist je eines ehrliebenden Gemütes unwürdiger? Ergeht deine Verleumdung über einen Freund, so ist dies schändliche Falschheit und Verrat. Wie kannst du je in seiner Gegenwart ihn loben und deiner Liebe ihn versichern, dann aber mit der gleichen Zunge ihm Böses nachreden, und seinen Ruf schänden? Ist dies nicht Niederträchtigkeit? Verleumdest du aber eine gleichgültige Person, die dir nichts zu Leide tat, so ist dies gräuliche Bosheit und Schäbigkeit des Herzens.

 

2. Und mit welchen Waffen ficht die Verleumdung! Mit einer arglistigen Zunge, die ihr Gift verbirgt, desto meuchlerischer zu verwunden oder zu töten. Die niederträchtigsten Verleumdungen werden insgeheim und im Vertrauen, immer aber in Abwesenheit des Verleumdeten ausgestreut, damit er sich nicht wehren könne. Kaum ist eine schmählichere Feigherzigkeit denkbar! Wohl nennt der Prophet einen solchen Lästermund ein offenes Grab, das Fäulnis und Gestank aushaucht, wodurch die Unschuld und die Gerechtigkeit getötet wird. Was gehen die Fehler der anderen dich an? Möchtest du, dass man so mit dir umgeht? So bedecke sie denn mit dem Mantel der Nächstenliebe, und wende deinen Eifer gegen dich selbst, und du wirst vollauf zu tun finden.

 

3. Hältst du etwa den Raub der Ehre und des guten Rufes deines Bruders für einen geringen Raub? Das bürgerliche Leben raubst du ihm dadurch, und tötest überdies deine eigene Seele, oder schlägst ihr doch unheilbare Wunden. Denn verziehen wird diese Sünde nur, wenn sie durch Widerruf ersetzt wird. Hast du aber je widerrufen? Oder kam jemand in der Absicht zu dir, eine Verleumdung zu widerrufen? Wie schmerzliche Übel erzeugt oft ein unbesonnenes Wort, und wie schwer ist es, sich dafür zu entschuldigen. Lerne schweigen und deine Zunge bändigen, die "ein Feuer, eine Welt voll Ungerechtigkeit ist". (Jakobus 3,6a) "Aufgrund deiner Worte wirst du freigesprochen, und aufgrund deiner Worte wirst du verurteilt werden." (Matthäus 12,37)

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Betrachtung am 18. November - Von der Gelegenheit

 

Herr, leite weise mich in allen Dingen, 

Und lehre mich das Gute gut vollbringen,

Mit Klugheit meiden alle argen Schlingen,

Und deinen Lobgesang mit Freuden singen.

 

1. Die Tugend wird in der Gelegenheit geübt, die Sünde wird in der Gelegenheit begangen. Suchen also müssen wir die Gelegenheit, die Demut, die Nächstenliebe, die Geduld, und überhaupt jene Tugenden zu üben, die unsere Eigenliebe abtöten, - meiden dagegen die Gelegenheiten, die unseren Sinnen schmeicheln, unser Herz verweichlichen und unsere Unschuld gefährden. Unser großer Fehler aber ist, dass wir gerade das Umgekehrte tun: den Gelegenheiten ausweichen, die wir suchen sollen, und die suchen, die wir auf alle Weise meiden sollen. Wir möchten gern geduldig sein, ohne zu leiden, demütig sein, ohne erniedrigt zu werden, liebreich sein, ohne die Nächstenliebe anders als im Herzen zu üben. Dies aber sind Tugenden in der Einbildung.

 

2. Täusche dich nicht selbst! Die Tugend ist eine Kraft, die in der Gelegenheit die Probe besteht. Wie aber bestehst du sie? Stark bist du, doch nur in deiner Betkammer, da fasst du die kräftigsten Vorsätze. Kommt es jedoch zur Ausführung, dann bist du schwach und verzagt, und kannst den leichtesten Spott, die mindeste Verachtung nicht ertragen. Wäre es also nicht besser, ich würde jede Gelegenheit vermeiden? Weichst du der Gelegenheit zum Guten aus: wann wirst du dann je Tugenden üben? Wann wirst du dich selbst überwinden? Wann wirst du deine Zunge und die Aufwallungen deines Herzens bezähmen? Wann die Verdienste für den Himmel gewinnen? "Gib dem Weisen Gelegenheit," spricht die Schrift,"so wird er an Weisheit zunehmen!" (Sprichwörter 9,9) 

 

3. Nicht diese Gelegenheiten sind es, die du meiden sollst, sondern die, wo auch eine geprüfte Tugend Gefahr läuft. Du sagst, diese und jene Gesellschaften brächten dir keine Gefahr. Wurdest du etwa darin nie zur Sünde versucht? Kehrtest du mit ganz reiner Einbildung und ebenso keuschem Herzen daraus zurück? Lernt man nicht in solchen Gelegenheiten die Welt und ihre Torheiten lieben? Erkaltet darin nicht die Liebe und Frömmigkeit? Epheser 5,15a: "Achtet also sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt.", denn voll der Schlingen ist die Welt. Gott bestraft die Vermessenheit durch Demütigung, darum sei auf deiner Hut, und fürchte dich selbst als deinen größten Feind! Matthäus 26,41a: "Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet."

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Betrachtung am 19. November - Schlechte und gute Bücher

 

Was suchst du, Seele, eitlen Tand und Lügen,

Die heuchlerisch der Wahrheit Larve tragen?

Wenn sie geschminkt dich um dein Heil betrügen,

Wirst, ach, zu spät den Irrtum du beklagen.

Der Quell der Wahrheit ward dir aufgetan,

Warum denn liebst du den falschen Wahn?

 

1. Wer das Gift liebt, hat Lust vergiftet zu werden. Und wer gerne schlechte Bücher liest, hat Lust schlecht zu werden. Wie viele, die vom Vorwitz sich verleiten ließen, Bücher zu lesen, die die Religion und die guten Sitten untergraben, wurden an dieser Angel des bösen Geistes gefangen, und verloren Glauben und Sitten. Aber selbst Bücher, die weniger gefährlich scheinen, sogenannte Romane, Novellen, Schauspiele und ähnliche, verderben das jugendliche Gemüt, geben schiefe Ansichten vom Leben und erwecken die schlummernden Leidenschaften. Sei es auch, dass du anfangs ihre Wirkungen nicht empfindest, so streuen sie doch bösen Samen in das Herz, und unfehlbar wird er aufgehen und Früchte des Verderbens bringen zu seiner Zeit.

 

2. Wer das Heil seiner Seele so wenig liebt, dass er es um solcher Hirngespinste willen auf das Spiel setzt, der verdient es zu verlieren. Nichts Gutes lernst du aus solchen Büchern, sie sind gleich jenen unreifen Trauben, von denen der Prophet spricht, die die Zähne abstumpfen. Sie verleiden den Geschmack an Büchern, die zur Gottesfurcht und Frömmigkeit anleiten, und du setzt dich um so schwereren Versuchungen aus, wenn sinnliche Laster unter dem Schleier der Ehrbarkeit darin erscheinen, die Leidenschaft gerechtfertigt wird, und der Pfeil das Herz um so sicherer trifft, wenn er im Verborgenen abgeschossen wird.

 

3. Sogar heilige Bücher sollst du nicht ohne Unterschied lesen. Nicht wenige wurden durch das Lesen, selbst der Heiligen Schrift, irrgläubig und ungläubig. Schriften, die zur höchsten Vollkommenheit anleiten, sind nicht für Anfänger geschrieben. Darum wähle auch hierin mit Sorgfalt, und befolge den Rat desjenigen, der deine Seele leitet, und weiß was dir gut tut. Lies und beherzige die großen Wahrheiten des Heils, die deine Seele nähren und erheben, und blicke in das Leben der Heiligen Gottes wie in einen Spiegel, dein Leben nach Gottes Wohlgefallen zu ordnen. Eine solche Lesung wird dich erfreuen, trösten, kräftigen und mit Gottes Gnade zum Heil führen. 1. Makkabäer 12,9b: "Denn unser Trost sind die heiligen Bücher, die wir besitzen."

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Betrachtung am 20. November - Von unserem Stand und Beruf

 

Führe, Herr, mich auf dem Pfade,

Den du mir verordnet hast;

Denn mit deiner milden Gnade

Wandelt sich in Lust die Last,

Und ich wandle froh und leicht,

Bis ich dich, mein Ziel, erreicht.

 

1. Die Kirche ist ein Körper, dessen Haupt Christus ist, alle Gläubigen aber sind Glieder an diesem Leib. Jedes Glied hat seine eigenen Verrichtungen, alle jedoch sind von dem selben Geist beseelt. Das Wohl und die Vollkommenheit jedes einzelnen Gliedes aber besteht darin, dass es an seiner Stelle tut, was es tun soll. Wollte das Auge die Stelle der Hand, die Hand aber die Stelle des Auges einnehmen, so würde dadurch die Ordnung des Ganzen gestört. Also hat Gott jedem von uns seine Stelle durch seinen Beruf angewiesen. Mit diesem Beruf aber hat er seinen Schutz, seine Gnade und unseren Frieden verknüpft, so dass wir ohne sonderliche Mühe zur Vollkommenheit und zur Seligkeit gelangen können.

 

2. Sind wir nicht in dem Stand und Beruf, den Gottes Vorsehung uns angewiesen hat, so leiden wir gleich einem verrenkten Glied, und Gott beschützt uns nicht mehr durch seinen besonderen Schutz, weil wir die Ordnung freiwillig verließen, die er uns vorgezeichnet hatte. Über Seelen aber, die außerhalb der Ordnung Gottes leben, hat der unsichtbare Feind Gewalt. Sie fallen in mancherlei schwere Sünden, weil sie nicht mehr von den Gnaden gekräftigt werden, die mit dem Stand verknüpft sind, zu dem sie berufen waren, und es erübrigt ihnen nichts als eine reumütige Buße, die von ihren Verirrungen sie zurückführe. Kehren sie aber nicht zurück, so schwebt ihr Heil in großer Gefahr.

 

3. Dies ist die Ursache der Verdammnis vieler. Sie drängen sich in einen Stand und in Ämter ein, zu denen die Leidenschaft sie antreibt, ohne dabei Gott um Rat zu fragen. Sie werden es überdrüssig, zu tun, was Gott will, dass sie tun sollen. Sie wollen Beschäftigungen betreiben, wozu er ihnen keine Talente gegeben hat. Darüber aber verlieren sie die Ruhe, die Frömmigkeit und fürchten sich vor Gott, weil ihr Gewissen ihnen sagt, dass sie seine Vorsehung verachten. Darum bedenken wir wohl, ob wir tun, was Gott von uns verlangt, gehorchen wir unseren Vorgesetzten, und seien wir Gott getreu. 1. Korinther 7,20: "Jeder soll in dem Stand bleiben, in dem ihn der Ruf Gottes getroffen hat."

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Betrachtung am 21. November - Von Krankheiten der Seele

 

O höre, Jesus, milder Arzt, mein Flehen.

Sieh, meine Seele stirbt. O sprich ein Wort,

Und lass ein Wunder, Herr, an mir geschehen.

Denn ohne dich schläft sie im Tode fort.

 

1. Eine nachlässige Seele versinkt allmählich in ein solches Siechtum, dass die besten geistigen Speisen, sogar das himmlische Manna, sie anekeln, und dass sie, gleich den Israeliten, nach den Zwiebeln Ägyptens giert. Wie die körperlich Siechen verschmäht sie alle Arzneien und betrachtet sie als unnütz. Dadurch aber versinkt sie in eine Schwäche, in der die geringste Anstrengung ihr als unüberwindliche Arbeit erscheint. Die leichtesten Tugenden scheinen ihr unüberwindliche Berge, das sanfte Joch des Herrn eine unerträgliche Last. Diese Schwäche auch reißt sie zur Einwilligung in die meisten Versuchungen hin, wenn diese auch nicht zu den heftigsten gehören. Wie schwer ist der Stand einer solchen Seele. Ist es nicht etwa der deinige?

 

2. Die Wirkung des körperlichen als des geistigen Siechtums ist eine Niedergeschlagenheit und tiefe Schwermut. Beim geistigen Siechtum entspringt diese Schwermut den geheimen Vorwürfen des Gewissens, da eine sieche Seele das Gute unterlässt, - so wie der Beschwernis, mit der sie gewisse Pflichten erfüllt, die sie, ungeachtet ihrer Trägheit, erfüllen muss, - und dem Überdruss des Herzens, das ohne Trost schmachtet, weil sie wegen ihrer beständigen Untreue des himmlischen Trostes unwürdig ist, ihr Stand aber und die Rügen ihres Gewissens den irdischen Trost ihr verwehren. Die letzte Folge dieses Siechtums aber ist die Verzweiflung an ihrer Heilung, da sie zu ohnmächtig ist, sich zu überwinden, weshalb auch alle Arzneien fruchtlos bleiben.

 

3. Dies schwere Übel kann nur durch ein Wunder geheilt werden. Darum, christliche Seele, die du in diesem Siechtum schmachtest, rufe eifrig zu Jesus, ja gehe mit Jairus, dem betrübten Vater, zu ihm, wirf dich gleich ihm zu seinen Füßen, bete ihn in lebendigem Glauben an, und sprich mit Vertrauen auf ihn: Herr, meine Seele ist tot, doch lege ihr deine Hand auf, und sie wird leben. Sprich ein Wort, und sie wird gesund. Denn ein barmherziger Arzt ist der göttliche Heiland, der kein gedemütigtes und zerknirschtes Herz verschmäht. Bete mit dem Psalmisten zum Herrn: "Erbarme dich meiner, Herr, denn ich bin krank. Wende dich, Herr, und errette meine Seele. Hilf mir um deiner Barmherzigkeit willen."

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Betrachtung am 22. November - Von der häufigen Erinnerung an den Tod

 

Wer nun dem Tod ins Auge sieht,

Der wird einst sicher sein;

Doch wer sein Angedenken flieht,

Dem bringt er bittre Pein.

 

1. Gedenke oftmals jener letzten Stunde, wo alle Menschen dich verlassen, wo deine liebsten Bekannten von dir weichen werden, und du allein den letzten Kampf des Lebens kämpfen musst. Unendlich bitter ist diese Stunde für alle, die nun diesen Gedanken mit Schauder von sich weisen. Aber diese Stunde verliert den größten Teil ihrer Bitterkeit für weise Seelen, die ihr Sterben täglich erwarten, und ihr Gewissen bei Zeiten ordnen, um nie unvorbereitet überrascht zu werden. Selig eine solche Seele, denn sie gehört zur Anzahl jener klugen Jungfrauen, von denen geschrieben steht: "Die Jungfrauen, die bereit waren, gingen mit dem Bräutigam in den Hochzeitssaal, und die Tür wurde zugeschlossen. Später kamen auch die anderen Jungfrauen und riefen: Herr, Herr, mach uns auf! Er aber antwortete ihnen: Ich kenne euch nicht. Seid also wachsam! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde." (Matthäus 25,10b-13)

 

2. Großen Trost bringt in jener Stunde ein Leben, das, wenn auch nicht immer, doch viele Jahre hindurch ohne schwere Sünde verfloss. Heilige Hoffnung auch gewähren dann die Werke der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit, die wir in gesunden Tagen übten. Besonderen Schutz aber gibt die heilige Liebe, die im Leben sich bewährte, denn sie bedeckt die Menge der Sünden. Wägt der Trost einer solchen Stunde nicht ein ganzes Leben voll der Buße und ernster Kämpfe auf? Sieh, dies steht nun in unserer Macht. So beten wir denn zum Herrn, dass er unsere Hilfe sei, damit wir dann selig in seiner Gnade verscheiden.

 

3. Denke dich oftmals in diese Stunde, und will bei diesem Gedanken Angst dich überfallen, so bete also zum Herrn: "Herr, mein Gott, weiche nicht von mir, denn sehr nahe ist die Angst, und niemand ist, der da helfe!" (Psalm 22) Es entsetzt sich die Natur selbst beim Gerechtesten, doch er spricht voll der Zuversicht: "Der Herr ist mein Licht und mein Heil: Vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist die Kraft meines Lebens: Vor wem sollte mir bangen?" (Psalm 27,1-2) So lass denn dein ganzes übriges Leben eine beständige Vorbereitung zu dieser Stunde sein, und du wirst diese trostreichen Worte des Herrn vernehmen: "Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht." (Hebräer 13,5b) "Sei getreu bis in den Tod; dann werde ich dir die Krone des Lebens geben." (Offenbarung 2,10b)

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Betrachtung am 23. November - Wie fromme Seelen den Tod erwarten sollen

 

O Tod, du milder Trost der Frommen.

Du stillest ihrer Sehnsucht Pein;

Sie heißen freudig dich willkommen,

Du führst sie in den Himmel ein.

 

1. Eine vollkommene Seele fürchtet den Tod nicht mehr: "die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht." (1. Johannes 4,18) Sie betrachtet den Tod als eine Pforte, die sie zu Gott, ihrer ewigen Liebe, führt, nach dem sie Tag und Nacht seufzt. Was auch würde sie mit diesem Leben verlieren? Einen Stand beständiger Gefahren, einen Weg, auf dem zahllose Feinde lauern, und wo sie von ihrer eigenen Gebrechlichkeit und von der Arglist des Teufels viel Böses zu fürchten hat, und daher in beständiger Angst schweben muss, von körperlichen Leiden und Drangsalen nichts zu sprechen: wie also sollte sie sich nicht erfreuen, von so vielem Elend befreit zu werden?

 

2. Warum fürchtest du denn den Tod? Was kann er dir hinwegnehmen, wenn du nichts Vergängliches liebst? Denn liebst du Gott allein, so gelangst du durch den Tod zu ihm. Ängstigt dich die Furcht, ob du zur Ruhe oder zur Strafe des Reinigungsfeuers in die Ewigkeit eingehst? Doch dies zu wissen, kommt dir nicht zu. Zagt auch die Natur, so vertraue darum nicht weniger lebend und sterbend auf deinen Gott. Aus dir selbst vermagst du es allerdings nicht, gut zu sterben. Gott aber, der dir verlieh, fromm zu leben, wird dir um so viel mehr verleihen, fromm zu sterben, als er dies fromme Leben dir nur wegen eines frommen Todes verlieh.

 

3. So wirf denn alle deine Sorgen auf Gott. Er, der im Leben deine Versuchungen dir überwinden hilft, wird auch im Tod dir beistehen. Eins nur ist furchtbar: die Sünde, die Ursache aller Übel in Zeit und Ewigkeit. Ist aber dein Herz rein von Sünden, und lebst du in der Gnade und Liebe deines Gottes, mit dem festen Willen, seine göttliche Liebe niemals zu beleidigen, dann wird kein Tod dir schaden, auch wenn er dich plötzlich überraschte, und du wirst ein mildes Gericht erfahren. Lukas 12,36-37a: "Seid wie Menschen, die auf die Rückkehr ihres Herrn warten, der auf einer Hochzeit ist, und die ihm öffnen, sobald er kommt und anklopft. Selig die Knechte, die der Herr wach findet, wenn er kommt. Amen."

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Betrachtung am 24. November - Notwendigkeit, Gott in der Jugend zu dienen

 

Wie selig, wer Gott seine Jugend weiht,

Und sich durch Liebe an die Engel reiht.

Nie wird im Kampf er mit dem Feind erbeben,

Die Gnade trägt ihn durch dies Pilgerleben.

 

1. Viele sagen, sie wollen Gott dienen und ein frommes Leben führen, wenn sie einmal alt sein werden. Ein solcher Vorsatz ist so albern als gottlos. Er ist albern, weil sie nicht wissen, ob sie je ein höheres Alter erreichen werden, denn gewiss ist es, dass viele Menschen in der Jugend sterben. Gottlos aber ist er, weil sie Gott nur die Reste eines abgelebten Lebens geben wollen, das sie nicht mehr zur Sünde missbrauchen können. Gewöhnlich hängt die Auserwählung eines Menschen von seinen ersten Jahren ab. Auch hat die Jugend heftige Leidenschaften und bedarf also größerer Gnaden. Dazu auch ist die Jugend stark, Werke der Buße und Abtötung zu ertragen, was sie im Alter nicht eben so tun kann. Ihr jungen Leute, dient dem Herrn mit Freuden, und überaus groß wird eure ewige Belohnung sein.

 

2. Sehr wichtig ist es, gut anzufangen. Das Gebäude hängt von der Grundveste, der Baum von der Wurzel, das Alter von der Jugend ab. Ist die Grundveste schlecht, so wird das Gebäude einstürzen. Ist die Wurzel schlecht, so wird der Baum nimmermehr gute Früchte tragen. Und ist der Mensch in seiner Jugend verdorben, so wird er es unfehlbar auch im Alter sein. Der Ausnahmen sind leider höchst wenige, wie wir täglich mit Augen sehen. Beherzigt dies wohl, ihr jungen Christen.

 

3. Gott befahl, die Erstlinge aller Dinge ihm zu opfern. Zu diesen gehören allerdings auch die ersten Jahre. Die Jugend ist der Frühling des Lebens, seine Blüten sind Gott überaus wohlgefällig. Jesus berief die Kinder zu sich, umfing sie liebreich und segnete sie. Mit besonderer Huld und Gnade segnete er ebenso alle, die ihre Jugend ihm weihen, und beschützt sie vor vielen Übeln und Gefahren. Wie schwer ist die Gefahr, am Anfang der Lebensreise sich zu verirren, denn mit dem Weg nehmen die Verirrungen zu, und selten ist die Rückkehr auf den rechten Weg. Klagelieder 3,27: "Gut ist es dem Menschen, das Joch des Herrn zu tragen in der Jugend."

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Betrachtung am 25. November - Von der Zeit

 

O Zeit, du Strahl der Ewigkeit entschwebt,

Wie selig ist, wer weise dich verlebt;

Du lohnest ihm mit ew`ger Himmelslust,

Doch Sünder peinigt ewig dein Verlust.

 

1. Es gibt keinen Augenblick, worin du nicht ein unermessliches Gewicht himmlischer Glorie erkaufen könntest. Wirst du diese große Wahrheit niemals beherzigen? Wer für jede einzelne Sekunde einen leichten zeitlichen Gewinn dir verhieße, würde ohne Zweifel deine Aufmerksamkeit wecken. Wie also geschieht es, dass die wahren, ständigen Güter der Ewigkeit sie nicht wecken? Du achtest nun den unendlichen Wert der Zeit als nichts. Gilt es, dich zu ergötzen, zu belustigen, dann erscheint die längste Zeit dir kurz. gilt es aber deinem Heil, dann scheint jeder Augenblick dir unerträglich lange. Willst du etwa, den hohen Preis der Zeit zu erkennen, warten, bis du keine mehr zu verlieren hast?

 

2. Gott, der mit höchster Freigebigkeit alle Güter des Lebens verleiht, ist dennoch mit der Zeit so zurückhaltend, dass er nur einen Augenblick auf einmal verleiht. Nur der gegenwärtige Augenblick ist dein, und schnell wie dein Gedanke ist auch dieser Augenblick entflohen. Wer aber kann mit Sicherheit auf den künftigen Augenblick rechnen? Nur der gegenwärtige Augenblick ist eigentlich mein. Nur ihn habe ich, für meine Ewigkeit zu wirken. Und die größte aller Torheiten ist es, ihn zu verlieren. Die Gottlosen sagen: "Wenn Tote nicht auferweckt werden, dann lasst uns essen und trinken; denn morgen sind wir tot." (1. Korinther 15,32b) Dieser Ausspruch flößt einer christlichen Seele Entsetzen ein, sie spricht vielmehr umgekehrt: Tun wir Buße und halten wir uns bereit, denn vielleicht sterben wir morgen. 

 

3. Die Zeit eilt und kehrt nicht zurück. Von ihr hängt meine Ewigkeit ab. Verliere ich sie, so verliere ich mich selbst auf ewig. Indessen steht es bei uns, durch ihre glückselige Verwendung, durch Vervielfältigung unserer guten Werke und verdoppelten Eifer sie zu ersetzen. Ist sie aber einmal für uns abgelaufen, dann seufzen wir ihr vergeblich nach. Dieser Verlust ist die ewige Verzweiflung der Verdammten. Werden wir doch durch ihre Torheit weise. Verwenden wir sie mit aller Sorgfalt, Schätze zu erwerben, die uns den Himmel erkaufen. Epheser 5,15-16: "Achtet also sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht töricht, sondern klug. Nutzt die Zeit; denn diese Tage sind böse."

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Betrachtung am 26. November - Sei nach deiner Bekehrung nicht nachlässig

 

Sieh meinen Willen, Herr, zu allen Zeiten

Auf deinem heil`gen Wege fortzuschreiten.

Es segne deine Gnade mein Bemühen:

Dann wird mein Herz an Tugenden erblühen.

 

1. Lass dich niemals zu geheimer Vermessenheit noch zu einer falschen Sicherheit über dein Heil verleiten, weil du durch Gottes Gnade nun nicht mehr in schwere Sünden fällst, und lege die Waffen der Buße nicht nieder, als brauchtest du sie nicht mehr. Denn wer versicherte dich, dass du bis ans Ende ausharren wirst? Wie viele, die, nach dem Ausdruck der Schrift, ihr Nest über die Sterne aufgestellt hatten, fielen durch ihre Hoffart in die Tiefe hinab? Weißt du etwa nicht, dass wer nicht täglich besser wird, dadurch selbst schlechter wird? Dem Tode nahe ist der Kranke, der keinen Schmerz mehr empfindet. Es bedarf oft nur einer solchen Vermessenheit, um von Gott verlassen zu werden. 

 

2. Unsere Natur, die durch die ursprüngliche Schuld verdorben wurde, hat immer einen starken Hang zum Bösen. Sie ist gleich dem Gewicht einer Uhr, das fortwährend nach der Tiefe zielt, und immer aufs neue muss aufgezogen werden. Die bösen Gewohnheiten, die unsere Sünden in uns zurückließen, vermehren noch diesen Hang der Natur zum Bösen. Beständig auch sind wir zerstreuten Herzens, hassen alles, was der Natur beschwerlich fällt, und lieben ein bequemes Leben. Der böse Geist aber, der nie schläft, und immer lauert, wie er die Seelen fange, legt eben durch diese Liebe zur Bequemlichkeit viele Schlingen, durch die er die Unvorsichtigen immer weiter führt, alle guten Übungen ihnen verleidet, und sie zuletzt in die Sünde zurückzieht.

 

3. Ach, Herr, mein Gott, ich erkenne mein Elend. Statt an Tugenden und an Vollkommenheit zuzunehmen, bin ich nun weit von dem Eifer und von der Wachsamkeit meiner ersten glückseligen Zeit entfernt. Ausrufen muss ich mit jenem bußfertigen König: "Meine Sünden schlagen mir über dem Kopf zusammen, sie erdrücken mich wie eine schwere Last. Ich bin gekrümmt und tief gebeugt, den ganzen Tag gehe ich traurig einher." (Psalm 38,5+7) Erbarme dich meiner, Herr, und entzünde meinen Geist mit dem Feuer neuen Eifers, damit ich die verlorene Zeit einbringe, dir nach deinem heiligen Wohlgefallen diene, und durch ein heiliges Leben dich verherrliche. Offenbarung 2,5a: "Bedenke, aus welcher Höhe du gefallen bist. Bekehre dich und kehre zurück zu deinen ersten Werken."

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Betrachtung am 27. November - Von der christlichen Wachsamkeit

 

Willst du um den Himmel ringen,

Hüte wachsam dich vor Schlingen.

Weh dem Menschen, der nicht wacht,

Er versinkt in Todesnacht.

 

1. Oft und dringend ermahnt der Herr seine Jünger zur Wachsamkeit, und damit wir nicht etwa meinen, diese Ermahnung gehe sie allein an, fügt er bei: "Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Seid wachsam!" (Markus 13,37) Unser himmlischer Lehrer kannte den Menschen. Er wusste, dass er über seinen wesentlichsten Pflichten gern einschlummert, dass er der Wachsamkeit und Anstrengung bald überdrüssig wird, dass nur Drohungen oder Furcht vor einem entsetzlichen Übel ihn aufschrecken, und nur die Hoffnung auf irgend ein großes Gut ihn wachsam erhält. Damit wir aber, wenn die ewigen Gegenstände dieser Furcht und Hoffnung verzögert werden, nicht in Gleichgültigkeit und Schlafsucht versinken, und diese großen Wahrheiten nicht mehr auf uns einwirken, sprach er oftmals warnend: Wachet und betet!"

 

2. Beherzigen wir diese Worte unseres Herrn, und lassen wir uns von den Kindern dieser Welt nicht beschämen. Schläft etwa der Geizige, wenn er durch seine Wachsamkeit einen großen Schatz gewinnen kann? Oder schläft der Ehrsüchtige, der nach einer Ehrenstelle ringt, die er sicher ist zu erlangen, für die er Fleiß, Sorgfalt und Wachsamkeit anwendet? Oder aber schläft, nach dem Gleichnis des Herrn, ein Hausvater, wenn er weiß, dass Diebe bei ihm einbrechen wollen? Wie weit mehr Ursache haben wir zu wachen, die wahren Güter unserer Seele, die Güter der Gnade, zu bewahren und zu vermehren.

 

3. Alle Schmach verdient ein Held, der ein Königreich erobern will, wozu alle Mittel ihm zu Gebote stehen, wenn er es aus Nachlässigkeit und Schlafsucht verliert. Verdienen aber wir selbst nicht ewige Schmach, die wir ein ewiges Reich erobern sollen, das zu erlangen Gott alle Mittel uns gegeben hat, wenn wir, statt zu kämpfen, vor Überdruss einschlafen, zumal da wir wissen, dass wir, wofern wir dies Reich nicht erobern, ewig unglücklich sein werden? So wachen wir denn und sind wir unablässig auf unserer Hut, da zahllos die Feinde sind, die an der Eroberung dieses himmlischen Reiches uns hindern wollen. 1. Thessalonicher 5,4+6: Ihr aber, Brüder, lebt nicht im Finstern, so dass euch der Tag nicht wie ein Dieb überraschen kann. Darum wollen wir nicht schlafen wie die anderen, sondern wach und nüchtern sein."

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Betrachtung am 28. November - Die Ursachen des Jüngsten Gerichts

 

Wenn jener Tag des Schreckens wird erscheinen,

Wo Adams Kinder alle sich vereinen:

Dann stelle mich in der Gerechten Kreis,

Und gib mich, Herr, nicht ew`ger Schande preis!

 

1. Wie schrecklich Gottes Strafgerichte sind, ersehen wir aus der Weissagung des Herrn über den Untergang Jerusalems, wo der prachtvollste Tempel zerstört und zahllose Menschen durch Schwert, Hunger und Elend aufgerieben wurden. Nur ein Schatten und Bild des künftigen Jüngsten Gerichts aber war die Zerstörung Jerusalems, und weit schrecklichere Zeichen werden dem allgemeinen Gerichtstag vorangehen, wo Gott denjenigen, die ihn verehren und ihm dienen, mit ewigen Belohnungen, jenen dagegen, die ihn verachten und sein Gesetz übertreten, mit gebührenden Strafen vergelten wird. So groß sind die Schrecknisse dieses Tages, dass sie allen Glauben übersteigen, so dass der Herr mit der Beteuerung schließt "Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen."

 

2. Diesen Tag nennt die Schrift den großen Tag des Herrn, weil er bei diesem Gericht, vor den Augen des ganzen menschlichen Geschlechtes, seine göttliche Vorsehung verherrlichen, die vermessenen Urteile der Menschen berichtigen und das große Rätsel lösen wird, warum hier so oft die Frommen unterdrückt, die Lasterhaften aber hervorgehoben, die Unschuldigen verurteilt, die Schuldigen aber losgesprochen werden, was zuweilen sogar die Gerechten erschüttert. Zeigen wird sich in ihrer höchsten Glorie die Gerechtigkeit Gottes, und wird die Ungleichheit dieses Lebens durch die Ungleichheit des andern auflösen. Verstummen wird dann die Missetat, die Gerechten aber werden über die unendliche Weisheit und Langmut der göttlichen Vorsehung in das tiefste Erstaunen versinken.

 

3. Auch ist dieser Tag ein Tag der Verherrlichung aller Gerechten, die um Gotteswegen Verachtung und Schmach geduldig ertragen. Denn es ziemt allerdings der göttlichen Gerechtigkeit, dass ihre Ehre vor dem ganzen menschlichen Geschlecht wiederhergestellt werde, und sie für ihre Aufopferungen und Leiden göttliche Belohnungen empfangen. Was aber wird den Gottlosen widerfahren? Erfüllt werden wird an jedem aus ihnen der Ausspruch: "Aufdecken werde ich deine Scham vor deinem Angesicht; deine Nacktheit werde ich den Völkern zeigen, und den Königreichen deine Schande." (Nahum 3,5) O Tag des Jubels und des Entsetzens, dein Andenken schwebe mir immerdar vor Augen, damit ich an dir nicht ewig zu Schanden werde. Jesaja 32,17: "Das Werk der Gerechtigkeit wird der Friede sein, der Ertrag der Gerechtigkeit sind Ruhe und Sicherheit für immer."

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Betrachtung am 29. November - Von der allgemeinen Auferstehung zum Gericht

 

O Schreckenstag, wo Jesus, Gottes Sohn,

Als Richter kommt auf hohem Wolkenthron.

Wer denket dein, der nicht vor Angst vergeht,

Da ewig seines Richters Spruch besteht.

 

1. "Die Stunde kommt, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören und herauskommen werden: Die das Gute getan haben, werden zum Leben auferstehen, die das Böse getan haben, zum Gericht." (Johannes 5,28-29) Ertönen wird der Klang der Posaune: "Steht auf, ihr Toten, und kommt zum Gericht." Wunderbar werden auf diesen Schreckensschall alle Leiber der Verstorbenen, wären sie auch längst zu Staub geworden und in alle Winde zerstreut, sich abermals sammeln, von ihren Seelen bewohnt zu werden. Wegen dieses allgemeinen Wunders, nennt auch der Apostel diese Posaune: "Die Posaune Gottes." (1. Thessalonicher 4,16b) 

 

2. Auferstehen werden nun Kleine und Große, Könige und Bettler, Christen, Juden und Heiden. Gehorchen müssen alle dieser allmächtigen Stimme. Aber welcher große Unterschied zwischen diesen Erstandenen! Glänzen werden die Auserwählten in glorreichen Körpern, weil sie zum ewigen Leben der himmlischen Glorie erstehen, die Verworfenen dagegen in abscheulichen Körpern, die selbst ein Teil ihrer Verdammnis sind. Welchen Körper wirst du empfangen? Wie wirst du dann die unmäßige Liebe verfluchen, die du nun zu deinem Körper trägst, wenn du an diesem Tag verworfen wirst. Mit welchem Jubel dagegen wirst du dein Fasten, deine Bußwerke segnen, wenn der König unter seine Auserwählten dich beruft.

 

3. Und aufschweben werden die Gerechten, dem Herrn entgegen, in die Lüfte (1. Thessalonicher 4,17); die Verworfenen aber müssen ihn zum Gericht erwarten. Auf diesem Weg zum Leben und zum Tod "werden die Engel die Bösen aus der Mitte der Gerechten sammeln". Welches schreckliche Klagegeheul wird dann auf der Erde ertönen. Wie werden zumal in tiefen Schanden diejenigen stehen, die einst gewohnt waren zu herrschen, wenn sie unter den Verworfensten aller Menschen stehen müssen, und unter den Kindern Gottes solche sehen, die sie einst verachteten und beschimpften. Denn nicht die Reichen, die Adeligen, die Gelehrten, sondern "die Gutes getan haben", werden zum ewigen Leben erstehen; und nicht die Armen, die Einfältigen, die Verachteten, sondern "die Böses getan haben", werden verdammt werden. "Denn was der Mensch nun sät, das wird er dann ernten." (Galater 6,8)

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Betrachtung am 30. November - Die Erscheinung des Kreuzes am Himmel

 

Wann, Herr, dein Kreuz am Himmel wird erscheinen,

Frohlockend jubeln werden dann die Deinen;

Doch an den Sündern rächt sich dann dein Blut,

Das sie verdammt zur ew`gen Höllenglut.

 

1. Nach den schrecklichen Vorzeichen des nahen Gerichtes, der Verfinsterung der Sonne und des Mondes und der Erschütterung der himmlischen Kräfte, wird endlich die Siegesfahne des ewigen Königs, das heilige Kreuz, in sonnigem Glanz am Himmel erscheinen. "Und dann", spricht der Herr, "werden alle Geschlechter der Erde heulen," - alle nämlich, die mit ganzer Begierde an dieser Erde klebten. Denn schauen werden sie in diesem Zeichen den Grund ihrer Verdammnis, die Ungläubigen, weil sie das Kreuz des Herrn lästerten, die unbußfertigen Sünder aber, weil sie diese unendliche Wohltat Gottes nicht zu ihrem Heil verwendeten. Sehen werden sie dann, was Gottes unfassliche Liebe für sie getan hat, und über ihren Wahnsinn in Verzweiflung versinken.

 

2. Denn mag auch ein lasterhafter Mensch auf die Vorwürfe, er habe ein unzüchtiges Leben geführt, fremdes Gut an sich gerissen und Ähnliches, einigermaßen sich entschuldigen und sagen: Ich war ein schwacher Mensch, in Sünden empfangen und geboren. Was wird er dem Richter auf die Frage antworten: War denn nicht die Arznei meines Blutes in der Kirche, das an diesem Kreuz für dich vergossen wurde? Waren darin keine Quellen des Heiles, keine Beicht, deine vergangenen Übel zu heilen? Kein Tisch des Altares, der als Gegengift für künftige Übel wirkte? Warum denn heiltest du deine Wunden nicht durch diese himmlischen Arzneien, die anzuwenden du so oft und so dringend ermahnt wurdest?

 

3. Dann werden alle Entschuldigungen der Sünder verstummen. Dann werden sie schauen, was sie einst nicht glauben wollten. Dann werden sie die Fluchwürdigkeit der Sünde erkennen. Dann werden sie sich anklagen, die sich nicht anklagen wollten, als es noch Zeit war, als ihre Tränen, ihre Klagen erhörbar waren. Dann werden sie sich selbst verfluchen, dass sie wegen schändlicher Lüste eines Augenblicks, wegen eines Schattens flüchtiger Ehre und zeitlicher Güter der ewigen Verdammnis sich preisgaben. Weinen wir nun, und bekehren wir uns aus ganzem Herzen zum Herrn, damit wir dann nicht mit den Gottlosen auf ewig von ihm verworfen werden. "Bekehre uns, o Gott, unser Heiland, und wende deinen Zorn von uns ab." (Psalm 85,5)

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Betrachtung am 1. Dezember - Der Schluss des Jüngsten Gerichts

 

Wer muss nicht beben, denkt er des Gerichtes.

Zum Himmel gehn die Kinder nur des Lichtes;

Die Sünder gehn mit Satan in die Pein.

Wo wird mein Aufenthalt auf ewig sein?

 

1. Betrachte den letzten Ausspruch des ewigen Richters bei diesem erschütternden Gericht. Denke dir den himmlischen König, umgeben von den Chören seiner Engel und dem Senat des ganzen himmlischen Hofes, auf dem majestätischen Wolkenthron, wie er mit unendlicher Liebe zu den Auserwählten spricht: "Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters, und besitzt das Reich, das euch bereitet ist vom Anbeginn der Welt." Welcher Jubel wird dann die Herzen dieser glückseligen Kinder Gottes durchströmen, deren Leiber gleich den Sonnen in unermesslicher Glorie glänzen. Wären sie nicht unsterblich, sie müssten sich auflösen vor Freude. Nur wer dieser unendlichen Glückseligkeit teilhaft wird, vermag es, sie zu erfassen.

 

2. Aber wer kann, ohne zu erbeben, die Donnerworte des allerhöchsten Richters anhören, die er zu den Verworfenen spricht: "Fort von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das dem Teufel bereitet ist und seinen Engeln." Selbst die himmlischen Gewalten werden davon erschüttert werden. Aber gleichwie Gott sprach: "Es werde Licht," und es wurde Licht, so werden diese allmächtigen Aussprüche im Augenblick in Erfüllung gehen. Einziehen werden in großer Glorie und unter Jubelgesängen die Auserwählten in das Reich ihres himmlischen Vaters; unter schrecklichem Geheul aber werden die Verfluchten mit den bösen Geistern von dem geöffneten Abgrund der Hölle verschlungen werden. Was ist je schrecklich, wenn es dies nicht ist? Werden die Blitze des Zornes Gottes uns niemals aus unserer tödlichen Schlafsucht erwecken?

 

3. Nach dem feierlichen Vollzug des göttlichen Urteils beginnt die Ewigkeit, die kein Ende kennt. Geschlossen sind die Pforten des Himmels, geschlossen die Pforten der Hölle. Keine Furcht mehr findet hier, keine Hoffnung dort mehr statt. Ewig ist die Entzückung, die unsterbliche Glorie der Seligen, ewig die Qual, die Verzweiflung der Verdammten. Wo werden wir dann sein? Können wir dies bedenken, ohne zu zittern. Sind wir aber weise, wenn wir es nicht bedenken, und von der vorübergehenden Glückseligkeit dieser Welt uns bezaubern lassen? Nun steht die Wahl uns frei. Wehe aber, und ewig wehe uns, wenn wir böse wählen. "In allen deinen Werken gedenke deiner letzten Dinge, und du wirst ewiglich nicht sündigen."

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Betrachtung am 2. Dezember - Der Verlust Gottes ist die größte Strafe der Verdammnis

 

O meine Seele, suche Gott von Herzen

In dieser kurzen Lebenszeit.

Sonst seufzest du vergeblich einst in Schmerzen

Um die verlorne Seligkeit.

 

1. Die schrecklichste Strafe der Verdammnis ist Gottes ewiger Verlust. Unsere Seele hat eine unermessliche Auffassungskraft, die nur Gott allein erfüllen kann, doch wird sie in diesem Leben vielfältig zerstreut. Sie fühlt sich gewaltsam und unüberwindlich zu Gott hingezogen; doch wird diese Anziehung hienieden durch die Geschöpfe gleichsam aufgehalten. Sie hat eine natürliche Idee von der unendlichen Schönheit und Herrlichkeit Gottes; doch wird diese Idee durch die Schwere ihres Körpers und das Verderbnis der Sinne verdunkelt und geschwächt. Ist sie aber einmal vom Körper gelöst und fern von diesen Dingen, dann fühlt sie einen unermesslichen Hunger nach ihrer wahren Glückseligkeit, die keine andere als Gott selbst ist.

 

2. Nun ist der Zauber der Geschöpfe verschwunden, die ihr Herz gefesselt hielten. Gelöst ist die Binde, die sie abhielt, Gott zu erkennen. Sie erkennt ihn als die unendliche Schönheit, Lieblichkeit, als den Urquell aller Seligkeit, der allein ihr unendliches Verlangen ersättigen kann, und eilt schneller, denn jeder Pfeil, nach ihm, ihrem ewigen Ziel, ihn zu umfangen und unzertrennlich mit ihm sich zu vereinigen. Doch eine unsichtbare und allmächtige Hand stößt sie zurück, und nun beginnt ihr namenloser Schmerz, ihre unendliche Verzweiflung. Sie will Gott lieben und kann es nicht. Sie erkennt ihn als ihre einzige Glückseligkeit, und kann ihn nicht besitzen. Sie fühlt sich gewaltsam zu ihm angezogen, und wird ewig gewaltsam zurückgestoßen. Diese verschmähte Liebe wandelt sich in den grimmigsten Hass, sie wütet gegen sich und gegen Gott, sucht sich selbst zu vernichten und vermaledeit ewig Gott, der sie erschuf und auf ewig verwarf.

 

3. Was für eine schreckliche Pein, ewig nach Gott, der unendlichen Glückseligkeit, zu ringen, die sie niemals besitzen wird, ewig zu hassen, wonach sie ewig vergeblich sich sehnt. Dieser folternde Schmerz ist die unglückselige Beschäftigung der Verdammten in alle Ewigkeit. Ich habe Gott, die unendliche Glückseligkeit, verloren, auf ewig verloren, durch meine eigene Schuld verloren; habe ihn wegen der Lust eines Augenblicks verloren, und mich selbst in den Abgrund der unglückseligen Ewigkeit gestürzt. Jeremia 6,29-30: "Der Blasebalg schnaubt, doch das Blei bleibt unberührt vom Feuer. Umsonst versucht der Schmelzer zu schmelzen; die Bösen lassen sich nicht ausscheiden. Verworfenes Silber nennt man sie; denn verworfen hat sie der Herr."

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Betrachtung am 3. Dezember - Vom Übel der erblichen Schuld

 

Höre, Herr, mein heißes Flehen,

Sende Licht in meine Nacht.

Sieh, mein Herz vergeht vor Wehen,

Rette mich durch deine Macht.

 

1. Herr, mein Gott, zitternd bete ich den Abgrund deiner Gerichte an. Mein Elend, Herr, bekenne ich dir. Sieh, mehr liebe ich meine Wunden, als die Gesundheit, mehr die vorübergehende Täuschung, als die ständige, ewige Wahrheit. Ich erkenne das Gute, und - tue, ach, das Böse. Wie aber ich, so alle, die aus Adam geboren sind. Woher, mein Schöpfer, diese tiefen Wunden der menschlichen Natur? Kam diese edle Natur also verkehrt aus deiner Hand? Nimmermehr. Zum Flug ist der Vogel, zu schnellem Lauf der Hirsch erschaffen, und krank ist der Vogel, der zu keinem Flug, krank der Hirsch, der nicht zum Lauf sich erheben kann. Und nicht krank, nicht bis ins Innerste verwundet wäre die Seele, die du geschaffen hast, dich, unendliche Majestät, zu erkennen und zu lieben, und die zu schwach zu aufopfernder Liebe ist?

 

2. Woher diese Krankheit, dies tiefe Elend, das nicht von dir, der ewigen Liebe, kam? Angeboren sind mir und allen Sterblichen diese schweren Übel, über die ich vor dir seufze. Denn also sehe ich den Menschen, so weit die Geschichte reicht. Vor ihrer Pforte aber zeigt mir der Cherub mit dem Flammenschwert ein Menschenpaar, aus dessen Brust sie hervorgingen, und ihnen folgte der Anfang des Todes: Tränen, Wehen, Verbrechen und zweifacher Tod, als ein schreckliches Geleit, das auf alle ihre Nachkommen sich vererbte.

 

3. Unendliche Majestät, kein Schatten der Ungerechtigkeit ist in dir. Nur zu deiner eigenen ewigen Verherrlichung konntest du, aller Wesen Ursprung und Ziel, erschaffen. Und voll wurde die Summe deiner Verherrlichung, ob der Mensch stand oder fiel, denn was deiner Rechten entfloh, das fiel in deine Linke. Erleuchtet hattest du den Menschen mit dem Licht deines Antlitzes, bewaffnet mit ursprünglicher Gerechtigkeit. Aber nicht reichen konntest du die Siegeskrone dem Untreuen, der im notwendigen Prüfungskampf nicht bestand. Zur Seite hast du ihm gestanden, ihn zu krönen, wenn er siegt, zu heilen, wenn er fällt. Und deine unermessliche Barmherzigkeit bereitete dem Gefallenen einen überreichlichen Quell des Heils und der Erlösung. Rufen wir mit dem Psalmisten: "Herr, erbarme dich meiner und heile meine Seele, denn gesündigt habe ich vor dir."

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Betrachtung am 4. Dezember - Von der Ankunft des Herrn

 

O komm, Erbarmer, von des Himmels Zelt,

Jahrtausende schon seufzt nach dir die Welt.

Ach sieh, wie alle jammern in den Ketten.

O komm, Emmanuel, uns zu erretten.

 

1. Betrachte den sehnsüchtigen Ausruf des Propheten, Jesaja 45,8: "Taut, ihr Himmel, von oben, ihr Wolken, lasst Gerechtigkeit regnen. Die Erde tue sich auf und bringe das Heil hervor, sie lasse Gerechtigkeit sprießen. Ich, der Herr, will es vollbringen." Ein Schrei des ganzen menschlichen Geschlechtes ist dieser Ausruf, diese Sehnsucht nach dem Erlöser von der Schuld und Strafe, unter denen alle Kinder Adams seufzen. Vom Himmel sollte er kommen in der Fülle der Gerechtigkeit, "Jesus Christus, den Gott für uns zur Weisheit gemacht hat, zur Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung" (1. Korinther 1,30), auf dass durch ihn die Ungerechtigkeit unserer Sünden getilgt würde, die nur Gottes Allmacht tilgen kann. "Komm wie ein Feuer, das Reisig entzündet, wie ein Feuer, das Wasser zum sieden bringt. Mach deinen Feinden deinen Namen bekannt, so dass die Völker zittern vor dir, wenn du schreckliche und nie erwartete Taten vollbringst. Komm herab, so dass die Berge zittern vor dir." (Jesaja 64,1+2) 

 

2. Und siehe, es kam der Gerechte, dem die Fülle der Gerechtigkeit wesentlich innewohnt, vom Himmel, - als Erlöser des menschlichen Geschlechtes aber musste er zugleich auch der Erde entsprießen. Anziehen musste er die menschliche Natur, denn die, durch einen Menschen in Schuld und Strafe versunkene Menschheit musste abermals durch einen Menschen, der dem Tod nichts schuldig war, vom Fall aufgerichtet werden. Bezahlt werden musste die unendliche Schuld der Ungerechtigkeit durch einen Menschen, der unendliche Verdienste hatte, und darum musste er zugleich Gott und Mensch sein, um als wahrer Mittler zwischen Gott und die Menschen zu treten und die Sache beider zu verfechten.

 

3. Von einer jungfräulichen, unbefleckten und von Gott gesegneten Erde musste er aufgehen, eine Jungfrau musste den Gott Emmanuel gebären. Empfangen aber musste sie ihn "von oben herab", der bereits war, ehe sie in ihrem jungfräulichen Schoß ihn empfing. Und überschatten musste sie die Kraft des Allerhöchsten, damit sie in den Gluten des Heiligen Geistes nicht verginge, von dem sie ihn empfing. Also tauten die Himmel den Gerechten von oben herab, also brachte die Erde den Erlöser hervor. Beten wir dies hochheilige Geheimnis in Danksagung und Jubel an, das von unseren Fesseln uns erlöst und uns in die Freiheit des ewigen Lebens führt. "O glückselige Schuld Adams, die uns einen solchen Erlöser erwarb!" (Exsultet der Kirche)

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Betrachtung am 5. Dezember - Vom Jüngsten Gericht

 

Erscheinest, Herr, mit Macht du zum Gericht,

Dann kommt auch das Verborgenste ans Licht.

Laut jubeln deine Schafe, dich zu sehen,

Indes die Böcke in Verzweiflung stehen.

 

1. Der Schall einer furchtbaren Posaune dröhnt heute in der ganzen Kirche Gottes und verkündet uns das Jüngste Gericht des Herrn. Wer auf den Schall dieser Posaune nicht erwacht, der schläft nicht, er ist tot. Was wird uns je erwecken, wenn nicht die Schrecknisse dieses Gerichts, nach dem die Gerechten jubelnd in die ewigen Freuden des Himmels einziehen, die Verworfenen aber mit Satan und seinen Engeln in das ewige Feuer verstoßen werden? Ist aber vielleicht diese Erschütterung des ganzen Himmels, die Verfinsterung der Sonne und der Fall der Sterne noch fern, so ist dagegen die Erschütterung unseres Körpers, die Verfinsterung der Sterne unserer Augen, die gewaltsame Trennung unserer Seele von unserem Leib uns sehr nahe, worauf das Gericht erfolgt, das über unsere Ewigkeit entscheidet.

 

2. Dies ist jener große Tag des Herrn, der nun nicht mehr in der Demut des Stalles, sondern mit großer Glorie und Majestät auf den Wolken des Himmels und von allen seinen Engeln umgeben erscheint, alle Völker der Erde zu richten. Es ist der Tag der großen Wiedergeburt der Welt, wo der Schall der Posaune in die Gräber dringt und alle Toten zur Auferstehung erweckt. Aber was für ein Unterschied zwischen den Erstandenen! Glänzen werden die Gerechten gleich Sonnen und in großer Sicherheit stehen, indes die Verworfenen gleich schauderhaften Nachtgespenstern in Angst erbeben, und den Bergen rufen, über sie zu fallen, und den Hügeln, sie zu verbergen vor des Richters Angesicht. Zu welchen werden wir dann gehören?

 

3. Erscheinen wird dann das Kreuz, die königliche Siegesfahne Jesu Christi, und die Gottlosen überzeugen, was Gott in seiner unendlichen Barmherzigkeit für sie getan hat, und wie sie dagegen seine Erbarmungen mit Füßen traten und sich selbst mutwillig in die ewige Verdammnis stürzten. Lass dir nur kein Kreuz schwer fallen, denn mit einem Gewicht unendlicher Glorie werden dann alle deine Leiden aufgewogen werden. Freudig wirst du dann dein Haupt erheben, weil deine Erlösung, dein Einzug in den glorreichen Himmel nahe ist. "Die Toten wurden nach ihren Werken gerichtet, nach dem, was in den Büchern aufgeschrieben war." (Offenbarung 20,12b)

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Betrachtung am 6. Dezember - Johannes predigt die Buße

 

Johannes predigt, und die Scharen eilen,

Durch Buße von der Sünde sich zu heilen.

Was hält uns ab, dabei zu sein?

Sind etwa wir von Sünden rein?

 

1. Betrachten wir diesen großen Propheten, der die Wüste verlässt, den Völkern die Buße zu predigen, die er selbst von frühester Kindheit an in höchster Strenge geübt hat. Er ist, wie der Herr der Propheten ihm selbst das Zeugnis gibt, "ein brennendes und leuchtendes Licht". Erfüllt mit dem Heiligen Geist, brennt er von heiligem Eifer für Gottes Ehre, und leuchtet durch Unschuld, Heiligkeit und Buße. Von Kindheit an in der Wüste, war Gebet und Buße seine unablässige Beschäftigung. Sein Umgang war mit Gott allein, und in seinen erhabenen Betrachtungen über die tiefsten Geheimnisse des Heils erleuchtet, verlässt er diesen schaurigen Aufenthalt nur auf Gottes Geheiß.

 

2. Schon der bloße Anblick dieses heiligen Einsiedlers ist eine eindringliche Predigt. Denn, wie der Herr von ihm bezeugt, weder aß noch trank er, und seine Speise, Heuschrecken nämlich und wilder Honig, predigt die Buße denjenigen, die ihrem Bauch als ihrem Gott dienen. Seine Kleidung aber, Kamelhaare und ein lederner Gürtel um seine Lenden, verdammt die Kleiderpracht und Weichlichkeit der Weltkinder. Darum auch wirken seine Reden erschütternd auf die Herzen. Unerschrocken bezeichnet er die heuchelnden Pharisäer als eine Natternbrut, und bedroht sie, wenn sie nicht ernsthaft Buße tun, mit dem unauslöschlichen Feuer der Hölle. Ebenso wenig fürchtet er den Zorn der Könige und stirbt mit Freuden den Märtyrertod.

 

3. Hören wir die Stimme dieses gewaltigen Predigers, der bis auf den heutigen Tag aus den Fluren des Evangeliums uns zuruft: "Bringt Frucht hervor, die eure Umkehr zeigt. Jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen." (Matthäus 3,8+10) Indessen fordert er uns zu keiner Buße auf, die mit der seinigen sich vergleichen ließe. Er fordert bloß, dass wir keine Ungerechtigkeit begehen, die Pflichten unseres Standes genau erfüllen, den Armen eine milde Hand auftun, und Jesus, das Lamm Gottes, als den eingeborenen Sohn Gottes erkennen und ihm gehorchen. Matthäus 11,12: "Seit den Tagen Johannes` des Täufers bis heute wird dem Himmelreich Gewalt angetan; die Gewalttätigen reißen es an sich." 

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Betrachtung am 7. Dezember - Verschiebe deine Buße nicht bis zum Ende des Lebens

 

Bekehre, Sünder, dich behende,

Die Zeit eilt ohne Wiederkehr.

Verlief sie aber bis zum Ende,

Ist für dich keine Rettung mehr. 

 

1. Höchst albern ist, wer eine geringe Last nicht tragen, sondern lieber warten will, bis sie schwerer, er selbst aber schwächer geworden ist. Dieser Tor bist du, der du in jüngeren Jahren dich weigerst, die Bürde der Buße zu tragen, so lange sie leicht und gering ist, sondern damit bis in dein Greisenalter zögerst, wo diese Bürde zu einer ungeheuren Last erwachsen ist, deine Kräfte aber abgenommen haben, und du es nicht mehr vermagst, sie zu tragen. Denn je länger du zögerst, um so mehr nimmt die Last deiner Sünden zu, da eine Sünde, die nicht durch die Buße getilgt wurde, durch ihr eigenes Gewicht andere nach sich zieht.

 

2. Wer seine ganze Lebenszeit dazu nutzt, und weder Fleiß noch Unkosten scheut, ein Haus zu erbauen, in dem er nicht wohnen möchte, und dagegen das Haus zu zerstören, wo er seinen beständigen Wohnsitz aufschlagen will, der wird mit Recht ein wahnsinniger Narr genannt. So einer aber bist du, der du mit deiner Bekehrung gezögert hast und bis zu deinem Tod eine Wohnung in der Hölle dir erbaust, wo du doch nicht wohnen willst, und dagegen durch deine Laster die Wohnung zerstörst, die du durch deine Bekehrung im Himmel erlangt hättest. Höre und beherzige die Worte des Propheten: "Wer unter euch hält es aus neben dem verzehrenden Feuer, wer von uns hält es aus neben der ewigen Glut?" (Jesaja 33,14b)

 

3. Je länger ein Schuldner säumt, der eine bedeutende Summe auf Zinsen erhielt, diese Zinsen abzutragen, um so größer werden diese Zinsen samt der Summe. Fällt es ihm nun schon am Anfang schwer, seine Verpflichtungen zu erfüllen, so wird er am Ende außer Stande sein, zu erstatten. Dieser Schuldner bist du, säumiger Sünder. Je länger du in der Sünde verweilst, um so größer werden die Zinsen deiner Schuld, und um so schwerer wird deine Verdammnis. Deine Hoffnung in deiner Unbußfertigkeit ist Vermessenheit. Zittere, dass du, indes du Barmherzigkeit erwartest, dem Gericht anheim fällst. Jesus Sirach 5,7: "Zögere nicht, dich zu ihm zu bekehren, verschiebe es nicht Tag um Tag. Denn sein Zorn bricht plötzlich aus, zur Zeit der Vergeltung wirst du dahingerafft." 

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Betrachtung am 8. Dezember - Am Fest Mariä Empfängnis

 

O Hehre Jungfrau, fleckenlos empfangen,

Lass heut mein Flehen mild zu dir gelangen,

Und nimm mein Heil in deine Lilienhände,

Dass in der Gnade selig ich vollende. 

 

1. Gleichwie der Allerhöchste, als er die Sonne schuf, mit dem Dasein ihr auch zugleich das Licht verlieh, also verlieh er der künftigen Mutter seines Eingeborenen mit dem Dasein zugleich die Gnade, die vor der erblichen Schuld sie bewahrte. Denn ganz rein, heilig und unbefleckt musste der lebendige Tempel sein, wo das ewige Wort Fleisch annehmen und neun Monate körperlich wohnen sollte. Nie wurde dieser wunderbare Vorzug bei ihr durch den Schatten einer Sünde getrübt. Wir dagegen, die wir in Sünden zur Welt kommen, empfangen die Gnade nur durch die heilige Taufe, und beflecken sie leider freiwillig durch persönliche Sünden, mit der Gefahr, darin zu sterben. O Mutter der Gnade, erflehe uns wahre Zerknirschung von deinem göttlichen Sohn.

 

2. Maria empfing bei ihrer Empfängnis eine Fülle der Gnade, denn der Herr schmückte sie mit allen Tugenden und Gaben des Heiligen Geistes, weshalb auch der heilige Erzengel sie als die Gnadenvolle begrüßte. Die Jungfrau aber bewahrte diese himmlischen Schätze mit unablässiger Wachsamkeit der Liebe und mit einer Treue, die keine Trübsal, keine Versuchung, keine Anstrengung der Hölle jemals zu erschüttern vermochte. Wir unglückseligen Kinder Adams hingegen, die wir die Gnade nur in einem beschränkten Maß empfangen, setzen uns zahllosen Gefahren aus, sie zu verlieren. O Maria, Stern des Meeres, bitte für uns, dass wir in dem stürmischen Meer dieser Welt nicht unglückseligen Schiffbruch leiden.

 

3. Maria wirkte höchst getreu mit Gottes Gnade. Weit zutreffender denn der Apostel konnte sie sprechen, 1. Korinther 15,10: "Doch durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben. Mehr als sie alle habe ich mich abgemüht - nicht ich, sondern die Gnade Gottes zusammen mit mir." Denn vom ersten Augenblick an wirkte sie damit und vermehrte sie ohne Unterlass, so dass sie am Ende ihres heiligsten Lebens die höchsten Seraphim an Liebe und Verdiensten übertraf. Wie weit sind wir von dieser Treue entfernt! Statt die Gnaden und Verdienste zu vermehren, vermehren wir leider unsere Untreue und unsere Sünden. O Maria, gebenedeite Mutter unseres Herrn, erflehe uns von ihm Verzeihung und die Gnade der Beharrlichkeit in seiner Gnade bis ans Ende unseres Lebens. "Bitte für uns, o heilige Gottesmutter, auf dass wir der Verheißungen Christi würdig werden!" (Die Kirche)

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Betrachtung am 9. Dezember - Über die Worte des Apostels:

"Täglich sehe ich dem Tod ins Auge." (1. Korinther 15,31a)

 

Nimmer fließe dir die Zeit vergebens.

Täglich raubt sie einen Teil des Lebens.

Du weißt nicht, wie viel noch übrig ist:

Darum sei bereit zu jeder Frist.

 

1. Willst du in Sicherheit leben, so traue niemals dem Tod. Denn gleich einem Dieb schleicht er umher, überrascht täglich viele, die nicht auf ihrer Hut sind, und nimmt sie mit sich in die Ewigkeit. Könnten wir mehrere Male sterben, so ließe ein böser Tod durch einen zweiten sich verbessern. Da wir aber nur einmal sterben, sind wir, wenn wir in der Sünde sterben, verloren, "denn auf welche Seite der Baum fallen wird, da bleibt er liegen!" (Kohelet 11,3b) 

 

2. Dies ist die große Kunst der Auserwählten: so zu leben, dass der Tod zu keiner Zeit sie unvorbereitet überrasche. Schließe gleich ihnen jeden Tag die Rechnung mit deinem Gewissen ab, und lass, so viel an dir liegt, nichts unberichtigt. Denke daher jeden Abend, wenn du zur Ruhe dich niederlegst, wenige Minuten, du liegst bereits auf dem Sterbebett, und denke nach, was in deiner letzten Stunde dich ängstigen könnte. Fasse jedoch festes Vertrauen zur göttlichen Barmherzigkeit, die, bist anders du über die Sünden deines verflossenen Lebens wahrhaft zerknirscht, im Tod dich gewiss mütterlich umfangen wird. Stehst du hingegen in der Frühe auf, so ordne diesen neuen Tag so, als wäre er dein letzter. Denn da gewiss ein Tag kommt, der dein letzter sein wird: warum sollte es nicht der heutige sein können? Und sterben nicht zahllose Menschen ohne vorhergegangene Krankheit?

 

3. Ein seliger Tod ist die Wissenschaft der Wissenschaften, er ist das Ziel unseres Lebens. Niemals aber werden wir diese Wissenschaft erlernen, niemals dieses Ziel glückselig erreichen, wofern wir nicht, nach dem Ausspruch des Apostels, täglich sterben, das heißt, unser Herz täglich mehr von allem Vergänglichen, von allen irdischen Gütern, von allen eitlen Hoffnungen, von allen Geschöpfen und von diesem sterblichen Leben selbst entfesseln, so dass wir immer bereit seien, unsere Seele friedlich in die Hände unseres Schöpfers zu übergeben. Durch diese heilige Übung werden wir auch alle unsere Pflichten weit getreuer und weit reiner erfüllen, weil wir sie dann so erfüllen werden, wie wir bei unserem Tod wünschten, sie erfüllt zu haben. "O Tod, wie gut ist dein Urteil!" (Jesus Sirach 41,2+3)

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Betrachtung am 10. Dezember - Vom heilsamen Verlangen nach der ewigen Seligkeit

 

Drängt das Leben dich hienieden,

Sieh empor zum heilgen Blau;

Denn von dort quillt Trost und Frieden

Sanft ins Herz wie Himmelstau.

 

1. Nichts ist so sehr geeignet, uns zu kräftigen und zu trösten, als der Gedanke an die künftige Seligkeit, die wir hoffen. O wie glückselig werden wir dann sein, wenn wir das heilige Gesetz unseres Herrn beobachtet haben und auf dem Weg des Kreuzes gingen, der zu diesem glorreichen Ziel führt. Wie unbeschreiblich wird unsere Wonne sein, dort vereint mit allen seligen Geistern Gott von Angesicht zu Angesicht zu schauen und sein Lob in seligem Jubel zu singen. O seliges Entzücken, im sicheren Besitz der ewig glorreichen Seligkeit zu sein. Erheben wir unsere Gedanken oft zu diesem unserem himmlischen Vaterland, wo die unversiegbare Fülle aller Freude herrscht.

 

2. Der Aufblick zum Himmel allein kann unser Herz von aller Anhänglichkeit an diese vorübergehenden Güter lösen, die wahre Übel sind, wenn sie gegen die unermesslichen Güter des Himmels verglichen werden, und die die Seele bestricken, in zahllose Sünden verflechten, und diejenigen täuschen, die ihnen gierig nachstreben, da sie ihr Herz nicht ersättigen, sondern ermüden. Kein Mittel auch ist so wirksam, alle Trübsale des Lebens uns zu versüßen und gegen alle Regungen der Leidenschaften und Anfälle der Versuchungen uns zu stärken, da diese vorübergehenden Leiden uns eine unendliche Seligkeit erwirken. Wie viele Seligen preisen nun ihr Kreuz, das ihnen eine so große Glorie erwarb. 

 

3. Nichts auch wirkt so mächtig, die Strenge des Todes zu mildern, als die oftmalige Erhebung unseres Herzens zum Himmel. Denn führt, wie jede wahrhaft fromme Seele hoffen darf, der Tod in die selige Ewigkeit: warum denn sollen wir ihn so sehr fürchten und bei seiner Annäherung erbeben? Ist das Ziel unserer mühevollen Pilgrimschaft das glückselige Vaterland des Himmels: wie kann es uns je so schmerzlich fallen, diese Verbannung zu verlassen. So lange wir hienieden sind, verfließt unser Leben unter Seufzern und Sünden, der Tod aber öffnet uns die Pforte des Heils. So bringen wir denn Gott unser Leben mit Freuden zum Opfer, und seine Barmherzigkeit wird den Tod uns versüßen. Psalm 122,1: " Ich freute mich, als man mir sagte: Zum Haus des Herrn wollen wir pilgern."

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Betrachtung am 11. Dezember - Vom Anhören der Heiligen Messe

 

Lass, Herr, in Andacht mich vor dir erscheinen,

Mit deinem Sühnungsopfer mich zu einen;

Denn hier wird die Erlösung mir zu Teil.

Dein ew`ges Opfer tilget meine Schulden,

Es kräftigt mich, zu kämpfen und zu dulden,

Und führt mich durch dein Blut zum ew`gen Heil.

 

1. Jesus, unser ewiger Hoher Priester, brachte auf dem Altar des Kreuzes seinem ewigen Vater sich als ein Opfer dar, das die ewige Gerechtigkeit Gottes versöhnte. In der Heiligen Messe aber bittet er als unser ewiger Mittler beim Vater, die unendlichen Verdienste seines heiligsten Leidens uns zuzuwenden, gibt allen, die dem Tisch des heiligen Altars sich in Andacht nahen, sich selbst als die Opferspeise und das Unterpfand des ewigen Lebens, und vereint die Gebete seiner Gläubigen mit den seinigen, damit sie dadurch geheiligt und erhörbar werden vor dem ewigen Vater, der alles, was er uns verleiht, nur durch seinen eingeborenen Sohn und um seinetwillen uns verleiht.

 

2. Jesus ist unser wahrhaftiges Sühnopfer, das Lamm Gottes, das alle unsere Sünden hinwegnimmt, wenn wir beim heiligen Opfer uns mit ihm vereinigen, und durch ihn in wahre Zerknirschung um die Verzeihung unserer Sünden bitten. Vergeblich jedoch bitten wir, und keine Erhörung findet unser Gebet und unser Opfer, wenn wir nicht selbst aus ganzem Herzen denjenigen verzeihen, die uns irgendwie beleidigt, betrübt oder auf was immer für eine Weise uns geschadet haben, weil ein Mensch eines unversöhnlichen Herzens kein lebendiges Glied seines Körpers ist, und daher den belebenden Einfluss des Hauptes nicht empfangen kann, der nur den lebendigen Gliedern zuteil wird. Denn keine Barmherzigkeit findet, wer keine Barmherzigkeit erzeigt.

 

3. Opfert aber Jesus, unser Hoher Priester und unser Opfer, sich jeden Tag in unbeschreiblicher Liebe für uns: können wir dann je sagen, dass wir ihn lieben, dass wir wahres Verlangen haben, seiner unendlichen Verdienste teilhaft zu werden und Gnaden des Heils zu erlangen, wenn wir diesem heiligen Opfer nur selten, nur wenn wir unter einer schweren Sünde dazu verpflichtet sind, und auch da nur mit zerstreutem Herzen und Sinn, beiwohnen? Versammeln wir uns vielmehr täglich um unseren göttlichen Erlöser, beten wir ihn mit inbrünstigem Herzen an, opfern wir uns mit ihm in bußfertigen Gesinnungen, und wir werden die Früchte seiner Erlösung wahrhaft in uns erfahren. "Jesus aber hat, weil er auf ewig bleibt, ein unvergängliches Priestertum." (Hebräer 7,24)

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Betrachtung am 12. Dezember - Johannes im Gefängnis

 

Frei und selig selbst in Banden

Ist, wer Gott im Herzen trägt;

Hat er treu den Kampf bestanden,

Durch den Gott zu führen pflegt.

Reicht er selbst die Siegeskrone

Ihm zu ewig reichem Lohne.

 

1. Ein Abgrund sind die göttlichen Gerichte. Betrachte den stolzen König Herodes und den heiligen Täufer Johannes in einem Palast. Herodes ist in Purpur, Samt und Seide gekleidet, Johannes mit einer rauen Kamelhaut kaum halb bedeckt. Herodes hält glänzende Gastgelage in seinen Prunkgemächern, Johannes leidet Hunger im Kerker. Herodes wird als ein Halbgott verehrt, Johannes von den Großen des Hofes und der unwissenden Welt verachtet. Herodes glänzt in Gold und Geschmeide, Johannes ist belastet mit Fesseln und Banden. Wer wird nicht den einen beneiden, den andern bedauern? Dennoch vertauschte der so schmählich gefesselte Engel der Wüste seine Fesseln nimmermehr gegen allen Glanz und alle Herrlichkeit dieses Königs.

 

2. Sitzt aber der Gottlose auf dem Thron, und schmachtet der Heilige im Kerker und wird für ein ungerechtes Bluturteil aufbewahrt, so muss notwendig eine andere Welt sein, wo diese himmelschreiende Ungerechtigkeit vollkommen ausgeglichen wird. Denn ist ein Gott, so muss er gerecht sein. Das Amt der Gerechtigkeit aber ist, die Tugend zu belohnen und die Schuld zu bestrafen. Weil aber Gottes unendliche Weisheit dies nicht immer in dieser Welt tut, leugnen viele Gottlosen seine Gerechtigkeit und dadurch ihn selbst. Oder aber sie sagen, ihre Laster zu beschützen, Gott sei zu erhaben, als dass er um menschliche Dinge sich kümmere.

 

3. Doch wer den freien Geist erschaffen hat, der ist auch sein Richter. Unendlich ist Gottes Weisheit, "wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege!" (Römer 11,33b) Erfahren muss der Pilger die Mühsale der Pilgrimschaft, zu den Wonnen der Heimat zu gelangen. Im Feuer muss das Gold geläutert werden, um so glänzender daraus hervorzugehen. Ersterben muss das Samenkorn, hundertfältige Frucht für den Himmel zu bringen. In Tränen säen muss, wer in Freuden ernten will. Und mehr wird Gott durch die großmütige Aufopferung seiner Märtyrer verherrlicht, als durch alle übrigen Werke seiner Schöpfung. Psalm 19,10b: "Die Urteile des Herrn sind wahr, gerecht sind sie alle."

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Betrachtung am 13. Dezember - Jesus unser Bruder in der menschlichen Natur

 

O lehre, Herr, mein Herz dich würdig loben,

Der du den Staub so himmelhoch erhoben:

Dass du in Huld hernieder kamst auf Erden,

Im Fleische unser Bruder hier zu werden.

 

1. Betrachte, zu wie unendlich hoher Würde Jesus uns erhoben hat, als er sich herabließ, in der menschlichen Natur unser Bruder zu werden. Denn dass der eingeborene Sohn Gottes unser wahrer Bruder wurde, bezeugt nicht nur der Apostel, der ihn den Erstgeborenen aus vielen Brüdern nennt, sondern auch Jesus selbst, als er die liebende Magdalena zu seinen Jüngern mit den Worten sandte: "Geh aber zu meinen Brüdern, und sage ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott." (Johannes 20, 17b) Erstaunt über diese wunderbare Erhöhung, ruft der Jünger der Liebe aus: "Seht, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es." (1. Johannes 3,1) Hocherstaunlich fürwahr ist diese Erhöhung zu einer so großen Herrlichkeit.

 

2. Allerdings zwar ist Jesus der eingeborene Sohn Gottes von Natur, und wir sind nur Kinder durch Aufnahme. Denn "er ist der Erstgeborene, der Erste an Gaben und der Höchste in der Herrschaft." (Genesis 49,3) Aber nicht weniger ist darum diese Würde unser, da nicht weniger uns gehört, was wir von der Freigebigkeit des Königs zum Geschenk erhalten, als was wir durch angeborenes Recht besitzen, wenn anders wir die Bedingung erfüllen, unter der dies Geschenk uns verliehen wird. Dies aber ist die Bedingung des himmlischen Königs: "Denn alle, die er im voraus erkannt hat, hat er auch im voraus dazu bestimmt, an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben, damit dieser der Erstgeborene von vielen Brüdern sei." (Römer 8,29) 

 

3. Jesus ist das lebendige Bild der Väterlichen Wesenheit, dem alle Auserwählten durch Sanftmut, Demut, Reinheit, Geduld, Liebe und Barmherzigkeit gleichförmig werden müssen. Und nach der größeren oder geringeren Gleichförmigkeit, die wir mit ihm erlangen, wird unsere Stufe in der Glorie bemessen. Denn wie unter Geschwistern zuweilen einige dem Wunsch nach höher sind denn die übrigen: also wird dies auch im Himmel bei den Auserwählten sein, wiewohl alle als Kinder geliebt werden. Darum ringen wir aus ganzer Kraft nach dieser Gleichförmigkeit mit unserem erstgeborenen Bruder, denn nur dadurch sichern wir unsere Auserwählung. Jesus Sirach 50: "Die Krone der Brüder ist rings um ihn."

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Betrachtung am 14. Dezember - Von der Erkenntnis Jesu

 

Ausgestorben ist das Leben,

Süßer Jesus, ohne dich;

Du nur kannst ihm Freude geben,

Und das Herz zu dir erheben,

Dich zu lieben ewiglich.

 

1. Gott liebt nicht wie die Geschöpfe, deren Liebe beschränkt und endlich ist. Seine Liebe ist gleich ihm selbst unendlich. Er liebt sich selbst in den vernünftigen Wesen, die mit seinem Ebenbild geschmückt sind, und zieht sie auf eine Weise zu sich, die seiner unendlichen Güte und Weisheit, und zugleich dem Bedürfnis des Geschöpfs gemäß ist. Darum ließ er in seiner heiligen Menschheit gleich einer himmlischen Angel in das Meer dieser Welt sich herab, die Seelen durch die Herrlichkeit seiner Liebe zu fangen, und sie vom Fleisch zum Geist, von seiner Menschheit zu seiner Gottheit emporzuziehen. Niemals wären wir zur wahren Erkenntnis Gottes, niemals zur wahren Freude des Herzens gelangt, wenn nicht er selbst uns sichtbar erschienen wäre.

 

2. Seine heilige Erkenntnis aber ist nicht müssig in der Seele, der sie innewohnt. Notwendig bringt sie die Liebe hervor, aus der alle Tugenden quellen. Denn eine solche Seele sehnt sich in zarter Dankbarkeit, alles zu tun, was sie ihrem geliebten Heiland als wohlgefällig erkennt. Ja willkommen sogar sind ihr Trübsale und Leiden, ihre Liebe ihm dadurch zu bezeigen. Je getreuer sie aber sich opfert, um so mehr nimmt diese heilige Erkenntnis und Liebe in ihr zu, und sie leuchtet in der Finsternis dieser Welt als ein wahres Licht im Herrn, und ist mitten unter Schmerzen voll seliger Freude. Dahin sei das ganze Verlangen unseres Herzens gerichtet.

 

3. Von einer solchen Seele gelten die Worte des Propheten: "Sie wird blühen gleich einer Lilie, blühen wird sie und grünen und vor Freude frohlocken, . . . denn sie wird die Herrlichkeit des Herrn schauen und die Zierde unseres Gottes." (Jesaja 30) So nämlich grünt und blüht, von der Sonne der Gerechtigkeit bestrahlt, eine heilige Seele an allen Tugenden, und frohlockt vor seliger Liebe und Freude über den innerlichen Anblick ihres göttlichen Geliebten, den sie immer um so deutlicher erkennt, als sie tiefer in das Geheimnis seiner heiligen Menschwerdung eindringt. Ergib dich dieser heiligen Betrachtung! Jesaja 60,5a: "Du wirst es sehen, und du wirst strahlen, dein Herz bebt vor Freude und öffnet sich weit."

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Betrachtung am 18. Dezember - Über die Worte: "Wer bist du?"

 

O führe, Herr, mich in mein Innres ein,

Dass ich mich schaue, wie vor dir ich bin.

Der Anblick beuge meinen stolzen Sinn

Und lehre mich demütig sein.

 

1. "Wer bist du?" So fragten die Abgeordneten der Juden den heiligen Täufer Johannes. Was aber antwortete dieser demütige Vorläufer des Messias? Füglich konnte er sich Elias, einen Propheten, und mehr als einen Propheten, er konnte den Engel sich nennen, von dem die Schrift geweissagt hatte, er würde vor dem Herrn hergehen. Er aber nannte sich eine Stimme. Was ist aber eine Stimme? Ein Schall, der tönt und verklingt. Wie tief beschämt doch die Demut der Heiligen unsere Hoffart, die wir immer mehr scheinen wollen, uns immer für besser ausgeben, als wir sind, und über diejenigen uns erbittern, die eine eingebildete Ehre uns versagen, die uns oft nicht einmal nach menschlichen Verhältnissen gebührt. 

 

2. "Wer bist du?" Ach, mein Gott, soll ich die Wahrheit bekennen, sagen muss ich dann: Nichts bin ich durch mich. Ein Sünder bin ich, der, wenn deine unendliche Barmherzigkeit seiner nicht geschont hätte, längst im ewigen Feuer, ein Raub der endlosen Verzweiflung, ein Gefährte der schrecklichen Gespenster der Hölle wäre. Ein elendes, ohne Unterlass zum Bösen geneigtes Geschöpf bin ich, das nichts Gutes aus sich vermag, ein wankendes Rohr, das vom Wind jeder Leidenschaft hin und her bewegt wird, ein unreiner Mensch, der vor Schande sich verbergen müsste, wenn die Werke seiner Finsternisse bekannt würden. Und dabei bin ich von Eitelkeit aufgedunsen, und fordere Ehre von den Menschen.

 

3. Herr, erbarme dich meiner. Siehe, barmherziger Arzt, ich habe meine Wunden dir offen bekannt. Heile sie, und lass das Opfer meiner Demütigung dir gefallen. Verleihe mir bei deiner heiligen Ankunft die Kraft, "den alten Menschen abzulegen und den neuen anzuziehen, der nach Gott erschaffen ist in Gerechtigkeit und Heiligkeit." (Epheser 4,22-24) Verleihe mir den Geist der Buße, dass ich die Verachtung der Menschen ohne Murren ertrage, auf den Spuren deiner heiligen Demut gehe, mein Kreuz täglich auf mich nehme und dir nachfolge, damit ich durch deine Barmherzigkeit die Verzeihung meiner Sünden erlange und deinen Auserwählten beigezählt werde. "Überschätze dich nicht vor dem Volk; bedenke, dass der Zorn nicht ausbleibt. Demütige deinen Stolz ganz tief, denn was den Menschen erwartet, ist die Verwesung." (Jesus Sirach 7,16-17)

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Betrachtung am 24. Dezember - Am Vorabend der Geburt des Herrn

 

O komm herab auf unsre Flur,

Geliebter Gottesknabe.

Komm, Mittler doppelter Natur,

Und nimm mein Herz als Gabe.

Nach dir erseufzet mein Gemüt,

Das dich zu schauen, Herr, erglüht.

 

1. Betrachte die Mühsale der heiligen Familie, die, in dem Befehl der weltlichen Obrigkeit Gottes Anordnungen verehrend, ohne Klage die weite Reise von Nazareth und Bethlehem antritt, daselbst dem Edikt des Kaisers Augustus gemäß sich aufzeichnen zu lassen. O Tiefe der Ratschlüsse Gottes! Der menschliche Stolz führt seine Pläne aus, und weiß es nicht, dass er dabei Gottes Absichten ausführt, der feierlich durch seinen Propheten hatte verkündigen lassen, der Welterlöser werde zu Bethlehem geboren werden. So hatte Gottes Weisheit es geordnet, damit durch die öffentlichen Register, in die Jesus eingetragen wurde, bekannt wäre, er sei zu Bethlehem geboren. 

 

2. Schwer von der langen Reise ermüdet, kommt endlich die heilige Familie in der Stadt Davids an, wo die Zeit erfüllt wird, dass die jungfräuliche Mutter Gottes das Licht der Welt gebären sollte. Sie suchen eine Herberge und finden keine. Alle Türen und alle Herzen sind ihnen verschlossen. So wird der Sohn Gottes, der Erlöser Israels, von seinem Volk verstoßen, noch ehe er geboren ist. Ein öder Stall nimmt die Verlassenen auf. Dies ist der Palast des Königs des Himmels und der Erde. Hier kommt der Erlöser zur Welt, und gibt durch seine Armut, durch seine Demut, durch seine Not mir die erste Lehre, die er einst am Kreuz als die letzte besiegeln wird, mein Herz von dieser Welt zu entfesseln.

 

3. Weisheit Gottes, Gott Emmanuel, Gesetzgeber und Erlöser der Welt, Ersehnter der Nationen, komm und erleuchte die Welt durch dein göttliches Licht. Befreie uns von der dämonischen Nacht der Sünde. Sieh, alle Gerechten erwarten dich, alle Armen im Geist seufzen nach dir, alle Gefangenen harren deiner, und beten zu dir, von ihren Fesseln sie zu erlösen. O komm! Auch meine Seele setzt alle ihre Hoffnung auf deine gnadenreiche Geburt, denn du allein bist ihr Heil. Tilge meine Sünden durch dein Erbarmen. Nimm Besitz von meinem Herzen und herrsche darin in Zeit und Ewigkeit. "Morgen werdet ihr die Herrlichkeit des Herrn schauen." (Exodus 16,7)

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Betrachtung am 25. Dezember - In der heiligen Christnacht

 

Zerknirscht in Andacht und in tiefer Wehmut

Betrachte ich dich, Herr, in diesem Stalle.

Wohin, mein Heiland, führt dich deine Demut,

Uns aufzurichten von des Stolzes Falle.

In welche Not hat Liebe dich getrieben.

Mein Geist vergeht. - Ein Gott nur kann so lieben.

 

1. Komm, nahen wir uns mit Andacht der heiligen Krippe, betrachten wir dies göttliche Kind, das für uns geboren wurde. O wunderbares Knäblein, das du die Seligkeit Gottes und unser Elend in dir vereinst, damit deine gnadenreiche Geburt die Flecken unseres Ursprungs reinige, deine Seligkeit unser Elend löse, dein Tod unseren Tod verschlinge: ich bete dich aus allen Tiefen meines Herzens mit Maria und Joseph, mit allen heiligen Engeln, mit den frommen Hirten und mit allen deinen Auserwählten von Anbeginn bis ans Ende der Zeiten an, und preise mit ihnen den ewigen Vater, dessen unendliche Barmherzigkeit heute dich uns zum Bruder gegeben hat.

 

2. O heilige und wunderbare Kindheit meines Herrn, wie unendlich stärker und weiser ist deine Schwäche und Unmündigkeit, als alle Stärke und Klugheit der Menschen. Ob auch in der demütigen Krippe liegend, wirkst du in Gottes Kraft und Weisheit. Deine Schwäche besiegt der Fürsten dieser Welt, sie bindet diesen stark Bewaffneten, sie löst und befreit unsere Gefangenschaft. Deine heilige Armut bereichert uns mit allen Gütern des Himmels. Deine Geburt in der menschlichen Natur bringt die wahre Unschuld uns zurück, durch die jedes Alter in eine selige Kindheit zurückzukehren, und dir, nicht zwar an Kleinheit der Glieder, sondern an Demut des Sinnes und Unschuld der Sitten, ähnlich zu werden vermag.

 

3. O göttliches Geheimnis, heilig und schrecklich ist dein Name, ein Quell ewiger Erbarmungen und ein Abgrund der Gerichte. Du bist die Erlösung der Gläubigen, das Gericht der Gottlosen, der Sturz der Stolzen. In demütiger Liebe zitternd bete ich dich an, und komme mit Vertrauen zum Thron deiner Gnade. Denn nicht Schrecken kamst du einzuflößen, du kamst, Liebe zu erwecken. Du kamst, den Frieden mir zu bringen, und mich, dein verlorenes Schaf, zu suchen und zu deiner himmlischen Herde zu führen. Sei ewig gebenedeit, mein Heiland. Dir will ich leben, dir sterben, dir ewig angehören. "Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt." (Johannes 1,14a)

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Betrachtung am 26. Dezember - Von der glänzenden Heiligkeit

des heiligen Erzmärtyrers Stephanus

 

Wie glänzest hehr du in des Himmels Sitze,

O Stephanus, der glorreich du gestritten

An jener unbesiegten Streiter Spitze,

Die einst für Christi Reich die Marter litten.

Stark bist du durch die Pein hindurch gedrungen,

Und hast zum offnen Himmel dich erschwungen.

 

1. Gleich ihrem göttlichen Stifter wurde seine heilige Kirche schon in ihrem ersten Entstehen zu einem Zeichen des Widerspruchs aufgestellt. Die ergrimmte Synagoge wütete gegen sie, und gierte, sie im Keim zu ersticken. Aber die allmächtige Kraft Christi siegte glorreich in seinen Bekennern. Vom Feuer des lebendigsten Glaubens durchdrungen, und durch die ihm innenwohnende Gnade des Heiligen Geistes gleich einem Engel Gottes leuchtend, beschämte Stephanus durch die Kraft seiner siegreichen Rede den ganzen Hohen Rat der gottesmörderischen Juden, ohne vor dem gewissesten Tod zu erschrecken. Wie verteidigst du den Glauben Jesu Christi gegen seine Feinde? Zitterst du aber vor ihrem Unwillen: was würde erst geschehen, wenn du vor Tyrannen stündest?

 

2. Großmütig besiegelte der von heiligem Eifer glühende Bekenner durch seinen Tod die heilige Lehre. Niemand vor ihm hatte die Marter erlitten. Er hatte kein Beispiel vor sich, das ihn ermutigte. Vielmehr ermutigte er selbst durch die Kraft und das Licht seiner Liebe die Jünger Jesu, nach seinem Beispiel ihr Blut für ihn zu vergießen. Er wusste, wem er geglaubt hatte, "er sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen", und sehnte sich in seliger Freude durch die Pforte der Marter in diese Herrlichkeit einzugehen. O wären wir von diesem Glauben, von dieser Liebe durchdrungen: wie leicht, wie lieblich würden alle Trübsale uns werden.

 

3. Wunderbar auch leuchtete die Feindesliebe in diesem glorreichen Erzmärtyrer. Weit schmerzlicher, als sein Tod, fiel ihm der verbrecherische Unglaube seiner grausamen Feinde. Mitten unter einem Hagel von Steinen, womit sie ihn zu Tode warfen, betete er für sie zum Herrn, und die Bekehrung des Saulus war eine Frucht seines Gebetes. Wie schwer verdammt diese hochsinnige Liebe die kleinliche Feigheit unseres Herzens, die wir uns so große Gewalt antun müssen, eine geringe Beleidigung zu verzeihen. O Herr Jesus, nimm diesen so lieblosen, so unversöhnlichen Sinn von uns, und gib uns den Geist, der deine Heiligen beseelte. Matthäus 5,44b-45a: "Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet."

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Betrachtung am 27. Dezember - Erscheinung des Engels bei den Hirten

 

Hört den Engel auf der Heide,

Wie er zu den Hirten spricht:

Öffnet euer Herz der Freude,

Denn vom Himmel kam das Licht.

Nicht mehr sind wir nun verloren,

Denn der Heiland ward geboren.

 

1. Betrachte die schlichten Hirten, die über ihre Herde wachen, und mitten in der Nacht plötzlich einen Engel in himmlischer Klarheit vor sich sehen. Angst und Schrecken überfällt sie bei diesem Anblick. Aber da heute, durch den göttlichen Mittler, die Engel mit den Menschen verschwistert werden, tröstet er sie alsbald liebevoll und spricht: "Fürchtet euch nicht, denn ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird." Wie wunderbar sind Gottes Ratschlüsse! Keinem Großen, keinem Reichen, keinem Gelehrten dieser Welt: armen, einfachen, ungebildeten Hirten offenbart er die erhabensten Geheimnisse. Er verachtet die Stolzen und erwählt die Demütigen. Sei also demütig und der Herr wird seinen Auserwählten dich beizählen.

 

2. Die Freude, die der Engel Gottes verkündigt, ist die Geburt unseres göttlichen Erlösers. Was auch kann den Gefangenen lieblicher erfreuen, als dass ein Erlöser ihn befreien, was den unheilbar Kranken, als dass ein allmächtiger Arzt ihn heilen, was den zum Tod verurteilten Verbrecher, als dass das Leben ihm geschenkt wird. Sei gebenedeit, geliebter göttlicher Erlöser, der du kamst, uns zu befreien, zu heilen, und von der ewigen Verdammnis zu erretten. Es ist aber diese Erscheinung nicht ohne Geheimnis, denn diese Hirten stellen die Hirten der Kirche vor, die die Herde Jesu Christi weiden, und denen Gott zuerst die Geheimnisse des Heils offenbart, damit sie ihre Schafe darüber belehren.

 

3. So erfreue dich denn mit diesen frommen Hirten, denn auch dir wurde dieser Erlöser geboren. Denn wurde er auch nur einmal aus der Jungfrau geboren, so wird er doch täglich unsichtbar durch die Gnade in den Herzen geboren, zumal in dieser heiligen Zeit, und bringt darin die nämlichen Wirkungen hervor, wie bei seiner ersten gnadenreichen Geburt, da er von der Tyrannei der Sünde uns erlöst, das Leben der Gnade uns mitteilt, und uns himmlische Freude und Frieden verleiht. Titus 2,11-12: "Denn die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten. Sie erzieht uns dazu, uns von der Gottlosigkeit und den irdischen Begierden loszusagen und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt zu leben."

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Betrachtung am 28. Dezember - Die Armut Jesu unser Reichtum

 

Arm sind wir, Herr, ein Hauch ist unser Leben, 

Von wahren Gütern sind wir ewig weit.

Da wirst du arm, Herr, alles uns zu geben:

Dein Reich, dich selbst und deine Herrlichkeit.

 

1. "Christus", spricht der Apostel, ist arm geworden, damit wir reich würden." Unendlich reich war er im Schoß seines ewigen Vaters, aber seine unbeschreibliche Liebe zu uns bewog ihn, arm zu werden, uns zu bereichern. Nur er konnte durch seine Armut uns bereichern, so wie auch nur er durch seinen Tod uns beleben und durch seine Erniedrigungen erheben konnte. Durch seine Armut entriss er unserem Herzen die Liebe zu vergänglichen Dingen dieser Erde, befreite uns von der Unruhe, die diese Liebe nach sich zieht, heilte uns von der Hoffart, die von dieser Liebe unzertrennlich ist, und wandelte sie in eine Liebe der unsterblichen, unwandelbaren Güter der Ewigkeit um.

 

2. Wäre Jesus im Glanz irdischen Reichtums zur Welt gekommen, er hätte dieses Wunder nimmermehr bewirkt. Wir wären, gleich den Heiden, Sklaven unserer Gier geblieben, Irdisches zu suchen und zu sammeln. Bei unserem Tod aber, nach dem Ausdruck der Schrift, trotz unserer Schätze, mit leeren Händen fortgewandert. Sein Beispiel aber zeigte uns, dass diese Gier die Seele erniedrigt und in Güter einengt, die ihrer unwürdig sind. Und Jesus lehrte uns, dass Reichtümer Dornen sind, die durch ihre Sorgen das Herz zerreißen. Er verdrängte den Stolz, wodurch der Reiche den Armen verachtet, und erhob unsere Seelen zum himmlischen Vaterland, wo unser wahrhafter Schatz besteht.

 

3. Wie fruchtbar, Herr, wie glorreich ist deine Armut. Der selige Frieden, den sie verleiht, ist jener hundertfältige Ersatz, den du denjenigen verheißt, die um deinetwillen alles verlassen. Denn der himmlische Trost, den du in ein Herz ergießt, das leer an allen Begierden nach vergänglichem Reichtum ist, wiegt alles Gold und alle Schätze dieser Welt hundertmal auf. Fern von aller Angst und Unruhe ist bei seinem Ende das Herz desjenigen, der um deinetwillen arm wurde. Indes oft der Reiche, der im Palast und auf dem Purpur stirbt, wahrhaft arm und elend ist, da er alles in der Zeit verliert, und nichts in die Ewigkeit mitbringt. Also geht der Ausspruch deiner heiligsten Mutter in Erfüllung: "Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen." (Lukas 1,53)

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Betrachtung am 29. Dezember - Der Lobgesang der Engel

 

Ihr Engel, welche Gott so hoch erhoben,

O lehret uns, mit euch ihn würdig loben.

Durch euer Flehen werde uns der Frieden

Huldreich beschieden.

 

1. Betrachte die Menge der himmlischen Heerscharen, die mit dem ersten Engel sich vereinigen und den Lobgesang des Allerhöchsten mit den Worten anstimmen: "Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade." (Lukas 2,14) Dies fürwahr sind die Früchte dieses gnadenreichen Festes: Gottes Ehre zu fördern, und Frieden den Menschen zu geben. Nicht allen jedoch, sondern nur jenen, die guten Willens sind, deren Wille nämlich mit dem Willen Gottes übereinstimmt. Stören wir die Ordnung dieses himmlischen Gesetzes nicht. Gott behält sich die Ehre vor, und gibt dir den Frieden. Entziehst du ihm aber die Ehre, dann nimmt er den Frieden dir hinweg.

 

2. Wohnt der Friede Gottes in deinem Herzen? Woher aber dein Unfriede, deine Angst? Gewiss daher, weil du Gott die Ehre entzogen, seine Gebote übertreten und die Hand nach der verbotenen Frucht ausgestreckt hast. Denn dies ist der Quell alles Unfriedens. Niemand, der Gott die Ehre raubt, wird seines Friedens genießen. Frieden wirst du nur in dem Maße haben, als du seine Ehre suchst. Suchst du deine eigene Ehre, dann wirst du weder Ehre noch Frieden finden. Stimme in den Lobgesang der heiligen Engel ein, und lobe und verherrliche Gott mit ihnen bis an den letzten Hauch deines Lebens, damit du würdig wirst, ihn ewig zu loben.

 

3. Heilig ist die Beschäftigung, unseren Gott zu loben und zu verherrlichen. Dies auch ist das Ziel unseres Daseins. Und wie mächtig auch fordern seine unendliche Güte, seine unendliche Liebe und Barmherzigkeit, seine zahllosen Wohltaten uns dazu auf. Er kam vom Himmel und nahm das Gewand unserer Sterblichkeit, nicht furchtbar, sondern liebevoll uns zu erscheinen. "Er liebte uns zuerst, die wir noch Feinde waren", und er, der uns vernichten konnte, bietet uns seinen Frieden an. So lieben wir denn eine so unermessliche Liebe, preisen wir eine so unendliche Güte, und danken wir einer Barmherzigkeit, die alles Maß übersteigt. Psalm 34,2: "Ich will den Herrn allezeit preisen; immer sei sein Lob in meinem Mund."

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Betrachtung am 30. Dezember - Die Anbetung der Hirten

 

Wo geht ihr, fromme Hirten, hin

Mit eilig schnellem Schritt?

- Nach Bethlehem zielt unser Sinn. -

O nehmet mich doch mit.

Anbeten will mit euch ich dort

Des Vaters eingebornes Wort.

 

1. Machen wir uns auf und gehen wir mit den frommen Hirten zur Krippe unseres Herrn. Sieh, der Engel schildert ihn genau. Armut, Demut, Sanftmut und Geduld sind die Merkmale, woran wir ihn erkennen werden, der da kam, diese himmlischen Tugenden uns üben zu lehren. O Erlöser meiner Seele, mit den hochbegnadeten Hirten sinke ich zu deinen Füßen, und bete dich als meinen Gott und Heiland an. Nicht vor Angst erbebend, sondern mit großem Vertrauen komme ich zu dir, denn was kann ich von einem liebreichen Kindlein fürchten, das über mein Elend gerührt ist, Tränen darüber vergießt, und kommt, mich davon zu erlösen.

 

2. Von seliger Freude, Liebe und Hoffnung ist mein Herz bei deinem Anblick durchdrungen. Denn nun verzweifle ich nicht mehr wegen meiner zahllosen Sünden. Ich hörte die Stimme des heiligen Engels, dass ein Erlöser mir geboren wurde. O Emmanuel, Weisheit Gottes, Heiland und Gesetzgeber der Welt, nach dir sehnten sich die verflossenen Jahrhunderte, zu dir blickt im Geist die fernste Zukunft, dich lieben alle heiligen Seelen. Deine Tränen sind Tränen der Barmherzigkeit, deine Krippe ist die Lehrkanzel der Weisheit, durch deine Armut wird die Welt bereichert, und dein göttliches Herz ist der Wohnsitz ewiger Liebe und wird einst als der Quell ewiger Erlösung für mich geöffnet werden.

 

3. Gebenedeit sei der keuscheste Leib, der dich getragen hat. O glorreiche und allerseligste Jungfrau, wahre Mutter Gottes, gepriesen seist du von allen Geschlechtern, die du uns allen den Erlöser geboren hast. In Andacht verehren wir dich als unsere wahre Mutter, da du Jesus in unserer Natur als unseren erstgeborenen Bruder uns geboren hast, und dadurch uns alle vom Tod zum Leben erweckt hast. Gestatte nicht, dass ich ewig verloren gehe, für den dein göttlicher Sohn geboren wurde, sondern erbitte mir seine wirksame Gnade, damit ich durch ihn zum ewigen Leben gelange. "Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes." (Lukas 1,42)

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Betrachtung am 31. Dezember - Am letzten Tag des Jahres

 

Wie schwand das Jahr dahin in Blitzeseile.

Wo ist die Frucht, die du gesammelt hast?

Vermehrtest du nicht deiner Schulden Last?

Kein Jahr vielleicht kommt mehr zu deinem Heil.

 

1. Durch deine Barmherzigkeit, o Gott, mein gütiger Schöpfer, gelangte ich bis zu diesem letzten Tag des scheidenden Jahres. Preis sei deiner unendlichen Güte, die das Leben bis auf diese Stunde mir gefristet, und jeden Tag dieses Jahres durch neue Wohltaten gesegnet hat. Wie, o lieber himmlischer Vater, soll ich alle diese Gnaden dir vergelten. Wie viele Gefahren hast du gnädig von mir abgewendet. Wie oft bist du in meinen Nöten mir zu Hilfe gekommen. Wie väterlich hast du für mich gesorgt. Wie oft meine Sünden und Fehler mir liebevoll verziehen. Wie oft mein Herz durch deine heiligen Einsprechungen erleuchtet und zum Guten angezogen. O sei gepriesen, ewige Barmherzigkeit. Es danke dir an meiner Statt dein eingeborener Sohn und der ganze himmlische Hof, da ich nicht vermag, auch nur für eine Wohltat dir würdig zu danken. 

 

2. Verzeihe mir auch, o ewige Güte, allen Undank, alle Sünden, wodurch ich im Verlauf dieses Jahres deine göttliche Majestät beleidigte, und meine große Lauigkeit in deinem heiligen Dienst. Denn in Zerknirschung meines Herzens bekenne und bereue ich in deiner göttlichen Gegenwart, dass ich deiner selten gedachte, dass ich deine heiligen Gebote öfters übertrat, von meinen ungeordneten Begierden mich hinreißen ließ, hart und lieblos gegen meinen Nächsten war, und durch viele Gedanken, Worte und Werke mich versündigte. Geh nicht ins Gericht mit deinem Knecht, sondern erbarme dich meiner nach der Fülle deiner ewigen Erbarmungen.

 

3. Wie schnell, Herr, ging auch dieses Jahr vorüber. Ach, schon naht der Tod. Nicht mehr lange, und ich werde vor deinem heiligen Richterstuhl erscheinen. Vielleicht erlebe ich das Ende des beginnenden Jahres nicht. Denn wie viele, die das Ende des gegenwärtigen zu erleben hofften, sahen es nicht mehr. Darum, mein Gott, will ich das kommende Jahr als das letzte meines Lebens betrachten, und mit deiner Gnade mich jeden Tag bereit halten, auf deinen Ruf zu erscheinen. Segne, Herr, meine Vorsätze, dass ich sie zu deiner Ehre und zu meinem Heil vollbringe. Ijob 16,22: "Denn nur noch wenige Jahre werden kommen, dann muss ich den Pfad beschreiten, auf dem man nicht wiederkehrt."

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