Betrachtungen von Juli bis September

 

Betrachtung am 1. Juli - Von den Gefahren im Umgang

 

Sei, Herr, mein Licht, dass ich das Böse meide,

Und wahre meine Füße vor den Schlingen,

Die selbst dem Tapfersten Verderben bringen:

Dass Schuld mich nicht von der Liebe scheide.

 

1. Das menschliche Herz hängt keinem Geschöpf längere Zeit hindurch an, ohne von seinem Schöpfer sich zu lösen. Gleich dem Magnet, der zwischen zwei Eisen schwebt, schwankt es anfangs zwischen Gott und dem Geschöpf, und je näher es dem einen kommt, umso weiter entfernt es sich vom andern. Die Liebe zweier Personen von verschiedenem Geschlecht, die beide reinen Herzens sind, wird zwar anfangs in den gehörigen Schranken sich behalten, allmählich jedoch wird sie natürlich, hierauf leidenschaftlich, dann fleischlich, und zuletzt unzüchtig. Dies widerfuhr nicht wenigen frommen, ja sogar heiligen Personen, weil sie die Leidenschaft nicht im ersten Augenblick erstickten. Und du baust vermessen auf deine Stärke, und sagst, dein Umgang bringe dir keine Gefahr.

 

2. Ist das Herz einmal durch die Gegenwart eines geliebten Gegenstandes empfindsam, dann bedarf es nur eines Funkens, eine verheerende Feuersbrunst zu erwecken. Eine brennende Fackel genügte, den Tempel zu Jerusalem in Brand zu stecken, und diesen Bau, der der Ewigkeit zu trotzen schien, in Asche zu legen. Weder die Einwohner der Stadt noch das römische Heer vermochten es, den Brand zu löschen. Also wirkt ein Funke, den die Leidenschaft im Herzen entzündet. Ungeachtet aller Bemühungen und Hilfe wird der Tempel des Heiligen Geistes dadurch in Brand gesteckt und entheiligt. Es gehört fürwahr großer Hass seiner Seele dazu, sie einer solchen Gefahr auszusetzen. 

 

3. Du sagst, die Person, die du siehst, sei züchtig. Wäre dies auch. Wird sie es aber immer sein? Ja bist du es selbst? Und wie kannst du für deine Tugend in Gelegenheiten bürgen, wo sogar die größten Heiligen zittern würden? Schon achtest du Gefälligkeiten, Schmeicheleien und vorwitzige Blicke als Nichts. Ist einmal diese Laufbahn geöffnet, dann ist die Entfernung bis zum Abgrund nicht weit. Der Abhang ist steil, der Weg schlüpfrig. Und hat der Lauf begonnen, so ist es kaum mehr möglich, ihn aufzuhalten. Und so wird zuletzt, wie der Apostel spricht, was im Geist begann, im Fleisch vollendet. Sprichwörter 14,16: "Der Weise hat Scheu und meidet das Böse, der Tor lässt sich gehen und ist vermessen."

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Betrachtung am 2. Juli - Am Fest Mariä Heimsuchung

 

Maria tritt in Zacharias Haus;

Und kaum betritt ihr heil`ger Fuß die Schwelle,

Da strahlt in ihrem Schoß des Lichtes Quelle

Die höchsten Wunder ihrer Gnaden aus.

Wie selig ist das Haus, das sie besucht.

Denn liebreich bringt sie ihm des Heiles Frucht.

 

1. Betrachte den Eintritt der seligsten Jungfrau in das Haus des Priesters Zacharias. Kaum betritt sie die Schwelle, so wird Elisabeth von plötzlichem Licht erleuchtet, erkennt in ihrer heiligen Nichte die Mutter des göttlichen Messias, erstaunt, selbst demütig, über die demütige Herablassung Mariä, und bricht in ihr höchstes Lob aus. Die demütige Magd des Herrn aber stimmt in heiliger Begeisterung einen erhabenen Lobgesang an, und führt alles Lob, das ihr gegeben wird, auf den Allerhöchsten zurück. Was für ein heiliger Besuch! Wie glückselig die Seelen, deren Leben bereits wie im Himmel ist, die nur sprechen, um Gott zu loben, für sein Erbarmen ihn zu preisen, und den Nächsten zu erfreuen und zu trösten.

 

2. Betrachte auch die Wunder bei diesem heiligen Besuch. Nicht nur wird die heilige Muhme der Jungfrau vom Heiligen Geist erleuchtet, in dessen Licht sie die Erhabenheit Mariä und die göttliche Würde der Frucht ihres gebenedeiten Leibes erkennt, sondern geheiligt wird auch im Mutterleib Johannes, der Vorläufer des Herrn, durch ihre hochheilige Gegenwart. Der stumme Priester Zacharias aber spricht plötzlich mit prophetischer Zunge und verkündet die Menschwerdung des göttlichen Wortes. Wie viele Wunder wirkt Jesus, wenn er unter das Dach heiliger Seelen eingeht. Wie große Gnaden verleiht er durch die Vermittlung seiner heiligsten Mutter.

 

3. Diese heilige Heimsuchung sei unser Vorbild bei unseren Besuchen. Verbannen wir aus unseren Gesprächen alle Eitelkeit, allen Vorwitz, alle Verleumdung, und erbauen wir einander durch heilige Gespräche. Es ist einem Christen so natürlich, von Gott und himmlischen Dingen zu sprechen, als einem Krieger vom Schlachtfeld und von Siegen. Wann aber sprichst du von Gott und seiner heiligen Vorsehung? Du schämst dich, ein erbauliches Thema zur Sprache zu bringen, weil du fürchtest, dadurch lächerlich zu werden, und schämst dich nicht, dich selbst zu loben, anderen übel nachzureden, und viele sündhafte und unnütze Worte zu sprechen, über die du am Gerichtstag Rechenschaft geben musst. 1. Petrus 4,11a: "Wer redet, der rede mit den Worten, die Gott ihm gibt."

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Betrachtung am 3. Juli - Heillose Wirkungen böser Gespräche

 

Worte, Worte, ihr verwundet,

Wie ein scharf gespitzter Speer,

Manche Seele, ach, so schwer,

Dass sie nimmermehr gesundet.

Sieh, schon schrieb zu ew`gem Fluch

Euch der Richter in sein Buch.

 

1. Erwäge die Warnung des großen Apostels: " Lasst euch nicht irreführen! Böse Gespräche verderben gute Sitten." (1. Korinther 15,33) Wahrlich, aus den Unterredungen der Weltkinder bricht das Sittenverderbnis wie aus ebenso vielen Quellen hervor, und überschwemmt die ganze Christenheit. Durch solche Gespräche wird das Herz der Jugend vergiftet, das Laster ermutigt, die Gottesfurcht genötigt, zu erröten, sich zu verbergen, und im Stillen über die Blindheit der Menschen zu seufzen. Wie viele junge Herzen wurden durch Zweideutigkeiten, durch schlüpfrige Worte um ihre Unschuld gebracht, und überließen sich sinnlichen Gedanken und Begierden, bis sie am Ende schändlichen Ausschweifungen sich überließen. "Wehe der Welt wegen der Ärgernisse!"

 

2. Nichts Seltenes ist es, dass ergraute Lasterknechte von Ansehen und äußerlicher Bildung, dass weltliche Frauen, die den Ton angeben, alles religiöse Gefühl von schüchternen Seelen hinwegspotten, den Schleier der abscheulichsten Missetaten lüften, und die noch unverdorbene Jugend unter Witz und Gelächter mit Lastern bekannt machen, die, wie der Apostel spricht, unter Christen nicht einmal sollen genannt werden. Und wie furchtbar wirkt das Beispiel solcher Personen, die als angesehen und gebildet geehrt werden. Weniger gefährlich fürwahr wäre eine Gesellschaft von Teufeln, wenigstens würde man ihre Reden und Beispiele verabscheuen, da man hingegen großes Gewicht auf die Aussprüche solcher Verworfenen legt.

 

3. "Lasst euch nicht verführen!" Nicht immer ist es ratsam, solchen Lehrern der Missetat das heilige Gesetz entgegen zu halten. Denn es warnt uns unser himmlischer Lehrer: "Gebt das Heilige nicht den Hunden und werft eure Perlen nicht den Schweinen vor, denn sie könnten sie mit ihren Füßen zertreten und sich umwenden und euch zerreißen!" (Matthäus 7,6) Aber meiden wir auf alle Weise solche Gesellschaften, aus denen selbst ein Heiliger weniger heilig zurückkehrte. Verstand und Herz werden daselbst mit dem Gift der Ansteckung behaftet, und die unschuldigsten Seelen werden bald mit dem Laster vertraut. Schon der Hauch solcher Menschen ist vergiftet. "Höre, Gott, mein lautes Klagen, schütze mein Leben vor dem Schrecken des Feindes! Verbirg mich vor der Schar der Bösen, vor dem Toben derer, die Unrecht tun! Sie schärfen ihre Zunge wie ein Schwert, schießen giftige Worte wie Pfeile, um einen Untadeligen von ihrem Versteck aus zu treffen. Sie schießen auf ihn, plötzlich und ohne Scheu. Sie sind fest entschlossen zum Bösen. Sie reden davon, Fallen zu stellen, sie sagten: Wer kann uns sehen?" (Psalm 64,2-6)

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Betrachtung am 4. Juli - Von der Barmherzigkeit Jesu gegenüber Sündern

 

Wie groß ist des Erlösers süße Huld.

Er sucht die Sünder freundlich anzuziehen,

Und schenket allen Reuigen die Schuld.

Warum denn wollt, vor Angst, ihr Sünder fliehen?

 

1. Fliehe nicht wie Kain vor dem Angesicht deines Gottes, wenn es dir widerfuhr, in eine Sünde zu fallen. Denn immer pflegt der unsichtbare Versucher den Menschen nach dem Fall sich Gott als einen zornigen Rächer vorzustellen. Und gelingt es ihm auch nicht immer, den Gefallenen zur Verzweiflung zu bringen, so verliert doch meist, wer diese arglistige Schlange anhört, das Vertrauen und wird kaltsinnig, wodurch die freundliche Güte Gottes mehr noch als durch die Sünde selbst beleidigt wird, weil dies Misstrauen ihn verhindert, seine großmütige Barmherzigkeit zu üben, die er reuigen Sündern mit zuvorkommender Liebe erzeigt.

 

2. Hat hingegen Gottes Güte von schweren Fällen dich behütet, dann preise seine Barmherzigkeit. Bewahre dich in demütiger Furcht und hüte dich vor pharisäischem Stolz, der die Sünder verachtet. Die von ihrer vermeintlichen Gerechtigkeit eingenommenen Schriftgelehrten und Pharisäer verachteten die Sünder, ja sogar den Herrn selbst, weil er mit ihnen umging. Scharf sahen sie die Splitter in den Augen ihres Nächsten, und nahmen den Balken der Überheblichkeit, des Geizes, der Heuchelei und Unbarmherzigkeit in ihren eigenen Augen nicht wahr. Darum auch blieben sie, indes die freundliche Güte Jesu diese Sünder anzog und zur Bekehrung führte, in ihrer Verstocktheit, und wurden von Gott verworfen. 

 

3. Der Herr selbst versichert uns, es sei mehr Freude im Himmel über einen Sünder, der da Buße tut, als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen, und zeigt auch in rührenden Parabeln die Ursache dafür: Weil nämlich ein verlorenes, und nach mühsamen Suchen wiedergefundenes Kleinod größere Freude gewährt, als viele, die man in Sicherheit besaß. Welchem Sünder muss diese liebevolle Güte Gottes nicht das größte Vertrauen schenken. Weit mehr wurden Gott und seine Engel über die Buße eines David, einer Magdalena, eines Augustinus und zahlloser anderer Büßer erfreut, als über ihre frühere Gerechtigkeit. Vermehren auch wir die Anzahl dieser heiligen Büßer. Tobit 13,6b: "Kehrt um, ihr Sünder, und übt Gerechtigkeit vor ihm, unserm Herrn! Wer weiß, ob er euch nicht wieder wohlwill und euch Barmherzigkeit erweist!"

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Betrachtung am 5. Juli - Jesus der wahre Weinstock

 

O lass mich, Jesus, niemals von dir trennen.

Es einige die Liebe mich mit dir.

Denn eine Rebe bin ich, zu verbrennen,

Wirkt deine milde Gnade nicht in mir.

 

1. Gleichwie die Reben den Weinstocks benötigen, um Frucht zu bringen, so benötigen wir unseren göttlichen Heiland, um verdienstliche Werke für den Himmel zu wirken. Wie viele Reben immer von dem Weinstock abgeschnitten werden, verbleibt er dennoch in voller Kraft, und kann ohne Unterlass neue hervorbringen. Die Rebe aber, die einmal abgeschnitten ist, empfängt keine Kraft mehr von ihm. Sie verdorrt, und taugt nur zum Verbrennen. Also braucht Jesus dich nicht, "denn was nützt es Gott, wenn du gerecht bist?" (Ijob) Aber dir selbst bringt es unendlichen Gewinn für Zeit und Ewigkeit, mit ihm vereint zu sein. Und unaufhörlich sollst du ihn um diese Gnade bitten. 

 

2. Nur die lebendige Rebe empfängt den Einfluss und die Säfte des Weinstocks, denn die Reben, die zwar noch an dem Weinstock hängen, aber bereits verwelkt, vertrocknet und gleichsam tot sind, ziehen keine Säfte an sich, und bringen keine Frucht. Also empfangen auch nur Seelen, die durch die Gnade und Liebe mit Jesus vereint sind, die Kraft, Werke der Gerechtigkeit für das ewige Leben zu wirken. Sünder, die nur durch den Glauben, aber nicht durch die Liebe mit ihm vereint sind, können keine Triebkraft von ihm empfangen, weil sie erstorben sind. Wie unglückselig ist dieser Stand, und um wie viele und große Gnaden bringt er uns.

 

3. Gleichwie das Weinen der Reben aus der Fülle des Weinstocks kommt, so kommt, wenn wir unsere Sünden bereuen und beweinen, diese Gnade uns unbezweifelt nur von unserem göttlichen Weinstock, der durch seinen zuvorkommenden Einfluss uns erweckt, um abermals mit sich zu vereinigen. Denn "ohne mich" - spricht er - "könnt ihr nichts tun." Seine Kraft wirkt in den Reben. Er verleiht uns nicht bloß die Gnade, verdienstliche Werke zu wirken, sondern auch das Wirken selbst. Denn so groß ist seine Liebe zu den geistigen Reben, die mit ihm vereint sind, dass seine Gaben unsere Verdienste, und eben darum des Himmels würdig werden. "Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr keine Frucht bringen, wenn ihr nicht in mir bleibt." (Johannes 15,4)

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Betrachtung am 6. Juli - Ermunterung verzagter Seelen

 

Was zagest du? - o waffne dich zum Streit,

Und harre aus in edlem Kampfesspiele.

Nicht lange, und zu Ende ist die Zeit.

Die reichste Krone winket dir am Ziele.

 

1. Lass beim Anblick frommer und heiliger Menschen den Mut nicht sinken, dass du noch so unvollkommen und so schwach bist, sondern demütige dich friedlich vor Gott, danke ihm für die Gnade, die er seinen heiligen Dienern verleiht, und erfreue dich, dass wenigstens sie dem Herrn vollkommen dienen. Hast anders du selbst den aufrichtigen Willen, des Guten so viel wie möglich zu tun, so wird Gott, auch wenn du es nicht vermagst, deinen Vorsatz auszuführen, deinen Willen für das Werk annehmen. Aber täusche dich nicht, denn ergibt sich die Gelegenheit, das Gute zu tun, und du tust es nicht, so hattest du auch früher den ernsten Willen nicht dazu.

 

2. Verzage auch nicht, wenn Gott es zulässt, dass du deine bösen Neigungen und die ungezähmten Regungen und Begierden seines Herzens nur schwer unterwirfst, und dass diese häuslichen Feinde dich fortwährend bedrängen, sondern rufe den Beistand Gottes an, und kämpfe tapfer und mit Vertrauen. Die Neigung zu Unwillen und Zorn, die Versuchungen des Fleisches und sündhaften Anfälle rauben uns, wenn wir ihnen eifrig widerstehen, weder die Gnade noch die Tugend. Vielmehr reinigen sie uns wirksam von Untugenden, vergrößern unser Verdienst, und bereiten uns im Himmel eine glorreichere Krone. O könntest du die himmlischen Belohnungen sehen, die diese Kämpfe dir erwirken, gern würdest du sie bis zum Jüngsten Tag erdulden.

 

3. Wer selten im Innern aufgeregt wird, den kostet es keine sonderliche Überwindung, sanft und freundlich zu sein. Und wer nur selten von den Antrieben der sinnlichen Begierlichkeit angefochten wird, der kauft die Tugend der Keuschheit um leichten Preis. Gott aber hat Wohlgefallen an den Siegen seiner tapferen Streiter. Und vor ihm hat die demütige und tiefe Erkenntnis unserer eigenen Gebrechlichkeit, zu der unsere Versuchungen uns führen, höheren Wert, als Wunderwerke und andere glänzende Taten. Indessen sollen wir nicht ablassen, Gott um seine Gnade zu bitten, die er auch jedem, nach dem Wohlgefallen seiner Weisheit, zu seiner Besserung verleiht. Hebräer 12,12-13: "Darum macht die erschlafften Hände und die wankenden Knie wieder stark, schafft ebene Wege für eure Füße, damit die lahmen Glieder nicht ausgerenkt, sondern vielmehr geheilt werden!"

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Betrachtung am 7. Juli - Von der innerlichen Vereinigung der Seele mit Gott

 

Wie selig ist das reine Herz.

Es schwebt mit lichten Schwingen

Zu seinem Schöpfer himmelwärts,

Sich opfernd darzubringen.

Dort ruht es sanft in Gottes Schoß,

Und teilt der Engel sel`ges Los.

 

1. Je freier du innerlich von Hindernissen vergänglicher Dinge bist, um so leichter und glückseliger wirst du in Gott eingehen und mit ihm dich vereinigen können. So lange du nicht bis da hin gelangst, kannst du die wahre Ruhe nicht finden, denn Gott allein ist das höchste Gut, in dem die Fülle und Vollkommenheit von all dem besteht, was schön und erfreulich ist. Suche also die Vereinigung mit ihm aus ganzem Herzen, und achte alles andere nur in sofern, als es beiträgt und dir hilft, zu dieser so ersehnten Vereinigung zu gelangen, mit der der Himmel schon hier auf der Erde in dieser Pilgerschaft beginnt.

 

2. Dein Herz wurde für Gott erschaffen. Er ist sein Ziel und sein Ruhepunkt. Und immer wird das Herz unstet irren, bis es mit ihm vereinigt ist. Es ist nicht Gottes Schuld, wenn eine Seele, die ihn sucht, nicht zur Vereinigung mit ihm gelangt, denn er selbst, der die Seele liebt, verlangt, so sehr es an ihm liegt, nichts so innig, als seine Liebe ihr mitzuteilen. Aber nur wenige gelangen dahin, weil nur wenige sich selbst so großmütig verleugnen, dass sie bis zur vollkommenen Reinheit des Herzens gelangen, der allein Gottes Anschauung verheißen ist. Denn die Selbstverleugnung fegt das Herz von allem Vergänglichen rein, je nach der Reinheit des Herzens aber geht Gott in es ein. 

 

3. Hoch über allem Ausdruck steht die Wonne des göttlichen Trostes, die Lieblichkeit des heiligen Friedens und die Entzückung der ganzen Seele, die Gott dieser seligen Vereinigung würdigt. Und dauert sie auch nicht lange, da die Gebrechlichkeit dieses sterblichen Körpers und die Bedrängnisse und Pflichten dieses armen Lebens dies nicht gestatten, so wirkt sie doch wunderbar, eine Seele umzuwandeln, alles Irdische und Vorübergehende ihr zu verleiden, ihr ganzes Verlangen zum Himmel zu ziehen, sie über vieles zu belehren, und in der Gnade sie zu befestigen. Dies sei das Ziel deiner Arbeiten, deiner Kämpfe, deiner Andachtsübungen, deines Gebetes. Philipper 4,7: "Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in Christus Jesus bewahren."

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Betrachtung am 8. Juli - Vom Reich Gottes im Inneren

 

Mein Herz, du suchest Gott vergebens,

Gehst, ihn zu suchen, du hinaus;

Er ist in dir, der Quell des Lebens;

Drum suche ihn in deinem Haus.

 

1. Warum suchst du deinen Gott außerhalb von dir? Gleich bist du einem Menschen, der einen Quell lebendigen Wassers in seinem Hause hat, und ausgeht, anderswo vergeblich reines Wasser zu suchen. Oft zwar kannst du durch die Geschöpfe zu einiger Erkenntnis von ihm gelangen, oft aber lenken sie dich auch von ihm ab, und zu sich hin. Was auch können die Geschöpfe anderes dir sagen, außer dass er in deinem Inneren selbst ist? So suche denn nicht in der Ferne, was dir so innig nahe ist, sondern blicke in die Tiefen deines Herzens, und du wirst ihn unfehlbar finden. Trifft dich nicht folglich der Vorwurf Jesu an seine Jünger: "Schon so lange bin ich bei euch und ihr habt mich nicht erkannt?" (Johannes 14,9) 

 

2. Gott wohnt in deinem Inneren wie in seinem Reich durch seine Wesenheit, durch seine Wissenschaft und durch seine Macht. Nicht klagen kannst du also, noch dich entschuldigen, du könntest dich nicht über die Sterne erheben, Gott zu suchen, denn das Reich Gottes ist in deinem Inneren. Er wohnt ganz persönlich in deinem Herzen. Er weiß aufs Genaueste, was darin vorgeht. Er sieht alle Regungen des Herzens sogar von der Ferne. Er ist es, der dich zum Guten erleuchtet, und dich durch seinen Trost erfreut, wenn du seinen Hinweisen gehorchst. Oder er rügt dich durch die Stimme deines Gewissens, wenn du seine heiligen Gebote übertrittst, oder dich seinem Willen widersetzt.

 

3. So ehre denn deinen himmlischen König, und lass ihn nicht einsam wie einen König, der von seinem Reich verlassen ist. Wende dich oftmals an ihn durch innere Ansprache, bete ihn an, bezeige ihm deine Liebe, bitte ihn um Hilfe in deinen Nöten und Schwierigkeiten, bringe ihm Dankopfer dar, und huldige ihm als deinem wahren Herrn. Denn unterlässt du dies und wendest dich von ihm ab, dann bist du gleich einem Erdreich, das keinen Strahl von der Sonne empfängt, und daher nie mehr gute Früchte bringen kann. "Wir sind doch der Tempel des lebendigen Gottes; denn Gott hat gesprochen: Ich will in ihnen wohnen und mit ihnen gehen." (2. Korinther 6,16)

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Betrachtung am 9. Juli - Die Abtötung muss das Gebet begleiten

 

Willst gute Früchte du genießen,

Lass dich die Mühe nicht verdrießen.

Gern gibt der Himmel alles dir,

Doch fordert Arbeit er dafür.

 

1. Es täuscht sich, der da glaubt, die ganze Frömmigkeit bestehe im Gebet. Viele halten sich für sehr fromm, weil sie Geschmack am innerlichen Gebet finden. Von diesem Irrtum sind zumal manche Menschen befangen, die nicht gerne arbeiten, noch mit ihrem Hauswesen sich beschäftigen. Sie bedenken nicht, dass gerade hierin ihre besondere Frömmigkeit bestehen muss, und dass sie dadurch die christliche Abtötung üben. Lieber beten sie, als sie die mühsamen Pflichten ihres Standes erfüllen, und bilden sich Großes auf ihre Frömmigkeit ein, ob sie auch dabei ungeduldig, verleumderisch, eigensinnig, rachsüchtig sind, und ein weichliches Leben lieben. Christliche Seele, gehe hier mit dir selbst ins Gericht, und öffne die Augen über diese schwere Täuschung.

 

2. Die Abtötung ist eine Frucht des innerlichen Gebets. Bringt dein Gebet diese Frucht nicht hervor, so ist es eine müssige und unfruchtbare Beschäftigung. Das Gebet ist die Schule der Wahrheit und der Liebe. Die Wahrheit erleuchtet und führt uns auf den Wegen Gottes. Die Liebe aber spornt uns an, zu tun, was wir als Gott wohlgefällig erkennen, und drängt uns daher, uns selbst zu überwinden, zu verleugnen, unsere Untugenden auszurotten, und der Natur Gewalt anzutun. Dadurch aber wird die Seele immer reiner und geeigneter zur Betrachtung himmlischer Wahrheiten, und empfänglicher für das Feuer der göttlichen Liebe. Also unterstützen das innerliche Gebet und die Abtötung einander gegenseitig, und können auch nicht ohne einander bestehen.

 

3. Die Heiligen, die dem innerlichen Gebet und der Betrachtung ergeben waren, glühten vor feuriger Gottesliebe, weil sie durch die Abtötung alle Leidenschaften ihres Herzens bezähmt und dem Geist unterworfen hatten. Warum wird durch deine Abtötung dein Gebet nicht vollkommener, nicht inniger, nicht feuriger? Weil du bei deiner Abtötung nicht darauf ausgehst, dein Herz von den Geschöpfen, noch von dir selbst zu lösen. Denn besserst du auch hin und wieder einen leichten Fehler, so geschieht dies doch meist, um den Menschen nicht dadurch zu missfallen. Dabei aber schonst du ängstlich deine herrschende Leidenschaft. "Viel Studieren und Betrachten ermüdet den Leib." (Prediger 12,12)

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Betrachtung am 10. Juli - Von der Beschämung der Sünder am Gerichtstag

 

Könnten meine Schuld die Menschen sehen,

Müsste nicht vor Schande ich vergehen?

Doch erst am Gerichtstag: welche Pein,

Aller Augen bloßgestellt zu sein.

 

1. Beschämung ist von der Sünde unzertrennlich. Zwar kannst du ihr in diesem Leben, doch kannst du ihr nicht für immer entgehen, denn erscheinen wirst du vor Gottes Gericht in der ganzen Abscheulichkeit deiner Laster, nicht sie zu tilgen, sondern ihre Schande zu tragen. Dort wird die Unverschämtheit auch dem Verworfensten vergehen. Gott selbst wird den Schleier dir vom Angesicht reißen, mit dem nun dein Stolz und deine Ruhmredigkeit deine Ausschweifungen bedeckt, und in ihrer ganzen Schändlichkeit wird deine Blöße allen sichtbar sein. Ach, so schwer fällt es dir nun, deine Sünden einem Priester heimlich zu bekennen, was aber wird es sein, vor allen Menschen sie zu offenbaren? Nur die Buße kann sie bedecken. 

 

2. Keine Bitterkeit geht über Entehrung und Verachtung. Sie ist die eigentliche Pein des Menschen. Der Tod selbst hat nichts Bitteres. Die öffentliche Entehrung überleben ist die furchtbarste aller Drangsale. Ja viele brachten sich selbst ums Leben, ihr zu entkommen. Was also wird es sein, vor dem ganzen menschlichen Geschlecht in tiefster Schande zu stehen, und dem Abscheu und die Verachtung aller ertragen zu müssen. Würdest du nicht vor Scham in die Erde versinken wollen, wenn jenes schändliche Laster, das du vor dir selbst verbergen möchtest, der ganzen Stadt mit allen hässlichen Umständen bekannt würde? Eben diese Abscheulichkeit aber werden dann alle sehen. Wirst du diesen Anblick ertragen können? So beschäme dich denn jetzt auf heilsame Weise, dass du dann der untilgbaren Beschämung entkommst.

 

3. O trostlose, grässliche Verzweiflung, wie keine auf Erden denkbar ist! Ewig wirst du diese Schmach ertragen, sie wird in die Hölle dir nachfolgen, foltern wird sie dein Bewusstsein ohne Unterlass, bestehen wird sie im Andenken aller Menschen, und keiner Vergessenheit preisgegeben werden in Ewigkeit. Wärst du je noch unschlüssig, diesen Schaudern der Verzweiflung zu entkommen? So bekenne denn nun in Reue und Zerknirschung deine Sünden, dass sie dann nicht zu deiner ewigen Schmach bestehen. Jeremia 3,25: "Übergeben werde ich euch zu ewiger Schande und zu ewiger Schmach, die nimmermehr soll vergessen werden."

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Betrachtung am 11. Juli - Von der Gefälligkeit der Nächstenliebe

 

In Petri Schifflein lehrt der Herr die Scharen;

Dort gibt er kund das himmlische Gesetz.

Durchs Meer der Zeiten wird dies Schifflein fahren,

Und Menschen fischen wird dann Petri Netz.

 

1. Die Beispiele Jesu sind ein Licht des Lebens, in allen Dingen wurde er uns ein Vorbild. Gedrängt vom Volk, das nach dem Brot seiner göttlichen Lehre hungerte, sah er, weil er eben bei dem galiläischen Meer stand, daselbst zwei Schifflein stehen, und bat den Petrus, dem das eine von beiden gehörte, es ein wenig vom Land weg zuführen, weil er das Volk aus ihm lehren wollte. Wie wunderbar ist diese Demut, die Sanftmut Jesu. Er bittet, er befielt nicht, er spricht nicht mit Ansehen. Gott bittet einen Menschen, der allerhöchste Herr einen Knecht. Lernen wir hieraus liebevoll mit denjenigen umgehen, denen wir etwas zu befehlen haben, und ehren wir das Bild Gottes in ihnen.

 

2. Noch kannte Petrus den Herrn nicht als den Sohn Gottes, er konnte diese Bitte ihm versagen. Sagen konnte er ihm, er selbst braucht dieses Schifflein, da er von der Fischerei sich ernährt. Er kann seine Zeit nicht dafür verwenden, eine Predigt anzuhören, indessen aber will er ihm das Boot etwas billiger für kurze Zeit überlassen. Doch kein solches Wort kam aus seinem Mund. Kaum hat der Herr gesprochen, so tritt er ihm das Schifflein ab. Hätte er diese Gefälligkeit der Nächstenliebe aus Eigennutz oder aus Laune unterlassen, schwerlich hätte dann der Herr ihn zum Apostel erwählt. Wie oft hängt unser Heil, unsere Vollkommenheit, ja unser zeitliches Wohl von einer Sache ab, die wir für unbedeutend halten.

 

3. Welcher Mensch hat je im Dienst Gottes Schaden gelitten. Petrus diente dem Herrn mit Aufopferung seines eigenen Nutzens. Sein himmlisches Wort zu hören, unterbrach er seine Arbeit, und achtete als unbedeutend den Vorteil, den das Schifflein ihm bringen konnte, gegen den geistigen Gewinn seiner Seele. Dies aber brachte ihm zweifachen Nutzen, denn der Herr belohnte ihn durch den reichsten Fischzug, und erhob ihn zu einem Menschenfischer, zu einem Apostel seines Reiches. Wundere dich nicht, wenn deine zeitlichen Angelegenheiten keinen Fortschritt machen. Der Grund liegt darin, dass du den zeitlichen Gewinn dem wahren und ewigen Gewinn deiner Seele vorziehst. "Sucht aber zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit; dann wird euch alles andere dazugegeben." (Matthäus 6,33)

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Betrachtung am 12. Juli - Von der Beherzigung des heiligsten Lebens Jesu

 

Ein Spiegel, süßer Jesus, ist dein Leben:

Was du gelehrt, gelitten und getan,

Zielt, uns zu dir durch Liebe zu erheben,

Und zieht uns, Herr, dir nachzufolgen an.

 

1. Ein kurzer Weg zur Vollkommenheit in allen Tugenden ist die häufige Betrachtung jener Dinge, die unser liebevoller Erlöser für uns getan, gesprochen und gelitten hat. Die wiederholte Beherzigung dieser göttlichen Geheimnisse erleuchtet die Seele wundersam, und erfüllt sie mit heiliger Zuversicht und innerlicher Vertraulichkeit mit dem Herrn. Denn Jesus ist das wahre Licht und das Leben der Seele. Sein heiligstes Leben bietet wirksame Mittel gegen alle Lockungen zur Sünde, gegen alle Stürme der Versuchungen, und führt in kurzer Zeit zu einer innigen und tätigen Liebe. Jene kranke Frau wurde gesund, als sie den Saum des Gewandes Jesu andächtig berührte. Dieser Saum ist der Buchstabe des Evangeliums.

 

2. Sehr wohlgefällig ist es unserem Herrn, wenn wir mit den göttlichen Wohltaten uns beschäftigen, die er in seiner heiligsten Menschheit uns erwiesen hat. Und große Gnaden pflegt er den Seelen zu erteilen, die täglich an sie denken. Darum betrachte sein heiliges Leben mit Freude, und habe deine Lust daran. Es sei deine Ruhe bei deiner Arbeit, deine Stärke in Trübsalen, deine Schutzwehr in Anfechtungen, dein Trost bei Beleidigungen. Verschließe es Tag und Nacht als das kostbarste Kleinod in den Schrein deines Herzens, und sieh es oft mit innerlichem Blick an, und du wirst die Mühsale deines irdischen Aufenthaltes erleichtert fühlen, und sie ihm zuliebe willig, oft sogar mit Freuden ertragen.

 

3. Durchlebe aber die heilige Geschichte nicht nur obenhin, sondern dringe vielmehr in sie ein. Geselle dich bald zu den Aposteln, bald zum Volk, gleich als würdest du alles sehen und hören, was geschieht. Halte auch liebevolle Unterhaltungen mit dem Herrn, besonders bei den Gelegenheiten, wo er allein ist, wie in der Wüste, wo er vierzig Tage einsam zubringt, oder beim Brunnen des Jakob, wo er ermüdet sitzt, oder wenn er auf dem Berg im Gebet übernachtet, oder im Ölgarten, und sage ihm, was die Liebe und Andacht deines Herzens dir eingibt. Bist du hierin getreu, so wirst du bald die Wahrheit seines liebevollen Ausspruchs erfahren: "Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken." (Matthäus 11,28)

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Betrachtung am 13. Juli - Vom behutsamen Leben

 

Behüte, Herr, mich vor der Sünde Schlingen,

Die Tod und Untergang der Seele bringen,

Es schütze mich auf meiner Pilgerschaft

Vor Sündenfällen deiner Gnade Kraft.

 

1. In allen Dingen habe deine Gebrechlichkeit vor Augen, und traue dir selbst nie Gutes zu, sondern sei auf deiner Hut, und rufe den Herrn unaufhörlich um seine Gnade an,ohne die es nicht möglich ist, sich lange vor Sünden zu bewahren. So wahr als schön spricht der große Heilige Augustinus: "Was immer für Übel ich nicht beging, verdanke ich, Herr, deiner Gnade!" Es ist fürwahr eine Wohltat der göttlichen Gnade und eine Frucht der Erlösung unseres Herrn, wenn wir nicht in allerlei Sünden fallen, da, wegen ihrer angeborenen Verdorbenheit, der menschlichen Natur überreichlicher Stoff sogar zu den ungeheuersten Lastern innewohnt. 

 

2. So schwach sind wir, dass wir aus eigenen Kräften nicht einen Schritt zu übernatürlich Gutem tun können, zum Bösen aber laufen wir mit Riesenschritten. Überließe uns Gott uns selbst durch Entzug seines Lichtes und seiner Gnade, und gestattete er dem bösen Geist, seine ganze Kraft anzuwenden, uns zu versuchen, so ist kein Laster, in das wir nicht alsbald versinken würden, da schon der verkehrte Hang der Natur an sich genügt, uns zum Fall zu bringen. Denn hat auch der Mensch die Freiheit, zu sündigen oder nicht zu sündigen, so ist doch diese Freiheit meist durch frühere Sünden geschwächt. Und der sich selbst überlassene Mensch missbraucht sie, das Böse zu wählen, das sich unter dem Anschein des Guten ihm darstellt.

 

3. Darum bitte täglich aus vollem Herzen zum Herrn, dass er den verdorbenen Begierden deines Herzens dich nicht überlässt. Und betrachte dich selbst als einen unreinen Pfuhl, der nur so lange die Luft nicht vergiftet, als sein Gewässer nicht bewegt wird. Denn auf ähnliche Weise begehst auch du nur jene Sünden nicht, zu denen die Versuchung oder die Gelegenheit dich nicht heftig drängt. Halte für gewiss, dass du, wofern Gott deinen guten Willen nicht beständig durch seine Gnade kräftigte, schlimmer als der größte Sünder wärst. So dachten alle Heiligen, diese Beherzigung aber erhielt sie in beständiger Demut, und sie soll auch dich darin erhalten. "Verlangen des Bauches und Beischlaf sollen mich nicht ergreifen und einem schamlosen Begehren liefere mich nicht aus!" (Jesus Sirach 23,6)

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Betrachtung am 14. Juli - Von der Verzärtelung des Leibes

 

Hältst du das Fleisch in strenger Zucht, 

Gewinnst die Herrschaft du als Frucht;

Doch lässest du den Zaum ihm frei,

Dann keuchst du unter Tyrannei.

 

1. "Ein Knecht, verwöhnt von Jugend an, wird am Ende widerspenstig." (Sprichwörter 29,21) Dieser Knecht ist unser Leib, den Gott zur Hilfe und zum Dienst unserer Seele uns gegeben hat. Darum müssen wir ihn allerdings nähren, damit er uns dient und unser Heil auf seine Weise fördert. Doch dürfen wir ihm nicht schmeicheln, damit er unseren Befehlen sich nicht trotzig widersetzt. Fühlen muss er, dass wir ihm zu befehlen haben, und dass er nur ein Knecht ist. Klagt er über Hunger, Kälte oder anderes Ungemach, so verweisen wir ihn zur Geduld. Muss ja doch jeder Knecht sich dies gefallen lassen.

 

2. Ein Knecht, der durch ein strenges Leben abgehärtet ist, wird der notwendigen Arbeiten sich nicht verweigern. Verzärtelst du aber deinen Leib, dann wirst du bald erfahren, was die Schrift von diesem Knecht spricht. Er wird widerspenstig sein, und dir ins Angesicht sagen: "Ich will nicht dienen!" (Jeremia 2,20) So lange du seinen Willen ihm tust, wird er dir Großes verheißen. Sagen wird er dir, wenn du ihn gut und reichlich nährst, wird er dir besser dienen, wird ausdauernd arbeiten, wachen, und strenge Bußwerke für dich ertragen. Diese Sprache führte er gegen alle Heiligen. Sie aber, durch Erfahrung belehrt, glaubten ihm nicht, und wiesen ihn in seine Schranken.

 

3. Diese Gefahr ist besonders, wie die Schrift bezeugt, in der Jugend sehr groß. Geringer ist sie in alten Tagen, wo der Leib bereits matt geworden ist, und eine etwas bessere Pflege erhalten kann, ohne dass eben ein großes Übel daraus erfolgt. So pflegt auch ein weiser Herr einen Knecht zu halten, der in seinem Dienst ergraut. Indessen besteht zwischen Knechten und dem Leib immerhin dieser Unterschied, dass wir gegen die Knechte keine so ungeordnete Liebe tragen, als gegenüber unserem Leib. Darum befiehlt auch die Klugheit, dass wir zu unseren Knechten mehr mitleidig als streng, gegen unseren Leib aber mehr streng als mitleidig sind. "Vielmehr züchtige und unterwerfe ich meinen Leib, damit ich nicht anderen verkünde und selbst verworfen werde." (1. Korinther 9,27)

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Betrachtung am 15. Juli - Wir alle sind zur Vollkommenheit berufen

 

Wo dich, o Mensch, in dieser Welt

Des Schöpfers Weisheit hingestellt,

Da ist für dich der beste Teil;

Und dort nur blüht dir wahres Heil.

 

1. Es gibt keinen Beruf, zu dem Gott uns bestimmt, der nicht heilig, - keinen Stand, der nicht geeignet wäre, uns zu heiligen, wiewohl nicht alle zur hohen Stufe der Heiligkeit berufen sind. Denn im Haus des himmlischen Vaters sind viele Wohnungen. Nicht jeder ist zum Apostel berufen, spricht der heilige Paulus. Manche dienen Gott im heiligen Ordensstand. Andere weihen sich aus religiösem Antrieb der Verkündigung des Evangeliums, der christlichen Erziehung der Jugend, der Krankenpflege. Andere, und zwar bei weitem die meisten, sind berufen, die Last und Hitze des bürgerlichen Lebens zu tragen, und nicht weniger notwendig, verdienstlich und heilig ist auch dieser Beruf.

 

2. Darum bleibe in dem Stand, in den Gottes Vorsehung dich berufen hat, und sei bedacht, darin nach der christlichen Vollkommenheit zu streben, denn es ist eine gefährliche Versuchung, seinen Beruf unter dem Vorwand zu verlassen, dass man in einem anderen Gott besser dienen kann. Bist du also bestimmt, in der Entfernung von der Welt zu leben, so sei auf deine Heiligung bedacht, und menge dich nicht in weltliche Geschäfte. Bist du zum Dienst des Nächsten bestimmt, so bete nicht zur Unzeit, wenn deine Hilfe notwendig ist. Mose bete für Israel, Josua aber streite gegen Amalech. Es gibt Menschen, die in einem vollkommeneren Stand leben als du. Erfüllst du aber die Pflichten des deinigen getreuer als sie, dann bist du vollkommener als sie. 

 

3. Die Kirche zeigt uns Heilige in allen Ständen. Solche, die einst verehelicht waren, und andere, die Gott im ledigen Stand dienten. Jungfräuliche Keuschheit ist heilige Pflicht für alle, die nicht in der Ehe leben. In was immer für einem Stand aber du lebst, ist Reinheit der Sitten das Gepräge des wahren Christen. Nichts Unreines geht in den Himmel ein. Seit du durch die heilige Taufe ein Glied Jesu Christi geworden bist, ist dein Körper ein Tempel des Heiligen Geistes, ein heiliger, Gott geweihter Tempel. "Wer den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören. Denn Gottes Tempel ist heilig und der seid ihr." (1. Korinther 3,17) "Dient dem Herrn mit vollkommenem und wahrhaftigstem Herzen!" (Josua 24,14)

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Betrachtung am 16. Juli - Von der Tagesordnung

 

Die Ordnung kommt, die Tugenden zu leiten,

Die, gehn sie nicht in ihres Lichtes Schein,

Aufhören, Tugenden zu sein,

Und auf verkehrten Wegen schreiten.

 

1. Die Unbeständigkeit deines Herzens zu fesseln, und mit festen Schritten auf den Wegen des Herrn fortzuschreiten, ist es unbedingt notwendig, deine Freiheit zu beschränken, und dir eine Tagesordnung vorzuschreiben, durch die alle deine Andachtsübungen, Pflichten, Geschäfte, ja sogar deine Erheiterungen geordnet werden, damit alles zu gehöriger Zeit geschieht. Diese Ordnung verbannt den Eigensinn und die Laune, denn sie ist eine heilsame Fessel, die den Menschen in den Schranken der Pflicht erhält, und wodurch viel Zeit gewonnen, jede Arbeit erleichtert, geheiligt und Gott wohlgefälliger wird, der selbst die Ordnung ist, und nichts liebt, das nicht in der Ordnung geschieht. 

 

2. Diese Regel duldet zwar Ausnahmen, wenn irgendein Werk der Nächstenliebe oder die Notwendigkeit sie erfordern, doch muss dabei Gott und die Klugheit, nicht aber die Neigung um Rat gefragt werden. Ist das Werk getan, dann kehre alsbald zur vorgeschriebenen Ordnung zurück, und lass durch das Gerede der Menschen dich nicht abhalten. Denn ist es auch an sich gleichgültig, ob ein Werk zu dieser oder einer anderen Stunde getan wird, so ist es doch keineswegs gleichgültig, Gott zu Liebe ein gleichförmiges Leben zu führen, das vor vielen Torheiten, Sünden und Versuchungen bewahrt. Ja diese Unterwerfung ist ein wahres, fortwährendes Opfer deiner Freiheit, das Gott sehr wohlgefällig ist, und das er durch viele und große Gnaden segnet, weil dadurch alle einzelnen Augenblicke ihm geweiht und geheiligt sind.

 

3. Zwar wird, wie bei allen Werken der heiligen Selbstverleugnung, die Natur anfangs dagegen murren. Doch wird durch Gottes Gnade und eine glückselige Gewohnheit dies heilsame Joch bald erleichtert werden. Nichts treibt die Menschenfurcht, die Lauheit und den Eigenwillen so sehr in die Enge, und hilft so sehr zu einer inneren Festigkeit des Gemüts, als diese beständige Aufopferung. Ja sie verhütet auch alle Verwirrung in den Beschäftigungen, die deinem Stand gemäß sind, und erspart manche kostbaren Augenblicke, dich liebevoll mit Gott zu beschäftigen. "Alle Dinge haben ihre Zeit, und alles, was unter dem Himmel ist, geht zu seiner bestimmten Zeit vorüber." (Kohelet 3)

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Betrachtung am 17. Juli - Über den praktischen Abfall vom Glauben

 

Mein Schmuck und meine Krone ist mein Glaube,

Der, Herr, mich unter deine Fahne reiht.

O dulde nicht, dass mir die Welt ihn raube,

Denn deinem Dienste bin ich, Herr, geweiht.

 

1. Wer aus falscher Nachgiebigkeit, und um einer Gesellschaft nicht zu missfallen, mit der er durch die Bande der Freundschaft, des Vergnügens oder des Nutzens verknüpft ist, Gottes Anordnungen feigherzig verlässt, der ist nach dem Ausspruch der Väter ein Abtrünniger. Denn ein Glied der Kirche zu sein, genügt es nicht, mit dem Herzen zu glauben, es wird darüberhinaus das Bekenntnis des Mundes erfordert (Römer 10), und Zeugnis müssen auch unsere Werke geben. Daher auch trennt die geheime Offenbarung die Feigherzigen und Furchtsamen nicht von den Ungläubigen und spricht: "Aber die Feiglinge und Treulosen, die Befleckten, die Mörder und Unzüchtigen, die Zauberer, Götzendiener und alle Lügner - ihr Los wird der See von brennendem Schwefel sein." (Offenbarung 21,8)

 

2. Du bekennst dich zum Christentum, und schämst dich, als ein Christ erkannt zu werden. Du verleugnest also deinen Glauben durch dein Leben, und deine feige Nachgiebigkeit ist eine Art des Götzendienstes. Du erkennst Jesus als deinen Herrn, und errötest über seinen Dienst. Also erkannten die heidnischen Weltweisen den wahren Gott, und beteten aus weltlicher Klugheit Götzen an, ihre zeitliche Wohlfahrt nicht zu gefährden. Zwei Gottheiten ringen um dein Herz, aber der Weltgötze gewinnt den Sieg über den wahren Gott, und du dienst ihm, gleich jenen heidnischen Weltweisen, gegen dein Gewissen. Aber gleich ihnen wird Gott dich verwerfen, und deinem verkehrten Sinn dich überlassen. 

 

3. Welche schweren Kämpfe hatten die Christen der ersten Jahrhunderte zu bestehen, wo die Religion des Kreuzes verachtet war, die Blutbefehle der Kaiser drohten, ihr Vermögen, ihre Ehre, ihr Leben auf dem Spiel stand, und Foltern und ein grausamer Tod ihnen beständig vor Augen schwebten. Hast du je Ähnliches zu fürchten, das deine Standhaftigkeit erschüttern würde? Nicht Marter und Tod, ein leichter Spott ist alles, was dir widerfahren kann. Und diesem Spott auszuweichen, duldest du es ohne Widerrede, dass Gott in deiner Gegenwart gelästert, dass die heiligsten Geheimnisse verhöhnt, und das Kreuz Christi wie bei den Heiden und Juden verflucht wird. "Denn wer sich meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich der Menschensohn schämen, wenn er in seiner Herrlichkeit kommt und in der des Vaters und der heiligen Engel." (Lukas 9,26)

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Betrachtung am 18. Juli - Pharisäische Gerechtigkeit

 

Entzünde, Herr, mein Herz mit heil`ger Glut,

Die alle Ungerechtigkeit verzehrt;

Und gib mir einen Eifer, der nicht ruht,

Und tätig wirkt, was dich in Wahrheit ehrt.

 

1. Es genügt nicht, dass wir gute Werke tun. Wir müssen sie Gott zuliebe und mit reiner Absicht tun, sonst werden sie uns nimmermehr zum Heil gereichen. Die Pharisäer hielten oftmalige und lange Gebete. Sie entrichteten den Zehnten pünktlich. Sie gaben große Almosen, und fasteten zweimal in der Woche. Tun wir wohl die Hälfte dessen? Und dennoch spricht der Herr: "Wenn eure Gerechtigkeit nicht größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen!" Wird aber der grüne Baum verworfen, der Früchte bringt: wie wird es dem trockenen und unfruchtbaren ergehen? Denn mit der Ausschließung vom Himmel bedroht der Herr seine Jünger, wenn sie nicht gerechter sind als diese Pharisäer.

 

2. Warum aber verwarf der Herr die dem Anschein nach so gerechten und heiligen Werke dieser Pharisäer? Weil sie nur scheinbar, nur äußerlich waren. Sie taten diese Werke, um von den Menschen gesehen, gelobt und bewundert zu werden. Sie selbst waren Heuchler, die, unter der Larve der Heiligkeit und Strenge gegen sich, Hass, Raubsucht, Unreinigkeit und andere grobe Laster verbargen. Bis zur Ängstlichkeit beobachteten sie menschliche Überlieferungen, machten sich aber kein Gewissen daraus, Gottes Gebote zu übertreten, und die Häuser der Witwen zu verzehren. Dazu auch verachteten sie alle, die nicht wie sie lebten, und verfolgten den Herrn, der sie zur wahren Gerechtigkeit ermahnte. 

 

3. Überlege, ob nicht auch deine Gerechtigkeit der Gerechtigkeit dieser Heuchler ähnlich ist. Vollbringst du deine äußerlichen Werke aus reiner, uneigennütziger Absicht? Suchst du nicht durch deine Andachtsübungen Aufsehen zu erregen? Bist du dabei nicht auf das Lob und die Bewunderung der Menschen aus? Bist du nicht hart und streng gegen Sünder? Und verachtest du nicht jene, die keinen Gefallen an deiner Frömmigkeit haben? Wehe uns, wenn wir die Laster der Pharisäer an uns haben, ohne ihre guten Werke zu haben. Denn werden diejenigen verdammt, die nur eine äußerliche Gerechtigkeit haben: wie wird es denen ergehen, die weder eine äußerliche noch eine innerliche haben? "Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr verschließt den Menschen das Himmelreich. Denn ihr selbst geht nicht hinein und lasst die nicht hinein, die hineingehen wollen." (Matthäus 23, 13-...39)

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Betrachtung am 19. Juli - Vom irrenden Gewissen

 

O gib mich, Herr, nicht preis des Herzens Gier,

Das immer nur Verbotenes begehrt.

Dein Licht verscheucht und die Vernunft verkehrt,

Und Greuel liebt anstatt des Lebens Zier.

 

1. Das Gesetz Gottes ist die Richtschnur unseres Lebens, und wir wenden es nach unserem Willen und Gewissen an. Ist unser Wille aufrichtig, dann ist unsere Anwendung getreu. Herrscht aber irgendeine verborgene Leidenschaft in unserem Herzen, dann geben wir diesem heiligen Gesetz gern eine falsche Deutung, und bereden uns, es verpflichtet bei dieser und jener Gelegenheit nicht so streng. Dies geschieht zwar anfangs nicht ohne Angst, doch beruhigt man sich zuletzt, und kommt endlich sogar auf den Wahn, man führt ein gerechtes Leben. Dies ist ein falsches Gewissen, das beständig irre führt, beständig in der Sünde stehen bleibt und dabei meint, es tut recht. 

 

2. Darum ordnen wir unser Gewissen nach der Geradheit des göttlichen Gesetzes, und nicht nach unseren sinnlichen Begierden, sonst werden wir bald alles für erlaubt halten, was uns erfreulich und nützlich erscheint, und immer wird unser Herz unsere Vernunft nach sich reißen. Denn ist einmal das Gewissen mit der Begierlichkeit einverstanden: was erlaubt dann der Mensch sich nicht alles? Welches Laster beschönigt er dann nicht? Welcher Zustand aber ist je schrecklicher, als der Friede in der Sünde? Herr, mein Gott, bewahre mich vor dieser schrecklichen Finsternis, und durchdringe mein Herz mit deinem Licht und mit deiner Wahrheit, auf dass ich mein Gewissen, nach der Richtschnur deines heiligen Gesetzes, gerade ordne. 

 

3. Ein falsches Gewissen ist in Dingen, die die Leidenschaften nicht angehen, über Kleinigkeiten ängstlich, in Dingen aber, wo die Leidenschaft einfließt, achtet es die gröbsten Sünden als unbedeutend. Es steigt die Mücke und verschlingt das Kamel. Also machten die Pharisäer sich ein Gewissen daraus, in das Richthaus des heidnischen Richters zu gehen, kein Gewissen jedoch, den Herrn Jesus zu kreuzigen, ob sie auch die genauesten Anzeichen hatten, dass er der Messias war. Wenn dein Gewissen, das Licht deiner Seele, verfinstert ist, notwendig werden dann alle deine Werke Finsternis sein. Niemals mehr kann ein weites Gewissen auf dem schmalen Himmelsweg gehen. "Für die Unreinen und Ungläubigen aber ist nichts rein, sogar ihr Denken und ihr Gewissen sind unrein." (Titus 1,15)

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Betrachtung am 20. Juli - Vom Zorn

 

Ungerechter Zorn

Ist ein schwarzer Born,

Woraus Unheil quillt;

Gib in deiner Huld,

Herr, mir die Geduld,

Die des Herzens Aufruhr stillt.

 

1. Der Zorn ist eine natürliche Regung, die Gott in unser Gemüt legte, und die gleich dem Feuer zum Schutz und zur Hilfe des menschlichen Lebens notwendig ist. Denn ohne Zorn könnten keine Laster gebändigt werden, und eine Geduld, die alles Böse ungeahndet hingehen ließe, wäre sogar dem Guten verderblich. Wer also auf gerechte Weise zürnt, der sündigt nicht. Indessen darf der Zorn, sogar wenn er die Frevel der Schuldigen bestraft, nicht im Gemüt herrschen, sondern folgen soll er der Vernunft gleich einem Knecht, und ihr gehorchen. Bestrafen soll er zwar das Böse, doch soll die Vernunft die Strafe diktieren. Daher spricht die Schrift: "Zürnt, aber sündigt nicht! Bedenkt es auf eurem Lager und werdet still!" (Psalm 4,5) 

 

2. Aber gleichwie das Feuer, so notwendig und heilsam es ist, dennoch, wenn es nicht sorgfältig bewahrt wird, großes Unheil anrichtet und ganze Städte in Asche legt, also wandelt sich auch der Zorn, wenn wir nicht sorgsam über diese Regung unseres Gemüts wachen, in Wut und Raserei, bringt den Menschen um alle Vernunft und macht ihn einem reißenden Tier ähnlich. Ja ein zorntrunkener Mensch übertrifft sogar die wilden Tiere an Wut, und kommt den höllischen Furien gleich. Denn wie viel Unglück in den Familien, wie viele Mordtaten durch Gift und Dolch, wie viele blutigen Kriege und Verheerungen richtete dies Ungeheuer an. Was aber soll man von einem Baum halten, der solche blutige Früchte bringt?

 

3. Sind wir auf der Hut vor diesem bösen Dämon, und lernen wir unsere Hoffart, unsere Eigenliebe, unsere Anhänglichkeit an vergängliche Dinge überwinden, die die eigentlichen und wahren Quellen unseres ungerechten Zornes sind. Der gute Hirt nimmt nur die sanftmütigen Schafe in seine Hürde auf, und vertreibt die Wölfe. Ein rachsüchtiger Mensch trägt das Merkmal der Verdammnis an sich. Da er keinen Menschen schont, schont Gott auch ihn nicht. Er vergilt ihm mit dem Maß, womit er misst, und lässt ihn die ganze Strenge seines Gerichts empfinden. "Groll und Zorn, auch diese sind Gräuel und ein sündiger Mann hält an ihnen fest." (Jesus Sirach 27,30)

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Betrachtung am 21. Juli - Mittel gegen den Zorn

 

Herr, gnädig hast du mich geduldet,

Ob oft ich deinen Zorn verschuldet.

Wie also kann ich Zorn an Brüdern üben,

Und sie und dich durch neue Schuld betrüben.

 

1. Nicht leicht wird ein demütiger Mensch zornig sein, der sich wahrhaft Gott unterworfen hat. Er weiß, dass ihm nichts widerfahren kann, außer durch Gottes gerechter Zulassung, dass die Menschen nur Werkzeuge sind in seiner Hand, und dass Schmähungen, Trübsale, Schaden und Verlust, die ihm durch sie widerfahren, alle gezählt und geordnet sind. So sprach David, der Mann nach dem Herzen Gottes, als Semei ihm fluchte, und die Freunde des Königs diesen Lästerer töten wollten: "Lasst ihn, denn der Herr hat ihm befohlen, dass er dem David fluche, und wer darf fragen, warum er das getan hat?" 

 

2. Wer sich wahrhaft erkennt, und die Sünden seines verflossenen Lebens sich oft und tief zu Gemüte führt, der erträgt Beleidigungen und Schaden mit Geduld und bändigt seinen Zorn durch den Gedanken, dass er die Hölle oftmals schon verdient hat, und dass er in diesen rächenden Flammen der ewigen Gerechtigkeit niemals erlangen würde, wonach ihn verlangt, und dagegen alles haben würde, was ihn peinigt. Leicht erträgt er daher alles Bittere, denn er bedenkt, was er verdient hätte, und wird nicht zornig, wenn er das Gute nicht bekommt, das er erwartet hat, oder wenn ihm irgend etwas Böses widerfährt. Er findet es gerecht, dass man sich ihm widersetzt und ihn verachtet, da er sich Gott so oft widersetzt und seine Gebote verachtet hat, und sagt sich selbst: Niemals können die Menschen mir so viel Böses tun, als ich verdiene.

 

3. O sanftmütiger Jesus, verleihe mir, auf den Spuren deiner Sanftmut und Geduld zu gehen. Ach, überaus schwer fällt es mir, mein Herz zu bezwingen, das oft, ehe ich dessen mich versehe, in Flammen steht. Gegen meinen Willen empören sich meine Leidenschaften gegen mich. Kaum vermag ich es, sie in Schranken zu halten, dass sie nicht nach außen ausbrechen. O komm meinem schwachen Willen mit deiner Gnade zu Hilfe, dass ich mich selbst überwinde und in der Heftigkeit und Verwirrung kein Wort spreche, das dich, mein Gott, und meinen Nächsten beleidigt. Sprichwörter 12,16: "Der Tor zeigt sogleich seinen Ärger, klug ist, wer Schimpfworte einsteckt."

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Betrachtung am 22. Juli - Die heilige Maria Magdalena

 

Die Liebe spricht: Ich mache alles neu.

In meiner Glut verbrennt die Schuld wie Spreu.

Die Freiheit gebe ich den Knechten;

Und Himmelskronen den Gerechten.

 

1. Es gibt Beispiele der Bekehrung, die unsere Unbußfertigkeit geradezu verdammen. Wer hatte je unüberwindlichere Hindernisse zu besiegen als Magdalena, die jung, schön, von vielen vergöttert, in sinnliche Lüste versunken war, und die, um sich zu bekehren, alle Fesseln des Fleisches und Blutes brechen, allen gewohnten Belustigungen entsagen, ja sogar das Kostbarste, ihre Ehre, oder doch ihren Schein, opfern musste. Da sie, um die Gelegenheit nicht zu versäumen, öffentlich in das Haus des Pharisäers eintreten musste, wo sie ihre Sünden durch die Tränen ihrer bußfertigen Liebe abwusch. Was kann, nach einem solchen Beispiel, uns noch entschuldigen? Haben wir größere Schwierigkeiten zu überwinden? Haben wir schwerere Opfer zu bringen? Haben wir eine tiefere Beschämung zu erdulden?

 

2. "Viel hat sie geliebt!" spricht Jesus von dieser großmütigen Büßerin. Wahrlich, ihre Liebe zu ihm, den sie als den göttlichen Messias erkannt hatte, bestand jede Probe. Ihre Liebe war auf gewisse Weise größer als die Liebe der Apostel, denn sie verließen den Herrn, sie aber folgte ihm bis unter das Kreuz. Mit heldenmütiger Standhaftigkeit hing sie ihm an, nicht als er, der göttlichen Weisheit seiner Reden und seiner glänzenden Wunder wegen, von allem Volk gepriesen wurde, sondern in seinen tiefsten Erniedrigungen, als er verachtet, verspottet, als er am Kreuz ein Gegenstand des Fluches war, und es gefährlich war, sich für ihn zu erklären. Und du, feige Seele, errötest aus Menschenfurcht, und schämst dich des Kreuzes deines Herrn.

 

3. Der Schmerz und die Buße dieser liebenden Freundin des Herrn dauerte bis an das Ende ihres Lebens. Mit übergroßer Bitterkeit beweinte sie ihre früheren Verirrungen. Schon die bloße Erinnerung daran verwundete ihr Herz. Ihr ganzes übriges Leben hindurch wirkte sie die strengste Buße, und vergrub sich in die schauderhafteste Einöde, wo sie ihre Zeit in Gebet und Werke der Buße teilte. Wie wenig ahmen wir dieser großen heiligen Büßerin in ihrer Bekehrung nach. Vergnügen, Freunde, Reichtum, Leben, alles opferte sie der göttlichen Liebe. Was bringst du Gott zum Opfer? Ach, alles fällt dir schwer, alles ist unmöglich. "Aber nur die sich Gewalt antun, reißen das Himmelreich an sich." (Matthäus 11,12)

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Betrachtung am 23. Juli - Von der Heiligen Messe

 

O heil`ges Opfer, das Gott selbst erfreut,

Die Schulden tilget, und die Welt erneut,

Zahllose Wunder sieht in dir mein Glaube,

Und betet dich mit Ehrfurcht an im Staube.

 

1. Keine Religion ist ohne Opfer. Kein Opfer aber ist der unendlichen Majestät Gottes würdig, außer ein Opfer von unendlichem Wert. Dies ist das Opfer des Gottmenschen Jesus Christus, das einmal blutig auf Kalvaria dargebracht wurde, und auf dem heiligen Altar unblutig wiederholt wird. Denn es ist "das ewige Opfer" (Daniel 8), das der göttliche Hohepriester nach der Ordnung Melchisedechs selbst seinem ewigen Vater durch die Hände seiner dienenden Priester darbringt. Es ist das reine Opfer, das Gott vom Aufgang bis zum Niedergang geopfert wird. (Maleachi 1,11) Hochheilig ist dies Opfer, denn ist auch das göttliche Opferlamm verschleiert, so ist es darum nicht weniger wahrhaft auf dem Altar zugegen.

 

2. Da Jesus Christus hier selbst der Priester und das Opfer ist, wird dadurch die göttliche Majestät so vollkommen geehrt, als sie geehrt werden kann. Und mehr Ehre erzeigt ihr eine einzige Heilige Messe, als alle Engel und Menschen in Ewigkeit ihr erzeigen können. Ja von so unendlicher Kraft ist das Blut der Erlösung, das in diesem Opfer wirkt, dass es allein genügte, die Sünden aller Menschen aufzuwägen, und dass auch Gott mehr dadurch verherrlicht wird, als er durch alle Sünden der Welt kann verunehrt werden. Welche Gnade darfst du demnach von Gott hoffen, wenn du mit diesem göttlichen Opfer in Andacht dich vereinigst.

 

3. Durch dies anzubetende Opfer danken wir Gott auf würdige Weise für alle Gnaden, da wir ihm eine Opfergabe von unendlichem Wert darbringen. Auch erbitten wir durch die unendliche Kraft dieses Opfers alles von Gott, was zu unserem ewigen Heil, und sogar zu unserer zeitlichen Wohlfahrt uns notwendig ist, da unser göttlicher Hoherpriester selbst mit unseren Bitten sich vereint, und sie seinem ewigen Vater darbringt. So wohne denn der Heiligen Messe jeden Tag mit lebendigem Glauben, mit inbrünstiger Andacht, Zerknirschung und Ehrfurcht bei, denn dies ist die heiligste Handlung deines Lebens, weil wir darin den lebendigen Gott unter den heiligen Gestalten anbeten, den die Heiligen des Himmels schleierlos schauen und in ewigem Jubel anbeten. "An allen Orten wird meinem Namen ein reines Opfer dargebracht werden. (Maleachi 1,12)

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Betrachtung am 24. Juli - Über den oftmaligen Hinzutritt

zu den Quellen des Heils

 

Zwei Heilesquellen hast du, Herr, gegeben.

Die eine bleicht die Seelen schneeig rein,

Die andre nähret sie mit dir, dem Leben:

Auf dass sie schon hienieden selig sein. 

 

1. Versinkt eine Seele in Lauigkeit, dann beginnt sie, von den Quellen des Heils sich fern zu halten. Eifrige Seelen dagegen nähern sich ihnen oft und mit Andacht. Wie auch ließe die Reinheit der Seele sich schneller und sicherer erlangen, als durch eine oftmalige Gewissenserforschung, Reue und heilsame Beicht, worin nicht nur die Verzeihung begangener Fehler, sondern auch die Gnade verliehen wird, im Guten zu bleiben. Wie vorsichtig, wie wachsam und streng gegen sich wird eine aufrichtig fromme Seele dadurch. Wie viele heilsame Belehrungen und innerliche Anregungen werden ihr darin zuteil. Ist die Beicht ein Zaum der Sünden sogar für solche, die selten beichten: was ist sie erst für Seelen, die dies Heilmittel oftmals anwenden.

 

2. Noch größeres Heil verleiht die heilige Kommunion. Entfesselung des Herzens von der Welt, innerliche Sammlung, Eifer, Liebe und ein beständiges Leben in Gottes Gegenwart sind ihre kostbarsten Früchte. Wo werden wir je größere Gnaden schöpfen, als in dem Quell aller Gnaden. Wie selig, wie ersehnt, sind die Augenblicke der Vereinigung mit dem Urheber unserer Seligkeit. Wie wunderbar werden in diesem göttlichen Feuer die Gluten der Sinnlichkeit gekühlt. Tritt oftmals hinzu zu diesem göttlichen Sakrament, zu deinem himmlischen Arzt, zu deinem göttlichen Geliebten. Dies Brot der Engel wird die Zwiebeln Ägyptens bald dir verleiden, und dir Kraft verleihen, ein Leben der Engel im sterblichem Fleisch zu führen.

 

3. Indessen müssen wir uns diesem göttlichen Sakrament mit Andacht und Sehnsucht nähern, sonst werden wir wenig Frucht daraus gewinnen. Ja diese wunderbaren Arzneien können sich sogar in Gift für uns umwandeln. Wie auch soll der göttliche Heiland Seelen, die kaltsinnig, ohne lebendigen Glauben, und nach einer kurzen zerstreuten Vorbereitung zu ihm kommen, Schätze seines Erbarmens und seiner Liebe erteilen. Wie viele andächtigen Seelen dagegen werden in dieser heiligen Vereinigung zu seligen Entzückungen der Liebe hingerissen, und kehren in neue Menschen umgewandelt von diesem himmlischen Gastmahl zurück. Bereite dich also würdig, und du wirst bald stark und reich an allen Tugenden werden. Psalm 34,9: "Kostet und seht, wie gütig der Herr ist."

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Betrachtung am 25. Juli - Von der Fürsorge der göttlichen Vorsehung

 

Auf dir, o Gott, ruht mein Vertrauen,

Denn du gabst Sein und Leben mir.

O lass mich deine Hilfe schauen

Und führe mich durch dich zu dir.

 

1. Überlass wegen der Bedürfnisse dieses sterblichen Lebens dich nicht ängstlichen Sorgen, sondern "wirf", wie der Apostel mahnt, "deine Sorgen auf den Herrn, denn er sorgt für uns". (1. Petrus 5,7) Nicht verwehrt zwar ist eine vernünftige Sorge. Ängstliche Besorgnis aber wegen des Unterhalts dieses vorübergehenden Lebens ist eine Beleidigung Gottes. Gott kennt deine Bedürfnisse. Er kannte sie, noch bevor sie eintraten, und seine Vorsehung hat auch die Mittel in Händen, ihnen abzuhelfen. Bitte also, und es wird dir gegeben werden. Klopfe an der Pforte der Barmherzigkeit an, und es wird dir geöffnet werden. Wert fürwahr sind Gottes Gaben, dass wir demütig darum bitten.

 

2. Würde ein Diener eines reichen und gütigen Herrn seinen Gebieter nicht beleidigen, wenn er ängstlich fürchten würde, er wird es ihm am Notwendigsten fehlen lassen? Was ist aber die Güte aller sterblichen Herren gegen die Güte des allerhöchsten Herrn? Ja was ist die Liebe aller Väter gegen die Liebe unseres himmlischen Vaters? Wie also kannst du je fürchten, dass er dich vergisst, wenn du ihn kindlich liebst, und ihm dienst? Wenn du Gott nicht dienen willst, widersetzt du dich beständig seinem Willen. Und wenn du dennoch forderst, dass er durch eine besondere Vorsehung dein Leben erhalten soll, das du nur dazu verwendest, ihn zu beleidigen, dann ist eine solche Forderung allerdings Vermessenheit. Niemals jedoch wurde bekannt, dass wer Gott fürchtet und ihm dient, von ihm je verlassen worden wäre. 

 

3. Feierlich versicherte der Herr, alles würde uns gegeben werden, wenn wir zuerst das Reich Gottes suchen. Nie mehr brechen aber wird Gott sein Wort, wenn wir diese Bedingung erfüllen. Betrachte die Tausende, die, seine heilige Lehre zu hören, Jesus in die Wüste nachfolgten, und die wegen des Reiches Gottes die notwendigen Speisen und Getränke vergaßen. Wurde sie etwa hungrig nach Hause geschickt? Sorgte nicht der Herr sogar durch ein Wunder für ihre Bedürfnisse? Solche Wunder aber tut seine Vorsehung noch täglich für seine wahren Dienerinnen und Diener. Wie oft hast du selbst in deinem Leben die Wirkung dieser Vorsehung erfahren? So beleidige denn die göttliche Güte nicht durch heidnisches Misstrauen. Psalm 24,11: "Wer aber den Herrn sucht, braucht kein Gut zu entbehren."

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Betrachtung am 26. Juli - Am Fest der heiligen Anna

 

Wir preisen, hohe Himmelsfürstin, dich,

Die du die Mutter unsrer Mutter warest,

Und sie, des Heiles Morgenstern, gebarest,

Durch die die alte Nacht dem Tage wich.

 

1. Wenn der Baum durch seine Frucht erkannt wird: wie groß musste die Weisheit und Heiligkeit der heiligen Anna sein, die den hocherhabenen Vorzug ihr erwarb, die Mutter des göttlichen Heilands zu gebären. Denn es gehörte die Weisheit und Erleuchtung eines Engels, eine vollkommene Liebe und Heiligkeit dazu, ein so heiliges Unterpfand zu erziehen, und von den ersten kindlichen Tagen an zur Heiligkeit anzuleiten. Erleuchtete auch das göttliche Licht diese wunderbare Tochter in größerer Fülle, als selbst ihre heilige Mutter, so empfing sie dessen ungeachtet den ersten Unterricht von ihr, und lernte von ihr beten und Gott verehren. Lieben wir sie also und ehren wir sie mit besonderer Andacht, die Gott selbst durch so außerordentliche Gnaden ehrte.

 

2. Zur höchsten Ehre gereichte der heiligen Anna die Geburt der jungfräulichen Gottesgebärerin. Allein nicht weniger gereicht es ihr zur Ehre, dass sie diesen hohen Vorzug gleichsam durch ihre wunderbaren Tugenden, zumal durch ihre unvergleichbare Geduld, durch ihr anhaltendes, flammendes Gebet und durch ihre heilige Nächstenliebe verdiente, die an Werken der Barmherzigkeit unerschöpflich war. Wegen ihrer vieljährigen Unfruchtbarkeit vom Volk verachtet, ertrug sie diese Schmach in demütigster und vollkommenster Gleichförmigkeit mit dem göttlichen Willen, und betete in allen Dingen die Vorsehung ihres Gottes an. Ganze Tage und Nächte brachte sie in heiligem Gebet und unter Tränen zu, und hinterließ uns das Vorbild eines fürwahr vollkommen heiligen Lebens.

 

3. Da nun die glorreichen Himmelsbürger in der Seligkeit nur ernten, was sie hier auf Erden gesät haben, und die Treue, mit der sie der Gnade entsprachen, das Maß ihrer Glorie ist: er ermisst dann die große Herrlichkeit dieser heiligsten Ahnfrau unseres göttlichen Heilandes. Ja es strahlt auch die Glorie der Königin des Himmels auf sie selbst zurück, und vermehrt ihre himmlische Freude. Rufen wir sie also in Andacht um ihre mächtige Fürsprache bei ihrer glorreichen Tochter an, die alles bei ihrem göttlichen Sohn vermag, und gehen wir auf den Spuren ihrer Geduld, Liebe und Barmherzigkeit. "Anna betete. Sie sagte: Mein Herz ist voll Freude über den Herrn, große Kraft gibt mir der Herr. Weit öffnet sich mein Mund gegen meine Feinde; denn ich freue mich über deine Hilfe." (1. Samuel 2,1)

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Betrachtung am 27. Juli - Von der Pflicht des Almosens

 

Verschließest du das Ohr dem Armen,

Der zu dir fleht in seiner Not,

Wird Gott sich deiner nicht erbarmen,

Flehst du zu ihm in deinem Tod.

 

1. Viele betrachten das Almosen als eines jener guten Werke, die zwar lobwürdig sind, die man jedoch auch ohne Sünde unterlassen kann. Dies ist ein schwerer Irrtum, denn der Sohn Gottes befahl uns dieses Werk bei Strafe der ewigen Verdammnis. "Dann wird er sich auch an die auf der linken Seite wenden und zu ihnen sagen: Weg von mir ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist. Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir nicht zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben." (Matthäus 25,41-42) Die Größe der Sünde liegt darin, dass Reiche, die entweder kein Almosen, oder nur so eins geben, das in gar keinem Verhältnis zu ihrem Reichtum steht, die Anordnung der göttlichen Vorsehung vereiteln, die den Unterhalt der Armen in ihren Überfluss legte, weshalb auch der Apostel zu den Reichen spricht: "Euer Überfluss ersetze den Mangel der Armen." (2. Korinther 8,14)

 

2. Jesus Sirach 14: "Armut und Reichtum kommen von Gott." Er konnte die Güter des Lebens unter allen Menschen gleich verteilen, allein seine Weisheit wollte eine Unterordnung unter den Menschen begründen, damit einerseits die Tugend der Barmherzigkeit und Milde, andererseits aber die der Geduld geübt wird. Indessen ist der Reiche nur Verwalter seines Reichtums, Gott ist der eigentliche Herr darüber. Der Verwalter aber hat allerdings die Pflicht bei sich, die Hausgenossen seines Herrn von seinem Vermögen zu erhalten. Ja so sehr ist Gott der Eigentümer dieser Güter, dass seine Vorsehung sie nicht selten den unbarmherzigen Reichen hinwegnimmt, da er hingegen das Vermögen der Barmherzigen segnet und ihren Reichtum vermehrt.

 

3. Hat aber auch Gott das vollkommenste Recht, einen Teil seiner Gaben vom Menschen zu fordern, so verlangt er dennoch sie nie umsonst. Daher spricht die Schrift (Sprichwörter 19,17): Wer Erbarmen hat mit dem Elenden, leiht dem Herrn; er wird ihm seine Wohltat vergelten." Fürchtest du etwa, dem himmlischen König auf Wucher zu borgen? Oder fürchtest du zu verarmen, wenn du reichlich gibst? Ist dies der Fall, so hast du entweder dem Glauben versagt, oder dein Glaube ist tot. Denn die feierlichste Versicherung gab uns der Herr: "Gebt, und es wird euch gegeben werden!" (Lukas 6) Jesus Sirach 4,1-6;8+9: "Entziehe den Armen nicht den Lebensunterhalt, und lass die Augen des Betrübten nicht vergebens warten. Enttäusche den Hungrigen nicht, und das Herz des Unglücklichen errege nicht. Verweigere die Gabe dem Bedürftigen nicht, und missachte nicht die Bitten des Geringen. Verbirg dich nicht vor dem Verzweifelten, und gib ihm keinen Anlass, dich zu verfluchen. Schreit der Betrübte im Schmerz seiner Seele, so wird Gott, sein Fels, auf sein Wehgeschrei hören. Neige dem Armen dein Ohr zu, und erwidere ihm freundlich den Gruß. Rette den Bedrängten vor seinen Bedrängern, ein gerechtes Gericht sei dir nicht widerwärtig."

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Betrachtung am 28. Juli - Von der Kraft des Almosens

 

Bist du barmherzig, edle Seele,

Dann lass dir nimmermehr erbangen,

Dass je dir Gottes Gnade fehle.

Du wirst Barmherzigkeit erlangen.

 

1. Psalm 41,2: "Wohl dem, der sich des Armen annimmt; zur Zeit des Unheils wird der Herr ihn retten." Wie erfreulich ist dieser Ausspruch des Heiligen Geistes für liebevolle, wohltätige Seelen. Denn welche Zeit ist diese Zeit des Unheils, wenn nicht die Zeit unseres letzten Kampfes? Was aber haben wir dann zu fürchten, wenn der Herr uns aushilft? Es ist also das Almosen ein sicheres Merkmal unserer Auserwählung, da selig die Barmherzigen sind. Es muss aber das Almosen aus reinem, gottgefälligem Herzen gegeben werden, und nach unserem Vermögen bemessen sein, dem Ausspruch des heiligen Tobias gemäß: "Sei nicht kleinlich, wenn du Gutes tust. Wende deinen Blick niemals ab, wenn du einen Armen siehst, dann wird auch Gott seinen Blick nicht von dir abwenden. Hast du viel, so gib reichlich von dem, was du besitzt; hast du wenig, dann zögere nicht, auch mit dem Wenigen Gutes zu tun. Auf diese Weise wirst du dir einen kostbaren Schatz für die Zeit der Not ansammeln. Denn Gutes zu tun rettet vor dem Tod und bewahrt vor dem Weg in die Finsternis. Wer aus Barmherzigkeit hilft, der bringt dem Höchsten eine Gabe dar, die ihm gefällt." (Tobit 7b-11)

 

2. Wunderbar ist die Kraft des heiligen Almosens. Wie eben dieser heilige Patriarch, oder vielmehr der Heilige Geist durch seinen Mund spricht: "Das Almosen erlöst von aller Sünde und vom Tod, und es wird die Seele nicht in die Finsternis kommen lassen, denn das Almosen wird großes Vertrauen geben vor dem Allerhöchsten allen, die es spenden!" Nichts nämlich rührt das Herz des Vaters des Erbarmens so innig, als wenn wir seine Barmherzigkeit nachahmen. Er wägt unser Almosen durch die reichsten Gaben seiner Gnade auf, und flößt dem mildtätigen Herzen eine Liebesreue ein, die von Sünden reinigt. Ja das Almosen erwirkt auch den Sündern die Gnade der Bekehrung und nimmt den Zorn Gottes von ihnen, weshalb der Prophet den stolzen König ermahnte: "Lösche deine Sünden aus durch rechtes Tun, tilge deine Vergehen, indem du Erbarmen hast mit den Armen." (Daniel 4, 24)

 

3. Folgen wir diesen Ermahnungen des Heiligen Geistes, und wir werden in großer Sicherheit stehen, wenn viele andere zittern. Denn durch liebevolles Almosen machen wir Jesus, unseren Richter, selbst zu unserem Schuldner, da wir, was wir dem Geringsten von den Seinigen tun, ihm selbst tun. Vergeblich klagen uns die bösen Geister bei seinem Gericht an, wenn die Armen uns entschuldigen. Nicht verdammen kann er uns, da er Barmherzigkeit den Barmherzigen verhieß. Jesus Sirach 29,8-9: "Hab Geduld mit dem Bedürftigen, und lass ihn nicht auf die Wohltat warten. Um des Gebotes willen nimm dich des Armen an, lass ihn in seiner Not nicht leer ausgehen."

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Betrachtung am 29. Juli - Von der Kleinmütigkeit

 

Siehst du nicht die Himmelskrone winken,

Die vollauf belohnt den tapfern Streit?

Und du lässest dir den Mut entsinken,

Noch zu kämpfen eine kurze Zeit?

Steht nicht Gottes Gnade dir zur Rechten

Dir den Sieg im Kampfe zu erfechten?

 

1. Warum verzagst du so kleinmütig, als würde die Vollkommenheit deines Standes deine Kräfte übersteigen? Entweder gab es eine Zeit, in der du ein frommes Leben geführt hast, dann aber würdest du dir selbst widersprechen, wenn du sagst, die Heiligkeit ist eine unmögliche Sache. Oder aber du hast niemals fromm gelebt, und dann würdest du etwas ablehnen, wovon du weder Kenntnis noch Erfahrung hast. Danach also ist bloß deine Feigheit die Ursache deiner Kleinmütigkeit. Hätten die Heiligen auf solche eingebildeten Schwierigkeiten gehört, Jesus hätte nicht einen einzigen Jünger bekommen. Nur an gutem Willen fehlt es dir. Willst du ernsthaft den Weg gehen, so ist bereits der halbe Weg getan. Auf denn, die Gnade drängt dich, dein Gewissen schreit, und dein Heil hängt an deinem Entschluss.

 

2. Gewiss ist es, dass Gott uns die Gnade verleiht, in der Ordnung, die unserem Stand gemäß ist, uns zu heiligen, und dass diese Gnade mit uns wirkt, und die Ausübung aller unserer Pflichten uns erleichtert. Wie auch sollte Gott, der da will, dass wir vollkommen und heilig werden, die notwendigen Mittel uns dazu versagen? Wäre er dann nicht, was ewig fern sei, ein Herr ohne Einsicht und Gerechtigkeit? Philipper 4,13: "Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt." spricht der Apostel, und alle wahren Diener Gottes sprechen dies mit ihm. So klage denn nicht über die Härte des Gesetzes, noch über Gottes Güte, sondern über deine Trägheit. Sie ist das einzige Hindernis, und nur du kannst es überwinden.

 

3. Bist du etwa allein schwach? Wie viele Heiligen, die in dem besagten Stand lebten, in dem du lebst, hatten weniger glückliche Anlagen, und heftigere Leidenschaften, schwerere Krankheiten und Versuchungen zu ertragen? Dennoch versanken sie darüber nicht in Kleinmut, wie du. Durch die Gewalt, die sie sich antaten, gelangten sie zur Heiligkeit, und du könntest nicht dahin gelangen? Hättest du etwa nicht ähnliche Gründe, und ähnliche Mittel? Oder hättest du größere Hindernisse zu besiegen? "Wach auf du Schläfer, und steh auf von den Toten, und Christus wird dein Licht sein." (Epheser 5,14b) "Hoffe auf den Herrn, und sei stark! Hab festen Mut, und hoffe auf den Herrn!" (Psalm 27,14)

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Betrachtung am 30. Juli - Licht und Finsternis

 

Du willst den hellen Tag nicht schauen,

Weil du den Weg zur Heimat fliehst.

Doch sieh, bald fasst dich Angst und Grauen;

Denn nahe ist, den du nicht siehst:

Der Mörder in der finstern Nacht,

Der, dich zu würgen, lauernd wacht.

 

1. Betrachte den Ausspruch des Herrn bei Johannes 3,19: "Denn mit dem Gericht verhält es sich so: Das Licht kam in die Welt, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Taten waren böse." Denn viele verschließen die Augen vorsätzlich dem göttlichen Licht, damit sie nicht erleuchtet werden, weil sie die Finsternisse ihres lasterhaften Lebens lieben, und darum das Licht der Wissenschaft hassen. Ijob ruft uns zu: "Sie sprechen zu Gott: Weiche von uns, wir verlangen die Wissenschaft deiner Wege nicht." Aber diese freiwillige Unwissenheit vermindert ihre Strafe nicht, vielmehr vergrößert sie sich, "denn dies ist das Gericht". Voll solcher Menschen ist die Welt. Beten wir für sie, dass sich Gott ihrer erbarme.

 

2. Heilige Seelen dagegen seufzen nach diesem himmlischen Licht, und bitten mit dem Propheten: "Mein Gott macht meine Finsternisse hell." (Psalm 18,29b) Sie verlangen den Willen Gottes zu erkennen, hören sein Wort mit frommer Aufmerksamkeit, lesen geistliche Bücher, und versuchen ihr Leben nach Gottes Wohlgefallen zu ordnen. Ein Bild dieser gottesfürchtigen Menschen ist der Prophet Daniel, der dem Sonnenlicht seine Fenster öffnete und Gott anbetete. (Daniel 6) Solche Seelen liebt Gott. Ihnen teilt er das Licht seiner Gnade besonders mit, das sie nicht nur erleuchtet, sondern auch kräftigt, das erkannte Gute zu vollbringen. Also, öffne auch du seinem himmlischen Licht die Fenster seines Herzens, und die Sonne der Gerechtigkeit wird dich wunderbar erleuchten.

 

3. Andere - und vielleicht gehörst du selbst zu ihnen - lieben zwar die Finsternis nicht, scheuen jedoch das Licht, und öffnen auch die Fester ihres Herzens ihm nicht vollkommen und ganz. Denn sie sind besorgt, mehr zu sehen, als ihnen lieb wäre, weil sie die Rechenschaft für das erkannte und nicht vollbrachte Gute fürchten. Dies jedoch ist eine eitle Furcht. Statt die göttliche Sonne zu bitten, dass sie dich nicht all zu sehr erleuchten soll, bitte vielmehr, dass sie dich kräftigt, zu vollbringen, was sie dir zeigt. Überaus wohlgefällig ist Gott dieses Gebet, und gern erhört er es. Dann aber wird deine Furcht sich in Freude auflösen. Maleachi 3,20: "Für euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen, und ihre Flügel bringen Heilung."

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Betrachtung am 31. Juli - Über den Eifer im Geist

 

Entzünde, Geist des Herrn, mit deiner Glut

Mein Herz, dass feurig es vor Liebe brenne;

Und nimm es dann in deine starke Hut,

Dass nie Verminderung sein Eifer kenne.

 

1. Erneuern wir jeden Tag unsere Vorsätze eifrig vor Gott, und bitten wir ihn um seine Gnade, damit unser Eifer in seinem heiligen Dienst nicht erkaltet, denn der Geist der Frömmigkeit wird sogar bei den größten Heiligen lau und schlaff, wenn sie Gott nicht beständig anrufen. Hierüber aber dürfen wir uns nicht verwundern, weil unsere Natur, die aus Nichts erschaffen wurde, aus sich immer nach ihrem Ursprung zielt, die Gnade aber in unserem Herzen wie in einem fremden, mit Dornen und Unkraut wuchernden Erdreich wohnt, unter dem sie erstickt, wenn wir nicht große Sorgfalt anwenden, sie zu bewahren. Erneuern wir uns also jeden Tag, damit wir nicht im Guten abnehmen. 

 

2. Um so notwendiger ist es uns, Gottes Beistand täglich mit ganzem Herzen anzurufen, weil die Natur des Menschen unbeständig, leichtsinnig, wandelbar und gebrechlich gleich einem Glas ist, sein Herz aber gleich dem Meer in beständiger, oft stürmischer Bewegung wogt. Dazu kommen auch noch die Versuchungen des unsichtbaren Feindes, der nie ablässt uns zu bekämpfen, und dessen lästige Anfechtungen uns ermüden. Gleichwie also das Wasser erkaltet, wenn es nicht immer in der Nähe des Feuers ist, also wird auch unser Eifer unfehlbar erkalten, wenn wir nicht beständig zu Gott seufzen, und um seine Hilfe ihn bitten.

 

3. Auch unsere Leidenschaften schwächen unseren Eifer. Ja sind wir nicht ständig auf der Hut, so untergraben sie die Grundvesten aller Tugenden. Schließlich aber ist alles, was gewaltsam ist, nicht von Dauer. Und was nicht natürlich ist, das zielt, je länger es währt, um so mehr nach Abspannung. Von dieser Art aber ist unser Eifer, der nichts mit der Natur gemein hat, und beständig mit ihr im Kampf ist. Tun wir uns also nicht beständig Gewalt an, so erschlaffen wir notwendig, und es erlischt unser Eifer. Darum ermahnt uns der heilige Apostel und spricht: "Legt den alten Menschen ab, der in Verblendung und Begierde zugrunde geht, ändert euer früheres Leben, und erneuert euren Geist und Sinn. Zieht den neuen Menschen an, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit." (Epheser 4,22-23)

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Betrachtung am 1. August - Von falschen Propheten

 

O Guter Hirt, sieh an die arme Erde,

Denn Wölfe wüten, ach, in deiner Herde.

O löse, die zum Würgen sie gebunden;

Und heile, die noch bluten an den Wunden.

 

1. "Hütet euch vor falschen Propheten, die in Schaffellen zu euch kommen, innerlich aber reißende Wölfe sind." Zu allen Zeiten traten falsche Propheten auf, die, vom Vater der Lüge gesandt, unter der Larve der Sanftmut die Herde Jesu Christi zu zerreißen suchten. Und furchtbar wirkte oft das süßliche Gerede dieser Heuchler. In glänzenden Worten erheben sie Gottes unendliche Güte, seine reinste Liebe, und schmähen als Finsterlinge diejenigen, die Gott zu einem Tyrannen machen, der den gebrechlichen Menschen wegen angeborener Schwächen ewig verdamme, nennen den bösen Geist eine Fabel, den Gehorsam eine Herabwürdigung des Menschen, die kirchlichen Gebote Menschensatzungen, Fasten und Bußwerke alberne Quälereien, die in die Rumpelkammer des Aberglaubens gehören, und lehren eine sogenannte Vernunftreligion, die sogar die weiseren Heiden verabscheut hätten.

 

2. "An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen." Wer kennt nicht die schrecklichen Früchte dieser Lehren. Ein Gott, vor dem der Brudermord und die höchste Aufopferung der Liebe gleichen Wert hätte, der den ruchlosen Verräter und den edelsten Wohltäter der Menschen mit der gleichen Seligkeit nach dem Tod beschenkte, oder beide vernichtete, wäre schlimmer als der schlimmste Tyrann. Auch sahen wir, dass die Anhänger dieser gottlosen Lehren nicht nur den Altar, sondern auch die Throne der Könige umstürzten, allen Lastern und Ausschweifungen Tür und Tor öffneten, und der Welt unheilbare Wunden schlugen, die nur die Allmacht des Erlösers heilen kann, den sie mit aller Wut, sogar aus seinem eigenen Evangelium, zu vertilgen gierten. 

 

3. Was aber wird das Ende sein? Fest und unwiderruflich steht der Ausspruch des Sohnes Gottes, den die Wut dieser falschen Propheten nimmermehr umstoßen wird: "Jeglicher Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und in das Feuer geworfen werden." Sowohl diese Satansknechte, die durch ihre gottlosen Lehren die Menschheit ins Verderben stürzen, als wir selbst werden zu jenem unauslöschlichen Feuer verdammt werden, wenn wir ihren Lehren Gehör geben, und die schlechten Früchte des Unglaubens und böser Sitten bringen. Denn warnend spricht der Herr zu uns allen: "Hütet euch vor den falschen Propheten. An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen." (Matthäus 7,15a + 16,a)

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Betrachtung am 2. August - Früchte guter Werke

 

Unnütz, ach verfloss mein Leben,

Und es brachte keine Frucht.

Zittern muss ich und erbeben,

Wenn mein Heiland Früchte sucht.

Ach, ich bin ein böser Baum.

Gib mir, Herr, zur Buße Raum.

 

1. "Der Gerechte wird sein gleich einem Baum, der an den Strömungen der Wasser gepflanzt ist, und seine Frucht geben wird zu seiner Zeit!" (Psalm 1,3) Der Herr selbst spricht von diesem Baum: "Ein guter Baum bringt gute Früchte." (Matthäus 7,17) Ein solcher Baum muss unsere Seele sein. Um aber wahre Früchte des Lebens zu bringen, muss sie tiefe Wurzeln in der Demut fassen, damit ihr Stamm um so kräftiger emporwachse, und Winden und Stürmen widerstehen kann. Oft auch muss sie ihre Äste zum Himmel erheben, auf dass sie von dem Tau der göttlichen Gnaden und Segnungen getränkt wird, denn nur auf solche Weise wird sie gute, reife und gesegnete Früchte bringen, die Gottes würdig sind.

 

2. Welche Früchte hast du gebracht, seit du auf der Welt bist? Was hast du Gutes getan? Für wen hast du gearbeitet? Und mit welchem Eifer? Mit welcher Treue hast du die Pflichten erfüllt, die Gottes Vorsehung dir angewiesen hat? Lukas 13,7: "Da sagte er zu seinem Weingärtner: Jetzt komme ich schon drei Jahre und sehe nach, ob dieser Feigenbaum Früchte trägt, und finde nichts. Hau ihn um! Was soll er weiter dem Boden seine Kraft nehmen?" Zittere, dass nicht etwa dieses Urteil auch über dich ergehe, wofern du dein Leben nicht besserst, und mehr Gutes tust, als du bisher getan hast.

 

3. O mein Heiland, habe Erbarmen mit mir. Ach, lange schon missbrauche ich deine Gnade. Lange schon verdiene ich getilgt zu werden aus dem Buch des Lebens, und als ein unnützer Baum ins Feuer geworfen zu werden. Dies bekenne ich in Reue und Zerknirschung vor dir. Doch, mein Gott, gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht. Habe noch Geduld mit mir. Alles hoffe ich mit deiner Gnade einzubringen, und die verlorene Zeit durch verdoppelten Eifer zu ersetzen. Segne diesen bisher unfruchtbaren Baum, und er wird grünen, blühen und fruchtbar werden. "Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen." (Matthäus 3,10)

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Betrachtung am 3. August - Von der innerlichen Sammlung

bei unseren Werken

 

Des Herzens Reinheit ist ein reicher Schatz,

Sie ist des Pilgerlebens schönster Flor;

Vollkommne Werke gehen daraus hervor,

Die treu gewirkt in Gottes reinem Lichte,

Und voll sind nach dem ewigen Gewichte.

 

1. Gott die Frucht eines vollkommenen Werkes darzubringen, sammle dich jedesmal im Innern. Beginne deine Arbeit mit Gottes Segen, und vollbringe sie in Ruhe und ohne Eile. Bedenke, für wen du arbeitest. Erneuere oftmals deine Absicht, Gott dadurch zu dienen, und opfere sie ihm zu seiner Ehre auf. Diese innerliche Sammlung von Zeit zu Zeit bringt viel Gutes mit sich. Sie wird über deine Fehler und Unvollkommenheiten dich aufmerksam machen, in der Demut dich erhalten und zu heilsamer Reue und Buße dich anregen. Ja sie wird dich auch wachsam erhalten, dein Böses bessern und es keine Wurzel in deinem Herzen greifen lassen.

 

2. Dieser Rückblick auf uns selbst erhält uns in Gottes Gegenwart, dessen Vergessenheit der Quell aller unserer Sünden und Fehler ist. Sie legt dem Willen einen heilsamen Zaum an, dass er seinen Begierden sich nicht überlassen kann, ordnet die Regungen des Herzens, erhält die Schwere der verdorbenen Natur aufrecht, die immer nach unten zielt, und fesselt den Leichtsinn des Gemüts. Diese Gott überaus wohlgefällige Treue erwirbt uns auch ein wunderbares Licht übernatürlicher Klugheit, worin wir die Regungen der Natur und der Gnade unterscheiden, die Schlingen feindlicher Versuchungen von weitem wahrnehmen, und führt uns zur wahren Freiheit und innerlichen Fröhlichkeit der Kinder Gottes. 

 

3. Dies war die Übung aller wahrhaft heiligen Seelen. Die beständige Sammlung im Innern reinigt von den Sünden der Vergangenheit und behütet vor künftigen. Sie lehrt unsere Worte uns zu überlegen, regt uns an, uns nach Gott zu sehnen, viele Akte der Liebe zu ihm zu erwecken und bereitet uns durch Reinheit der Sitten zur Vereinigung mit ihm. Dadurch bleibt der Geist rein und friedlich, und ist zu jeder Zeit zum Tod bereit. Diese heilige Sammlung ehrt Gott, sie erbaut den Nächsten, erschreckt den bösen Feind, erfreut die Engel und beseligt auf gewisse Weise den Menschen, da er beständig in der Gegenwart seines Gottes lebt. "Liebe Brüder, wenn das Herz uns nicht verurteilt, haben wir gegenüber Gott Zuversicht; alles, was wir erbitten, empfangen wir von ihm, weil wir seine Gebote halten und tun, was ihm gefällt." (1. Johannes 3,21-22)

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Betrachtung am 4. August - Trost in innerlicher Trockenheit

 

Bei Überdruss und Schmerz und Wunden

Bewähret sich die wahre Liebe.

Die ohne Freude fern verbliebe,

Wird ungetreu und falsch befunden.

 

1. Warum bist du traurig, dass alle Andacht dir verleidet ist, dass du die Freude nicht mehr darin findest, dass deine Liebe zu Gott erloschen scheint. Du seufzt, dass jedes Werk der Abtötung, das dir sonst so leicht war, dir nun unerträglich scheint, dass du nur mit großer Mühe einen Sieg über dich selbst erringst, dass du in Finsternissen schmachtest, und dass Gott sein Angesicht vor dir verbirgt. Gehe in dich und forsche! Vielleicht hast du Gott die Treue gebrochen, die Anzahl deiner Opfer verringert, oder nährst du etwa eine fremde Liebe in deinem Herzen? Ist dies so, so wundere dich nicht, dass Gott seinen Trost dir entzieht, sondern kehre zu deiner Treue zurück, und er wird sein Angesicht dir wieder in Freude zeigen.

 

2. Vielleicht aber lässt Gott aus weisen Absichten es zu, dass du nur Bitterkeit und Mühsale in seinem heiligen Dienst findest, wo anderen alles so leicht und freudvoll wird. Keiner auch noch so frommen Seele steht es frei, die Freude seiner göttlichen Liebe nach Verlangen zu empfinden. So erschrick denn nicht, wenn du selbst sie nicht empfindest. Dieser Überdruss an göttlichen Dingen, diese innerliche Trockenheit ist oft nur eine Reinigung der Liebe. Und wirft dein Herz dir nichts vor, hast du dich nicht einer sträflichen Nachlässigkeit überlassen, so bezeugt selbst dein Schmerz die Aufrichtigkeit deiner Gottesliebe.

 

3. Dieser innerliche Überdruss, der weder Geschmack am Gebet noch an guten Werken mehr findet, und worin du so oft dich überwinden musst, ist ein Kreuz mehr, dass Gott deinen übrigen Trübsalen beigibt. Und trägst du es geduldig, so wird es deine himmlischen Belohnungen reichlich vermehren. Die Vollkommenheit des Gebetes und der Werke hängt nicht von der Freude ab, die wir dabei empfinden, sondern von dem Willen und der Beharrlichkeit. Es wäre wohl sehr zu wundern, dass ein Werk dir schwer fällt, wenn die Salbung der Gnade alles versüßt. Aber in Überdruss und Untröstlichkeit Gott unbeirrt treu dienen: dies ist eine reine, eine edle und großmütige Liebe. "Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren." (Johannes 14,21)

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Betrachtung am 5. August - Von Gottes Lohn

 

Wer ist, o unerschaff`ner Gott, dir gleich,

Der du im unerreichten Lichte wohnest.

Und bei dir selbst, in deines Lichtes Reich,

Die hier dir dienten, durch dich selbst belohnest.

 

1. Arbeite beharrlich im Dienst deines Gottes, denn er ist getreu in seinen Verheißungen. Wer immer ihm dient, darf mit dem großzügigsten Lohn rechnen. Auch das Geringste, das du zu seiner Ehre tust, wird in das Buch des Lebens eingetragen. Er belohnt sogar einen Becher kalten Wassers, ein Geldstück, das du den Armen spendest. Seine Schätze sind unerschöpflich, und er hält diese Freigebigkeit sich zur Ehre. Viel zu arm ist die Welt, unsere Arbeiten zu belohnen, ja sie ist auch ungerecht, und hat nur Acht auf ihre Lieblinge. Kannst du je einer so meineidigen Herrin angehören wollen? Nie mehr! Dir allein, mein Gott, will ich dienen, der du allein treu, allein unendlich gütig bist.

 

2. Die Belohnungen Gottes sind überschwänglich. Unendliche Belohnungen für kurze Arbeit. So kann nur ein Gott belohnen. Was sind alle unsere Arbeiten, alle unsere Kämpfe, Aufopferungen, Mühsale und Leiden gegen das volle, eingedrückte, überfließende Maß einer unendlichen Glorie, die alle unsere Fassungskraft übersteigt. Was sind alle Belohnungen der Welt gegen solche Belohnungen? Auch das mit Geschenken überhäufte Schoßkind der Welt ist noch unzufrieden, denn nie können ihre vergänglichen Güter das Herz vollkommen sättigen. Die Glückseligkeit aber, die du, mein Gott, mir bereitest, ist die Fülle aller Freuden, die volle Sättigung meines Verlangens, denn du selbst, die unendliche Liebe und Glückseligkeit, bist mein überaus großer Lohn.

 

3. Die Belohnungen Gottes sind ewig. Alle Belohnungen dieser Welt sind vorübergehend und enden mit dem Leben. Die Belohnungen unseres Gottes aber sind ohne Ende, wie er selbst. Habe ich einmal die Gnade erlangt, in den Himmel aufgenommen zu werden, dann ist keine Unbeständigkeit, kein Wechsel mehr zu fürchten. Abgrundtief eingetaucht in den Ozean der Wonnen Gottes, bin ich selig in alle Ewigkeit. Von wie vielen Unfällen, Ängsten und Trübsalen hingegen wird selbst das höchste irdische Glück durchkreuzt, das nur so wenige Jahre dauert. Wer, der dies von Herzen erwägt, muss einst zum Dienst eines so freigebigen, so unendlich liebevollen Königs angezogen werden. "Gott, wie köstlich ist deine Huld! Die Menschen bergen sich im Schatten deiner Flügel, sie laben sich am Reichtum deines Hauses; du tränkst sie mit dem Strom deiner Wonnen. Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, in deinem Licht schauen wir das Licht." (Psalm 36,8-10)

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Betrachtung am 6. August - Gute und böse Beispiele

 

Wie leuchtet, Herr, die Seele schön und hell,

Die du zum Licht hast angefacht.

Doch, ach, wie streut des Bösen Aussaat schnell

Die tote Seele in der Nacht.

 

1. Ein schönes Licht in der heiligen Kirche, über dessen Glanz die Engel Gottes sich erfreuen, ist eine gottselige Seele, die andern durch fromme Beispiele voranleuchtet. Denn das gute Beispiel ist eine stille Predigt, die vieles sagt, ohne zu reden, die Guten erbaut, ohne sie zu ermahnen, die Trägen weckt, ohne sie zu beschämen, den Bösen predigt, ohne sie aufzuregen. Oft fällt ein solches Beispiel tief in die Seele, und wirkt darin wie ein heilsames Saatkorn im Verborgenen, bis es Frucht bringt zu seiner Zeit. Selig, wer als ein solches Licht im Herrn leuchtet, und andere durch sein Beispiel zur Liebe Gottes anzieht.

 

2. Bringt aber das gute Beispiel Früchte des Lebens hervor, so wirkt dagegen das böse Beispiel Früchte des Todes, und zwar um so reichlicher, als wir leider immer mehr geneigt sind, das Böse, als das Gute nachzuahmen. Das Böse ist gleich einer Erbsünde, die durch eine unglückselige Fruchtbarkeit unsterblich fortwuchert. Vergeblich ermahnen wir andere, wenn unsere Beispiele unserer Lehre widersprechen. Lieber glaubt man den Augen, als den Ohren, und vergisst die guten Ermahnungen, wenn die Ermahnenden selbst das Gegenteil dessen tun, wozu sie ermahnen, denn mächtiger wirken Beispiele, als Worte. Eine Sittenlehre, die im Widerspruch mit unserem Beispiel steht, erhärtet nur die Seele im Laster, und macht sie gefühllos für die Einwirkungen der Gnade.

 

3. Ach, Herr, mein Gott, gehe nicht ins Gericht mit mir Sünder, denn viel Unheil habe ich durch mein böses Beispiel angerichtet. Vielen war ich leider ein Stein des Anstoßes durch meine bösen Sitten. Viele hielten durch mein Beispiel zum Bösen sich berechtigt. Bitterer Schmerz durchdringt meine Seele bei diesem Gedanken. Tilge um deiner Barmherzigkeit willen das Böse, das ich nicht mehr ungeschehen machen kann, und verleihe mir die Gnade, mein Leben so zu bessern, dass ich durch gute Beispiele reichlich den Schaden wieder gut mache, den ich durch mein ungeordnetes Leben gestiftet habe. Psalm 19,13-14: "Wer bemerkt seine eigenen Fehler? Sprich mich frei von Schuld, die mir nicht bewusst ist! Behüte deinen Knecht auch vor vermessenen Menschen; sie sollen nicht über mich herrschen."

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Betrachtung am 7. August - Von der Beharrlichkeit bis ans Ende

 

O führe mich auf deinem Weg, und sende,

Herr, deine Gnade aus dem Reich des Lichts,

Auf dass mein Leben selig ich vollende;

Denn ohne dich, mein Gott, vermag ich nichts.

O kröne, was du gnädig angefangen,

Und lass dein Werk zur Seligkeit gelangen.

 

1. "Wer aber bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet." (Matthäus 10,22b) Dies ist ein Ausspruch der ewigen Wahrheit. Hüten wir uns also vor einem unsteten Leben, vor einem beständigen Übergang von Eifer zu Kaltsinn und sündhafter Trägheit. Denn nichts nützt es uns, auch wenn wir lange Zeit fromm leben, wenn wir nicht ausharren bis ans Ende. Viele, die einst gut und lobwürdig begonnen hatten, wurden zu einer Zeit aus dem Leben abberufen, wo sie weder an Gott noch an ihre Pflichten gedacht haben. Diese unglückseligen Beispiele sollten uns wahrhaftig eine ernste Warnung sein, denn dies kann auch uns so geschehen, wenn wir nicht ohne Unterlass wachsam sind.

 

2. Die Gnadenwahl besteht in einer Verkettung von Eingebungen und Gnaden, damit die Auserwählten durch fortwährende Tugendübungen bis zur Vollendung im Guten geführt werden. Wer diese glückselige Kette bricht, der bricht die Kette seiner Verdienste mit der Gefahr, sie nie wieder anzuknüpfen. Welcher Blödsinn treibt uns denn, von unseren guten Vorsätzen abzulassen? Haben Gott, sein heiliger Dienst und die himmlischen Belohnungen heute weniger Wert als gestern? "Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit." (Hebräer 13,8) Oder sind unsere heiligen Verpflichtungen nicht immer dieselben? Oder hätte deine Schwäche durch die Übung in der Frömmigkeit zugenommen? Setzen wir unser Heil durch unsere Unbeständigkeit nicht in so schwere Gefahr!

 

3. Die Gabe der Beharrlichkeit ist die Krone aller Gnaden, und sie wird nur durch ein getreues, bußfertiges und heiliges Leben verdient. Nur dadurch können wir Gottes Herz neigen, der sie auch nur denen verleiht, die ihn fürchten, lieben, und standhaft auf dem Weg seiner Gebote gehen. Weichen wir also nicht von dem wohlgeordneten Leben, wozu der Geist Gottes in den Tagen unseres festen Eifers uns anregte, und bitten wir jeden Tag dringend um diese Gnade. Der die Hand an den Pflug legt, das Ackerland seines Herzens zu bearbeiten, und zurücksieht auf die Lüste dieser Welt, der ist nicht geeignet für das Reich Gottes. "Sei getreu bis in den Tod; dann werde ich dir die Krone des Lebens geben." (Offenbarung 2,10b)

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Betrachtung am 8. August - Vom Tag der Rechenschaft

 

Bald nahet sich der Tag der Rechenschaft.

Bereite dich, o Seele, zum Gericht,

Und wirke Gutes nun mit Gottes Kraft;

Denn alles bringt der große Tag ans Licht.

 

1. Lass keinen Tag vorübergehen, ohne des Ausspruchs des Herrn zu gedenken: "Leg Rechenschaft ab über deine Verwaltung!" (Lukas 16,2) Denn woher der Untergang so vieler, wenn nicht daher, dass sie blind in den Tag leben, ohne dieser Rechenschaft jemals zu gedenken? Indessen ist ist es wie ein Auge, das alles sieht, ohne selbst gesehen zu werden, wie ein Ohr, das alles hört, ohne wahrgenommen zu werden, wie eine Hand, die alles aufzeichnet, aber verborgen ist. Gesehen werden wir, ohne zu sehen, beobachtet, ohne zu beobachten. Auch die kleinste Falte unseres Herzens ist demjenigen nicht verborgen, der unser Herz erschaffen hat.

 

2. Nichts verschwindet, nichts geht verloren, nichts gerät in Vergessenheit, alles geht von der Zeit in die Ewigkeit hinüber. Was wir noch so tief in Finsternis verhüllt glauben, wird einst in das hellste Licht treten. Ach, wie wird mir zumute sein, wenn das Buch meines Gewissens wird aufgetan werden, wenn die schändliche Geschichte meines Lebens vor aller Augen wird entschleiert werden. Wer kann noch eitlem Gelächter, wer noch den Albernheiten dieser Welt sich hingeben, wenn er an den Tag dieser Rechenschaft denkt. Erbebend rief der heilige Dulder Ijob bei dieser Betrachtung aus: "Dass du mich in der Unterwelt verstecktest, mich bergen wollest, bis dein Zorn sich wendet, ein Ziel mir setztest und dann an mich dächtest." (Ijob 14,13) 

 

3. Bedenke es wohl, Rechenschaft geben wirst du über das Gute, das du unterlassen, sowie über das Gute, das du getan hast. Rechenschaft wirst du geben über das Böse, das du begangen hast und begehen ließest, über das Böse, dass du für gut befunden und nicht verhindert hast, wozu du mitgeholfen hast, woran du durch Befehl, Rat, Billigung, Nachlässigkeit, Hilfe und Beispiel schuld warst. Und so vielfältig wirst du verdammt werden, als du Seelen in die Verdammnis gestürzt hast. O komm diesem schrecklichen Gericht durch ernste Buße zuvor. Verurteile dich selbst, auf dass Gott dich nicht verurteilt. Verzeihe, und es wird dir verziehen werden. Erzeige Barmherzigkeit, und du wirst Barmherzigkeit erlangen. "Denn wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit jeder seinen Lohn empfängt für das Gute oder Böse, das er im irdischen Leben getan hat." (2. Korinther 5,10)

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Betrachtung am 9. August - Von der gerechten Verwaltung zeitlicher Güter

 

Sind, Herr, mein Gott, nicht alle Dinge dein?

Und deine Herrlichkeit, die nichts bedarf,

Wie fordert doch so strenge und so scharf

Sie selbst den letzten Heller ein.

 

1. Gottes Vorsehung verleiht die zeitlichen Güter, je nach den Absichten ihrer Weisheit, den Guten und den Bösen. Denn nicht böse sind diese Dinge an sich, sehr böse jedoch ist ihr Missbrauch. Hat Gottes Güte dir zeitliche Güter gegeben, so mäßige die Anhänglichkeit daran, die den Menschen großen Gefahren und Versuchungen aussetzt. "Ein Besitz, schnell errafft am Anfang, ist nicht gesegnet an seinem Ende." spricht der Heilige Geist. (Sprichwörter 20,21) Selten untersucht er, ob auch die Mittel, die er anwendet, gerecht sind, und ob sie ihn nicht zu einem Ersatz nötigen, den er ohne Sünde nicht unterlassen kann, zumal, weil er dadurch den Nächsten nicht selten in Not und Schaden bringt.

 

2. Der Gerechte ordnet seine Ausgaben nach dem Ertrag seines Vermögens. Denn es ist Ungerechtigkeit, über sein Vermögen auszugeben, und himmelschreiender Raub, Schulden zu machen, von denen ein Mensch voraussieht, dass er sie nicht wird bezahlen können. Ja, die Ausgaben des wahren Christen stehen auch im Verhältnis zu seinem Stand. Er behält sich in den Schranken der Sittsamkeit, und betrachtet Kleiderpracht und unmäßiges Vergnügen als wahre Sünden, da er in der Taufe der Welt, ihrer Pracht und ihren Lüsten entsagt hat. Die Nacktheit der Armen und der Altäre ist eine schreiende Rüge der übertriebenen Pracht, sowohl in der Kleidung als in den Hausgeräten und anderen Dingen. Dahin zielt auch der Ausspruch des Herrn: "Denn was die Menschen für großartig halten, das ist in den Augen Gottes ein Gräuel." (Lukas 16,15b)

 

3. Schließlich wendet der Gerechte allen Fleiß an, das Vermögen, das Gottes Vorsehung ihm anvertraut hat, zu erhalten, und, ist er Familienvater, sogar zu vermehren, wenn anders dies rechtmäßig geschehen kann, um dadurch seine Kinder zu versorgen und in den Stand zu setzen, ihrem Verhältnis in der bürgerlichen Gesellschaft gemäß zu leben, auf dass sie nicht, wenn er ihr Vermögen verwahrlost, Gefahr laufen, ihre Ehre und ihr Heil preiszugeben. Dies aber ist heilige Pflicht, und ausdrücklich spricht der Apostel: "Wer aber für seine Verwandten, besonders für die eigenen Hausgenossen, nicht sorgt, der verleugnet damit den Glauben und ist schlimmer als ein Ungläubiger." (1. Timotheus 5,8) "Wenn der Reichtum auch wächst, so verliert doch nicht euer Herz an ihn." (Psalm 62,11b)

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Betrachtung am 10. August - Von Gottes Gaben

 

Herr, deine Weisheit dringt durch alle Dinge.

Sie wog den Stern und wog das Sandkorn ab.

Nichts ist, - was sie den Wesen gab, - geringe.

Nach ihrem Ruhm zielt alles, was sie gab.

 

1. Danke deinem Schöpfer jeden Tag aus innerstem Herzensgrund für alle guten Gaben, die er dir verlieh, sowie nicht weniger für alle, die er dir nicht gab. Denn gibt es auch vieles, das an sich gut und wünschenswert scheint, so würde es doch gewiss dir nicht zum Guten gereichen. Wie mancher, der durch eine blühende Gesundheit in Laster versunken wäre, die ihm den ewigen Untergang gebracht hätten, wurde durch Kränklichkeit und körperliche Leiden vor der Sünde bewahrt und wirkte sein Heil durch Geduld. Dies aber gilt vom Geld, vom großen Verstand, Ansehen, Wissenschaft und anderen Dingen, die das Verlangen des Menschen anziehen.

 

2. Bilde dir ja nicht ein, du würdest bei größerem Reichtum, bei glänzenderen Geistesgaben, oder auf einer höheren Stelle Gottes Ehre mehr fördern, oder des Guten mehr tun. Eine gefährliche Täuschung ist dies, die den Menschen unzufrieden mit den Gaben stimmt, die er von Gott empfing, und wodurch er verdrossen und nachlässig wird, sein Pfund nach seinem vollen Wert zu verwenden. Gottes unendliche Weisheit hat alles aufs genaueste abgewogen, sie wusste am besten, was jedem einzelnen, und was dem Ganzen ein Gewinn ist. Nicht die Menge, sondern die getreue Verwendung der Gaben erwirkt die himmlische Glorie, Nicht weniger wurde der Knecht, der zwei Talente gewonnen hatte, in die Freude seines Herrn aufgenommen, als der, der fünf Pfunde gewonnen hatte.

 

3. "Wem viel gegeben wurde," spricht der Herr, "von dem wird auch mehr gefordert werden." Zitterst du nun vor der Rechenschaft für die Gaben, die Gott dir verliehen hat: was würde es erst sein, wenn er noch mehrere und größere er dir verliehen hätte? Wie viele einfachen und demütigen Seelen gelangten in ihrer Einfalt und Demut zu einer hohen Stufe im Himmel, indes andere bei dem Glanz ihres Reichtums, ihres Ansehens oder ihrer Wissenschaft in Überheblichkeit und Ausschweifungen versanken, die ihnen den ewigen Untergang brachten. Dies bedenke und wirke dankbar mit Gottes Gaben, und du wirst den getreuen Knechten beigezählt und in die Freuden deines Herrn aufgenommen werden. "Die Weisung deines Mundes ist mir lieb, mehr als große Mengen von Gold und Silber." (Psalm 119,72)

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Betrachtung am 11. August - Gott sieht mich

 

O lass, mein Gott, vor deinem Angesicht

Mich durch das Leben schreiten.

Denn wandle ich in deiner Weisheit Licht,

Kann nie ich irre gleiten.

Dein Licht ist Gnade, Trost und Kraft

Im Laufe meiner Pilgrimschaft.

 

1. Was Gott einst zu Abraham sprach: "Geh deinen Weg vor mir, und sei rechtschaffen!" (Genesis 17,1b), das spricht er auch zu dir und zu jeder Seele, die er zum ewigen Heil beruft. Denn dieses Leben in seiner heiligen Gegenwart führt selbst zur Vollkommenheit. Eine Seele, die von dem Gedanken durchdrungen ist: Gott sieht mich!", er ist mir innig nahe, er durchschaut meines Herzens innerste Falten, nirgendwohin kann ich ihm entfliehen, nirgendwohin in seiner Unermesslichkeit vor seinen Blicken mich verbergen, eine solche Seele zittert vor der Sünde, und spricht mit Joseph: "Wie könnte ich ein so großes Unrecht begehen und gegen Gott sündigen?" (Genesis 39,9b)

 

2. "Gott sieht mich!" Wie lieblich tröstet und kräftigt dieser Gedanke jede wahrhaft innerliche Seele. Wie wunderbar wird sie dadurch gestärkt, auf dem Weg Gottes zu gehen. Wie unüberwindlich wird sie dadurch in ihren Kämpfen gegen Fleisch und Blut, und gegen alle Feinde ihres Heils. Dies trostreiche Bewusstsein versüßt alle ihre Trübsale, denn sie weiß, dass Gott ihr Zeuge ist, dass er ihre Leiden sieht, dass er selbst sie ihr zu ihrem Heil sendet, dass er so unendlich gütig als allsehend ist. Dies aber genügt ihr. Sie überlässt sich mit liebevollem Vertrauen seiner Vaterhand, denn Gott ist ihre Liebe und ihr überaus großer Lohn.

 

3. Warum liegt die Welt so tief im Argen? Warum ist der Erdkreis mit Schandtaten und Lastern, mit Strafen und Trostlosigkeit erfüllt? Weil niemand von der Wahrheit durchdrungen ist, die Vernunft und Glaube mit gleich lauter Stimme uns zurufen: "Gott sieht dich!" Was kräftigte und kräftigt alle Heiligen und Gerechten, allen Lockungen zur sündhaften Lust und zu Ungerechtigkeiten bis zum Blutvergießen zu widerstehen? Der Gedanke: "Gott sieht mich!" Je mehr du dich gewöhnst, in Gottes Gegenwart zu leben, um so mehr wird dies göttliche Licht in dir zunehmen, je vollkommener wirst du wirken, und je größer wird dein Friede und deine Seligkeit, selbst in diesem Leben, sein. Psalm 27,8: "Mein Herz denkt an dein Wort: Sucht mein Angesicht! Dein Angesicht, Herr, will ich suchen!"

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Betrachtung am 12. August - Die Tugend

 

Gib mir, Herr, dass ich gerade

Wandle auf des Heiles Pfade,

Und von dieser Tugendbahn

Zu dir strebe himmelan.

 

1. Die Tugend ist nichts anderes, als die Ordnung der Liebe. Tugendhaft sind wir, wenn wir, was höher und wichtiger ist, inniger, - was geringer ist, weniger lieben, und einer Sache nie größere Liebe schenken, als sie ihrer würdig ist. Der höchste Rang in dieser Liebe gebührt Gott, sowohl wegen seiner selbst, als wegen der zahllosen Wohltaten, mit denen er uns begnadete. Den zweiten Rang nimmt unsere eigene Seele ein, die nach Gott uns das Teuerste sein muss. Den dritten das Heil anderer Seelen. Und dann erst folgt das Wohl unseres Körpers, hierauf aber das zeitliche Wohl des Nächsten. Die höchste Tugend eines vernünftigen Geschöpfes also ist, jede Sache so hoch zu achten, als sie es verdient. 

 

2. Dankbar sprach die heilige Braut von ihrem göttlichen Bräutigam: "Er ordnet die Liebe in mir!" (Hoheslied 2) Das heißt, er verlieh mir, die rechte Ordnung in der Liebe zu halten, und besonders zu lieben,was besonderer Liebe würdig ist, das übrige aber im Verhältnis, als es die Liebe einer unsterblichen Seele verdient. In der Beobachtung dieser Ordnung besteht alle Gerechtigkeit und Vollkommenheit. Bitten wir täglich um diese Gnade zum Herrn. Denn worin anders liegt unsere Sündhaftigkeit, als dass wir auf verkehrte Weise lieben, und geringen und verächtlichen Dingen eine Liebe zuwenden, die sie nicht verdienen, und dagegen ohne Vergleich weniger lieben, was wir vor allem anderen lieben sollten. 

 

3. In so wunderbarem Einklang steht die Liebe Gottes und die Liebe zu unserer eigenen Seele, dass Gott nichts wohlgefällig ist, wenn es nicht auch zugleich unserer Seele heilsam ist. Denn wer immer Gott genug tut, sorgt dadurch für seine Seele, und wer immer für seine Seele sorgt, tut dadurch auch Gott genug, da durch Gottes unendliche Güte unser eigener wahrer Nutzen Gott das wohlgefälligste Opfer wird. Diese Ordnung hielten alle Gerechten so vollkommen, dass sie lieber das Leben lassen, als von ihr weichen wollten. Ihnen aber müssen wir nachfolgen, denn nie mehr sonst werden wir gerecht und selig werden. "Die Liebe ist das Halten der Gebote! Erfüllen der Gebote sichert Unvergänglichkeit, und Unvergänglichkeit bringt in Gottes Nähe." (Weisheit 6,18+19)

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Betrachtung am 13. August - Über die Freiheit des Gerechten

 

Wer selbst sich dient, dient einem bösen Herrn,

Und irrt als Knecht, von jeder Freiheit fern.

Nur wer der Weisheit Fesseln trägt, ist frei,

Ob er ein Herrscher oder Sklave sei.

 

1. "Die Fessel der Weisheit wird dir zum sicheren Schutz, ihre Stricke werden zu goldenen Gewändern," spricht die Schrift. "Ein Goldschmuck ist ihr Joch, ihre Garne sind ein Purpurgewand. Als Prachtgewand kannst du sie anlegen, sie aufsetzen als herrliche Krone." (Jesus Sirach 6,29-31) Nur wer diese Fesseln trägt, ist frei. Wer sie nicht trägt, der trägt Fesseln entweder der Schuld oder der Strafe. Die Fesseln der Weisheit aber sind die heiligen Gebote, die den Menschen von der harten Knechtschaft seiner selbst, von der Sklaverei der Begierlichkeit befreien. Wer dagegen die Fesseln der Begierlichkeit trägt, der ist, wie der Apostel spricht, unter die Sünde verkauft, und tut nicht das Gute, das er will, sondern das Böse, das er hasst. (Römer 7) Es herrscht also der Gerechte, der Sünder aber ist ein Knecht und Leibeigener der Sünde.

 

2. Die Fesseln der Weisheit binden den Gerechten nicht, sondern sie schmücken ihn wie eine goldene Gnadenkette, sie beschweren ihn nicht, sondern sie gereichen ihm zu hoher Ehre. Denn wer aus innerlichem Antrieb der Liebe wirkt, der empfindet die Bürde des heiligen Gesetzes so wenig, dass der Apostel spricht: "bedenkt, dass das Gesetz nicht für den Gerechten bestimmt ist." (1. Timotheus 1,9a), da er frei tun würde, was das Gesetz befiehlt. Dem Sünder dagegen kommt das Gesetz vor wie eine unerträgliche Last, die er auf alle Weise abzuwerfen versucht. Darum spricht der Herr vom Gerechten: "Mit menschlichen Fesseln zog ich sie an mich, mit den Ketten der Liebe." (Hosea 11,4a) Wohin aber? Allerdings in den Himmel, in die ewige Freude. 

 

3. "Es ergibt sich zuweilen," spricht der Weise, "dass einer aus den Fesseln zum Reich gelangt." Bei Verbrechern, die in Fesseln schmachten, ist dies ein überaus seltener Fall, aber bei jenen, die die Fesseln der Weisheit tragen, geschieht es jeden Tag. Wie weise also ist, wer in diesen seligen Fesseln bleibt, oder sie sich anlegt, wenn er sie noch nicht trägt. Er ist wahrhaft frei, Herr seiner selbst und der Welt, und hat die sichere Anwartschaft auf das ewige Reich. Was sind alle Schätze der Welt gegen diesen seligen Trost. "Wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit." (2. Korinther 3,17)

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Betrachtung am 14. August - Die Zeit der Heimsuchung

 

O lass, mein Gott, mich Gnade vor dir finden,

Und nimm mich nicht hinweg in meinen Sünden.

Gib mir, dass ich in Tränen sie bereue,

Und dir Gehorsam sei in Liebestreue.

 

1. Jerusalem wurde zerstört. Ihre Einwohner wurden zu Tausenden auf die unbarmherzigste Weise von den Römern niedergeschlagen, und kein Stein in ihr wurde auf dem anderen gelassen, weil sie den Tag ihrer Heimsuchung nicht kannte. Die Zerstörung dieser gottesmörderischen Stadt ist jedoch nur ein schwaches Bild einer Seele, die von Gott verworfen wird, weil sie die Zeit ihrer Heimsuchung nicht erkannt hat. Viele Propheten hatte Gott gesandt, Israel aus seiner Abgötterei und aus seinen Lastern aufzuschrecken, und beinahe alle wurden zu Jerusalem ermordet, bis sie schließlich den Sohn Gottes selbst ans Kreuz schlug, und dadurch das Maß ihrer Sünden erfüllte.

 

2. Wehe dem Sünder, der das Maß seiner Sünden erfüllt, und der Langmut Gottes Grenzen setzt. Wie lange schon drängt Gott dein Herz, vom Weg deiner Laster abzulassen, und dich zu ihm zu bekehren? Und noch immerfort verschließt du dein innerliches Ohr seinen liebevollen Einladungen und seinen Drohungen? Wie oft hast du seine Gnade trotzig zurückgewiesen? Schwere und bittere Widrigkeiten wendete Gottes Barmherzigkeit an, vom gähnenden Abgrund dich zurückzuschrecken, und immer widersetzte sich dein Starrsinn. Oder versprachst du dich zu bessern, so dauerte dies nur so lange, bis er dich deinem Elend abermals entriss. Glaubst du, du wirst seiner Barmherzigkeit immer ungestraft spotten? Sprichwörter 1,24-33: "Als ich rief habt ihr euch geweigert,meine drohende Hand hat keiner beachtet; jeden Rat, den ich gab, habt ihr ausgeschlagen, meine Mahnung gefiel euch nicht. Darum werde auch ich lachen, wenn euch Unglück trifft, werde spotten, wenn Schrecken über euch kommt, wenn der Schrecken euch wie ein Unwetter naht und wie ein Sturm euer Unglück hereinbricht, wenn Not und Drangsal euch überfallen. Dann werden sie nach mir rufen, doch ich höre nicht; sie werden mich suchen, aber nicht finden. Weil sie die Einsicht hassten und nicht die Gottesfurcht wählten, meinen Rat nicht wollten, meine ganze Mahnung missachteten, sollen sie nun essen die Frucht ihres Tuns und von ihren Plänen sich sättigen. Denn die Abtrünnigkeit der Haltlosen ist ihr Tod, die Sorglosigkeit der Toren ist ihr Verderben. Wer aber auf mich hört, wohnt in Sicherheit, ihn stört kein böser Schrecken." 

 

3. Ach, welche Stunde des Entsetzens, wenn die unglückselige Seele des Sünders, gleich einer belagerten Stadt von den grimmigsten Feinden der Hölle umringt, von zahllosen Sünden und Lastern geängstigt und in der höchsten Angst der Verzweiflung vor dem ewigen Richter erscheinen muss, den sie beleidigt, verachtet hat, und dessen Blut um Rache gegen sie schreit. Was ist furchtbar, wenn nicht ein solcher Tod. Und was sollen wir bedenken, wenn nicht unsere letzte Stunde. Galater 6,7: "Täuscht euch nicht: Gott lässt keinen Spott mit sich treiben; was der Mensch sät, wird er ernten."

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Betrachtung am 15. August - Am Fest Mariä Himmelfahrt

 

Maria schwebt zu Gottes Thron empor,

Die Engel leiten sie auf ihren Wegen;

Und von dem strahlenreichen Himmelstor

Kommt ihr die Schar der Seligen entgegen.

Sie alle jubeln in entzücktem Sinn

Und grüßen sie als ihre Königin.

 

1. Gleichwie der Hirsch nach den lebendigen Quellen, so dürstete Maria nach der Anschauung ihres Gottes. Und das Feuer der lebendigsten Liebe, das in ihrem heiligsten Herzen brannte, löste ihre gebenedeite Seele von ihrem Leib, dem lebendigen Tempel Gottes. Sie starb als ein Brandopfer der Liebe. Sie starb, in allen Dingen vollkommene Gleichförmigkeit mit ihrem göttlichen Sohn zu erlangen, und die Beschützerin ihrer sterbenden Verehrer zu werden, die mit Andacht sie anrufen, für sie zu bitten jetzt und in der Stunde ihres Todes. Rufen wir diese unsere mächtige Fürsprecherin jeden Tag in aller Andacht unserer Herzen an, und wir werden in der Zeit unserer Todesangst ihre Hilfe erfahren.

 

2. Kostete aber Maria den Tod, so schaute sie doch nimmermehr die Verwesung. Wie auch hätte es je der Ehre Gottes geziemt, diese heilige Arche, dies Heiligtum seiner Gnade, diesen unbefleckten Leib, aus dessen reinstem Fleisch sein eingeborener Sohn die Menschheit angenommen hatte, zu einer Speise der Würmer zu erniedrigen! Es bestehen unverwerfliche Zeugnisse, dass sie am dritten Tag erstand. Alle Väter sprechen dies in ihren Lobreden auf sie aus, und die Kirche führt diese Zeugnisse in ihren Tageszeiten an. "Aufgenommen ward Maria in den Himmel," spricht sie, "es erfreuen sich darüber die Engel und lobpreisen den Herrn."

 

3. Wie glorreich aber war die Aufnahme dieser wunderbaren Jungfrau. Alle Chöre der heiligen Engel kamen ihr, der Mutter ihres himmlischen Königs, entgegen, und huldigten ihr als ihrer himmlischen Königin. Alle heiligen Patriarchen und Könige Israels begrüßten sie frohlockend als ihre erlauchteste Tochter. Ja der König der Glorie selbst empfing sie, stellte sie der göttlichen Dreieinigkeit als seine hochgeliebte Mutter vor, und setzte sie auf den Thron der Glorie, wo sie nun als Königin des Himmels alle seligen Geister ewig erfreut und für die Kinder der heiligen Kirche bittet. Verehren wir sie durch Nachahmung ihrer heiligen Tugenden, damit wir einst Anteil an ihrer glorreichen Seligkeit erlangen. "Erhebe dich, Herr, zu deiner Ruhe; du und die Arche deiner Heiligung." (Psalm 132,8)

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Betrachtung am 16. August - Von der Feindesliebe

 

Sieh, Jesus weint in süßem Herzensdrang

Selbst über seiner Feinde Untergang.

Wer ist`s, der bei dem Anblick solcher Liebe

Noch lieblos gegen arge Feinde bliebe.

 

1. Betrachte die tiefe Rührung des heiligsten Herzens Jesu beim Anblick der Stadt Jerusalem, deren künftige blutige Zerstörung seinen Augen Tränen erpresst. O wie schmerzlich fällt ihm der Untergang sogar seiner Mörder. Wie barmherzig, wie liebevoll ist dies göttliche Herz. Wie anschaulich auch besiegelt Jesus hier seine Lehre von der Feindesliebe durch sein Beispiel. Soll aber dies göttliche Beispiel nicht auch auf uns einwirken? Können wir uns je Jünger Jesu nennen, wenn wir durch unseren Hass, durch unsere Unversöhnlichkeit gegen unsere Feinde dem bösen Geist nachfolgen?

 

2. Erfreue dich niemals über das Böse, das deinen Feinden widerfährt, und hüte dich, ihnen je Böses zu wünschen. Sie sind vielmehr deines ganzen Mitleids wert, denn mehr Böses tun sie sich selbst, als du ihnen tun könntest. Die Biene, die den Menschen sticht, peinigt ihn zwar für den Augenblick, doch sie selbst büßt diese Pein mit ihrem Leben. Also schadet ein Feind dir an deinem guten Ruf, an deinem Körper oder an vergänglichen Dingen. Sich selbst aber tötet er der Seele nach, und zieht sich den Fluch Gottes zu. Darum hasse du ihn nicht, und räche dich auch nicht, sondern bitte vielmehr für ihn, dass Gott ihm verzeihe, und erzeige dich als einen wahren Jünger deines Herrn.

 

3. Wenn böse Menschen dir Böses tun, so handeln sie wie sie selbst sind. Bist du aber ein wahrer Diener Gottes, so handle auch als einer, und sieh, wie du sie aus Bösen in Gute umwandelst. Dies aber wirst du nimmermehr durch Rache und gegenseitige Beleidigungen, wohl aber durch Langmut und Geduld bewirken. Und gelingt es dir auch dadurch nicht, so wirst wenigstens du selbst dadurch besser und einer höheren Seligkeit würdig werden. Sehr schwer ist es allerdings, dies feindliche Gefühl durch Liebe zu überwinden. Eben darum aber ist dies ein offenbares Zeichen der Auserwählung, weil es uns selbst die vollkommene Verzeihung unserer Sünden erwirbt. "Wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben." (Matthäus 6,14)

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Betrachtung am 17. August - Nochmals über die Feindesliebe

 

Herr, Liebe hat dich in den Tod getrieben,

Uns, die wir Feinde waren, zu versöhnen.

O gib uns, - dein Erlösungswerk zu krönen, -

Dass wir, wie du befiehlst, die Feinde lieben.

 

1. "Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde!" (Matthäus 5,44a) Ich, euer Schöpfer und allerhöchster Herr, ich, der ich euch Dasein und alle Wohltaten des Lebens verliehen habe, ich, der ich mich herabließ, Mensch zu werden und für euch zu sterben, um von der ewigen Verdammnis euch zu erretten, ich, der ich euch den Himmel verheiße, wenn ihr mir gehorcht. Wunderbar! Gott befiehlt dem Meer: "Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter, hier soll der Stolz deiner Wogen sich brechen!" und der vollkommenste Gehorsam erfolgt. Er befiehlt dem Menschen, dem er Verstand und Freiheit verlieh, und seine ganze Allgewalt vermag es nicht, die Wogen seines Zornes und Hasses zu brechen.

 

2. Was aber befiehlt uns Gott, das er nicht selbst täte? Vom Thron seiner Herrlichkeit verzeiht er undankbaren Geschöpfen, die gegen ihn sich empören. Und zwar nicht einmal, sondern zu tausend Malen. Wie oft verzieh er dir selbst deine Frevel, da er doch mit einem Hauch seines Mundes dich vertilgen könnte. Und wie verzeiht er? Von Herzen, ohne Verzug, alles, sogar die schmählichsten Beschimpfungen. Er verzeiht von der Höhe seines Kreuzes seinen Feinden und Mördern. Wer kann solchen Beispielen widerstehen! Schämst du dich, zu tun, was Gott tut? Bist du schwerer beleidigt als er? Sind seine Feinde grausamer als seine Feinde? Ein Ungeheuer ist, wer einen solchen Gott anbetet, und Rache im Herzen nährt!

 

3. Vermögen es aber weder die zahllosen Wohltaten, noch der Befehl deines allerhöchsten Herrn, noch seine unendlichen Belohnungen, dein hartes Herz zu erweichen, so fürchte, dass dir widerfährt, was dem boshaften Knecht widerfahren ist, dem der Herr die große Summe von zehntausend Talenten erlassen hat, und der seinem Mitknecht nicht hundert Pfennige erlassen wollte. Fürchte, dass er den Peinigern, den Schergen seiner Gerechtigkeit, den höllischen Dämonen dich übergibt, und zu den feurigen Kerkern seines Zornes dich verdammt. Dürfen wir uns aber je wundern, dass der Allerhöchste nach so unaussprechlichen Wundern seiner Barmherzigkeit den unversöhnlichen Bruderhass also bestraft. "Jeder, der seinen Bruder hasst, ist ein Mörder, und ihr wisst: Kein Mörder hat ewiges Leben, das in ihm bleibt." (1. Johannes 3,15)

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Betrachtung am 18. August - Die Feindesliebe:

ein Merkmal der Auserwählung

 

Du kamst, Herr, alle Feindschaft zu vernichten,

Und einen Bund der Liebe zu errichten.

O tilge, Jesus, allen Hass in mir,

Und bilde mich durch Liebe ähnlich dir.

 

1. Der schönste Sieg einer christlichen Seele ist der Sieg über ihre Neigungen und Abneigungen. Es ist dem Menschen angeboren, einen Freund zu lieben, weil ihm dies Vergnügen gewährt. Aber einen Feind lieben: dies ist etwas, wogegen die Natur sich empört. Dies fordert Kämpfe, es ist der Probierstein der christlichen Tugend. Indessen muss diese Abneigung überwunden werden, denn der Hass tötet die Liebe, die Liebe aber ist das Leben aller Tugenden. Darum auch gibt es keine stärkere, keine reinere, keine göttlichere, keine verdienstlichere Liebe, als die Liebe eines Feindes, nämlich eines Menschen, der nichts an sich hat, das wir natürlich lieben können. 

 

2. Sie ist die stärkste Liebe, weil sie über den größten Feind der Natur, über den Hass triumphiert. Sie ist die reinste, weil nur Gott uns dahin bewegt, dass wir lieben, was nichts der Liebe Würdiges an sich hat. Sie ist die göttlichste, weil die Natur es nimmermehr über sich gewinnen kann, zu lieben, was ihr missfällt. Sie ist die verdienstlichste, weil nichts schwerer ist, als gegen sich selbst zu kämpfen, um gegen seine Neigung zu lieben. Wie weit hast du es hierin gebracht? Bedenke wohl, dass wer einen Menschen von seiner Liebe ausschließt, dadurch selbst von Gottes Liebe ausgeschlossen ist, und rufe seinen Beistand beständig an, bis du einen vollkommenen Sieg über dich errungen hast.

 

3. Gott liebt alles, was er erschaffen hat. Er hasst nur die Sünde. Ihm wohnt keine natürliche Abneigung inne, weil seine Liebe ohne Grenzen, oder vielmehr weil er die Liebe selbst ist. Ebenso haben auch großmütige Seelen, die mit seiner Gnade sich selbst besiegten, keine Feindschaften, denn sie beherrschen ihre Neigungen, und sind nicht geteilt wie die, die nur aus Neigung lieben. In ihren Herzen ist wie im Herzen Gottes alles in tiefem Frieden. Nichts kann sie beunruhigen, als die Sünde, weil sie der Liebe entgegen ist. Dies ist das sicherste Merkmal der Gottähnlichkeit und der Auserwählung. "Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner?" (Matthäus 5,46)

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Betrachtung am 19. August - Vom geistigen Tempel unseres Herzens

 

O halte deines Herzens Tempel rein,

Nichts Fremdes gehe dorten aus und ein.

Dem Herrn geheiligt ist dieser Ort;

Und zieht die Sünde ein, dann zieht er fort.

 

1. Kein materieller Tempel, wäre er auch prächtiger und reicher als Salomos hochherrlicher im Innern mit dem reinsten Gold überdeckter und mit den reichsten Gefäßen geschmückter Tempel, lässt mit dem geistigen Tempel unseres Herzens sich vergleichen, der nicht durch das Blut der Tiere, sondern durch das Blut Jesu Christi selbst geheiligt und zur Wohnstätte der göttlichen Dreieinigkeit geschmückt wurde, wo Gott selbst unsere Anbetungen, unsere Bitten und unsere Opfer erwartet. Überaus rein und heilig muss dieser Tempel sein, denn von ihm gelten die Worte: "Denn Gottes Tempel ist heilig, und der seid ihr." (1. Korinther 3,17b)

 

2. Niemals sah man den sanftmütigen Erlöser so zornig, als da er in den Tempel kam und sah, wie er durch Menschen entheiligt wurde, die da kauften und verkauften, Geld einwechselten, Gefäße und Gerätschaften hindurch trugen, und durch den Verkauf von Ochsen, Schafen und Tauben dies heilige Haus des Herrn in eine Mördergrube umwandelten. Nicht erwehren konnte er sich, eine Geißel aus Stricken zu flechten, und diese Käufer und Verkäufer samt ihren Tieren hinaus zu treiben. Diese Strafen, die der Herr an denjenigen übte, die diesen materiellen Tempel entheiligten, sind indessen nur Bilder der Strafen, die er über die Entheiliger seines geistigen Tempels verhängt. Oft stürzt er ihre Wechslertische, das heißt ihr zeitliches Vermögen, um, und schlägt sie mit den schauderhaftesten Krankheiten. 

 

3. Geh in dein Inneres ein, prüfe dein Gewissen und durchforsche dein Herz. Du klagst über mancherlei Drangsale, über Verdruss, Krankheiten, innerliche Trockenheit und anderes. Sieh jedoch, ob in dem Tempel deines Herzens nicht irgend ein Götze steht, den du anbetest, ob du nicht der Ehrfurcht, dem Geiz oder einer andern falschen Gottheit opferst, ob du nicht mit irdischen und tierischen Begierden unterhandelst. Ist dies so, dann suche keine anderen Ursachen deiner Trübsale, dies sind die Geißeln, die Jesus geflochten hat, diese Götzen hinauszutreiben, die seinen Eifer aufregen. Denn er allein will hier herrschen. Und herrschen auch wird er gewiss, und zwar durch seine Gerechtigkeit, wenn du ihn nicht in seiner Güte darin herrschen lässt. "Herr, deinem Haus gebührt Heiligkeit für alle Zeiten." (Psalm 93,5)

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Betrachtung am 20. August - Besuch des heiligsten Altarsakramentes

 

O Quell des Lebens und der Himmelswonnen,

Den deine Engel unsichtbar umringen:

Wie glühen hier, in Himmelslust zerronnen,

Die Seelen, die sich dir zum Opfer bringen.

 

1. Lass keinen Tag vorübergehen, ohne deinem göttlichen Heiland im Sakrament seiner Liebe die Huldigungen deiner Anbetung und Liebe darzubringen. Denn ist er auch nur den Augen des getreuen Glaubens sichtbar, so ist er doch wahrhaft und wesentlich auf dem heiligen Altar gegenwärtig. Und er verbirgt sich unter den heiligen Gestalten, damit wir nicht in dem Glanz seiner Glorie vergehen. Schütte also dein Herz vor ihm aus und entfalte ihm die Armut, die Krankheiten deiner Seele, denn Schätze der Gnaden sind in seiner Rechten, und er ist der barmherzige Arzt, der jede Seele heilt und liebevoll tröstet, die in Andacht und im Vertrauen der Liebe zu ihm kommt.

 

2. Wie wunderbar hat seine unendliche Liebe in diesem göttlichen Sakrament sich erschöpft. Was für eine Einöde wäre diese Welt ohne die lebendige Gegenwart unseres göttlichen Hirten, der hier mitten unter den Schafen seiner Herde wohnt. Alle Gläubigen, von den ersten Zeiten der Kirche angefangen bis zur Vollendung aller Zeiten, sind eins durch ihn, der sie alle durch sich selbst ernährt, seinen Geist ihnen erteilt, und sie dadurch zur künftigen Seligkeit bereitet. In diesem göttlichen Sakrament schöpfen sie Trost, Kraft, Freude, selige Hoffnung und unsterbliche Liebe, die er im reichlichsten Maß den auserwählten Seelen erteilt, die ihn hier besuchen und sich ihm zum Opfer bringen.

 

3. Mit so himmlischer Freundlichkeit zieht er seine getreuen Schäflein an, dass die Erde ihnen wahrhaft unwichtig wird, dass sie um seinetwillen alle Trübsale des Lebens freudig ertragen, alle Versuchungen des Fleisches, der Welt und des bösen Geistes starkmütig überwinden, und einen wahren Vorgeschmack des Himmels empfinden. Diese Gnaden kennen aus glückseliger Erfahrung alle treuen Seelen, die ihren göttlichen Geliebten oftmals besuchen. Sie fürwahr kosten und schauen, wie lieblich der Herr ist. Was für eine Schmach, dass unser himmlischer König, der aus Liebe zu uns Sündern sich herablässt, unter uns zu wohnen, von den Seinen verlassen ist. Vermehre nicht auch du die Anzahl dieser Undankbaren. "Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen." (Matthäus 11,29)

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Betrachtung am 21. August - Von der wahren Heiligkeit

 

Herr, heilig bist du, unser Gott allein;

Und heilig sind erschaffene Naturen

Durch deines heil`gen Lichtes Wiederschein;

Denn heilig sind nur dann die Kreaturen,

Wenn eins ihr Wille ist mit deinem Willen,

Und sie in Lust und Leiden ihn erfüllen.

 

1. Unsere Heiligkeit besteht darin, dass wir unablässig in Gottes heiliger Gegenwart leben, und ihn niemals aus dem Blick verlieren. Die glückseligen Himmelsbürger sind von den Verdammten darin unterschieden, dass die einen Gott immerdar schauen, die anderen aber ihn ewig nie schauen werden. Eben so unterscheiden sich die Heiligen, die noch in dieser Pilgerschaft vorangehen, dadurch von den Bösen und von den Unvollkommenen, dass die Heiligen beständig auf Gott ausgerichtet sind, die anderen aber an ihn niemals, oder nur selten denken. Bist du also weder heilig noch vollkommen, so liegt die Ursache offenbar darin, dass du nicht in deinem Innern andächtig bist, und nicht vor den Augen Gottes lebst. 

 

2. Unsere Heiligkeit ist eine Anteilnahme an Gottes Heiligkeit und eine Wirkung durch sie. Gott ist heilig und glückselig, weil er die lebendige Fülle seiner unendlichen Glorie in sich besitzt und notwendig liebt. Heilig und glückselig aber sind wir nach dem Maß, als wir voll Gottes und voll seiner Liebe sind. Er muss unseren Geist und unseren Willen erfüllen, und unser Äußeres muss eine Wirkung dieser Fülle sein. Warum bist du nicht heilig? Weil du voll von dir selbst bist, und auch nur an dich selbst denkst. Denn was ist der Grundtrieb deiner Werke: ist es Gottes Geist, oder ist es die Natur, die Eigenliebe, die Eitelkeit, das Vergnügen, der Eigennutz?

 

3. Endlich besteht unsere Heiligkeit in einer vollkommenen Gleichförmigkeit mit dem göttlichen Willen. So wie die Erkenntnis Gottes die Richtschnur unserer Urteile ist, also muss sein Wille die Richtschnur unseres Verlangens sein. Wer da urteilt wie Gott, ist weise; und der da will was Gott will, ist heilig. Es ist also die Heiligkeit keine Sache, die außerhalb der Grenzen unserer Möglichkeit liegt, vielmehr ist sie uns nahe und leicht. Kannst du nicht fasten, keine strengen Bußwerke tun, nicht ausdauernd betrachten, so kannst du doch Gott lieben, und in allen Dingen nach seinem heiligsten Willen dich richten. Mehr aber bedarf es nicht, heilig zu sein. "Das ist es, was Gott will: eure Heiligung." (1. Thessalonicher 4,3)

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Betrachtung am 22. August - Vom Vertrauen im Gebet

 

Dich sucht, o Gott, dir ruft mein Herz

In Trübsal, Angst und Not und Schmerz,

Wenn alle Hilfe mir gebricht.

Denn du bist meine Zuversicht.

 

1. Wenn wir arm an geistigen Gütern, oder in Angst wegen der künftigen Dinge, oder aber ohne Trost in unseren Trübsalen sind, so tragen wir daran selbst die Schuld, weil wir unsere Zuflucht nicht zu Gott, unserem einzigen wahren Helfer und Tröster, nehmen, unser Gemüt nicht über alles Irdische zu ihm erheben und seiner Barmherzigkeit nicht aus ganzer Kraft unseres Herzens vertrauen. Denn Gott liebt unser Gebet, und er selbst verhieß feierlich, uns zu erhören, zumal wenn wir ihn im Namen seines Eingeborenen bitten, denn durch die Erhörung unseres Gebetes wird seine Allmacht, seine Liebe und seine Barmherzigkeit verherrlicht. Treten also anders wir in Demut und festem Vertrauen vor das Angesicht unseres Gottes, nimmermehr werden wir dann beschämt zurückkehren. 

 

2. Gott kennt allerdings unser Elend, und er bedarf es nicht, dass wir es ihm entfalten. Aus unendlicher Liebe aber ließ er, der alle seine Geschöpfe und ihre Verhältnisse von Ewigkeit kannte, sich herab, mit dem Menschen auf menschliche Weise umzugehen, und in das Verhältnis eines Vaters zu seinem Kind zu treten, damit wir unsere Not ihm so entfalten, als wäre sie ihm unbekannt. Darum auch befiehlt er selbst: "Rufe mich an am Tag der Not; dann rette ich dich, und du wirst mich ehren." (Psalm 50,15) Wusste etwa der Sohn Gottes nicht, dass sein himmlischer Vater ewig kannte, um was er in seiner heiligsten Menschheit ihn bitten würde? Und dennoch brachte er ganze Nächte im inbrünstigsten Gebet vor ihm zu.

 

3. "Gesegnet der Mann," spricht der Prophet, "der auf den Herrn sich verlässt und dessen Hoffnung der Herr ist. Er ist wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist und am Bach seine Wurzeln ausstreckt: Er hat nichts zu fürchten, wenn Hitze kommt; seine Blätter bleiben grün; auch in einem trockenen Jahr ist er ohne Sorge, unablässig bringt er seine Früchte." (Jeremia 17,7-8) Ja nicht nur den Gerechten, selbst den Sünder, der dem Herrn seine Wunden in Demut zeigt und ihn um Heiligung bittet, hört er mildreich an und entlässt ihn mit dem Trost seiner Barmherzigkeit, wie wir an dem reumütigen Zöllner sehen. "In deiner Huld denk an mich, Herr, denn du bist gütig." (Psalm 25,7b)

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Betrachtung am 23. August – Die unvollkommene Frömmigkeit

 

Liebe wirkt ein reines Werk,

Denn Gott ist ihr Augenmerk;

Aber wenn sie Gott nicht rein erkor,

Steigt ihr Feuer mit viel Rauch empor.

 

1. Hüten wir uns vor einer pharisäischen Frömmigkeit. Denn es gibt nicht wenige Menschen, die sich für gerecht und aufrichtig fromm halten, aber dabei so eitel und so sehr von sich selbst eingenommen sind, dass sie beinahe jeden Verdienst ihrer Frömmigkeit vor Gott verlieren. Sie zählen ihm zwar ihre guten Werke nicht vor, gleich dem Pharisäer, haben es aber gerne, dass die Menschen davon wissen. Und zwischen zwei Werken, von denen das eine im Verborgenen geschehen könnte, und eben darum verdienstlicher wäre, finden sie immer einen scheinbaren Vorwand, das andere zu wählen, das nicht ohne Zeugen geschehen kann. Übergeht man sie ohne Lob, so wissen sie auf geschickte Weise sich selbst zu loben.

 

2. Wird etwas zu Gottes Ehre oder zum Wohl der Armen gemeinsam beschlossen, dann soll alles nach ihrer Meinung geschehen. Wird ihre Ansicht nicht beachtet, dann beklagen sie sich lauthals, und nichts geschieht dann richtig, weil nichts nach ihrem Willen geschieht. Sie ertragen zwar einen Widerspruch oder verächtliche Begegnung um der Tugend und Frömmigkeit willen, aber der Trost, um für eine so gute Sache zu leiden, genügt ihnen nicht. Sie müssen auch anderen erzählen, mit wie großer Geduld sie ihren Beleidiger angehört, wie sanft sie ihm geantwortet, und wie sehr sie sich dabei überwunden haben. Mitleidig sehen sie auch auf andere herab, die nicht auf ihre Weise fromm sind, da sie es doch oft richtig machen würden, sich nach ihnen zu richten, die Gott in ihrer Einfalt und guten Absicht weit besser dienen, als sie selbst.

 

3. So lange wir Gott nicht unser ganzes Herz zum Opfer bringen und allein für seine Ehre wirken, ohne darauf zu achten, ob die Menschen uns loben oder tadeln, werden unsere Tugenden zwar oft so wie Gold glänzen, nie mehr aber werden sie das volle Gewicht des Goldes haben. Ja oft werden wir Wunder glauben, was wir Großes getan haben, obwohl wir doch nur unsere Eigenliebe befriedigten. Denn die Eitelkeit ist ein Wurm, der die besten Früchte der Tugenden auffrisst. Weisheit 6,3b: „Der Herr, der eure Taten prüft und eure Pläne durchforscht.“

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Betrachtung am 24. August – Von der wunderbaren Kraft der Zerknirschung

 

Ach, wer wird mir Tränen geben,

Zu beweinen meine Schuld,

Dass, mein Gott ich deine Huld

Schwer beleidigt durch mein Leben;

Dass ich treulos, undankbar

Und ein schnöder Frevler war.

 

1. „Gott, sei mir Sünder gnädig.“ Betrachte diesen Ausruf des demütigen Zöllners. Eine so gewaltige Kraft übte er auf das Herz des himmlischen Vaters aus, dass er alle Schuld dieses zerknirschten Sünders augenblicklich tilgte und ihn in einen Gerechten umwandelte. Ist auch diese tiefe und empfindsame Zerknirschung nicht zur Vergebung notwendig, da der Schmerz des aufrichtigen Willens hierzu genügt, so ist sie doch überaus wirksam, das Herz wegen ihrer durchdringenden Kraft zu reinigen und zu einer lebendigen Liebe zu bereiten. Wer daher diese tiefsinnige Zerknirschung empfindet, der danke Gott von ganzem Herzen, denn sie ist wirklich eine der größten Gnaden Gottes.

 

2. Ist es auch richtig, dass wir die Sünde wegen des Schadens bereuen, den sie unserer Seele, ja den sie selbst unserem zeitlichen Leben brachte, so dringt doch dieser Schmerz nicht bis in das göttliche Vaterherz ein, das nur gerührt wird, wenn wir eine tiefe Wehmut darüber empfinden, dass wir seine unendliche Liebe und Güte, die uns von Ewigkeit geliebt und mit zahllosen Wohltaten unverdient beschenkt hat, durch schnöden Undank beleidigt haben. Und je tiefer dieser Schmerz, umso reinigender ist er. Ja er geht bei wahrhaft liebenden Gemütern oft so weit, dass er alle Schuld und Strafe tilgt, weil die Liebe, der er entspringt, die Menge der Sünden bedeckt.

 

3. Je tiefer nämlich die Wehmut über die göttliche Beleidigung ist, um so größer ist offenbar die Liebe, und je größer die Liebe ist, um so unbegrenzter ist das Vertrauen auf Gottes unendliche Güte. Dieses Vertrauen der Liebe aber erwirkt die Gnade und Freundschaft Gottes, der das Licht seines Trostes in das Herz gießt, so dass eine solche Seele ihn dann weit inniger liebt, als wenn sie nie gefallen wäre, Gottes Gerechtigkeit an sich selbst rächt, und die Sünde weit ängstlicher vermeidet, als selbst den Tod. Dies war die Zerknirschung aller heiligen Seelen. Selig wir, wenn wir uns hierin täglich üben, und diese überaus große Gnade durch Gebet und Tränen erbitten. 1 Johannes 4,18a: „Furcht gibt es in der Liebe nicht, sondern die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht.“

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Betrachtung am 25. August – Von voreiligen Urteilen

 

Herr, dir allein geziemet das Gericht,

Denn klar siehst alles du im reinsten Licht.

Ein Frevler ist, wer seiner selbst vergisst,

Und andere zu richten sich vermisst.

 

1. Ein gehöriges und rechtmäßiges Urteil zu fällen, müssen wir das Recht dazu, eine genaue Sachkenntnis und eine reine Absicht haben. Betrachten wir den Pharisäer. Wer gab ihm das Recht, alle anderen Menschen als „Räuber, Ungerechte und Ehebrecher“ zu verurteilen, ja selbst den demütigen Zöllner zu verdammen, der in aller Andacht und Zerknirschung vor dem Allerhöchsten kniete. Wie oft aber greifen wir gleich ihm dem gerechten Urteil Gottes vor, der allein der wahre Richter von uns allen ist, und greifen wir in sein Recht ein. Ohne Unrecht kann man von uns urteilen, dass wir vermessen, stolz und anmaßend sind.

 

2. Wie oft auch täuschen wir uns in unseren Urteilen, weil wir nach dem bloßen Anschein richten, als ob einer Handlung nicht mehr als eine Ursache zu Grunde liegen könnte. Gott allein dringt in den Grund der Herzen ein, nur er durchblickt den wahren Zusammenhang der Dinge. Darum überlässt auch ein gottesfürchtiger Mensch das Urteil allein Gott. Betrachten wir den gottesfürchtigen Zöllner. Wie weit ist er entfernt, jemand zu richten. Vielmehr hält er sich selbst für den größten Sünder der Welt, und betrachtet den stolzen Pharisäer als einen heiligen Mann, als einen Freund Gottes, zu dem er nicht würdig ist, empor zu blicken. Wie beschämt seine Demut unsere Anmaßung.

 

3. Schließlich richten wir auch ohne reine Absicht. Meistens ist unser Urteil durch Leidenschaft oder Eigennutz beeinflusst: denn woher kommt unsere Gunst für den einen und unsere Ungunst für den anderen, außer weil wir für jenen, und gegen den anderen eingenommen sind? Es sind also unsere Urteile ohne Nächstenliebe wie komplett falsch. Seien wir daher liebevoll in unseren Urteilen, oder vielmehr, richten wir niemand als uns selbst, und zwar mit aller Strenge. Denn wenn wir uns selbst richtig betrachten, wenn wir mehr als genug an uns zu richten finden. Bald kommt der Tag, an dem Gott alle unsere vermessenen Urteile richten wird. Matthäus 7,1-2a: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden.“

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Betrachtung am 26. August – Über die Verfolgung der Gerechten

 

Streng und stark zieht deine Hand,

Unser Gott, die Auserwählten -

Durch die Strafe, - wenn sie fehlten,

Von des ew`gen Abgrunds Rand.

Darum preisen selbst im Schmerz

Sie dein mildes Vaterherz.

 

1. Wenn gottesfürchtige Menschen dir widerstreben und gegen dich sind, dann geh in dein Inneres und prüfe dich, ob sie nicht gerechten Grund dazu haben. Stellen dagegen die Bösen deine Geduld auf die Probe, dann hast du Ursache zur Freude. Betrüben dich die Guten, dann kannst du vermuten, dass du nicht auf gutem Weg bist. Beschimpfen dich aber die Bösen, so darfst du hoffen, dass es gut um dich steht. Es ist nicht möglich, den Guten und den Bösen zugleich zu gefallen. Suchst du den Bösen zu gefallen, so wirst du Gott missfallen, wirst du aber von ihnen gehasst, dann wird seine Liebe dich trösten.

 

2. Die Verfolgung ist für uns zwar nicht erfreulich, doch sie ist für uns heilsam, oft sogar notwendig. Sie drängt uns, auf dem Weg zum Himmel fortzuschreiten, wenn wir gerne auf der Erde uns aufhalten möchten. Sie löst uns von den Geschöpfen, die uns abhalten Gott zu lieben. Sie hält uns in den Schranken unserer Pflicht, reinigt uns von schweren Fehlern, kräftigt unsere schwachen Tugenden, verleidet uns das gegenwärtige Leben, und regt uns an, uns nach dem zukünftigen zu sehnen. Sie ist eine väterliche Rute Gottes, die uns nach Hause treibt, wenn wir draußen umherlaufen, damit wir bei uns selbst bleiben, und lieber tun, was Gottes Vorsehung von uns fordert.

 

3. Bedenke, ob du zu Gott gehören würdest, wenn die Welt dich geliebt hätte? Überlege, ob du zu ihm zurückgekehrt wärst, wenn sie dich nicht gleichsam vertrieben hätte? Der Vater des Erbarmens war es, der sie gegen dich sein ließ. Er verbot ihr, dich freundlich aufzunehmen und dich zu lieben. Alle seine Geschöpfe setzte er in Bewegung gegen dich, und bestreute deinen Weg mit Dornen, damit du keine Ruhe darauf findest. Mit barmherziger Strenge verfolgte er dich. Er hasst zwar die Sünde der Verfolger, aber er verwendet die Verfolgung zum Heil seiner Auserwählten. Psalm 119,71: „Dass ich gedemütigt wurde, Herr, war für mich gut; denn so lernte ich deine Gesetze.“

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Betrachtung am 27. August – Von der Hut des Herzens,

die Gnade der Andacht zu erlangen

 

Das Herz wogt wie ein Schiff auf hohem Meer

Bei Sturm und Winden unablässig fort.

Lenkst du es schlaff, irrt stets es hin und her,

Und niemals kommt es in den sichern Port.

 

1. Unser Herz ist der Quell unserer Werke. Und unfehlbar sind unsre Werke wie der Quell, dem sie entfließen. Daher müssen wir, nach der Ermahnung des Weisen, unser Herz mit aller Sorgfalt hüten. Denn es gehört zu dem Elend des Menschen, dass dies Herz so leicht zerstreut wird, und dass es so große Mühe kostet, es zu sammeln und zur Andacht zu stimmen. Reinigen wir es von allen eitlen Gedanken und ungeordneten Neigungen, denn unser Erkenntnisvermögen und unser Wille sind gleich den Tafeln des Mose, die gereinigt und geebnet werden mussten, bevor der Herr sein heiliges Gesetz darauf schrieb.

 

2. Das Herz des Sünders ist gleich einer Hauptstraße, wo bei Tag und Nacht geht und kommt, wer immer will. Das Herz wahrer Diener Gottes aber ist gleich einem verschlossenen Garten, wo nur Gott und göttliche Dinge Einlass erhalten. Aber nicht nur vor eitlen Gedanken, sondern auch vor den Angriffen der natürlichen Leidenschaften müssen wir uns hüten, wenn wir die Gnade der Andacht bewahren wollen, denn Liebe, Hass, Freude, Traurigkeit, Furcht, Hoffnung, Zorn und andere Regungen dieser Art sind gleich Stürmen, die dieses innerliche Meer durchwühlen. Sie sind gleich Nebeln, die den Anblick des himmlischen Lichtes entziehen, und große Verwirrungen anrichten, weshalb wir beständig an uns arbeiten müssen, unser Herz in Ruhe zu erhalten.

 

3. Nie mehr werden wir wahrhaft innerlich und andächtig werden, wenn wir uns nicht abtöten und unseren Regungen einen Zaum umwerfen, zumal unserer Liebe, der Wurzel aller anderen. Denn die Liebe sehnt sich nach ihrem geliebten Gegenstand, sie fürchtet ihn zu verlieren, und schwebt beständig zwischen Verlangen, Furcht, Freude und Hoffnung. Wohin sie aber immer zielt, dahin wenden sich alle unsere Gedanken, Sorgen und Begierden. Daher muss unser ganzer Fleiß dahin gerichtet werden, dass unsere Liebe über nichts sich erfreut, außer über Dinge, die zu Gott führen, und über nichts traurig wird, als über solche, die von ihm entfernen. Denn wie unser Erlöser in Matthäus 6,21 spricht: „Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“

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Betrachtung am 28. August – Am Fest des heiligen Augustinus

 

Wenn heil`ge Flammen stark das Herz entzünden,

Verzehren sie die letzte Spur der Sünden;

Der Liebe Balsam heilt den alten Schaden,

Und weiht das Herz zum Wohnsitz aller Gnaden.

 

1. Bekehrungen im hohen Alter sind selten. Augustinus wartete dies hohe Alter nicht ab, er bekehrte sich bereits als junger Mann. Und wie schwer wurde ihm diese Bekehrung. Die Bande, mit denen er gefesselt war, schienen unauflöslich. Und so groß waren die Hindernisse, dass er ihre Überwindung für unmöglich hielt. Ja sein eigener Wille war geteilt. Mal wollte er, mal wollte er nicht. Und seine Angst, seine Kämpfe, seine Unentschlossenheit waren furchtbar. Trotzdem siegte er endlich mit Gottes Gnade. Und so ernst war seine Buße, dass er seine Sünden veröffentlichte und dadurch gleichsam verewigte. Lerne deinen Hochmut überwinden, und alles Übrige wird dir leicht werden.

 

2. So vollkommen war die Bekehrung dieses großen Heiligen, dass er nie wieder in seine alten Sünden zurückfiel. Die göttliche Liebe hatte gänzlichen Besitz von seinem Herzen genommen. Kaum gab es je ein scharfsinnigeres Genie. Ein Strom feuriger Beredsamkeit fließt in seinen Schriften, und sein Wissen war wie ein Abgrund von Kenntnissen. Alle diese Gaben verwendete er nun, die heiligen Wahrheiten der Offenbarung zu entwickeln, und die Feinde der Kirche zu widerlegen und zu bekehren. Noch heutzutage sind seine Schriften ein belehrendes Licht, und er wird als der tiefsinnigste Lehrer betrachtet und befragt. Worauf verwendest du deine Kenntnisse: zu Gottes Ehre, oder zu deiner Eitelkeit?

 

3. Mit unermüdlichem Liebeseifer verbreitete Augustinus jenes Feuer, das der Herr auf Erden gesandt hatte, die Herzen zur Liebe zu entzünden. Er begründete und leitete einen der frühesten kirchlichen Orden, predigte, lehrte, unterwies die Katechumenen, und glühte, die Seelen zu bekehren. Und dabei führte er das bußfertigste Leben, und starb auch während er Bußübungen verrichtete. Folgen wir den Lehren und Beispielen dieses großen Heiligen, und entsprechen wir der Gnade mit ebenso großer Treue, und sie wird auch in uns mächtig sein. Er konnte wirklich mit dem Apostel, 1 Korinther 15,10, sagen: „Doch durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben. Mehr als sie alle habe ich mich abgemüht – nicht ich, sondern die Gnade Gottes zusammen mit mir.“

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Betrachtung am 29. August – Vom Hüten des Mundes

 

Ordne, Herr, mein Herz und meine Worte,

Und behüte meines Mundes Pforte:

Dass nie ein Wort von meinen Lippen schalle,

Das deinem reinsten Ohr, mein Gott, missfalle.

 

1. Wie friedlich würden wir durch dieses Leben gehen, wenn wir gleich einem geistigen Taubstummen manches überhörten, und zu manchen Dingen ganz schwiegen. Als Jesus den Taubstummen geheilt hatte, spricht die Schrift: „Und er redete recht.“ Dass der Herr diese Gnade auch uns verleihen würde. Denn, Jakobus 3,6, „auch die Zunge ist ein Feuer, eine Welt der Ungerechtigkeit.“ Gewiss kommen die meisten Schwierigkeiten, die das Leben uns verbittern, vom Übel der Zunge. Bedenken wir, um recht reden zu lernen, oft diesen Ausspruch unseres Herrn, dass wir von jedem unnützen Wort Rechenschaft geben werden, und geben wir uns größte Mühe, nichts zu reden, das nicht Gottes Ehre oder das Heil, die Erbauung und das Wohl des Nächsten fördert.

 

2. Recht redet, wer, wenn die Vernunft oder die Notwendigkeit es erfordert, mäßig, bescheiden und mit Sanftmut spricht. Hast du so gesprochen und in zweifelhaften Fällen deine Meinung aufrichtig gesagt, so sei gleichmütig dabei, ob man dir zustimmt oder deine Ansicht nicht teilt, zumal wenn keine Gefahr dabei besteht. Und lass dich in keinen Streit ein, sondern gestatte jedem, frei zu denken was er will, und kümmere dich nicht darum, was die Menschen von dir halten mögen, sondern bemühe dich im Frieden zu bewahren. Liegt aber die Pflicht bei dir, zu ermahnen oder einen Verweis zu geben, so besänftige früher dein Gemüt durch innerliches Gebet, erwäge deine Worte vor Gott, und bedenke Zeit, Ort und Umstände, damit aus deinen Worten die Frucht des Friedens und der Besserung hervorgehe.

 

3. Leicht ist ein Wort gesprochen, aber nicht leicht sind die Folgen des Wortes zu tilgen. Es zündet oft wie ein Funke ein Feuer an, das nicht mehr zu löschen ist. Darum auch entkommt kein Wort unserem Mund, das nicht bald unserer Rechtfertigung oder zu unserer Verdammnis für den Gerichtstag aufgezeichnet wird. Denn unsere Worte sind der Abdruck unseres Herzens und kommen auch aus seiner Fülle. Deshalb bittet der Prophet dringend den Herrn in Psalm 141,3: „Herr, stell eine Wache vor meinen Mund, eine Wehr vor das Tor meiner Lippen.“

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Betrachtung am 30. August – Von der Bezähmung der Zunge

 

Es brennet oft aus einem Wort

Ein unauslöschlich Feuer auf;

Drum, zähmst du nicht der Zunge Lauf,

Reißt sie dich bis zur Hölle fort.

 

1. Jakobus 1,26: „Wer meint, er diene Gott,“ spricht der Apostel, „aber seine Zunge nicht im Zaum hält, der betrügt sich selbst, und sein Gottesdienst ist wertlos.“ Diesem Ausspruch zufolge sind unsere Worte ein Spiegel unseres Gottesdienstes. Und wahr ist, wer Gott fürchtet und seinem heiligen Dienst in Wahrheit sich weiht, der wird mit seiner Zunge, mit der er ihn lobt, nie mehr unwahre, unzüchtige, sündhafte Worte sprechen, weil die ihm innewohnende Gnade ihn erleuchtet und seine Zunge regiert, so dass er nur nach reifer Überlegung und der Wahrheit gemäß spricht, was Gott zur Ehre, dem Nächsten aber zum Nutzen und zur Erbauung gereicht. „Denn aus des Herzens Überfluss spricht der Mund.“

 

2. Willst du also Gott wirklich dienen, so wende mit seiner Gnade großen Fleiß an, deine Zunge zu bezähmen. Denn sehr schwer ist es, sie zu regieren, da sie nicht auf ihre eigenen Sünden sich beschränkt, sondern auch in alle übrigen einfließt. Nicht nur verläuft sie sich in hochmütigen Prahlereien, Lügen, Verleumdungen, falsche Schwüre und ähnliche Laster, sondern sie lehrt, rät und befielt auch anderen Sünden, und entschuldigt und verteidigt sie sogar, wenn sie begangen wurden. Weshalb auch der Apostel sie „ein Feuer, eine Welt der Ungerechtigkeit“ nennt, die oft in einem Augenblick Übel anrichtet, die keine Zeit mehr zu heilen vermag.

 

3. Eitel und wertlos ist also unser Gottesdienst, wenn wir unsere Zunge nicht bezähmen. Denn diese Bezähmung ist nicht nur eine Bezähmung unserer Worte, sondern zugleich auch unserer Leidenschaften. Sie bändigt den Zorn, die Ungeduld, den Geiz, den Neid, den Hass, die Unzucht und andere lasterhafte Neigungen, von denen die Zunge angetrieben wird zu sprechen, was sie nicht sollte, und in deren Überwindung ein wesentlicher Teil des wahren Gottesdienstes, die christliche Selbstverleugnung, besteht. Sind also diese Leidenschaften gebändigt, so ist es auch die Zunge, dem Ausspruch des Weisen, Sprichwörter 26,20a, zufolge: „Ist kein Holz mehr da, erlischt das Feuer.“ Denke an den Ausspruch unseres Herrn in Matthäus 12,37: „Denn aufgrund deiner Worte wirst du freigesprochen, und aufgrund deiner Worte wirst du verurteilt werden.“

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Betrachtung am 31. August – Über die Worte: „Er hat alles wohl gemacht“

 

Was, Herr, du tust, ist wohl getan.

Doch blind ist oft des Menschen Wahn.

Der deine Führung nicht erkennt,

Und, was ihn ordnet, böse nennt.

 

1. Alles hat der Herr sehr gut gemacht, alles hat er wohl geordnet, alles wohl getan. Diese Worte sind ein Quell unversiegbaren Trostes in allen Bitterkeiten und Drangsalen unseres Lebens. Denn wenn wir erwägen, dass Gott alles bis auf das kleinste Stäubchen in unendlicher Weisheit geordnet hat, dass ohne seinen Willen kein Haar von unserem Haupt fällt, dass wir durch kurzen Schmerz, durch vorübergehende Verachtung und leichten Verlust ewigen Leiden entkommen, und dass das Leichte und Augenblickliche unserer Trübsal ein unermessliches Gewicht der Glorie in den Höhen uns erwirkt: müssen wir dann nicht mit Danksagung ausrufen: Alles, was Gott tut, ist wohlgetan!

 

2. Gott hat das allerhöchste Recht über uns, denn wir sind sein Eigentum durch die Schöpfung. Er ist unser unumschränkter Herr und unser beständiger Wohltäter. Er hat das vollkommenste Recht, mit uns zu üben, uns zu prüfen, zu bestrafen, zu führen, und nach seinem Wohlgefallen mit uns zu schalten und zu walten. Was immer er tut, ist wohl getan, denn er ist die unendliche Güte. Rufen wir daher in allen unseren Prüfungen mit dem königlichen Seher in Psalm 62,6-7, aus: „Bei Gott allein kommt meine Seele zur Ruhe; denn von ihm kommt meine Hoffnung. Nur er ist mein Fels, meine Hilfe, meine Burg; darum werde ich nicht wanken.“

 

3. Unsere Religion ist die Religion des Kreuzes. Leiden wir also im Geist dieser Religion mit Geduld und mit der festen Überzeugung, dass wir dabei nichts verlieren, wohl aber alles zu gewinnen haben. Gott konnte uns den Himmel schenken, allein seine unendlich gütige Weisheit wollte des Ehrgefühls edler Menschenherzen schonen, die ein Gut, das sie verdienten, weit höher achten, als wenn es ihnen bloß zum Geschenk gegeben würde. Und darum sendet er uns vielfältige Gelegenheiten zu, immer mehr himmlische Güter zu erwerben, und belohnt unsere Geduld und Liebe über alles Maß. Alles, was Gott tut, ist wohlgetan! Jakobus 5,8: „Ebenso geduldig sollt auch ihr sein. Macht euer Herz stark, denn die Ankunft des Herrn steht nahe bevor.“

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Betrachtung am 1. September – Vom freien Wirken Gottes

 

Wie wirkest, Herr, du wunderbar.

Wer kann dir widerstehen.

Nach deinem Wink muss immerdar

Sogar der freien Geister Schar

In ihrer Freiheit gehen.

 

1. Gottes weise Vorsehung wacht über alle einzelnen Wesen der Schöpfung mit so großer Sorgfalt, als wäre jedes einzelne das einzige, und leitet in seligster Ruhe alle zu ihren verschiedenen Zielen. Ungeteilt umfasst sie alle Dinge, und sorgt mit gleicher Aufmerksamkeit für die Erhaltung einer Ameise, wie für die des größten Monarchen. Denn nichts ist groß oder klein vor Gott. Die Schöpfung einer Welt kostet seiner Allmacht nicht mehr, als die Schöpfung einer Mücke. Aber indem er die leb- und vernunftlosen Geschöpfe nach unausweichlichen Gesetzen leitet, regiert er die freien Willen der Vernunftwesen auf die wunderbarste Weise, ohne Zwang, nach der Richtschnur seines ewigen Willens.

 

2. Gleichwie die Sonne, die den Himmel erleuchtet und vielen Gestirnen ihr Licht mitteilt, auch den Straßenschmutz bestrahlt, ohne dass dadurch ihre reinen Strahlen im mindesten beschmutzt werden, so dringt auch das Auge Gottes, dessen Anschauung die Engel entzückt, in die kleinlichsten Verhältnisse ein, ohne sich zu erniedrigen. Es sieht und duldet die größten Laster und Verbrechen. Ohne die Freiheit des Menschen zu stören, leitet er diese Freiheit. Nie jedoch nötigt er sie, denn er behandelt den Menschen mit großer Schonung. Ja er richtet sich sogar nach seinen Neigungen, seine Liebe zu gewinnen, und wendet selbst unsere Verirrungen an, uns zu sich zurück zu führen.

 

3. Aber wehe der Seele, die dieser liebevollen Leitung sich widersetzt. Denn sanft, aber mächtig führt Gottes Weisheit ihre Absichten aus, und leitet selbst unseren Willen, wie frei er auch immer ist, ohne Zwang dahin, wohin es ihr gefällt. Ohne dem Menschen Gewalt anzutun, überwindet Gott alle Hindernisse, ja die Hindernisse selbst müssen ihm dienen, seine Absichten um so unfehlbarer auszuführen. Widersetzt sich daher unser Wille dem barmherzigen Willen Gottes, dann wird er gezwungen, dem gerechten Willen Gottes sich zu unterwerfen. Darum unterwerfen wir uns ihm aus ganzem Herzen, damit er seine Güte an uns zeige, und hüten wir uns vor Widersetzlichkeit, dass wir nicht die Strenge seiner Gerechtigkeit erfahren. Weisheit 8,1: „Machtvoll entfaltet die Weisheit ihre Kraft von einem Ende zum anderen und durchwaltet voll Güte das All.“

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Betrachtung am 2. September - Vom Lob Gottes

 

Erschwinge dich, mein Herz, nach oben,

Den Herrn zu preisen immerdar,

Der dich erschaffen, ihn zu loben

Mit seiner Auserwählten Schar.

Laut juble ihm mit Herz und Geist,

Den alles, was da lebet, preist.

 

1. Psalm 103,1: "Lobe den Herrn, meine Seele, und alles in mir seinen heiligen Namen." Immer soll das Lob Gottes in unserem Herzen und in unserem Mund sein, da wir und alle Geschöpfe zum Lob Gottes erschaffen sind. Alle auch loben ihren Schöpfer auf ihre Weise. "Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes, ein Tag verkündet dem anderen seine Herrlichkeit." Alle Kreaturen sind eben so viele Stimmen, die die Größe, Allmacht, Weisheit und Güte ihres Schöpfers offenbaren. So vereinige denn auch dich mit ihnen, und stimme in dieses liebliche Konzert ein. Biete alle deine Kräfte dazu auf, denn niemals wirst du Gott genug loben, der alles Lob unendlich übertrifft.

 

2. Ohne Vergleich mehr jedoch als alle Lobgesänge lobt ein frommer Lebenswandel unseren Gott. Dies ist ein Lob, das nie verklingt. Jede Tugend lobt Gott auf besondere Weise. Die Keuschheit lobt die unendliche Reinheit der göttlichen Natur, der Glaube lobt seine allerhöchste Wahrheit, der Gehorsam seine allerhöchste Oberherrschaft über alle Geschöpfe, die Hoffnung die Großmut seiner göttlichen Verheißungen, die Liebe seine unendliche Vollkommenheit und Güte. Dies ist das Lob, von dem der Herr in Psalm 50,23a spricht: "Wer Opfer des Lobes bringt, ehrt mich." Wie lobst du deinen Gott? Ist dein laues und nachlässiges Leben nicht vielmehr ein Spott, als ein wahres Lob Gottes? "Nicht schön", spricht die Schrift, "ist das Lob und des Sünders Mund."

 

3. Seien wir eifrig, Gott aus reinem und sehnsüchtigem Gemüt zu loben. Loben wir ihn in Freude und Wohlergehen, in Leiden und Trübsal. Dies ist die Beschäftigung aller Gerechten auf Erden, und die schönste Freude und Seligkeit aller Heiligen im Himmel. Ziehen wir, so viel wir vermögen, auch andere durch Wort und Beispiele zum Lob Gottes hin, denn er ist unser Heil und unsere Seligkeit. Alle Augenblicke unseres Lebens, alle Pulsschläge unseres Herzens sollen ein immerwährendes Lob Gottes sein. Psalm 34,2+4: "Ich will den Herrn allezeit preisen; immer sei sein Lob in meinem Mund. Verherrlicht mit mir den Herrn, lasst uns gemeinsam seinen Namen rühmen." 

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Betrachtung am 3. September - Gott lässt unsere Fehler zu

 

Kein Sterblicher ist, ach, von Fehlern frei,

So lang er nicht vollendet seine Bahn;

Doch wenden, rein zu werden, Fleiß sie an,

Stehst, Herr, du huldreich deinen Dienern bei.

 

1. Vollkommen zu werden ist die Aufgabe des christlichen Lebens. Wie sehr wir aber immer nach der Vollkommenheit ringen, sind dennoch in diesem Leben selbst die größten Heiligen nicht gänzlich frei von allen Fehlern, wie einer der größten von ihnen bezeugt, wenn er in Jakobus 3,2a spricht: "Denn wir alle verfehlen uns in vielen Dingen." Gott aber lässt es zu, dass wir mit Fehlern behaftet bleiben, damit wir seine liebevolle Güte erkennen, die uns mit so großer Geduld erträgt, wo wir oft uns selbst kaum ertragen können. Wir verzagen beim Anblick unserer Fehler, Gott aber hört darum nicht auf, uns zu lieben. Wie zart, wie liebevoll ist diese Güte!

 

2. Die zweite Ursache, warum Gott es zulässt, dass wir in diesem Leben nie gänzlich frei von Fehlern werden, ist, damit auch wir selbst die Fehler unserer Nächsten mit Geduld ertragen. Denn Gott ist ein Gott des Friedens und der Liebe, und will, dass seine Kinder durch die Bande einer vollkommenen Liebe vereint sein sollen, die sich nicht ohne Geduld ausüben lässt, weil alle Menschen ihre Fehler haben. Viel, ja sehr viel haben oft andere von uns zu leiden. Wie ungerecht also wären wir, wenn wir von niemand etwas ertragen wollten. Darum mahnt uns der Apostel und spricht in Galater 6,2: "Einer trage des anderen Last; so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen."

 

3. Die dritte Ursache schließlich ist, damit wir immer von Gottes Hilfe abhängig bleiben, und unsere Zuflucht zu seiner göttlichen Güte nehmen. Auch sind unsere Fehler gleich einem heilsamen Schleier, der unsere wenigen Tugenden vor uns verbirgt, uns vor Eitelkeit zu bewahren. Also wurde der große Weltapostel von beschämenden Versuchungen geplagt, damit er demütig verbliebe. Indessen verlangt Gott dennoch, dass wir allen Fleiß anwenden, unsere Untugenden abzulegen und täglich vollkommener zu werden, aber auch nicht verzagen, wenn wir zuweilen noch in Fehler verfallen. Denn sind anders wir guten Willens, so werden solche uns nicht schaden, sondern zur Übung unserer Demut und unseres Vertrauens auf Gottes väterliche Güte gereichen. Sprichwörter 24,16a: "Denn siebenmal fällt der Gerechte und steht wieder auf."

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Betrachtung am 4. September - Vom innerlichen und geistigen Menschen

 

Kehrst du, o Mensch, nicht in dein Innres ein,

Wirst ewig du ein armer Fremdling sein;

Und wär dein Reichtum wie des Meeres Sand,

Du kehrtest dennoch heim mit leerer Hand.

 

1. Der innerliche Mensch gestattet den Sinnen nur, was er ihnen nicht entziehen darf. Bei allen Bedürfnissen, denen die menschliche Natur ihn unausweichlich unterwirft, drängt er die Gier zurück, hält sich in Schranken und heiligt den Gebrauch der Dinge. Immer wachsam über sich, tritt er niemals gänzlich aus sich selbst heraus, beherrscht seine Sinne und züchtigt sie gleich rebellischen Sklaven, die nur dann sicher gehorchen, wenn sie Strafe fürchten. Tust du das nicht, so wirst du niemals dahin gelangen, ein innerlicher Mensch zu werden. Wie unwürdig aber ist es eines Jüngers Jesu, von der Neigung, von der Eitelkeit, von der Leidenschaft, von der Sucht nach Vergnügen sich fortreißen zu lassen.

 

2. Nicht wer die Wege Gottes und die Regeln des geistlichen Lebens kennt, sondern wer sie ausübt, ist ein geistiger Mensch. Er erhebt gleichgültige Handlungen durch Reinheit der Absicht und eifrige Liebe zu einem sehr hohen Wert, und gewinnt sogar den verächtlichsten reiche Schätze für die Ewigkeit ab. Bei heiligen Werken aber lässt er äußerlich nur erscheinen, was die Pflicht und das gute Beispiel fordern. Das Wesentliche aber, nämlich seinen Eifer, seine Liebe, seinen Gehorsam, hält er im Innern verborgen. Er kennt keinen Zeitverlust, immer entspricht er der Gnade Gottes getreu, und sogar seine Fehler gereichen ihm zum Nutzen. Ist dies dein Leben? Und warum ist es das nicht?

 

3. Ach, mein Gott, ich darf es nicht wagen, den Blick in deiner heiligen Gegenwart zu erheben, denn ich muss bekennen, dass die größte Verkehrtheit in meinem Herzen herrscht. Sogar meine Andachtsübungen sind eitel und ohne Leben. In allen Dingen lau, träge, zerstreut und untreu, bin ich nur Augenblicke eifrig, da meine Feigheit den Ernst einer beständigen Wachsamkeit fürchtet. Darum auch bin ich nach so langer Zeit noch immer schwach, noch immer mit den genannten Fehlern behaftet, und fern von allem innerlichen Leben. O komm mit mir deiner allmächtigen Gnade zu Hilfe, und erbarme dich meiner. Psalm 80,4: "Gott, richte uns wieder auf! Lass dein Angesicht leuchten, dann ist uns geholfen." 

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Betrachtung am 5. September - Die heiligen Engel

 

Ihr Engel, die ihr Gottes Thron umringet,

Und Lobgesänge ihm, dem König, singet,

O schirmet liebreich unsren Pilgerlauf,

Und nehmet dann in euern Chor uns auf.

 

1. Die heiligen Engel sind ein lebendiges Abbild Gottes, sie sind die ersten Strahlen seiner Glorie, das erste Werk seiner Allmacht und Weisheit, und ihre Schönheit übertrifft ohne allen Vergleich die höchste Schönheit aller körperlichen Wesen. Der heilige Evangelist Johannes, der einen Engel sah, erstaunt über seine Schönheit, über seinen Adel und die Majestät so sehr, dass er ihn für Gott selbst hielt, und aufs Angesicht fiel, ihn anzubeten. Gott schuf diese glorreichen Geister in zahlloser Menge und setzte sie allen Werken seiner Schöpfung vor, weshalb auch der Apostel sie verwaltende Geister nennt. "Ehren wir diese himmlischen Fürsten, die uns als künftige Gefährten ihrer Glorie lieben und beschützen", heißt es im Brief an die Hebräer.

 

2. Die heiligen Engel sind jenes Licht, dass Gott von den Finsternissen trennte, als sie die Prüfung bestanden hatten, der er auch seine Engel unterwarf. Die stolzen Engel dagegen, die sich gegen ihren Schöpfer empörten, wurden auf ewig aus dem Reich des Lichtes verstoßen. Dies war dieser große Kampf, wo der heilige Erzengel Michael an der Spitze seiner getreuen Engel gegen Satan sich erhob, den er durch die Worte stürzte: "Wer ist wie Gott?" Gott erlaubt diesen bösen Geistern, seine Auserwählten zu versuchen, damit sie siegen können. Antworten wir also auf ihre sündhaften Einflüsterungen und Versuchungen mit dem heiligen Erzengel: "Wer ist wie Gott?" Er ist der Herr, ihm allein werde ich gehorchen.

 

3. Gott gab jedem Sterblichen auf der gefährlichen Pilgerreise dieses Lebens einen Engel zum Begleiter und Beschützer. Und lieben sollen wir diese heiligen Engel, sie anrufen in Gefahren, und ihrem Schutz vertrauen. Wir leben nun im Glauben und können nicht alle Wohltaten erkennen, die wir unseren heiligen Schutzengeln verdanken. Aber wenn einst der Schleier von unseren Augen fallen wird, dann werden wir erstaunen, was diese seligen Geister für uns getan haben. Ehren wir diese unsere himmlischen Beschützer durch ein reines Leben, damit sie unsere Freunde und Verteidiger beim künftigen Gericht sind. Exodus 23,20+21: "Ich werde einen Engel schicken, der dir vorausgeht. Er soll dich auf dem Weg schützen und dich an den Ort bringen, den ich bestimmt habe. Achte auf ihn, und hör auf seine Stimme! Widersetze dich ihm nicht! Er würde es nicht ertragen, wenn ihr euch auflehnt; denn in ihm ist mein Name gegenwärtig."

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Betrachtung am 6. September - Von der Glückseligkeit des Christen

 

Wie selig, Jesus, ist, wer dich erkennt.

Wer dich von Herzen seinen König nennt,

Und als ein Bürger lebt in deinem Reiche,

Nichts ist, das seiner Seelenfreude gleiche. 

 

1. Lukas 10,23+24: "Jesus wandte sich an die Jünger und sagte zu ihnen allein: Selig sind die, deren Augen sehen, was ihr seht. Ich sage euch: Viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und wollten hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört." Alle Gerechten, alle Propheten und heiligen Könige Israels hatten nach der Ankunft des verheißenen Messias sich gesehnt, durch den die Welt gesühnt und geheiligt werden sollte. Sie alle aber begrüßten, wie der Apostel spricht, die Verheißung von ferne, und gingen vorüber. Selig wir, denen verliehen wurde zu sehen, was sie nicht sahen: das Reich Jesu Christi, das auf dem ganzen Erdkreis verbreitet ist, und fortwährend sich verbreitet, wo die Quellen der Erlösung fließen, und unter allen Nationen Bürger des Himmels erzogen werden.

 

2. Selig wir, die wir, mitten in diesem göttlichen Reich geboren, seine Grundsätze mit der Muttermilch eingesogen haben, indes so viele Völker und Nationen in den Finsternissen und Schatten des Todes sitzen. Danken wir unserem Gott täglich für diese große, unverdiente Gnade, und seien wir nicht gleich jenen Gottlosen und Ungläubigen, die, statt für diesen himmlischen Beruf zu danken, den Glauben verwerfen und Gottes Weisheit anklagen, weil dies göttliche Licht nicht allen Völkern leuchtet. Steht es etwa diesen vermessenen Toren zu, in die verborgenen Gerichte der göttlichen Vorsehung einzudringen? Oder verwerfen sie etwa auch zeitlichen Überfluss, weil er anderen nicht auch zuteil wurde? Wie streng wird einst das Gericht dieser Frevler sein.

 

3. Selig wir, die wir sehen, wie die von den Aposteln gegründete Kirche bereits zwei Jahrtausende unter einem Oberhaupt fortbesteht, und immer siegreich aus allen Kämpfen mit ihren Widersachern hervorgeht. Selig wir, die wir den Sieg des Kreuzes Jesu Christi sehen, das täglich erneuerte Opfer seiner Erlösung sehen, ja ihn selbst unter den heiligen Gestalten sehen, anbeten und empfangen. Selig wir, die wir von seinen göttlichen Wahrheiten uns nähren, und aus den Quellen seiner Erlösung schöpfen. O wie unendlich vieles verdanken wir seiner göttlichen Güte, aber wie streng wird auch einst unser Gericht sein, wenn wir unser Heil vernachlässigen. Johannes 3,18: "Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er an den Namen des einzigen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat."

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Betrachtung am 7. September - Von der Heiligen Schrift

 

O Licht, das du die Nacht der Welt verscheuchtest,

Und jedes Auge, das dich sucht, erleuchtest,

Erschließe unsren Sinn für deine Wahrheit,

Göttliche Klarheit.

 

1. Lukas 10,26: "Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz? Was liest du dort?" Nähere dich den Quellen der Heiligen Schrift immer mit heiliger Ehrfurcht, denn diese göttlichen Bücher sind, nach dem anzubetenden Fronleichnam unseres Herrn, das höchste Geschenk, das Gott den Menschen geben konnte. Sie sind Schätze der Aussprüche, der Anordnungen und der trostreichen Verheißungen unseres Gottes, Quellen des Lebens und der Heiligkeit. Sie zeigen uns den Ursprung und die wahre Geschichte des Menschengeschlechtes, die wahre Religion, die Sendung der Propheten, die ewigen Grundsätze der Sitten, die Beispiele der höchsten Tugend, die Lehren des wahren Glaubens, und die einzigen Güter, die der unsterblichen Seele würdig sind.

 

2. Hier sehen wir den Welterlöser lehren, wirken, leiden und sterben. Schon im Anfang des Schöpfungsbuches verheißen, dreht die ganze Schrift sich um ihn, wie um ihren Mittelpunkt, bis das letzte Buch mit ihm, "dem Anfang und Ende", beschließt. (Offenbarung 1,8) Er ist das Band der beiden Testamente. Vorgebildet und geweissagt wurde er im alten geoffenbart und erkannt im neuen, ersehnt und erwartet von allen Propheten, gesehen und gehört von allen Aposteln. O ewige Weisheit, was sähen wir jemals ohne diese leuchtende Fackel! Hochheilig sind diese Schriften, da du selbst, der Gott aller Heiligkeit, sie diktiert hast. 

 

3. Diese göttlichen Bücher sind Schatzkammern himmlischer Belehrungen, Weissagungen und Wunder, die hoch über dem scharfsinnigsten Menschenverstand stehen. Sie verkündigen Mysterien, die keinem erschaffenen Geist in den Sinn gekommen wären, und verheißen Güter, die keine Zeit beschränken, kein Verlangen erschöpfen kann. Dürfen wir uns daher wundern, wenn der Geist der Hölle zu allen Zeiten gegen diese heiligen Aussprüche wütete, und seine Knechte sie auf alle Weise zu verkehren suchten? Gegen wen aber, Herr, empörte sich die Hölle und ihr Anhang nicht? Sie feinden deine Kirche, deinen Eingeborenen, ja dich selbst an: wie also sollten sie nicht gegen dein heiliges Wort sich empören? Aber deine Schrift ist ein unerschütterlicher Fels, an dem die Wogen des menschlichen Stolzes sich brechen. Alle scheiterten daran, alle verschwanden samt ihrer Eitelkeit. "Aber die Wahrheit des Herrn bleibt in Ewigkeit."

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Betrachtung am 8. September - Am Fest Mariä Geburt

 

Von Ewigkeit in Gottes Rat erkoren,

Wird heut Maria uns zum Heil geboren.

Frohlocke, Adam, denn nun naht die Zeit,

Die aus den Fesseln dich und uns befreit.

 

1. Maria ging der Sonne der Gerechtigkeit als Morgenstern voran, denn sie war die Jungfrau, die den Gott Emmanuel empfangen und gebären sollte. In ihren Adern floss das Blut der Patriarchen, der Propheten und der Könige Israels, deren Linie bis auf diese Tochter Davids hinab reichte. Wir verehren in Andacht Maria als die Gesegnete unter den Frauen, als die Mutter unseres Heils, als die Zierde des ganzen menschlichen Geschlechtes, als die wahre jungfräuliche Gottesmutter.

 

2. Mit Wohlgefallen sah der Allerhöchste auf die Wiege des göttlichen Kindleins, und seine Allmacht, Weisheit und Güte hatte sie, die Mutter, mit den höchsten Vorzügen und Gnaden geschmückt. Kein erschaffenes Wesen war in so hoher Vollkommenheit aus seinen Händen hervorgegangen. Feierlich hatten die Propheten sie verkündigt, in lebendigen Bildern hatten die hervorragendsten Frauen Israels ihre künftige Herrlichkeit vorgebildet. Psalm 45,14: "Die Königstochter ist herrlich geschmückt, ihr Gewand ist durchwirkt mit Gold und Perlen." Ihre wunderbare Demut überglänzt alle ihre himmlischen Tugenden, und wie der Apostel ruft sie dadurch allen ihren Verehrern zu: "Darum ermahne ich euch: Haltet euch an mein Vorbild" (1 Korinther 4,16), und ihr Schutz ruht auch nur auf den Demütigen. 

 

3. Gleichwie die Morgenröte bei Aufgang des Tages ihr mildes Licht verbreitet, und dadurch Freude in die Herzen gießt, da sie die nahe Sonne verkündet: also erfreute die Geburt Marias nicht nur die heiligen Engel, die ihre erhabene Würde kannten, sondern auch die Seelen der Väter und Mütter des Alten Bundes in der Vorhölle, denen durch sie selige Hoffnung aufging, bald das Licht der Welt zu schauen, Christus, den Herrn, und aus den Finsternissen des Todes in das himmlische Licht der Seligkeit zu gelangen. Ja es wird auch bis ans Ende der Zeiten das Andenken an die heilige Geburt der gebenedeiten Jungfrau alle Herzen erfreuen, die ihren göttlichen Sohn als ihren Erlöser anbeten. Wie der wunderbare Name Jesus, so ist auch ihr Name wunderbar im Mund und Jubel im Herzen. "Der Name der Jungfrau war Maria" (Lukas 1,27b).

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Betrachtung am 9. September - Vom Gebot der heiligen Gottesliebe

 

Die Liebe ist, mein Schöpfer, dein Gebot,

Die Liebe ist das Leben meiner Seele;

Und du, Herr, drängest noch mich durch Befehle.

Bin ich denn ohne Liebe nicht im Tod?

 

1. Betrachte die wunderbare Gnade und Zuneigung unseres Gottes, dass er uns befiehlt, ihn zu lieben. Wäre es nicht schon überaus große Gnade gewesen, wenn die unendliche Majestät uns schnöden Geschöpfen auch nur erlaubt hätte, sie zu lieben. Ist es aber andererseits nicht eine Schmach für uns, ja in gewisser Hinsicht sogar für Gott selbst, dass er uns befehlen musste, ihn zu lieben? Durch ein Gebot musste er uns verpflichten, ja zwingen musste er gleichsam uns undankbare Geschöpfe, die wir, ungeachtet zahlloser Ursachen, welche zu seiner Liebe uns drängen, dennoch gleichgültig in den Tag lebten, ohne seiner zu gedenken, geschweige denn, dass wir ihn liebten. 

 

2. Gott befiehlt dem Menschen, ihn zu lieben. Ja es ist dies das erste und größte aller Gebote, das er ihm erteilt. Worüber muss man hier mehr staunen: dass Gott, der in seiner unendlichen Glückseligkeit sich selbst genügt, alles aufbietet, den Menschen zu seiner Liebe zu verpflichten, so als ob er ohne diese Liebe nicht vollkommen glückselig wäre, oder darüber, dass alle seine Geschenke und Gebote beinahe fruchtlos sind? Es liegt wahrhaftig etwas ganz Unbegreifliches sowohl in dem dringenden Verlangen Gottes nach der Liebe des Menschen, als in der Härte des menschlichen Herzens, dass sich diesem Verlangen widersetzt. Offenbar sehen wir hier die tiefe Wunde, die die Sünde unserem Herzen schlug, da wir diesem ersten aller Triebe widerstreben, in dessen Erfüllung unsere einzige und allerhöchste Glückseligkeit besteht.

 

3. Herr, ruft der große Heilige Augustinus aus, du befiehlst mir, dich zu lieben, und bedrohst mich mit ewigem Elend, wofern ich dich nicht liebe, als ob ein größeres Elend möglich wäre, als dich nicht zu lieben. Trostlos fürwahr wäre jede edle Seele, wenn sie Gott nicht lieben dürfte, ja es wäre ihr auch nicht möglich, ihm zu gehorchen, wenn er es ihr verwehrte, ihn zu lieben. Was aber sollen wir sagen? Herr, der du mir befiehlst, dich zu lieben, gib mir auch die Gnade dazu: denn ohne dich kann ich wohl dich beleidigen und dir missfallen, nie aber auf würdige Weise dich lieben. Römer 13,10b: "Also ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes."

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Betrachtung am 10. September - Vom Adel der christlichen Nächstenliebe

 

Komm, süße Liebe, komm vom Himmel,

Und kehre in die Herzen ein.

Dass mild des Bruders Leid wir wenden,

Und Liebe, Trost und Hilfe spenden,

Auf dass wir Jesus ähnlich sei`n.

 

1. Hast du je über den Adel der christlichen Nächstenliebe nachgedacht? Eine wunderbare Tugend ist diese Liebe. Sie ist das eigentliche Gepräge unserer heiligen Religion, die Grundfeste, die Stütze, der Schmuck und der Geist. Sie erhebt unser Herz bis in Gottes Schoß, wo sie ihre Regungen schöpft, und von wo sie Frieden, Eintracht und alle Tugenden zurückbringt. Sie kommt vom Himmel und führt zum Himmel. Sie ist der Geist des Evangeliums, die Erfüllung des ganzen Gesetzes.

 

2. O heilige Nächstenliebe, komm und nimm Besitz von meinem Herzen, denn du, liebliche Freundin Jesu Christi, bedeckst die Menge der Sünden. Ein göttliches Gesetz bist du, das Lieblingsgebot unseres Herrn, das neue Gebot, das er vor seinem Tod uns zum Andenken hinterließ und mit seinem Blut besiegelte. Johannes 13,34: "Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben." Dieses Gebot empfahl er uns als das Gebot seines Herzens: "Dies ist mein Gebot." Du also, heilige Nächstenliebe, bist das Band, das alle Auserwählten verknüpft, und zumal im Anbeginn deine Kraft alle getreuen Gläubigen zu einem Herzen und zu einer Seele wundersam verknüpfte

 

3. So notwendig ist uns diese göttliche Nächstenliebe, dass wir ohne sie keine wahre Tugend besitzen. Sie ist das eigentliche Merkmal des Jüngers Jesu, und unterscheidet ihn von denjenigen, die es nicht sind. Denn er selbst sprach in Johannes 13,35: "Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt." Der Jünger seiner Liebe aber in 1. Johannes 3,14b: "Wer nicht liebt, bleibt im Tod." Besäßen wir alle Kenntnisse der Menschen und Engel, und hätten wir einen Glauben, der Berge versetzen könnte, so würde es ohne die Liebe uns nichts nützen. 1. Johannes 4,7+8: "Liebe Brüder, wir wollen einander lieben; denn die Liebe ist aus Gott und jeder, der liebt, stammt von Gott und erkennt Gott. Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist die Liebe."

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Betrachtung am 11. September - Von der Nächstenliebe

des barmherzigen Samariters

 

O gib mir, Herr, ein Herz voll milder Triebe,

Dass ich die armen Brüder tätig liebe,

Mit wahrem Mitleid ihre Wunden heile,

Und gern die Not und Schmerz mit ihnen teile.

 

1. Betrachte diesen liebevollen Samariter. Er sieht den schwer Verwundeten, dies genügt ihm. Er fragt nicht erst, ob er ein Jude oder Samariter ist. Er sagt nicht: Was geht dieser Mensch mich an? Es sollen die Priester und Leviten für ihn sorgen. Er entschuldigt sich auch nicht mit seiner Unwissenheit in der Arzneikunde, noch mit der Gefahr, dass er bei längerem Aufenthalt in dieser Wüste selbst unter die genannten Mörder geraten kann. Er spart weder Wein, noch Öl, noch Geld, das er für eigene Bedürfnisse auf die Reise mitnahm, sondern er pflegt ihn barmherzig, setzt ihn auf sein Tier, geht zu Fuß neben ihm her, und führt ihn bis in die nächste Herberge, wo er dem Wirt ihn gegen Belohnung empfiehlt. Was für ein Beispiel der Nächstenliebe!

 

2. So sollen wir den Nächsten lieben. Denn die christliche Nächstenliebe umfängt alle Menschen: Juden und Heiden, Gerechte und Sünder, Rechtgläubige und Irrgläubige, Freunde und Feinde, gute und lästige Menschen, weil die Ursache der Nächstenliebe die richtige für alle ist, unteilbar und allgemein. Liebst du um Gottes Willen einen Menschen, der dir gefällt, so liebe dann auch den anderen, der dir missfällt, denn beide sind nach Gottes Bild erschaffen, beide zur Seligkeit berufen. Liebst du also den einen, und liebst den anderen nicht, so liebst du keinen Gottes wegen und aus dem Grund der Nächstenliebe. 

 

3. Zwar verpflichtet die Nächstenliebe nicht, alle Menschen auf gleiche Weise zu lieben. Bei ewigem Fluch aber verbietet sie, auch nur einen Menschen zu hassen. Vorziehen dürfen wir allerdings bei gleichen Verhältnissen den Verwandten dem Fremden, den Christen dem Juden, den Gerechten dem Sünder. Niemand aber dürfen wir von der christlichen Nächstenliebe ausschließen, und verpflichtet sind wir in Notfällen, allen ohne Unterschied zu Hilfe zu kommen. Wer aus Neigung liebt, liebt als Mensch. Wer ohne Neigung liebt, liebt als Christ. Wer gegen seine Neigung liebt, der liebt als ein Heiliger. 1. Johannes 3,18: "Meine Kinder, wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit."

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Betrachtung am 12. September - Von der Verehrung

der allerseligsten Jungfrau

 

Maria, süße Mittlerin

Bei Jesus, deinem Sohne.

O sprich in mildem Muttersinn

Für mich an seinem Throne.

All meine Hoffnung ruht auf dir,

O neige huldreich dich zu mir.

 

1. Zahllose Tempel und Altäre, die der glorreichen Gottesgebärerin Maria in der ganzen heiligen Kirche errichtet stehen, beweisen die Wahrheit ihres prophetischen Ausspruchs: "Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig." So Großes tat der Allmächtige an ihr, dass Himmel und Erde darüber erstaunen, denn er verlieh ihr, ein und denselben Sohn mit ihm gemeinsam zu haben, den alle Engel anbeten. Wer vermag es demnach, die Würde der Mutter Gottes auszusprechen, in deren Lob alle heiligen Väter sich erschöpften, und die die Kirche als die Zuflucht der Sünder und als die Hilfe der Christen anruft?

 

2. Die Gemeinschaft der Heiligen ist ein Artikel unseres heiligen Glaubens. Nimmermehr aber ist diese himmlische Gemeinschaft müssig. Die glorreiche Kirche des Himmels bittet für die streitende Kirche auf Erden. Es sehnen sich die Heiligen, dass die Anzahl der Anbeter Gottes im Reich seiner Glorie vermehrt werde. Beteten schon die Heiligen des alten Bundes für ihre streitenden Brüder auf Erden (2. Makkabäer 15): wie weit mehr die Heiligen in der glorreichen Anschauung, und wie ohne Vergleich mehr die Königin aller Heiligen, die den unendlichen Wert der Seelen unter dem Kreuz kennen lernte, als ihr göttlicher Sohn sein Blut bis auf den letzten Tropfen vergoss, vom ewigen Tod sie zu erlösen.

 

3. Unsere heilige Vorzeit, die von Liebe zu dieser Gebärerin unseres Heils durchdrungen war, sprach mit wunderbarer Salbung und Lieblichkeit von der Größe und Herrlichkeit der jungfräulichen Mutter Gottes. Unsere überweise Zeit hingegen, ängstlich, ja nicht zu viel zu sagen, verlor über dieser Ängstlichkeit die Andacht zu Maria und die Früchte, die durch sie zu uns Menschen kommen. Wie wohlgefällig aber die Andacht zu seiner hochgebenedeiten Mutter dem Herrn ist, dies beweisen, wenn auch alle Zungen schwiegen, die Steine so vieler Gnadenorte, und die Geschichten aller christlichen Nationen. Verehren wir diese unsere liebevolle Fürsprecherin bei ihrem göttlichen Sohn, und rufen wir täglich zu ihr, wie die vom Heiligen Geist erleuchtete Kirche und lehrt: "Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen."

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Betrachtung am 13. September - Vom körperlichen und geistigen Aussatz

 

O sieh den Aussatz, Herr, der mich bedeckt,

Und heile mich durch dein allmächtig Wort,

Dann walle ich durchs Leben unbefleckt

Bis in der reinen Heimat freudig fort.

 

1. Niemand kann lange mit Aussätzigen umgehen, ohne selbst aussätzig zu werden. Also wird auch, wer noch nicht lasterhaft ist, durch den Umgang mit Bösen unfehlbar in kurzer Zeit lasterhaft werden. Die mit körperlichem Aussatz Behafteten werden, die Gefahr der Ansteckung zu verhüten, weit von den Wohnungen der Gesunden entfernt. Jene dagegen, die mit geistigem Aussatz behaftet sind, finden sich überall, und wollen wir nicht von dem Gift ihrer Laster angesteckt werden, so müssen wir selbst uns fern von ihnen halten. Denn es ist ein Ausspruch des Heiligen Geistes: "Wer die Gefahr liebt, der wird darin umkommen." (Jesus Sirach 3,27) Kein Verdammter ist in der Hölle, der nicht klagte, das Beispiel der Lasterhaften habe ihn dahin gebracht.

 

2. Die zehn Aussätzigen, die Jesus von fern sahen, erkannten ihre Krankheit. Sie waren von ihrem Elend durchdrungen. Sie sehnten sich nach Heilung, und flehten mit rührender Stimme zum Herrn, ihrer sich zu erbarmen. Der gütige Heiland aber, von ihrem Elend gerührt, sandte sie zu den Priestern, und sie gehorchten und wurden gesund. Die geistig Aussätzigen hingegen erkennen ihre Krankheit nicht. Vielmehr sind sie wütend über die, die sie für krank halten. Nichts wollen sie von Jesus, noch weniger von seinen Priestern wissen, und darum auch bleiben sie unheilbar, und sterben in ihren Sünden. Dies aber wird auch dir widerfahren, wenn du ihre Gesellschaft nicht meidest.

 

3. Verschwende deine Liebe nicht an solche, die du nicht ewig lieben kannst. Versuche nicht solchen zu gefallen, die Gott missfallen. Und halte dich fern von solchen, die sich von Gott entfernen. Nicht wenige sogar, die in der Absicht mit ihnen umgingen, sie zu bessern, wurden vom Strom ihrer arglistigen Reden und Beispiele fortgerissen, so wie mancher, der einen Ertrinkenden retten wollte, selbst in den Fluten umkam. Dazu wird eine besondere Gnade Gottes erfordert. Wie aber darfst du sie ohne Vermessenheit dir zuschreiben, wenn du ohne Not dich in die Gefahr begibst? 2. Thessalonicher 3,6: "Im Namen Jesu Christi, des Herrn, gebieten wir euch, Brüder: Haltet euch von jedem Bruder fern, der ein unordentliches Leben führt und sich nicht an die Überlieferung hält, die ihr von uns empfangen habt."

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Betrachtung am 14. September - Am Fest Kreuzerhöhung

 

Sieh, Jesus hat zum Heil der Welt,

Zu einem Quell der Gnaden

Sein Kreuz auf hohen Berg gestellt;

Dort heilet Adams Schaden.

Er löset aller Sünden Haft,

Und strahlet Segen, Licht und Kraft.

 

1. Das Fest der Erhöhung des heiligen Kreuzes ist das Fest aller Christen: denn das Kreuz unterscheidet uns von den Heiden, und ärmer als die Heiden sind wir, wenn wir das heilige Kreuz nicht lieben und umfangen. Es gibt jedoch nicht nur ein materielles, sondern auch ein geistiges Kreuz. Das erste heiligte unser göttlicher Erlöser durch die Berührung seines heiligsten Leibes, das zweite durch die Berührung seines heiligsten Herzens. Durch diese göttliche Berührung erleichterte und versüßte er seinen Jüngern beide Kreuze so sehr, dass er uns folglich von der Zahl seiner Jünger ausschließt, wenn wir uns noch weigern, ein so leichtes Kreuz zu tragen.

 

2. Zu überaus hoher Ehre erhob Jesus diese beiden Kreuze. Das erste erhöhte er zum Thron seiner Herrlichkeit, zum Schauplatz seiner Güte, zur Lehrkanzel seiner Weisheit, zum Richterstuhl seiner Gerechtigkeit. Das zweite erhöhte er zu einer Leiter des Himmels, zur Pforte des Lebens, zur Siegesfahne des Heils und zum sicheren Unterpfand unserer Auserwählung. Darum müssen auch wir selbst jedes dieser beiden Kreuze erhöhen, wenn wir an deren Verdiensten Anteil erhalten wollen. Erhöhen müssen wir das erste durch geduldige und liebevolle Hingabe zu allen körperlichen, das zweite zur Erduldung aller geistigen Leiden. Wie aber hast du dies bis jetzt getan? Beide Kreuze verschmähst du, und willst weder dem Körper noch der Seele nach leiden.

 

3. Das Kreuz heiligt die Gerechten, es bekehrt die Sünder und tröstet die Büßer. Das Kreuz öffnet den Himmel und schließt die Hölle. Das Kreuz erfreut die Engel und treibt die bösen Geister in die Flucht. Das Kreuz ist das Symbol unseres Glaubens, die Grundfeste unserer Hoffnung, der feurigste Antrieb unserer Liebe. Das Kreuz verleiht den Sakramenten ihre Kraft und den Christen ihre Würde. Nur der Ungläubige verabscheut das Kreuz. Gleichst du aber nicht diesen hoffnungslosen Menschen, wenn du vor dem Kreuz dich entsetzt und dich für unglücklich hältst, wenn irgendeine Trübsal dir widerfährt? Bedenke, dass ohne Kreuz kein Segen gegeben wird. Lukas 14,27: "Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein."

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Betrachtung am 15. September - Über die Vergessenheit

des Leidens und Todes Jesu

 

Wer da gedenkt, o Jesus, deiner Leiden

Und deines Kreuzestodes bittrer Pein,

Den kann nicht Tod noch Leben von dir scheiden,

Er ist durch zarte Liebe ewig dein.

 

1. Eine Wohltat zu vergessen ist Verachtung des Wohltäters. Ist vollends die Wohltat ausgezeichnet, und wurde unser Glück dadurch begründet, so ist diese Vergessenheit, dieser Undank ein Merkmal des niedrigsten Herzens. Bedenkst du auch, was Jesus für dich getan hat? Der ewigen Todesstrafe hat er dich entrissen, und das Reich der himmlischen Glorie dir erworben. Ist dies etwa das Geschenk einer Kleinigkeit, dass du dessen niemals mit dankbarem Herzen gedenkst? Willst du aber wissen, um welchen Preis, so betrachte seine Todesangst, seine Geißelung, seine Krönung, betrachte ihn am Kreuz. Hätte ein Freund dies für dich getan, so wäre dein Undank ihm gegenüber unverzeihlich. Meinst du aber, dein Erlöser wird dir schon deinen Undank verzeihen?

 

2. Worin liegt wohl der Grund dieser so beleidigenden Gleichgültigkeit? Darin, dass dich nur anspricht, was die Sinne ergötzt, und du alles Leiden verabscheust. Du weichst dem Anblick deines gekreuzigten Heilandes aus, weil er eine beständige Rüge deiner Sinnlichkeit, deines weichlichen Lebens ist, und deine Ausschweifungen verdammt. Ist aber deine Liebe zu Gott, ja ist deine Liebe zu dir selbst noch nicht gänzlich in dir erstorben, so verweile mit betrachtendem Blick vor dem Bild des gekreuzigten Jesus, und dieser Anblick wird dein Herz heilsam erschüttern und umwandeln. Er wandelte das Herz des Schächers um, und führte nicht wenige Sünder zur Bekehrung.

 

3. Wer in den blühenden Tagen seines Lebens seinen göttlichen Wohltäter vergisst, den wird er an seinem letzten Tag vergessen. Sprechen wird er zu allen, die durch so unverzeihlichen Undank ihn beleidigten: "Ich kenne euch nicht." Welchen Eindruck kann auch je in der Todesstunde der Anblick des gekreuzigten Heilandes auf ein hartes und gefühlloses Herz wirken, das seiner im Leben höchst selten und nur mit größter Kälte gedachte? Eine schreckliche, aber gerechte Vergeltung ist das. Lass keinen Tag vorübergehen, ohne der unermesslichen Liebe und des bittersten Leidens deines göttlichen Heilandes zu gedenken, und aus innerstem Grund des Herzens für diese unendliche Wohltat ihm zu danken. Jesaja 17,10: "Denn du hast Gott, der dich rettet, vergessen; an den Felsen, auf dem du Zuflucht findest, hast du nicht mehr gedacht."

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Betrachtung am 16. September - Vom Undank gegenüber Gott

 

Herr, ohne Zahl, gleichwie des Meeres Sand,

Empfing ich täglich Gaben deiner Hand.

Doch brachte, ach, ich karg und undankbar,

Mein Gott, dir selten Lobpreis dar.

 

1. Nichts ist in der Welt so sehr verhasst, als der Undank. Leichter bekennt ein Mensch alle anderen seiner Laster, als diesen Schandfleck des Herzens. Nur Gott gegenüber schämt sich niemand, undankbar zu sein. Betrachten aber die Menschen, die doch einander so wenig geben können, einen Undankbaren als ein Ungeheuer: wie schwer ist erst dieses Laster gegen Gott? In Angst, Not und Gefahren bitten, rufen und flehen wir zur göttlichen Barmherzigkeit, verheißen Besserung des Lebens und tun große Gelübde. Erhört aber der himmlische Vater unser Gebet, dann ist, wie bei den geheilten Aussätzigen, unter zehn kaum einer, der Gott die Ehre gibt.

 

2. Von wem hast du mehr Wohltaten empfangen, als von deinem Gott? Wie aber hast du ihm vergolten? Ja hast du seine Gaben auch nur gezählt? Oder hast du sie je dankbar in deinem Herzen erwogen? Mit welchem Auge würdest du einen Menschen betrachten, der, nach großen Wohltaten, so kaltsinnig gegen dich wäre, als du gegen deinen allerhöchsten Wohltäter dich erzeigst? Und sieh, kein Tag vergeht, an dem du nicht neue Wohltaten aus seiner Hand empfängst. Wo bleibt deine Danksagung? Glaubst du, er sei gleichgültig zu deiner Vergessenheit, zu deinem Kaltsinn? Wie wirst du einst seinen Anblick ertragen, wenn du bei seinem Gericht sehen wirst, dass du das undankbarste aller Geschöpfe warst?

 

3. Ja nimmer lässt der Vater der Erbarmungen ab, seine Gaben über die Menschen auszugießen. Dies wissen sie sogar, und wie entsprechen sie dieser unendlichen Güte? Durch Beleidigungen, durch Empörung gegen ihn. Seine Wohltaten selbst wenden sie an, sein Gesetz zu übertreten. Und dieser allmächtige Gott vertilgt sie nicht? Nein, immer verzeiht er ihnen, und dennoch kehren nur überaus wenige in sich. Wie oft hast auch du seine Wohltaten durch Beleidigungen vergolten. Kann er nicht auch zu dir, wie einst zu den Juden sagen: Viel Gutes habe ich dir erwiesen, um welcher Wohltat willen beleidigst du mich? Ach, mein Gott, verzeihe meiner Blindheit, immerdar will ich meinen Undank beweinen. Psalm 116,12: "Wie kann ich dem Herrn all das vergelten, was er mir Gutes getan hat?"

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Betrachtung am 17. September - Die Folgen der lässlichen Sünde

 

Ist nicht der höchste König unser Gott?

Warum denn dienest du ihm nur zum Spott?

Bringt ihm dein Dienst, - bringt nicht er dir Gewinn?

Verjagt er dich, wo dann gehst je du hin?

 

1. Die Heiligen zitterten, eine lässliche Sünde zu begehen, weil sie, wie die Heilige Schrift sich ausdrückt, den Heiligen Geist betrübt, und der Seele mehr schadet, als die ganze Hölle ihr schaden kann. Wie aber geschieht es je, dass du, die du so viele und so bedeutende lässliche Sünden, und zwar freiwillig und mit Vorbedacht begehst, nicht zitterst, von Gott verlassen zu werden? Wahrlich, alle Ursache hast du, zu fürchten, dass er seine Gnade dir entzieht. Meinst du, er wird eine undankbare Seele seines besonderen Schutzes würdigen, die da meint, sie tue ihren Pflichten genug, wenn sie Gott nicht auf das Heftigste beleidigt, und nicht darauf achtet, dass sie jeden Tag eine Menge Dinge tut, die ihm missfallen?

 

2. Würdest du einen Arbeiter lange in deinem Dienst behalten, der zwar grundsätzlich treu wäre, sonst aber unbescheiden sich verhält, nur mit Widerwillen die Arbeit verrichtet, ohne Anstand mit dir redet, und jede Dienstpflicht mit Protest verrichtet? So ein Arbeiter bist du. Bedenke, ob du auch nur ein Werk vollbringst, an dem nichts zu beanstanden wäre? Das eine ist durch Eitelkeit, das andere durch Trägheit, dieses durch Eigennutz, jenes durch Sinnlichkeit verdorben. Und du erachtest, Gott werde einen solchen Arbeiter ertragen, den du selbst nicht behalten möchtest? Zittere, dass er seine Gnade dir hinwegnimmt, wie das Talent diesem trägen Knecht hinweggenommen wurde, der sich damit begnügt hatte, es nicht zu vergeuden. 

 

3. Erwecke doch deinen Glauben. Wenn du nur fürchtest, Gott zum Feind zu haben, und es dir gleichgültig ist, ob du durch Treue und Liebe seine Freundschaft gewinnst, so schwebst du in äußerster Gefahr, denn du dienst ihm nicht um Seinetwillen, sondern einzig aus Furcht, verdammt zu werden. Eine solche Gesinnung flößt Entsetzen ein, denn sie ist der Anfang der Verlassenheit und der Verwerfung. Sinke zu seinen Füßen, und versuche durch deine Tränen und deine Reue sein beleidigtes Vaterherz zu versöhnen und seinen barmherzigen Schutz noch einmal zu erlangen. Offenbarung 3,16: "Weil du aber lau bist, weder heiß noch kalt, will ich dich aus meinem Mund ausspeien."

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Betrachtung am 18. September - Die Mittel,

die Reinheit des Herzens zu erlangen

 

Mein Gott, erhöre mein Verlangen,

Und lass mich Reinheit erlangen,

Durch die mein Herz sich frei erhebt,

Und bis zu dir, mein Schöpfer, schwebt.

 

1. Ein reines Herz ist ein Herz, das von den Geschöpfen und von sich selbst gelöst ist, und im Umgang mit der Welt sich unbefleckt erhält. Das ist eine so edle als seltene, aber allen Auserwählten notwendige Tugend. Um diese Reinheit des Herzens zu erlangen, ist die tägliche Betrachtung des Todes überaus wirksam. Denn betrachtest du oft und ernsthaft die Asche und Fäulnis des Grabes in der Nähe, in die alles zerfällt, was Ruhm, Lust und Herrlichkeit der Welt genannt wird, unfehlbar werden dann die Augen über diese vorüberfliehenden Schatten dir aufgehen. Lösen werden sich die Bande, die an diese gebrechlichen Dinge dich fesseln, und ausrufen wirst du mit den Weisen: "O Eitelkeit der Eitelkeiten, und alles ist Eitelkeit." 

 

2. Betrachtest du überdies dich selbst jeden Tag, als würdest du bereits auf dem Totenbett liegen, dann wird die Torheit dir fühlbar werden, dein Herz an ein scheinbares Nichts zu heften, das gleich einer Seifenblase sich auflöst. Worin liegt der Grund deiner beständigen Angst, deiner Täuschung und Verunreinigung durch den Zauber der Welt und deiner Leidenschaften? Darin, dass du des Todes nicht eingedenk bist, der bereits den Pfeil an seinen Bogen gelegt hat, nach dir zu zielen, und nicht bedenkst, dass der Gerechte, ungeachtet seiner Wachsamkeit und seiner Tugenden, kaum selig wird. Diese Dinge führe jeden Tag ernsthaft zu Gemüte, und die Täuschung wird von dir fliehen, lösen werden sie allen Zauber, und dein Herz von allen unreinen und sündhaften Gedanken und Begierden befreien.

 

3. Endlich müssen wir, uns rein zu erhalten, vor allem gefährlichen Umgang gleich dem Aussatz fliehen. Wie ist es je möglich, sinnlicher Gedanken sich zu erwehren, wenn wir oft in gefährlicher Gesellschaft sind? Wachen müssen wir und unsere Sinne bezähmen, sonst ist keine Reinheit möglich. Durch Abtötung müssen wir unseren Körper dem Geist unterwerfen. Ohne Salz geht das Fleisch in Fäulnis über, und ohne Abtötung wird der Leib dem Geist nimmermehr gehorchen. Anhaltendes und eifriges Gebet aber wird uns die Kraft zu diesen heiligen Übungen vom Herrn erbitten. Matthäus 26,41: "Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach."

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Betrachtung am 19. September - Die Unmöglichkeit, zwei Herren zu dienen

 

Dir, Herr, will ungeteilt ich dienen,

Der du zu deinem Dienst mich schufest.

Wie selig ist, wen du berufest.

Denn Liebe ist dein Dienst und süße Rast,

Der Dienst der Welt ist schwere, bittre Last.

 

1. "Niemand", spricht der Herr, "kann zwei Herren dienen", zumal wenn jeder dieser Herren verlangt, was mit dem Dienst des andern sich nicht vereinbaren lässt. Nur ein Herz haben wir, dies aber kann nicht zugleich dem Schöpfer und dem Geschöpf, dem Himmel und der Erde, der Frömmigkeit und der Begierlichkeit dienen. Notwendig müssen wir dem einen anhängen, und das andere verschmähen. Wie auch kann je, wer in Überfluss und Glanz, in Ehren und Lüsten lebt, ein armes, demütiges, verborgenes, abgetötetes Leben lieben? Torheit ist so ein Leben in seinen Augen, und er verachtet diejenigen, die es führen. 

 

2. Noch anschaulicher wird diese Unmöglichkeit, wenn wir die Gesetze betrachten, die diese beiden Herren uns vorschreiben, und die einander geradezu widersprechen. Die Habgier verschlingt alle Gedanken des Geizigen: wann also wird er das Gesetz der Nächstenliebe und des Almosens befolgen? Unbekannt sind dem Ehrgeizigen die Vorschriften der Sittsamkeit: wird er also das Gebot der Demut nicht verlachen? Achtet etwa der Wollüstige das Gesetz der Sittlichkeit? Wie also wird er dem Gesetz der Buße und Abtötung sich unterwerfen? Woher auch unser eigener Missmut und die so vielfältigen Gedanken, die uns sogar im Gebet zerstreuen? Daher, weil wir das Unmögliche, weil wir zwei Herren dienen wollen. Dienten und liebten wir Gott allein, dann wäre unser Herz ruhig, und unser Leben friedlich und selig. 

 

3. Wir klagen zuweilen, dass wir keinen Geschmack im innerlichen Gebet empfinden, dass unsere Andachtsübungen uns nicht ansprechen, dass wir trockenen Herzens sind, und halten dies für eine Prüfung. Gehen wir dem Übel auf den Grund, so werden wir finden, dass unser Herz zwischen zwei Herren geteilt ist, und dass wir abwechselnd bald dem einen, bald dem anderen dienen wollen. Entsagen wir den Eitelkeiten der Welt, unserer Anhänglichkeit an vergängliche Dinge, unseren Leidenschaften und uns selbst, und wir werden die größte Freude im Dienst Gottes finden. 2 Korinther 6,14: "Beugt euch nicht mit Ungläubigen unter das gleiche Joch. Was haben denn Gerechtigkeit und Gesetzwidrigkeit miteinander zu tun? Was haben Licht und Finsternis gemeinsam?"

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Betrachtung am 20. September - Von Gottes allerhöchster Herrschaft

 

Die ganze Schöpfung, unser Gott, ist dein.

Du gabst den Wesen, was sie sind, zu sein.

Du bist ihr Herr und König; deinen Willen

Muss, was da lebt, nach deinem Recht erfüllen.

 

1. Gott ist der Schöpfer und allerhöchste Herr aller Wesen, seine Oberherrschaft über sie ist unveräußerlich, meine Abhängigkeit von ihm ist also wesentlich und unbegrenzt, denn ich bin ein Werk seiner Hände. Notwendig und unbedingt gehöre ich ihm an, er hat das vollkommenste Recht, ganz nach seinem Willen mit mir zu verfahren. Gab er mir einen freien Willen, so gab er ihn mir nur, damit meine freie Unterwerfung ihn ehrt, und mir zum Verdienst gereicht. Wie glückselig bin ich, von dir, mein Gott, dem allmächtigsten und gütigsten Herrn, abzuhängen. Aus freier Wahl will ich dir dienen. Herr. Schalte mit mir nach deinem Wohlgefallen.

 

2. Gottes Oberherrschaft umfasst alles. Meine Abhängigkeit von ihm und mein Gehorsam ihm gegenüber müssen daher ohne Vorbehalt, ohne Ausnahme sein. Denn alles, was ich bin und habe, alles, was ich in Ewigkeit sein und haben kann, kommt nur von ihm allein. Ich kann also über keinen Gedanken, über keine Regung meines Herzens gegen seinen Willen verfügen, ohne eine Ungerechtigkeit zu begehen. Denn als Herr des Baumes ist er allerdings auch Eigentümer aller seiner Früchte. Wie aber habe ich dies heilige Gesetz bis jetzt beobachtet? Ach, mein Schöpfer, gelebt habe ich, als hätte ich mich selbst erschaffen. Doch nimm meine Gelübde barmherzig auf, dir von nun an gänzlich anzugehören, und gestatte nicht, dass ich jemals wieder von dir getrennt werde.

 

3. Gottes Oberherrschaft ist ewig, und kann durch keine Zeit begrenzt werden, ebensowenig kann eine Zeit meine Abhängigkeit von ihm begrenzen. Denn er ist es, der in jedem einzelnen Augenblick mir das Leben fristet, durch seine Wohltaten erhält und beschützt. Es gibt also keinen Augenblick, wo ich nicht von ihm abhinge. Wie selten, mein Schöpfer, habe ich bis jetzt diese große Wahrheit beherzigt. Wie selten dir aus ganzem Herzen gedankt, und wie übel auch habe ich dir gedient, da kaum eins meiner Werke deiner würdig ist. Nimm mich, mein Gott, als dein wahres Eigentum auf, und verleihe mir, dir würdig zu dienen. Deuteronomium 6,13a: "Den Herrn, deinen Gott, sollst du fürchten; ihm sollst du dienen."

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Betrachtung am 21. September - Ein Blick in die Natur

 

O Allmacht, Schöne, Weisheit, Licht.

Du schufst die Welt zu deiner Ehre.

Dich preisen aller Wesen Heere,

Doch fassen sie dich ewig nicht.

 

1. "Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen!" (Matthäus 6,28) Ein wunderbares, vom Finger Gottes selbst beschriebenes Buch ist das ganze Weltall, dessen Züge die weise Seele zur Bewunderung und Liebe ihres Schöpfers hinreißt. Denn kein Geschöpf ist so klein, keins so verächtlich, dass nicht Gottes Allmacht, Weisheit und Güte daraus hervorleuchtete. Wie deutlich bezeugt die Schönheit der geringsten Feldblume, des kleinsten Käfers die unendliche Schönheit ihres Urhebers. Wahrlich, nicht geringeres Erstaunen verdient es auch, dass auf Gottes Geheiß der Saft der Trauben jährlich in Wein sich verwandelt, als dass einst zu Kana Wasser in Wein sich umwandelte. Größeres auch ist es, täglich so vielen, die nicht waren, Dasein, als jenen, die gestorben waren, das Leben zu geben.

 

2. Wie mannigfaltig und wie zahllos sind auch Gottes Werke. Wer zählt die Sterne des Himmels, die Fische des Meeres, die Vögel der Luft, die Blumen des Feldes. Wer misst die Höhen des Himmels, die Tiefen des Abgrundes, die Strömungen der Flüsse, die Verteilung der Elemente. Wen entzückt nicht der Gesang der Nachtigallen, die Düfte der Rosen und Lilien, der Geschmack der verschiedenen Früchte. Was auch ist lieblicher als das Licht, freundlicher als der Anblick der Sonne, des Mondes und der Sterne, holdseliger als die Frühlingszeit, wo die ganze Natur in neuem Schmuck erwacht, und alle Pflanzen und Kräuter sich neu verjüngt erheben, als hätten sie den Tod besiegt, und den Stand und die Herrlichkeit der künftigen Auferstehung im Bild schildern. 

 

3. Wie schön ist alles, was Gott erschaffen hat. Und wie wunderbar ist der innige Zusammenhang, wie erstaunlich die Übereinstimmung aller einzelnen Geschöpfe zu dem prachtvollsten Ganzen. Wie schön, wie hochherrlich ist, der so viel Schönem und Herrlichem Dasein gab. Wie gütig, wie freigebig der, dessen Geschenk dies alles ist. Bewundere den Meister in seinen Werken, den Schöpfer in seinen Geschöpfen, den Wohltäter in seinen Geschenken. Psalm Davids: "Wie groß und herrlich, o Herr, sind deine Werke. Alles hast du weise gemacht. Deine Schöpfung entzückt mich, und frohlocken will ich über die Werke deiner Hände." 

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Betrachtung am 22. September - Von den überflüssigen Sorgen des Lebens

 

Du gabst mir, Herr, dies Pilgerleben

Zur Reise in die Ewigkeit.

Wie solltest du nicht auch mir geben,

Was ich bedarf in dieser Zeit.

Du nährst und führest, was da lebt:

Dies ist´s, mein Gott, was mich erhebt.

 

1. Die übertriebene Sorge um die Bedürfnisse dieses Lebens entspringt dem Blödsinn eines undankbaren Herzens, das alle früheren Wohltaten Gottes vergisst, und nicht einsieht, dass sie ein Unterpfand sind, dass Gott auch in Zukunft für uns sorgen wird. Wie können wir je fürchten, dass Gott, der uns das Leben selbst gegeben hat, uns die Mittel versagen wird, es auch zu erhalten. Wie auch kann je ein Herz, das die Wunder der Vorsehung betrachtet, einer solchen Ängstlichkeit Raum geben. Täglich empfangen die Vögel des Himmels ihre Speise aus der Hand der Vorsehung, in wunderbarer Pracht stehen die Blumen des Feldes geschmückt, und unser himmlischer Vater sollte uns vergessen, die wir durch ihn im Dasein sind. Eine Gotteslästerung ist ein solcher Gedanke.

 

2. Einem heidnischen Herzen, das Gott nicht kennt, ist so ein Misstrauen natürlich, denn die Götzen der Heiden sind blind, gefühllos und ohne Leben. Teilen aber wir, die wir durch unseren göttlichen Mittler Kinder Gottes wurden, und Gott täglich unseren Vater nennen, nicht dieses Misstrauen mit den Heiden, wenn wir fern von den Gesinnungen sind, die sich für wahre Kinder gehören? Und was hilft uns unsere Besorgnis? Hilft sie etwa unserer Not ab? Erkennen wir unser Unvermögen und die Allmacht und liebevolle Fürsorge Gottes, der die Welt erschaffen hat und regiert. Er, der für alle Wesen sorgt, wird mit Liebe für uns sorgen, wenn wir ihm in Liebe dienen.

 

3. Hüten wir uns vor diesem sündhaften Misstrauen. Suchen wir, nach der Ermahnung unseres Herrn, vor allem das Reich Gottes. Arbeiten wir nach seinem Willen in unserem Beruf, und es wird uns alles gegeben werden, was wir für dieses Leben brauchen. Sind wir bedacht, durch Werke der Gerechtigkeit das Reich Gottes zu verdienen und an himmlischen Gütern reich zu werden, nie wird es uns dann an irdischen fehlen. Nie verarmt, wer gute Werke tut, wohl aber verarmen oft diejenigen, die allzu reich werden wollen in dieser Welt. Psalm 37,25: "Einst war ich jung, nun bin ich alt, nie sah ich einen Gerechten verlassen noch seine Kinder betteln um Brot." 

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Betrachtung am 23. September - Die Ermunterung zum Dienst Gottes

 

Das Weltall steht zu Gottes Ehre,

Ihm dienen aller Engel Heere;

In seinem Dienste ist ihr höchstes Glück:

Und du, geliebte Seele, bliebst zurück?

 

1. Wir sind in dieser Welt nur, um Gott zu lieben und ihm zu dienen. Dies ist unser ganzes und einziges Tagewerk. Die Gründe, die uns verpflichten, ihm heute zu dienen, verpflichten uns, ihm alle Tage unseres Lebens zu dienen. Denn wie gestern, so hängen wir auch heute von ihm ab. Niemals hören wir auf, seine Geschöpfe zu sein. Niemals also dürfen wir aufhören, ihn zu lieben und ihm zu huldigen. Ja es vergeht auch kein Augenblick, wo er uns nicht Wohltaten erzeigt: wie also dürfte es je einen Augenblick geben, wo wir ihm nicht dankbar wären? Von Ewigkeit hat er uns geliebt, so verwenden wir denn unser ganzes Leben, ihn zu lieben.

 

2. Je älter du wirst, um so dringender wird deine Pflicht, Gott zu dienen, weil seine Wohltaten mit deinen Jahren zunehmen. Überdenkst du alle Gnaden, die er, seit du auf dieser Welt bist, dir verliehen hat, alle Gefahren, aus denen er dich errettet hat, alle Übel, vor denen er dich bewahrt hat, alle Gaben des Lebens, mit denen er dich beschenkt hat, dann wirst du allerdings bekennen müssen, dass du ein Schuldner bist, der gänzlich außer Stande ist, zu bezahlen. Wie also geschieht es je, dass du so nachlässig im Dienst deines Schöpfers bist, als wärst du ihm nichts mehr schuldig?

 

3. Je älter du wirst, um so näher kommst du dem Tod und der Ewigkeit, um so eifriger solltest du also arbeiten. Wer muss je ernsthafter bedacht sein, seine Rechnungen zu ordnen, als derjenige, der im Begriff steht, Rechenschaft zu geben? Je näher ein Körper seinem Mittelpunkt kommt, um so schneller ist seine Eile. So eile denn auch du, alle Versäumnisse vor deinem Ende einzubringen, denn nicht sehr fern ist deine letzte Stunde. O wie schmerzlich wird dann deine große Nachlässigkeit dir fallen. Dann wirst du um Zeit bitten, und es wird keine Zeit mehr sein. Epheser 5,15-17: "Achtet also sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht töricht, sondern klug. Nutzt die Zeit; denn diese Tage sind böse. Darum seid nicht unverständig, sondern begreift, was der Wille des Herrn ist."

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Betrachtung am 24. September - Vom Reich Gottes

 

Dein Reich, o Herr, besteht durch alle Zeiten,

Glorreiche Himmelsbürger zu bereiten,

Die einst - zur Seligkeit erhoben -

Ewig dich loben.

 

1. Das Reich Gottes, das der Herr uns zu suchen befiehlt, ist ein Reich der Heiligkeit, ein himmlisches Reich, dessen Bürger als Fremdlinge hienieden vorübergehen, und durch Reinheit des Lebens für eine ewig glorreiche Heimat sich vorbereiten. Der König dieses Reiches ist Jesus, der, zwar unsichtbar und verschleiert, aber wahrhaft und wesentlich mitten unter seinem glückseligen Volk thront, jedem Zutritt gewährt, die Bitten aller erhört, und reichliche Gaben des Heils denjenigen erteilt, die sich ihm nähern mit Liebe und Vertrauen. Glückselig wir, die wir in diesem Reich leben, wenn anders wir seine Gerechtigkeit suchen. 

 

2. Die Gesetze dieses Reiches sind Gelehrigkeit des Geistes, Demut des Herzens, Reinheit der Sitten, Geradlinigkeit der Absicht, Liebe Gottes und des Nächsten. Die wesentlichste Beschäftigung, die eigentliche Aufgabe, die einzige Wissenschaft der Bürger dieses himmlischen Reiches ist, nach dem Geist ihres göttlichen Königs sich zu bilden, ihr Leben nach dem seinigen zu ordnen, für ihn zu leben, zu leiden, zu kämpfen und zu sterben, und alle - kleinen wie großen - Werke auf dieses hohe Ziel zurückzuführen. Die Belohnungen aber, die der himmlische König seinen Bürgern unterdessen erteilt, sind: Friede des Gewissens, Freude im Heiligen Geist, Überfluss an geistigen Gütern und das Unterpfand ihrer künftigen Glorie. Wie lebst du in diesem Reich? Kannst du mit Wahrheit sagen, dass du eine Bürgerin in ihm bist?

 

3. Dieses Reich ist inwendig in uns. Denn die Seele des Gerechten ist ein Thron Gottes, der sie durch seinen Geist regiert. Es ist aber auch ein äußerliches Reich, das alle Auserwählten aus allen Völkern und Zungen in sich vereint. Alle Bürger dieses Reiches sind ein Leib, da alle von dem einen lebendigen Brot essen, das täglich vom Tisch Gottes kommt, sie zum ewigen Leben zu nähren. Alle leben in einem Glauben, in einer Liebe, in einer Erwartung ihrer seligen Umwandlung. Suchen wir ohne Unterlass die Gerechtigkeit dieses Reiches, dass wir würdig werden, die Stimme unseres Königs zu hören (Matthäus 25,34): "Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters, nehmt das Reich in Besitz, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt."

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Betrachtung am 25. September - Über den letzten Augenblick des Lebens

 

Die Zeit verläuft, ja bald ist sie verlaufen;

Kein Augenblick ist dann mehr zu erkaufen.

Was säumest du? Der Weg ist nicht mehr weit,

Und plötzlich stehst du in der Ewigkeit.

 

1. Vom letzten Augenblick unseres Lebens gilt jener feierliche Ausspruch der Offenbarung des heiligen Johannes 10,6b: "Es wird keine Zeit mehr bleiben." Dies ist für uns das Ende der Welt, das Ende deiner Freuden und deiner Leiden, deiner Sünden und deiner Buße. Nun folgt keine Zeit zu Verdiensten mehr. Wie wirst du dann über die Vergangenheit denken? Was wirst du von den irdischen Gütern halten? Mit welchen Augen wirst du gute und heilige Werke betrachten? Willst du denn aber, um richtig zu urteilen, diesen letzten Augenblick abwarten, der über alle Augenblicke deines Lebens entscheidet? Was möchtest du bei diesem Übergang in die Ewigkeit getan haben? Wird dann die Frömmigkeit dir beschwerlich, das Kreuz unerträglich erscheinen?

 

2. So tue denn nun, was dann dir unmöglich sein wird, und was du dennoch sehnlich, aber vergeblich, wünschen wirst getan zu haben. Sieh, schon ist diese letzte Stunde beinahe vor der Tür. Sie naht mit Riesenschritten heran, immer näher schreitest du der Ewigkeit. Ankommen wirst du endlich, eingehen wirst du in sie, von wo niemand zurückkehrt. Sollen wir etwa der wenigen Tage wegen, die uns vielleicht noch bleiben, alles aufs Spiel setzen? Alles ohne Abhilfe verlieren? Was wird je dich wecken, wenn dieser Posaunenschall dich nicht weckt? O bedenke dies ernsthaft, und halte dich bereit, oder vielmehr, bedenke es ernsthaft, und du wirst immer bereit sein. 

 

3. Soll ich denn mein ganzes Leben in Buße zubringen? Dieser Gedanke erfüllt dich mit Entsetzen. Wer versicherte dich denn aber, dass dein Leben so lange dauern werde? Sterben nicht täglich Menschen deines Alters? So sehr aber dieser Gedanke nun dich erschreckt, mit so überschwänglicher Freude wird er dann dich erfüllen. Du schreitest nun gleichsam zwischen zwei Ewigkeiten, und dein künftiges glückseliges oder unglückseliges Los liegt in deinen Händen. Bedarf es noch einer Überlegung, um zu entscheiden? Die ganze christliche Weisheit besteht darin, alle Augenblicke des Lebens nach jenem großen und letzten Augenblick zu ordnen, wo die Zeit endet und die Ewigkeit beginnt. Psalm 77,6: "Ich habe der uralten Tage gedacht, und längst vergangene Jahre sind mir in den Sinn gekommen."

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Betrachtung am 26. September - Das Begräbnis

 

In des Todes dunkler Kammer

Schweigt die Lust und schweigt der Jammer;

Alles Leben ist verklungen

Und ins Jenseits eingedrungen.

 

1. Tritt hinzu, betrachte diesen Menschen. Soeben ist sein Licht erloschen. "Er ist tot!" rufen die erschrockenen Freunde und Hausgenossen. Reichtum, Haus, Vermögen, Hoffnungen, alles ist für ihn vorüber. Ja auch die Zeit, die kostbare Zeit ist vorüber, kein gutes Werk kann er mehr tun, kein Verdienst für den Himmel mehr erwerben. Schon ist sein Urteil für die ganze Ewigkeit gesprochen, ja dieser Körper selbst ist gerichtet, es ist der Körper eines Auserwählten oder eines Verworfenen. Würde Gott ihn vom Tod erwecken: wie hoch würde er eine Stunde Zeit, eine Einflößung der Gnade, ein gerechtes Werk achten. Führen wir uns dies tief zu Gemüte.

 

2. Sieh, dies prächtige Gebäude, diese kostbaren Mobilien, dieser glänzende Reichtum gehörten ihm. Was ist nun sein? Dies Totenhemd, dies Linnen, dieser Sarg. Fort wird er getragen aus seinem Haus, nie mehr dahin zurückzukehren, denn entstellt, hässlich ist sein Körper, und verbreitet einen unerträglichen Totengeruch. O Elend, o Eitelkeit. Dies also ist das Ende aller menschlichen Größe, dies der Unbestand aller irdischen Glückseligkeit. Und ich sollte mein Herz an solche Dinge heften? Fürchten wir Gott und seine Gerichte. Mögen die Menschen nach meinem Tod mich vergessen und mich verachten: nicht sie, mein Leben, meine Werke entscheiden mein ewiges Los.

 

3. Endlich liegt er unter der Erde. Eine enge, finstere, schauerliche Grabeshöhle ist nun sein Palast. Verweile auf dieser Begräbnisstätte. Welcher von diesen Toten war einst reich? Welcher war arm? Welcher groß? Welcher elend? Alle hat der Tod gleich gestellt. Was ist die lieblichste Schönheit im Grab. Ein Scheusal, dessen Anblick niemand ertragen kann. Betrachte sie jedoch, von der Verzauberung der Welt dich zu heilen. Sieh, dies ist das Ende aller menschlichen Schönheiten, das Ziel aller Lüste. Hier lerne deine Leidenschaften ersticken, deine Freude mäßigen, deine Begierden ordnen. Zu einer glorreichen Wohnstätte pilgern wir, die Verachtung alles Irdischen führt uns dahin. 2 Kor 5,1: "Wir wissen: Wenn unsere irdische Zeit abgebrochen wird, dann haben wir eine Wohnung von Gott, ein nicht von Menschenhand errichtetes ewiges Haus im Himmel."

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Betrachtung am 27. September - Von den Gefahren für das Heil

 

Du wandelst, Seele, hier in Feindes Land,

Drum lege nie die Waffen aus der Hand.

Willst du dem Feinde nicht erliegen,

Musst ohne Unterlass du siegen.

 

1. Wir leben hienieden in feindlichem Land, und atmen eine giftige Luft. Wohin immer wir gehen, treffen wir allenthalben auf Versucher und Versuchungen. Bald tritt das Laster ohne Schleier auf, und lockt uns durch den Zauber der Beispiele an. Bald verbirgt es sich unter der Larve der Heuchelei, und berückt schwache Seelen, die nicht auf der Hut sind. Wie viele sündigen und verführerischen Gespräche werden beinahe in allen Gesellschaften geführt, wie viele verborgene Schlingen gelegt. Und dennoch meiden wir die Gefahr nicht, ja wir setzen uns ihr mutwillig aus, und leben ohne Vorsicht, ohne Wachsamkeit. Dürfen wir uns wundern, wenn das Sittenverderbnis wie ein reißender Strom überhand nimmt, der selbst die höchsten Zedern entwurzelt. Wie werden wir ohne große Gewalt der Masse der Verworfenen entkommen?

 

2. Dazu kommt auch noch der Quell des Verderbnisses in unserem eigenen Inneren, der Zunder der sündhaften Begierlichkeit, der nur eines Funkens bedarf, das ganze Haus unseres Herzens zu entflammen. Darum warnt uns der göttliche Erlöser und spricht: "Wer seine Seele liebt, der wird sie verlieren; wer aber seine Seele in dieser Welt hasst, der wird sie für das künftige Leben bewahren." Liebt der je seine Seele, der sie so vielen Gefahren preisgibt, der sie durch sinnliche Lüste erniedrigt und gleichsam vertiert? Wie ließe sich je sagen, es liebe seine Seele, wer an ihrem Verderben, an ihrem ewigen Untergang arbeitet? 

 

3. Bekämpfst du dich weise, dann sicherst du dir ein ewiges Leben und erzeigst dir wahre Liebe. Denn wer seine Leidenschaften abtötet, seine Sinne in Knechtschaft hält, sein Kreuz umfängt und geduldig trägt, der will seiner Seele Gutes und verschafft ihr eine unsterbliche Seligkeit. Bekämpfst du dich nicht auf solche Weise, so wirst du niemals beginnen, dich zu lieben. So fasse denn einen großmütigen Entschluss und höre deine Eigenliebe nicht an, die allerdings sich mächtig widersetzen wird, sondern donnere sie durch den apostolischen Ausspruch nieder: "Wenn ihr nach dem Fleisch lebt, müsst ihr sterben; wenn ihr aber durch den Geist die sündigen Taten des Leibes tötet, werdet ihr leben." (Römer 8,13)

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Betrachtung am 28. September - Von den vier letzten Dingen

 

Gedenke ich der Dinge, die da kommen

Und ewig sind, dann wird mein Herz beklommen.

Die Sünde flieht, sie fürchtet das Gericht,

Und meine Seele ringt nach Gottes Licht.

 

1. Viele Gebete sandten die Heiligen zum Himmel um die Gnade, von Sünden sich rein zu erhalten. Der Heilige Geist aber legt uns dies Mittel selbst in die Hände, wo er spricht: "In allen deinen Werken gedenke deiner letzten Dinge, und du wirst ewig nicht sündigen." Er fordert nicht, dass wir gleich den strengsten Einsiedlern fasten oder uns geißeln, ja nicht einmal, dass wir diese letzten Dinge beständig betrachten, sondern nur, dass wir an sie bei unseren Werken denken. Gedenken sollen wir, dass wir selbst sterben, selbst vor Gottes Gericht erscheinen, selbst unser Urteil anhören müssen, denn nur so werden wir vor der Sünde bewahrt bleiben.

 

2. Eine große Kraft wohnt der Beherzigung unserer letzten Dinge inne. Das Andenken an den Tod verscheucht den Dünkel des Hochmuts und der Ehrsucht, die den Verstand verfinstern, und führt zur christlichen Klugheit. Die Erinnerung an das Gericht, wo alle Gedanken, Begierden, Absichten und Werke unseres Lebens durchforscht werden, erweckt heilsame Furcht und führt zur Gerechtigkeit. Die Vorstellung der Hölle drängt die Begierden zur sündigen Lust zurück, die so streng bestraft wird, und führt zur Mäßigkeit. Die Beherzigung der himmlischen Freuden endlich mildert alle Leiden und Widerwärtigkeiten, und verleiht dem Gemüt Stärke. Wo aber diese vier Haupttugenden herrschen, da bewahren sie den Menschen vor der Sünde. "So gedenke denn deiner letzten Dinge, und du wirst ewig nicht sündigen."

 

3. So leicht indessen dies Mittel ist, uns vor der Sünde zu bewahren, wenden dennoch nur wenige es an, weil diese Gedanken sie traurig machen. Christliche Seelen jedoch, die es anwenden, erfahren bald, dass diese Beherzigungen durchaus keine Schwermut und keinen Trübsinn mit sich führen, sondern dass sie je länger je lieblicher werden, da sie das Gewissen reinigen, und große Heiterkeit und Freude im Herzen erwecken, und es über sich selbst erheben. Darum auch gibt die Heilige Schrift diese Erinnerung als ein Mittel zur Freude an und spricht: "Lass keine Traurigkeit in dein Herz, sondern treibe sie von dir, und gedenke deiner letzten Dinge."

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Betrachtung am 29. September - Von der Pflicht,

Gott immer eifriger zu dienen

 

Dir will ich leben, o mein höchstes Gut.

Es dringe deines heil`gen Eifers Glut

Tief bis in meines Herzens letzte Falte,

Dass bis ans Ende nimmer sie erkalte.

 

1. Je länger wir in diesem Tal des Kampfes pilgern, um so mehr sollen wir an Frömmigkeit und Eifer zunehmen. Denn größer sind nun unsere Kenntnisse und Erfahrungen, deutlicher sehen wir das Nichts und die Vergänglichkeit irdischer Dinge ein, und milder auch wurden durch das Alter unsere Leidenschaften, so dass es uns nun auf gewisse Weise leichter wird, Gott zu dienen, als in jüngeren Jahren. Überdies nahm auch die Anzahl der göttlichen Wohltaten mit unserem Leben zu, was uns nicht nur anregen soll, Gott inniger zu danken, sondern auch zu bedenken, dass von dem, dem viel gegeben wurde, auch mehr wird gefordert werden.

 

2. Je näher ein Körper seinem Mittelpunkt kommt, um so mehr beschleunigt er seinen Lauf. Also soll auch, je näher wir dem Ziel unseres Lebens kommen, unsere Frömmigkeit um so mehr an Innigkeit zunehmen. Bald werden wir vor Gott erscheinen, ihm Rechenschaft über unser ganzes Leben zu geben. Welcher mächtige Antrieb ist dieser Gedanke, uns beständig wachsam zu erhalten. Ist jede Stunde unseres Lebens kostbar, so sind nun, wo wir unserem Ziel mit jedem Tag näher kommen, unsere noch übrigen Stunden um so kostbarer, als sie nur noch in geringer Anzahl sind. So eilen wir denn, diese Stunden auf den Dienst unseres Gottes zu verwenden, und unsere himmlische Glorie zu vermehren.

 

3. Wie traurig ist es, Greise zu sehen, die, wie man sprichwörtlich zu sagen pflegt, bereits mit dem einen Fuß im Grab stehen, und noch immer mit allen ihren Gedanken nach höheren Ehren, nach Vermehrung ihrer zeitlichen Güter zielen, und so gierig an diesem Leben hängen, als sollte es ewig dauern. Ängstlich entfernen sie jeden Gedanken an den Tod und leben in beständiger Täuschung, bis der Tod sie plötzlich aus dem Leben ruft. Wie schrecklich aber wird ihr Erwachen in der Ewigkeit sein. Darum leben wir jetzt schon mit unseren Gedanken in der Ewigkeit, und verleben wir jeden Tag, als wäre er unser letzter, denn nicht lange, und unser letzter Tag wird wirklich erscheinen. Offenbarung 16,15: "Siehe, ich komme wie ein Dieb. Selig, wer wach bleibt."

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Betrachtung am 30. September - Die Unterlassungssünde

 

Dein Licht, o Weisheit, lehre mich

Mein Tagewerk in allen Dingen

Genau, wie Gott es will, vollbringen:

Damit von aller Schuld ich frei

Und seiner Gnade würdig sei.

 

1. Es genügt, die ewige Seligkeit zu erlangen, nicht, dass wir nichts Böses tun, tun auch müssen wir überdies alles Gute, dass Gott von uns verlangt. Ach, wie viele wurden verworfen, weil sie dies zu tun unterließen. Wie viele Eltern seufzen in der Verdammnis, weil sie die Erziehung ihrer Kinder vernachlässigten. Wie viele Vorgesetzte, die nicht über ihre Untergebenen wachten. Denn alle Sünden, die Kinder und Untergebene aus sträflicher Nachlässigkeit derjenigen begehen, die ihnen vorgesetzt sind, kommen auf ihre Rechnung, ob sie selbst auch unsträflich in ihrem Leben waren. Wer die Laster und Missbräuche nicht verhindert, die er verhindern soll, wird ihrer schuldig vor Gott.

 

2. Man entlässt Angestellte nicht immer wegen Diebstählen und Betrügereien. Meist ist ihre Trägheit, die Unterlassung ihrer Pflichten die Ursache, warum sie verabschiedet werden. Auch jener träge Knecht wurde nicht verworfen, weil er das Talent seines Herrn verspielt oder verprasst hatte. Sein ganzes Verbrechen bestand darin, dass er mit ihm nicht gewirkt, sondern es vergraben hatte. Ein fürwahr warnendes Beispiel für uns. Du wirst vielleicht nicht verdammt werden, weil du fremdes Gut zurückbehalten oder sonst schwere Sünden begangen hast, aber kommst du auch den Armen zu Hilfe nach deinem Vermögen? Erfüllst du pünktlich die Pflichten deines Amtes, deines Standes? Wachst du als Arbeitgeber genau über deine Angestellten?

 

3. Von höchster Wichtigkeit für unser Heil ist dies, und ein Grund zu ernstem Nachdenken und zu bitterer Reue. Je höher dein Stand und Beruf ist, um so wachsamer musst du über Unterlassungssünden sein, die oft ein Quell von Ungerechtigkeiten und bitteren Leides für den Nächsten werden, ohne dass derjenige dies ahnt, aus dessen Schuld es geschieht. Ist er aber darum weniger sträflich? Prüfen wir uns hierüber ernsthaft. Fürchten wir diese Sünden und sind wir wachsam, sie zu verhüten, damit sie nicht einst die Ursache unserer ewigen Verdammnis sind. Lukas 12,47: "Der Knecht, der den Willen seines Herrn kennt, sich aber nicht darum kümmert und nicht danach handelt, der wird viele Schläge bekommen."

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