Betrachtungen von Januar bis März

 

Betrachtung am 1. Januar - Von der Beschneidung des Herrn

 

Dein Name, Herr, glänzt an des Jahres Spitze.

Dein Erstlingsblut gabst heut du für uns dar.

O lehre unsre Herzen uns beschneiden,

Und gib uns, dass durch Freuden und durch Leiden

Wir unbefleckt durchwallen dieses Jahr.

 

1. Preis und Anbetung dir, o Jesus, Sohn des lebendigen Gottes, der du, die unendliche Schuld der menschlichen Natur zu tilgen, bereit warst, das Gewand der Sünder anzuziehen, und dem schmerzlichen Gesetz der Beschneidung dich zu unterwerfen. Kaum ist dein heiligstes Blut in deinen zarten Adern gebildet, so hast du bereits unter Schmerzen seine Erstlinge als ein Unterpfand vergossen, dass du es einst bis auf den letzten Tropfen für unsere Erlösung vergießen wirst. Darum empfängst du auch bei dieser heiligen Beschneidung den Namen Jesus, den Namen eines Heilandes, eines Erlösers, den sich nicht Menschen erdachten, sondern den Gottes Engel aus den himmlischen Höhen gebracht hatten, noch bevor du in der menschlichen Natur empfangen warst.

 

2. Dies ist das große Geheimnis der göttlichen Milde, das von Anbeginn der Welt verborgen war, nun aber den Heiligen geoffenbart wurde (Epheser 1): dass der Allerhöchste sich selbst erniedrigte, unser Bruder im Fleisch zu werden, um in seiner, mit der göttlichen Natur persönlich vereinten Menschheit unendliche Verdienste zu erwerben, die unendliche Schuld der Menschheit zu tilgen. Darum, o Jesus, beten wir dich an und preisen deinen glorwürdigen Namen, vor dem die bösen Geister zittern, die Himmel jubeln, durch den die Erde neues Leben empfängt und vor dem alle Knie sich beugen, weil dies der einzige Name ist, durch den wir das ewige Heil erlangen können.

 

3. Nur Vorbilder der Erlösung waren alle Zeremonien des alten Bundes, die der Gottmensch Jesus durch die Wahrheit erfüllte. Auch die Beschneidung im Fleisch war ein Vorbild der geistigen Beschneidung. Jesus, unser Erlöser und allerhöchster Gesetzgeber, wandelte zwar die erste, die die Vergebung der Sünde vorbedeutete, in die Taufe um, in der die Sünde erlassen wird; verpflichtete uns aber dafür zur zweiten, nämlich zur christlichen Selbstverleugnung. Beschneiden wir also alle sündhaften Gedanken, Begierden und Werke ernsthaft in unserem Herzen, denn nirgends sonst werden wir zur Anzahl seiner Auserwählten gehören. Römer 2,29: "Dies ist die Beschneidung des Herzens, die im Geist, nicht im Buchstaben geschieht, und deren Lob nicht von den Menschen, sondern von Gott ist."

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Betrachtung am 2. Januar - Zum Anfang des neuen Jahres

 

Sieh, ein neues Jahr beginnt.

Auf denn, säume nicht, und eile:

Denn die edle Zeit verrinnt.

Nütze sie zu deinem Heil;

Denn die Aussaat in der Zeit

Reift zur Frucht der Ewigkeit.

 

1. Wie vom Gipfel eines hohen Berges blicke ich im Licht dieses neuen Jahres in den Abgrund der Zeiten hinab. Wie schnell verging dies letzte Jahr, wie schnell meine ganze Lebenszeit, wie schnell alle Stunden, Tage und Jahre, die seit der Schöpfung verflossen sind. Alle eilten in den Ozean der Vergangenheit, wo nun Tage, Wochen, Jahrhunderte von gleicher Kürze sind. Wie viele aber nahm das verflossene Jahr auf seinen Flügeln mit sich in die Ewigkeit, die seinen Anfang noch froh erlebt hatten. Junge und Alte, Reiche und Arme, Könige und Bettler, ja wie viele meiner Freunde und Bekannten auch, die nichts weniger als eines so schnellen Endes gedachten. Kann aber, was im verflossenen Jahr ihnen widerfuhr, im laufenden Jahr nicht mir selbst widerfahren?

 

2. O Zeit, wie schnell ist deine Eile, wie unsicher deine Dauer, wie unendlich dein Wert. Du bist das Talent, das der himmlische König mir anvertraute. Von deiner Verwendung hängt das Los meiner Ewigkeit ab. Muss ich aber nicht zitternd auf das vergangene Jahr zurückblicken? Sammelte ich mir nicht Schätze des Zorns für den Tag des Gerichts? Und in der großen Anzahl meiner Werke: wie wenig Frucht für den Himmel, und wie viel Spreu zum Verbrennen.

 

3. Dank und Anbetung dir, o König der Ewigkeit, mein Schöpfer und mein allerhöchster Herr. Abermals führte deine Huld in ein neues Jahr mich ein, meinen unermesslichen Verlust zu ersetzen. Ach, wie würden so viele, die nun auf ewig von deinem Angesicht verworfen sind, diese kostbare Zeit verwenden, wenn sie für sie zurückkehrte. Und ich sollte noch länger säumen, mein ewiges Heil durch Werke des Lebens zu sichern? Ach, schon ist vielleicht das Ziel meines Lebens nahe. Ist aber dieses Jahr mein letztes: was möchte ich dann nicht alles darin getan haben. Vergeblich jedoch sind dann meine Wünsche. So will ich denn nun mit deiner Gnade, Herr, kräftig beginnen. Nun ist die Gegenwart in meiner Gewalt; "nun sind Tage des Heils; nun ist eine gute Zeit."

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Betrachtung am 3. Januar - Die erhabene Bestimmung des Menschen

 

Ich pilgre hier in fremdem Land,

Und ziehe eilig fort;

Im Himmel ist mein Ort.

Bald fällt des Fleisches Scheidewand,

Dann reicht mein Schöpfer mir die Hand,

Und nimmt nach meinem Lauf

Mich gnädig zu sich auf.

 

1. Wie kam ich in diese Welt? Und was soll ich in ihr? Verdanke ich vielleicht mein Dasein den leiblichen Eltern? Aber kennen denn diese Eltern auch nur die Hälfte der inneren Organe meines Leibes? Setzten sie den unendlich kunstreichen Bau meines Auges oder meines Gehirns zusammen? Und wie verknüpften sie meinen unsichtbaren Geist mit diesem sichtbaren Körper zu einem Wesen? Eine Kunst unendlicher Weisheit und Allmacht ist hierzu erforderlich. Dies sagt mir das Licht der Vernunft. Gott also hat, wenn auch durch die Vermittlung irdischer Eltern, mir das Dasein gegeben. Er ist der eigentliche Urheber meines Daseins.

 

2. Gab aber Gottes unerschaffene Majestät mir das Dasein, so gab sie es mir offenbar zu ihrer Verherrlichung und zu meiner eigenen Glückseligkeit. Denn alle Wesen schuf der Allerhöchste für sich, alle streben nach ihm, wie nach ihrem Mittelpunkt. Dazu auch ist mein Geist mit einer Erkenntniskraft begabt, die bis ans Unendliche reicht, ihn selbst zu erkennen, und mit einem Vermögen, zu lieben, das kein erschaffenes Wesen vollauf zu sättigen vermag. Schon hieraus erkenne ich klar, dass ich erschaffen bin, meinen Schöpfer zu erkennen, zu lieben und ihn zu besitzen, da nur er, der unendliche Urquell alles Guten, mein Ziel und meine einzig wahre, volle und unendliche Glückseligkeit ist.

 

3. Was also soll ich hier? Offenbar soll ich das Ziel erreichen, für das mein Gott mich erschaffen hat. Hierin aber erkenne ich seine unendliche Güte, die mich nicht erschuf, und dann mir selbst mich überließ. Er gab mir sein heiliges Gesetz als den Weg, auf dem ich zu ihm gelange. Nicht erschaffen wurde ich also, in dieser Welt reich zu werden, nach vergänglicher Ehre zu streben, sündhaften Lüsten mich zu ergeben. Vielmehr würden diese Dinge unendlich weit von dem Weg meiner himmlischen Pilgerschaft mich entfernen. Sondern erschaffen wurde ich, den Willen meines Schöpfers auf die Art und Weise zu tun, die seine heilige Vorsehung mir vorzeichnet, weil ich nur dadurch zu meinem erhabenen Ziel gelange. Psalm 119,73: "Deine Hände, mein Gott, haben mich gemacht und geformt. Gib mir Einsicht, damit ich deine Gebote lerne."

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Betrachtung am 4. Januar - Von Gottes Führungen

 

Herr, du bist meine Zuversicht.

Nicht Wohlfahrt und nicht Leiden

Soll je von dir mich scheiden;

Du ordnest meine Pilgerbahn,

Und führst darauf mich himmelan.

 

1. Wunderbar und tief verborgen sind oft Gottes Führungen. Immer aber gereichen sie zu seiner Ehre und zum Heil seiner Auserwählten. Joseph erhält durch Gottes Engel Befehl, mit dem göttlichen Kind und seiner jungfräulichen Mutter nach Ägypten zu fliehen, weil Herodes ihm nach dem Leben stelle. Scheint dies nicht Torheit und Schwäche? Konnte der Allerhöchste seinen Eingeborenen nicht auf andere Weise retten, dass er in ein so fernes Land ihn fliehen lässt, der Verfolgung dieses Tyrannen zu entkommen? Wohl spricht der Apostel in erleuchteter Weisheit: "Denn das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen, und das Schwache an Gott ist stärker als die Menschen." (1. Korinther 1,25) Verherrlichen sollte Jesus seinen ewigen Vater durch Schwäche, Armut und Leiden. Vorbereiten sollte er durch den Sturz der Götzengebilde das Land Ägypten zum Glauben. Und seine Gegenwart heiligte dieses Land zu einem Aufenthalt zahlloser heiliger Einsiedler und jungfräulicher Seelen, die der schönste Flor der ersten Kirche waren.

 

2. Unerforschlich sind Gottes Führungen dem menschlichen Vorwitz. Und was ihm als Torheit vorkommt, ist oft die höchste Weisheit und Liebe. Gott erbaut, indessen er zu zerstören scheint. Er bereichert uns, wenn er uns in Armut zu stürzen, - er errettet uns, wenn er uns zu verderben, - er belebt uns, wenn er uns zu töten scheint. Er führt uns zum Frieden durch Kriege, zur Vollkommenheit durch Fehler, zur Herrlichkeit durch Schmach, zum Land der Verheißung durch furchtbare Wüsteneien. Er allein weiß, was uns notwendig ist und uns zum Heil verhilft.

 

3. Darum, o Herr, mein Gott, stelle ich deiner göttlichen Vorsehung mich gänzlich anheim. Leite mich, Herr, nach deinem Willen. Ohne Furcht schreite ich unter deiner Führung. Mit Ergebung und Freude füge ich mich allem, was deine göttliche Anordnung über mich beschlossen hat, denn ich weiß, dass du die unendliche Weisheit, Güte und Liebe bist. Ob du durch Ehre oder durch Schmach, durch Trost oder durch Widerwärtigkeiten, durch Überfluss oder durch Armut, durch Gesundheit oder durch Krankheit mich führst, sei dein heiliger Name in allen Dingen gebenedeit. Psalm 40,18: "Ich bin arm und gebeugt; der Herr aber sorgt für mich. Meine Hilfe und mein Retter bist du."

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Betrachtung am 5. Januar - Wahre und falsche Weisheit

 

Die Taten aller Weisheit dieser Welt

Sind eitler Kinder Spiele;

Nur wen, Herr, deiner Weisheit Licht erhellt,

Der Kommt durch sie zum Ziele.

 

1. Wer das rastlose Treiben und die unermüdlichen Anstrengungen der Kinder dieser Welt mit erleuchteten Augen des Glaubens betrachtet, kann sich nicht erwehren, über ihre sonderbare Verblendung zu seufzen. Allen Fleiß und Scharfsinn bieten sie auf, neue Erfindungen und Einrichtungen zu ersinnen, wodurch sie zu Reichtum, Ehre und zu Mitteln gelangen, ihre Begierden zu sättigen. Und als klug und weise rühmen sie diejenigen unter ihnen, denen dies auf vorzügliche Weise gelingt. Indessen dienen alle diese Dinge nur dazu, die Not und die Armseligkeiten dieses Lebens zu lindern, denn sie sind nur Mittel. Sie aber halten sie in ihrer Verblendung für das Ziel selbst, nämlich für die Glückseligkeit des Lebens.

 

2. Lebten unter den Sterblichen dieser Erde auch solche, die unsterblich wären, sicher würden sie dann zu den ersten sprechen: Ihr kurzsichtigen Toren, wie bemüht ihr euch euer kurzes Leben hindurch um Erfindungen und Verschönerungen, da ihr nur so wenige Jahre euch hier aufhaltet. Überlasst uns diese Dinge, die wir ewig hier bleiben, und seid vielmehr um solche Dinge besorgt, die ihr in das Haus eurer künftigen Ewigkeit mitnehmt. Je mehr ihr von den sogenannten Gütern und Lüsten dieser Erde euch fern haltet, um so leichter auch wird euch der Abschied von dieser Erde werden, wo ihr keine bleibende Stätte habt.

 

3. "Die wahre Weisheit kommt von oben herab!" Sie ist himmlisch und führt allein zum Himmel. Sie ist nicht auf die verdorbene, sondern auf die erlöste Natur gegründet. Sie allein auch ist erhaben und unwandelbar, wie Gott selbst, von dem sie ausgeht. Sie ist überaus hellsehend, denn sie sieht Gott und die Ewigkeit, und betrachtet alle Dinge dieser Welt als Mittel, die, weise verwendet, zu dem wahren Ziel, zur unendlichen Glückseligkeit führen. Weise wirst du nur dann sein, wenn du diese Weisheit erlernst, die unendlich hoch über der Weisheit dieser Welt steht. 1. Korinther 3,19a: "Denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott."

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Betrachtung am 6. Januar - Die Weisen aus dem Morgenland

 

Die Weisen führt ein Wunderstern,

Der Glaube mich zu meinem Herrn.

Dies Kind, das göttlich sie belehrt,

Zeigt mir die Welt, durch ihn bekehrt.

 

1. Betrachte die Wunder deines Herrn, des allmächtigen Kindes, das in der Krippe weint. Sieh, wie der Glanz seiner göttlichen Majestät selbst durch die Armut und Demut dieses verlassenen Stalles hindurchstrahlt. Ein Erzengel kommt vom Allerhöchsten zur Jungfrau gesandt, die er zur Mutter seines Eingeborenen erwählte. Der ungeborene Täufer Johannes hüpft im Mutterleib vor Freude über die Gegenwart seines ebenfalls noch ungeborenen Herrn auf. Himmlische Heerscharen verkündigen frommen Hirten seine Geburt. Und indes Israel seinen Herrn verstößt, geht ein neuer Stern am Himmel auf und beruft ferne Könige und Weise, ihn anzubeten. Wo ist ein irdischer König, dessen Geburt durch solche Wunder verherrlicht wird?

 

2. Sieh, schon nahen diese Fremdlinge aus den Heiden der heiligen Stadt. Ein Stern hat ihre äußerlichen, das Licht Gottes ihre innerlichen Augen erleuchtet, den neugeborenen König Israels zu suchen. Eigens sendet Gottes Vorsehung diese Heiden, die schlummernden Juden aus ihrem Todesschlaf zu wecken, und ihnen zu verkündigen, ihr seit Jahrhunderten erwarteter Messias ist endlich geboren. Folgen sie ihnen etwa jubelnd nach Bethlehem? Was für eine schreckliche Blindheit und Gleichgültigkeit. Herodes erschrickt, und - wer sollte es glauben? - das ganze Volk mit ihm. Der grausame Kindermord dieses Wüterichs steht selbst in den Schriften der Römer aufgezeichnet, der Wahrheit des Ereignisses Zeugnis zu geben.

 

3. Was tut ihr, weise Fürsten? Wen betet ihr an in dieser elenden Hütte? Den eingeborenen Sohn Gottes, den alle Propheten verkündigten. Der seine Geburt durch einen neuen Stern am Himmel kund gibt. Der die stolzen Schriftgelehrten der Synagoge mitten im Licht blendet. Vor dem der Gottlose selbst auf dem Thron erbebt, und der seine Anbeter mit dem Licht und der Wonne himmlischen Trostes erfüllt. Wirkt er aber so als ein neugeborenes Kind: was wird erst geschehen, wenn er im Glanz seiner Majestät zum Weltgericht erscheint? Selig dann jene, die unter dem Schleier des Glaubens ihn anbeteten, und Wehe allen seinen ungläubigen Verächtern. Psalm 49,2: "Hört dies an, ihr Völker alle, vernehmt es, alle Bewohner der Erde."

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Betrachtung am 7. Januar - Von den göttlichen Einsprechungen

 

Lehre Herr, mich deinen Willen;

Sieh mein Herz, es ist bereit,

Ihn in Treue zu erfüllen

Meine ganze Lebenszeit.

 

1. Die innerliche Einsprechung ist ein Stern, der unseren Geist erleuchtet und ihn zu Jesus führt. Sie ist die Stimme Gottes in unserem Gewissen, die uns belehrt, ermahnt und bedroht. Sie ist ein Anhauch des Heiligen Geistes, ein Strahl seines Lichtes, eine Wirkung seiner Liebe, ein Samenkorn des Paradieses zu Früchten des ewigen Lebens, ein Keim der Ewigkeit. Sie ist eine Gnade, die Jesus durch sein Blut uns erworben hat. Sind wir aber zu dieser innerlichen Mahnung taub, so widerstreben wir dem Heiligen Geist, sündigen mit vorsätzlicher Bosheit, vergraben gleich jenem bösen Knecht das Talent unseres Herrn, und gefährden unser ewiges Heil.

 

2. Wären die heiligen Weisen dem Stern nicht gefolgt, so wären sie in den heidnischen Finsternissen und den Schatten des Todes verblieben. Folgst aber du der Einsprechung nicht, die deinen Geist erleuchtet und dein Herz zur Bekehrung drängt, so wirst du in deinen Sünden sterben. Denn verschmähst du die Stimme Gottes, so schweigt er. Hat er gerufen und du kommst nicht, so entfernt er sich. Hat er lange an deinem Herzen angepocht und du tust ihm nicht auf, so weicht er von dir. Und gerecht ist es allerdings, dass er die Seele verschmäht, die ihn verschmähte, und sie endlich bestraft, nachdem er ihren Trotz lange mit großer Geduld ertragen hat.

 

3. Wie lange schon pocht Gott an deinem Herzen! Wie lange schon ruft er dir zu, sucht, bittet und ermahnt dich, von jener Sünde abzustehen, dein Leben zu bessern, und der Stimme seiner Gnade Gehör zu geben? Zittere, dass sein gerechter Zorn plötzlich erwacht, dass das Reich der Gnade und Liebe, wohin du nicht eingehen willst, von dir hinweggenommen, dass sein Geist nicht mehr zu deinem Herzen sprechen, dass die Stimme deines Gewissens schweigen, und dass Gott dich verlassen wird. Nein, mein Gott, nicht länger werde ich deinem innerlichen Ruf widerstehen. Gehorchen will ich dir und deinen heiligen Willen tun. Preis dir, dass du, ungeachtet meines Undanks, mich noch nicht verlassen hast, und mich noch barmherzig ermahnst und bedrohst. 1. Samuel 3,9: "Rede, Herr, denn dein Diener hört."

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Betrachtung am 8. Januar - Quellen des Unglaubens

 

Sieh, ohne Unterlass ergießt

Die Sonne ihr geliebtes Licht.

Doch wenn dein Auge sich verschließt

Und sagt, es seh` die Sonne nicht,

Und glaube nicht an ihren Schein:

Willst dann nicht selber blind du sein?

 

1. Woher der Schwindel so vieler, die mit einem Unglauben prahlen, der alle Vernunft beleidigt? Haben sie etwa mit ernsthaftem Nachdenken geforscht, und die Religion falsch befunden? Haben sie die unerschütterlichen Grundfesten untersucht, auf denen das Christentum ruht, das das Götzentum stürzte, die scharfsinnigsten Geister überzeugte, die Welt sich unterwarf, und während der Dauer von zwei Jahrtausenden so viele Erderschütterungen, Throne, Regierungen, Diktaturen und Revolutionen überlebte? Nein! Warum denn sind sie ungläubig? Darum, weil es bequemer ist, nicht zu glauben, als die Sitten nach dem Glauben zu ordnen.

 

2. Wer war je ungläubig, um besser zu werden? Wen führte je das Verlangen nach Wahrheit und Gottesfurcht zum Unglauben? Fragen wir die meisten Ungläubigen, wann das große Licht der Aufklärung anfing ihnen aufzugehen, so erfahren wir, dass dies zur Zeit geschah, als die Liebe zur sinnlichen Lust in ihnen erwachte, als sie ihren Leidenschaften freien Zügel ließen. Peinlich war ihnen damals das Joch des Glaubens, man musste es also abwerfen und Mittel suchen, das schreiende Gewissen zu beschwichtigen, dazu aber bot der Unglaube das trefflichste Mittel. Man suchte Bücher und Freunde, in diesem Unglauben sich zu stärken, und fand beide, und so wurde die blinde Leidenschaft die Führerin, der man blindlings folgt.

 

3. Viele indessen tragen eigentlich mehr die Larve des Unglaubens. Gern zwar fänden sie alles unwahr, was in ihrer Leidenschaft sie stört. Auch ist aller seichte und lügenhafte Spott irreligiöser Schriftsteller ihnen willkommen. Dessen ungeachtet aber ist der Glaube in ihrem Herzen, wie das Feuer unter der Asche verborgen. Manche Gelegenheit versetzt sie in Angst und Schrecken und zeigt ihnen, dass sie mehr Glauben haben, als sie meinen. Möchten sie doch bedenken, wohin dieser Unglaube sie führen wird. Wer befolgte je die Lehren des Glaubens getreu, und hätte dies auf seinem Totenbett bereut? Oder wer hätte diesem Glauben damals abgeschworen, um Gott zu gefallen? Sollte dies aber nicht allein genügen, alle Ungläubigen zum Glauben zurückzuführen! "Bekehrt euch zu mir, so wird euch Heil widerfahren." (Jesaja 45,22)

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Betrachtung am 9. Januar - Andere Quellen des Unglaubens

 

Des Glaubens Licht gab, Herr, uns deine Güte,

Dass es vor falschem Irrweg uns behüte.

Doch, ach, mehr liebt die Welt die Finsternisse,

Und flieht das Licht, das sie der Nacht entrisse.

 

1. Niemals vielleicht war der Unglaube höher gestiegen als in den letzten Zeiten. Den Ruhm eines gebildeten, aufgeklärten Menschen zu erlangen, genügte es, alle Geheimnisse der Religion zu verwerfen, die Priester zu schmähen und zu verleumden, und das Sittengesetz einer allgemeinen Emanzipation des Fleisches auszusprechen. Überströmt wird die Welt mit irreligiösen Schriften, falschen Legenden, Geschichten, Romanen, die alle auf mehr oder minder schlaue Weise dahin zielten, die Religion in einem lächerlichen oder verhassten Licht darzustellen. Und gierig griff die Jugend zu diesen Büchern, sog ihr Gift ein, und spottete dann ungläubig der Religionslehren. Welche Früchte dieser Unglaube brachte, dies zeigen uns die politischen Stürme und das Sittenverderbnis.

 

2. Manche Gelehrte auch, die nur darauf ausgingen, durch Erfindungen und neue Systeme berühmt zu werden, nahmen in ihren Schriften Wahres und Zweifelhaftes, richtige Beobachtungen und gewagte Vermutungen auf, und trugen mit allem Scharfsinn Systeme vor, die mit der mosaischen Schöpfungsgeschichte geradezu im Widerspruch standen. Junge Männer aber, die bereits einige Vorkenntnisse in den Wissenschaften besaßen, wurden über diesen falschen Schimmer entzückt und nahmen mit Vergnügen eine Theorie an, die von dem Joch eines geheiligten Ansehens sie befreite. Keiner aber bedachte, dass jene eitlen und falschen Geschichten, so wie diese philosophischen Behauptungen oft und mit größter Klarheit widerlegt wurden, und dass die Tatsachen, auf die das Christentum sich gründet, deutlicher erwiesen sind, als alle Tatsachen der römischen und griechischen Geschichte. 

 

3. Endlich brachte die unglückselige Neuerungssucht und die eitle Wut, immer weiter fortzuschreiten und sogar die Religion zu vervollkommnen, eine Unzahl Schriften hervor, die  viele Gemüter verwirrten, und gänzlichem Unglauben entgegenführten. Gleich als leuchtete nicht eine Sonne allen Generationen, als wäre die Wahrheit wandelbar wie die Lüge, und als ginge die Ewigkeit in der Zeit vorüber. Aber "die Wahrheit des Herrn bleibt in Ewigkeit". Würden alle Schriften, die dahin zielen, den Glauben zu vernichten, durch einen wohltätigen Brand vernichtet: wie viele Schriften echter Gelehrtheit würden wohl von der Hälfte des verflossenen Jahrhunderts erübrigen. Apostelgeschichte 19,19: "Und nicht wenige, die Zauberei getrieben hatten, brachten ihre Zauberbücher herbei und verbrannten sie vor aller Augen."

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Betrachtung am 10. Januar - Gründe des Glaubens

 

Herr, erleuchte mild die Blinden,

Dass sie deine Wunder sehn,

Dich in deinem Lichte finden,

Und durch Buße zu dir gehn.

 

1. "Vermehre, Herr, den Glauben in mir!" Denn sieh, die Kinder dieser Welt führen durch gottlose Reden viele Schwachen irre, und verrufen deine göttliche Religion als eitel Menschenwerk und Schwärmerei. Bringen sie aber auch den Glauben deiner Getreuen nicht zum Wanken, so wirken sie doch immerhin dahin, sein Licht zu verdunkeln. Aber wer die Augen deinem heiligen Licht nicht vorsätzlich verschließt, der sieht klar, wie deine liebevolle Vorsehung das menschliche Geschlecht zu allen Zeiten an unsichtbarer Hand seiner ewigen, glorreichen Bestimmung entgegen führte.

 

2. Nicht wie eine fabelhafte Sage verliert sich deine göttliche Offenbarung in einem zeugenlosen Altertum, dein heiliger Dienst begann mit der Welt. Durch ein untilgbares Nationalwunder besteht, als einzige Ausnahme des menschlichen Geschlechtes, jenes Volk, das deine göttlichen Verheißungen in den frühesten Zeiten durch Mose empfing, selbst nach seiner Verwerfung fort, damit es der Welt zu allen Zeiten aus seinen eigenen Büchern seine Verwerfung zeige, weil es den verheißenen Messias tötete, dessen Geburt, Leben, Tod und Erlösung seine Propheten auf das Umständlichste durch deinen Geist geweissagt hatten. Öffentlich erschien dieser Erlöser. Alle Weissagungen gingen bis auf den letzten Punkt an ihm in Erfüllung. Und vor dem Anblick zahlloser Menschen aus allen Ländern vollbrachte er das Heil und die Erlösung der Welt durch seinen Opfertod.

 

3. Ja noch bis zur Stunde besteht zu Jerusalem sein glorreiches Grab, und wird von Pilgern aus allen Nationen verehrt. Noch sichtbar bis zur Stunde sind die Katakomben in der Hauptstadt der christlichen Welt, wo die Gebeine zahlloser Märtyrer ruhen, die den Glauben durch ihr Blut uns erhielten. Noch bis zur Stunde sehen wir Standbilder der alten Götzen, vor denen die Welt einst anbetend niederfiel. Noch bis zur Stunde ertönen auf dem ganzen Erdkreis die Schriften der Apostel, die die Welt bekehrten. Ja noch bis zur Stunde weidet der unsterbliche Petrus durch 20 volle Jahrhunderte die Herde des Herrn. Sprechende Tatsachen sind dies, die die lasterhaften Prediger des Unglaubens nimmermehr zu tilgen vermögen. Psalm 19,8: "Dein Gesetz, Herr, ist vollkommen und bekehrt die Seelen. Das Gesetz des Herrn ist verlässlich, den Unwissenden macht es weise."

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Betrachtung am 11. Januar - Wie Gott verloren und wiedergefunden wird

 

Mein Heiland, geh mit mir nicht ins Gericht,

Wenn ich aus angeborener Schwäche fehle.

Ach, trauernd suche ich dein Angesicht.

Denn fiel ich auch, liebt doch dich meine Seele. 

 

1. Verloren wird Gott durch die Sünde. Wiedergefunden wird er durch die Buße. Die Todsünde bricht das Band der Liebe, die uns mit Gott vereint, und vertreibt ihn aus der Seele, in der sie herrscht. Zerknirschung aber, Seufzer und Tränen helfen uns ihn abermals zu finden. Suchen müssen wir ihn wie die jungfräuliche Mutter ihren göttlichen Sohn: schmerzlich, eifrig, demütig und andächtig. Auch müssen wir nicht ablassen, ihn zu suchen, bis wir ihn endlich gefunden haben. Vergeblich jedoch suchen wir ihn in der großen Welt, in Gesellschaften, unter Freunden und Verwandten. Er wird nur im Tempel, nur bei gottesfürchtigen Menschen gefunden. Wann, wo und wie suchst du ihn?

 

2. Die lässliche Sünde bricht zwar das Band der Liebe nicht, doch schwächt sie die Vereinigung. Gott weicht nicht gänzlich von der Seele, die durch solche Sünden ihn beleidigt. Aber er leitet und tröstet sie nicht mehr wie früher, und entzieht ihr seinen besonderen Schutz. Dadurch aber versinkt sie in Kaltsinn, verliert seine heilige Gegenwart aus den Augen, und neigt sich allmählich zu schwereren Sünden. Verloren wird seine heilige Gegenwart durch Zerstreuung der Sinne und des Geistes, durch den Lärm der Leidenschaften, durch den Umgang mit der Welt, durch eitle Begierden und Vorwitz. Wiedergefunden aber wird sie durch Entfesselung von den Geschöpfen, durch Einsamkeit und innerliche Sammlung.

 

3. O liebevoller Jesus, wo ist die Zeit, da du in meinem Herzen wie in deiner Wohnstätte, wie in einem freundlichen Wonnegarten wohntest. Ach, wie selig war damals meine Seele. Wie überaus wohl war mir in deiner liebevollen Gegenwart. Wie glühte mein Herz nach deinen lieblichen Worten. Wo bist du, Geliebter meiner Seele? Verlassen hast du mich, oder vielmehr verloren habe ich dich. Wie in einer öden Wildnis irre ich nun, die kein Tau des Himmels benetzt. Du Quell des lebendigen Wassers, wann wirst du meine lechzende Seele wieder mit deinem Trost erquicken? Suchen will ich dich, und nicht nachlassen, bis ich dich wiedergefunden habe. "Ich fand ihn, den meine Seele liebt. Ich packte ihn, ließ ihn nicht mehr los." (Hoheslied 3,4)

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Betrachtung am 12. Januar - Von dem verborgenen Leben Jesu

 

O sieh, am ersten Lebensmorgen

Ist unterm Scheffel tief verborgen

Das Licht, das unsern Tag erhellt.

Am Mittag erst soll hoch es glänzen

Bis zu der Erde fernsten Grenzen

Am Kreuzesleuchter aufgestellt. 

 

1. O abgrundtiefe Weisheit Gottes, wie unendlich hoch stehen deine Ratschlüsse über allen menschlichen Begriffen. Dringe ein in die stille Hütte von Nazareth, und sieh dort den Sohn des himmlischen Vaters, der mit den demütigen Arbeiten eines Zimmermanns sich beschäftigt, dich zu lehren, dass die geringsten Werke, die nach den Absichten Gottes vollbracht werden, alle glänzenden Taten unendlich übertreffen, die die menschliche Eitelkeit vollbringt, und deren Ruf den Erdkreis erfüllt. Fürwahr, o Jesus, "du bist ein verborgener Gott und Heiland!" (Jesaja 45,15) Hier, menschlicher Stolz, lerne deine Wogen brechen, lerne demütige Verborgenheit lieben und dein Leben durch Arbeiten heiligen. 

 

2. Göttlicher Heiland, in andächtiger Zerknirschung bete ich dein heiliges, verborgenes Leben an. Aber, Herr, mein Gott, gestatte deinem Knecht eine Frage. Würdest du nicht die Absichten deiner heiligsten Menschwerdung besser erfüllen, wenn du, statt diesen niedrigen Arbeiten dich hinzugeben, die Welt durch den Glanz deiner Weisheit erleuchtetest, die Sünder bekehrtest, den Völkern dich offenbartest, und deinen himmlischen Vater durch Wunder verherrlichtest? O Seele, spricht er, die ich zu erlösen kam, "lerne von mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen!" Nimmst du Ärgernis an meinen Arbeiten: wie weit mehr wirst du einst Ärgernis an meinem Kreuz nehmen. Nicht Stolz und Weichlichkeit, Demut und Abtötung kam ich dich zu lehren.

 

3. Dies also ist die Lehre, die dein Heiland durch sein verborgenes Leben dir gibt. Dringe ein in den Geist dieser heiligen Verborgenheit. Betrachte, wie Jesus seinem himmlischen Vater sich unterwirft, wie er in heiliger Geduld den Augenblick seiner Vorsehung abwartet, wie er zum Opfer für unsere Sünden sich ihm erbietet, und wie er durch sein Beispiel die Welt uns meiden lehrt, die voll der Täuschungen und Schlingen ist, wo zahllose Albernheiten uns beschäftigen und zerstreuen, und uns nie zu uns selbst kommen lassen. So folgen wir ihm denn, so oft nur möglich, in die heilige Verborgenheit, denn nur da können wir der Gnade getreu entsprechen, und die Vollkommenheit erreichen, zu der er uns beruft. Daniel 3,41: "Wir folgen dir jetzt von ganzem Herzen, fürchten dich und suchen dein Angesicht."

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Betrachtung am 13. Januar - Das Geheimnis der göttlichen Menschwerdung

 

Die Liebe ist, o Gott, dein Siegel.

Es glänzt geprägt auf der Natur.

Sie zog dich, Herr, in unsre Flur.

Und deine Menschheit ist ein Spiegel,

Worin ihr Übermaß erscheint,

Das, Herr, dich mit dem Staub vereint.

 

1. Abgrund ewiger Liebe, es vergeht mein Geist in der Betrachtung deiner Wunder, die hoch über der Fassungskraft aller erschaffenen Geister stehen. Die Liebe bist du, und wesentlich ist es dir, auf göttliche, unerfassliche Weise zu lieben. Also liebtest du dein Gebilde aus Staub, das du zu deiner Erkenntnis und Liebe schufst: dass du, aus der rettungslosen Tiefe es zu erheben, in die es gefallen war, selbst Staub wurdest, es zu retten und abermals in seine ursprüngliche Würde einzusetzen. Aus ihren innersten Tiefen preist anbetend dich die Seele, die du durch dein Licht erleuchtet hast, dies abgrundtiefe Geheimnis zu erkennen. Der sinnliche Mensch aber lästert in stolzer Blindheit, was er nicht versteht, und weigert sich, zu glauben, dass die unendliche Liebe unendlich liebt.

 

2. Was, o stolzer Unglaube, ist hier der unendlichen Weisheit und Güte nicht vollkommen würdig? Dass der Unsichtbare seinem Bild sichtbar erschien? Dass er seinem Geschöpf, das er durch Vernunft, Freiheit und Unsterblichkeit geadelt und fähig erschaffen hatte, ihn ewig zu verherrlichen, das ihn aber noch nicht schauen konnte, ohne im Glanz seiner unendlichen Herrlichkeit zu vergehen, auf eine solche Weise erschien, dass es ihn erkennen und nachahmen konnte? Dass er den Weg zur unsterblichen Seligkeit ihm bahnte? Dass sein ewiges Wort durch die Aufnahme einer erschaffenen Natur in die Einheit seiner Person, "als der Erstgeborene aller Kreatur", (Kolosser 1,15) selbst der erste Ring in der Kette ward, der die Schöpfung bis zur Gottheit emporzog? 

 

3. 1. Timotheus 3,16: "Wahrhaftig, das Geheimnis unseres Glaubens ist groß: Er wurde offenbart im Fleisch, gerechtfertigt durch den Geist, geschaut von den Engeln, verkündet unter den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit." 1. Korinther 2,14: "Der irdisch gesinnte Mensch aber lässt sich nicht auf das ein, was vom Geist Gottes kommt. Torheit ist es für ihn, und er kann es nicht verstehen, weil es nur mit Hilfe des Geistes beurteilt werden kann." Er fürchtet, dies abgrundtiefe Geheimnis zu glauben, weil er zugleich an die ewige Gerechtigkeit glauben und sein Leben ändern müsste. Psalm 103,2-4: "Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat: der dir all deine Schuld vergibt und all deine Gebrechen heilt, der dein Leben vor dem Untergang rettet und dich mit Huld und Erbarmen krönt."

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Betrachtung am 14. Januar - Vom Licht der Vernunft

 

Schön ist, o Mond, dein Silberlicht,

Das Lust dem Blick verschafft;

Doch wärmet es die Glieder nicht,

Und spendet keine Kraft;

Dies wirkt die goldne Sonne nur;

Nur sie gibt Leben der Natur.

 

1. "Herr, mit dem Licht deines Angesichtes hast du uns bezeichnet!", ruft der Psalmist. Dies Licht, Herr, wodurch du den Menschen hoch über alle Geschöpfe des Erdkreises erhöht hast, ist die Leuchte der Vernunft, durch die sein Geist sogar unsichtbare Dinge schaut, in die Höhen und in die Tiefen sich erschwingt, die Sterne des Himmels misst und wiegt, und in die verborgenen Geheimnisse der Natur eindringt. Groß und wunderbar ist dies Licht, und hat nichts mit dem Staub gemein, denn es ist ein Strahl aus dem Licht deines göttlichen Angesichtes.

 

2. Unsterblicher Dank dir, unser Schöpfer, für dies wunderbare Licht, das den Menschen an den Engel reiht, und durch das wir sogar dich selbst, den allerhöchsten Herrn aller Wesen, finden. Aber wie weit auch dies Licht reicht, ist es dennoch beschränkt wie der Mensch selbst, und beleuchtet nur seine irdische Pilgerbahn. Wunderbare Triebe gabst du den Vögeln des Himmels und den Tieren des Feldes. Mit scharfsinniger Kunst erbauen sie Nester und sorgen für ihre Jungen. Ja Staunen erregen die kunstreichen Fertigkeiten so vieler vernunftloser Wesen. Sie kennen sogar den Menschen, aber nimmer dringen sie in das ein, was des Menschen ist. Also erkennt dich, o Gott, auch die Vernunft. Nimmer jedoch dringt sie in dein dreieiniges, glorreiches Wesen, in die abgrundtiefen Eigenschaften deiner unerschaffenen Gottheit ein.

 

3. Doch, o unendliche Majestät, nicht bloß deine Allmacht sollte der Himmelspilger kennen, die das Licht der Vernunft ihm zeigt, sondern auch deine unendliche Heiligkeit, die sie ihm nicht zeigen kann. Darum auch reicht sie an ihren Grenzen deiner heiligen Offenbarung die Fackel, dass sie von dort ihn weiterführe. Nicht offenbaren kann sie selbst deine heiligen Geheimnisse, die hoch über sie erhaben sind, noch kann sie auch ihm Kraft geben, den Himmelsweg zu gehen. Wehe dem Stolzen, der seine Vernunft vergöttert. Sie führt ihn in rettungslose Abgründe, wie dies jene Weltweisen erfuhren, die dich, o Gott, aus deinen wunderbaren Werken erkannten, und Schlangen und Tiere anbeteten, und in die abscheulichsten Laster versanken. Psalm 119,135: "Lass dein Angesicht leuchten über deinem Knecht, und lehre mich deine Gesetze."

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Betrachtung am 15. Januar - Über die Einheit der Kirche

 

Herr, du gabst der Einen Kirche

Einen Glauben, der nicht irrt.

Lass dies Eine Licht den Blinden,

Die da irren, endlich finden:

Dich zu suchen, guter Hirt.

 

1. Ich preise dich, o Jesus, Sohn Gottes, Hirt deiner Herde, dass du in deine eine Kirche mich berufen hast, die mit denjenigen begann, die von Anfang an bei dir waren, die so zahllose Völker aus allen Zonen und Zungen vereint, von den apostolischen Zeiten an, in einem Glauben an deine göttlichen Offenbarungen, durch alle Jahrhunderte unter der Leitung eines sichtbaren Hauptes fortschritt, und ohne Unterbrechung bis auf unsere Zeit gelangte, ob auch in allen Jahrhunderten die mächtigsten Feinde sich gegen sie verschworen, und ihr mit dem Untergang drohten. Fürwahr, mein Heiland, dein Gepräge ist dies, das Gepräge deiner Gottheit, die Verbürgung deines Wortes, dass die Pforten der Hölle sie niemals überwältigen werden.

 

2. Noch deutlicher wirst du das Wunder dieser Einheit erkennen, wenn du die zahllosen Gesellschaften betrachtest, die beinahe in allen Zeiten von dieser Kirche sich losrissen, ihr feindlich gegenüber traten, die allein wahre Kirche sich nannten, und alle nacheinander verschwanden, indes diese heilige Kirche immer siegreich aus ihren schwersten Kämpfen hervorging. Ja auch die eine Gesellschaft, die am letzten von ihr sich lostrennte, zerfiel bereits in so viele Parteien, dass ihre Namen kaum sich zählen lassen, und die nur eins miteinander gemein haben, nämlich gegen diese Eine heilige Kirche sich zu vereinigen: der Unbesiegbarkeit derselben Zeugnis zu geben.

 

3. Erfreue dich und danke der Gnade deines Erlösers, dass er, ohne dein Verdienst, in diese Arche des Heils dich aufgenommen hat. Bitte auch aus ganzem Herzen ihn, dass er die Augen so vieler Irrenden erleuchte, damit sie endlich erkennen, dass die Wahrheit nur Eine ist, nur Eine sein kann, die vom Himmel kam, deren Stimme von Anbeginn ertönte, und die einfach und auf geradem Weg durch die Zeiten bis zur Vollendung fortschreitet, indes der Irrtum gleich dem Unkraut wuchert und auf unzähligen Wegen von der Wahrheit abirrt. Ach, sollte denn nicht schon diese Betrachtung genügen, sie zu heilen. Psalm 13,4: "Erleuchte ihre Augen, Herr, dass sie nicht im Tod entschlafen."

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Betrachtung am 16. Januar - Das menschliche Herz ein Tempel Gottes

 

Sieh, einen Tempel baut sich Gottes Geist,

Und schmückt ihn mit den reichsten Gaben aus;

Denn göttlich glänzen soll dies heil`ge Haus.

Er will, o Seele, dass sein Haus du seist.

Ergibst du dich an ihn, in dir zu wohnen:

Wird mit der Himmelsburg er dich belohnen.

 

1. Wie hoch, o Herr, erhebst du den Menschen, dass du ihn würdigst, zu deinem lebendigen Tempel ihn zu erwählen. Was fandest du in diesem Herzen vor, als ein Chaos von Sünden, öde Trümmer, eine finstere Höhle, wo die alte Schlange ihren Sitz genommen hatte. Dennoch ruft dein Apostel uns zu: "Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?" (1. Korinther 3,16) Geheiligt und geweiht wurde dieser Tempel durch das Licht und die Gnade des Heiligen Geistes. Und ohne Vergleich herrlicher glänzt dieser geistige Tempel, dem Gott innewohnt, als der materielle Tempel Salomos in seiner ganzen Pracht.

 

2. Erwäge diesen wunderhohen Vorzug, und bedenke, dass in deinem Herzen wie auf einem Altar beständiger Weihrauch des Gebetes zum Thron Gottes emporsteigen muss. Denn darum nennt der Fürst der Apostel die Gläubigen "ein königliches Priestertum", weil sie bestimmt sind, Gott ohne Unterlass Opfer der Liebe, heiliger Werke und inbrünstigen Gebetes zu opfern. Und Gottes würdig ist dies Gebet, da in einer Seele, die mit Gott vereint ist, "der Geist Gottes selbst mit unaussprechlichen Seufzern bittet, und begehrt, was Gott wohlgefällig ist". (Römer 8,26) Ja dieser göttliche Geist belehrt sie auch über viele Dinge des Heils, zeigt ihr das Geheimnis des Kreuzes und die unaussprechliche Liebe Gottes, und bekräftigt diesen Tempel, dessen Grundveste Christus ist, so sehr, dass er unerschütterlich in allen Stürmen besteht.

 

3. Unfasslich in diesem Leben ist diese Würde, zu der Gott die Seele, die er zu ewiger Vereinigung mit sich erschuf, schon in ihrer Pilgrimschaft erhöht. Aber zu welcher heiligen Treue wird sie auch dadurch verpflichtet. Wehe der Seele, die durch den Geist der Unzucht und der Hoffart den Heiligen Geist aus diesem geheiligten Tempel vertreibt, den Altar des lebendigen Gottes umstürzt, dem Teufel des Geizes opfert, und das Gefäß der Auserwählung in ein Gefäß der Schmach umwandelt. Unendlich kläglicher ist ihr Sturz, als der Ruin des Tempels zu Jerusalem. 1. Korinther 3,17: "Wer den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott verderben. Denn Gottes Tempel ist heilig, und der seid ihr."

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Betrachtung am 17. Januar - Vom Eifer für die Religion

 

Steh mir, Herr, mit Kraft zur Rechten,

Deine Wahrheit zu verfechten

Wider jene blinden Rotten,

Die dein heil`ges Licht verspotten.

 

1. Wir alle, die wir unter die Fahne Jesu Christi uns gereiht haben, und mit dem heiligen Chrisam zu Streitern seiner Kirche gesalbt wurden, sind verpflichtet, jeder nach seiner Weise, Eifer für unseren Glauben zu bezeigen, und fest im Kampf wider seine Feinde zu stehen. Nicht mehr blutig zwar, wie in den ersten Jahrhunderten, sind nun diese Kämpfe. Aber eine andere, weit gefährlichere Verfolgung erhob sich mitten im Schoß der Kirche, da viele ihrer undankbaren Kinder ihre Gesetze verachten, und auch andere zu ihrer Verachtung verleiten. Dies Ärgernis aber wird immer allgemeiner, weil niemand sich widersetzt. Und selbst die aufrichtigsten Gegner verkennen diese Kirche, weil ihre Bekenner durch ihre Sitten sie entstellen und entehren.

 

2. Nicht jeder zwar hat Kenntnisse und Einsicht genug, das Irrgerede der Gottlosen zu widerlegen. Alle aber können wir durch ein frommes und aufrichtiges Leben die Feinde der Religion beschämen, und unser Missfallen an ihren gottlosen Behauptungen aussprechen, oder, gestatten Rücksichten auf Rang, Würde oder höheres Alter auch dies nicht, wenigstens durch ernstes Stillschweigen unsere inneren Gesinnungen kund geben. Schwer versündigen sich, die aus sogenannter Klugheit und Nachgiebigkeit mit den Feinden der Religion gleichsam übereinstimmen, obwohl sie auch im Herzen anders denken. Schlechte Kinder sind dies, die, um den Feinden ihrer Mutter nicht zu missfallen, selbst sie schmähen und beschimpfen. 

 

3. Viele verloren zur Strafe für diese Feigherzigkeit den Glauben, die beleidigte Gnade entzog ihnen ihr Licht und ihre Salbung, sie versanken in Gleichgültigkeit, und zuletzt in gänzlichen Unglauben. Wer vor einem Ungläubigen zittert, der wird vor einem Tyrannen den Glauben verleugnen. Tausende und abermals Tausende heiliger Märtyrer verteidigten den Glauben mit ihrem Blut und leben: was aber hast du bei der Verteidigung des Glaubens zu fürchten? Den Spott und die Verachtung der Welt. Großer Ruhm vor Gott ist das, ein Ruhm, den du mit den Aposteln, den Propheten und den Märtyrern teilst. Lukas 9,26: "Denn wer sich meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich der Menschensohn schämen, wenn er in seiner Hoheit kommt und in der Hoheit des Vaters und der heiligen Engel."

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Betrachtung am 18. Januar - Von erlaubten Unterhaltungen

 

Herr, in Freuden wie in Leiden

Ziele unser Herz nach dir.

O lass nichts uns von dir scheiden;

Denn für dich ja leben wir.

 

1. Unser Gott, der uns zu einer ewigen Glückseligkeit in seinem Schoß erschaffen hat, gestattet uns auch gern Erholungen von den Arbeiten und Mühsalen dieses Lebens, da solche Erheiterungen Mittel sind, den Überdruss zu heben, Leib und Seele zu erquicken, und aufs neue zu arbeiten und uns in seinem Dienst zu kräftigen. Indessen verbietet sein heiliges Gesetz uns nicht nur Missbrauch und Sünde, sondern heiligen auch sollen wir nach seiner Absicht sogar das unschuldige und erlaubte Vergnügen. Darum spricht die Schrift: "Es sollen die Gerechten sich freuen", fügt aber alsbald bei: "Vor dem Anblick Gottes." (Psalm 68,4-5) Denn dieser heilige Anblick kann allein uns vor den Fehlern bewahren, die bei Unterhaltungen so leicht unterlaufen.

 

2. So wie wir jeden Augenblick Atem holen müssen, die natürliche Hitze zu dämpfen, also ist auch die beständige Erinnerung an Gottes heilige Gegenwart uns notwendig, die Glut unserer ungeordneten Neigungen zu dämpfen, die selbst bei dem unschuldigsten Vergnügen uns unaufhörlich zur Sünde reizen. Fordert der Wohlstand von dir, dass du einem Gastmahl, einer häuslichen Unterhaltung oder einem Freudenfest beiwohnst, so stelle dir die Sittsamkeit vor Augen, mit der Maria und Jesus selbst der Hochzeit zu Kana beiwohnten. Ebenso erwäge die Weisheit seiner Worte, wenn er sich herabließ, bei einem Pharisäer zu speisen, und betrachte seinen liebevollen Ernst. Denn Jesus, sprechen die Väter, begab sich dahin nur, uns zu lehren, wie wir sogar unsere Unterhaltungen heiligen sollen.

 

3. Bedenke, dass die Augen des Herrn immer auf dir ruhen. Er liebt dich, und er hört es mit Wohlgefallen, wenn du ihm oft und wiederholt beteuerst, wie innig du ihn liebst. Sage ihm also mitten unter dem Gewirr, dass du ihn als den Urquell aller Freuden liebst. Gedenke seiner Güte, die das Elend der Menschen durch so freundliche Arzneien mildert. Und der Anblick dieser irdischen Freuden des himmlischen Jerusalems. Also pflegten die Heiligen den Unterhaltungen beizuwohnen, dass sie beim Weggehen von ihnen getrost hätten vor Gottes Richterstuhl erscheinen dürfen. Habakuk 3,18: "Dennoch will ich jubeln über den Herrn, und mich freuen über Gott, meinen Retter."

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Betrachtung am 19. Januar - Über die Liebe

 

Entzünde, Herr, mein Herz

Mit einem Liebesfunken.

Von heil`gen Wonnen trunken

Dann schwebt es himmelwärts

Und liebt nur dich, Quell des Lichts.

Denn die Geschöpfe sind ihm nichts.

 

1. Die Liebe ist das Leben, der Trost, die Freudigkeit der Seele. Und je lebendiger diese Liebe ist, um so größer ist ihre Glückseligkeit. Daher auch wird die Verdammnis der ewige Tod genannt, weil die Verworfenen nicht lieben können, und daher ohne Trost und Freude sind. Denn sie hassen und verfluchen sich selbst, ihren Aufenthalt und ihre Gefährten, deren Abscheulichkeit sie in ihrer ganzen Größe schauen. Ebenso hassen sie auch die entsetzlichen Larven der bösen Geister, ja sie hassen Gott selbst als den Rächer ihrer Laster. Sieh also zu, wen und wie du liebst. Denn so wie der Gegenstand deiner Liebe wirst du selbst edel oder unedel, schön oder hässlich sein, dem Ausspruch des Propheten zufolge, der von den Götzendienern spricht: "Sie sind abscheulich geworden gleich den Dingen, die sie liebten." (Hosea 9,10)

 

2. Gedenke deines unsterblichen Adels, und liebe nichts, das du nicht ewig lieben kannst. Der fleischliche Mensch liebt nur was des Fleisches ist. Diese Liebe ist sein Ziel. Sie verschlingt alle seine Gedanken und Regungen. Dennoch wird sein Liebeshunger so wenig gestillt, als der des Ehrsüchtigen und Geizigen, weil alle irdischen Dinge beschränkt sind, unsere Seele aber ein unermessliches Begehrungsvermögen hat, das durch nichts Erschaffenes sich sättigen lässt. Hieraus wird auch verständlich, dass diese Liebe eine sündhafte Abirrung von Gott, dem unermesslichen Gut, ist. Gott aber verknüpfte mit dieser verkehrten Liebe einen unersättlichen Hunger, damit der Mensch ihn suchen lerne, der allein sein Verlangen sättigen kann.

 

3. Erhebe deine Liebe zu deinem Schöpfer durch die Betrachtung seiner wunderbaren Werke, seiner liebevollen Vorsehung und der zahllosen Wohltaten, mit denen er dein Leben begnadet. Gott, der die Schwäche des Menschen kennt, Unsichtbares zu lieben, ließ sich herab, sichtbar zu werden, damit unser Herz durch ihn zur Liebe unsichtbarer Dinge entzückt würde. Die heilige Menschheit Jesu Christi ist ein Spiegel, worin wir die unendliche Güte, Liebe und Barmherzigkeit des himmlischen Vaters gleichsam anschaulich sehen, und keine Seele kann sie innig betrachten, ohne zu seiner Liebe entzündet zu werden. "Gott ist der Fels meines Herzens und mein Anteil auf ewig." (Psalm 73,26b)

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Betrachtung am 20. Januar - Von der Freude im Heiligen Geist

 

Wenn Gottes Geist das Herz durchweht,

Dann tönt sein Saitenspiel

In süßer Liebe früh und spät

Von seinem hohen Ziel;

Und löst sich oft in seinem Lauf

Vor Wonne liebetrunken auf.

 

1. Gott, der unendlich glückselig ist, erschuf auch unser Herz zur Freude. Und gar sehr irren diejenigen, die von seinem Dienst durch den falschen Wahn sich abhalten lassen, die Diener Gottes schmachteten in beständiger Traurigkeit. Freude ist die natürliche Speise unseres Herzens. Zwar verbietet Gottes heilige Gerechtigkeit denjenigen, die nach dem himmlischen Reich pilgern, unreine und sündhafte Lüste, aber seine liebevolle Güte entschädigt sie, selbst in diesem Leben, reichlich durch den Trost und die Freude des heiligen Geistes. Und so liebevoll werden sie dadurch erquickt, dass sie ihrem gekreuzigten Herrn mit großer Liebe folgen.

 

2. Dieser Trost und diese heilige Freude sind die Erstlingsgaben der himmlischen Erbschaft, und ihre Lieblichkeit steht hoch über allen sterblichen Worten. Dieses Wort fassen die Kinder dieser Welt nicht, und es ist ihnen Torheit. Es zeigt sich aber die allmächtige Kraft dieses göttlichen Trostes darin, dass sie Seelen, die damit begnadet werden, also über sich selbst erhebt, erleuchtet und von himmlischer Liebe durchglüht, dass sie alle Lüste der Welt und des Fleisches gleich dem Gassenkot verabscheuen, weil alles, was in dieser Welt süß und lieblich genannt wird, gegen den Adel, die Reinheit und göttliche Lieblichkeit dieser heiligen Wonne wahre Bitterkeit ist.

 

3. Diese Gnade widerfährt ihnen besonders, wenn das Licht des Heiligen Geistes sie im innerlichen Gebet erleuchtet, dass die Geheimnisse des heiligen Glaubens ihnen gleichsam anschaulich werden, und sie die wunderbare Weisheit und Liebe Gottes klar erkennen, wodurch ihre Liebe oft so sehr entflammt wird, dass sie mit dem Apostel ausrufen: "Ich sehne mich danach, aufzubrechen und bei Christus zu sein - um wieviel besser wäre das." (Philipper 1,23) So lieblich und so stark ist dieser Trost, dass zuweilen große Sünder sich dadurch angeeifert fühlten, die Welt zu verlassen, und dass bekehrte Seelen die größten Aufopferungen, sogar ihres Lebens, mit Jubel vollbrachten. Gott aber erquickt alle, die mit aufrichtigem Herzen ihm dienen, je nach ihrem Bedürfnis und den Anordnungen seiner göttlichen Weisheit, mehr oder minder, mit dieser himmlischen Speise. Psalm 9,3: "Ich will jauchzen und an dir mich freuen, für dich, du Höchster, will ich singen und spielen."

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Betrachtung am 21. Januar - Gott ist die Liebe

 

Entzünde, Herr, mein Herz mit jenem Feuer,

Das immerdar von deiner Liebe brennt;

Denn lieben wird es dich um so getreuer,

Wenn es durch diese Liebe dich erkennt.

 

1. Herr, mein Gott, du bist die Liebe. Also spricht der vielgeliebte Jünger, und der Funke der Liebe, den du in mein Herz legtest, macht diese Wahrheit mir fühlbar. Denn unauslöschlich ist mein Verlangen nach Liebe. Sie ist die Freude meines Daseins, sie ist ein Aufschwung nach dem Schönen und Lieblichen und wird durch nichts Erschaffenes gesättigt. Hieraus, unendliche Majestät, wird es mir klar, dass unendliche Liebe der Jubel deines glorreichen Daseins ist, dass sie nur durch unendlich Schönes, nur durch unendlich Großes und Gutes gesättigt wird, dass du, Ursprung aller Wesen, in dir allein, dem unermesslichen Ozean unendlicher Vollkommenheiten, findest. 

 

2. Auch schließe ich, mein Gott, aus dem Gefühl meiner geringen Liebe, die, je inniger und lebendiger, auch um so tätiger und wirksamer ist, dass deine Liebe, die keinen Anfang kennt, in unendlicher Wirksamkeit besteht, da ihr Gegenstand die unendliche Schönheit, die unendliche Herrlichkeit und Vollkommenheit ist. Unermesslich ist das Feuer dieser glorreichen Liebe, unermesslich die Glorie, die dieses lebendige Feuer nährt. Denn alles, was dieser unendlichen Liebe genügt, besitzt du selbst, ja bist du selbst, unendliche Majestät. Daher, o ewig anzubetende Dreieinigkeit, deine unbegrenzte, ewig neue, ewig lebendige Glückseligkeit und Glorie in dem Genuss dieser unermesslichen Liebe. 

 

3. Das Übermaß dieses göttlichen Feuers ergießt sich über alle Chöre deiner Engel, über alle Scharen deiner Heiligen. Von diesem Feuer durchströmt, jubeln sie in ewiger Glückseligkeit, und singen den Lobgesang deiner Liebe. Trunken sind sie von dem Strom dieser Wonne ihres Gottes, und versunken in ewige Entzückungen über deine unendliche Urschönheit. Ja selbst in diesem Tal der Tränen erhebt ein Funke dieses göttlichen Feuers, der in eine auserwählte Seele fällt, sie über sich selbst, und entflammt ihr Herz mit einer Sehnsucht, die ohne Unterlass seufzt, aufgelöst zu werden, um ewig bei dir zu sein. O mein Schöpfer, entflamme auch mein Herz mit diesem heiligen Feuer. Psalm 42,2-3: "Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele, Gott, nach dir. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann darf ich kommen und Gottes Antlitz schauen?"

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Betrachtung am 22. Januar - Gott ist das Leben

 

O Quell des Lebens, Gott von Ewigkeit.

Nach dir zielt, das du mir verliehst, mein Leben.

O lass es, Herr, geheiligt in der Zeit,

An seinem Ende selig zu dir schweben.

 

1. Gott, du bist das Leben, denn du bist die Liebe, die Liebe aber ist des Lebens höchste Glückseligkeit. Unendlich ist dein Bewusstsein dieses glorreichen Lebens in deinem Wort, das ewige Licht, ewiger Gedanke ist, unendlich die Entzückung deiner Liebe in deinem göttlichen Geist, der wesentlichen Liebe des Vaters und des Wortes. In diesem glorreichen Leben, mein Gott, besteht deine unendlich vollkommene Wesenheit, ohne Anbeginn, ohne Ende, ohne Beschränkung, in unendlicher Fülle. Und die Glorie deines Lebens ist, deine unendliche Schönheit, Weisheit, Allmacht und Heiligkeit zu schauen und zu lieben, die, so wie zahllose andere, keinem erschaffenen Geist erreichbare Vollkommenheiten, in dir nur eine und dieselbe, unzerteilte Vollkommenheit sind. 

 

2. Nur einzelne Funken deiner glorreichen Vollkommenheiten, Herr, sehe ich gleich einem schwachen Wiederschein auf den Wesen leuchten, die deine allmächtige Hand erschaffen hat. Aus der unendlichen Fülle deines Lebens gingen alle diese mannigfaltigen Geschöpfe, wie aus ihrem Urquell, hervor. Alle jedoch sind, sowohl ihrer Anzahl als ihren Eigenschaften nach beschränkt, denn übertrifft auch ihre Anzahl alle unsere Vorstellungen, so sind sie dennoch gleich wenigen Sandkörnern, gegen die unendlichen Welten voll der wunderbarsten Wesen, die ewig in deiner göttlichen Idee bestehen, und nach uns unerreichbaren Gesetzen sich richteten, wenn deine Allmacht sie erschüfe, deren Fülle in alle Ewigkeit nicht kann erschöpft werden.

 

3. O lebendiger und wahrer Gott, der du allein die Unsterblichkeit besitzt (1. Timotheus 6), alles Leben deiner Geschöpfe ist nur ein Schatten deines göttlichen Seins. Ein geliehenes Leben, das nur besteht, weil du, o Gott, es willst, und so lange du es willst. Es hat nur Dasein, deiner Allmacht Zeugnis zu geben, und dein ewiges, glorreiches Leben zu verherrlichen. Wer aber dringt in das lebendige Leben deiner unendlichen Wesenheit ein. Beim Anblick dieser unerschaffenen Herrlichkeit versinke ich in mein Nichts. Nimmer wage ich es, diesem geheimnisvollen, flammenden Dornbusch mich zu nähern. Unendlicher Gott, ewiges Leben, einzig wesentliche Vollkommenheit, alles verschwindet vor dir. Denn du allein bist, alles andere aber ist, als ob es nicht wäre. Psalm 35,10a: "Mit Leib und Seele will ich sagen: Herr, wer ist wie du?"

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Betrachtung am 23. Januar - Mariä Vermählung

 

Wie einst du, o heller Meeresstern,

Maria, hehre Mutter unseres Herrn,

In wunderbarem Doppelglanz

Die Mutterkrone und den Jungfraukranz.

Es preisen dich die Völker aller Zonen,

Denn du gebarst das Heil der Nationen.

 

1. Die Kirche Gottes feiert die Vermählung Mariä durch ein eigenes Fest, weil in diesem großen Geheimnis die Weisheit Gottes auf wunderbare Weise sich zeigte. Die glorreiche Jungfrau, die nach Gottes ewigem Ratschluss erkoren war, den Sohn Gottes zu gebären, empfing schon im ersten Augenblick ihres Bewusstseins die Gnade, die zu dieser so hocherhabenen Würde sie vorbereitete. Und diese Gnade nahm, so wie das Licht des Heiligen Geistes, fortwährend in ihr zu, da sie derselben kein Hindernis durch die geringste Sünde setzte. In diesem göttlichen Licht erkannte sie die höchste Tugend des Evangeliums, die Tugend der Jungfräulichkeit, und weihte, die Erste und Einzige im Alten Bund, dem Allerhöchsten noch in ihren kindlichen Tagen sich als ewige Jungfrau.

 

2. Da sie jedoch aus dem Hause David abstammte, und der Messias um diese Zeit allgemein erwartet wurde, konnte ihr Verlangen ihr nicht gewährt werden, dem Herrn in seinem Tempel ewig als Jungfrau zu dienen. Sie musste dem Gesetz sich unterwerfen und mit einem Mann aus dem genannten Haus sich vermählen lassen. Gottes ewige Vorsehung aber hatte dazu den gerechtesten und heiligsten Mann aus Israel erwählt, der, nach dem allgemeinen Glauben der Kirche, gleich ihr dies Gelübde der Keuschheit abgelegt hatte. Durch diese Vermählung war die jungfräuliche Geburt Mariä beschützt, und das hochheilige Geheimnis der Menschwerdung Gottes unheiligen Augen verborgen. 

 

3. Betrachte diese wunderbare Jungfrau, die die heilige Reinheit über alles liebte, und dennoch im festen Vertrauen, dass der Allerhöchste das heilige Gelübde, das er selbst ihr eingeflößt hatte, auch beschützen werde, denjenigen gehorchte, die über ihre Zukunft zu verfügen hatten. Wie wunderbar aber belohnte der Herr ihr Vertrauen und ihren Gehorsam. Sie war die Jungfrau, von der der Seher Gottes geweissagt hatte: "Siehe, eine Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären; und sie werden seinen Namen Emmanuel nennen, das ist: Gott mit uns." Dies aber geschah unter dem Schutz dieser heiligen Vermählung. Lerne von ihr, Gottes Fügungen demütig dich unterwerfen, und du wirst die Wunder seiner Vorsehung erfahren. Lukas 1,38: "Da sagte Maria: Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast."

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Betrachtung am 24. Januar - Verherrlichung

der menschlichen Natur durch Christus

 

O gib, mein Gott, mir Worte, dich zu loben,

Der du, als Mensch geboren in der Zeit,

In Huld die menschliche Natur erhoben

Bis zu der Höhe deiner Herrlichkeit.

 

1. Bete die wunderbaren Ratschlüsse Gottes in Demut und heiliger Freude an, denn göttlich und unergründlich sind sie, wie der Allerhöchste selbst. Mit hohem Erstaunen ruft der Seher aus: "Was ist der Mensch, dass du ihn groß achtest? Oder warum setzt du dein Herz an ihn?" (Ijob 7,17) Denn so hoch achtete Gott den Menschen, dass er, aus der Tiefe ihn zu erheben, in die er gefallen war, selbst in diese Tiefe stieg, "Knechtsgestalt annahm", schwach, leidend war, und dem Tod sich unterwarf. Und weil er nur dadurch uns erheben, bereichern und verherrlichen konnte, dass "er selbst sich erniedrigte, erschöpfte" und der tiefsten Schmach preisgab, scheute die allerhöchste Majestät selbst diesen tiefsten Abgrund der Erniedrigungen nicht. Psalm 40,6a: "Zahlreich sind die Wunder, die du getan hast, und deine Pläne mit uns; Herr, mein Gott, nichts kommt dir gleich."

 

2. Durch die Aufnahme der menschlichen Natur in die Einheit seiner Person wurde die Menschheit unendlich verherrlicht, und bis zu Gott selbst erhoben. 1. Korinther 2,7: "Vielmehr verkündigen wir", spricht der Apostel, "das Geheimnis der verborgenen Weisheit Gottes, die Gott vor allen Zeiten vorausbestimmt hat zu unserer Verherrlichung." Wurde aber auch diese allerhöchste Verherrlichung ganz eigentlich nur dem Wort mitgeteilt, das da Fleisch wurde, so erhielten dennoch wir alle Anteil daran, da, gleichwie wenn ein König sich herablässt, eine arme Tochter zur Gemahlin zu nehmen, alle ihre Verwandten dadurch erhöht, und Blutsverwandte des Königs werden. Deutlich sprach, nach seiner glorreichen Auferstehung, der Herr dies aus, als er seine Jünger seine Brüder nannte. (Johannes 20,17)

 

3. Beherzige diese wunderhohe Würde, zu der die unendliche Güte deines Gottes durch die Menschwerdung seines Eingeborenen dich erhoben hat. Diese Betrachtung erhebe deinen Sinn über alles Niedrige und Vergängliche. Sie rege dich mächtig an, vor allen Gedanken, Begierden und Werken zu erschaudern, die einer so wunderbaren Erhebung unwürdig sind. Und ziehe deine Gedanken immerdar zu der glorreichen Bestimmung an, die auf dich in den ewigen Höhen wartet. "Durch Christus wurden uns die kostbaren und überaus großen Verheißungen geschenkt, damit ihr der verderblichen Begierde, die in der Welt herrscht, entflieht und an der göttlichen Natur Anteil erhaltet." (2. Petrus 1,4)

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Betrachtung am 25. Januar - Bekehrung des heiligen Paulus

 

O Paulus, der, von Christo selbst belehrt,

Zahllose Völker du zu ihm bekehrt,

O lehre mich zerknirscht und heilig leben,

Und meinem Heiland ewig mich ergeben.

 

1. Jesus Sirach 5,5+6: "Verlass dich nicht auf die Vergebung, füge nicht Sünde an Sünde, indem du sagst: Seine Barmherzigkeit ist groß, er wird mir viele Sünden verzeihen. Denn Erbarmen ist bei ihm, aber auch Zorn, auf den Frevlern ruht sein Grimm." Hat auch Gott deine Sünden barmherzig dir verziehen, so weißt du dennoch nicht, ob du des Hasses oder der Liebe würdig seist (Kohelet 9,1), und hast immerhin Ursache, dich in heilsamer Furcht und Demut zu bewahren. Denn durch die Verzeihung deiner begangenen Sünden wurde deine natürliche Gebrechlichkeit nicht gehoben. Und betrachtest du nicht beständig den Abgrund, aus dem Gottes Barmherzigkeit dich gerettet hat, so kannst du leicht abermals, und zwar noch tiefer fallen. Darum sei wachsam, demütige dich ohne Unterlass vor dem Herrn, und flehe ihn um seine Gnade an, die allein vor Sünden dich bewahrt.

 

2. Ein leuchtendes Vorbild hierin ist der heilige Apostel Paulus, dessen Bekehrung die Kirche heute feiert. Lange Jahre nach seiner Bekehrung sprach er noch: "Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten. Von ihnen bin ich der erste." (1. Timotheus 1,15b) Er sagt nicht: deren erster ich war, denn noch immer betrachtet er sich als den größten Sünder. Ja er war von dieser Überzeugung so sehr durchdrungen, dass er die Sünden aller Menschen für unbedeutend gegen die seinigen hielt. Also dachte dieser große Apostel, also auch dachten die größten Heiligen von sich. Du aber hast kaum eine kurze Beicht deiner Sünden abgelegt, als du derselben auch schon vergessen hast, und dich für vollkommen gerecht hältst.

 

3. Es ließ aber dieser große Apostel es nicht dabei bewenden, dass er seine früheren Vergehen schmerzlich bereute. Sie waren ihm aber auch ein mächtiger Antrieb, sie durch Werke des flammensten Eifers aufzuwägen. Nicht nur arbeitete er allein mehr als alle übrigen Apostel, sondern er litt auch wegen des Evangeliums Hunger und Durst, Kälte und Blöße, wurde dreimal gegeißelt, einmal gesteinigt, bekam fünfmal Stockstreiche, schwebte in beständigen Gefahren zu Land und zu Meer, ohne von vielen anderen bitteren Drangsalen zu sprechen. Und dennoch vermochte nichts von der Liebe Jesu ihn zu trennen, noch seinen unermesslichen Liebeseifer zu mindern. Wie sehr ist dies Beispiel geeignet, dich zu beschämen. Dies also bedenke, und "bringt Frucht hervor, die eure Umkehr zeigt". (Matthäus 3,8)

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Betrachtung am 26. Januar - Ergebung in Krankheiten

 

Deinen Willen, nicht den meinen,

Lass, mein Gott, an mir vollbringen.

Hilf mir die Natur bezwingen,

Die da zittert vor den Peinen;

Da sie, blind, das Opfer flieht,

Weil den Kampfpreis sie nicht sieht.

 

1. "Meine Seele, warum bist du betrübt und bist so unruhig in mir?" (Psalm 42,12a) Sind wir nicht des Herrn, ob wir leben oder sterben? Sieh, nun ist die Stunde erschienen, deinem Gott die Treue zu bezeigen, die du so oft ihm verheißen hast. Weichen wir also nicht zurück, sondern sprechen wir aus freiem, aufrichtigem Gemüt: "Herr, dein Wille geschehe!" Welche sichere Zufluchtsstätte in allen unseren Schmerzen ist diese heilige Ergebung in den Willen unseres Gottes. Kein größeres Opfer können wir ihm bringen, als wenn wir seinem heiligsten Willen uns auf Leben und Tod übergeben. Ein vollkommenes Opfer ist dies, das er mit wunderbaren Gnaden und himmlischen Belohnungen aufwägt.

 

2. Nicht verwehrt zwar ist der Natur die Klage über ihr Leiden. Ja erlaubt auch ist ihr selbst die Bitte um Entfernung des bitteren Kelches, wenn anders sie mit Unterordnung unter den Willen ihres Schöpfers klagt und bittet. Niemand liebt uns inniger als er. Niemand weiß besser, was uns heilsam ist. Niemand auch ist bereitwilliger, uns zu helfen, wenn wir wahrhaftes Vertrauen zu seiner väterlichen Güte haben. Will er aber durch Trübsale uns heimsuchen, und für unsere Sünden als ein milder Vater uns bestrafen, so umfangen wir seine Strafrute mit Danksagung und Liebe, "denn weit weniger fordert er von uns, als unsere Missetaten verdienen". 

 

3. Hefte den Blick fest auf deinen göttlichen Heiland, der in allen Mühsalen seines sterblichen Lebens aufs Innigste mit dem Willen seines himmlischen Vaters vereint war. Er sah in seinem heiligen Todeskampf das ganze abgrundtiefe Leiden vor sich, das ihm bereitet war, und seine menschliche Natur entsetzte sich darüber bis zu blutigem Schweiß. Dennoch aber siegte seine vollkommene Gleichförmigkeit mit dem Willen seines himmlischen Vaters, und er sprach: "Nicht wie ich will, sondern wie du!" Wie lieblich tönt dieser Gesang in den Ohren Gottes. Wie leicht ist das Reinigungsfeuer der Krankheit für eine Gott vollkommen ergebene Seele. Denn wenig oder nichts mehr bringt sie zur Reinigung in die Ewigkeit mit. Matthäus 26,42: "Dann ging er zum zweiten mal weg und betete: Mein Vater, wenn dieser Kelch an mir nicht vorübergehen kann, ohne dass ich ihn trinke, geschehe dein Wille."

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Betrachtung am 27. Januar - Vom Leben im Glauben

 

Wie selig ist das Herz, das, Herr, dich kennt

Und durch den Glauben sich mit dir vereint.

Es lebt in Wonnen, die kein Name nennt,

Bis einst die Zeit der Glorie erscheint.

 

1. Das Leben im Glauben erhebt das Herz über alle wandelbaren Dinge dieser Welt, um es mit Jesus, dem Urheber und Vollender unseres Glaubens, vollkommen zu vereinigen. Sehr liebevoll spricht der Apostel hierüber: "Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Soweit ich aber jetzt noch in dieser Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat." (Galater 2,20) Wer in diesem Glauben, in dieser innigen Vereinigung lebt, und der Liebe Jesu sich vollkommen zum Opfer gebracht hat, der lebt im Glauben des Sohnes Gottes wie ein Kind im Schoß der liebenden und geliebten Mutter, in großer Ruhe und in einem seligen Frieden, den nichts auf dieser Welt zu erschüttern vermag.

 

2. Belebe deinen Glauben durch lebendige Liebe. Denn wie dieser liebeflammende Apostel, also kannst auch du in voller Wahrheit sagen: "Er hat mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben." Nicht einen Engel, nicht einen Cherub, sich selbst hat er zum Opfer für dich hingegeben. Denn nur in so fern konnte Judas ihn verraten, als er selbst sich wollte verraten lassen. Nichts auch konnte die gottesmörderische Synagoge ihm antun, außer was er ihr erlaubte. Denn "er wurde geopfert, weil er selbst es wollte". (Jesaja 53) Freiwillig gab er, der gute Hirt, sein Leben für seine Schafe.

 

3. Unermesslich war das Leiden Jesu, aber noch unermesslicher seine Liebe. Er starb für alle, und starb für dich insbesondere. Denn so lebendig war sein Verlangen, jede einzelne Seele von der ewigen Verdammnis zu erretten, dass er mit Freuden für jede einzelne den Tod erlitten hätte, wenn nicht die Hochverdienste seines einen göttlichen Opfertodes unendlich und überreichlich gewesen wären, alle Sünder zu erlösen. Diese Betrachtung durchdrang alle heiligen Seelen so tief, dass ihr Herz in unsagbarer Liebe sich auflöste. Und erwägst du diese ergreifende Wahrheit, dann wirst auch du mit dem nämlichen Apostel ausrufen: "Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn." (Römer 8,35.38+39)

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Betrachtung am 28. Januar - Früchte der Geduld

 

O Trübsal, Trost der Auserwählten,

Du tilgest in gelinder Pein

Den Rest der Sünden, wenn sie fehlten,

Und bleichest über Schnee sie rein.

 

1. Willst du auf dem Weg des Heils ernsthaft fortschreiten, so bewaffne dich vor allem mit dem starken Schild der Geduld. Denn so lange wir hienieden pilgern, ist unser Weg mit Trübsalen wie mit Dornen besät. Diese Trübsale kommen teils aus der göttlichen Gerechtigkeit, aus der Bosheit oder den Fehlern der Menschen, aus Versuchungen des alten Feindes und anderen Quellen, teils aus unserer eigenen Gebrechlichkeit, wie Krankheiten, Schmerzen und Tod. Aber gleichwie die Arznei den Körper, also heilt die Geduld die Krankheiten unserer Seele, und "durch viele Trübsale müssen wir eingehen in das Reich Gottes". (Apostelgeschichte 14,22b) 

 

2. Betrachte aber auch den Adel und den hohen Wert der heiligen Geduld. Sie ist die Grundveste aller Tugenden, und je höher unsere Tugenden wachsen sollen, um so tiefer muss diese Grundveste gegraben werden. Dazu bedarf es allerdings der Stärke eines tapferen Gemütes. Aber nur diese Tugend wirkt, nach dem Ausspruch des Herrn, die Frucht des Heils in einem guten Herzen. (Lukas 8,15) Der wahrhaft Geduldige teilt, auch ohne Schwert und Feuer, das Verdienst der Märtyrer. Durch diese Waffe wird der Mensch unüberwindlich. Sie erringt durch ihre Starkmütigkeit die Palme des Friedens, und niemand gelangt ohne sie zur himmlischen Erbschaft. 

 

3. Zu dieser so edlen als notwendigen Tugend dich zu ermuntern, stelle dir oftmals das Beispiel unseres göttlichen Heilandes vor, dessen ganzes irdisches Leben in beständiger Übung der Geduld verfloss, und der die Fehler seiner Jünger, die Misshandlungen seiner Feinde und des Volkes, und sein bitterstes Leiden in wunderbarer Geduld ertrug. Führe auch wohl zu Gemüte, dass die Sünden deines verflossenen Lebens strengere Strafen als alle Trübsale verdienen, die je über dich kommen können, dass die Geduld das einzige Mittel ist, deine Seele in dieser Zeit wie in einem gelinden Fegefeuer zu reinigen, der göttlichen Gerechtigkeit genug zu tun, und Gott deine Liebe wahrhaft zu bezeigen. Diese heilige Tugend ist das Merkmal aller Auserwählten, und ist verdienstlicher als Zeichen und Wunder. "Ich lobe dich, Herr, Gott Israels, dass du mich gezüchtigt hast; denn du auch hast mich geheilt." (Tobit 11,14)

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Betrachtung am 29. Januar - Von der Sanftmut des heiligen Franz von Sales

 

Wie sanft, o Herr, ist deines Geistes Wehen,

Der lieblich in die Herzen dringt. 

Und nichts kann seiner Sanftmut widerstehen,

Die selbst das Stärkste sanft bezwingt.

 

1. Die christliche Sanftmut ist keine Tugend aus Temperament. Sie gehört zu den stärksten Tugenden, denn sie ist die Frucht einer, durch schwere Leiden und Beleidigungen bewährten Geduld, einer tiefen Demut, die aller Betrachtung sich wert hält, einer beständigen Abtötung der Leidenschaften, die sie der Vernunft und der Gnade so gänzlich unterworfen hält, dass sie ihnen nicht die mindeste ungeordnete Regung gestattet. Diese heldenmütige Tugend ist das sichtbarste Zeichen, dass die Fülle des Geistes Jesu Christi einem Herzen innewohnt. Darum ist sie auch nur den Vollkommenen eigen, und wer sie besitzt, besitzt mit ihr alle übrigen Tugenden zugleich.

 

2. Dies war die Sanftmut des großen heiligen Franz von Sales. Nicht angeboren war ihm diese Tugend, denn er war von Natur sehr heftig. Aber durch unablässige Selbstüberwindung brachte er es bis dahin, dass alle, die ihn kannten, von ihm bezeugten, er sei ein lebendiges Bild der Sanftmut Jesu Christi gewesen. Mit dieser heiligen Tugend vereinte er eine feurige Gottesliebe, von der alle seine Schriften glühen, eine wunderbare Geduld in zahllosen Anfeindungen, Verleumdungen, Verfolgungen, die er eine Zeit der Ernte zu nennen Pflegte, und einen Eifer, Seelen zu bekehren, in dem er Irrgläubige zu Tausenden in den Schoß der Kirche zurückführte. Die Sanftmut war bei ihm eigentlich nur der Glanz der heldenmütigen Tugenden, die seinem Herzen in reichlicher Fülle innewohnten. 

 

3. Oft und schwer wurde er zum Zorn gereizt. Doch waren alle seine Antworten mit so großer Sanftmut und Liebe gewürzt, dass er nicht selten die boshaftesten Herzen rührte und besserte. Viele und große Wohltaten erzeigte er seinen grimmigsten Feinden. Als einst ein frecher Mensch die heftigsten Schmähungen ihm ins Angesicht sagte, und diejenigen, die um ihn waren, über sein sanftmütiges Stillschweigen bei so groben Beleidigungen erstaunten, sprach er: "Hätte ich denn in einer Viertelstunde die wenige Sanftmut verlieren sollen, die ich durch zweiundzwanzig Jahre beständiger Anstrengung kaum erwerben konnte." Wunderbar ist dies Beispiel, das uns nicht nur beschämen, sondern auch zur Nachfolge aneifern soll, denn alles vermögen auch wir mit Gottes Gnade. "Mein Sohn, bewahre deine Seele in Sanftmut!" (Kohelet)

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Betrachtung am 30. Januar - Vom Geist Jesu

 

O Licht der Herzen, komm, durchdringe

Mit deinen Strahlen meinen Geist:

Dass er sich dir zum Opfer bringe,

Und du sein Eins und Alles seist:

Denn du nur machst ihn frei und rein.

Du hauchst dem Tode Leben ein.

 

1. Willst du mit Sicherheit im Innern wandeln, so bedarfst du des Lichtes, den Weg des Lebens zu sehen, und der Kraft, diesen Weg bis ans Ende standhaft zu vollbringen. Dies Licht, das deine Finsternisse erleuchtet, ist der Geist Jesu Christi, der reinen Seelen sich offenbart, und sie oft in einem Augenblick über viele Dinge belehrt. Die Kraft aber ist seine Gnade, ohne die wir nichts vermögen. Dieser Geist Jesu wird nur durch Zerknirschung, Andacht und Reinheit erfleht, und nur in der Einsamkeit des Herzens bewahrt. Die Welt empfängt ihn nicht, weil sie Jesus nicht kennt, der das wahrhaftige Licht und das Leben der Seelen ist, ohne das sie in beständiger Blindheit und im Tod irren.

 

2. Das Leben im Geist Jesu ist das wahre Paradies auf Erden. Es ist ein Unterpfand und ein Vorgeschmack des Himmels. Aber wie bei allen edlen Tugenden, also tut auch hier die Übung vieles. Die Erkenntnis und Liebe Jesu nimmt durch die andächtige Betrachtung seines Lebens und die oftmalige Vereinigung mit ihm im Sakrament seiner Liebe zu. Die tägliche Betrachtung der Geheimnisse seines heiligsten Lebens und Leidens durchdringt den Geist mit Bewunderung und Liebe, regt zu seiner Nachfolge an, und führt allmählich in das Innere Jesu ein, die abgrundtiefe Weisheit und Liebe Gottes zu schauen, wodurch unser Glaube lebendiger, unsere Hoffnung freudiger, und unsere Liebe feuriger wird.

 

3. O mildester Geist Jesu, komm und wandle mich in einen Menschen nach dir um, der bei Reichtum und Ehren demütigen und entfesselten Herzens, in Armut, Schmach und Leiden geduldig sei, und in allen Dingen nach deinem liebreichen Geist wandle: auf dass der ewige Vater das Bild seines Eingeborenen in mir schaue und liebe. Dies ist mein Gebet, dies mein Verlangen, o mein Heiland, denn zitternd erwäge ich den Ausspruch deines Apostels: "Wer den Geist Christi nicht hat, der gehört nicht zu ihm." (Römer 8,9b) Gehören sie aber dir nicht an: wessen sind sie dann? Psalm 104,30: "Sende, Herr, deinen Geist aus, und diese Dinge werden wirklich werden; und du wirst das Angesicht meiner Seele erneuern."

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Betrachtung am 31. Januar - Wirkungen des Geistes Jesu in der Seele

 

Geist des Herrn, wie bist du wunderbar.

Du erleuchtest die getreue Seele,

Zeigest ihr den Weg zum Himmel klar;

Leuchtest ihr, dass nicht sie ihn verfehle;

Deine süße Liebe zieht sie an,

Dass sie jubelnd läuft auf hoher Bahn.

 

1. Der Geist Jesu entfesselt den Menschen von irdischen Dingen und erhebt ihn über sich selbst. Er wandelt Sünder in Gerechte, schwache Seelen in starke, traurige in fröhliche, laue in eifrige, zornige in sanftmütige, unwissende in weise, stolze in demütige, furchtsame in mutige und tapfere um. Darum auch spricht er: "Seht, ich mache alles neu!" (Offenbarung 21,5) Ist die Umwandlung der Apostel durch diesen göttlichen Geist nicht eine ganz neue Schöpfung? Ist, der die hohen Priester des Gottesmordes furchtlos ins Angesicht beschuldigt, wohl der nämliche Petrus, der vor wenigen Tagen noch vor der Stimme einer schwachen Magd gezittert hat? Sind diese Apostel, die ihr Blut freudig für Jesus vergießen, die nämlichen, die bei seinem Leiden feigherzig die Flucht ergriffen? 

 

2. Der Geist Jesu kehrt nicht bei den Stolzen, noch bei jenen ein, die voll sind des Geistes dieser Welt. Er nimmt seine Ruhe nicht in aufgeregten Herzen, er verabscheut die Unzüchtigen, und entfernt sich von den Eitlen und Ehrsüchtigen. Er regt zum Hass des Fleisches an, und duldet keine Anhänglichkeit an vergängliche Dinge. Kehrt dieser göttliche Geist in ein Herz ein, so flößt er ihm Demut, Gehorsam, Abtötung der Sinne, Nächstenliebe, Sanftmut und Geduld ein. Er ist ein Geist der Liebe und der Barmherzigkeit, und bildet die Seele, von der er Besitz nimmt, sich selbst gleich. Hiernach magst du beurteilen, ob der Geist Jesu in dir herrscht.

 

3. Der Geist Jesu wird uns gegeben, Gott zu lieben, mit dem er uns vereint. Er ist ein heiliges Feuer, das unsere Sünden verzehrt, unsere Begierden reinigt, unsere Leiden versüßt, uns Gott ähnlich bildet, und unser Verlangen zum Himmel erhebt. Aber wir selbst auch müssen dies himmlische Feuer durch fromme Regungen anfachen, und durch Werke der Gerechtigkeit unterhalten. Die lässliche Sünde schwächt, die Todsünde löscht es. Denn niemals können das Leben und der Tod in einem Haus zusammen wohnen. Darum mahnt uns der Apostel und spricht: "Löscht den Geist nicht aus!" (1. Thessalonicher 5,19) Römer 8,14: "Alle, die durch den Geist Gottes angetrieben werden, sind Kinder Gottes!" 

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Betrachtung am 1. Februar - Von Stürmen der Versuchungen und Trübsalen

 

Sieh, Herr, des Sturmes Wut hat sich erhoben;

Die Winde heulen und die Wellen toben.

Komm mir zu Hilfe in so bittrer Stunde,

Sonst gehe ohne Rettung ich zu Grunde.

 

1. So lange wir leben, wird es uns niemals an Trübsalen und Versuchungen mangeln, die gleich Stürmen über uns kommen und uns erschüttern werden. Was aber sollen wir tun, wenn diese Stürme wüten? Hinzutreten sollen wir gleich den Jüngern zum Herrn, und durch Gebet und lauten Ruf ihn aufwecken. Denn nur darum scheint er zu schlafen und unsere Not nicht wahrzunehmen. Rufen wir also zu ihm: "Herr, rette uns, wir gehen zu Grunde!" Lässt aber nach unserem inbrünstigen Gebet der Sturm nicht nach, so lassen wir ihn toben, schlafen wir selbst zu den Füßen Jesu. Verlassen wir uns nämlich auf seine Vorsehung, denn gewiss wird er bald den Winden und Wellen gebieten, und den Frieden uns zurückgeben.

 

2. Was zögerst du, kleingläubige Seele? Geschieht je das Geringste in der Welt ohne Anordnung oder bestimmte Zulassung deines Herrn? Ist nicht er der König der Schöpfung, der Herr des Himmels und der Erde? Glaubst du, er vermag es nicht, diesen Sturm zu besänftigen? Halte noch kurze Zeit aus, und du wirst mit Erstaunen sehen, wie das stürmische Meer seinen Befehlen gehorcht, und wie seine Wogen gleich einem Spiegel sich ebnen. Notwendig ist dieser Sturm dem Meer, damit seine Gewässer nicht faulen. Notwendig ist dir die Prüfung, damit du nicht erschlaffst. Aber auf die Trübsal folgt Trost, auf Unruhe Friede, auf die Nacht der Tag und auf die Stürme große Ruhe.

 

3. Herr, sieh die Gefahren, in denen ich schwebe. Verschlungen werde ich von den Wogen der Trübsale, von den Stürmen der Versuchungen. Psalm 46,4 und 6,4: "Wenn deine Wasserwogen tosen und schäumen, dann ist meine Seele tief verstört, du aber, Herr, wie lange säumst du noch?" Fürchte dich nicht. Nichts Böses wird dir widerfahren. Niemals aber kannst du deinen Glauben, deine Hoffnung, deine Liebe deutlicher zeigen, als in den Prüfungen des Herrn, denn darum sandte er dieses Ungewitter, deine Treue zu ihm zu bewähren. Aber niemals ist er dir näher, als wenn du alles für verloren hältst. Psalm 27,14: "Hoffe auf den Herrn, und sei stark. Hab festen Mut, und hoffe auf den Herrn."

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Betrachtung am 2. Februar - Das Fest Mariä Lichtmess

 

O Licht der Welt, du scheuchest fern die Nacht.

Du hast, die Licht im Herrn sind, angefacht.

Verschmähe, Jesu, meine Seele nicht,

Und sprich ein Wort, dann wird auch sie zum Licht.

 

1. Betrachte in Andacht die Heiligen und Gerechten, die heute im Tempel zu Jerusalem sich versammeln. Dort ist die durch langjährige Abtötung und Gebet leuchtende Prophetin Anna, dort der heilige, von Gottes Geist erfüllte Greis Simeon, dort der heilige Patriarch Joseph, dem der ewige Vater die Pflege der Kindheit seines Eingeborenen übergeben hat, dort Maria, die jungfräuliche Gottesgebärerin, dort endlich Jesus, der Sohn Gottes, der hier seinem ewigen Vater zu einem Morgenopfer sich darbringt, und zwar nun sich loskaufen lässt, doch nur um später durch sein Abendopfer uns selbst loszukaufen.

 

2. Wie wunderbar ist diese heiligste Versammlung. Wie leuchtend sind die Beispiele der Heiligkeit aller. Ganz besonders aber glänzt bei dieser heiligen Feier die Demut der hochgebenedeiten Jungfrau, die, ob auch reiner denn die Sterne des Himmels, dennoch unter den Sünderinnen zur gesetzlichen Reinigung erscheint, zu der sie nicht verpflichtet ist, da sie vom Heiligen Geist selbst empfangen, und als Jungfrau geboren hat. Sie, die Heiligste der Heiligen, spricht zu dem Priester: "Nimm hin dies Opfer für meine Reinigung, bringe dem Herrn es dar, und bitte für mich!" O Abgrund der Demut! Ach, hätten wir doch bei unseren Sünden die Demut, die die Heiligen bei ihren Tugenden hatten.

 

3. Diese heiligsten Personen kamen im Tempel zusammen. Der Tempel war ihr Lieblingsaufenthalt. Hier schütteten sie ihr Herz vor Gott aus. Hier empfingen sie Erleuchtungen und Gnaden zu einem so heiligen Lebenswandel. Hier offenbarte Gott ihnen die verborgensten Geheimnisse. Sie alle vereinigten sich mit heiliger Freude um Jesus, den sie als das Licht der Welt mit ehrfürchtigster Liebe umfingen. Thront aber nicht der gleiche Gott und Erlöser in unseren Tempeln? So versammeln wir uns denn mit so vielen frommen und heiligen Seelen, die daselbst mit inbrünstiger Andacht ihn anbeten. Flehen wir ihn um seine Gnade an, und wirken wir getreu damit, dann werden wir dem Tod getrost entgegen sehen, und mit jenem heiligen Greis ausrufen: "Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen." (Lukas 2,29-30)

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Betrachtung am 3. Februar - Über die Welt

 

Sieh, die Welt ist voll Gefahren.

Wie auf sturmbewegtem Meer

Wankt mein Schifflein hin und her.

Gib mir, Herr, hindurch zu fahren

Ohne Schiffbruch fort und fort

Bis zu dir, dem sichern Port.

 

1. Niemals wirst du zu dem wahren Frieden der Kinder Gottes gelangen, so lange du dein Herz nicht von dieser Welt entfesselst, weil du niemals zur Freiheit gelangen kannst, sondern, je nach ihrem beständigen Wechsel, bald fröhlich, bald betrübt und verwirrt sein wirst. Nicht umsonst verglichen alle heiligen Lehrer die Welt dem Meer, wo beständige Stürme herrschen, wo alle Fluten bitter sind, wo die kleineren Fische beständig von den größeren verschlungen werden, und wo die Schiffer in fortwährender Gefahr schweben, durch Schiffbruch umzukommen. Denn also verhält es sich genau mit der Welt. Wie aber kann je eine christliche Seele diese Welt lieben, und ihr Herz an sie setzen.

 

2. Indessen können wir dennoch manches von den Schiffern lernen, um unsere eigene Schifffahrt auf diesem sturmbewegten Meer zu ordnen. Fahren nämlich auch die Schiffer auf dem Meer, so trinken sie doch niemals von seinen salzigen Gewässern. Auch halten sie sich nicht auf, ob sie auch an noch so schönen Städten oder Inseln vorüber segeln, sondern sie benützen den günstigen Wind, um in ihrer Fahrt weiter zu kommen, und ihr Ziel zu erreichen, denn nicht das Meer ist ihr ständiger Aufenthalt. Sie segeln nur hindurch und blicken oft zum Himmel und zu den Sternen, den Lauf ihres Schiffes recht zu richten, damit sie den ersehnten Hafen nicht verfehlen.

 

3. Schließlich sind auch alle Schiffer unablässig beschäftigt. Einige sind bestimmt, das Schiff zu leiten, andere, die Segel aufzuspannen oder einzuziehen. Andere stehen am Ruder, und jeder hat daselbst seine eigene, vom obersten Befehlshaber ihm angewiesene Arbeit, die so lange dauert, als die Schifffahrt selbst, damit sie die Schätze, die sie mit sich führen, glücklich in die Heimat bringen. Also sollen auch wir während unserer Schifffahrt getreu in dem Beruf arbeiten, den Gottes Vorsehung uns angewiesen hat, und diese Welt nur im Vorübergehen gebrauchen. "Denn wir haben hier keine bleibende Stätte, sondern wir suchen die künftige", spricht der Apostel. Psalm 39,13: "Hör mein Gebet, Herr, vernimm mein Schreien, schweig nicht zu meinen Tränen. Denn ich bin nur ein Gast bei dir, ein Fremdling wie all meine Väter."

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Betrachtung am 4. Februar - Meide den Umgang mit Bösen

 

O lass mich, Jesus, von dir lernen

Mich unbefleckt erhalten in der Welt;

Und wachsam von dem Netze mich entfernen,

Das überall die Feinde aufgestellt.

 

1. Wenn dein ewiges Heil dir am Herzen liegt, so sei wachsam, allen näheren Umgang mit verkehrten und lasterhaften Menschen zu meiden. Denn nicht nur schadest du dadurch deinem guten Ruf bei allen Guten, sondern du selbst auch wirst bald werden wie diejenigen, mit denen du umgehst. Das Böse ist seiner Natur nach ansteckend, und wird leichter als das Gute angenommen. Denn unser eigenes Herz ist heimlich dazu geneigt, und es gelüstet ihm gern nach Verbotenem. Kein Kranker wird gesund, weil er mit Gesunden umgeht, aber gar leicht wird krank, wer viel mit Kranken umgeht.

 

2. Kein Verworfener ist in der ewigen Verdammnis, der nicht klagte, das böse Beispiel habe ihn dahin gebracht. Wer auch kann je lange unter unkeuschen Menschen sich rein erhalten? Wer lange mit Aussätzigen zusammen leben, ohne selbst aussätzig zu werden? Gern ahmt man solchen nach, die man achtet, und verlernt unter ihnen allmählich den Abscheu vor den Bösen, bis man zuletzt schlimmer wird als sie. Wie viele, die nichts weniger dachten, haben auf diese Weise Glauben und Sitten verloren. Wären also solche Menschen dir auch lieb wie deine Augen, notwendig wie deine Hände, nützlich wie deine Füße, so ermahnt dich dennoch der Herr, sie abzusondern und zu entfernen, wenn du nicht willst in das ewige Feuer geworfen werden.

 

3. Fürchte dich nicht, solchen zu missfallen, die Gott missfallen. Meide diejenigen, die von Gott sich entfernen, und von denen Gott sich entfernt. Beleidige die Gnade Gottes nicht dadurch, dass du in die Gefahr dich begibst, sie zu verlieren, denn die Gelegenheit ist eine mächtige Feindin, und viele fanden darin den Tod ihrer Seele. Wir selbst geben dem Feind Waffen gegen uns in die Hände, denn er ist nur stark durch unsere Schwäche, oder vielmehr durch unsere Vermessenheit. Wenig vermag er über uns, wenn wir nicht selbst in die Schlinge gingen, die er durch die Gelegenheit uns gibt. Jesus Sirach 13,1+13: "Wer Pech anrührt, dem klebt es an der Hand; wer mit einen Zuchtlosen umgeht, nimmt seine Art an. Gib acht, und sei vorsichtig, geh nicht mit gewalttätigen Menschen!" 

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Betrachtung am 5. Februar - Von der innerlichen Trockenheit

und der Untröstlichkeit

 

Zage nicht in Angst und Grauen;

Denn es glänzt das Kreuz des Herrn

In der Nacht als heller Stern.

Dorthin richte dein Vertrauen,

Und bald wirst du Hilfe schauen;

Denn dein Heiland ist nicht fern.

 

1. Verwundere dich nicht, wenn du im Dienst Gottes zuweilen Trockenheit erfährst, und lass darum deinen Mut nicht sinken, denn wie im Äußerlichen, also gibt es auch im Innern eine Zeit des Sommers und eine Zeit des Winters, eine Zeit des Friedens und eine Zeit des Krieges, eine Zeit des Lichtes und eine Zeit der Finsternis, und notwendig ist die Abwechslung dieser Zeiten. Gerne wärst du immer im Trost, aber wenig Verdienste erwirbt eine Seele, die nicht durch Versuchungen geprüft wird. Leuchten muss in der innerlichen Nacht ihr Glaube, zeigen muss sich in der Verlassenheit ihr Vertrauen, und in der größten Trostlosigkeit ihre Liebe.

 

2. Eine Seele, die im Licht des Trostes lebt, irrt nicht selten. Sie glaubt, sie liebt den Gott des Trostes, und liebt doch nur den Trost Gottes. Aber wenn alles anfängt ihr zu verleiden, wenn sie fühllos für menschlichen Trost, und der Himmel ihr verschlossen ist, wenn sie den Wermutkelch trinken muss, der zur Prüfung ihr vorgesetzt wird, wenn sie das Kreuz umfangen soll, bei dessen Anblick Schauder sie durchrieselt, wenn innerliche Angst und schwere dämonische Versuchungen sie bedrängen, wenn die Natur zu murren, und der Glaube zu wanken beginnt, dann zeigt sich die uneigennützige Liebe in ihrem reinsten Licht.

 

3. Ein überaus strenges Fegefeuer ist dies für heilige Seelen, aber ein Feuer, worin ihre Liebe wie das Gold geläutert wird. Alle ihre Tugenden, ja auch sich selbst hält eine solche Seele für verloren. Doch niemals ist ihr Glaube fester als in diesem Streit gegen die Anfechtungen, nie ihre Geduld standhafter als im Erdulden dieser innerlichen Pein. Sie hält sich für verlassen, aber nie ist Gott ihr näher. Er zählt alle ihre Seufzer, segnet alle ihre Kämpfe. Er hält die Kraftlose in seinen Armen, und bereitet ihrer Treue eine Krone himmlischer Vergeltung. Gleichwie der Falter aus seinem Gefängnis, also tritt auch sie neu umgewandelt ins Leben und ruft dann freudig mit dem Propheten: "Herr, nach der Fülle meiner Angst, die ich in meinem Herzen empfand, haben deine Tröstungen meine Seele erfreut." (Psalm 94)

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Betrachtung am 6. Februar - Vom geduldigen Tragen des Kreuzes

 

Herr, deine strenge Prüfung ist gerecht,

Du schlägst mich, dass du meine Wunden heilest.

Treu küsset deine Vaterhand dein Knecht,

Weil, nach der Strafe, Gnade du erteilest.

 

1. Warum brichst du in bitteren Unmut aus, wenn nicht alles nach deinem Wunsch ergeht? Weißt du etwa nicht, dass du hier im Land der Prüfungen bist, und dass ohne Kreuz keine Tugend, ohne Geduld kein Verdienst möglich ist? So trage denn das Kreuz, das Gott dir auferlegte, mit Geduld, denn keins ist dir heilsamer, keins deinen Kräften so angemessen. Nichts auch gewinnst du, wenn du es abwirfst, denn unfehlbar würdest du ein noch lästigeres finden. Wer ist je in dieser Welt ohne Kreuz? Du findest es in den Burgen der Könige, wie in den Hütten der Armen, denn da alle nur durch das Kreuz selig werden, stellte die göttliche Vorsehung es überall auf.

 

2. Gott züchtigt diejenigen, die er liebt. Liebte er dich nicht, so züchtigte er dich nicht, und nicht mehr gehörtest du zur Anzahl seiner Kinder. Nie zürnt Gott einen Sünder schwerer, als wenn er ihn nicht mehr straft, denn er bestraft nur darum in der Zeit, damit er in der Ewigkeit schone. Immer auch sucht er mit seiner Gnade diejenigen heim, die er durch Strafen heimsucht, darum küsst eine geduldige Seele immer dankbar seine Vaterhand. Erschauderst du vor dem Kreuz, so entsagst du der Religion, deren Siegel das Kreuz ist, und entsagst dem Himmel, wohin nur die Fahne des Kreuzes führt.

 

3. Was also klagst du? Was verlangst du? Willst du auf einem anderen Weg in den Himmel eingehen, als auf dem, worauf Jesus mit seinen Heiligen eingingen? So ergib dich denn den Händen Gottes mit Vertrauen. Niemand meint es besser mit dir. Er sieht dein Leiden in seinem ganzen Umfang. Aber er sieht auch die Liebe oder den Unmut mit dem du es erträgst. Er ist mächtig und weise, er kann und wird dich auch befreien, wenn seine Weisheit es dir als heilsam erkennt. Erkennt sie aber das Gegenteil: wer bist du denn, ihm zu widerstehen? Ist er nicht dein allerhöchster Herr, dein Vater, dein Richter? Apostelgeschichte 14,22b: "Durch viele Drangsale müssen wir in das Reich Gottes gelangen."

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Betrachtung am 7. Februar . Von den bösen Wirkungen der Ungeduld

 

Wie schön, o Palme der Geduld,

Sind deine Früchte, die dich schmücken.

Auch winkt mir freundlich deine Huld,

Emporzusteigen, sie zu pflücken;

Denn diese Heilesfrucht erfreut

Nur den, der nicht die Arbeit scheut.

 

1. Halte für gewiss, dass du im Leben des Geistes noch nicht zugenommen hast, wenn du deine Ungeduld noch nicht besiegen gelernt hast. Denn woher kommt deine Ungeduld, außer von deiner ungeregelten Eigenliebe, die noch immer lebendig in dir herrscht, und keinen Zügel dulden will? "Der Ungeduldige", spricht die Schrift, "wirkt Narrheit; und er wird Schaden leiden!" Woher auch so viele voreiligen Schritte, so viele unbesonnenen Reden, so viele blinde Urteile, so viele ungerechten Beleidigungen und wunderlichen Entscheidungen? Daher, weil deine Ungeduld das Licht und den Frieden aus deinem Herzen vertrieb, und dich in Finsternis und Erbitterung zurückließ. 

 

2. Kein Fehler ist, - nicht nur der Frömmigkeit, - sondern auch der Vernunft so sehr entgegen als die Ungeduld, weil der Ungeduldige über zahllose Dinge erbittert wird, die sich weder vorhersehen, noch verhindern lassen, und die aus der Bedrängnis der Zeiten, aus Todesfällen geliebter Personen, aus feindlicher Bosheit und aus verborgenen Ursachen kommen, die die Weltkinder Zufall nennen. Wann aber wirst du ein Übel durch Erbitterung heilen? Murren, Klagen, Lärm, Schimpfworte sind nicht nur ohnmächtige Waffen gegen den Feind, sondern sie bringen auch uns selbst Unheil, weil sie sich gegen uns zurückwenden. "Der Herr hat`s gegeben, der Herr hat`s genommen!" Also spricht wer weise ist, wer Gott sich ergeben hat. Von diesem Schild prallen alle Pfeile der Widerwärtigkeiten zurück.

 

3. Niemals wirst du zu wahren Tugenden gelangen, wenn du dir nicht Gewalt antust, und mit großer Geduld dich bewaffnest. Fasse also jeden Tag ernsthafte Vorsätze hierüber, und lerne im Buch des Kreuzes Jesu Christi Geduld in Liebe üben. Dringend ermahnt hierzu der große, von Gott erleuchtete Apostel, der die Ungeduld "eine Wurzel der Bitterkeit" nennt; weil aus ihr Eigensinn und Launen hervorgehen, die einer christlichen Seele unwürdig sind, und das Leben wahrhaft verbittern. Auch gibt er uns zu Führern die Liebe Gottes und die Geduld Jesu Christi (2. Thessalonicher 3,5). An einer anderen Stelle aber spricht er: "Er gebe euch in der Macht seiner Herrlichkeit viel Kraft, damit ihr in allem Geduld und Ausdauer habt." (Kolosser 1,11) Denn nur die Geduld erringt die himmlische Krone. Lukas 21,19: "Wenn ihr geduldig bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen."

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Betrachtung am 8. Februar - Guter Same und Unkraut

 

Du richtest, Herr, die Erde wunderbar.

Du liebest gute Gaben auszuspenden;

Und duldest, dass die Bösen undankbar

Zu schaurigem Verderben sie verwenden.

Doch deine Langmut lässt den Sündern Zeit:

Denn, - kommt der Tag, - übst du Gerechtigkeit.

 

1. Der Sohn Gottes besäte den Acker seiner Kirche mit dem Samen des himmlischen Evangeliums. Der Feind alles Heils aber übersäte ihn mit Samen bösen Unkrautes. Die Wahrheit ist früher denn die Lüge, das Gute früher denn das Böse. Die Wahrheit und das Gute kommen von Gott. Die Lüge und das Böse vom Feind Gottes, dem bösen Geist und von seinen Knechten und Mägden, die, von ihm verführt, mit teuflischer Gier auch andere zu verführen suchen. Wann aber greift diese Verführung am meisten um sich? Wenn die Menschen den Todesschlaf der Sünde schlafen, ihren blinden Leidenschaften sich überlassen, und des göttlichen Gesetzes vergessen. Seien wir wachsam, dass nicht die arglistige Schlange auch uns verführe.

 

2. Fromme Menschen sind auf dem Acker der Kirche die gute Frucht, die Bösen dagegen das Unkraut; beide bestehen untereinander. Gottes Weisheit aber lässt die Bösen bestehen, damit durch sie die Guten in der Geduld geübt werden, und Gelegenheit erhalten, großmütige Tugenden zu üben und ihre Verdienste zu vermehren. Wären keine Tyrannen gewesen, so zählte die Kirche nicht so viele glorreiche Märtyrer. Auch lässt sie die Bösen bestehen, damit das Beispiel der Guten ihnen leuchte und auf ihre Herzen einwirke. Denn wandelt auch das Unkraut sich nie in Frucht, so wird doch mancher Böse in einen Gerechten umgewandelt. Ist dein eigenes Beispiel ein solches Licht?

 

3. Auch dein Herz ist ein Acker, worauf Gott den guten Samen vieler Gnaden und himmlischer Einflößungen ausgesät hat. Wie viele gute Belehrungen auch hast du gehört und gelesen, wie viele gute Beispiele gesehen? Wo sind die Früchte dieses guten Samens? Woher das Unkraut so vieler sündhafter Gedanken und Begierden? Säte nicht der Feind sie aus, als du geschlafen hast, als du nicht über dich selbst wachtest, als du deine Sinne umherschweifen ließest, und auf geringe Sünden nicht geachtet hast? So erwache denn, und tue Buße, damit du nicht am Ende mit den Bösen gesammelt und ins Feuer geworfen wirst. Epheser 5,14b: "Wach auf, du Schläfer, und steh auf von den Toten, und Christus wird dein Licht sein."

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Betrachtung am 9. Februar - Von den Ärgernissen

 

Sieh, schwarzen Samen streut in Gottes Reich

Mit seinen Knechten Satan aus,

Der furchtbar wuchert, bösem Unkraut gleich,

Zu Brennstoff für sein Feuerhaus.

 

1. "Wehe der Welt mit ihrer Verführung! Es muss zwar Verführung und Ärgernisse geben; doch wehe dem Menschen, der sie verschuldet." (Matthäus 18, 7) Führe diesen Ausspruch des Erlösers tief zu Gemüte, und betrachte die Größe dieses Übels. Denn sehr schwer muss allerdings die Sünde des Ärgernisses, schrecklich müssen seine Folgen sein, zumal da der Herr beifügt, es wäre einem solchen Menschen besser, er würde, mit einem Mühlstein um den Hals, in die Tiefe des Meeres geworfen. Worin aber liegt die Schwere dieses Lasters? Darin, dass das Ärgernis das Werk Jesu Christi, das Reich Gottes zerstört, das er durch sein Blut begründete, und die Frucht seiner Erlösung vernichtet, da es die schwache Tugend verführt, das Laster ermutigt, und das Sittenverderbnis in der ganzen Kirche verbreitet.

 

2. Das Ärgernis ist ein geistiges Schwert, das die Seelen tötet. Zahllose Seelen auch sind in der ewigen Verdammnis, die nur das Ärgernis dahin brachte, und die nun ihre Verführer ewig vermaledeien. Der Mensch, der Ärgernis gibt, verrichtet Satans Amt. Er ist ein wahres Werkzeug der Hölle. Er bringt Seelen um Unschuld, Religion, um Gottes Gnade, um den Himmel. Kann er je einen so unendlichen Schaden ersetzen? Was wird er antworten, wenn der ewige Richter zu ihm spricht: Gib Rechenschaft von dem Blut des Unschuldigen, den du ermordet hast, oder vielmehr gib Rechenschaft von meinem Blut, das du entheiligst, und dessen Kraft du vernichtest.

 

3. "Wehe dem Menschen, durch den das Ärgernis, durch den die Verführung kommt!" Ein unzüchtiges, ein irreligiöses Wort fällt oft wie ein Feuerfunke in ein unbefangenes Herz, und wächst zu einer Flamme, die oft nicht mehr zu löschen ist. Das Ärgernis ist ein Same alles Bösen. Es greift schnell um sich und wuchert mit schrecklicher Gewalt. Die Schuld aller dieser Übel aber trägt der Mensch, der das Ärgernis gibt. Und bereut er sogar seine Schuld, so besteht das Übel dennoch, und andere sündigen auf seine Rechnung fort und verbreiten das Böse weiter, das sie von ihm erlernten. So schrecklich als wahr ist dies. Und wer muss nicht darüber zittern? Wehe dir, "der du deine Bosheit und deine Wege auch anderen gelehrt hast." (Jeremia 2,29-37) 

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Betrachtung am 10. Februar - Ratschlüsse der göttlichen Gerechtigkeit

über die Begierden der Sünder

 

Wer ohne dich, Herr, sammelt, der zerstreut;

Denn ohne deinen Willen ist kein Segen;

Die Schuld hat niemals lange sich erfreut;

Denn immer trittst du rächend ihr entgegen.

 

1. Hüte dich, je etwas mit Ungestüm und gegen den Willen deines Schöpfers zu verlangen, sondern sprich: Wenn es dir also wohlgefällt, mein Gott, und es gut für mein Heil ist, so verleihe es mir in deiner Barmherzigkeit. Denn wunderbar ist Gottes Vorsehung. Zu ihrer Strafe lässt sie es zu, dass die Gottlosen zuweilen erlangen, wonach die Gier ihres Herzens zielt. Meinst du aber, sie sind deshalb glücklich? Vielmehr finden sie, statt Gewinn, Schaden; statt Ruhe, Sorgen und Plagen; statt Freuden, bitteren Kummer. Wie mancher verfluchte die Ehrenstelle, zu der er durch Ungerechtigkeit gelangte, wie mancher und manche das sogenannte Glück der Liebe, das sie in grenzenloses Elend und Verzweiflung stürzt. 

 

2. Gewöhnlich auch geschieht es aus Gottes gerechtem Ratschluss, dass gerade das Gegenteil dessen erfolgt, was der Mensch durch das Böse beabsichtigt. Josephs Brüder verkauften den unschuldigen Jungen, damit sein Traum nicht in Erfüllung ginge, und eben dadurch ging er in Erfüllung. Pharao befahl, alle neugeborenen Knäblein der Hebräer zu ertränken, um dadurch dieses Volk zu vertilgen, dadurch aber gab er Anlass zur Rettung des Mose, auf dessen Strafbefehl im Namen des Herrn alle Erstgeburt der Ägypter getötet wurde, und ihr ganzes Heer samt dem Pharao im Wasser umkam. Auch die Juden töteten den Herrn unter dem Vorwand, dass nicht die Römer kämen und ihr Volk und ihre Stadt zerstörten; und gerade dieses gottlosen Mordes wegen wurde ihr Volk und ihre Stadt durch die Römer zerstört.

 

3. Dies ist es, was der Herr durch den Propheten von den Gottlosen spricht: "Darum zeigt mein Auge kein Mitleid, und ich übe keine Schonung. Ihr Verhalten lasse ich auf sie selbst zurückfallen." (Ezechiel 9,10) Denn also geziemt es der allerhöchsten Majestät, die Beleidigungen schnöder Geschöpfe zu rächen, und ihre unendliche Weisheit zu rechtfertigen, damit niemand meine, seine Sicherheit sei in seinen Lastern aufgestellt. Dies bedenke und hüte dich auf alle Weise, gegen den Willen des Allerhöchsten etwas nachzustreben, damit er nicht in seinem gerechten Zorn es dir gewähre; und was du für ein Glück hältst, dir zum Untergang gereiche. Psalm Davids: "Der Herr ist gerecht in allen seinen Wegen, und heilig in allen seinen Werken."

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Betrachtung am 11. Februar - Von der reinen Absicht

 

Jeder Pulsschlag meines Herzens

Sei, mein Gott, nur dir geweiht.

Von dir bin ich ausgegangen;

Du auch nur bist mein Verlangen,

Hier und in der Ewigkeit.

 

1. Vergiss niemals, dass wir alle Gaben des Leibes, alle Fähigkeiten und Kräfte unseres Geistes von der unendlichen Majestät unseres Gottes empfingen, und dass Gott, der alles um seiner Ehre willen schuf, notwendig fordern muss, dass wir mit allen diesen Kräften und Fähigkeiten zu seiner Ehre wirken. Dies ist das Recht seiner Schöpfung und seiner allerhöchsten Oberherrschaft, die er niemals vergeben kann. Alle unsere Arbeiten, ja sogar alle unsere Gedanken müssen ihm geweiht sein, und nach seiner Ehre zielen, sonst können sie ihm nimmermehr wohlgefällig sein, und sind nicht nur ohne Wert für die Ewigkeit, sondern auch Spreu für das Reinigungsfeuer nach dem Leben.

 

2. Diese reine und heilige Absicht hingegen gibt allen, selbst unseren verächtlichsten Werken, einen unendlichen Wert, und erwirbt uns eine höhere Stufe in der Glorie. Ja es ist dies auch der einzige Weg, uns zu heiligen. Denn heilig ist Gott, weil er als die allerhöchste Vollkommenheit sich selbst unendlich liebt und alles auf sich selbst bezieht. Gäbe es ein noch vollkommeneres Wesen als er selbst ist, so würde er seine unendliche Liebe auf dieses Wesen anwenden. Heilig sind auch die glückseligen Bürger des himmlischen Jerusalems nur dadurch, dass sie mit allen ihren glorreichen Werken nur nach dieser unendlichen Liebe zielen. 

 

3. Dies ist das hohe Ziel, nach dem wir aus ganzem Verlangen unseres Herzens streben müssen. Oft müssen wir, jeden Tag, unser Herz zu Gott erheben, und ihm uns selbst und unsere Werke aufopfern. Dies sind jene blühenden und vollen Tage, von denen der Psalm spricht (Psalm 72,7). Denn jede Sekunde darin ist voll, weil alle für Gottes Ehre verlebt wurden. Unser Gott sieht nicht darauf, ob unsere Werke groß oder klein sind, wohl aber, in welcher Absicht wir sie tun. Suchen wir Gott rein um seiner selbst willen, ohne der künftigen Belohnungen zu gedenken, dann ist unsere Absicht vollkommen, und unsere Belohnungen im Himmel werden, ohne dass wir es beabsichtigen, unendlich vergrößert. 1. Korinther 2,9: "Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große, das Gott jenen bereitet hat, die ihn lieben."

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Betrachtung am 12. Februar - Trübsale einer Feuerprobe der wahren Liebe

 

Die Trübsal ist ein Prüfungsfeuer,

Wo falscher Tugend Schein vergeht,

Doch echte Liebe weit getreuer

Als in des Friedens Lust besteht.

 

1. Nichts ist leichter, als Gott zur Zeit der Wohlfahrt und des Friedens zu lieben und zu loben. Aber wie mancher liebt zu solcher Zeit, gleich weltlichen Freunden, den Wohltäter nur seiner Wohltaten wegen. Wie oft auch versichertest du selbst, keine Trübsal, kein Leiden werde deine Liebe erschüttern. Kaum aber führt Jesus dich in den Garten seiner Todesangst, so schläfst du vor Überdruss ein. Abraham bewies Gott seine Treue am deutlichsten, als er ihm das Opfer brachte, das einem liebenden Vaterherzen am schmerzlichsten fällt. Also gab auch Jesus seinem himmlischen Vater den höchsten Beweis seiner Liebe, als er, zu dem schmerzlichsten Tod gehend, sprach: "Aber die Welt soll erkennen, dass ich den Vater liebe und so handle, wie es mir der Vater aufgetragen hat. Steht auf, wir wollen weggehen von hier." (Johannes 14,31)

 

2. Oft sucht die Eigenliebe sogar in Werken der Abtötung und der Buße sich selbst. Es sind also auch diese Übungen kein unfehlbares Zeichen einer wahren Gottesliebe. Aber wer in Krankheiten, Schmerzen und bitteren Drangsalen den Willen Gottes anbetet, und bereit ist, solche, solange er es will, ja auch das ganze Leben hindurch zu ertragen, der gibt Gott einen vollkommenen Beweis seiner Liebe, da das Geschöpf nichts Größeres tun kann, als sich selbst für die Ehre seines Schöpfers zu opfern. Mehr Verdienste erwirbt oft in diesem Stand der Aufopferung eine Seele in einer Stunde, als bei Ruhe und Frieden in vielen Jahren.

 

3. Unser Gott hat keine Freude an den Leiden seiner Geschöpfe, wohl aber an der Ergebung, an der Treue, an der Liebe, die sie in ihren Leiden üben. Und weil diese Tugenden am reinsten in der Trübsal geübt werden, darum sucht er auch seine geliebtesten Freunde mit den schwersten Trübsalen heim. Dies sehen wir im Leben der größten Heiligen. ganz besonders aber an Jesus, dem König aller Heiligen, der allein mehr gelitten hat, als sie alle zusammengenommen. Nach dem Maß aber, als wir hier an seiner Schmach und an seinem Kreuz Anteil nehmen, werden wir auch Anteil an seiner Glorie erhalten. "Schaut doch und seht, ob ein Schmerz ist wie mein Schmerz." (Klagelieder 1,12)

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Betrachtung am 13. Februar - Vom Zeugnis des Gewissens

 

Ein Himmel ist das friedliche Gewissen,

Wo Gott in seiner süßen Liebe spricht;

Doch das des Frevlers wird von Angst zerrissen:

Er sieht die Hölle dort und das Gericht.

 

1. "Denn das ist unser Ruhm," spricht der Apostel, "das Zeugnis unseres Gewissens." (2. Korinther 1,12a) Beherzige diese Worte, denn wundersam erfreulich ist ihr Sinn. Also nämlich sprach der Apostel zu den ersten Christen, die von Juden und Heiden gehasst, verfolgt und als das Auskehricht der Welt verachtet wurden. Dennoch aber hatten sie Ruhm, und zwar überaus großen Ruhm. Dieser Ruhm war das Zeugnis ihres Gewissens. Denn das Zeugnis des guten Gewissens ist das Zeugnis Gottes selbst. Wenn nun die Weltkinder es für ihren höchsten Ruhm halten, von einem großen König gelobt zu werden, und auf ein solches Lob die Hoffnung ihres künftigen Glücks bauen: wie groß soll dann unsere Freude sein, wenn der himmlische König selbst uns lobt, in dessen Händen unsere zeitliche und ewige Glückseligkeit liegt.

 

2. Dieses Zeugnis eines guten Gewissens ist ein undurchdringlicher Schild gegen alle Trübsale und Schrecknisse dieser Welt. "Kein Unheil trifft den Gerechten," spricht die Schrift, und abermals: "Der Gerechte fühlt sich sicher wie ein Löwe." (Sprichwörter 12,21 und 28,1b) Was auch sollte ihn ängstigen? Die Sünden seines verflossenen Lebens? Er hat sie durch Werke der Gerechtigkeit aufgewogen. Was kann von der Liebe Gottes ihn trennen? Der Tod selbst führt ihn zu seinem Gott, nachdem sein Herz sich sehnt. Wie glorreich, wie sicher ist ein solches Gewissen, und wie großen Frieden gewährt es schon in diesem Leben.

 

3. Betrachte dagegen das Gewissen des Sünders. "Der Frevler flieht," sagt die Schrift, "auch wenn ihn keiner verfolgt." (Sprichwörter 28,1a) Vor wem also flieht er? Vor sich selbst! Die Schrecknisse seines Gewissens verfolgen ihn überall hin. Vergeblich sucht er, ihnen zu entfliehen, Gesellschaften, Zerstreuungen, Schauspiele, Belustigungen auf. "Der Schall des Schreckens," spricht die Schrift, "ist immerdar in den Ohren des Gottlosen". Ja er schreit oft so laut, dass mancher ruchlose Frevler Hand an sich selbst legte, dieser entsetzlichen Stimme zu entkommen, die Tag und Nacht ihn erschreckt. "Mein Sohn, lass beides nicht aus den Augen: Bewahre Umsicht und Besonnenheit. Dann werden sie dir ein Lebensquell, ein Schmuck für deinen Hals. Dann gehst du sicher deinen Weg und stößt mit deinem Fuß nicht an." (Sprichwörter 3,21-23) 

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Betrachtung am 14. Februar - Vom Gesetz der Furcht

und dem Gesetz der Liebe

 

Ein Licht hast, Herr, du angefacht,

Zu leuchten durch die Zeiten,

Um alle Pilger durch die Nacht

Ins Vaterland zu leiten.

Dies Licht, am Kreuze aufgestellt,

Erleuchtet nun die ganze Welt.

 

1. Gott, der den Menschen zu seiner Ehre erschuf, gab mit seinem Dasein ihm auch das Licht, das Ziel zu erreichen, für das er ihn erschaffen hatte. Denn nicht gleich einem Halbaffen erschuf er ihn, wie viele sinnlose Schwätzer unserer Zeit fabeln, dass er allmählich vom Tier zum Menschen sich herausbildete, sondern er erleuchtete ihn durch das Licht seines Angesichtes, legte das Sittengesetz ihm ins Gewissen, gab ihm Verheißungen, und lehrte ihn, seinen Schöpfer durch Opfer verehren, die bereits die ersten Menschenkinder dem Allerhöchsten als Huldigung darbrachten. Sieh also, wie der Dienst des wahren Gottes mit der Welt beginnt.

 

2. Dies Gesetz, das der Kindheit der Welt genügte, und damals schon durch die Hoffnung auf einen künftigen Erlöser sie tröstete, wurde im Jünglingsalter der Welt durch Gottes Weisheit deutlicher entwickelt, und durch Vorschriften, Opfer und Zeremonien erweitert, worin der verheißene Erlöser näher bezeichnet und geweissagt wird. Noch lebt das unsterbliche Volk, das die Gesetze in seinem Ursprung empfing, und durch Jahrtausende beobachtete. Aber auch dies Gesetz war noch unvollkommen. Es zeigte nur die Wunde des menschlichen Geschlechtes, ohne sie zu heilen, den Weg des Himmels, ohne die Kraft zu geben, ihn zu gehen. Es war auf steinerne Tafeln geschrieben, und ein Gesetz der Furcht. Die Vollendung des Gesetzes war dem Erlöser selbst vorbehalten.

 

3. Endlich erschien in der, von Gottes Ratschluss vorbestimmten Zeit dieser göttliche Erlöser, heilte die Wunden des menschlichen Geschlechtes, erfüllte die Opfer des Alten Bundes durch sein großes Sühnopfer, verlieh die Kraft, den Weg des Himmels zu gehen, hob das Gesetz der Furcht auf, und schrieb das Gesetz seiner Liebe in die Herzen. Wohltaten hatte Gott im alten Gesetz erzeigt, und dadurch die Gerechten der Vorzeit zur Wohltätigkeit belehrt, geopfert hat sich der Gottmensch auf dem Altar des Kreuzes, und nun lernt der Mensch sich opfern. Tausende vergossen ihr Blut, Gott ihre Liebe zu bezeigen, tausende andere in fernen Ländern, ihre Brüder zu seiner Liebe zu führen. Psalm 118,23: "Das hat der Herr vollbracht, vor unseren Augen geschah dieses Wunder."

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Betrachtung am 15. Februar - Das Senfkorn der Gnade

 

O Licht und Feuer, unerschaffne Macht,

Die tief du durch des Herzens Falten dringest:

Und alle seine Triebe sanft bezwingest:

Dein Licht durchdringe meine alte Nacht,

Damit ich deine heil`ge Glut empfinde;

Und, Licht durch dich, den Weg zum Himmel finde.

 

1. Preise den Herrn, der in sein heiliges Licht dich führte, und sei dankbar für seine Gnade, denn nicht allen hat er also getan. Nicht allen verleiht er die Gnade der Heiligung. Teils weil sie kein Verlangen danach haben, teils weil sie ihr Herz nicht dazu bereiten. Allen jedoch, sogar den größten Sündern, verleiht er, und zwar sogar gegen ihren Willen, die wirkliche Gnade, die bald gleich einem Blitzstrahl ihr Inneres erleuchtet, und aus der Sünde sie aufschreckt, bald gleich einer vorübergehenden Flamme zur Liebe der Gottseligkeit sie entzündet. Offenbarung 3,20: "Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten."

 

2. Wie kostbar sind diese Augenblicke für Seelen, die auf die innerliche Stimme des Herrn achten. Lass dies Senfkorn der Gnade ja nicht in dir ersticken, pflege es durch heilige Treue, fördere sein Wachstum in der Einsamkeit und im Gebet, und es wird zu einem Baum hoher Vollkommenheit erwachsen, wo selbst andere gottesfürchtige Seelen Trost und Rat finden können. Kein leichter Verlust ist der Verlust auch nur einer Gnade, denn viele andere hat sie in ihrem Gefolge, und verlierst du diese eine, so verlierst du mit ihr auch die übrigen. Fürchte auch nicht zu tun, wozu sie dich anregt, denn nicht nur erweckt die himmlische Gnade zum Guten, sondern sie hilft auch das Gute vollbringen, und zwar leicht, gut und mit Liebe vollbringen.

 

3. Herr, ich vernehme deine Stimme. Ach, schmerzlich lässt sie meine Untreue gegen deine himmlische Gnade mich fühlen. Wie viele deiner heiligen Einflößungen ließ ich fruchtlos an meinem Herzen vorübergehen, und zu welcher hohen Vollkommenheit hätten sie mich erhoben. Ich zittere, Herr, bei diesem Anblick. Denn fürchten muss ich, dass einst viele Heiden im Gericht gegen mich aufstehen werden, die mit der Hälfte der Gnaden, die deine Barmherzigkeit mir verliehen hat, sich bekehrt hätten und vielleicht Heilige geworden wären, indes ich noch immer in meiner Lauheit schmachte. Ach, mein Gott, habe Erbarmen, und verleihe mir ein gelehriges Herz. Psalm 119,33: "Herr, weise mir den Weg deiner Gesetze. Ich will ihn einhalten bis ans Ende."

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Betrachtung am 16. Februar - Über die göttliche Unermesslichkeit

 

Wie glorreich, Herr, thronst du im Licht

Der wunderbaren Ewigkeit.

Dich fasst kein Raum, dich keine Zeit;

Ja selbst der Himmel fasst dich nicht.

Das höchste Lob, das dir der Mensch erzeigt,

Ist, wenn er tief anbetend vor dir schweigt.

 

1. In Anbetung versenkt und von heiliger Freude zitternd, erhebt sich mein innerer Blick zu dir, unendliche Majestät, mein Gott, dein glorreiches Dasein zu betrachten. Und staunend rufe ich mit dem königlichen Seher aus: "Wohin könnte ich fliehen vor deinem Geist, wohin mich vor deinem Angesicht flüchten? Steige ich hinauf in den Himmel, so bist du dort; bette ich mich in der Unterwelt, bist du zugegen. Nehme ich die Flügel des Morgenrots und lasse mich nieder am äußersten Meer, auch dort wird deine Hand mich ergreifen und deine Rechte mich fassen." (Psalm 139,7-10) Ja flöge der erhabenste Cherub im schnellsten Gedankenflug Jahrtausende in die Höhe oder in die Tiefe, so ist er dennoch immer im Anfang, und kommt in alle Ewigkeit an kein Ende. Das Auge des Sterblichen erblindet in diesem unendlichen Licht.

 

2. Wie mächtig erhebt diese Betrachtung meine Seele über sich selbst. Dein Ohr, o Gott, vernimmt jeden Laut im Himmel, auf Erden, in den Abgründen, auf allen einzelnen, zahllosen Sternen, in allen Teilen deiner unermesslichen Schöpfung. Du bist der allgegenwärtige Zeuge, der allmächtige Richter aller freien Geister, die deine Hand erschaffen hat. Denn im ganzen Weltall bist du zugleich, in jedem einzelnen Wesen ganz und ungeteilt gegenwärtig, ja alle diese unzählbaren Wesen schweben in dir wie die Fische in den Fluten des Ozeans. Und was auch ist diese ganze unermessliche Schöpfung anderes, als ein kaum sichtbarer Punkt, der in deiner göttlichen Unermesslichkeit verschwindet.

 

3. O unerschaffenes, unendliches Licht, wie wunderbar bist du. Ewig, einfach, allumfassend, unzerteilt, unwandelbar ist dein unendlicher Blick. Er dringt in die tiefste Nacht. Ja die dichteste Finsternis ist vor dir gleich dem hellsten Mittag. Du durchschaust die geheimsten Gedanken aller deiner Geschöpfe, und klar liegt vor dir entfaltet, was nun und künftig ist. Diese Wahrheit, mein Gott, sei mein Schild. Sie behüte mich vor sündhaften Gedanken, Begierden und Werken. Sie eifere mich zu deinem heiligen Dienst an. Psalm 86,8: "Herr, unter den Göttern ist keiner wie du, und nichts gleicht den Werken, die du geschaffen hast."

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Betrachtung am 17. Februar - Die Sünde ist eine Beleidigung Gottes

 

Woher die Übel, die die Welt bedecken?

Woher des Abgrunds ewig neue Schrecken?

Sie alle gingen aus von einem Tor:

Der Sünde Frevel brachte sie hervor.

 

1. Es gibt nur ein Übel in der Welt, aus dem alle anderen hervorgehen, und dieses Übel ist die Sünde. Fasse dies schreckliche Übel wohl ins Auge, damit du es aus deiner ganzen Kraft hassen und verabscheuen lernst, das Gott selbst ewig hasst und verabscheut. Denn die Sünde ist eine Empörung des Geschöpfes gegen seinen allerhöchsten Herrn. Durch sie tritt der Sünder Gott frech gegenüber, reißt von seiner Oberherrschaft sich los, und tritt alle Gesetze Gottes, alle Anordnungen seiner unendlichen Weisheit mit Füßen, sich selbst sein eigener Gott zu sein.

 

2. Die unendliche Größe der Sünde liegt in der Schmach und Verachtung, die der unendlichen Majestät dadurch widerfährt. Verachtete der Sünder Gott, seinen ewigen Wohltäter und Vater, einem anderen, eben so unendlichen und liebreichen Gott anzuhangen, der ihm einen glorreicheren Himmel, größere Belohnungen und selbst ein glänzenderes Los auf dieser Welt verhieße, so fände er noch einige Entschuldigungen. So aber verachtet er die ewige Majestät eines schnöden Geldgewinnes, eines Schattens vergänglicher Ehre, eines verächtlichen Geschöpfes wegen, bietet dazu alle Kräfte auf, die Gott zu seiner Verherrlichung ihm gegeben hat, widersetzt sich, diese Dinge zu erlangen, seinem ausdrücklichen Willen, stößt seine Gesetze um, und achtet weder seiner Wohltaten, noch seiner Drohungen, noch seiner Strafen, noch seiner Belohnungen.

 

3. Daher auch ist diese Beleidigung so unendlich groß, dass alle Verdienste der Engel und Menschen es in Ewigkeit nicht vermöchten, auch nur eine einzige Sünde aufzuwiegen, so dass selbst eine göttliche Person zwischen Gott und den Menschen als Mittler treten musste, diese unendliche Schmach zu ersetzen, und den Menschen von dem ewigen Untergang zu erretten, den er dadurch verschuldet hatte. Alles auch, was dieser göttliche Mittler tat, alle Quellen des Heils, die er einsetzte, alle seine Lehren und Anordnungen zielen dahin, die Sünde zu tilgen. Wer kann demnach über die ewige Strafe erstaunen, mit der Gott dies Ungeheuer bestraft? Psalm 51,3+4: "Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld, tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen! Wasch meine Schuld von mir ab, und mach mich rein von meiner Sünde!"

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Betrachtung am 18. Februar - Vom Leben in Gottes Gegenwart

 

Bestrahle mich mit deinem Licht

Und sei mir, Herr, zur Seite.

Dass ich vor deinem Angesicht

Auf deinem Wege schreite:

Dein Blick flößt Mut und Liebe ein,

Und macht das Leben süß und rein.

 

1. Wo immer du sein magst, bist du in Gottes heiliger Gegenwart. Und so ganz einzig gedenkt er deiner, als ob er keines anderen Geschöpfes weder im Himmel noch auf Erden zu gedenken hätte. Ja innig nahe ist er dir, "denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir." (Apostelgeschichte 17,28) Zu jeder Zeit, bei Tag und bei Nacht, sind die Augen des Herrn auf dich gerichtet, und nichts, was immer du tun magst, ist vor ihm verborgen. Dies Bewusstsein drängte den heiligen Dulder Ijob zu dem Ausruf: "Sieht Gott denn meine Wege nicht, zählt er nicht alle meine Schritte?" (Ijob 31,4)

 

2. Präge diese Wahrheit tief in dein Herz, denn sie wird vor vielen Sünden und Fehlern dich bewahren. Wie auch, mein Gott, sollte ich es wagen, in deiner Gegenwart selbst, in der Gegenwart meines Schöpfers und Vaters, in der Gegenwart des Richters meiner Ewigkeit Böses zu tun? Bist du von dieser Wahrheit durchdrungen, dann wird es dir leicht werden, jede Anfechtung des Versuchers, jeden Widerwillen der Natur zu überwinden und in kurzer Zeit eine hohe Vollkommenheit zu erreichen. Denn die Kraft dieses göttlichen Lichtes wird dein Herz beständig zu ihm erheben, und deine Aufmerksamkeit schärfen, alle deine Werke zu seiner Ehre, und daher mit großer Freude und Liebe zu wirken.

 

3. Diese heilige Aufmerksamkeit auch wird dich zu der innigsten Ansprache mit deinem Schöpfer belehren. Das Leben in der Gegenwart ihres Gottes war die höchste Freude heiliger und gerechter Menschen. In zartester Liebe opferten sie ihm alle ihre Werke, alle ihre Leiden und Trübsale auf, erweckten ohne Unterlass Akte dieser göttlichen Liebe. Und der Gedanke, dass Gott sie beständig sieht, wurde für sie ein Quell des seligsten Vertrauens, und eiferte sie auch beständig an, alle ihre Gedanken, Begierden und Werke also zu ordnen, dass sie der göttlichen Gegenwart würdig seien. Daher auch nennt der Apostel solche Gerechte "nicht mehr Gäste und Fremde, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes". "Ich habe den Herrn beständig vor Augen. Er steht mir zur Rechten, ich wanke nicht." (Psalm 16,8)

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Betrachtung am 19. Februar - Von der Selbstkenntnis

 

Willst nicht du fremd in deinem Hause sein?

Geh in dein Herz mit der Erkenntnis Licht;

Denn viele Fremde gehn dort aus und ein;

Und du, der Herr des Hauses, weißt es nicht. 

 

1. Die Demut ist die Grundveste aller Tugenden. Die Selbstkenntnis aber ist die Grundveste aller Demut. Notwendiger als die Kenntnis aller Geheimnisse der Natur ist uns daher die Kenntnis unser selbst. Denn so lange wir uns selbst, unsere innerlichen Regungen, Neigungen und Triebe nicht erkennen, täuschen wir uns selbst beständig, halten uns für stark, da wir doch eitel Schwäche sind, bereden uns, dass wir wollen, was wir in der Tat nicht wollen. Und umgekehrt, verblenden uns selbst über unsere Leidenschaften, und über die geheimen Schlingen, die sie uns legen, sind ohne Unterlass mit uns selbst im Widerspruch, und erkennen weder unser Elend, noch unsere Abhängigkeit von Gott in allen Dingen. 

 

2. Eine große Gnade ist daher diese Selbstkenntnis, denn sie ist der erste Schritt zur christlichen Weisheit, und wird nur dem andächtigen Gebet verliehen. Gott allein, der unser Herz erschaffen hat, durchschaut alle Gedanken, Regungen, Begierden, Widersprüche, alle Selbsttäuschungen und Schlangenwindungen des Herzens vollkommen: und auch nur er kann uns die wahre Erkenntnis des Herzens verleihen. Der Eitle, der Unzüchtige, der Ungerechte sind so fern von der Selbstkenntnis, dass sie den verweslichen Leib weit höher achten, als die unsterbliche Seele. Alles für den Leib tun, die unsterbliche Seele aber mit größter Gleichgültigkeit der ewigen Verdammnis preisgeben.

 

3. Kein Sünder kann in diesen Spiegel der Selbstkenntnis blicken, ohne vor sich selbst zu erschaudern, und vor den Folgen seiner Missetaten zu zittern. Hier auch kennt der Gerechte genau, was er aus sich, was er durch die Gnade ist, und wie vieles ihm noch zu seiner Vollkommenheit fehlt. Wer sich wohl erkennt, der ist auf seiner Hut vor sich selbst. Er flieht vor der Gefahr. Ja auch die ganze Welt vermag es nicht, ihn zur Hoffart zu verleiten, wie groß immer die Gaben sein mögen, mit welchen Gott ihn geschmückt hat. Darum beten wir innig zum Herrn um diese Gnade, und üben wir uns täglich, uns selbst besser zu erkennen, denn nimmer sonst werden wir zur wahren Vollkommenheit gelangen. 1. Timotheus 4,15-16: "Dafür sollst du sorgen, darin sollst du leben, damit allen deine Fortschritte offenbar werden. Achte auf dich selbst und auf die Lehre; halte daran fest! Wenn du das tust, rettest du dich und alle, die auf dich hören."

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Betrachtung am 20. Februar - Von der wahren Weisheit

 

Mein Gott, vor dessen Thron die Weisheit steht,

O sende einen Strahl aus ihrem Lichte:

Auf dass mein Geist nach ihrem Wink sich richte,

Da ohne sie er ewig irre geht.

 

1. Wunderbar ist der menschliche Scharfsinn. Er unterwirft sich die ganze Natur, durchschifft auf geradem Weg das Meer, misst den Himmelsraum aus und wägt die Planeten ab. Und dennoch ist dieser große Scharfsinn - sich selbst überlassen, - ohne wahre Weisheit. - Denn worin besteht dies himmlische Licht? Allerdings darin, dass der Mensch die Dinge nach ihrem wahren Wert schätze, das Ewige höher denn das Vorübergehende, das Himmlische höher denn das Irdische achte, und diesem richtigen Urteil gemäß lebe. Wer dagegen nur für die Sinne lebt, und nur Vergängliches sucht: dem fehlt, besäße er auch alle Wissenschaften, das Licht der Weisheit. Und darum auch nennt die Schrift die Sünder: Blinde und Toren.

 

2. "Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit" (Psalm 111,10), ihre Vollendung aber ist die Liebe Gottes. Wer immer Gott fürchtet, ist weise, weil er sich fürchtet, etwas zu tun, das seinen Augen missfällt. Und diese heilige Furcht führt ihn zur Liebe. Darum ist, trotz aller natürlichen Wissenschaft, der Sünder unweise, denn er fürchtet Gott nicht, sondern er fürchtet sich vor Gott, gleichwie der böse Geist, der, ungeachtet er durch seine geistige Natur an Kenntnissen und Wissenschaften alle Sterblichen ohne Vergleich übertrifft, dennoch ohne einen Funken wahrer Weisheit ist, weil er in unendlicher Ferne von der wesentlichen Weisheit irrt, die Gott selbst ist. 

 

3. Die wahre Weisheit hat nur ein Ziel, und dahin richtet sie alle Dinge als Mittel: nämlich, zu Gott, ihrem Urquell zu gelangen. Wir lächeln über Kinder, die Häuser bauen, die der leichteste Wind umwirft, oder in ihren Spielen über den Vorzug ringen, und streiten, wer von ihnen König sein soll. Sind aber die Spiele der Erwachsenen, die festere Häuser bauen, und um Ehre und Reichtum streiten, um vieles vernünftiger, weil sie den Spielplatz etwas später verlassen? Wahrlich, ein altes, verachtetes Mütterchen, das Gott liebt, seine Gebote hält, und die Ewigkeit im Auge hat, ist unendlich weiser, als die gelehrtesten Männer der Welt, die alles, außer das einzig Notwendige, wissen. Kohelet 13,13: "Fürchte Gott, und achte auf seine Gebote!"

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Betrachtung am 21. Februar - Von täglichen Opfern

 

Kreuze, Plagen, Schmach und Mühen

Sind die Saat der Pilgerzeit;

Denn nur solcher Saat entblühen

Früchte für die Ewigkeit.

 

1. Willst du Gott wahrhaft lieben, und seine Liebe verdienen, so suche nicht fern, was er selbst in deine Nähe legte, denn seine Vorsehung, die unsere Heiligung will, vermittelt dir jeden Tag vielfältige Gelegenheiten, deine Liebe ihm zu bezeigen, deine Sünden abzubüßen und reiche Schätze für die Ewigkeit zu gewinnen. Jeden Tag sendet sie mit dem täglichen Brot uns zugleich unser tägliches Kreuz, jeden Tag ergibt sich entweder ein bitterer Verdruss zu ertragen, eine lästige Pflicht zu erfüllen, harte Worte, Abweisungen oder Demütigungen zu erdulden, und vieles zu tun, wobei wir uns überwinden, unseren Willen brechen, und manches leiden müssen, das wir nicht abwenden können. 

 

2. Gottes Vorsehung ordnete das Leben so, dass wir einander üben, dass wir einander ein gegenseitiges Kreuz sind, dass wir einander oft wider Willen betrüben, damit wir dadurch zur Geduld, zur Sanftmut, zur Nächstenliebe, zur Selbstüberwindung, zur Abtötung unseres Willens, unserer Eigenliebe, unserer Eitelkeit, zum Tragen unseres Kreuzes und zur Nachahmung unseres göttlichen Vorbilds belehrt werden. Ja oft auch, ohne aus uns selbst herauszutreten, haben wir manches von uns selbst zu dulden. Bald peinigt uns ein körperliches Leiden, bald nagt ein geheimer Kummer an unserem Herzen, bald müssen wir unserem Geschmack entsagen, unser Urteil unterwerfen, kurz uns selbst Gewalt antun.

 

3. Was sind aber alle diese Dinge, wenn nicht Quellen großer Verdienste, Gelegenheiten zu großmütigen Opfern, wirksame Mittel, uns zu heiligen, ja zu einer großen Heiligkeit zu gelangen? Opfer eines lieblichen Wohlgeruchs sind sie, wenn wir sie mit geduldigem Herzen, und aus wahrer Gottesliebe ertragen. Es sind Talente, die uns hundertfältigen Gewinn bringen, wenn wir sie nach Gottes gütiger Absicht verwenden, der uns dadurch eben so viele kostbare Edelgesteine vermitteln will, unsere himmlische Krone zu schmücken. So nehmen wir sie denn mit großer Liebe und Danksagung aus seiner Vaterhand an, opfern wir sie ihm täglich auf, und wir werden mit unermesslichem Reichtum in das Haus unserer Ewigkeit eingehen. 2. Korinther 4,17: "Denn die kleine Last unserer gegenwärtigen Not schafft uns in maßlosem Übermaß ein ewiges Gewicht an Herrlichkeit."

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Betrachtung am 22. Februar - An Petri Stuhlfeier

 

Seht das Haus ihr auf dem Felsen stehen?

Unbeweglich, kann es nie vergehen;

Denn der Eck- und Grundstein, der es trägt,

Hat es mit Unsterblichkeit geprägt.

 

1. "Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen; und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen." Hätten wir diesen Ausspruch Jesu vor 20 Jahrhunderten in einem Winkel von Galiläa gehört: hätten wir wohl an die wunderbare Erfüllung dieses Wortes geglaubt? Und sieh, durch alle Jahrhunderte schritt diese Kirche hindurch, ohne Unterlass kämpfend und siegend, sah Königreiche und Völker vorübergehen, verbreitete sich in allen Weltteilen, drang zu allen, sogar zu den entferntesten Völkern, umfängt alle Klassen der Gesellschaft, die gebildetsten wie die unwissendsten, und besteht nach 20 Jahrhunderten noch unerschüttert in einem Glauben und in einer Lehre. Psalm 118,23: "Das hat der Herr vollbracht, vor unseren Augen geschah dieses Wunder."

 

2. Woher diese unwandelbare Einheit durch alle Zeiten, indes alle Gegner, die von dieser einen Kirche sich trennten, immer sich auflösten und verschwanden? Daher allerdings, weil der Stifter seiner Kirche sie auf Petrus, den Felsen, baute, dem er die Schlüssel des Himmelreiches übergab, und befahl, seine Herde zu weiden. Nicht der Gewalt menschlicher Herrscher, nicht dem Eigendünkel der stolzen, dem Irrtum unterworfenen Wissenschaft übergab er die Regierung seiner Kirche, er setzte dem menschlichen Stolz Grenzen, und brechen müssen sich seine Wogen an diesem Felsen. Wer der Kirche nicht gehorcht, ist dadurch selbst von ihr ausgeschlossen gleich einem Heiden.

 

3. Hätte Gottes Vorsehung den Stuhl Petri gleich weltlichen Thronen dem Wechsel menschlicher Dinge preisgegeben, längst hätten die Fluten der Zeit, die Bosheit der Hölle, die Ströme der Verfolgungen, der Neid weltlicher Herrscher ihn von der Erde vertilgt. Aber alle ihre Versuche scheiterten. Dynastien verschwanden, Throne stürzten ein, ganze Völker vergingen bis auf ihren Namen, Petrus überlebte sie alle. Wer hält ihn aufrecht? Die allmächtige Versicherung: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung der Zeiten." Dieser Mittelpunkt der Kirche bindet und löst, erklärt und entscheidet, und erhält die Einheit des Glaubens unter allen Völkern und Zonen. Und mit seligem Trost folgen diesem einen Hirten alle Schafe der Herde Christi, denn er führt sie mit Sicherheit bis in die ewige Hürde. Johannes 21,15-17: "Weide meine Lämmer. Weide meine Schafe."

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Betrachtung am 23. Februar - Vom Dienst Gottes

 

Dir, Herr, dient aller Wesen Heer;

Dir dient der Tag, dir dient die Nacht,

Denn du, o Gott, hast sie gemacht.

Doch ehrt der freie Geist dich mehr,

Den du zu deinem Dienste schufest,

Und lohnend dann zu dir berufest.

 

1. Wie lange ist es, dass wir im Dasein sind? Haben wir uns selbst erschaffen, als wir noch nicht waren? So gehören wir also auch uns selbst nicht an, sondern demjenigen, der uns Leben, Vernunft und Freiheit verliehen hat, so wie das Bild von Rechtswegen dem Bildner angehört, weil er es hervorgebracht hat. Erfüllen also müssen wir die Absichten unseres Schöpfers, da wir seine Geschöpfe sind, und die Bestimmung erreichen, zu der er uns erschaffen hat, nämlich ihm dienen, zumal da wir ihm nicht umsonst dienen, sondern von seiner Freigebigkeit unsterbliche Belohnungen dafür empfangen.

 

2. Wie aber haben wir diese heilige Pflicht bisher erfüllt? War sein heiliger Dienst das Ziel unserer Arbeiten, unserer Bestrebungen? Beschämen uns nicht alle vernunftlosen Geschöpfe, die den Willen ihres Schöpfers unwandelbar erfüllen, und sogar, nach seiner Anordnung, uns selbst dienen? Die Sonne leuchtet uns, Pflanzen und Tiere nähren uns, ja die ganze Natur dient uns. Alle Wesen fordern auf ihre Weise uns zu seinem Dienst auf, und sagen uns, dass wir des Lebens nicht wert sind, wenn wir nicht für Gott leben. Wir aber? Können wir wohl mit Wahrheit sagen, dass wir unser Leben, ja dass wir nur acht Tage seinem heiligen Dienst ausschließlich geweiht haben? Wohin zielen auch jetzt unsere Gedanken und Begierden? Ach, meist nur nach der Erde, nach der Verwesung.

 

3. Bedenken wir wohl, dass wir, wenn wir Gott nicht frei und mit Liebe angehören wollen, ihm gegen unseren Willen angehören werden. Notwendig müssen wir unter der Herrschaft entweder seiner Güte, oder seiner Gerechtigkeit stehen. Unser Gott jedoch ist die Liebe. Er will unsere Seligkeit. Er tut zwar unserer Freiheit keine Gewalt an, aber die Stimme seiner Gnade drängt uns ohne Unterlass, sie drängt uns in jedem Lebensalter, bald liebevoll, bald drohend. Wollen wir noch länger warten? Sieh, schon neigt sich der Tag. Eilen wir wenigstens mit den letzten Arbeitern in seinen Weinberg, und verdoppeln wir unseren Eifer, damit wir nicht uns selbst um den Taglohn des ewigen Lebens bringen. "Ich will deiner Weisung beständig folgen, auf immer und ewig." (Psalm 119,44)

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Betrachtung am 24. Februar - Über die Wahl des heiligen Apostels Matthias

 

In deiner Hand liegt, Herr, mein Los

Für dies und jenes Leben.

Und deine Güte ist so groß.

Warum denn soll ich beben.

Bin ich getreu, so liebst du mich;

Dies aber will ich ewiglich.

 

1. Nichts im Weltall geschieht ohne Gottes Willen. Als die Apostel, die Stelle des verworfenen Judas zu ersetzen, das Los über zwei gerechte Männer warfen, fiel es auf Matthias. Kein Zufall war dies, Gott hatte ihn von Ewigkeit zum Apostel bestimmt. Denn das Los aller Menschen ist in seinem ewigen Plan voraus geordnet. Jeder der Auserwählten hat seine bestimmte Stelle im Himmel. Doch hängt unser Heil nicht von dieser Vorherwissenschaft Gottes, sondern von unserer Mitwirkung mit seiner Gnade ab, die er allen gibt. Denn so viel an ihm liegt, will er, dass alle Menschen selig werden. Wirken wir also getreu mit seiner Gnade, und wir sind unseres Heiles sicher.

 

2. Offenbarung 3,11: "Halte fest, was du hast, damit kein anderer deinen Kranz bekommt." Eine ernste Warnung ist dieses Wort unseres Herrn. Denn verlieren wir den Glauben und die Liebe, so wird ein anderer unsere Krone empfangen. Judas fiel, und Matthias wird erwählt. Die Juden wurden meineidig, und die Heiden traten an ihre Stelle. Ein Land verliert den Glauben, und ein anderes nimmt ihn mit Freuden an. Es waren vierzig Kronen für jene 40 Märtyrer bestimmt, die die Marter auf dem gefrorenen Teich erlitten. Einer fiel, und ein heidnischer Wächter trat an seine Stelle und empfing seine Krone. Dies geschieht jeden Tag. Darum wachen und beten wir, dass die Gnade der Beharrlichkeit uns verliehen werde. 

 

3. Hinge mein ewiges Heil nur von Gott ab, dann wäre ich darüber in großer Sicherheit. Da es aber auch von mir abhängt, muss ich allerdings zittern, denn schwach bin ich, wandelbar und bestandlos. Ach, mein Gott, was wird am Ende aus mir werden? Werde ich die Seligkeit erlangen? Ich weiß es nicht. Kann ich sie erlangen? Allerdings, denn der Glaube versichert mich, dass Gott mein Heil aufrichtig will, und von mir nur verlangt, dass ich mit seiner Gnade wirke. Er aber verleiht mir alle Gnaden, dies Werk meiner Ewigkeit zu beginnen und glückselig zu vollenden. Dies ist der Trost meiner Hoffnung. "Noch ist keine Versuchung über euch gekommen, die den Menschen überfordert. Gott ist treu; er wird nicht zulassen, dass ihr über eure Kraft hinaus versucht werdet. Er wird euch in der Versuchung einen Ausweg schaffen, so dass ihr sie bestehen könnt." (1. Korinther 10,13)

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Betrachtung am 25. Februar - Vom Willen Gottes

 

Gott, die Liebe ist dein Wille,

Du willst unsre Seligkeit.

Gib, dass treu ich ihn erfülle,

Sieh, es ist mein Herz bereit.

 

1. Psalm 143,10a: "Lehre mich, deinen Willen zu tun; denn du bist mein Gott." Denn dein Wille, o ewig anzubetende Majestät, ist der Urquell aller Glückseligkeit, der Ursprung aller Liebe, der Spiegel aller Vollkommenheit, die Regel aller erschaffenen Geister. Denn er ist die unerschaffene Weisheit und Güte selbst. Wegen dieser unendlichen Vollkommenheit, die du ewig in dir schaust, liebst du, o Gott, dich selbst notwendig, wesentlich, unendlich. Und auch deine Heiligen, die in deiner Glorie dich schleierlos schauen, lieben, nach Maßgabe dieser glorreichen Anschauung, deinen göttlichen Willen wesentlich und notwendig. Diese Liebe selbst aber ist ihre Seligkeit. Dies, mein Gott, erkenne ich in deinem Licht, und preise deine ewige Güte, der du zu deiner heiligen Erkenntnis und Liebe mich erschaffen hast.

 

2. Wehe dem erschaffenen Geist, der deinem Willen widerstrebt. Je weiter er von dieser göttlichen Richtschnur alles guten Willens abweicht, um so mehr entfernt er sich von dem Urquell alles Friedens und aller Glückseligkeit. Ewig rasen in den Kerkern deiner Gerechtigkeit die Verworfenen, weil sie deinem gerechten Willen ewig, und ewig vergeblich, widerstreben. Unglückselig auch sind, selbst in diesem Leben, alle Sünder, die deinem heiligsten Willen feindlich gegenüber stehen. Unglückselig ist der Ungläubige, der Lasterhafte, der Sinnenmensch. Und gleich jenen Verworfenen ergrimmt er über Schmerz, Unglück, Schmach. Und alles, was in dem grauenhaften Spiel seiner Leidenschaften ihn stört, oder seine sündhafte Lust ihm vergällt. 

 

3. Und woher auch, mein Gott, die Bitterkeit meines eigenen Lebens, wenn nicht daher, dass mein Wille dir nicht vollkommen unterworfen ist? Denn eine gerade Richtschnur ist dein ewiger Wille. Mein Wille aber ist verkehrt. Er will, was dein Gesetz verbietet. Und, ach, bitter wie die Arznei dem Kranken, fällt es mir oft, diesen schiefen Willen nach dem deinigen zu richten. Gib mir doch, Herr, dass ich dich liebe gleich deinen Heiligen, die sogar in den bittersten Leiden und Trübsalen frohlocken, weil sie erkannten, dass alle diese Bitterkeiten nur zu deiner Verherrlichung und zu ihrem Heil aus der Hand deines Willens kamen. Psalm 5,13: "Denn du, Herr, segnest den Gerechten. Wie mit einem Schild deckst du ihn mit deiner Gnade."

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Betrachtung am 26. Februar - Vom gottesfürchtigen Herzen

 

Gib mir, dass mich Furcht und Liebe leite,

Herr, auf meinem dunklen Pfade:

Dass mein Herz nicht in der Irre gleite,

Fern vom Segen deiner Gnade.

Furcht vor deinem göttlichen Gericht, 

Eins mit Liebe, sei mein Doppellicht. 

 

1. Lebe vor dem Herrn in heiliger Furcht, und überlasse dich nicht törichter Sicherheit. Dazu ermahnen dich sowohl die Seher des alten, als die Apostel des neuen Bundes mit eindringlicher Stimme: "Dient dem Herrn in Furcht", ruft der heilige Psalmensänger. Der Weltapostel aber: "Er ist euch von Herzen zugetan, wenn er daran denkt, wie ihr euch alle gehorsam gezeigt und ihn mit Furcht und Zittern aufgenommen habt." (2. Korinther 7,15) Auch sehen wir, dass alle großen Heiligen, in je größerer Unschuld und Heiligkeit sie lebten, um so sorgsamer alle ihre Wege hüteten. Diese Furcht entsprang bei ihnen nicht etwa aus einem Mangel an Liebe. Wahrlich, sie liebten Gott über allen Ausdruck. Aber ihre Liebe war von der tiefsten Ehrfurcht begleitet, die aus dem Anblick seiner unendlichen Heiligkeit kam.

 

2. Diese erleuchteten Seelen fürchteten sich auch nicht sowohl wegen der Sünden ihres verflossenen Lebens, von der Gottes Gnade sie befreit hatte, als wegen der Gaben, die sie von seiner Freigebigkeit empfangen hatten, da der Ausspruch ihnen vor Augen schwebte: "Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel zurückgefordert werden, und wem man viel anvertraut hat, von dem wird man um so mehr verlangen." Lukas 12,48b) Sie zitterten, dass sie die Gnaden Gottes vergeblich empfangen, und die Talente ihres Herrn nicht als getreue Knechte zu seiner Ehre verwendet hätten. Diese Furcht regte den großen Apostel, ungeachtet seiner feurigen Gottesliebe, an, seinen Leib zu züchtigen und in die Knechtschaft zu zwingen, damit er nicht, wenn er anderen gepredigt hätte, selbst verworfen würde.

 

3. Zitterten aber diese starken Säulen des Hauses Gottes: was sollen wir elende Sünder tun? Wahrlich, ohne Vergleich mehr Ursache haben wir zu zittern, als sie. Der große heilige Bernard, dessen ganzes Leben beinahe ein beständiger Akt der Liebe Gottes war, sprach dennoch: Ich erbebe, wenn ich den Ausspruch lese: "Der Mensch weiß nicht, ob er des Hasses oder der Liebe würdig ist." (Kohelet 9,1) Ein Abgrund sind die göttlichen Gerichte. Wie viele, die lobwürdig anfingen, fielen ab und nahmen ein böses Ende. Und wir fürchten nicht, und zittern nicht, sondern schmeicheln uns, mit unserer sehr geringen, sehr unvollkommenen und werklosen Liebe Gott wohlgefällig zu sein. "O durchstich, Herr, mein Fleisch mit deiner Furcht, denn ich habe deine Gerichte gefürchtet." (Psalm 119,120)

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Betrachtung am 27. Februar - Von der Hoffnung

 

Dich, liebliche Hoffnung, hat Gott uns gegeben,

In Angst und Gefahr uns mit Trost zu erheben.

Du linderst mit Balsam die bitterste Not;

Dein Zuruf verscheuchet den ewigen Tod.

 

1. In allen deinen Bedrängnissen hoffe fest auf den Herrn, denn in seiner Hand allein liegen alle Güter der Natur, der Gnade und der Glorie. Und er auch ist die allerhöchste Güte, und immer bereit, dir zu helfen. Dazu auch haben wir die Verheißung seines Eingeborenen, alles vom Vater zu erbitten, um was wir in seinem Namen ihn bitten werden. Höre den Ausruf des Heiligen Geistes: "Wer hat auf den Herrn vertraut und ist dabei zuschanden geworden? Wer hoffte auf ihn und wurde verlassen? Wer rief ihn an, und er erhörte ihn nicht?" (Jesus Sirach 2,10) Strafreden sind dies an die "Ungehorsamen", die auch der Apostel mit Gottes Zorn bedroht. (Epheser 5,6)

 

2. Gott führt zwar seine Getreuen oft durch bittere Trübsale, weil er durch ihre Geduld verherrlicht und ihre Glorie vermehrt wird. Aber nimmermehr lässt er ihre Hoffnung zu Schanden werden. Mitten unter seinen schrecklichsten Leiden rief Ijob mit unerschütterlicher Hoffnung aus: "Er mag mich töten, ich hoffe dennoch auf ihn." (Ijob 13,15) Und wurde etwa seine Hoffnung getäuscht? "Der Herr mehrte den Besitz Ijobs" spricht die Schrift, "auf das Doppelte. Der Herr aber segnete die spätere Lebenszeit Ijobs mehr als seine frühere." (Ijob 42,10 + 12) Wie viele solcher Beispiele zeigt uns die Heilige Schrift und die Kirchengeschichte. Sind wir demnach verlassen und trostlos: wer trägt dann die Schuld, wenn nicht unser Unglaube und unser Misstrauen?

 

3. Befiehlst aber du, unser Gott, bei deinem Fluch, sogar alle zeitlichen Güter von dir zu hoffen, und rufst aus deinen Schriften: "Verflucht sei der Mensch, der sein Vertrauen auf Menschen setzt." (Jeremia 17,5): wie weit mehr müssen wir die Gnaden des ewigen Heils von dir hoffen, und wie zahllos sind hierüber deine Aussprüche. Nun spricht aber deine Schrift: "Gott ist wahrhaft, und nicht möglich ist es, dass er lügt." (Römer 3,4 und Hebräer 6,16-17) So ist denn niemand, selbst der größte Sünder nicht, von dieser Hoffnung ausgeschlossen, wofern anders er entschlossen ist, von seiner Sünde abzulassen, "denn niemand hat auf dich gehofft und ist zu Schanden geworden." "Auf dich, Herr, habe ich gehofft, lass mich ewig nicht zu Schanden werden." (Psalm 71,1)

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Betrachtung am 28. Februar - Von der Nachfolge Jesu

 

Seht, Jesus geht mit seinem Kreuz voran.

O folgen wir ihm nach mit treuem Herzen.

Geht über manchen Dorn auch unsre Bahn:

Sein Reich vergilt unendlich unsern Schmerzen.

 

1. Beherzige den Ausruf Jesu zu seinem himmlischen Vater, als er im Begriff war, diese Welt zu verlassen: "Ich habe das Werk vollendet, das du mir aufgetragen hast." (Johannes 17,4) Dieses große Werk war unsere Erlösung, die Jesus am Kreuz vollendete, wo er durch seinen zeitlichen Tod vom ewigen Tod uns errettete, und durch sein Blut die ewige Gerechtigkeit versöhnte. Aber noch genügte dies nicht, wir bedurften auch eines sicheren Weges, dieses große Heil zu erlangen, und eines vollkommenen Vorbilds zur Nachbildung, Gott wohlgefällig zu werden. Und diesen Teil seiner Sendung hatte Jesus während seines Lebens vollbracht. "Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt." (1. Petrus 2,21)

 

2. Die Beispiele unseres Herrn sind die Richtschnur unseres Lebens, und das Maß unserer künftigen Seligkeit. Alle Heiligen bildeten sich nach diesem göttlichen Vorbild, und auch nur darum waren sie heilig. Einige zwar ahmten diese, andere jene seiner anzubetenden Tugenden insbesondere nach. Es gab Heilige, in denen vorzüglich die Demut, andere, in denen die Sanftmut, andere, in denen die Geduld, andere, in denen die Liebe Jesu ganz besonders hervorleuchtete. Einige folgten ihm in seinem verborgenen Leben, andere in seinen Arbeiten am Heil der Seelen nach. Alle jedoch trafen darin zusammen, dass sie seinem göttlichen Ausspruch folgten: "Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach." (Matthäus 16,24) Denn Kreuz und Selbstverleugnung sind die Grundvesten der Nachfolge Jesu für alle.

 

3. Diese Ähnlichkeit ist das Gepräge aller Auserwählten. Römer 8,29: "Denn alle, die er im voraus erkannt hat, hat er auch im voraus dazu bestimmt, an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben." Ohne Selbstverleugnung also, das heißt ohne Überwindung unserer ungeordneten Triebe, ohne Hingabe unseres Willens an Gottes Vorsehung, ohne geduldiges Tragen des täglichen Kreuzes, das diese Vorsehung uns auferlegt, und ohne Nachbildung der Sanftmut, Demut, Abtötung und Liebe unseres göttlichen Vorbilds, nennen wir uns vergeblich seine Jünger. Matthäus 17,5b: "Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören."

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Betrachtung am 29. Februar - Von der wahren Frömmigkeit

 

Wahrhaft fromm und weise

Auf der Himmelsreise,

Ohne auszugleiten,

Täglich fortzuschreiten:

Dies, mein Gott, ist mein Gebet,

Das zu deinem Herzen fleht.

 

1. Unser Gott fordert Heiligkeit des Lebens von uns allen. Denn uns allen gilt der Ausspruch: "Seid vollkommen, gleichwie euer himmlischer Vater vollkommen ist." (Matthäus 5,48) Jeder Stand, jedes Lebensalter ist geeignet, uns zu einer hohen Vollkommenheit zu führen. Auch stellt die Kirche uns Heilige aus allen Ständen zur Nachahmung auf: Reiche und Arme, Kinder und Greise, Jungfrauen und Eheleute, Kloster- und Weltleute, Könige und Taglöhner. Alle aber heiligten sich dadurch, dass sie die Pflichten des Standes, zu welchem Gottes Vorsehung sie berufen hatte, getreu, mit reiner Absicht, und mit dem Verlangen erfüllten, Gott dadurch zu gefallen. Dies ist wahre Frömmigkeit, alles übrige ist Täuschung und Irrtum. 

 

2. Suchen wir also die Frömmigkeit nicht in der Ferne. Sie ist einheimisch bei uns selbst, und unser Stand ist ein vortreffliches Erdreich, wo wir hundertfältige Früchte bringen können. Der Staatsmann, der Handwerker, der Krieger, der zum Nachteil seiner Pflichten einer klösterlichen Frömmigkeit sich ergeben will, die Hausfrau und Mutter, die ganze Stunden in der Kirche zubringen wollte, indes ihre Gegenwart im Haus notwendig ist, verdienen statt Lob und Belohnung Tadel und Strafe. Kein Diener kann seinem Herrn gefallen, der nicht tut, was ihm befohlen ist, sondern sich Beschäftigungen nach seiner Laune wählt. 

 

3. Wahrhaft fromm ist, wer wahrhaft demütig, geduldig, sanftmütig, liebevoll ist. Ist dies etwa nicht in unserem Stand, ja in jedem Stand möglich? Ohne Kreuz und Trübsale kommt niemand in den Himmel. Gottes Vorsehung aber streut diese Samenkörner des ewigen Lebens reichlich unter alle Stände aus. Viele zwar fallen auf den Weg, unter Dornen, oder auf Felsen, jedoch nicht dieser kostbare Same, sondern das Erdreich verkehrter Herzen ist schuld, wenn keine Frucht daraus erwächst. Wie viele guten Werke aber können wir tun, ohne aus dem Kreis unserer Verhältnisse herauszutreten? Leben wir also vor Gott, und erfüllen wir seinen heiligen Willen getreu, wie er ihn uns vorgezeichnet hat, und wir werden in kurzer Zeit eine hohe Vollkommenheit erreichen. Epheser 5,8+10: "Lebt wie die Kinder des Lichtes, und prüft was Gott wohlgefällig ist."

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Betrachtung am 1. März - Die Menschenfurcht

 

Wer Menschen fürchtet, ist der Menschen Spott,

Sie führen ihn wie Samson in die Mühle;

Doch ihrer spottet, selbst im Weltgewühle,

Wer einen nur in Liebe fürchtet: Gott.

 

1. Selig, wer fern vom Getriebe der Welt Gott im Stillen dienen kann. Denn wenige sind, die lange unter den Kindern dieser Welt leben, ohne Vernunft und Religion aus Furcht vor ihrem Spott zu verleugnen. Was aber gibt es je Erniedrigenderes als diese Furcht, diese Sklaverei, die den Menschen so tief herabwürdigt, dass er gegen sein eigenes Bewusstsein spricht, nach allen Launen der Welt sich richtet, es nicht wagt, das erkannte Gute zu tun, noch seine heiligsten Pflichten zu erfüllen, sondern vielmehr allerlei Böses tut, und Grundsätzen folgt, die er als gottlos erkennt, um dadurch die Achtung der Menschen zu erlangen, oder ihrem Tadel auszuweichen. 

 

2. Sei also auf der Hut, und musst du unter Weltkindern leben, dann bewaffne dich mit dem festen Schild des Glaubens, und rufe beständig die göttliche Hilfe an. Denn viele, die der giftigen Weltluft unbesonnen sich aussetzten, gingen darin zu Grunde. Liebte Petrus nicht seinen Herrn und hing ihm aus ganzem Herzen an? Was brachte ihn denn zu Fall? Menschenfurcht! Und zwar fiel er so tief, dass er von der Lüge bis zu einem falschen Eid überging. Ja auch der Gottmensch selbst wurde ein Opfer der Menschenfurcht. Pilatus kannte seine Unschuld, aber die Furcht, dem Kaiser zu missfallen, machte ihn zum Gottesmörder.

 

3. O Menschenfurcht, wie viele Bekehrungen hast du verhindert, wie viele Seelen in den ewigen Untergang fortgerissen. Eine wahre Verfolgung der Kirche ist diese blinde Furcht, die überaus wirksam ist, alle Religion zu zerstören. Bedenke, dass die Welt nicht an unserer Stelle vor dem ewigen Richterstuhl erscheinen wird, und antworte auf den Spott der Welt großmütig mit dem Apostel: 1 Korinther 4,3: "Mir macht es allerdings nichts aus, wenn ihr oder ein menschliches Gericht mich zur Verantwortung zieht; ich urteile auch nicht über mich selbst.", denn euer Urteil ist Vorurteil, ist Täuschung, ist Irrtum, und wird niemals die Richtschnur meines Lebens sein. Sind wir fest, dann wird selbst die Welt uns achten, die, so verkehrt sie auch ist, dennoch nur die Furchtsamen und Unentschlossenen verlacht. Der Apostel schreibt an die Galater 1,10: "Geht es mir denn um die Zustimmung der Menschen, oder geht es mir um Gott? Suche ich etwa Menschen zu gefallen? Wollte ich noch den Menschen gefallen, dann wäre ich kein Knecht Christi."

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Betrachtung am 2. März - Die lässliche Sünde

 

Tief, Herr, mein Gott, ist meine Seele wund.

O gib den Balsam mir der Gnade,

Denn unheilbar wird sonst mein Schade.

Erbarme dich und mache mich gesund.

 

1. "Es gibt eine Sünde, die zum Tode führt," spricht der Jünger der Liebe, "und es gibt eine Sünde, die nicht zum Tode führt". (1. Johannes 6,16) Die erste stürzt, wenn sie nicht durch Buße getilgt wird, die Seele unfehlbar in den ewigen Tod. Die zweite aber stürzt sie in schwere Krankheiten. Liebst du also das Leben, so flüchte nicht nur vor dem Tod, sondern auch vor den Krankheiten, die zum Tode führen. Sage nicht, eine kleine Lüge, eine Überschreitung der Mäßigkeit, eine Spottrede und Ähnliches seien eben keine Todsünden. Eine Seele, die Gott liebt, fasst nicht sowohl den Umfang des Verbotes, als den ins Auge, der da verbietet.

 

2. Ein sehr schweres Übel ist diese Sünde. Bringt sie auch die Seele nicht um Gottes Gnade, so betrübt sie doch den Heiligen Geist. Sie tilgt zwar die Liebe nicht, wohl aber die Kraft und den Eifer der Liebe, wodurch dann das Gemüt träge, weniger fröhlich und eifrig zu guten Werken, und schwächer wird, geistige Kämpfe zu bestehen. Daher auch sagen die Gottesgelehrten einstimmig, die lässliche Sünde bahne der Todsünde den Weg. Denn drängt in diesen Stunden eine lockende Gelegenheit, oder erhebt sich der Sturm einer heftigen Versuchung, dann entsteht die Gefahr, dass ein also geschwächter Mensch in die Todsünde falle, und nicht wenige Menschen verloren auch bei solchen Gelegenheiten das Leben der Gnade.

 

3. Unser Herz ist ein Spiegel Gottes. Je reiner es ist, um so mehr nimmt es die Strahlen der göttlichen Klarheit in sich auf. Die Todsünde ist gleich dem Unflat, der diesen Spiegel so gänzlich überzieht, dass er durchaus unfähig wird, diesen himmlischen Glanz aufzunehmen. Die lässliche Sünde aber bedeckt gleich dem Staub das glänzende Angesicht dieses Spiegels, so dass er die Strahlen der göttlichen Sonne nur matt in sich aufnimmt. Je weniger aber die Seele Gott in sich schaut, um so weniger auch liebt sie ihn, und um so weniger scheut sie sich, ihn zu beleidigen. Wer also kann noch gering ein Feuer nennen, das so tiefe Wunden brennt! Psalm 139: "Herr, richte meine Schritte nach deinem Wort aus, und lass keine Ungerechtigkeit über mich herrschen."

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Betrachtung am 3. März - Notwendigkeit der täglichen Betrachtung

 

Herr, erleuchte meine Seele

Durch das Heimatlicht.

Dass den Weg ich nicht,

Der dahin mich führt, verfehle.

 

1. Gleichwie die Erde aus sich selbst nur Dornen und Disteln trägt, also bringt leider auch unsere Seele aus sich selbst nur Dornen der Sünde und Disteln böser Begierlichkeit hervor. Selten lassen das Gewirr der Welt und die Verhältnisse des Lebens gute Gedanken in unserem Herzen aufkommen. Daher auch sind die meisten Menschen zur Erde gebeugt, und wühlen nur in der Erde. Indessen sind wir hier nur im Vorübergehen, und werden in sehr kurzer Zeit in unsere ewige Heimat eingehen. Ist es daher nicht die größte aller Torheiten, wenn wir unser Herz an diese Erde heften, nur Vergängliches suchen und lieben, und niemals über unsere erhabene Bestimmung nachdenken, noch unserer ewigen Zukunft uns versehen?

 

2. Willst du dein glorreiches Ziel nicht verfehlen, so musst du notwendig der Betrachtung der Dinge dich hingeben, die allein dich dahin führen. Diese Betrachtung war die tägliche Nahrung aller auserwählten Seelen, und zwar sogar schon im Alten Bund. Der Patriarch Isaak hielt seine Betrachtung im freien Feld (Genesis 24). Oftmals spricht David von seinen Betrachtungen. Ein anderer König aber spricht: "Betrachten werde ich gleich der Taube. Meine Augen wurden durch oftmaligen Aufblick zum Himmel geschwächt." (Jesaja 38,14) Dies taten Könige, die mit der Regierung eines großen Reiches beschäftigt waren. Und du findest keine Zeit, über das einzig Notwendige, über das Leben deines Herrn, über ewige Wahrheiten nachzudenken?

 

3. Unterlass daher an keinem Tag, wenigstens eine Viertelstunde frommer Betrachtung zu weihen. Ganz wunderbar sind die Früchte dieser Betrachtung. Sie führen zur Erkenntnis Gottes und deiner selbst, entfesseln das Herz allmählich von der Erde, zeigen die Torheiten und die Vergänglichkeit der Welt, erwecken Verlangen nach Tugenden, machen mit den heiligen Geheimnissen unseres Heils uns vertraut, und entzünden eine lebendige Sehnsucht nach dem himmlischen Vaterland. Woher so vieles Elend auf dieser Welt? Höre den Propheten: "Das ganze Land ist verödet, doch keiner nimmt sich das zu Herzen." (Jeremia 12,11) "Herr, ich denke an dich auf nächtlichem Lager und sinne über dich nach, wenn ich wache." (Psalm 63,7) "Wäre nicht dein Gesetz meine Freude, ich wäre zugrunde gegangen in meinem Elend. Nie will ich deine Befehle vergessen; denn durch sie schenkst du mir Leben." (Psalm 119,92-93)

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Betrachtung am 4. März - Von den Gefahren der Lauheit

 

Höre mein Ruf, o guter Hirt.

Lass dich durch mein heißes Flehen rühren.

Sieh, dein Schäflein hat sich schwer verirrt;

Eile, es zu dir zurück zu führen.

Denn bei dir ist Friede nur und Rast;

Fern von dir ist alles bittre Last.

 

1. Hüte dich vor Lauheit im Dienst Gottes. Schmachtest du aber in dieser tödlichen Krankheit, so bitte aus ganzem Herzen den Herrn, dich daraus zu erretten. Denn leichter ist es, dass der größte Sünder sich bekehrt, als dass eine Seele, die Gottes liebevolle Führung verließ, nicht immer tiefer und tiefer fällt. Du sagst vielleicht: Ich tue nichts Böses! Was tust du aber nun Gutes? Bedenke, ob nicht deine Sicherheit eine große Gefahr ist? Ob du nicht bereits anfängst, geistig zu erblinden, und schwere Fehler, vor denen du sonst erschauderst, nun als Kleinigkeiten betrachtest. 

 

2. Vergleiche deinen jetzigen Stand gegen deinen früheren. Wohin ist der Eifer gekommen, mit dem du sonst deine heiligen Pflichten erfüllt hast? Wohin die Freude, die du im innerlichen Gebet gefunden hast? Wohin die Kraft, mit der du selbst die schwersten Versuchungen tapfer überwunden hast? Wohin die Stärke, mit der du Kreuze und Trübsale in liebevoller Geduld ertragen hast? Ach, unwürdig bist du dieser Gnaden durch deine Lauheit geworden, und darum hat Gott sie dir entzogen. Und du zitterst nicht bei dieser schweren Gefahr? Schläfst du in dieser Trägheit weiter, so werden die Keime des Bösen in deinem Herzen allmählich zu furchtbaren Lastern erwachsen, und ihrer Tyrannei als Sklavin dich unterwerfen. Vergeblich aber wirst du dann dich bemühen, deine Fesseln zu sprengen.

 

3. Sei nicht unbarmherzig gegen dich selbst. Rette dich aus diesem Pfuhl, in dem du jeden Augenblick tiefer versinkst. Sieh, während du säumst, nehmen deine Kräfte ab. Der Versucher gewinnt größere Kraft gegen dich, die Gefahr nimmt zu, und ehe du dessen dich versiehst, stehst du am Rand des Abgrunds. So säume denn nicht länger von einem Tag zum andern, denn die Zeit drängt, und du hast keinen Tag in deiner Gewalt. Beweine vielmehr die verlorene Zeit, und suche durch verdoppelten Eifer sie zurück zu erkaufen. Rufe aus der Tiefe deines Herzens zu Gott, dass er seine starke Gnade dir zurückgebe, und aus der Finsternis in sein heiliges Licht dich zurückführe. Psalm 51,3+4: "Gott sei mir gnädig nach deiner Huld, tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen! Wasch meine Schuld von mir ab, und wasch mich rein von meiner Sünde!"

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Betrachtung am 5. März - Über den Missbrauch der Gnade

 

Mein Gott, in bittrer Reue

Erscheint vor dir mein Herz,

Gelobt dir feste Treue,

Und fleht zu dir in Schmerz:

Vergib mir, Herr, die schwere Schuld,

Und zeige deine Vaterhuld.

 

1. Betrachte mit frommer Aufmerksamkeit den hohen Wert der göttlichen Gnade, denn nichts ist uns notwendiger, die ewige Seligkeit zu erlangen. Gibt es aber je etwas, das wir so sehr vernachlässigten, als dies himmlische Licht? Höheren Wert hat die Gnade, als alle Schätze der Welt, ja als die ganze Schöpfung des Himmels und der Erde. Denn nur ein Wort kostete es den Allmächtigen, und die Schöpfung stand im Dasein. Die Gnade aber, die uns zur Seligkeit führt, ist die Frucht des Todes seines Eingeborenen. Und diese göttliche Frucht wird nicht nur oft unnütz für uns, sondern wir wandeln diese so höchst wirksame Arznei unseres Heils durch unsere Verachtung in die Ursache unserer Verdammnis um.

 

2. Wir verachten aber diese himmlische Gabe, wenn wir taub und fühllos zu den geheimen Strafreden unseres Gewissens sind, wenn wir diese heilsamen Vorwürfe ersticken, wenn wir Gottes drängenden Mahnungen das Ohr unseres Herzens, dem lebendigen Licht, wodurch er seinen Willen uns kund gibt, das Auge unseres Geistes verschließen, und seine heiligen Einflößungen in den Wind schlagen. Hüten wir uns vor diesem Frevel, vor dieser Verachtung und Beleidigung der Gnade, denn oft folgt dieser Empörung die Strafe Gottes auf dem Fuß nach. Er entfernt sich von der ungelehrigen Seele, und lässt sie in gänzlicher Blindheit und Taubheit versinken.

 

3. Willst du den unendlichen Wert dieser göttlichen Gnade erkennen, so blicke im Geist hinab in die Kerker der ewigen Gerechtigkeit. Dort heulen nun ewig die Verworfenen, dass sie diese Gnade verachteten, die Gott in der Zeit ihnen angeboten hatte, dass sie ihr Herz ihr starrsinnig verschlossen, und diese vergebliche Reue ist ihre Verzweiflung, sie ist jener entsetzliche Wurm, der ewig an ihnen nagt. Wenn du ernsthaft darüber nachdenkst: würdest du je den drängenden Ermahnungen deines Gottes widerstehen? Und wie lange schon drängt dich seine Gnade, zu tun, was du bis zur Stunde noch nicht ausgeführt hast? Zittere vor diesem schrecklichen Kaltsinn, und eile noch heute seiner Stimme zu folgen. "Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet euer Herz nicht!" (Psalm 95,7+8)

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Betrachtung am 6. März - Über das Laster der Unmäßigkeit

 

Herr, mein Licht sei dein Gebot

In dem Land der Sünde hier,

Zu beschränken alle Gier

Auf die Forderung der Not;

Um als Pilger leicht zu wallen,

Und, mein Gott, dir zu gefallen.

 

1. Wenn wir das glorreiche Ziel unserer Pilgrimschaft glückselig erreichen wollen, so hüten wir uns sorgfältig vor dem Laste der Unmäßigkeit, die das Gemüt verfinstert und der Unzucht alle Pforten öffnet. Dazu ermahnt unser göttlicher Führer uns mit den sehr ernsten Worten: "Nehmt euch in acht, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euch nicht verwirren und dass jener Tag euch nicht plötzlich überrascht." (Lukas 21,34) Die Lust beim Essen ist ein Mittel, machen wir also das Mittel nicht zum Zweck. Sie ist eine Arznei gegen unsere Schwäche, sehr oft aber wird sie ein Reiz zur Sünde. Schämen fürwahr sollte sich der Mensch, dass sogar viele vernunftlose Tiere hier mit einem Beispiel ihm vorangehen.

 

2. Notwendigkeit und Vernunft müssen bei Speise und Trank unsere Richtschnur sein. Sehen wir also zu, dass wir nicht vom Notwendigen zum Überflüssigen und Übermäßigen übergehen. Was viele tun, die die Grenzen der Vernunft überschreiten, und sie sogar durch Übermaß schwächen, so dass sie durch die Speisen, die Gottes Güte uns gegeben hat, den Leib zu nähren, ihre Seele töten. So schwer ist dieses Laster, dass der Apostel von solchen Menschen spricht, ihr Bauch sei ihr Gott. Ja diesem Götzen opfern Christen täglich Vermögen, Gesundheit, Vernunft, Gewissen und Seligkeit.

 

3. So sehr verabscheut Gott dieses Laster, dass er es oft furchtbar bestraft. Aus Unmäßigkeit wurden die Kinder Israels des Manna überdrüssig und verlangten nach Fleisch, und "noch hatten sie ihre Gier nicht gestillt," spricht der Prophet, "noch war die Speise in ihrem Mund, da erhob sich gegen sie Gottes Zorn; er erschlug ihre Führer und streckte die jungen Männer Israels nieder." (Psalm 78,30+31) Und wie viele Schwelger essen und trinken sich noch täglich den plötzlichen Tod. Aber noch schrecklicher sind die Strafen, die Gott diesem Laster in der künftigen Welt bestimmte. Dort leidet nun jener reiche Prasser ewigen Hunger, und nicht ein Tropfen Wassers wird ihm gereicht, seinen brennenden Durst zu mildern. Möchten wir je um solchen Preis eine so niedrige Lust erkaufen. "Seid nüchtern und wachsam!" ruft der Apostel, "Euer Widersacher, der Teufel, geht wie ein brüllender Löwe umher und sucht, wen er verschlingen kann." (1. Petrus 5,8)

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Betrachtung am 7. März - Vom Andenken an das Leiden Jesu

 

Dein Leben, Jesus, ist ein Feuer,

Die Herzen zu entzünden.

Denn deines Blutes Purpurflut

Erfüllt das Herz mit Liebesglut,

Und nimm hinweg die Sünden.

 

1. Unterlassen wir keinen Tag, das bitterste Leiden unseres Herrn in Andacht zu verehren. Keines unter den göttlichen Werken zeigt die unendliche Liebe unseres Gottes in so deutlichem Licht. Keines auch ist geeigneter, uns zu einer feurigen Liebe Gottes zu erwecken, als die Anschauung einer so unermesslichen Barmherzigkeit. Denn, wie der heilige Bernhard spricht: "Anschaulich wird das Herz unseres göttlichen Heilandes durch seine Wunder!" Welches Herz könnte auch je so eisern sein, nicht vor innigstem Dankgefühl zu zerfließen, wenn es die namenlosen Schmerzen betrachtet, durch die unser Jesus vom ewigen Tod uns erlöst hat. Und wer könnte sich verwehren, ihn zu lieben, der sein blühendes Leben für uns Sünder opfert. 

 

2. Es wirkt aber auch die Betrachtung dieses heiligsten Geheimnisses mächtig, von Sünden uns abzuschrecken. Denn am Kreuz sehen wir die unendliche Gerechtigkeit Gottes anschaulich, die ein solches Opfer für die Sünde forderte. Darum auch sprach unser Erlöser selbst: "Denn wenn das mit dem grünen Holz geschieht, was wird dann erst mit dem dürren werden?" (Lukas 23,31) Ebenso spricht auch der heilige Apostel Petrus: "Da Christus im Fleisch gelitten hat, bewaffnet auch ihr euch mit diesem Gedanken: Wer im Fleisch gelitten hat, für den hat die Sünde ein Ende." (1. Petrus 4,1) nämlich die Waffen der Buße zur Tilgung der Sünde ergreifen; nicht aber die Ursache dieses bittersten Leidens durch abermalige Sünden erneuern.

 

3. Eine wunderbare Kraft auch wohnt dieser heiligen Betrachtung inne, unsere Schwäche zu stärken und in allen Trübsalen uns zu trösten. Denn was ist je wirksamer, den Druck so mannigfaltiger Drangsale und Bitterkeiten dieses Lebens zu lindern, und mit Kraft uns aufzurichten, wenn irgend Schweres oder Schmerzliches sich ergibt, als die andächtige Betrachtung der bittersten Leiden, die unser gebenedeiter Heiland mit so namenloser Liebe für uns erduldet hat? Wie, mein göttlicher Heiland, könnte ich je bei dem Anblick deines Kreuzes zagen oder mich weigern, dir Liebe für Liebe zu erwidern? 2. Korinther 5,15: "Er ist aber für alle gestorben, damit die Lebenden nicht mehr für sich leben, sondern für den, der für sie starb und auferweckt wurde."

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Betrachtung am 8. März - Das Geheimnis des Kreuzes

 

O Lebensbaum, wie strahlst du wunderbar.

Bei deinem Anblick muss die Hölle weichen.

Schutz bist, o Gottes Kraft, du in Gefahr.

Und glänzest als der höchsten Liebe Zeichen.

 

1. Betrachte das abgrundtiefe Geheimnis des heiligen Kreuzes, der glorreichen Siegesfahne unseres himmlischen Feldherrn, und erwäge die Worte des Apostels: "Denn das Wort vom Kreuz ist denen, die verlorengehen, Torheit; uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft." (1. Korinther 1,18) Als Torheit betrachteten es die Heiden, dass Menschen als ihren Gott einen Menschen anbeteten, den sein Volk gekreuzigt hatte, und wie viele Gottlose selbst unter den getauften Heiden schütteln noch jetzt gleich jenen hohen Priestern und Pharisäern den Kopf über den Gekreuzigten, rufen Pfui! über ihn, und spotten über dieses ewig anzubetende Geheimnis, das den Himmel erschloss, die Hölle überwand, die Abgötterei stürzte und die Menschheit vom Fluch der ewigen Verdammnis erlöste.

 

2. Unendlich war die Beleidigung, die das freche Geschöpf im schnödesten Undank der unendlichen Majestät Gottes, seines Schöpfers angetan hatte. Dies ist das Geheimnis unseres Glaubens. Aber auch die Vernunft zeigt uns durch den Widerspruch in unserem eigenen Herzen, durch alle Hospitäler, Tollhäuser und Grabstätten, die schwere Strafe, unter der das sündige Geschlecht erseufzt: dass es in die Schuld des ersten Übertreters verflochten war; da Gott, die ewige Liebe, nimmermehr Strafen verhängt, wo keine Schuld vorangeht. Volle Genugtuung aber musste der ewigen Gerechtigkeit werden, oder das sündige Geschöpf fiel rettungslos einer unendlichen Strafe anheim. 

 

3. Kein sterblicher Sünder, ja kein Geschöpf überhaupt konnte diese unendliche Schuld bezahlen, weil die Verdienste aller Geschöpfe begrenzt sind, eine Schuld aber gegen die unendliche Majestät unendlich ist. Überdies musste ein Mensch sie bezahlen, weil der Mensch Gott beleidigt hatte, und zwar ein Mensch, der unendliche Verdienste hatte. Wo aber war er zu finden? Sieh, da ließ die unendliche Majestät in unbegreiflicher Liebe sich herab, selbst Mensch zu werden, und wog als Gottmensch durch unendliche Verdienste die Schuld seiner Brüder und Schwestern auf. O Kraft Gottes, o Geheimnis, in dem die unendliche Gerechtigkeit und Barmherzigkeit wunderbar sich vereinigen, wodurch die Schuldner des ewigen Todes befreit, und Gott auf unendliche Weise verherrlicht wird. Die Kirche betet: "Wir beten dich an, o Jesus, und lobpreisen dich, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst."

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Betrachtung am 9. März - Die Notwendigkeit der Buße

 

Aus der Tiefe rufe ich zu dir.

Neige gnädig, Herr, dein Ohr zu mir.

Eile, aus der Sünde schweren Ketten

Meine Seele, die dich sucht, zu retten.

 

1. Galater 6,7a: "Täuscht euch nicht: Gott lässt keinen Spott mit sich treiben." Unnachsichtig bestraft er die Missetat. Viele sprechen: Wenn Gott alle verwerfen wollte, die keine Buße tun, wer würde dann selig werden? Schonte Gott etwa der sündigenden Engel, deren Menge beinahe zahllos war? Vertilgte er, wegen ihrer abscheulichen Laster, nicht das ganze menschliche Geschlecht bis auf eine einzige gerechte Familie durch eine allgemeine Sündflut? Ja er bestrafte sogar in seinem eingeborenen und unendlich geliebten Sohn auf wunderschreckliche Weise die Sünden der Menschen, die er auf sich genommen hatte.

 

2. Kein Sterblicher kann auf seine Gesundheit, auf seine Stärke pochen. Wie viele, die allem Anschein nach auf ein langes Leben hoffen durften, wurden durch eine schnelle Krankheit, durch einen jähen Tod hinweggerafft? Ja wie viele, selbst deiner Bekannten, wurden auf diese Weise aus dem Leben abgerufen? Wer aber versicherte dich, dass nicht auch dir dies widerfahren wird? Wie also kannst du je deine glückselige Ewigkeit wegen eines Vielleicht aufs Spiel setzen? Ach, wie viele, die nun in der Hölle sind, rechneten einst wie du auf ein langes Leben; und wüten nun ewig gegen sich selbst, dass sie, wie du, ihre Bekehrung von einem Tag zum andern verschoben haben, bis sie zuletzt unbußfertig starben?

 

3. Wüsstest du aber auch gewiss, du würdest an einer Krankheit sterben: würde es dir dann leichter sein, Buße zu tun? Wie viele wurden durch diese Hoffnung getäuscht, und gingen ewig zu Grunde. Je länger du säumst, um so unzerbrechlicher wird die Kette deiner Laster, und einer um so größeren Gnade Gottes bedarfst du zu deiner Bekehrung. Meinst du aber, Gott, dem du fortwährend trotzt, werde dir dann die starken Gnaden geben, die er seinen getreuen Dienern nur nach täglichem und inbrünstigem Gebet verleiht? Römer 2,5: "Weil du aber starrsinnig bist und dein Herz nicht umkehrt, sammelst du Zorn gegen dich für den "Tag des Zornes", den Tag der Offenbarung von Gottes gerechtem Gericht." 1. Petrus 4,18: "Und wenn der Gerechte kaum gerettet wird, wo wird man dann die Frevler und Sünder finden?"

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Betrachtung am 10. März - An der Aschermittwoche

 

Hold bist du, Frühlingszeit.

Dir jubelt die Natur.

Doch plötzlich bist du weit,

Und lässest keine Spur.

So kommt der Mensch, und blüht und geht,

Bis er wie Staub im Wind verweht.

 

1. In mütterlicher Weisheit erinnert uns in diesen Tagen die heilige Kirche im Anbeginn der Fastenzeit durch die Bestreuung mit Asche an unsere Sterblichkeit. Denn wissen wir auch alle, dass wir nach kurzer Zeit in Asche zerfallen, so pflegen dennoch die Zerstreuungen der Welt diese ernste Wahrheit unserem Gedächtnis gar oft zu entrücken. Wie sprechend aber ist dieses Sinnbild, und wie warnend ermahnt es uns an unsere Hinfälligkeit und an die Vergänglichkeit aller Größe und Herrlichkeit dieser Welt. Denn was sind nun alle jene Großen, Reichen und Gewaltigen, vor denen einst alles sich bückte? Was sind so viele unserer Bekannten und Verwandten? Staub und Asche.

 

2. Oft wird in der Schrift der Mensch einem Baum verglichen. Lieblich ist der Anblick eines Baumes, so lange er grünt und mit Laub und Früchten prangt. Wird er aber umgehauen, oder durch einen Sturm der Erde entrissen und verbrannt: was bleibt übrig dann von ihm, außer ein wenig Asche? Dieser Baum sind wir alle. Denn wie schön, wie reich, wie weise, wie mächtig auch ein Mensch sei, ja beherrschte er auch die Welt: was ist er nach kurzer Zeit? Moder und Asche. So lange Bäume fest wurzeln und leben, unterscheiden wir genau die Eiche von der Palme, die Zypresse von der Espe. Sind sie aber verbrannt, dann bleibt von ihnen nichts als ein wenig Asche übrig, und keine Spur ihrer früheren Schönheit und Höhe ist mehr zu sehen. 

 

3. Führen wir dies Gleichnis tief zu Gemüte. Und lösen wir unser Herz bei Zeiten von den Täuschungen dieses Lebens. Sammeln wir Schätze für die Ewigkeit, so lange es uns noch gestattet wird, dass wir nicht am Ende des Lebens mit den Gottlosen ausrufen müssen: "Was hat unser Hochmut, was hat unser Reichtum uns genützt?" Dies alles ging vorüber wie ein Schatten, wie ein Schiff, das keine Spur im Wasser zurücklässt, wie ein Vogel, der durch die Lüfte schwirrt. Also hat es ein Ende genommen mit uns, und wir können kein Zeichen der Tugend aufweisen. "Bedenke, o Mensch: Staub bist du, zum Staub musst du zurück (Genesis 3,19b)

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Betrachtung am 11. März - Vom Fasten und von der Buße

 

O Jesus, lass die Welt mit dir mich fliehen

Und mit zur Buße in die Wüste ziehen:

Denn mit dir fasten, wachen, kämpfen, leiden;

Dies führt allein zu deinen Himmelsfreuden.

 

1. Die Absicht des kirchlichen Fastens ist, durch Buße das Fleisch zu züchtigen, und durch heilige Enthaltsamkeit seine Begierlichkeit zu schwächen. Denn gewiss ist es, dass, wer das Fleisch nicht bändigt, und in die Knechtschaft zwingt, es dem Geist nimmermehr unterwerfen wird. Darum folgen wir der Ermahnung des heiligen Apostels, der uns bei der Barmherzigkeit Gottes beschwört, unsere Leiber zu einem lebendigen, heiligen und Gott wohlgefälligen Opfer zu ergeben (Römer 12,1). Zumal in dieser heiligen Zeit, die der Buße besonders vorbehalten ist, weil darin die Geheimnisse des bittersten Leidens und Todes unseres göttlichen Heilandes gefeiert werden. Wie auch könnten je liebende Kinder der Freude zur Zeit sich überlassen, wo die Leichenfeier ihres Vaters begangen wird.

 

2. Das Fasten ist alt wie die Welt. Schon Mose fand es vor. Der Sohn Gottes heiligte es. Seine Kirche schreibt es vor nach seiner Anordnung. Und alle ihre wahren Kinder beobachteten es in allen Jahrhunderten. Das Fasten ist eine heilsame Arznei für Leib und Seele. Gott verleiht die Kraft, es zu vollbringen, und nimmt die Kraft denjenigen hinweg, die es nicht beobachten. Wer also sein Leben und seine Gesundheit durch die Übertretung des heiligen Gesetzes erhalten will, der wird sie verlieren. Sind wir streng gegen uns, dann wird Gott sanft uns gegenüber sein. Bestrafen wir uns, dann wird er uns nicht bestrafen. Verzeihen wir uns nichts, dann wird er uns alles verzeihen. 

 

3. Fasten, Buße und Abtötung der Sinne sind eine Fortsetzung des Opfers Jesu Christi, und sie erfüllen an uns, was uns noch mangelt an seinem Leiden. (Kolosser 1,24) Denn dadurch nehmen wir wirksamen Anteil an seinen Schmerzen, und es werden unsere Leiber Glieder seines Körpers, von seinem Geist beseelt und zur künftigen Glorie vorbereitet. Darum greifen wir nun zu den Waffen der Buße, und reihen wir uns an unseren göttlichen Feldherrn, mit ihm über die Sünde zu siegen. Nichts ist dem Glauben, nichts der Liebe unmöglich. "Wenn wir mit Christus leiden, werden wir auch mit ihm verherrlicht werden." (Römer 8,17)

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Betrachtung am 12. März - Die enge Himmelstür

 

Selig, wer im Weltgewimmel

Als ein Held im Kampfe steht,

Und als Sieger in den Himmel

Durch die enge Pforte geht.

Denn der reichste Siegeskranz

Winket ihm in Gottes Glanz.

 

1. Viele machen sich den Weg zum Himmel ungemein bequem. Anders jedoch lehrt uns die ewige Wahrheit, deren Ausspruch hier allein entscheidet. Lukas 13,24: "Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen; denn viele, sage ich euch, werden versuchen hineinzukommen, aber es wird ihnen nicht gelingen." Ringen muss der Geist mit dem Fleisch, das sich weigert, durch die enge Pforte der Abtötung, der Demut, des Gehorsams und der Buße einzugehen. Dies aber erfordert große Gewalt. Mut fassen also muss dieser geistige Streiter, denn es gilt den Eingang in den Himmel zu erlangen. Ewig glücklich ist er, wenn er in den Himmel eingeht, ewig unglücklich ist er, wenn er nicht eingeht.

 

2. Bedenke, wie unendlich wichtig es für uns ist, dass wir durch diese enge Pforte in den Himmel eingehen, da sogar viele, die versuchen einzugehen, dennoch nicht hineingehen können. Wir sprechen hier nicht von denjenigen, die nicht in der einen Arche der heiligen Kirche sind, sondern von vielen, die zur Zeit gerecht sind, ja auch tapfer im Kampf stehen, aber vor der Zeit ermüden, und nicht bis ans Ende aushalten. Ist dies aber so: was wird dann mit denen geschehen, die gleich beim ersten Anfall der Versuchung die Waffen von sich werfen und der Sinnlichkeit sich gefangen geben? Hüten wir uns, zur Zahl dieser Unglückseligen zu gehören.

 

3. "Ich sage euch, viele werden versuchen hineinzukommen, aber es wird ihnen nicht gelingen." Wer muss nicht zittern bei diesen Worten? Warum aber werden sie es nicht können? Weil der Himmel ein Kampfpreis ist, sie aber nicht kämpfen können. Denn wie viele, die während ihres Lebens von der Sinnlichkeit sich beherrschen ließen, werden, wenn sie bei ihrem Tod ihre Leidenschaft für eine Person, die sie sündhafter Weise lieben, oder für andere Dinge dieser Erde überwinden sollen, die Kraft nicht dazu haben, sondern sterben, wie sie gelebt haben. Wollen wir in diesem letzten Kampf siegreich sein, so ringen wir beständig, und lernen wir ernsthaft siegen, denn dieser letzte Sieg ist die Frucht vieler vorhergegangener Siege. "Wer aber bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet." (Matthäus 10,22b)

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Betrachtung am 13. März - Von der Bekehrung durch die Buße

 

Wie lange säumst du noch, dich zu bekehren?

Lass nicht durch schweren Schaden dich belehren.

Denn folgest nicht du bald der Gnade Stimme,

So strafet dich der Herr in seinem Grimme.

 

1. Niemand soll, wie tief er auch in Sünden und Laster versank, so lange er noch in diesem Leben ist, an seinem Heil und an der Barmherzigkeit Gottes verzweifeln. Denn der Sohn Gottes kam, wie er selbst spricht, "zu suchen und zu retten, was verloren war". Ebenso nennt er sich auch den Arzt, der nicht kam, die Gesunden, sondern die Kranken zu heilen. Die Arznei aber, die dieser barmherzige Arzt seinen Kranken vorsetzt, ist die Buße. Nämlich die schmerzliche Zerknirschung über die Laster des verflossenen Lebens und seine Änderung, die den Menschen in die frühere Gnade und Freundschaft Gottes zurückführt.

 

2. Gott zürnt dem Menschen nicht, weil er schwach ist und sich verirrt. Wohl aber zürnt er ihm, wenn er vorsätzlich im Laster bleibt, sich selbst verblendend, und von seiner Bekehrung nichts hören will. Es ist allerdings schwer, geliebte Fesseln zu brechen. Denn jeder Sünder erfährt die Wahrheit des göttlichen Ausspruchs: "Wer die Sünde tut, ist Sklave der Sünde. Wenn euch aber der Sohn befreit, dann seid ihr wirklich frei." (Johannes 8,34+36) Kann jedoch der Gefesselte sich selbst nicht befreien, so kann er doch seufzen und bitten und zu seinem Retter beten. Und tut anders er dies aus ganzem Herzen, so wird Gottes Gnade ihm unfehlbar zu Hilfe kommen, seine Verhältnisse allmählich lösen, und ihm die Kraft verleihen, seine Bande zu brechen.

 

3. Wie viele, die nun in der Anzahl der Heiligen glänzen, hat die Macht der Gnade auf solche Weise aus Sündern in Gerechte umgewandelt. So verzage denn nicht, sondern rufe Gott um seinen Beistand an, und reinige dich im heilsamen Quell der Buße. Denn die Buße ist die Arznei der Wunden, das Heilmittel gegen die Krankheiten der Seele, die Pforte des Lebens, der Schlüssel des Paradieses, die Verzeihung der Sünden, das rettende Brett nach dem Schiffbruch, das uns in den Hafen des himmlischen Reiches führt. Jesus Sirach 5,7-8: "Zögere nicht, dich zu ihm zu bekehren, verschiebe es nicht Tag um Tag. Denn sein Zorn bricht plötzlich aus, zur Zeit der Vergeltung wirst du dahingerafft. Vertrau nicht auf trügerische Schätze; sie nützen nichts am Tag des Zorns."

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Betrachtung am 14. März - Vom Nutzen der Versuchungen

 

Gib, Herr, den Glauben mir zur Wehre,

Der dich in treuer Liebe sucht,

Dann siege ich zu deiner Ehre,

Und treibe Satan in die Flucht.

 

1. Versuchungen sind in der Hand der Vorsehung eines der besten Mittel, die Auserwählten zu prüfen, zu reinigen und zu großen Verdiensten zu erheben. Darum ließ unser göttlicher Erlöser selbst es zu, dass Satan ihn versuchte, um durch glorreichen Sieg über seine Arglist und Bosheit seinen himmlischen Vater zu verherrlichen, und uns selbst ein Beispiel zu geben, wie wir seine giftigen Einflüsterungen überwinden sollen. Denn zertrat er auch dieser alten Schlange das Haupt dadurch, das er die furchtbare Macht Satans brach, so ließ er es dennoch zu, dass er unseren Fersen nachstellte und uns zur Sünde versuchte, um seinen treuen Streitern dadurch Gelegenheit zum Sieg über ihn zu geben. 

 

2. Niemals würden wir ohne die Versuchung zur wahren Kenntnis unser selbst gelangen. Denn nicht wenige halten sich für stark und wahrhaft fromm, aber die Versuchung zeigt ihnen, was sie sind, und führt sie dadurch zur Demut, ohne die niemand Gott gefallen kann. Diese Demut in uns zu erhalten, lässt seine Weisheit oft die schändlichsten Versuchungen sogar bei seinen heiligsten Dienern zu, wie wir offenbar an dem großen Apostel, dem heiligen Paulus, sehen, den Satans Engel zu fleischlichen Sünden versuchte und demütigte, damit er über die Größe seiner Offenbarungen nicht eitel würde. Manche auch, die in Gefahr schweben, in Lauigkeit zu versinken, werden durch Stürme schwerer Versuchungen aufgeschreckt, rufen den göttlichen Beistand an, und verdienen durch männlichen Sieg reichlichere Gnaden.

 

3. Gar sehr wird Gott dadurch geehrt, wenn wir bei heftigen und drängenden Versuchungen zu sündhafter Lust, und zu den gegenwärtigen, sichtbaren Gütern, dem unsichtbaren Gott zu Liebe großmütig widerstehen, und nirgend können wir unseren Glauben an seine Allwissenheit und unsere Ehrfurcht gegen seine heiligen Gebote ihm deutlicher zeigen. Dieser Gedanke ermutige dich, tapfer im Kampf zu stehen. Kräftige also dein Herz, wenn Versuchungen über dich kommen, bezeige Gott deine Liebe und rufe ihn um seinen Beistand an, und der Versucher wird beschämt von dir fliehen. Jakobus 1,12: "Glücklich der Mann, der in der Versuchung standhält. Denn wenn er sich bewährt, wird er den Kranz des Lebens erhalten, der denen verheißen ist, die Gott lieben."

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Betrachtung am 15. März - Von der Einsamkeit

 

O wundersüße Einsamkeit,

Wo, fern vom Weltgewimmel

Sich ungestört dem Himmel

Das Herz in reiner Liebe weiht.

Für alle Seelenwunden

Wird Balsam hier gefunden.

 

1. Du lebst hier nur kurze Zeit, und welchen Gewinn bringt es dir, wenn du den größten Teil dieser kostbaren Zeit auf irdische Dinge verwendest, ja wenn du sogar für andere lebst, wofern du nicht auch dir selbst lebst? Was findest du in der Welt anderes, als Zerstreuungen, die dich nicht zu dir selbst kommen lassen? Notwendig also ist es dir, dass du wenigstens zuweilen von der Welt dich absonderst, dein Gemüt ordnest und der künftigen Dinge gedenkst. Denn dies ist die Weisheit der Kinder des Lichtes: fortzuziehen aus den Finsternissen Ägyptens.

 

2. Darum auch spricht der Herr von der getreuen Seele. Hosea 2,16: "Ich will sie in die Wüste hinausführen und zu ihrem Herzen sprechen." Denn nicht möglich ist es, dass im Gewirr der Welt und unter dem Getöse der Leidenschaften eine Seele die zarte Stimme der Gnade vernimmt. Die Ansprache Gottes aber ist das Licht des Heiligen Geistes, das ihr Innerstes erleuchtet, und ihr zeigt, wie gering und vergänglich alles ist, was die Welt geben und nehmen kann, wenn es gegen die künftigen Güter verglichen wird, die in der Hand des Herrn liegen. Dort erhebt er das Herz über sich selbst, löst es von der Begierlichkeit, zieht es zur Liebe himmlischer Dinge an, sättigt es durch lieblichen Trost, und erteilt ihm sogar das Licht der Klugheit, fruchtbringend nach außen zu wirken.

 

3. Ist es dir nicht möglich, in die wirkliche Einsamkeit dich zu entfernen, so errichte eine Einöde in deinem Herzen, wohin niemand eindringen kann, als Gott und du. Die Ruhe einer solchen Seele ist unerschütterlich gleich dem Gipfel eines hohen Berges, wo beständige Heiterkeit herrscht. Wie sehr es auch in den niedrigen Regionen donnert und stürmt. Aber selig, wem es vergönnt ist, die heilige Einsamkeit selbst zu bewohnen, denn sie ist die Mutter himmlischer Gedanken, die Hüterin des reinen Gewissens, die Quelle der Zerknirschung und heiliger Tränen, die Leiter zum Himmel. "Ich will hören, was Gott redet: Frieden verkündet der Herr seinem Volk und seinen Frommen, den Menschen mit redlichem Herzen." (Psalm 85,9)

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Betrachtung am 16. März - Von der Täuschung des Willens

 

Wankend, ach, gleich schwachem Schilfe,

Kann ich nichts durch mich allein;

Doch, mein Gott, durch deine Hilfe

Werd` ich stark zu allem sein:

Denn bist, Herr, du mir zur Seite,

Siege ich im schwersten Streite.

 

1. Was soll dies Wort: "Gern möchte ich, allein ich kann nicht?" Meinst du etwa, dieser Ausspruch gereicht dir zur Entschuldigung? O wie wenig kennst du dein eigenes Herz! Du sagst: Gern möchte ich mich bessern, gern diese sündhafte Gewohnheit ablegen, gern mich überwinden, allein ich kann nicht. Das heißt, gern möchte ich dies alles tun, wenn es keinen Kampf kosten würde, wenn ich mir nicht Gewalt antun, mich nicht überwinden müsste. Ich kann nicht, heißt also mit anderen Worten gesagt: "Ich will nicht!" Führst du etwa diese Sprache auch bei deinen zeitlichen Angelegenheiten? Also nur wo es deinem ewigen Heil gilt, da möchtest du, und kannst nicht.

 

2. Bedenkst du auch, was du sprichst, wenn du sagst: Ich kann nicht! Eine Gotteslästerung sprichst du aus, denn dadurch nennst du Gott einen tyrannischen Herrn, der unmögliche Dinge von dir fordert, und beschuldigst ihn als den Urheber deiner Sünden und Fehler. Willst du der Wahrheit die Ehre geben: musst du dann nicht sagen, dass er selbst dich drängt, dass seine Gnade dich zur Besserung ermahnt, und dass sie selbst den Ausruf dir abnötigt: "Gern möchte ich!" Du hingegen willst dich nicht entschließen, deinem Vergnügen zu entsagen, willst dich nicht überwinden, und darum sprichst du: "Ich kann nicht!" Ja würdest du dich nicht vor deinem eigenen Gewissen fürchten, du würdest ganz deutlich sprechen: "Ich will nicht!"

 

3. Ach, mein Gott, du prüfst Herzen und Nieren. Vergib meine Trägheit, meine Bosheit, die mich bis jetzt davon abhielt, deinen innerlichen Einsprechungen zu folgen. Ernsthaft will ich dir angehören und die himmlische Seligkeit erlangen. Ich kann es, weil du, der du es mir befiehlst, mir auch die Gnade dazu verleihst. Mit dieser Gnade will ich im Vertrauen auf deine große Barmherzigkeit heute noch beginnen. Ach, allzu lange schon zögerte ich und missbrauchte deine göttliche Langmut. Durch deine Kraft will ich mich männlich überwinden, und die Siegeskrone verdienen, die du allen reichst, die rechtmäßig gestritten haben. Psalm 77,11: "Da sagte ich mir: Das ist mein Schmerz, dass die Rechte des Höchsten so anders handelt." 

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Betrachtung am 17. März - Vom verlorenen Sohn

 

Es seufzt in fremdem Lande

Mein Herz betrübt in mir.

O löse seine Bande

Und zieh` es, Herr, zu dir.

Denn meiner Seele Flügelkraft

Ist, ach, gelähmt in bittrer Haft.

 

1. Betrachte das Elend einer Seele, die Gottes liebreichen Führungen sich entzieht, den Täuschungen ihrer Sinnlichkeit zu folgen. Was bewegt wohl den edlen Sohn des liebevollsten Vaters, das Vaterhaus zu verlassen, wo alle seine billigen Wünsche mit Liebe erfüllt werden? Er sagt es nicht, denn er müsste darüber erröten. Der Vater indessen lässt ihn ziehen, denn keiner Seele tut der himmlische Vater Gewalt an. Er zieht also, alle ehrbaren Freunde scheuend, fort in ein fernes Land. Dort nun genießt er seine volle Freiheit, das heißt, er lässt seinen Leidenschaften freien Zügel und stürzt sich in die Pfütze aller Laster. Erkennst du hier nicht dein eigenes Bild? Und gewährten diese Lüste dir Ersatz für den Frieden der göttlichen Liebe?

 

2. Doch wann hat je die Sünde eine Seele beglückt, zumal wenn sie früher gekostet hat, wie lieblich der Herr ist? Mitten in ihren Lüsten fühlt sie oft ihr Elend, ihre Verlassenheit, die seufzt sogar darüber, und dennoch ist sie als Sklavin gleichsam genötigt, mit dem verlorenen Sohn unreine Schweine zu hüten. Ja Gott selbst ängstigt sie zum Erschrecken des Gewissens, und vergällt ihre Lust ihr so bitter, dass ihre Angst, ihre Schande und ihr Elend ihr wahrhaft unerträglich werden. Fürwahr, bittere Hungersnot herrscht in diesem Land.

 

3. Horch, welche Stimme aus der Ferne! "Vater, ich habe gesündigt vor dem Himmel und vor dir!" Die Stimme der Gnade ist es, die ihn drängt, zurück zu kehren. Lange schon drängt sie ihn, denn sie folgte ihm bis in sein äußerstes Elend nach, und sie verlässt ihn nicht, bis er ihrem Ruf, wenn auch spät, dennoch endlich gehorcht. Folgst du nun dem verlorenen Sohn in seinen Verirrungen nach, so folge ihm denn auch in seiner Bekehrung, und du wirst, wie er, liebevollste Aufnahme beim himmlischen Vater finden. Denn er ist der Vater des Erbarmens, und kommt barmherzig allen entgegen, die ihn suchen. Jeremia 3,22: "Kehrt um, ihr abtrünnigen Söhne, ich will eure Abtrünnigkeit heilen. Da sind wir, wir kommen zu dir; denn du bist der Herr, unser Gott."

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Betrachtung am 18. März - Von der Beicht

 

Herr, mein Gott, in bitterm Schmerz

Tret` ich vor dein Angesicht.

Seine Schuld bekennt mein Herz.

Geh` mit mir nicht in`s Gericht.

Und verwirf dein Bildnis nicht.

 

1. Betrachte die wunderbare Güte Gottes, der fürwahr den Tod des Sünders nicht will, sondern dass er sich bekehre und lebe. Er, der die Schwäche des Menschen kennt, verwirft ihn nicht, auch nach vielen Sünden. Er setzt ihm einen Quell der Reinigung im Blut seines Eingeborenen ein, und erlässt ihm seine Vergehen und der leichten Bedingung, sie aus innerstem Herzen zu bereuen, und ihrer mit Zerknirschung sich anzuklagen. Wahrhaftig, so vieles tat Gott für unser Heil, dass wir selbst schuld sind, wenn wir ewig verloren gehen.

 

2. Empfange daher oftmals dieses Sakrament der Gnade, das, mit gehöriger Vorbereitung empfangen, die Seele nicht nur von ihren Sünden reinigt, sondern ihr auch eine wundersame Kraft verleiht, vor neuen Vergehen sich zu hüten. Bedenke, bevor du zu diesem Sakrament hinzu trittst, in Bitterkeit deines Herzens, dass du die ewige Liebe durch schweren Undank beleidigt hast, und fasse den ersten Vorsatz, deine bösen Gewohnheiten abzulegen und wirksame Mittel gegen deine Rückfälle nicht nur in schwere Sünden, sondern auch in geringere Fehler anzuwenden. Dann aber nähere dich dem Richterstuhl der Buße in festem Glauben, in Demut und mit aufrichtigem Herzen. Mäßige deine Furcht durch Vertrauen. Halte aber dein Vertrauen durch heilsame Furcht in gerechten Grenzen. Viele täuschen sich und verlassen dieses Bad der Reinigung weit unreiner und strafbarer, als sie es betreten hatten.

 

3. Vergiss nie, dass du viele und schwere Sünden begangen hast, ob du auch entsprechend oft die Beichten abgelegt hast, und beschränke dich nicht auf die geringe Buße, die der Diener Jesu Christi dir auferlegt. Denn die göttliche Gerechtigkeit fordert eine Genugtuung, die ein Verhältnis zu unseren Vergehen hat. Und geben wir sie nicht in diesem, so geben wir sie unfehlbar im künftigen Leben. Sei wachsam und liebe das Gebet. Eine wachsame und dem Gebet ergebene Seele wird höchst selten in eine schwere Sünde fallen, oder sie nicht alsbald schmerzlich bereuen und diese tödliche Wunde nicht durch eine schnelle und zerknirschte Beicht heilen. Psalm 51,5: "Denn ich erkenne meine bösen Taten, meine Sünde steht mir immer vor Augen."

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Betrachtung am 19. März - Der heilige Joseph

 

O Patriarch, geliebt von Gottes Sohn,

Den treu du einst geführt auf dieser Erde:

O sprich ein Wort für mich bei seinem Thron,

Dass ich durch seine Gnade selig werde.

 

1. Die Schrift fasst alle erhabenen Vorzüge des glorreichen heiligen Patriarchen Joseph in die kurzen Worte zusammen: "Joseph, der gerecht war." Vorzugsweise war er der Gerechte, in dem alle Tugenden wie in ihrem Brennpunkt sich vereinigten. So himmlisch leuchtete der Glanz seiner Heiligkeit, dass der ewige Vater selbst seinen eingeborenen Sohn ihm zur Führung seiner Kindheit in der menschlichen Natur übergab. So lilienrein auch war seine Keuschheit, dass der Allerhöchste zum Beschützer der jungfräulichen Mutter seines Eingeborenen ihn erkor, die heiligsten Personen des Himmels und der Erde ihm unterordnete, und ihre Leitung in seine Hände legte, eine Würde, deren er den höchsten Seraph nicht würdig achtete.

 

2. So groß und erhaben aber dieser heilige Patriarch in den Augen Gottes war, so demütig war er in seinen eigenen. Von Gottes Licht im Innern erleuchtet, und verabgründet in die hochheiligen Geheimnisse der ewigen Weisheit, betrachtete er in Ehrfurcht die heiligste Familie, liebte sie in übernatürlicher Liebe, wachte über sie mit väterlicher Fürsorge, und diente ihr als getreuester Knecht. Im Schweiß seines Angesichtes arbeitete er, sie zu nähren und zu pflegen. Waren auch seine Arbeiten nur gewöhnliche Werke, so tat er sie dennoch mit so reiner Absicht und mit so großer Liebe, dass die geringste unter ihnen alle glänzenden Taten aller weltberühmten Weisen und Helden unendlich überwog.

 

3. Aber hoch über allen sterblichen Begriffen steht die zarte Liebe, die himmlische Innigkeit dieser drei heiligsten Personen. In wunderschöner Vertraulichkeit kamen sie dem heiligen Patriarchen zuvor. Zärtlich liebkoste das Kind Jesus seinen geliebtesten Pflegevater. Und wer wird es je erfassen, zu wie unermesslicher Liebe und Heiligkeit dieser große Heilige in dem so langjährigen Umgang mit Jesus und Maria gelangte. Wie vieles erbietet sich hier zur andächtigen Betrachtung. Zumal aber zeigte sich die zarteste Liebe und Dankbarkeit seiner jungfräulichen Braut und seines göttlichen Pflegesohnes beim Tod dieses geliebtesten Patriarchen, der in ihren Armen verschied. O unaussprechlicher Trost, o Seligkeit eines solchen Todes! Numeri 23,10b: "Oh, könnte ich den Tod der Gerechten sterben, und wäre mein Ende dem seinen gleich."

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Betrachtung am 20. März - Von der Treue im Kleinen

 

Groß ist was die Liebe tut.

Sie lehrt großen Sieg erringen;

Wert gibt selbst den kleinsten Dingen

Ihres Eifers goldne Glut.

 

1. Tröste dich, wenn es dir nicht vergönnt ist, große Dinge für Gott zu tun, durch den Gedanken, dass die Treue in geringen Dingen ihm überaus wohlgefällig ist, wenn sie mit großer Liebe, mit großem Eifer getan werden. Denn nichts ist klein vor Gott, wenn es aus Liebe getan wird. Gelegenheiten, große und glänzende Werke zu tun, ergeben sich selten, und für manchen niemals. Sei also getreu in kleinen Dingen, denn nicht nur ergeben sie sich täglich und bringen große Verdienste mit sich, sondern sie bereiten auch das Herz zu größeren vor. Und gewiss ist es, dass wer geringere vernachlässigt, auch die großen nicht tun wird, wenn die Gelegenheit sich dazu bietet. 

 

2. Der Weg zur Vollkommenheit und Heiligkeit ist ein langer Weg. Nur schrittweise kommt man darauf vorwärts. Je weiter aber man schreitet, um so mehr gewinnt man an Kraft, um so mehr gewöhnt man das Gute sich an, um so größer werden unsere Siege. Du täuschst dich, wenn du glaubst, du wirst die heftigsten Stürme bestehen, wenn du es nicht vermagst, kleine Angriffe zu überwinden. Vermessenheit ist es, sich zu schmeicheln, man werde mit riesen Schritten voran gehen, wenn man, schwach gleich einem Kind, bei jedem Schritt fällt. Nur durch tägliche, kleine Opfer bereitet man sich zu einem heldenmütigen Opfer. Und nur durch tägliche leichte Siege wird es möglich, einen großen Sieg zu erringen.

 

3. Es ist vielleicht eben nichts sonderlich Großes, in einer Gelegenheit sich zu überwinden, ein bitteres Wort zu unterdrücken, oder die üble Laune eines Menschen einen Tag oder eine Woche hindurch zu ertragen. Aber in allem sich überwinden, sich beständig Gewalt antun: Dies fürwahr ist ein großes Opfer. Viele würden lieber eine kurze Marter ertragen, als eine Marter dieser Art, die das ganze Leben dauert. Kommt es aber nicht daher, dass ich nach so langer Zeit noch so schwach und so unvollkommen bin, weil ich diese sogenannten Kleinigkeiten vernachlässigte? Ach, Herr, ich erkenne mein Elend. Reiche mir deine Hand, aus ihm mich herauszuführen. 1. Samuel 3,9: "Rede, Herr, denn dein Diener hört."

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Betrachtung am 21. März - Am Fest des hl. Benedikt

 

Dein heil`ger Geist, o Gott, ist sanft und stark;

Er dringt bis in des Herzens inn`res Mark;

Durch ihn vollbringt der Mensch die höchsten Werke,

Auf dass die Welt den Finger Gottes merke.

 

1. Zu allen Zeiten, wenn die Missetaten überhand nahmen und der Glaube zu wanken drohte, erweckt Gott heilige Menschen, die durch das Feuer ihres Eifers dem Strom des Verderbens einen Damm setzten. Gewöhnlich beruft er diese Herolde, gleich dem heiligen Täufer Johannes, früher in die Einöde, daselbst zu ihrem Herzen zu sprechen, und es gleich einer heiligen Lampe mit dem Öl seiner Liebe und aller Tugenden zu erfüllen. Ein solches Licht im Herrn war Benedikt, der dem herrschenden Sittenverderbnis entfloh, und Gott unter Fasten und Gebet in einer schauderhaften Wildnis diente. Auch wir können nur in der Entfernung von der Welt, und durch Abtötung und Gebet zu den Gnaden Gottes uns vorbereiten.

 

2. Gott, der den jungen Benedikt zum Feldherrn eines großen Heeres heiliger Streiter bestimmt hatte, ließ es zu, dass er durch viele und heftige Versuchungen geprüft würde. Zumal wurde er so furchtbar gegen die Keuschheit angefochten, dass er sich nackt auf Dornen wälzte, das Feuer der Begierlichkeit durch das Blut seines verwundeten Körpers zu löschen. Bald zog der Ruf seiner Heiligkeit viele an, unter seine Leitung sich zu begeben. Sogar viele Klöster verlangten ihn zum Vorgesetzten. Da jedoch die Ordenszucht verfallen war, und sie keiner Regel sich fügen wollten, stellten sie ihm nach dem Leben. Auch erweckte der Feind des Heils ihm viele andere schwere Verfolgungen, die Früchte des Guten, die er vorhersah, im Keim zu ersticken. Also führt Gott alle seine wahren Diener durch schwere Trübsale zum Ziel.

 

3. Nachdem aber das Samenkorn auf diese Weise erstorben war, brachte es viele Frucht. Es ging daraus einer der größten und heiligsten kirchlichen Orden hervor, durch die Heiligkeit und Wissenschaften wundersam gefördert wurden. Der Orden gebar zahllose Heilige, und zählte viele Päpste und Kardinäle, Kaiser und Könige und andere Personen aus königlichen und fürstlichen Häusern als Mitglieder. Willst du vieles für Gottes Ehre tun, so leide vieles für ihn, und kämpfe tapfer gegen die Versuchungen. Jakobus 1,12: "Glücklich der Mann, der in der Versuchung standhält. Denn wenn er sich bewährt, wird er den Kranz des Lebens erhalten, der denen verheißen ist, die Gott lieben."

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Betrachtung am 22. März - Die Verklärung des Herrn

 

Erhöre, Jesus, mein inbrünstig Flehen,

Auf jenem Tabor dich verklärt zu sehen,

Wo nie das Licht der Glorie vergeht,

Und ewig deine Herrlichkeit besteht.

 

1. Betrachte dies glorreiche Geheimnis, worin der Sohn Gottes, seine geliebten Jünger vor dem Ärgernis seines Kreuzes zu bewahren, ihnen eine Probe der himmlischen Glorie zeigt. Auf einen hohen Berg führt er sie, denn erheben muss sich über die niedrigen Dinge dieser Welt, wer die göttlichen Geheimnisse schauen will. Dort also glänzt er vor ihren Augen im sonnigen Licht seiner Gottheit. Dort erscheinen in großer Herrlichkeit Mose und Elia, das Gesetz und die Propheten. Dort auch zeigt der ewige Vater ihn als den vielgeliebten Sohn seines göttlichen Wohlgefallens, und spricht zu ihnen und zu uns allen: "Auf ihn sollt ihr hören!"

 

2. O selige Entzückung heiliger Seelen, wenn das Licht Gottes ihnen leuchtet, und den Vorgeschmack der himmlischen Seligkeit ihnen erteilt. "Gut ist es hier zu sein!" ruft Petrus aus, von dieser so großen Glorie wonnetrunken. Wie auch wäre es nicht gut, nicht selig, ewig in dieser Glorie zu sein, aus der ihnen hier nur ein Labetrunk gereicht wird. Doch, ach, hier ist kein Ort, Hütten zu bauen, denn keine bleibende Stätte haben wir hier, und nicht dauernd sind diese lieblichen Heimsuchungen der Gnade. Denn sieh plötzlich überschattet sie eine Wolke, und von heiligem Schrecken durchdrungen, fallen sie wie ohnmächtig nieder. O menschliche Schwäche! Kaum weicht der göttliche Trost, kaum naht die dunkle Wolke der Prüfung, dann beginnen wir zu zagen, und allen Mut zu verlieren.

 

3. Niemals jedoch verlässt Jesus seine Getreuen. Liebevoll tritt er hinzu und spricht: "Steht auf! Fürchtet euch nicht!" Seine Gnade erhebt und kräftigt sie aufs neue, damit sie in ihren Trübsalen nicht verzagen. So erholten auch die Apostel sich von ihrem Schrecken, und "da sie die Augen erhoben, sahen sie niemand, außer Jesus allein". Dies ist die wunderbare Wirkung außerordentlicher Gnaden in heiligen Seelen. Nichts anderes sehen sie mehr als Gott allein. Alles übrige verleidet ihnen, die Welt und ihre vergänglichen Güter und Lüste ekeln sie an. Sie rufen mit dem Propheten: "Was habe ich im Himmel außer dir? Neben dir erfreut mich nichts auf der Erde." (Psalm 73,25)

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Betrachtung am 23. März - Hässlichkeit der Seele durch die Sünde

 

O Heimatlicht, erleuchte meine Pfade,

Erhalte aufrecht mich durch deine Macht;

Dass meine Seele nicht vom Weg der Gnade

Versinke in der Sünde finstre Nacht.

 

1. Kein Wesen in der ganzen Schöpfung ist schöner und edler als eine, nach Gottes Bild erschaffene Seele, die mit dem Licht des Glaubens, mit der Gnade des Heiligen Geistes, mit Tugenden und heiliger Liebe geschmückt ist. Ihr Anblick entzückt die himmlischen Geister, ja Gott selbst liebt sie und hält sie der ewigen Glorie würdig. Fällt aber eine solche Seele in eine schwere Sünde, dann erlischt dieser himmlische Glanz. Sie ist gleich einer Königstochter, die, mit den kostbarsten Gewändern und den edelsten Steinen geschmückt, in eine kotige Pfütze fällt, und deren Anblick dann Grausen erregt. "Sie waren reiner als Schnee, weißer als Milch, ihr Leib rosiger als Korallen, saphirblau ihre Adern. Schwärzer als Ruß sehen sie aus, man erkennt sie nicht auf den Straßen." (Klagelieder 4,7-8a)

 

2. Wem muss diese treffende Schilderung nicht Entsetzen vor der Sünde einflößen. Welches schwere Übel könnte je unserer Seele widerfahren, als dass sie Abscheu vor den Augen Gottes und des ganzen himmlischen Hofes errege? Darum auch wird in der Schrift die Sünde ein Gräuel genannt (Deuteronomium 13,15), und dem Aussatz verglichen, der den ganzen Menschen zerstört, und so hässlich entstellt, dass alle vor einem Aussätzigen die Flucht ergreifen. Notwendig auch hasst Gott diesen Gräuel, weil er die Seele entwürdigt, das Licht seiner Liebe und das übernatürliche Leben dieses edlen Geschöpfes auslöscht.

 

3. Eine Verfinsterung der Vernunft und ein Umsturz des ewigen Gesetzes ist die Sünde, weil sie der göttlichen Majestät niedrige Lüste und vergängliche Dinge vorzieht, und ihre Gnade dafür mit Füßen tritt. Dadurch aber wird sie ein finsteres Chaos, dessen Anblick die bösen Geister erfreut, die darüber jubeln, dass Gott verhöhnt, und sein Eingeborener gleichsam um eine kostbare Perle ärmer wird, die er mit seinem Blut erkaufte. Ein wahrer Abscheu ist eine solche Seele vor Gott. Und verließe sie in diesem Zustand ihren Körper, so fiele sie der ewigen Verdammnis ohne Rettung anheim. Hüten wir uns vor diesem Ungeheuer. Wären wir aber unglückseliger Weise gefallen, so eilen wir zu dem Bad, das unseres Gottes unendliche Barmherzigkeit zur Reinigung von diesem Aussatz uns bereitet hat. "Gott, sei mir Sünder gnädig!" (Lukas 18,13b)

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Betrachtung am 24. März - Wenige glauben an den Tod

 

Wie ist dein blasses Licht so hell,

Wie ist dein Schritt, o Tod, so schnell.

Wie manchen, der dich fern geglaubt,

Hast je des Lebens du beraubt.

 

1. Keine Wahrheit ist unfehlbarer, als dass wir alle die Schuld der Natur durch den Tod bezahlen müssen, und die tägliche Erfahrung ist mehr als hinreichend, uns davon zu überzeugen. Nicht weniger gewiss ist es, dass die Folgen des Todes für den Menschen, die diese Prüfungszeit in Lastern verlebten, schrecklich sind, und dass wir daher nie zu große Sorgfalt anwenden können, zu dem Augenblick uns vorzubereiten, der über unsere glückselige oder unglückselige Ewigkeit entscheidet. Dennoch tun dies nur überaus wenige. Woher diese unbegreifliche Gleichgültigkeit? Daher, weil bei weitem die meisten den Tod gleichsam als eine jener spekulativen Wahrheiten dahin gestellt sein lassen, die nur andere, nicht aber sie selbst angeht. 

 

2. Welcher unglückselige Zauber entrückt unseren Augen doch beständig diese ernste Wahrheit. Leidest aber nicht auch du an dieser Verblendung? Lebst nicht auch du blind in den Tag, als ginge dies Urteil dich nichts an? Tröstest auch du dich mit der unsicheren Hoffnung, dass du weder heute noch morgen, ja auch in diesem Jahr nicht sterben wirst? Wie viele wurden an dieser Angel gefangen. Es gibt Menschen eines gewissen Alters, die eine halbe Welt um sich her sterben sahen, und dennoch leben sie mit unbegreiflicher Sicherheit in ihren Lastern fort. Woher dies? Sie glauben nicht an den Tod. Glaubten sie wirklich an ihn: würden sie je leben, wie sie leben?

 

3. Niemand lebt sicher, außer wer jeden Tag sich wiederholt: Ich weiß, dass ich sterben muss, und zwar früher als ich es vermute. Vielleicht ist meine letzte Stunde schon im Anzug. Diese Beherzigung führt den Tod nicht um einen Tag näher herbei. Wohl aber regt sie den denkenden Christen gewaltig an, sein Leben also zu ordnen, dass der Tod, zu welcher Stunde immer er erscheine, ihn nicht unvorbereitet überrasche. Präge diese Wahrheit tief in dein Herz, nicht verbittern wird sie dein Leben, sondern reinigen wird sie es, so dass du immer bereit bist, vor deinem Herrn zu erscheinen. "O könnte ich den Tod der Gerechten sterben, und wäre mein Ende dem seinen gleich." (Numeri 23,10b)

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 Betrachtung am 25. März - Das Fest Mariä Verkündigung

 

Erlauchte Jungfrau, hehr und groß,

Ein Lilienbettlein ist dein Schoß,

Worin als Kind, aus deinem Blut,

Der Sohn des Allerhöchsten ruht.

 

1. Begib dich im Geist der Andacht in die stille Kammer der Jungfrau zu Nazareth, die im Gebet heiliger Beschauung den Herrn dringend um das Heil den Welt anfleht, das er in allen Jahrhunderten durch Mose, David, Jesaja und alle Propheten hatte weissagen lassen. Noch ist sie in diesem feurigen Gebet begriffen, als der Engel des Allerhöchsten vor ihr steht, ihr zu verkündigen, sie selbst sei die, von Ewigkeit in Gottes Ratschluss erkorene Jungfrau, die den Sohn Gottes in ihrem keuschesten Leib empfangen und gebären soll. Die demütige Gottesmagd erschrickt, denn gleich der schneeigen Lilie, die ihre eigene Schönheit nicht kennt, erstaunt sie über diese unerhörte Botschaft. 

 

2. Vieles spricht der Bote des Allerhöchsten zu der fleckenlosen Taube von den hocherhabenen Vorzügen des himmlischen Königs, ihres künftigen Sohnes. Doch nur überaus wenig die weise, sittsame, an Geist und Körper heilige Jungfrau, die, die Erste und Einzige im Alten Bund, ohne Vorbild und ohne Rat, auf innerliche Eingebung dem Herrn als beständige Jungfrau sich geweiht hatte. Erst als der heilige Engel sie versichert, sie werde die Mutterkrone mit dem Jungfraukranz vereinigen, und, nach Art und Weise der Propheten, ihr ein Beispiel der göttlichen Allmacht anführt, spricht sie, ganz in Gehorsam, Demut und Liebe aufgelöst: Siehe, ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort."

 

3. O glorreiche Jungfrau, welche Seligkeit liegt in deinem Ausspruch. Jubelnd vernehmen deine Worte die heiligen Altväter und Mütter in der Tiefe, jubelnd die in Finsternisse versunkene Welt, ja freudig auch eilt der Himmelsbote zum Allerhöchsten mit deiner Antwort. Nimmermehr jedoch dringt ein Sterblicher, ja nimmermehr auch ein Engel in den besiegelten Abgrund der großen Dinge, die der Herr an dir, o Jungfrau der Jungfrauen, getan hat. Nur schweigen und anbeten können wir die Gnadenfülle, die Überschattung der Kraft des Allerhöchsten, die jungfräuliche Fruchtbarkeit, die Menschwerdung des ewigen Wortes in deinem Schoß. Von dieser Stunde an verehren die Engel dich als ihre Königin, und preisen dich selig alle Geschlechter. "Gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes." (Lukas 1,42)

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Betrachtung am 26. März - Von der Hölle

 

Gott, heilig ist dein Licht und deine Macht.

Als Gott belohnest und bestrafest du.

Der Frevler zieht sich ew`ge Strafen zu;

Er hasst das Licht, und sinkt in ew`ge Nacht;

Den Treuen aber reichst du Himmelskronen,

Und lässest ewig sie im Lichte wohnen.

 

1. Es ist eine der Grundwahrheiten des Christentums, dass es eine Hölle, nämlich einen Kerker der ewigen Gerechtigkeit, für Sünder gibt, die dies Leben verlassen, ohne von ihren Sünden abzustehen. Auf dieser Wahrheit ruht das ganze Werk der Erlösung wie auf seiner Grundveste. Jesus starb am Kreuz, von diesem ewigen Tod alle zu erlösen, die an seiner göttlichen Erlösung Anteil nehmen wollen. Denn dass die Sünde, als eine Beleidigung der unendlichen Majestät, eine unendliche Strafe verdiente, die nur durch unendlichen Ersatz konnte aufgehoben werden, dies zeigt uns Kalvaria, wo wir die Gerechtigkeit Gottes und seine Barmherzigkeit im vollkommensten Einklang sehen.

 

2. Wie schrecklich dieser Ort der ewigen Strafe ist, lässt sich aus den Ausdrücken der Schrift ermessen, die ihn einen Feuerofen ohne Luft und Öffnung nennt, wo das Feuer ewig brennt; und die Unglückseligen, die der ewige Fluch traf, gleich feurigen Bränden glühen; den Flammen- und Schwefelteich des Zornes Gottes; die Kelter des göttlichen Grimmes; den Brunnen des Todes; den Ort der Qual und Finsternis, wohin in Ewigkeit kein Strahl des Lichtes dringt; ein Gefängnis, worin die Verdammten, in ewigen Ketten gefesselt, Tag und Nacht in rasender Verzweiflung heulen; ein Haus des bösen Geistes, worin er herrscht, und die Verworfenen als Schergen der göttlichen Gerechtigkeit peinigt! Ach, welch ein Haus, welch ein schrecklicher Aufenthalt.

 

3. Über alle Vorstellung sind diese Strafen der unendlichen Gerechtigkeit. Dennoch würden sie den größten Teil ihrer Bitterkeit verlieren, wenn den Verworfenen auch nur ein Funke Hoffnung leuchtete, dass sie einst ein Ende nähmen. Aber darin eben besteht die Verzweiflung, die sie ewig foltert, dass sie kein Ende nehmen. Ewig rasen sie gegen sich selbst: Ich, ich bin schuld an meiner Verdammnis. Ich könnte nun im Himmel sein, und bin in der Hölle. Nun erkennen sie Gott als den unendlichen Quell aller Glückseligkeit, hungern ewig vergeblich nach ihm, und hassen und verfluchen sich selbst und seine ewige Gerechtigkeit. "Besser ist es für dich, dass du . . .zum Leben eingehst, als dass du . . . in die Hölle geworfen wirst, wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt." (Markus 9,42-48)

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Betrachtung am 27. März - Rückblick auf die Hölle und Danksagung

 

Es flamme, Herr, dir meines Herzens Dank.

Denn deine Gnade war`s, die meiner schonte,

Dass ich nicht in die tiefste Hölle sank,

Wo nun in ew`ger Feuersglut ich wohnte.

Der ganze Himmel lobe dich für mich

Und preise deine Güte ewiglich.

 

1. Lass von dem Gerede ruchloser Gleisner und ausschweifender Lüstlinge dich nicht betören, die durch das süße Schlummerlied von einer unendlichen Barmherzigkeit, die keine Sünde ewig bestraft, sich selbst und andere in den furchtbarsten Todesschlaf lullen, denn schrecklich wird einst ihr Erwachen sein. Begib dich vielmehr oftmals im Geist an diesen Ort der Strafe. Betrachte die Stelle, die du daselbst verdienen und wo du nun wirklich in ewiger Verzweiflung wüten würdest, wenn Gott deiner sich nicht erbarmt hätte. Dieser Anblick lehre dich dankbar sein, vor der Sünde erschaudern und alle Trübsale des Lebens mit Geduld ertragen, die gegen das ewige Feuer gleich Schatten verschwinden.

 

2. Erwäge, zu wie unendlichen Danksagungen du gegenüber deinem Gott verpflichtet bist, dass er vor diesen ewigen Schrecknissen dich bewahrte. Befreite er einen jener Verworfenen aus diesen feurigen Kerkern seiner Gerechtigkeit: in welche Danksagungen wurde sein Herz sich ergießen, in wie lebendige Lobgesänge würde er ausbrechen, wie innig würde er seinen Gott preisen, ja wie sehr auch würde er die Sünde verabscheuen, und wie strenge Buße würde er wirken. Weit inniger aber müssen deine Danksagungen sein, denn es ist fürwahr eine ohne Vergleich größere Wohltat, vor dieser schrecklichen Verdammnis zu bewahren, als von ihr zu befreien.

 

3. Unterlass an keinem Tag, der unendlichen Barmherzigkeit Gottes für diese so unaussprechliche Wohltat zu danken, und sei eifrig in seiner Liebe und in seinem Dienst. Hältst du seine heiligen Gebote getreu, dann darfst du allerdings auf seine unendliche Güte vertrauen, denn nimmer wird sie dann dich verlassen. Das wahre Vertrauen aber fasst beständige Wachsamkeit und heilige Furcht in sich, weil wir, so lange wir in diesem Leib der Sünde leben, keine vollkommene Sicherheit haben. Und dies auch war es, warum selbst die größten Heiligen zitterten. Flehe täglich aus inbrünstigem Herzen zum Herrn, vor der Sünde dich zu bewahren, die ein größeres Übel als selbst die Hölle ist, und die dahin führt, wo keine Erlösung ist in Ewigkeit. Offenbarung 2,10b: "Sei treu bis in den Tod; dann werde ich dir den Kranz des Lebens geben."

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Betrachtung am 28. März - Vom bösen Geist

 

Preis sei, o starker Sieger, dir,

Der du die Hölle überwunden

Und fest den Satan hast gebunden.

O sei uns hilfreich, dass auch wir

Mit deiner Gnade ihn bezwingen,

Und freudig Siegeshymnen singen.

 

1. Bewaffnen wir uns mit dem Zeichen des Heils gegen die Mächte der Finsternisse, denn "der Teufel geht gleich einem brüllenden Löwen umher, suchend, wen er verschlinge". Viele Unwissende und Ungläubige spotten nun über diesen bösen Geist wie über eine Fabel, und wollte Gott, sie würden nicht einst ein Raub seiner furchtbaren Gewalt. Denn niemals erfreut der Vogelsteller sich mehr, als wenn die Vögel ihn nicht sehen, weil sie dann um so sicherer ihm ins Netz gehen. Jahrtausende seufzte das menschliche Geschlecht unter der Tyrannei dieses Geistes der Hoffart, der gleich einem Blitz aus dem Himmel geschleudert wurde, und nun auf Erden die Völker verführte, und von ihnen sich anbeten ließ.

 

2. Nicht die Schriften der Juden allein, noch auch die Schriften der Apostel und Evangelisten, sondern das ganze Altertum, Plato, Porphyr, Plutarch und eine große Anzahl anderer heidnischer Schriftsteller bezeugen, wie die unglückseligen Völker der Heiden die so schreckliche Macht der Dämonen nur allzusehr kannten, und vor ihnen erbebten. Ganze Jahrhunderte hindurch hatten die Apostel und die ersten Väter gegen das Götzentum zu kämpfen, und die gelehrtesten Stifter der neueren philosophischen Schulen, Leibnitz, Neuton und andere, so wie alle gelehrten Forscher der Geschichte, beschämen durch ihre unwiderleglichen Beweise alle unwissenden und irreligiösen Schwätzer und Leugner des Teufels, dessen Dasein die heiligen Schriften als einen wesentlichen Punkt des Glaubens aufstellen.

 

3. Noch dauerte diese lange, finstere Nacht der Dämonie, die den ganzen Erdkreis bedeckte, wäre nicht das Licht der Welt erschienen, diese "dauernde Angst der Erde", wie der berühmte römische Dichter sie nennt, zu verscheuchen, und hätte diesen starken Bewaffneten gefesselt und sein Reich zerstört. Indessen lässt seine göttliche Weisheit, die das Böse nur duldet, Gutes daraus zu erzielen, in allen Jahrhunderten der Kirche Ereignisse zu, welche das Dasein dieses bösen Geistes anschaulich zeigen, und gestattet ihm auch seine Auserwählten in gewissem Maße zu versuchen, damit sie zu seiner Ehre ihn beschämen und besiegen. Fürchte dich also nicht! Offenbarung 5,5: "Weine nicht! Gesiegt hat der Löwe aus dem Stamm Juda, der Spross aus der Wurzel Davids."

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Betrachtung am 29. März - Vom falschen Gottvertrauen

 

Was die Wesen sind und haben,

Sind, Herr, deine milden Gaben.

Und was deine Weisheit tut,

Ist allein gerecht und gut.

 

1. Hüte dich vor dem falschen Vertrauen der blinden Kinder dieser Welt. Sie preisen Gottes Barmherzigkeit und erheben sie über alle Himmel, da sie sie als eine Stütze betrachten, um so frecher zu sündigen, weil diese Barmherzigkeit unendlich sei, und dem schwachen Menschen alle Laster verzeiht, wären sie auch noch so abscheulich und in noch so großer Anzahl. Und dennoch vertrauen sie andererseits so wenig auf diese von ihnen genannte Barmherzigkeit, dass sie es für vergeblich halten, sich an sie zu werden, die notwendigen Bedürfnisse des Lebens, oder Hilfe in der Not von ihr zu erlangen, und lieber durch Trug, List und Ungerechtigkeit sich zu helfen suchen, als Gott um diese Dinge bitten. 

 

2. Eine schwere Beleidigung Gottes ist dies, und zugleich ein Widerspruch, dessen nur die größte Blindheit fähig ist. Wie bildest du, blinder Frevler, Gott so barmherzig, dass er alle deine Laster dir verzeihen wird, und zugleich so taub und so unbarmherzig, dass er deiner Not dich weder entreißen kann noch will, wofern du nicht sein heiliges Gesetz mit Füßen trittst? Offenbar ist es doch weit größere Barmherzigkeit, die Sünden zu verzeihen, als dem sterblichen Leben das Notwendige zu spenden. Denn durch jenes schenkt er dir das ewige, durch dieses aber erhält er dir nur das zeitliche Leben. In jenem spendet er dir den Wert seines Blutes, in diesem aber gibt er dir nur Speise, die er auch den Ameisen und Würmern nicht versagt. 

 

3. Was für eine menschliche Verkehrtheit! Wie kann je einem Menschen zur Wohlfahrt gereichen, was er nur durch Missetaten erlangt, und - um was zu erlangen - er denjenigen sich zum Feind macht, ohne dessen Hilfe keinem etwas zur Wohlfahrt gereichen kann. Denn wer wurde jemals glücklich dadurch, dass er Gott beleidigte? Gott, der für seine Ehre eifert, pflegt, damit kein Laster auf Erden glücklich ist, die Ratschläge der Gottlosen umzukehren, so dass gerade die von ihnen genannten Mittel, durch die sie dem Anschein nach ihr Glück sich bereiten, ihren zeitlichen und ewigen Untergang nach sich ziehen. Psalm 127,1: "Wenn nicht der Herr das Haus baut, müht sich jeder umsonst, der daran baut."

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Betrachtung am 30. März - Über die Begierden des Herzens

 

Herz, Herz, du hegest der Begierden viele.

Und wirst zerrissen in so bösem Spiele.

Dein Wunsch ersättigt nicht, trifft er auch ein;

Wenn aber nicht, ist herber deine Pein.

 

1. Das Herz des Menschen, der außerhalb des Reiches Gottes lebt, ist ein unerschöpflicher Quell folternder Begierden, die einander gleich den Wellen eines Stromes drängen. Wohin aber zielen diese heftigen, launenhaften, törichten, niedrigen Begierden? Das Herz zu beunruhigen, zu peinigen, worauf sie verschwinden, um abermals anderen Raum zu geben. Werden sie aber zuweilen erfüllt, so entflammen sie den Durst des Herzens noch heftiger. Denn wann genügten je dem Ehrsüchtigen die Ehren, die er erlangte? Wann den Geizigen die Schätze, die er sammelte? Wann hört je ein begierliches Herz auf zu wünschen, solange noch etwas zu erstreben ist? Durch Überfluss wird ein solches Herz noch ärmer. Es ist ein unersättlicher Abgrund, der alles verschlingt.

 

2. Betrachte aber die Unruhe eines Herzens, das seinen Begierden den Zügel schießen lässt. Alles bietet es auf, sein Verlangen zu erreichen. Es scheut keine Arbeit, keine Mühe. Es sucht, fleht, kriecht bis zur Niederträchtigkeit. Durch nichts lässt es sich abschrecken. Hindernisse reizen es noch mehr. Es wütet gleich einem Bergstrom, der seinen Damm niederreißt. Und erreicht es trotz aller seiner Mühen sein Verlangen nicht, dann wütet es gleich einem Rasenden, und wird der Verzweiflung zum Raub. O Blindheit und Torheit des menschlichen Herzens, das nach vergänglichen Dingen giert. Mehr peinigt er sich selbst und tut sich schweres Leid an, als seine erbittertsten Feinde ihm antun könnten.

 

3. Darum vergleicht der Heilige Geist das Herz des Gottlosen "einem brausenden Meer, das nicht ruhen kann, und dessen Wellen Kot und Unflat auswerfen". (Jesaja 57,20) Und fürwahr ist das begierliche Herz ein stürmisches Meer, wo Blitze und Donner erschrecken, Wogen wie Berge sich türmen, wüten und einander unter furchtbarem Getöse drängen. Also wird das Herz gefoltert, dem Gott nicht genügt, oder das seine Glückseligkeit anderswo sucht. Herr, gebiete den Winden und dem Meer, befiehl diesen irdischen Begierden, zu schweigen, und dann wird Friede in das Herz einkehren, und große Ruhe herrschen. "Das Ende der Feinde des Kreuzes Christi ist das Verderben, ihr Gott ist der Bauch; ihr Ruhm besteht in ihrer Schande; Irdisches haben sie im Sinn." (Philipper 3,19)

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Betrachtung am 31. März - Vom Tod der Seele

 

Hilf meiner Seele, Herr, durch deine Macht:

Dass nicht sie durch die Sünde sterbe,

Und in der Finsternis der Todesnacht

Im Abgrund ewiglich verderbe.

Verlass sie, Herr, ihr Schöpfer, nicht.

Sie lebt nur durch dein Gnadenlicht.

 

1. Unsere Seele ist ein geistiges Wesen, das einfach, und daher seiner Natur nach unsterblich ist. Nimmermehr also kann sie so gänzlich sterben, dass sie aufhörte zu wirken. Sie kann zwar das übernatürliche Leben durch die Sünde und die ewige Strafe verlieren, doch verliert sie ihr natürliches Leben ewig nicht, da sie nicht kann aufgelöst werden. Das wahre Leben der Seele ist Gott, mit dem sie durch die Gnade vereint ist. In dieser Vereinigung sind alle ihre Werke Gott wohlgefällig und verdienstvoll. Vertreibt sie aber Gott durch die Sünde, dann ist sie tot, weil sie nichts Verdienstvolles für das ewige Leben mehr wirken kann.

 

2. Es besteht also der Tod der Seele in der Sünde; und darum auch wird die schwere Sünde die Todsünde genannt, weil sie die Seele tötet. Gleichwie also der Leib, sobald die Seele ihn verlässt, tot ist, und nichts mehr wirken kann, also ist auch die Seele tot, wenn Gott, ihr Leben, von ihr weicht, und kann nichts übernatürlich Gutes mehr wirken. Darum auch sprach jener milde Vater des verlorenen Sohnes zu seinem ältesten Sohn: "Dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden!" Denn wirklich war seine Seele tot in seinen Lastern, wie sehr immer er zu leben schien.

 

3. Könnte ein Mensch seine Seele in diesem Stand ihres Todes sehen, er würde vor Entsetzen sterben. Denn die Fäulnis, der Gestank, die Verwesung eines toten Körpers ist nur ein schwaches Bild des Todes einer Seele, die, vom Licht Gottes verlassen, in die Finsternisse des ewigen Todes versinkt, eine Gefährtin der bösen Dämonen wird, und, wenn Gottes unendliche Barmherzigkeit ihrer nicht schonte, augenblicklich in die ewige Verdammnis versinken würde. Ja es gehört auch Gottes ganze Allmacht dazu, eine solche Seele zu ertragen und ihrer sich zu erbarmen. (Weisheit 11,24) Wie sorgfältig also sollen wir uns vor der Sünde hüten. Entsetzen wir uns über einen Selbstmörder, der sich selbst entleibt: wie weit mehr sollen wir erschaudern über uns, wenn wir unsere eigene Seele töten. "Nur wer sündigt, soll sterben!" (Ezechiel 18,20)

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