Betrachtungen im September

 

Betrachtung am 1. September – Vom freien Wirken Gottes

 

Wie wirkest, Herr, du wunderbar.

Wer kann dir widerstehen.

Nach deinem Wink muss immerdar

Sogar der freien Geister Schar

In ihrer Freiheit gehen.

 

1. Gottes weise Vorsehung wacht über alle einzelnen Wesen der Schöpfung mit so großer Sorgfalt, als wäre jedes einzelne das einzige, und leitet in seligster Ruhe alle zu ihren verschiedenen Zielen. Ungeteilt umfasst sie alle Dinge, und sorgt mit gleicher Aufmerksamkeit für die Erhaltung einer Ameise, wie für die des größten Monarchen. Denn nichts ist groß oder klein vor Gott. Die Schöpfung einer Welt kostet seiner Allmacht nicht mehr, als die Schöpfung einer Mücke. Aber indem er die leb- und vernunftlosen Geschöpfe nach unausweichlichen Gesetzen leitet, regiert er die freien Willen der Vernunftwesen auf die wunderbarste Weise, ohne Zwang, nach der Richtschnur seines ewigen Willens.

 

2. Gleichwie die Sonne, die den Himmel erleuchtet und vielen Gestirnen ihr Licht mitteilt, auch den Straßenschmutz bestrahlt, ohne dass dadurch ihre reinen Strahlen im mindesten beschmutzt werden, so dringt auch das Auge Gottes, dessen Anschauung die Engel entzückt, in die kleinlichsten Verhältnisse ein, ohne sich zu erniedrigen. Es sieht und duldet die größten Laster und Verbrechen. Ohne die Freiheit des Menschen zu stören, leitet er diese Freiheit. Nie jedoch nötigt er sie, denn er behandelt den Menschen mit großer Schonung. Ja er richtet sich sogar nach seinen Neigungen, seine Liebe zu gewinnen, und wendet selbst unsere Verirrungen an, uns zu sich zurück zu führen.

 

3. Aber wehe der Seele, die dieser liebevollen Leitung sich widersetzt. Denn sanft, aber mächtig führt Gottes Weisheit ihre Absichten aus, und leitet selbst unseren Willen, wie frei er auch immer ist, ohne Zwang dahin, wohin es ihr gefällt. Ohne dem Menschen Gewalt anzutun, überwindet Gott alle Hindernisse, ja die Hindernisse selbst müssen ihm dienen, seine Absichten um so unfehlbarer auszuführen. Widersetzt sich daher unser Wille dem barmherzigen Willen Gottes, dann wird er gezwungen, dem gerechten Willen Gottes sich zu unterwerfen. Darum unterwerfen wir uns ihm aus ganzem Herzen, damit er seine Güte an uns zeige, und hüten wir uns vor Widersetzlichkeit, dass wir nicht die Strenge seiner Gerechtigkeit erfahren. Weisheit 8,1: „Machtvoll entfaltet die Weisheit ihre Kraft von einem Ende zum andern und durchwaltet voll Güte das All.“

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Betrachtung am 2. September - Vom Lob Gottes

 

Erschwinge dich, mein Herz, nach oben,

Den Herrn zu preisen immerdar,

Der dich erschaffen, ihn zu loben

Mit seiner Auserwählten Schar.

Laut juble ihm mit Herz und Geist,

Den alles, was da lebet, preist.

 

1. Psalm 103,1: "Lobe den Herrn, meine Seele, und alles in mir seinen heiligen Namen." Immer soll das Lob Gottes in unserem Herzen und in unserem Mund sein, da wir und alle Geschöpfe zum Lob Gottes erschaffen sind. Alle auch loben ihren Schöpfer auf ihre Weise. "Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes, ein Tag verkündet dem andern seine Herrlichkeit." Alle Kreaturen sind eben so viele Stimmen, die die Größe, Allmacht, Weisheit und Güte ihres Schöpfers offenbaren. So vereinige denn auch dich mit ihnen, und stimme in dieses liebliche Konzert ein. Biete alle deine Kräfte dazu auf, denn niemals wirst du Gott genug loben, der alles Lob unendlich übertrifft.

 

2. Ohne Vergleich mehr jedoch als alle Lobgesänge lobt ein frommer Lebenswandel unseren Gott. Dies ist ein Lob, das nie verklingt. Jede Tugend lobt Gott auf besondere Weise. Die Keuschheit lobt die unendliche Reinheit der göttlichen Natur, der Glaube lobt seine allerhöchste Wahrheit, der Gehorsam seine allerhöchste Oberherrschaft über alle Geschöpfe, die Hoffnung die Großmut seiner göttlichen Verheißungen, die Liebe seine unendliche Vollkommenheit und Güte. Dies ist das Lob, von dem der Herr in Psalm 50,23a spricht: "Wer Opfer des Lobes bringt, ehrt mich." Wie lobst du deinen Gott? Ist dein laues und nachlässiges Leben nicht vielmehr ein Spott, als ein wahres Lob Gottes? "Nicht schön", spricht die Schrift, "ist das Lob und des Sünders Mund."

 

3. Seien wir eifrig, Gott aus reinem und sehnsüchtigem Gemüt zu loben. Loben wir ihn in Freude und Wohlergehen, in Leiden und Trübsal. Dies ist die Beschäftigung aller Gerechten auf Erden, und die schönste Freude und Seligkeit aller Heiligen im Himmel. Ziehen wir, so viel wir vermögen, auch andere durch Wort und Beispiele zum Lob Gottes hin, denn er ist unser Heil und unsere Seligkeit. Alle Augenblicke unseres Lebens, alle Pulsschläge unseres Herzens sollen ein immerwährendes Lob Gottes sein. Psalm 34,2+4: "Ich will den Herrn allezeit preisen; immer sei sein Lob in meinem Mund. Verherrlicht mit mir den Herrn, lasst uns gemeinsam seinen Namen rühmen." 

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Betrachtung am 3. September - Gott lässt unsere Fehler zu

 

Kein Sterblicher ist, ach, von Fehlern frei,

So lang er nicht vollendet seine Bahn;

Doch wenden, rein zu werden, Fleiß sie an,

Stehst, Herr, du huldreich deinen Dienern bei.

 

1. Vollkommen zu werden ist die Aufgabe des christlichen Lebens. Wie sehr wir aber immer nach der Vollkommenheit ringen, sind dennoch in diesem Leben selbst die größten Heiligen nicht gänzlich frei von allen Fehlern, wie einer der größten von ihnen bezeugt, wenn er in Jakobus 3,2a spricht: "Denn wir alle verfehlen uns in vielen Dingen." Gott aber lässt es zu, dass wir mit Fehlern behaftet bleiben, damit wir seine liebevolle Güte erkennen, die uns mit so großer Geduld erträgt, wo wir oft uns selbst kaum ertragen können. Wir verzagen beim Anblick unserer Fehler, Gott aber hört darum nicht auf, uns zu lieben. Wie zart, wie liebevoll ist diese Güte!

 

2. Die zweite Ursache, warum Gott es zulässt, dass wir in diesem Leben nie gänzlich frei von Fehlern werden, ist, damit auch wir selbst die Fehler unserer Nächsten mit Geduld ertragen. Denn Gott ist ein Gott des Friedens und der Liebe, und will, dass seine Kinder durch die Bande einer vollkommenen Liebe vereint sein sollen, die sich nicht ohne Geduld ausüben lässt, weil alle Menschen ihre Fehler haben. Viel, ja sehr viel haben oft andere von uns zu leiden. Wie ungerecht also wären wir, wenn wir von niemand etwas ertragen wollten. Darum mahnt uns der Apostel und spricht in Galater 6,2: "Einer trage des anderen Last; so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen."

 

3. Die dritte Ursache schließlich ist, damit wir immer von Gottes Hilfe abhängig bleiben, und unsere Zuflucht zu seiner göttlichen Güte nehmen. Auch sind unsere Fehler gleich einem heilsamen Schleier, der unsere wenigen Tugenden vor uns verbirgt, uns vor Eitelkeit zu bewahren. Also wurde der große Weltapostel von beschämenden Versuchungen geplagt, damit er demütig verbliebe. Indessen verlangt Gott dennoch, dass wir allen Fleiß anwenden, unsere Untugenden abzulegen und täglich vollkommener zu werden, aber auch nicht verzagen, wenn wir zuweilen noch in Fehler verfallen. Denn sind anders wir guten Willens, so werden solche uns nicht schaden, sondern zur Übung unserer Demut und unseres Vertrauens auf Gottes väterliche Güte gereichen. Sprichwörter 24,16a: "Denn siebenmal fällt der Gerechte und steht wieder auf."

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Betrachtung am 4. September - Vom innerlichen und geistigen Menschen

 

Kehrst du, o Mensch, nicht in dein Innres ein,

Wirst ewig du ein armer Fremdling sein;

Und wär dein Reichtum wie des Meeres Sand,

Du kehrtest dennoch heim mit leerer Hand.

 

1. Der innerliche Mensch gestattet den Sinnen nur, was er ihnen nicht entziehen darf. Bei allen Bedürfnissen, denen die menschliche Natur ihn unausweichlich unterwirft, drängt er die Gier zurück, hält sich in Schranken und heiligt den Gebrauch der Dinge. Immer wachsam über sich, tritt er niemals gänzlich aus sich selbst heraus, beherrscht seine Sinne und züchtigt sie gleich rebellischen Sklaven, die nur dann sicher gehorchen, wenn sie Strafe fürchten. Tust du das nicht, so wirst du niemals dahin gelangen, ein innerlicher Mensch zu werden. Wie unwürdig aber ist es eines Jüngers Jesu, von der Neigung, von der Eitelkeit, von der Leidenschaft, von der Sucht nach Vergnügen sich fortreißen zu lassen.

 

2. Nicht wer die Wege Gottes und die Regeln des geistlichen Lebens kennt, sondern wer sie ausübt, ist ein geistiger Mensch. Er erhebt gleichgültige Handlungen durch Reinheit der Absicht und eifrige Liebe zu einem sehr hohen Wert, und gewinnt sogar den verächtlichsten reiche Schätze für die Ewigkeit ab. Bei heiligen Werken aber lässt er äußerlich nur erscheinen, was die Pflicht und das gute Beispiel fordern. Das Wesentliche aber, nämlich seinen Eifer, seine Liebe, seinen Gehorsam, hält er im Innern verborgen. Er kennt keinen Zeitverlust, immer entspricht er der Gnade Gottes getreu, und sogar seine Fehler gereichen ihm zum Nutzen. Ist dies dein Leben? Und warum ist es das nicht?

 

3. Ach, mein Gott, ich darf es nicht wagen, den Blick in deiner heiligen Gegenwart zu erheben, denn ich muss bekennen, dass die größte Verkehrtheit in meinem Herzen herrscht. Sogar meine Andachtsübungen sind eitel und ohne Leben. In allen Dingen lau, träge, zerstreut und untreu, bin ich nur Augenblicke eifrig, da meine Feigheit den Ernst einer beständigen Wachsamkeit fürchtet. Darum auch bin ich nach so langer Zeit noch immer schwach, noch immer mit den genannten Fehlern behaftet, und fern von allem innerlichen Leben. O komm mit mir deiner allmächtigen Gnade zu Hilfe, und erbarme dich meiner. Psalm 80,4: "Gott, richte uns wieder auf! Lass dein Angesicht leuchten, dann ist uns geholfen." 

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Betrachtung am 5. September - Die heiligen Engel

 

Ihr Engel, die ihr Gottes Thron umringet,

Und Lobgesänge ihm, dem König, singet,

O schirmet liebreich unsren Pilgerlauf,

Und nehmet dann in euern Chor uns auf.

 

1. Die heiligen Engel sind ein lebendiges Abbild Gottes, sie sind die ersten Strahlen seiner Glorie, das erste Werk seiner Allmacht und Weisheit, und ihre Schönheit übertrifft ohne allen Vergleich die höchste Schönheit aller körperlichen Wesen. Der heilige Evangelist Johannes, der einen Engel sah, erstaunt über seine Schönheit, über seinen Adel und die Majestät so sehr, dass er ihn für Gott selbst hielt, und aufs Angesicht fiel, ihn anzubeten. Gott schuf diese glorreichen Geister in zahlloser Menge und setzte sie allen Werken seiner Schöpfung vor, weshalb auch der Apostel sie verwaltende Geister nennt. "Ehren wir diese himmlischen Fürsten, die uns als künftige Gefährten ihrer Glorie lieben und beschützen", heißt es im Brief an die Hebräer.

 

2. Die heiligen Engel sind jenes Licht, dass Gott von den Finsternissen trennte, als sie die Prüfung bestanden hatten, die er auch seine Engel unterwarf. Die stolzen Engel dagegen, die sich gegen ihren Schöpfer empörten, wurden auf ewig aus dem Reich des Lichtes verstoßen. Dies war dieser große Kampf, wo der heilige Erzengel Michael an der Spitze seiner getreuen Engel gegen Satan sich erhob, den er durch die Worte stürzte: "Wer ist wie Gott?" Gott erlaubt diesen bösen Geistern, seine Auserwählten zu versuchen, damit sie siegen können. Antworten wir also auf ihre sündhaften Einflüsterungen und Versuchungen mit dem heiligen Erzengel: "Wer ist wie Gott?" Er ist der Herr, ihm allein werde ich gehorchen.

 

3. Gott gab jedem Sterblichen auf der gefährlichen Pilgerreise dieses Lebens einen Engel zum Begleiter und Beschützer. Und lieben sollen wir diese heiligen Engel, sie anrufen in Gefahren, und ihrem Schutz vertrauen. Wir leben nun im Glauben und können nicht alle Wohltaten erkennen, die wir unseren heiligen Schutzengeln verdanken. Aber wenn einst der Schleier von unseren Augen fallen wird, dann werden wir erstaunen, was diese seligen Geister für uns getan haben. Ehren wir diese unsere himmlischen Beschützer durch ein reines Leben, damit sie unsere Freunde und Verteidiger beim künftigen Gericht sind. Exodus 23,20+21: "Ich werde einen Engel schicken, der dir vorausgeht. Er soll dich auf dem Weg schützen und dich an den Ort bringen, den ich bestimmt habe. Achte auf ihn, und hör auf seine Stimme! Widersetze dich ihm nicht! Er würde es nicht ertragen, wenn ihr euch auflehnt; denn in ihm ist mein Name gegenwärtig."

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Betrachtung am 6. September - Von der Glückseligkeit des Christen

 

Wie selig, Jesus, ist, wer dich erkennt.

Wer dich von Herzen seinen König nennt,

Und als ein Bürger lebt in deinem Reiche,

Nichts ist, das seiner Seelenfreude gleiche. 

 

1. Lukas 10,23+24: "Jesus wandte sich an die Jünger und sagte zu ihnen allein: Selig sind die, deren Augen sehen, was ihr seht. Ich sage euch: Viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und wollten hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört." Alle Gerechten, alle Propheten und heiligen Könige Israels hatten nach der Ankunft des verheißenen Messias sich gesehnt, durch den die Welt gesühnt und geheiligt werden sollte. Sie alle aber begrüßten, wie der Apostel spricht, die Verheißung von ferne, und gingen vorüber. Selig wir, denen verliehen wurde zu sehen, was sie nicht sahen: das Reich Jesu Christi, das auf dem ganzen Erdkreis verbreitet ist, und fortwährend sich verbreitet, wo die Quellen der Erlösung fließen, und unter allen Nationen Bürger des Himmels erzogen werden.

 

2. Selig wir, die wir, mitten in diesem göttlichen Reich geboren, seine Grundsätze mit der Muttermilch eingesogen haben, indes so viele Völker und Nationen in den Finsternissen und Schatten des Todes sitzen. Danken wir unserem Gott täglich für diese große, unverdiente Gnade, und seien wir nicht gleich jenen Gottlosen und Ungläubigen, die, statt für diesen himmlischen Beruf zu danken, den Glauben verwerfen und Gottes Weisheit anklagen, weil dies göttliche Licht nicht allen Völkern leuchtet. Steht es etwa diesen vermessenen Toren zu, in die verborgenen Gerichte der göttlichen Vorsehung einzudringen? Oder verwerfen sie etwa auch zeitlichen Überfluss, weil er andern nicht auch zuteil wurde? Wie streng wird einst das Gericht dieser Frevler sein.

 

3. Selig wir, die wir sehen, wie die von den Aposteln gegründete Kirche bereits zwei Jahrtausende unter einem Oberhaupt fortbesteht, und immer siegreich aus allen Kämpfen mit ihren Widersachern hervorgeht. Selig wir, die wir den Sieg des Kreuzes Jesu Christi sehen, das täglich erneuerte Opfer seiner Erlösung sehen, ja ihn selbst unter den heiligen Gestalten sehen, anbeten und empfangen. Selig wir, die wir von seinen göttlichen Wahrheiten uns nähren, und aus den Quellen seiner Erlösung schöpfen. O wie unendlich vieles verdanken wir seiner göttlichen Güte, aber wie streng wird auch einst unser Gericht sein, wenn wir unser Heil vernachlässigen. Johannes 3,18: "Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er an den Namen des einzigen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat."

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Betrachtung am 7. September - Von der Heiligen Schrift

 

O Licht, das du die Nacht der Welt verscheuchtest,

Und jedes Auge, das dich sucht, erleuchtest,

Erschließe unsren Sinn für deine Wahrheit,

Göttliche Klarheit.

 

1. Lukas 10,26: "Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz? Was liest du dort?" Nähere dich den Quellen der Heiligen Schrift immer mit heiliger Ehrfurcht, denn diese göttlichen Bücher sind, nach dem anzubetenden Fronleichnam unseres Herrn, das höchste Geschenk, das Gott den Menschen geben konnte. Sie sind Schätze der Aussprüche, der Anordnungen und der trostreichen Verheißungen unseres Gottes, Quellen des Lebens und der Heiligkeit. Sie zeigen uns den Ursprung und die wahre Geschichte des Menschengeschlechtes, die wahre Religion, die Sendung der Propheten, die ewigen Grundsätze der Sitten, die Beispiele der höchsten Tugend, die Lehren des wahren Glaubens, und die einzigen Güter, die der unsterblichen Seele würdig sind.

 

2. Hier sehen wir den Welterlöser lehren, wirken, leiden und sterben. Schon im Anfang des Schöpfungsbuches verheißen, wendet die ganze Schrift sich um ihn, wie um ihren Mittelpunkt, bis das letzte Buch mit ihm, "dem Anfang und Ende", beschließt. (Offenbarung 1,8) Er ist das Band der beiden Testamente. Vorgebildet und geweissagt wurde er im alten geoffenbart und erkannt im neuen, ersehnt und erwartet von allen Propheten, gesehen und gehört von allen Aposteln. O ewige Weisheit, was sähen wir jemals ohne diese leuchtende Fackel! Hochheilig sind diese Schriften, da du selbst, der Gott aller Heiligkeit, sie diktiert hast. 

 

3. Diese göttlichen Bücher sind Schatzkammern himmlischer Belehrungen, Weissagungen und Wunder, die hoch über dem scharfsinnigsten Menschenverstand stehen. Sie verkündigen Mysterien, die keinem erschaffenen Geist in den Sinn gekommen wären, und verheißen Güter, die keine Zeit beschränken, kein Verlangen erschöpfen kann. Dürfen wir uns daher wundern, wenn der Geist der Hölle zu allen Zeiten gegen diese heiligen Aussprüche wütete, und seine Knechte sie auf alle Weise zu verkehren suchten? Gegen wen aber, Herr, empörte sich die Hölle und ihr Anhang nicht? Sie feinden deine Kirche, deinen Eingeborenen, ja dich selbst an: wie also würden sie nicht gegen dein heiliges Wort sich empören? Aber deine Schrift ist ein unerschütterlicher Fels, an dem die Wogen des menschlichen Stolzes sich brechen. Alle scheiterten daran, alle verschwanden samt ihrer Eitelkeit. "Aber die Wahrheit des Herrn bleibt in Ewigkeit."

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Betrachtung am 8. September - Am Fest Mariä Geburt

 

Von Ewigkeit in Gottes Rat erkoren,

Wird heut Maria uns zum Heil geboren.

Frohlocke, Adam, denn nun naht die Zeit,

Die aus den Fesseln dich und uns befreit.

 

1. Maria ging der Sonne der Gerechtigkeit als Morgenstern voran, denn sie war die Jungfrau, die den Gott Emmanuel empfangen und gebären sollte. In ihren Adern floss das Blut der Patriarchen, der Propheten und der Könige Israels, deren Linie bis auf diese Tochter Davids hinab reichte. Wir verehren in Andacht Maria als die Gesegnete unter den Frauen, als die Mutter unseres Heils, als die Zierde des ganzen menschlichen Geschlechtes, als die wahre jungfräuliche Gottesmutter.

 

2. Mit Wohlgefallen sah der Allerhöchste auf die Wiege des göttlichen Kindleins, und seine Allmacht, Weisheit und Güte hatte sie, die Mutter, mit den höchsten Vorzügen und Gnaden geschmückt. Kein erschaffenes Wesen war in so hoher Vollkommenheit aus seinen Händen hervorgegangen. Feierlich hatten die Propheten sie verkündigt, in lebendigen Bildern hatten die hervorragendsten Frauen Israels ihre künftige Herrlichkeit vorgebildet. Psalm 45,14: "Die Königstochter ist herrlich geschmückt, ihr Gewand ist durchwirkt mit Gold und Perlen." Ihre wunderbare Demut überglänzt alle ihre himmlischen Tugenden, und wie der Apostel ruft sie dadurch allen ihren Verehrern zu: "Darum ermahne ich euch: Haltet euch an mein Vorbild" (1 Korinther 4,16), und ihr Schutz ruht auch nur auf den Demütigen. 

 

3. Gleichwie die Morgenröte bei Aufgang des Tages ihr mildes Licht verbreitet, und dadurch Freude in die Herzen gießt, da sie die nahe Sonne verkündet: also erfreute die Geburt Marias nicht nur die heiligen Engel, die ihre erhabene Würde kannten, sondern auch die Seelen der Väter und Mütter des Alten Bundes in der Vorhölle, denen durch sie selige Hoffnung aufging, bald das Licht der Welt zu schauen, Christus, den Herrn, und aus den Finsternissen des Todes in das himmlische Licht der Seligkeit zu gelangen. Ja es wird auch bis ans Ende der Zeiten das Andenken an die heilige Geburt der gebenedeiten Jungfrau alle Herzen erfreuen, die ihren göttlichen Sohn als ihren Erlöser anbeten. Wie der wunderbare Name Jesus, so ist auch ihr Name wunderbar im Mund und Jubel im Herzen. "Der Name der Jungfrau war Maria" (Lukas 1,27b).

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Betrachtung am 9. September - Vom Gebot der heiligen Gottesliebe

 

Die Liebe ist, mein Schöpfer, dein Gebot,

Die Liebe ist das Leben meiner Seele;

Und du, Herr, drängest noch mich durch Befehle.

Bin ich denn ohne Liebe nicht im Tod?

 

1. Betrachte die wunderbare Gnade und Zuneigung unseres Gottes, dass er uns befiehlt, ihn zu lieben. Wäre es nicht schon überaus große Gnade gewesen, wenn die unendliche Majestät uns schnöden Geschöpfen auch nur erlaubt hätte, sie zu lieben. Ist es aber andererseits nicht eine Schmach für uns, ja in gewisser Hinsicht sogar für Gott selbst, dass er uns befehlen musste, ihn zu lieben? Durch ein Gebot musste er uns verpflichten, ja zwingen musste er gleichsam uns undankbare Geschöpfe, die wir, ungeachtet zahlloser Ursachen, die zu seiner Liebe uns drängen, dennoch gleichgültig in den Tag lebten, ohne seiner zu gedenken, geschweige denn, dass wir ihn liebten. 

 

2. Gott befiehlt dem Menschen, ihn zu lieben. Ja es ist dies das erste und größte aller Gebote, das er ihm erteilt. Worüber muss man hier mehr staunen: dass Gott, der in seiner unendlichen Glückseligkeit sich selbst genügt, alles aufbietet, den Menschen zu seiner Liebe zu verpflichten, so als ob er ohne diese Liebe nicht vollkommen glückselig wäre, oder darüber, dass alle seine Geschenke und Gebote beinahe fruchtlos sind? Es liegt wahrhaftig etwas ganz Unbegreifliches sowohl in dem dringenden Verlangen Gottes nach der Liebe des Menschen, als in der Härte des menschlichen Herzens, dass sich diesem Verlangen widersetzt. Offenbar sehen wir hier die tiefe Wunde, die die Sünde unserem Herzen schlug, da wir diesem ersten aller Triebe widerstreben, in dessen Erfüllung unsere einzige und allerhöchste Glückseligkeit besteht.

 

3. Herr, ruft der große Heilige Augustinus aus, du befiehlst mir, dich zu lieben, und bedrohst mich mit ewigem Elend, wofern ich dich nicht liebe, als ob ein größeres Elend möglich wäre, als dich nicht zu lieben. Trostlos fürwahr wäre jede edle Seele, wenn sie Gott nicht lieben dürfte, ja es wäre ihr auch nicht möglich, ihm zu gehorchen, wenn er es ihr verwehrte, ihn zu lieben. Was aber sollen wir sagen? Herr, der du mir befiehlst, dich zu lieben, gib mir auch die Gnade dazu: denn ohne dich kann ich wohl dich beleidigen und dir missfallen, nie aber auf würdige Weise dich lieben. Römer 13,10b: "Also ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes."

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Betrachtung am 10. September - Vom Adel der christlichen Nächstenliebe

 

Komm, süße Liebe, komm vom Himmel, Und kehre in die Herzen ein.

Dass mild des Bruders Leid wir wenden,

Und Liebe, Trost und Hilfe spenden,

Auf dass wir Jesus ähnlich sei`n.

 

1. Hast du je über den Adel der christlichen Nächstenliebe nachgedacht? Eine wunderbare Tugend ist diese Liebe. Sie ist das eigentliche Gepräge unserer heiligen Religion, die Grundfeste, die Stütze, der Schmuck und der Geist. Sie erhebt unser Herz bis in Gottes Schoß, wo sie ihre Regungen schöpft, und von wo sie Frieden, Eintracht und alle Tugenden zurückbringt. Sie kommt vom Himmel und führt zum Himmel. Sie ist der Geist des Evangeliums, die Erfüllung des ganzen Gesetzes.

 

2. O heilige Nächstenliebe, komm und nimm Besitz von meinem Herzen, denn du, liebliche Freundin Jesu Christi, bedeckst die Menge der Sünden. Ein göttliches Gesetz bist du, das Lieblingsgebot unseres Herrn, das neue Gebot, das er vor seinem Tod uns zum Andenken hinterließ und mit seinem Blut besiegelte. Johannes 13,34: "Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben." Dieses Gebot empfahl er uns als das Gebot seines Herzens: "Dies ist mein Gebot." Du also, heilige Nächstenliebe, bist das Band, das alle Auserwählten verknüpft, und wundersam verknüpfte zumal im Anbeginn deine Kraft alle getreuen Gläubigen zu einem Herzen und zu einer Seele. 

 

3. So notwendig ist uns diese göttliche Nächstenliebe, dass wir ohne sie keine wahre Tugend besitzen. Sie ist das eigentliche Merkmal des Jüngers Jesu, und unterscheidet ihn von denjenigen, die es nicht sind. Denn er selbst sprach in Johannes 13,35: "Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt." Der Jünger seiner Liebe aber in 1 Johannes 3,14b: "Wer nicht liebt, bleibt im Tod." Besäßen wir alle Kenntnisse der Menschen und Engel, und hätten wir einen Glauben, der Berge versetzen könnte, so würde es ohne die Liebe uns nichts nützen. 1 Johannes 4,7+8: "Liebe Brüder, wir wollen einander lieben; denn die Liebe ist aus Gott und jeder, der liebt, stammt von Gott und erkennt Gott. Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist die Liebe."

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Betrachtung am 11. September - Von der Nächstenliebe des barmherzigen Samariters

 

O gib mir, Herr, ein Herz voll milder Triebe,

Dass ich die armen Brüder tätig liebe,

Mit wahrem Mitleid ihre Wunden heile,

Und gern die Not und Schmerz mit ihnen teile.

 

1. Betrachte diesen liebevollen Samariter. Er sieht den schwer Verwundeten, dies genügt ihm. Er fragt nicht erst, ob er ein Jude oder Samariter ist. Er sagt nicht: Was geht dieser Mensch mich an? Es sollen die Priester und Leviten für ihn sorgen. Er entschuldigt sich auch nicht mit seiner Unwissenheit in der Arzneikunde, noch mit der Gefahr, dass er bei längerem Aufenthalt in dieser Wüste selbst unter die genannten Mörder geraten könne. Er spart weder Wein, noch Öl, noch Geld, das er für eigene Bedürfnisse auf die Reise mitnahm, sondern er pflegt ihn barmherzig, setzt ihn auf sein Tier, geht zu Fuß neben ihm her, und führt ihn bis in die nächste Herberge, wo er dem Wirt ihn gegen Belohnung empfiehlt. Was für ein Beispiel der Nächstenliebe!

 

2. So sollen wir den Nächsten lieben. Denn die christliche Nächstenliebe umfängt alle Menschen: Juden und Heiden, Gerechte und Sünder, Rechtgläubige und Irrgläubige, Freunde und Feinde, gute und lästige Menschen, weil die Ursache der Nächstenliebe die richtige für alle ist, unteilbar und allgemein. Liebst du um Gottes Willen einen Menschen, der dir gefällt, so liebe dann auch den anderen, der dir missfällt, denn beide sind nach Gottes Bild erschaffen, beide zur Seligkeit berufen. Liebst du also den einen, und liebst den anderen nicht, so liebst keinen um Gottes Willen und aus dem Grund der Nächstenliebe. 

 

3. Zwar verpflichtet die Nächstenliebe nicht, alle Menschen auf gleiche Weise zu lieben. Bei ewigem Fluch aber verbietet sie, auch nur einen Menschen zu hassen. Vorziehen dürfen wir allerdings bei gleichen Verhältnissen den Verwandten dem Fremden, den Christen dem Juden, den Gerechten dem Sünder. Niemand aber dürfen wir von der christlichen Nächstenliebe ausschließen, und verpflichtet sind wir in Notfällen, allen ohne Unterschied zu Hilfe zu kommen. Wer aus Neigung liebt, liebt als Mensch. Wer ohne Neigung liebt, liebt als Christ. Wer gegen seine Neigung liebt, der liebt als ein Heiliger. 1 Johannes 3,18: "Meine Kinder, wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit."

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Betrachtung am 12. September - Von der Verehrung der allerseligsten Jungfrau

 

Maria, süße Mittlerin

Bei Jesus, deinem Sohne.

O sprich in mildem Muttersinn

Für mich an seinem Throne.

All meine Hoffnung ruht auf dir,

O neige huldreich dich zu mir.

 

1. Zahllose Tempel und Altäre, die der glorreichen Gottesgebärerin Maria in der ganzen heiligen Kirche errichtet stehen, beweisen die Wahrheit ihres prophetischen Ausspruchs: "Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig." So Großes tat der Allmächtige an ihr, dass Himmel und Erde darüber erstaunen, denn er verlieh ihr, ein und denselben Sohn mit ihm gemeinsam zu haben, den alle Engel anbeten. Wer vermag es demnach, die Würde der Mutter Gottes auszusprechen, in deren Lob alle heiligen Väter sich erschöpften, und die die Kirche als die Zuflucht der Sünder und als die Hilfe der Christen anruft?

 

2. Die Gemeinschaft der Heiligen ist ein Artikel unseres heiligen Glaubens. Nimmermehr aber ist diese himmlische Gemeinschaft müssig. Die glorreiche Kirche des Himmels bittet für die streitende Kirche auf Erden. Es sehnen sich die Heiligen, dass die Anzahl der Anbeter Gottes im Reich seiner Glorie vermehrt werde. Beteten schon die Heiligen des alten Bundes für ihre streitenden Brüder auf Erden (2 Makkabäer 15): wie weit mehr die Heiligen in der glorreichen Anschauung, und wie ohne Vergleich mehr die Königin aller Heiligen, die den unendlichen Wert der Seelen unter dem Kreuz kennen lernte, als ihr göttlicher Sohn sein Blut bis auf den letzten Tropfen vergoss, vom ewigen Tod sie zu erlösen.

 

3. Unsere heilige Vorzeit, die von Liebe zu dieser Gebärerin unseres Heils durchdrungen war, sprach mit wunderbarer Salbung und Lieblichkeit von der Größe und Herrlichkeit der jungfräulichen Mutter Gottes. Unsere überweise Zeit hingegen, ängstlich, ja nicht zu viel zu sagen, verlor über dieser Ängstlichkeit die Andacht zu Maria und die Früchte, die durch sie zu uns Menschen kommen. Wie wohlgefällig aber die Andacht zu seiner hochgebenedeiten Mutter dem Herrn ist, dies beweisen, wenn auch alle Zungen schwiegen, die Steine so vieler Gnadenorte, und die Geschichten aller christlichen Nationen. Verehren wir diese unsere liebevolle Fürsprecherin bei ihrem göttlichen Sohn, und rufen wir täglich zu ihr, wie die vom Heiligen Geist erleuchtete Kirche und lehrt: "Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen."

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Betrachtung am 13. September - Vom körperlichen und geistigen Aussatz

 

O sieh den Aussatz, Herr, der mich bedeckt,

Und heile mich durch dein allmächtig Wort,

Dann walle ich durchs Leben unbefleckt

Bis in der reinen Heimat freudig fort.

 

1. Niemand kann lange mit Aussätzigen umgehen, ohne selbst aussätzig zu werden. Also wird auch, wer noch nicht lasterhaft ist, durch den Umgang mit Bösen unfehlbar in kurzer Zeit lasterhaft werden. Die mit körperlichem Aussatz Behafteten werden, die Gefahr der Ansteckung zu verhüten, weit von den Wohnungen der Gesunden entfernt. Jene dagegen, die mit geistigem Aussatz behaftet sind, finden sich überall, und wollen wir nicht von dem Gift ihrer Laster angesteckt werden, so müssen wir selbst uns fern von ihnen halten. Denn es ist ein Ausspruch des Heiligen Geistes: "Wer die Gefahr liebt, der wird darin umkommen." (Sirach 3,27) Kein Verdammter ist in der Hölle, der nicht klagte, das Beispiel der Lasterhaften habe ihn dahin gebracht.

 

2. Die zehn Aussätzigen, die Jesus von fern sahen, erkannten ihre Krankheit. Sie waren von ihrem Elend durchdrungen. Sie sehnten sich nach Heilung, und flehten mit rührender Stimme zum Herrn, ihrer sich zu erbarmen. Der gütige Heiland aber, von ihrem Elend gerührt, sandte sie zu den Priestern, und sie gehorchten und wurden gesund. Die geistig Aussätzigen hingegen erkennen ihre Krankheit nicht. Vielmehr sind sie wütend über die, die sie für krank halten. Nichts wollen sie von Jesus, noch weniger von seinen Priestern wissen, und darum auch bleiben sie unheilbar, und sterben in ihren Sünden. Dies aber wird auch dir widerfahren, wenn du ihre Gesellschaft nicht meidest.

 

3. Verschwende deine Liebe nicht an solche, die du nicht ewig lieben kannst. Versuche nicht solchen zu gefallen, die Gott missfallen. Und halte dich fern von solchen, die sich von Gott entfernen. Nicht wenige sogar, die in der Absicht mit ihnen umgingen, sie zu bessern, wurden vom Strom ihrer arglistigen Reden und Beispiele fortgerissen, so wie mancher, der einen Ertrinkenden retten wollte, selbst in den Fluten umkam. Dazu wird eine besondere Gnade Gottes erfordert. Wie aber darfst du solche ohne Vermessenheit dir zuschreiben, wenn du ohne Not dich in die Gefahr begibst? 2 Thessalonicher 3,6: "Im Namen Jesu Christi, des Herrn, gebieten wir euch, Brüder: Haltet euch von jedem Bruder fern, der ein unordentliches Leben führt und sich nicht an die Überlieferung hält, die ihr von uns empfangen habt."

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Betrachtung am 14. September - Am Fest Kreuzerhöhung

 

Sieh, Jesus hat zum Heil der Welt,

Zu einem Quell der Gnaden

Sein Kreuz auf hohen Berg gestellt;

Dort heilet Adams Schaden.

Er löset aller Sünden Haft,

Und strahlet Segen, Licht und Kraft.

 

1. Das Fest der Erhöhung des heiligen Kreuzes ist das Fest aller Christen: denn das Kreuz unterscheidet uns von den Heiden, und ärmer als die Heiden sind wir, wenn wir das heilige Kreuz nicht lieben und umfangen. Es gibt jedoch nicht nur ein materielles, sondern auch ein geistiges Kreuz. Das erste heiligte unser göttlicher Erlöser durch die Berührung seines heiligsten Leibes, das zweite durch die Berührung seines heiligsten Herzens. Durch diese göttliche Berührung erleichterte und versüßte er seinen Jüngern beide Kreuze so sehr, dass er uns folglich von der Zahl seiner Jünger ausschließt, wenn wir uns noch weigern, ein so leichtes Kreuz zu tragen.

 

2. Zu überaus hoher Ehre erhob Jesus diese beiden Kreuze. Das erste erhöhte er zum Thron seiner Herrlichkeit, zum Schauplatz seiner Güte, zur Lehrkanzel seiner Weisheit, zum Richterstuhl seiner Gerechtigkeit. Das zweite erhöhte er zu einer Leiter des Himmels, zur Pforte des Lebens, zur Siegesfahne des Heils und zum sicheren Unterpfand unserer Auserwählung. Darum müssen auch wir selbst jedes dieser beiden Kreuze erhöhen, wenn wir an deren Verdiensten Anteil erhalten wollen. Erhöhen müssen wir das erste durch geduldige und liebevolle Hingabe zu allen körperlichen, das zweite zur Erduldung aller geistigen Leiden. Wie aber hast du dies bis jetzt getan? Beide Kreuze verschmähst du, und willst weder dem Körper noch der Seele nach leiden.

 

3. Das Kreuz heiligt die Gerechten, es bekehrt die Sünder und tröstet die Büßer. Das Kreuz öffnet den Himmel und schließt die Hölle. Das Kreuz erfreut die Engel und treibt die bösen Geister in die Flucht. Das Kreuz ist das Symbol unseres Glaubens, die Grundfeste unserer Hoffnung, der feurigste Antrieb unserer Liebe. Das Kreuz verleiht den Sakramenten ihre Kraft und den Christen ihre Würde. Nur der Ungläubige verabscheut das Kreuz. Gleichst du aber nicht diesen hoffnungslosen Menschen, wenn du vor dem Kreuz dich entsetzt und dich für unglücklich hältst, wenn irgendeine Trübsal dir widerfährt? Bedenke, dass ohne Kreuz kein Segen gegeben wird. Lukas 14,27: "Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein."

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Betrachtung am 15. September - Über die Vergessenheit des Leidens und Todes Jesu

 

Wer da gedenkt, o Jesus, deiner Leiden

Und deines Kreuzestodes bittrer Pein,

Den kann nicht Tod noch Leben von dir scheiden,

Er ist durch zarte Liebe ewig dein.

 

1. Eine Wohltat zu vergessen ist Verachtung des Wohltäters. Ist vollends die Wohltat ausgezeichnet, und wurde unser Glück dadurch begründet, so ist diese Vergessenheit, dieser Undank ein Merkmal des niedrigsten Herzens. Bedenkst du auch, was Jesus für dich getan hat? Der ewigen Todesstrafe hat er dich gerissen, und das Reich der himmlischen Glorie dir erworben. Ist dies etwa das Geschenk einer Kleinigkeit, dass du dessen niemals mit dankbarem Herzen gedenkst? Willst du aber wissen, um welchen Preis, so betrachte seine Todesangst, seine Geißelung, seine Krönung, betrachte ihn am Kreuz. Hätte ein Freund dies für dich getan, so wäre dein Undank ihm gegenüber unverzeihlich. Meinst du aber, dein Erlöser wird dir schon deinen Undank verzeihen?

 

2. Worin liegt wohl der Grund dieser so beleidigenden Gleichgültigkeit? Darin, dass dich nur anspricht, was die Sinne ergötzt, und du alles Leiden verabscheust. Du weichst dem Anblick deines gekreuzigten Heilandes aus, weil er eine beständige Rüge deiner Sinnlichkeit, deines weichlichen Lebens ist, und deine Ausschweifungen verdammt. Ist aber deine Liebe zu Gott, ja ist deine Liebe zu dir selbst noch nicht gänzlich in dir erstorben, so verweile mit betrachtendem Blick vor dem Bild des gekreuzigten Jesus, und dieser Anblick wird dein Herz heilsam erschüttern und umwandeln. Er wandelte das Herz des Schächers um, und führte nicht wenige Sünder zur Bekehrung.

 

3. Wer in den blühenden Tagen seines Lebens seinen göttlichen Wohltäter vergisst, den wird er an seinem letzten Tag vergessen. Sprechen wird er zu allen, die durch so unverzeihlichen Undank ihn beleidigten: "Ich kenne euch nicht." Welchen Eindruck kann auch je in der Todesstunde der Anblick des gekreuzigten Heilandes auf ein hartes und gefühlloses Herz wirken, das seiner im Leben höchst selten und nur mit größter Kälte gedachte? Eine schreckliche, aber gerechte Vergeltung ist das. Lass keinen Tag vorübergehen, ohne der unermesslichen Liebe und des bittersten Leidens deines göttlichen Heilandes zu gedenken, und aus innerstem Grund des Herzens für diese unendliche Wohltat ihm zu danken. Jesaja 17,10: "Denn du hast Gott, der dich rettet, vergessen; an den Felsen, auf dem du Zuflucht findest, hast du nicht mehr gedacht."

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Betrachtung am 16. September - Vom Undank gegenüber Gott

 

Herr, ohne Zahl, gleichwie des Meeres Sand,

Empfing ich täglich Gaben deiner Hand.

Doch brachte, ach, ich karg und undankbar,

Mein Gott, dir selten Lobpreis dar.

 

1. Nichts ist in der Welt so sehr verhasst, als der Undank. Leichter bekennt ein Mensch alle anderen seiner Laster, als diesen Schandfleck des Herzens. Nur Gott gegenüber schämt sich niemand, undankbar zu sein. Betrachten aber die Menschen, die doch einander so wenig geben können, einen Undankbaren als ein Ungeheuer: wie schwer ist erst dieses Laster gegen Gott? In Angst, Not und Gefahren bitten, rufen und flehen wir zur göttlichen Barmherzigkeit, verheißen Besserung des Lebens und tun große Gelübde. Erhört aber der himmlische Vater unser Gebet, dann ist, wie bei den geheilten Aussätzigen, unter zehn kaum einer, der Gott die Ehre gibt.

 

2. Von wem hast du mehr Wohltaten empfangen, als von deinem Gott? Wie aber hast du ihm vergolten? Ja hast du seine Gaben auch nur gezählt? Oder hast du sie je dankbar in deinem Herzen erwogen? Mit welchem Auge würdest du einen Menschen betrachten, der, nach großen Wohltaten, so kaltsinnig gegen dich wäre, als du gegen deinen allerhöchsten Wohltäter dich erzeigst? Und sieh, kein Tag vergeht, an dem du nicht neue Wohltaten aus seiner Hand empfängst. Wo bleibt deine Danksagung? Glaubst du, er sei gleichgültig zu deiner Vergessenheit, zu deinem Kaltsinn? Wie wirst du einst seinen Anblick ertragen, wenn du bei seinem Gericht sehen wirst, dass du das undankbarste aller Geschöpfe warst?

 

3. Ja nimmer lässt der Vater der Erbarmungen ab, seine Gaben über die Menschen auszugießen. Dies wissen sie sogar, und wie entsprechen sie dieser unendlichen Güte? Durch Beleidigungen, durch Empörung gegen ihn. Seine Wohltaten selbst wenden sie an, sein Gesetz zu übertreten. Und dieser allmächtige Gott vertilgt sie nicht? Nein, immer verzeiht er ihnen, und dennoch kehren nur überaus wenige in sich. Wie oft hast auch du seine Wohltaten durch Beleidigungen vergolten. Kann er nicht auch zu dir, wie einst zu den Juden sagen: Viel Gutes habe ich dir erwiesen, um welcher Wohltat willen beleidigst du mich? Ach, mein Gott, verzeihe meiner Blindheit, immerdar will ich meinen Undank beweinen. Psalm 116,12: "Wie kann ich dem Herrn all das vergelten, was er mir Gutes getan hat?"

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Betrachtung am 17. September - Die Folgen der lässlichen Sünde

 

Ist nicht der höchste König unser Gott?

Warum denn dienest du ihm nur zum Spott?

Bringt ihm dein Dienst, - bringt nicht er dir Gewinn?

Verjagt er dich, wo dann gehst je du hin?

 

1. Die Heiligen zitterten, eine lässliche Sünde zu begehen, weil sie, wie die Heilige Schrift sich ausdrückt, den Heiligen Geist betrübt, und der Seele mehr schadet, als die ganze Hölle ihr schaden kann. Wie aber geschieht es je, dass du, die du so viele und so bedeutende lässliche Sünden, und zwar freiwillig und mit Vorbedacht begehst, nicht zitterst, von Gott verlassen zu werden? Wahrlich, alle Ursache hast du, zu fürchten, dass er seine Gnade dir entzieht. Meinst du, er wird eine undankbare Seele seines besonderen Schutzes würdigen, die da meint, sie tue ihren Pflichten genug, wenn sie Gott nicht auf das Heftigste beleidigt, und nicht darauf achtet, dass sie jeden Tag eine Menge Dinge tut, die ihm missfallen?

 

2. Würdest du einen Arbeiter lange in deinem Dienst behalten, der zwar grundsätzlich treu wäre, sonst aber unbescheiden sich verhält, nur mit Widerwillen die Arbeit verrichtet, ohne Anstand mit dir redet, und jede Dienstpflicht mit Protest verrichtet? So ein Arbeiter bist du. Bedenke, ob du auch nur ein Werk vollbringst, an dem nichts zu beanstanden wäre? Das eine ist durch Eitelkeit, das andere durch Trägheit, dieses durch Eigennutz, jenes durch Sinnlichkeit verdorben. Und du erachtest, Gott werde einen solchen Arbeiter ertragen, den du selbst nicht behalten möchtest? Zittere, dass er seine Gnade dir hinwegnimmt, wie das Talent diesem trägen Knecht hinweggenommen wurde, der sich damit begnügt hatte, es nicht zu vergeuden. 

 

3. Erwecke doch deinen Glauben. Wenn du nur fürchtest, Gott zum Feind zu haben, und es dir gleichgültig ist, ob du durch Treue und Liebe seine Freundschaft gewinnst, so schwebst du in äußerster Gefahr, denn du dienst ihm nicht um Seinetwillen, sondern einzig aus Furcht, verdammt zu werden. Eine solche Gesinnung flößt Entsetzen ein, denn sie ist der Anfang der Verlassenheit und der Verwerfung. Sinke zu seinen Füßen, und versuche durch deine Tränen und deine Reue sein beleidigtes Vaterherz zu versöhnen und seinen barmherzigen Schutz noch einmal zu erlangen. Offenbarung 3,16: "Weil du aber lau bist, weder heiß noch kalt, will ich dich aus meinem Mund ausspeien."

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Betrachtung am 18. September - Die Mittel, die Reinheit des Herzens zu erlangen

 

Mein Gott, erhöre mein Verlangen,

Und lass mich Reinheit erlangen,

Durch die mein Herz sich frei erhebt,

Und bis zu dir, mein Schöpfer, schwebt.

 

1. Ein reines Herz ist ein Herz, das von den Geschöpfen und von sich selbst gelöst ist, und im Umgang mit der Welt sich unbefleckt erhält. Das ist eine so edle als seltene, aber allen Auserwählten notwendige Tugend. Diese Reinheit des Herzens zu erlangen, ist die tägliche Betrachtung des Todes überaus wirksam. Denn betrachtest du oft und ernsthaft die Asche und Fäulnis des Grabes in der Nähe, in die alles zerfällt, was Ruhm, Lust und Herrlichkeit der Welt genannt wird, unfehlbar werden dann die Augen über diese vorüberfliehenden Schatten dir aufgeben. Lösen werden sich die Bande, die an diese gebrechlichen Dinge dich fesseln, und ausrufen wirst du mit den Weisen: "O Eitelkeit der Eitelkeiten, und alles ist Eitelkeit." 

 

2. Betrachtest du überdies dich selbst jeden Tag, als würdest du bereits auf dem Totenbett liegen, dann wird die Torheit dir fühlbar werden, dein Herz an ein scheinbares Nichts zu heften, das gleich einer Seifenblase sich auflöst. Worin liegt der Grund deiner beständigen Angst, deiner Täuschung und Verunreinigung durch den Zauber der Welt und deiner Leidenschaften? Darin, dass du des Todes nicht eingedenk bist, der bereits den Pfeil an seinen Bogen gelegt hat, nach dir zu zielen, und nicht bedenkst, dass der Gerechte, ungeachtet seiner Wachsamkeit und seiner Tugenden, kaum selig wird. Diese Dinge führe jeden Tag ernsthaft zu Gemüte, und die Täuschung wird von dir fliehen, lösen werden sie allen Zauber, und dein Herz von allen unreinen und sündhaften Gedanken und Begierden befreien.

 

3. Endlich müssen wir, uns rein zu erhalten, vor allem gefährlichen Umgang gleich dem Aussatz fliehen. Wie ist es je möglich, sinnlicher Gedanken sich zu erwehren, wenn wir oft in gefährlicher Gesellschaft sind? Wachen müssen wir uns unsere Sinne bezähmen, sonst ist keine Reinheit möglich. Durch Abtötung müssen wir unseren Körper dem Geist unterwerfen. Ohne Salz geht das Fleisch in Fäulnis über, und ohne Abtötung wird der Leib dem Geist nimmermehr gehorchen. Anhaltendes und eifriges Gebet aber wird uns die Kraft zu diesen heiligen Übungen vom Herrn erbitten. Matthäus 26,41: "Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet. Der Geist ist willig, aber der Geist ist schwach."

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Betrachtung am 19. September - Die Unmöglichkeit, zwei Herren zu dienen

 

Dir, Herr, will ungeteilt ich dienen,

Der du zu deinem Dienst mich schufest.

Wie selig ist, wen du berufest.

Denn Liebe ist dein Dienst und süße Rast,

Der Dienst der Welt ist schwere, bittre Last.

 

1. "Niemand", spricht der Herr, "kann zwei Herren dienen", zumal wenn jeder dieser Herren verlangt, was mit dem Dienst des andern sich nicht vereinbaren lässt. Nur ein Herz haben wir, dies aber kann nicht zugleich dem Schöpfer und dem Geschöpf, dem Himmel und der Erde, der Frömmigkeit und der Begierlichkeit dienen. Notwendig müssen wir dem einen anhängen, und das andere verschmähen. Wie auch kann je, wer in Überfluss und Glanz, in Ehren und Lüsten lebt, ein armes, demütiges, verborgenes, abgetötetes Leben lieben? Torheit ist so ein Leben in seinen Augen, und er verachtet diejenigen, die es führen. 

 

2. Noch anschaulicher wird diese Unmöglichkeit, wenn wir die Gesetze betrachten, die diese beiden Herren uns vorschreiben, und die einander geradezu widersprechen. Die Habgier verschlingt alle Gedanken des Geizigen: wann also wird er das Gesetz der Nächstenliebe und des Almosens befolgen? Unbekannt sind dem Ehrgeizigen die Vorschriften der Sittsamkeit: wird er also das Gebot der Demut nicht verlachen? Achtet etwa der Wollüstige das Gesetz der Sittlichkeit? Wie also wird er dem Gesetz der Buße und Abtötung sich unterwerfen? Woher auch unser eigener Missmut und die so vielfältigen Gedanken, die uns sogar im Gebet zerstreuen? Daher, weil wir das Unmögliche, weil wir zwei Herren dienen wollen. Dienten und liebten wir Gott allein, dann wäre unser Herz ruhig, und unser Leben friedlich und selig. 

 

3. Wir klagen zuweilen, dass wir keinen Geschmack im innerlichen Gebet empfinden, dass unsere Andachtsübungen uns nicht ansprechen, dass wir trockenen Herzens sind, und halten dies für eine Prüfung. Gehen wir dem Übel auf den Grund, so werden wir finden, dass unser Herz zwischen zwei Herren geteilt ist, und dass wir abwechselnd bald dem einen, bald dem anderen dienen wollen. Entsagen wir den Eitelkeiten der Welt, unserer Anhänglichkeit an vergängliche Dinge, unseren Leidenschaften und uns selbst, und wir werden die größte Freude im Dienst Gottes finden. 2 Korinther 6,14: "Beugt euch nicht mit Ungläubigen unter das gleiche Joch. Was haben denn Gerechtigkeit und Gesetzwidrigkeit miteinander zu tun? Was haben Licht und Finsternis gemeinsam?"

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Betrachtung am 20. September - Von Gottes allerhöchster Herrschaft

 

Die ganze Schöpfung, unser Gott, ist dein.

Du gabst den Wesen, was sie sind, zu sein.

Du bist ihr Herr und König; deinen Willen

Muss, was da lebt, nach deinem Recht erfüllen.

 

1. Gott ist der Schöpfer und allerhöchste Herr aller Wesen, seine Oberherrschaft über sie ist unveräußerlich, meine Abhängigkeit von ihm ist also wesentlich und unbegrenzt, denn ich bin ein Werk seiner Hände. Notwendig und unbedingt gehöre ich ihm an, er hat das vollkommenste Recht, ganz nach seinem Willen mit mir zu verfahren. Gab er mir einen freien Willen, so gab er ihn mir nur, damit meine freie Unterwerfung ihn ehrte, und mir zum Verdienst gereichte. Wie glückselig bin ich, von dir, mein Gott, dem allmächtigsten und gütigsten Herrn, abzuhängen. Aus freier Wahl will ich dir dienen, Herr. Schalte mit mir nach deinem Wohlgefallen.

 

2. Gottes Oberherrschaft umfasst alles. Meine Abhängigkeit von ihm und mein Gehorsam ihm gegenüber müssen daher ohne Vorbehalt, ohne Ausnahme sein. Denn alles, was ich bin und habe, alles, was ich in Ewigkeit sein und haben kann, kommt nur von ihm allein. Ich kann also über keinen Gedanken, über keine Regung meines Herzens gegen seinen Willen verfügen, ohne eine Ungerechtigkeit zu begehen. Denn als Herr des Baumes ist er allerdings auch Eigentümer aller seiner Früchte. Wie aber habe ich dies heilige Gesetz bis jetzt beobachtet. Ach, mein Schöpfer, gelebt habe ich, als hätte ich mich selbst erschaffen. Doch nimm meine Gelübde barmherzig auf, dir von nun an gänzlich anzugehören, und gestatte nicht, dass ich jemals wieder von dir getrennt werde.

 

3. Gottes Oberherrschaft ist ewig, und kann durch keine Zeit begrenzt werden, ebenso wenig kann eine Zeit meine Abhängigkeit von ihm begrenzen. Denn er ist es, der in jedem einzelnen Augenblick mir das Leben fristet, durch seine Wohltaten erhält und beschützt. Es gibt also keinen Augenblick, wo ich nicht von ihm abhinge. Wie selten, mein Schöpfer, habe ich bis jetzt diese große Wahrheit beherzigt. Wie selten dir aus ganzem Herzen gedankt, und wie übel auch habe ich dir gedient, da kaum eins meiner Werke deiner würdig ist. Nimm mich, mein Gott, als dein wahres Eigentum auf, und verleihe mir, dir würdig zu dienen. Deuteronomium 6,13a: "Den Herrn, deinen Gott, sollst du fürchten; ihm sollst du dienen."

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Betrachtung am 21. September - Ein Blick in die Natur

 

O Allmacht, Schöne, Weisheit, Licht.

Du schufst die Welt zu deiner Ehre.

Dich preisen aller Wesen Heere,

Doch fassen sie dich ewig nicht.

 

1. "Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen!" (Matthäus 6,28) Ein wunderbares, vom Finger Gottes selbst beschriebenes Buch ist das ganze Weltall, dessen Züge die weise Seele zur Bewunderung und Liebe ihres Schöpfers hinreißt. Denn kein Geschöpf ist so klein, keins so verächtlich, dass nicht Gottes Allmacht, Weisheit und Güte daraus hervorleuchtete. Wie deutlich bezeugt die Schönheit der geringsten Feldblume, des kleinsten Käfers die unendliche Schönheit ihres Urhebers. Wahrlich, nicht geringeres Erstaunen verdient es auch, dass auf Gottes Geheiß der Saft der Trauben jährlich in Wein sich verwandelt, als dass einst zu Kana Wasser in Wein sich umwandelte. Größeres auch ist es, täglich so vielen, die nicht waren, Dasein, als jenen, die gestorben waren, das Leben zu geben.

 

2. Wie mannigfaltig und wie zahllos sind auch Gottes Werke. Wer zählt die Sterne des Himmels, die Fische des Meeres, die Vögel der Luft, die Blumen des Feldes. Wer misst die Höhen des Himmels, die Tiefen des Abgrundes, die Strömungen der Flüsse, die Verteilung der Elemente. Wen entzückt nicht der Gesang der Nachtigallen, die Düfte der Rosen und Lilien, der Geschmack der verschiedenen Früchte. Was auch ist lieblicher als das Licht, freundlicher als der Anblick der Sonne, des Mondes und der Sterne, holdseliger als die Frühlingszeit, wo die ganze Natur in neuem Schmuck erwacht, und alle Pflanzen und Kräuter sich neu verjüngt erheben, als hätten sie den Tod besiegt, und den Stand und die Herrlichkeit der künftigen Auferstehung im Bild schildern. 

 

3. Wie schön ist alles, was Gott erschaffen hat. Und wie wunderbar ist der innige Zusammenhang, wie erstaunlich die Übereinstimmung aller einzelnen Geschöpfe zu dem prachtvollsten Ganzen. Wie schön, wie hochherrlich ist, der so viel Schönem und Herrlichem Dasein gab. Wie gütig, wie freigebig der, dessen Geschenk dies alles ist. Bewundere den Meister in seinen Werken, den Schöpfer in seinen Geschöpfen, den Wohltäter in seinen Geschenken. Psalmen Davids: "Wie groß und herrlich, o Herr, sind deine Werke. Alles hast du weise gemacht. Deine Schöpfung entzückt mich, und frohlocken will ich über die Werke deiner Hände." 

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Betrachtung am 22. September - Von den überflüssigen Sorgen des Lebens

 

Du gabst mir, Herr, dies Pilgerleben

Zur Reise in die Ewigkeit.

Wie solltest du nicht auch mir geben,

Was ich bedarf in dieser Zeit.

Du nährst und führest, was da lebt:

Dies ist´s, mein Gott, was mich erhebt.

 

1. Die übertriebene Sorge um die Bedürfnisse dieses Lebens entspringt dem Blödsinn eines undankbaren Herzens, das alle früheren Wohltaten Gottes vergisst, und nicht einsieht, dass sie ein Unterpfand sind, dass Gott auch in Zukunft für uns sorgen wird. Wie können wir je fürchten, dass Gott, der uns das Leben selbst gegeben hat, uns die Mittel versagen wird, es auch zu erhalten. Wie auch kann je ein Herz, das die Wunder der Vorsehung betrachtet, einer solchen Ängstlichkeit Raum geben. Täglich empfangen die Vögel des Himmels ihre Speise aus der Hand der Vorsehung, in wunderbarer Pracht stehen die Blumen des Feldes geschmückt, und unser himmlischer Vater sollte uns vergessen, die wir durch ihn im Dasein sind. Eine Gotteslästerung ist ein solcher Gedanke.

 

2. Einem heidnischen Herzen, das Gott nicht kennt, ist so ein Misstrauen natürlich, denn die Götzen der Heiden sind blind, gefühllos und ohne Leben. Teilen aber wir, die wir durch unseren göttlichen Mittler Kinder Gottes wurden, und Gott täglich unseren Vater nennen, nicht dieses Misstrauen mit den Heiden, wenn wir fern von der Gesinnungen sind, die sich für wahre Kinder gehören? Und was hilft uns unsere Besorgnis? Hilft sie etwa unserer Not ab? Erkennen wir unser Unvermögen und die Allmacht und liebevolle Fürsorge Gottes, der die Welt erschaffen hat und regiert. Er, der für alle Wesen sorgt, wird mit Liebe für uns sorgen, wenn wir ihm in Liebe dienen.

 

3. Hüten wir uns vor diesem sündhaften Misstrauen. Suchen wir, nach der Ermahnung unseres Herrn, vor allem das Reich Gottes. Arbeiten wir nach seinem Willen in unserem Beruf, und es wird uns alles gegeben werden, was wir für dieses Leben brauchen. Sind wir bedacht, durch Werke der Gerechtigkeit das Reich Gottes zu verdienen und an himmlischen Gütern reich zu werden, nie wird es uns dann an irdischen fehlen. Nie verarmt, wer gute Werke tut, wohl aber verarmen oft diejenigen, die allzu reich werden wollen in dieser Welt. Psalm 37,25: "Einst war ich jung, nun bin ich alt, nie sah ich einen Gerechten verlassen noch seine Kinder betteln um Brot." 

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Betrachtung am 23. September - Die Ermunterung zum Dienst Gottes

 

Das Weltall steht zu Gottes Ehre,

Ihm dienen aller Engel Heere;

In seinem Dienste ist ihr höchstes Glück:

Und du, geliebte Seele, bliebst zurück?

 

1. Wir sind in dieser Welt nur, um Gott zu lieben und ihm zu dienen. Dies ist unser ganzes und einziges Tagewerk. Die Gründe, die uns verpflichten, ihm heute zu dienen, verpflichten uns, ihm alle Tage unseres Lebens zu dienen. Denn wie gestern, so hängen wir auch heute von ihm ab. Niemals hören wir auf, seine Geschöpfe zu sein. Niemals also dürfen wir aufhören, ihn zu lieben und ihm zu huldigen. Ja es vergeht auch kein Augenblick, wo er uns nicht Wohltaten erzeigt: wie also dürfte es je einen Augenblick geben, wo wir ihm nicht dankbar wären? Von Ewigkeit hat er uns geliebt, so verwenden wir denn unser ganzes Leben, ihn zu lieben.

 

2. Je älter du wirst, um so dringender wird deine Pflicht, Gott zu dienen, weil seine Wohltaten mit deinen Jahren zunehmen. Überdenkst du alle Gnaden, die er, seit du auf dieser Welt bist, dir verliehen hat, alle Gefahren, aus denen er dich errettet hat, alle Übel, vor denen er dich bewahrt hat, alle Gaben des Lebens, mit denen er dich beschenkt hat, dann wirst du allerdings bekennen müssen, dass du ein Schuldner bist, der gänzlich außer Stande ist, zu bezahlen. Wie also geschieht es je, dass du so nachlässig im Dienst deines Schöpfers bist, als wärst du ihm nichts mehr schuldig?

 

3. Je älter du wirst, um so näher kommst du dem Tod und der Ewigkeit, um so eifriger solltest du also arbeiten. Wer muss je ernsthafter bedacht sein, seine Rechnungen zu ordnen, als derjenige, der im Begriff steht, Rechenschaft zu geben? Je näher ein Körper seinem Mittelpunkt kommt, um so schneller ist seine Eile. So eile denn auch du, alle Versäumnisse vor deinem Ende einzubringen, denn nicht sehr fern ist deine letzte Stunde. O wie schmerzlich wird dann deine große Nachlässigkeit dir fallen. Dann wirst du um Zeit bitten, und es wird keine Zeit mehr sein. Epheser 5,15-17: "Achtet also sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht töricht, sondern klug. Nutzt die Zeit; denn diese Tage sind böse. Darum seid nicht unverständig, sondern begreift, was der Wille des Herrn ist."

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Betrachtung am 24. September - Vom Reich Gottes

 

Dein Reich, o Herr, besteht durch alle Zeiten,

Glorreiche Himmelsbürger zu bereiten,

Die einst - zur Seligkeit erhoben -

Ewig dich loben.

 

1. Das Reich Gottes, das der Herr uns zu suchen befiehlt, ist ein Reich der Heiligkeit, ein himmlisches Reich, dessen Bürger als Fremdlinge hienieden vorübergehen, und durch Reinheit des Lebens für eine ewig glorreiche Heimat sich vorbereiten. Der König dieses Reiches ist Jesus, der, zwar unsichtbar und verschleiert, aber wahrhaft und wesentlich mitten unter seinem glückseligen Volk thront, jedem Zutritt gewährt, die Bitten aller erhört, und reichliche Gaben des Heils denjenigen erteilt, die sich ihm nähern mit Liebe und Vertrauen. Glückselig wir, die wir in diesem Reich leben, wenn anders wir seine Gerechtigkeit suchen. 

 

2. Die Gesetze dieses Reiches sind Gelehrigkeit des Geistes, Demut des Herzens, Reinheit der Sitten, Geradlinigkeit der Absicht, Liebe Gottes und des Nächsten. Die wesentlichste Beschäftigung, die eigentliche Aufgabe, die einzige Wissenschaft der Bürger dieses himmlischen Reiches ist, nach dem Geist ihres göttlichen Königs sich zu bilden, ihr Leben nach dem seinigen zu ordnen, für ihn zu leben, zu leiden, zu kämpfen und zu sterben, und alle - kleinen wie großen - Werke auf dies hohe Ziel zurückzuführen. Die Belohnungen aber, die der himmlische König seinen Bürgern unterdessen erteilt, sind: Friede des Gewissens, Freude im Heiligen Geist, Überfluss an geistigen Gütern und das Unterpfand ihrer künftigen Glorie. Wie lebst du in diesem Reich? Kannst du mit Wahrheit sagen, dass du eine Bürgerin in ihm bist?

 

3. Dieses Reich ist inwendig in uns. Denn die Seele des Gerechten ist ein Thron Gottes, der sie durch seinen Geist regiert. Es ist aber auch ein äußerliches Reich, das alle Auserwählten aus allen Völkern und Zungen in sich vereint. Alle Bürger dieses Reiches sind ein Leib, da alle von dem einen lebendigen Brot essen, das täglich vom Tisch Gottes kommt, sie zum ewigen Leben zu nähren. Alle leben in einem Glauben, in einer Liebe, in einer Erwartung ihrer seligen Umwandlung. Suchen wir ohne Unterlass die Gerechtigkeit dieses Reiches, dass wir würdig werden, die Stimme unseres Königs zu hören (Matthäus 25,34): "Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters, nehmt das Reich in Besitz, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt."

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Betrachtung am 25. September - Über den letzten Augenblick des Lebens

 

Die Zeit verläuft, ja bald ist sie verlaufen;

Kein Augenblick ist dann mehr zu erkaufen.

Was säumest du? Der Weg ist nicht mehr weit,

Und plötzlich stehst du in der Ewigkeit.

 

1. Vom letzten Augenblick unseres Lebens gilt jener feierliche Ausspruch der Offenbarung des heiligen Johannes 10,6b: "Es wird keine Zeit mehr bleiben." Dies ist für uns das Ende der Welt, das Ende deiner Freuden und deiner Leiden, deiner Sünden und deiner Buße. Nun folgt keine Zeit zu Verdiensten mehr. Wie wirst du dann über die Vergangenheit denken? Was wirst du von den irdischen Gütern halten? Mit welchen Augen wirst du gute und heilige Werke betrachten? Willst du denn aber, um richtig zu urteilen, diesen letzten Augenblick abwarten, der über alle Augenblicke deines Lebens entscheidet? Was möchtest du bei diesem Übergang in die Ewigkeit getan haben? Wird dann die Frömmigkeit dir beschwerlich, das Kreuz unerträglich erscheinen?

 

2. So tue denn nun, was dann dir unmöglich sein wird, und was du dennoch sehnlich, aber vergeblich, wünschen wirst getan zu haben. Sieh, schon ist diese letzte Stunde beinahe vor der Tür. Sie naht mit Riesenschritten heran, immer näher schreitest du der Ewigkeit. Ankommen wirst du endlich, eingehen wirst du in sie, von wo niemand zurückkehrt. Sollen wir etwa der wenigen Tage wegen, die uns vielleicht noch bleiben, alles aufs Spiel setzen? Alles ohne Abhilfe verlieren? Was wird je dich wecken, wenn dieser Posaunenschall dich nicht weckt? O bedenke dies ernsthaft, und halte dich bereit, oder vielmehr, bedenke es ernsthaft, und du wirst immer bereit sein. 

 

3. Soll ich denn mein ganzes Leben in Buße zubringen? Dieser Gedanke erfüllt dich mit Entsetzen. Wer versicherte dich denn aber, dass dein Leben so lange dauern werde? Sterben nicht täglich Menschen deines Alters? So sehr aber dieser Gedanke nun dich erschreckt, mit so überschwänglicher Freude wird er dann dich erfüllen. Du schreitest nun gleichsam zwischen zwei Ewigkeiten, und dein künftiges glückseliges oder unglückseliges Los liegt in deinen Händen. Bedarf es noch einer Überlegung, um zu entscheiden? Die ganze christliche Weisheit besteht darin, alle Augenblicke des Lebens nach jenem großen und letzten Augenblick zu ordnen, wo die Zeit endet und die Ewigkeit beginnt. Psalm 77,6: "Ich habe der uralten Tage gedacht, und längst vergangene Jahre sind mir in den Sinn gekommen."

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Betrachtung am 26. September - Das Begräbnis

 

In des Todes dunkler Kammer

Schweigt die Lust und schweigt der Jammer;

Alles Leben ist verklungen

Und ins Jenseits eingedrungen.

 

1. Tritt hinzu, betrachte diesen Menschen. Soeben ist sein Licht erloschen. "Er ist tot!" rufen die erschrockenen Freunde und Hausgenossen. Reichtum, Haus, Vermögen, Hoffnungen, alles ist für ihn vorüber. Ja auch die Zeit, die kostbare Zeit ist vorüber, kein gutes Werk kann er mehr tun, kein Verdienst für den Himmel mehr erwerben. Schon ist sein Urteil für die ganze Ewigkeit gesprochen, ja dieser Körper selbst ist gerichtet, es ist der Körper eines Auserwählten oder eines Verworfenen. Würde Gott ihn vom Tod erwecken: wie hoch würde er eine Stunde Zeit, eine Einflößung der Gnade, ein gerechtes Werk achten. Führen wir uns dies tief zu Gemüte.

 

2. Sieh, dies prächtige Gebäude, diese kostbaren Mobilien, dieser glänzende Reichtum gehörten ihm. Was ist nun sein? Dies Totenhemd, dies Linnen, dieser Sarg. Fort wird er getragen aus seinem Haus, nie mehr dahin zurückzukehren, denn entstellt, hässlich ist sein Körper, und verbreitet einen unerträglichen Totengeruch. O Elend, o Eitelkeit. Dies also ist das Ende aller menschlichen Größe, dies der Unbestand aller irdischen Glückseligkeit. Und ich sollte mein Herz an solche Dinge heften? Fürchten wir Gott und seine Gerichte. Mögen die Menschen nach meinem Tod mich vergessen und mich verachten: nicht sie, mein Leben, meine Werke entscheiden mein ewiges Los.

 

3. Endlich liegt er unter der Erde. Eine enge, finstere, schauerliche Grabeshöhle ist nun sein Palast. Verweile auf dieser Begräbnisstätte. Welcher von diesen Toten war einst reich? Welcher war arm? Welcher groß? Welcher elend? Alle hat der Tod gleich gestellt. Was ist die lieblichste Schönheit im Grab. Ein Scheusal, dessen Anblick niemand ertragen kann. Betrachte sie jedoch, von der Verzauberung der Welt dich zu heilen. Sieh, dies ist das Ende aller menschlichen Schönheiten, das Ziel aller Lüste. Hier lerne deine Leidenschaften ersticken, deine Freude mäßigen, deine Begierden ordnen. Zu einer glorreichen Wohnstätte pilgern wir, die Verachtung alles Irdischen führt uns dahin. 2 Kor 5,1: "Wir wissen: Wenn unsere irdische Zeit abgebrochen wird, dann haben wir eine Wohnung von Gott, ein nicht von Menschenhand errichtetes ewiges Haus im Himmel."

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Betrachtung am 27. September - Von den Gefahren des Heils

 

Du wandelst, Seele, hier in Feindes Land,

Drum lege nie die Waffen aus der Hand.

Willst du dem Feinde nicht erliegen,

Musst ohne Unterlass du siegen.

 

1. Wir leben hienieden in feindlichem Land, und atmen eine giftige Luft. Wohin immer wir gehen, treffen wir allenthalben auf Versucher und Versuchungen. Bald tritt das Laster ohne Schleier auf, und lockt uns durch den Zauber der Beispiele an. Bald verbirgt es sich unter der Larve der Heuchelei, und berückt schwache Seelen, die nicht auf ihrer Hut sind. Wie viele sündigen und verführerischen Gespräche werden beinahe in allen Gesellschaften geführt, wie viele verborgene Schlingen gelegt. Und dennoch meiden wir die Gefahr nicht, ja wir setzen uns ihr mutwillig aus, und leben ohne Vorsicht, ohne Wachsamkeit. Dürfen wir uns wundern, wenn das Sittenverderbnis wie ein reißender Strom überhand nimmt, der selbst die höchsten Zedern entwurzelt. Wie werden wir ohne große Gewalt der Masse der Verworfenen entkommen?

 

2. Dazu kommt auch noch der Quell des Verderbnisses in unserem eigenen Inneren, der Zunder der sündhaften Begierlichkeit, der nur eines Funkens bedarf, das ganze Haus unseres Herzens zu entflammen. Darum warnt uns der göttliche Erlöser und spricht: "Wer seine Seele liebt, der wird sie verlieren; wer aber seine Seele in dieser Welt hasst, der wird sie für das künftige Leben bewahren." Liebt der je seine Seele, der sie so vielen Gefahren preisgibt, der sie durch sinnliche Lüste erniedrigt und gleichsam vertiert? Wie ließe sich je sagen, es liebe seine Seele, wer an ihrem Verderben, an ihrem ewigen Untergang arbeitet? 

 

3. Bekämpfst du dich weise, dann sicherst du dir ein ewiges Leben und erzeigst dir wahre Liebe. Denn wer seine Leidenschaften abtötet, seine Sinne in Knechtschaft hält, sein Kreuz umfängt und geduldig trägt, der will seiner Seele Gutes und verschafft ihr eine unsterbliche Seligkeit. Bekämpfst du dich nicht auf solche Weise, so wirst du niemals beginnen, dich zu lieben. So fasse denn einen großmütigen Entschluss und höre deine Eigenliebe nicht an, die allerdings sich mächtig widersetzen wird, sondern donnere sie durch den apostolischen Ausspruch nieder: "Wenn ihr nach dem Fleisch lebt, müsst ihr sterben; wenn ihr aber durch den Geist die sündigen Taten des Leibes tötet, werdet ihr leben." (Römer 8,13)

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Betrachtung am 28. September - Von den vier letzten Dingen

 

Gedenke ich der Dinge, die da kommen

Und ewig sind, dann wird mein Herz beklommen.

Die Sünde flieht, sie fürchtet das Gericht,

Und meine Seele ringt nach Gottes Licht.

 

1. Viele Gebete sandten die Heiligen zum Himmel um die Gnade, von Sünden sich rein zu erhalten. Der Heilige Geist aber legt uns dies Mittel selbst in die Hände, wo er spricht: "In allen deinen Werken gedenke deiner letzten Dinge, und du wirst ewiglich nicht sündigen." Er fordert nicht, dass wir gleich den strengsten Einsiedlern fasten oder uns geißeln, ja nicht einmal, dass wir diese letzten Dinge beständig betrachten, sondern nur, dass wir an sie bei unseren Werken denken. Gedenken sollen wir, dass wir selbst sterben, selbst vor Gottes Gericht erscheinen, selbst unser Urteil anhören müssen, denn nur so werden wir vor der Sünde bewahrt bleiben.

 

2. Eine große Kraft wohnt der Beherzigung unserer letzten Dinge inne. Das Andenken an den Tod verscheucht den Dünkel der Hoffart und Ehrsucht, die den Verstand verfinstern, und führt zur christlichen Klugheit.Die Erinnerung an das Gericht, wo alle Gedanken, Begierden, Absichten und Werke unseres Lebens durchforscht werden, erweckt heilsame Furcht und führt zur Gerechtigkeit. Die Vorstellung der Hölle drängt die Begierden zur sündigen Lust zurück, die so streng bestraft wird, und führt zur Mäßigkeit. Die Beherzigung der himmlischen Freuden endlich mildert alle Leiden und Widerwärtigkeiten, und verleiht dem Gemüt Stärke. Wo aber diese vier Haupttugenden herrschen, da bewahren sie den Menschen vor der Sünde. "So gedenke denn deiner letzten Dinge, und du wirst ewiglich nicht sündigen."

 

3. So leicht indessen dies Mittel ist, uns vor der Sünde zu bewahren, wenden dennoch nur wenige es an, weil diese Gedanken sie traurig empfinden. Christliche Seelen jedoch, die es anwenden, erfahren bald, dass diese Beherzigungen durchaus keine Schwermut und keinen Trübsinn mit sich führen, sondern dass sie je länger je lieblicher werden, da sie das Gewissen reinigen, und große Heiterkeit und Freude im Herzen erwecken, und es über sich selbst erheben. Darum auch gibt die Heilige Schrift diese Erinnerung als ein Mittel zur Freude an und spricht: "Lass keine Traurigkeit in dein Herz, sondern treibe sie von dir, und gedenke deiner letzten Dinge."

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Betrachtung am 29. September - Von der Pflicht, Gott immer eifriger zu dienen

 

Dir will ich leben, o mein höchstes Gut.

Es dringe deines heil`gen Eifers Glut

Tief bis in meines Herzens letzte Falte,

Dass bis ans Ende nimmer sie erkalte.

 

1. Meine Seele, je länger wir in diesem Tal des Kampfes pilgern, um so mehr sollen wir an Frömmigkeit und Eifer zunehmen. Denn größer sind nun unsere Kenntnisse und Erfahrungen, deutlicher sehen wir das Nichts und die Vergänglichkeit irdischer Dinge ein, und milder auch wurden durch das Alter unsere Leidenschaften, so dass es uns nun auf gewisse Weise leichter wird, Gott zu dienen, als in jüngeren Jahren. Überdies nahm auch die Anzahl der göttlichen Wohltaten mit unserem Leben zu, was uns nicht nur anregen soll, Gott inniger zu danken, sondern auch zu bedenken, dass von dem, dem viel gegeben wurde, auch mehr wird gefordert werden.

 

2. Je näher ein Körper seinem Mittelpunkt kommt, um so mehr beschleunigt er seinen Lauf. Also soll auch, je näher wir dem Ziel unseres Lebens kommen, unsere Frömmigkeit um so mehr an Innigkeit zunehmen. Bald werden wir vor Gott erscheinen, ihm Rechenschaft über unser ganzes Leben zu geben. Welcher mächtige Antrieb ist dieser Gedanke, uns beständig wachsam zu erhalten. Ist jede Stunde unseres Lebens kostbar, so sind nun, wo wir unserem Ziel mit jedem Tag näher kommen, unsere noch übrigen Stunden um so kostbarer, als sie nur noch in geringer Anzahl sind. So eilen wir denn, diese Stunden auf den Dienst unseres Gottes zu verwenden, und unsere himmlische Glorie zu vermehren.

 

3. Wie traurig ist es, Greise zu sehen, die, wie man sprichwörtlich zu sagen pflegt, bereits mit dem einen Fuß im Grab stehen, und noch immer mit allen ihren Gedanken nach höheren Ehren, nach Vermehrung ihrer zeitlichen Güter zielen, und so gierig an diesem Leben hängen, als sollte es ewig dauern. Ängstlich entfernen sie jeden Gedanken an den Tod und leben in beständiger Täuschung, bis der Tod sie plötzlich aus dem Leben ruft. Wie schrecklich aber wird ihr Erwachen in der Ewigkeit sein. Darum leben wir jetzt schon mit unseren Gedanken in der Ewigkeit, und verleben wir jeden Tag, als wäre er unser letzter, denn nicht lange, und unser letzter Tag wird wirklich erscheinen. Offenbarung 16,15: "Siehe, ich komme wie ein Dieb. Selig, wer wach bleibt."

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Betrachtung am 30. September - Die Unterlassungssünde

 

Dein Licht, o Weisheit, lehre mich

Mein Tagewerk in allen Dingen

Genau, wie Gott es will, vollbringen:

Damit von aller Schuld ich frei

Und seiner Gnade würdig sei.

 

1. Es genügt, die ewige Seligkeit zu erlangen, nicht, dass wir nichts Böses tun, tun auch müssen wir überdies alles Gute, dass Gott von uns verlangt. Ach, wie viele wurden verworfen, weil sie dies zu tun unterließen. Wie viele Eltern seufzen in der Verdammnis, weil sie die Erziehung ihrer Kinder vernachlässigten. Wie viele Vorgesetzte, die nicht über ihre Untergebenen wachten. Denn alle Sünden, die Kinder und Untergebene aus sträflicher Nachlässigkeit derjenigen begehen, die ihnen vorgesetzt sind, kommen auf ihre Rechnung, ob sie selbst auch unsträflich in ihrem Leben waren. Wer die Laster und Missbräuche nicht verhindert, die er verhindern soll, wird ihrer schuldig vor Gott.

 

2. Man entlässt Angestellte nicht immer wegen Diebstählen und Betrügereien. Meist ist ihre Trägheit, die Unterlassung ihrer Pflichten die Ursache, warum sie verabschiedet werden. Auch jener träge Knecht wurde nicht verworfen, weil er das Talent seines Herrn verspielt oder verprasst hatte. Sein ganzes Verbrechen bestand darin, dass er mit ihm nicht gewirkt, sondern es vergraben hatte. Ein fürwahr warnendes Beispiel für uns. Du wirst vielleicht nicht verdammt werden, weil du fremdes Gut zurückbehalten oder sonst schwere Sünden begangen hast, aber kommst du auch den Armen zu Hilfe nach deinem Vermögen? Erfüllst du pünktlich die Pflichten die Pflichten deines Amtes, deines Standes? Wachst du als Arbeitgeber genau über deine Angestellten?

 

3. Von höchster Wichtigkeit für unser Heil ist dies, und ein Grund zu ernstem Nachdenken und zu bitterer Reue. Je höher dein Stand und Beruf ist, um so wachsamer musst du über Unterlassungssünden sein, die oft ein Quell von Ungerechtigkeiten und bitteren Leides für den Nächsten werden, ohne dass derjenigen dies ahnt, aus dessen Schuld es geschieht. Ist er aber darum weniger sträflich? Prüfen wir uns hierüber ernsthaft. Fürchten wir diese Sünden und sind wir wachsam, sie zu verhüten, damit sie nicht einst die Ursache unserer ewigen Verdammnis sind. Lukas 12,47: "Der Knecht, der den Willen seines Herrn kennt, sich aber nicht darum kümmert und nicht danach handelt, der wird viele Schläge bekommen."

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