Betrachtungen im Oktober

 

Betrachtung am 1. Oktober - Das Joch und die Bürde Jesu und der Welt

 

Dein leichtes Joch und deine sanfte Bürde,

O Jesu, tragen den, der fromm sie trägt;

Das Joch der Welt entehrt der Seelen Würde,

Und ihre Bürde ist mit Hass geprägt.

 

1. Worin besteht das Joch und die Bürde Jesu Christi? Darin, dass wir uns Gewalt antun, unser Kreuz ohne Murren tragen, und unsere Feinde aufrichtig lieben. Die Welt lehrt gerade das Gegenteil, und spottet derjenigen, die nicht allen ihren Gelüsten folgen. Gewiss aber ist es leichter, seine Begierden mit Gottes Gnade allmählich abzutöten, als sie jemals vollauf zu ersättigen, die gleich einem Feuer sind, das umso heftiger brennt, als mehr Brennstoff ihm aufgelegt wird. Dazu hilft auch Jesus selbst uns sein Joch tragen, und der Geist seiner Gnade wandelt alles Bittere in Lieblichkeit.

 

2. Das Joch und die Bürde Jesu bestehen in freundlichen Tugenden, in Sanftmut, Demut, Geduld und Liebe. Das Joch und die Bürde der Welt dagegen in Sünden und Lastern, in Unglauben, Fleischeslust, Geiz, Ehrsucht und Ungehorsam gegen das heilige Gesetz, eine Last, die bis zur Hölle hinabdrückt. Das Joch Jesu wird immer leichter, je länger es getragen wird. Seine Bürde ist gleich den Flügeln des Adlers, die zwar seine Schwere vermehren, die ihn aber bis in die Lüfte des Himmels erheben. Das Joch und die Bürde der Welt aber werden immer schwerer, und erfüllen zuletzt das Herz mit allen Schrecknissen der Hölle. Selig, wer das Joch Jesu trägt. Unglückselig aber in Zeit und Ewigkeit, wer das Joch der Welt sich erwählt.

 

3. Was aber erleichtert und versüßt das Joch und die Bürde Jesu? Die Liebe und die feste Hoffnung auf die künftige Seligkeit des Himmels. Und was erschwert und verbittert das Joch der Welt? Der Undank der Welt, getäuschte Hoffnungen und die Furcht vor dem künftigen Gericht, die, gegen den Willen des Sünders, in seinem Gewissen erwacht. So wunderbar wirkt die Liebe Jesu in seinen Auserwählten, dass sie ihre Trübsale nicht gegen die süßesten Freuden der Welt vertauschten, ja dass zahllose heilige Märtyrer und Bekenner ihre höchste Wonne in ihren Leiden für Jesus fanden. Gehen wir auf ihren Spuren, und erfahren werden wir die Wahrheit des Ausspruchs unseres Herrn in Matthäus 11,28-30: "Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin gütig und von Herzen demütig, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht, und meine Last ist leicht."

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Betrachtung am 2. Oktober - Vom festen Vertrauen auf Gott in Versuchungen

 

Hält dir der Feind den Spiegel hin,

Dein Angesicht zu schauen,

Und fasst dich drob Ergrauen

Und der Verzweiflung schwarzer Sinn,

So brich darum den Spiegel nicht;

Doch wasche schnell dein Angesicht.

 

1. Wenn bei der Erinnerung an die Sünden deines verflossenen Lebens Angst und Schrecken dich überfallen, die deine Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit erschüttern, und es dir scheint, alles sei verloren, so lass mit diesen Gedanken dich in keinen Streit ein und gib ihnen kein Gehör, sondern sprich mit dem Propheten: "Ein Abgrund, Herr, ruft den andern an!" Ein Abgrund von Bosheit, Lastern und Missetaten ist mein verflossenes Leben, Herr, aber ein unendlich tieferer Abgrund ist deine ewige Barmherzigkeit, in der der Abgrund meines Elends wie ein Tropfen im Meer verschwindet. Es genügt mir dein Eid, dass du den Tod des Sünders nicht willst,sondern dass er sich bekehre und lebe.

 

2. Überlass dich auch niemals der folternden Angst, ob du zur Anzahl der Auserwählten gehörst oder nicht, und ob du bis ans Ende ausharren wirst. Denn dies sind verborgene Geheimnisse Gottes, und auch die tiefsinnigsten Gottesgelehrten können nicht in sie eindringen. Lege dein Heil mit Vertrauen in Gottes Hände, erwecke Akte seiner Liebe, arbeite für seine Ehre und weiche nicht vom Weg seiner Gebote. Unendlich besser ist es, deine Zeit auf diese Dinge, als auf jene unnützen Fragen zu verwenden, und weit mehr wirst du dein Heil dadurch sichern, als durch eine Verzweiflung, die Gott beleidigt und dich selbst peinigt. 

 

3. Drängt aber der böse Geist dich mit der Versuchung, seine Götzen anzubeten und den Lüsten des Fleisches und der Welt dich zu ergeben, weil du am Ende dennoch verdammt wirst, so antworte großmütig mit den drei hebräischen Jünglingen, Daniel 3,17-18: "Der Gott, dem wir dienen, kann uns von dem Feuerofen und aus deinen Händen erretten. Tut er es aber nicht, so wisse, dass wir dein goldenes Bild dennoch nicht anbeten." Lieben werde ich meinen Gott und ihm dienen um seiner selbst willen, auch wenn ich nicht selig würde. Diese großmütige Liebe wird den Teufel bald in die Flucht treiben, und dein Herz mit dem freudigsten Trost erfüllen. Psalm 31,15-16a: "Ich aber, Herr, ich vertraue dir, ich sage: Du bist mein Gott. In deiner Hand liegt mein Geschick."

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Betrachtung am 3. Oktober - Von der Heiligung der Sonn- und Feiertage

 

Wann werde ich, mein Gott, vor dir erscheinen

Und selig mit den Scharen mich vereinen,

Die in den Höhen unter Jubelklang

Allewig singen deinen Lobgesang.

 

1. Kein Gebot des alten Bundes verpflichtete strenger, als das Gebot der Heiligung des Sabbats, und mit keinem auch waren größere Verheißungen verknüpft. Auf das Strengste waren alle knechtlichen Werke verboten, weil der Tag dem Herrn geheiligt und zu seinem Lob und seiner Verherrlichung bestimmt war. Darum auch ging die Heiligung dieses Tages in das Christentum über, und wurde zur Ehre der Auferstehung des Herrn in den Sonntag umgewandelt. Die Juden indessen glaubten, sie feierten diesen Tag zur Genüge, wenn sie knechtlicher Arbeiten sich enthielten, und vergaßen darüber der Werke der Liebe und Barmherzigkeit, ja sie verfolgten sogar den Herrn Jesus, weil er am Sabbat Kranke durch ein Wort seiner Barmherzigkeit heilte, gleich als wären seine allmächtigen Wunder knechtliche Werke.

 

2. Verdiente aber dieser Aberglaube der Juden strengen Tadel: was verdient wohl der furchtbare Missbrauch, den so viele Christen von den Gott geheiligten Tagen machen, die sie zu aller Ausgelassenheit, zu Tanz und Spiel und zu allen Lastern verwenden, ohne, oder doch kaum, in der heiligen Stätte zu erscheinen, wo sie selbst das göttliche Opfer durch ihre fehlende Ehrerbietung entehren, gleich als wären alle Laster und Ausschweifungen gerade für diese Tage aufbewahrt. Wenn wir in dieser heiligen Zeit selbst, wo wir unsere Wunden heilen sollen, sie mit neuen vermehren: wann werden wir je geheilt werden? Dürfen wir uns noch wundern, wenn die Wirkungen des göttlichen Zorns auf so vielen Einzelnen und ganzen Städten und Ländern sichtbar sind.

 

3. Betrauern wir diese furchtbare Blindheit, und heiligen wir die Tage des Herrn mit Ehrfurcht durch Hinzutritt zu den Quellen des Heils, die seine unendliche Güte für unsere Heiligung einsetzte. Durch andächtige Erscheinung beim unblutigen Opfer unserer Erlösung. Durch Danksagung für die zahllosen Wohltaten unseres Gottes, durch Betrachtung der heiligen Geheimnisse und durch fromme Werke der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit. Besuchen wir die heiligen Tempel und erfreuen wir uns im Herrn über unsere glorreiche Bestimmung, ihn einst im Himmel ewig zu lieben und im Verein mit allen seinen glückseligen Heiligen zu loben in alle Ewigkeit. Exodus 20,8: "Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig!"

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Betrachtung am 4. Oktober - Der heilige Franz von Assisi

 

Franziskus, der mit Siegeswunden prangt,

Hat als ein Held das Himmelreich erworben;

Denn starke Siege hat das Heer erlangt,

Das er geführt, ob auch sich selbst erstorben.

 

1. Der heilige Franz von Assisi war nicht nur abgetötet, sondern erstorben, ja er war gekreuzigt, und trug die Wundmale des Herrn an seinem Leib. Das arme Leben Jesu Christi nachzuahmen war er so arm, dass es ihm sogar am Notwendigsten fehlte. Er verachtete alle weltliche Ehre so sehr, dass er sich selbst der Verachtung preisgab. Sein Verlangen aber, für Jesus zu leiden, war unersättlich. Er war ein lebendiges Bild des Erlösers, und gleichsam selbst ein Erlöser, da er zahllose Sünder bekehrte. Wie ahmst du das Leben Jesu nach? Liebe mindestens die Armen hilfreich, wenn du die Armut nicht lieben kannst. Suche keine andere Ehre, als den Ruhm eines guten Gewissens, und präge durch andächtige Betrachtung des Leidens deines Herrn seine heiligen Wundmale wenigstens deinem Herzen ein.

 

2. Der lebendige Eifer dieses großen Heiligen trieb ihn an, die drei Hauptfeinde der Kirche, die Götzendiener, die Häretiker und die schlechten Katholiken, zu bekämpfen. Er stiftete einen heiligen Orden, die Lehre der Kirche gegen ihre abtrünnigen und ungläubigen Feinde zu verteidigen, und sein strenges Leben führte viele schlechten Christen zur Bekehrung. Was hast du für Gott getan? Wie verteidigst du deinen Glauben? Wie willst du überzeugen, dass man die Verachtung liebt, wenn du ehrsüchtig bist, - dass man den Reichtum verachtet, wenn du geizig bist, - dass man das Leiden umfangen muss, wenn du weichlich und sinnlich bist?

 

3. Viele himmlische Kronen erwarb der heilige Franziskus. Seine jungfräuliche Keuschheit erwarb ihm die Krone der Jungfrauen, seine wunderbare Buße die Krone der Büßer, sein heiliges, eifriges Leben die Krone der Bekenner, seine seraphische Liebe die Krone der Märtyrer. Denn ohne von den übernatürlichen Schmerzen zu sprechen, die er durch die Wundmale des gekreuzigten Heilandes in seinen letzten Jahren bis zu seinem Tod erlitt, schiffte er nach Syrien, den Sultan zu bekehren, oder als Märtyrer zu sterben. Welche Krone wirst du durch dein Leben verdienen? Bedenke, dass niemand gekrönt wird, der nicht rechtmäßig gestritten hat. Galater 5,24: "Alle, die zu Christus Jesus gehören, haben das Fleisch und damit ihre Leidenschaften und Begierden gekreuzigt."

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Betrachtung am 5. Oktober - Vom letzten Platz

 

Das reine Herz ist nahe dir, dem Herrn,

Ob selbst es in der tiefsten Hölle wäre.

Das schuldbefleckte aber ist dir fern,

Und flög es in des Himmels höchste Sphäre.

 

1. Die Wunden unserer Hoffart zu heilen, empfahl der Herr uns die Arznei der Demut durch Lehren, Gleichnisse und durch sein eigenes Beispiel. Er empfiehlt uns den letzten Ort, und damit dieser Ort uns nicht verächtlich vorkommt, wählte er ihn selbst, kam vom Himmel auf die Erde, wurde in einem Stall geboren, und starb auf der Schädelstätte. Waren dies nicht die letzten Orte in dieser Welt? Wer kann nun noch zweifeln, dass der letzte Ort der ehrenvollste sei. O gütiger Erlöser unserer Seelen, noch sind wir so sehr von Hoffart aufgedunsen, dass wir immer höher und höher streben: was würde erst geschehen, hättest nicht du selbst durch dein Beispiel und vorgeleuchtet.

 

2. Wären wir nicht von unserer Eigenliebe verblendet, so würden wir einsehen, dass der Vorzug eines Ortes nicht von dem Ort, sondern von der Person abhängt. Wenn ich ein Sünder bin, macht der erste Ort mich nicht zu einem Gerechten; und bin ich gerecht, werde ich durch den letzten Ort nicht zum Sünder. Ein heiliger Ort war der Stuhl des Mose. Wurden aber die Pharisäer und Schriftgelehrten, die darauf saßen, dadurch heilig? Kein erhabener Ort ist denkbar, als der Himmel und das Paradies. Dessen ungeachtet wurden weder Luzifer noch der erste Mensch besser darin. Dagegen war Hiob, selbst an dem letzten Ort, auf dem Mist, heilig und überaus wohlgefällig.

 

3. Aber nicht nur zur Übung in der Demut, auch für unsere Ruhe empfahl der Herr uns den letzten Ort. Hohe Bäume und Türme werden am leichtesten vom Donner getroffen. Wie viele Gefahren, Bitterkeiten, Sorgen, Demütigungen müssen diejenigen verschlingen, die auf den ersten Plätzen stehen, und wie schwer auch ist ihre Verantwortung. Von allen diesen Mühsalen sind jene frei, die auf der letzten Stufe sind. Selig, wer dies erkennt. Noch seliger, wer diese letzte Stelle sich erwählt. Denn niemand wird ihn darum beneiden, niemand ihn befeinden, nie auch kann er von dort tief fallen. Ruhig verfließt sein Leben, und keine strenge Rechenschaft verbittert ihm den Gedanken an den Tod. Psalm 37,34a: "Hoffe auf den Herrn und bleib auf seinem Weg. Er wird dich erhöhen."

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Betrachtung am 6. Oktober - "Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden."

 

Die Hoffart strebt Gott stets entgegen,

Vom Himmel stürzt er sie hinab;

Die Hölle selber ward ihr Grab;

Die Demut aber fand den Segen.

 

1. Die Menschen verachten und demütigen einen hoffärtigen, und achten dagegen einen bescheidenen, demütigen Menschen. Hierin stimmen die Gesetze des Evangeliums und der Welt überein. Wie aber befolgen wir selbst diese himmlische Vorschrift? Wie oft verletzen wir sie durch unser Betragen? Wäre die Demut die Richtschnur unseres Lebens: wie viele Gehässigkeiten, Zankereien, Feindschaften, Murren und Ärgernisse würden wir vermeiden. Zeigen wir nicht in unserer Weise uns zu kleiden, in den Vorzügen, nach denen wir streben, und in allen unseren Ansprüchen, dass wir nur darauf ausgehen, vor den Menschen zu glänzen? Was würden sie wohl von uns denken, wenn sie in unserem Innern lesen könnten?

 

2. Gewiss gibt es niemand, der nicht in gewisser Hinsicht den Vorzug vor uns verdiente, denn entweder ist ein Mensch edler, mächtiger, fähiger und nützlicher, oder aber er ist frömmer, eifriger und heiliger, als wir. Immer auch werden wir solche finden, mit denen wir uns in keiner Beziehung messen können. Billig sogar sollten wir dem letzten Sünder uns nachsetzen, denn hätte er so viele Gnaden empfangen, als uns zuteil wurden: wie weit wohlgefälliger würde er vor Gott leben. Das gleiche gilt auch von Menschen ohne Bildung, von denen wir gewiss glauben dürfen, dass sie uns bei weitem übertreffen würden, wenn die göttliche Vorsehung sie an unsere Stelle gesetzt hätte.

 

3. Was aber sind wir erst vor Gott. Erkennen wir doch unser Nichts, unser Unvermögen, unseren Unwert, unsere zahllosen Sünden und Vergehen. Sind wir nicht in die tiefsten Laster versunken, so ist es seine Güte, die uns davor behütete. Tun wir aber irgend etwas Gutes, so gebührt ihm alle Ehre dafür, da von ihm das Wollen und das Vollbringen kommt. Wie viele, die nicht in den Schranken der Demut sich bewahrten, verloren die Andacht, den Eifer, ja sogar den Glauben, und fielen in die schändlichsten Laster. Wollen wir demnach zeitlicher und ewiger Schmach entkommen, so bewahren wir uns in der Demut. Jakobus 4,6b: "Gott tritt den Stolzen entgegen, den Demütigen aber schenkt er seine Gnade."

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Betrachtung am 7. Oktober - Vom Eitelruhm

 

Menschengunst ist eitler Dunst,

Der im Wind verfliegt;

Wahre Demut ist die Kunst,

Die dies Gift besiegt.

 

1. Ein sehr subtiles Gift, das gern in alle unsre guten Werke einfließt und sie verdirbt, ist die eitle Ruhmgier, die nicht nur Anfängern, sondern sogar Vollkommenen nachstellt, um sie um das Gold aller ihrer Tugenden zu bringen. Diese Seuche liegt gleich einer Schlange im Hintergrund des Herzens verborgen, und es gehört ein geübtes Auge dazu, sie zu entdecken und hinauszutreiben. Wer sie aber wahrnimmt und dennoch ihren Einflüsterungen Gehör gibt, den beraubt sie nicht nur, sondern sie spottet seiner auch obendrein.

 

2. Wer nach der Ehre der Menschen giert, der hascht nach Schatten. Denn weder ist diese Ehre ständig, noch wahrhaft, noch irgendwie nützlich. So wenig Bestand hat sie, dass der Prophet von ihr spricht: "Ihre Ehre verblüht wie eine Feldblume." (Jesaja 40,6.8) Ebenso wenig ist sie auch wahrhaft, denn sie ist ein eitler Dunst, eine Meinung der Menschen, die, wenn sie auch alle übereinkommen, dich zu loben, dich dennoch nimmermehr besser machen, als du vor Gott bist. Endlich gereicht sie auch zu keinem Nutzen. Umgekehrt vielmehr bringt sie den Menschen um alles Verdienst, und raubt ihm den Himmel. Denn zu solchen, die ihre guten Werke tun, damit sie von den Menschen gesehen und gelobt werden, spricht der Herr: "Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten." (Matthäus 6,2b) 

 

3. Wie viele werden, nach langen und schweren Arbeiten, mit leeren Händen vor dem ewigen Richter erscheinen, und statt der Belohnung diese Antwort empfangen. Hüten wir uns also, dass diese Hauptfeindin aller Tugenden uns nicht um das Verdienst unserer guten Werke bringe. Nur dann schadet die Ehre der Menschen uns nicht, wenn wir sie nicht suchen, noch auch Wohlgefallen daran haben. Denn sollen wir auch diese Seuche fliehen, so soll dennoch unsere Furcht nie so weit gehen, dass wir wegen ihr irgend ein gutes Werk unterlassen, das uns Lob und Ehre zuziehen kann. Sprechen wir in solchen Fällen mit unserem Herrn: "Ich suche meine Ehre nicht." (Johannes 8) "Wir wollen nicht prahlen, nicht miteinander streiten und einander nichts nachtragen." (Galater 5,26)

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Betrachtung am 8. Oktober - Die Stufen der Selbsterkenntnis und Demut

 

Wer bist du, Mensch, du Nichts und Staubgebilde,

Dich in so eitler Hoffart zu erheben?

Rief aus dem Abgrund dich nicht Gottes Milde,

Und schenkte Dasein dir und Licht und Leben?

Ist Asche, Mensch, nicht deine letzte Zier?

Ja selbst die Asche bist du nicht aus dir.

 

1. Wie kam ich in dieses Dasein? Habe ich mich selbst erschaffen? Was war ich vor einem Jahrhundert? Tief im Abgrund des Nichts, hatte ich weder Kraft, daraus hervorzutreten, noch Verdienst, daraus erhoben zu werden. Aus mir selbst bin ich noch heute, was ich damals war. Bin ich nun etwas, so kommt mir dies vom Urheber meines Daseins, ich selbst konnte aus mir nicht einmal eine Mücke werden. Dir, mein Gott, verdanke ich alles. Darum will ich deine Barmherzigkeit preisen, und meine ganze Wissenschaft bestehe darin, dir die Ehre für alles zu geben, ohne das Geringste mir selbst anzueignen.

 

2. War ich aber nichts, durchaus nichts im Reich der Natur, so war ich noch unendlich weniger im Reich der Gnade. Unfähig war ich, Gnade zu erwerben, unwürdig, sie zu empfangen. Denn die Gnade ist "das beste Geschenk, die vollkommene Gabe, die vom Vater der Lichter herabkommt". (Jakobus 1,17) Wie aber hätte ich, dieses Nichts, jemals Anspruch auf diese Würdigung des Allerhöchsten machen können? Vermag ich es nun nicht, für meine Schöpfung dir würdig zu danken, mein Gott: wie kann ich je für diese allerhöchste Gabe dir danken?

 

3. Aber noch einen anderen, tieferen Abgrund sehe ich vor mir. Denn wie verwendete ich die Gaben der Natur und der Gnade, die deine unendliche Güte mir zu deiner Verherrlichung gegeben hat? Undank, Bosheit, Hoffart, Sünde: dies ist es, was ich aus mir selbst hervorbrachte. Statt dich zu verherrlichen, beleidigte ich deine göttliche Majestät unzählige Male. Unendlich weniger also bin ich, als selbst das Nichts. Deutlich sprach mein Erlöser dies aus, als er von seinem meineidigen Jünger Judas sagte, es wäre ihm besser, er wäre nicht geboren. Wo also ist noch ein Winkel, meine Hoffart zu verbergen? Und wo wäre ich, hätte deine unendliche Barmherzigkeit diesem schauderhaften Abgrund mich nicht großmütig entrissen? Nichts also bin ich aus mir, nichts durch mich, und als Sünder stehe ich tief unter dem Nichts. Galater 6,3: "Wer sich einbildet, etwas zu sein, obwohl er nichts ist, der betrügt sich."

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Betrachtung am 9. Oktober - Von den göttlichen Vollkommenheiten

 

Gott, unerreichbar ist das heil`ge Licht,

Worin du wohnst vor allem Anbeginn.

Hoch übersteigt dein Wesen allen Sinn.

Dich fassen selbst die höchsten Geister nicht,

Die, Sonnen gleich, in deinem Lichte glänzen;

Denn deine Größe, Herr, kennt keine Grenzen.

 

1. Erleuchte mich, Herr, mein Ursprung und mein Ziel, dass ich dich erkenne, in dessen Erkenntnis das ewige Leben besteht. O gib der Seele dich kund, die du nach deinem Bild erschaffen hast, damit sie dich würdig preise und dein Lob verkündige. Wer bist du, mein Gott, du Zielpunkt und Grundveste aller Wesen? Die unendliche Allmacht bist du, die unerschaffene Urschönheit, die untrügliche Wahrheit, die abgründliche Güte, die unermessliche Liebe, die glorreiche Ewigkeit ohne Anbeginn und ohne Ende. Unendlich hoch übersteigst du die Sinne, denn nicht zu schauen bist du den Augen, nicht vernehmbar den Ohren des Fleisches, aber fühlbar bist du den Herzen, und dein Licht zeigt dich dem unsterblichen Geist.

 

2. In dir selbst wohnst du, mein Gott, glückselig durch dich, dir selbst genügend, und alles in dir selbst besitzend. Groß bist du, ohne Maß, gut, ohne Grenzen, schön, ohne Gestalt, unendlich, ohne Zahl, ewig, ohne Dauer, vollkommen, ohne Teile. Deine Größe ist deine ewige Majestät, dein Leben beständige Fruchtbarkeit, dein Verstand unendliche Weisheit, dein Wille Heiligkeit, dein Gedanke Licht, dein Wesen Liebe. Überall zugegen und überall verborgen, immerdar wirkend und immerdar in Ruhe, gibst du allen ohne Unterlass, ohne dich zu erschöpfen, bist heilig und überaus lieblich in deinen Heiligen, aber schrecklich in deinen Gerichten über die Verworfenen. Unaussprechlich glorreich bist du, alle Wesen rufen: "Wer, Herr, ist dir gleich!"

 

3. Was suchst du auf Erden? Was suchst du in den hinfälligen Geschöpfen, das du nicht in unendlicher Fülle in deinem Gott fändest? Wie also verlässt du den Quell des lebendigen Wassers, aus Zisternen zu trinken, die deinen Durst nicht stillen können. O Gott meines Herzens, dich will ich suchen, dich allein lieben. Kann auch mein Geist deine unendlichen Vollkommenheiten nicht erfassen, so fasst dich doch mein Herz, das du zu deiner Liebe erschaffen hast. Exodus 15,11: "Wer ist wie du unter den Göttern, o Herr? Wer ist wie du gewaltig und heilig, gepriesen als furchtbar, Wunder vollbringend?"

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Betrachtung am 10. Oktober - Ermahnung zur Liebe Gottes

 

Die Liebe, die in Gott, dem Schöpfer, ruht,

Sie ist der Seele Geist und höchstes Leben;

Sie schwillt das Herz mit reiner Himmelsglut,

Und jubelt, selbst wenn alle andern beben.

 

1. Psalm 85,9a: "Ich will hören, was Gott redet": Gleich wie der Hirsch nach den Wasserquellen, so solltest du in lebendigem Durst nach mir, dem Urquell deiner Glückseligkeit, erglühen, und weder Rast noch Ruhe finden, bis deine Sehnsucht gestillt wird. Ohne Unterlass sollte dies sehnliche Verlangen in dir zunehmen, denn kein Ziel setzt sich die wahre Liebe, niemals wird sie satt, und sie wächst um so schneller, als diese Pilgerschaft ihrem Ende näher kommt. Alle Gedanken und Begierden des Herzens reißt sie an sich, und findet keinen Trost, keine Freude, keinen Frieden, außer in mir, ihrem Ursprung und ewigen Ziel.

 

2. Nicht müssig ist meine Liebe in der Seele. Unermüdlich ist sie, für meine Ehre zu wirken. Ist es ihr aber nicht gestattet zu tun, was sie verlangt, so wirkt sie doch dem Willen nach, und überaus wohlgefällig ist dieser Wille vor meinen Augen, da ich nicht so sehr auf die Menge der Werke, als auf die Größe der Liebe sehe. Was auch soll mir die Spreu ohne die Frucht? Ich sehe nicht auf äußerliche Werke ohne Liebe, wohl aber auf die Liebe, auch wenn sie ohne Werke ist, wenn nämlich solche aus Krankheit, aus Gehorsam, oder aus einem andern rechtmäßigen Hindernis unterblieben. Wer mich allein in allen Dingen sucht, und nur durch mein Wohlgefallen satt wird, der wirkt das größte Werk der Liebe.

 

3. Eine solche Seele erfährt den Trost meiner Liebe, der alle Freuden und Lieblichkeiten der Welt unendlich übertrifft. O dass doch die Menschen, die ich zu meiner Liebe erschaffen habe, so weit von ihrer Glückseligkeit irren, und von der Liebe zu den Geschöpfen sich bestricken lassen, wodurch sie nicht gesättigt, sondern verunreinigt, geängstigt, und zeitlich und ewig unglückselig werden. Was ist je in den Geschöpfen Erfreuliches, das nicht in unendlicher Fülle in mir wäre? Nacht und Bitterkeit ist alles außer mir. Meine Liebe sei dein größter Schatz, dann wird dein Herz schon hier auf Erden im Himmel sein. Johannes 15,9b-10a: "Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben." 

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Betrachtung am 11. Oktober - Von Gottes Ehre und Verherrlichung

 

Die Schöpfung steht, o Gott, zu deiner Ehre.

Dein Lob verkünden aller Wesen Heere;

Sie alle ehren dich auf ihre Weise.

O gib mir, dass auch ich dich würdig preise.

 

1. In der ganzen Schöpfung hat nur eins Wert, und auf dieses eine muss alles sich beziehen, dies aber ist Gottes Ehre. Denn die Ehre ist Gottes einziges Gut, darum auch gibt es nichts Größeres, als diese Ehre ihm zu erwirken. Dass ich Staub und Asche Gottes unendliche Majestät verherrlichen kann, dies ist der höchste Adel meines Wesens. Selbst die glorreichsten Cherubim und Seraphim haben kein erhabeneres Ziel. Eine unsterbliche Seele, die anderes sucht, erniedrigt sich selbst. So sehr eifert Gott für seine Ehre, dass er durch Jesaja (42,8) spricht: "Ich überlasse die Ehre, die mir gebührt, keinem andern, meinen Ruhm nicht den Götzen." Suchen wir diese Ehre, und halten wir es für unseren höchsten Ruhm, alles, sogar unser Leben, für Gottes Ehre zu opfern.

 

2. Diese Ehre suchte Jesus, unser göttliches Vorbild, durch alle Werke seiner heiligsten Menschheit, durch sein Leiden und seinen Tod. Dies war das erhabene Ziel, für das er sich opferte, und ähnlich werden wir ihm nur in sofern, als wir hierin ihm nachahmen. Ja alle unsere Werke sind auch nur in sofern verdienstlich, als wir Gottes Ehre dadurch suchen. Was nicht in dieser Absicht geschieht, ist für die Ewigkeit verloren. Was gegen sie geschieht, ist schwere Schuld. Bieten wir nun unsere ganze Kraft auf, Gottes Ehre zu fördern, um die Zeit zu ersetzen, wo wir ihn durch unsere Sünden verunehrten. 

 

3. Gott zu verherrlichen ist die Beschäftigung aller Chöre der seligen Engel und aller zahllosen Scharen der heiligen Himmelsbürger in alle Ewigkeit. Ohne Unterlass singen sie den Lobgesang: "Heilig, heilig, heilig ist der Herr, der Gott der Heerscharen! Alleluja! Heil, Ehre und Herrlichkeit sei unserem Gott, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit!" In dieser Verherrlichung besteht zugleich ihre Seligkeit. So beginnen wir denn schon in diesem Leben, was wir im Himmel ewig tun werden, und loben wir Gott nun nach Maßgabe unserer Sterblichkeit, bis wir in jene glückseligen Lobgesänge einstimmen. 1. Timotheus 1,17: "Dem König der Ewigkeit, dem unvergänglichen, unsichtbaren, einzigen Gott, sei Ehre und Herrlichkeit in alle Ewigkeit. Amen."

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Betrachtung am 12. Oktober - Regeln der Nächstenliebe

 

Du liebtest, Herr, uns Sünder bis zum Tod,

Und ließest uns dein heiliges Gebot,

Dass auch wir selbst die Brüder lieben lernen,

Uns nicht von deiner Liebe zu entfernen.

 

1. Lieben sollen wir den Nächsten wie uns selbst. Dies ist ein göttliches Gebot. Sehr empfindlich sind wir gegen unsre geringsten Übel. Lieben wir aber den Nächsten wie uns selbst, so werden wir allerdings auch gefühlvoll für seine geringsten Übel sein, oder vielmehr werden solche uns immer groß erscheinen. So zärtlich auch ist unsere Liebe zu uns selbst, dass wir alle unsere Fehler verbergen, oder sie doch als gering ansehen. Mit diesen Augen aber sollen wir auch die Fehler unserer Brüder und Schwestern betrachten. Können wir solche nicht entschuldigen, so entschuldigen wir wenigstens ihre Absicht, und ist auch dies nicht möglich, so haben wir Mitleid mit ihren Schwächen und schweigen wir. Dies soll unser Verhalten sein. Sieh also, wie fern du von der wahren Nächstenliebe bist.

 

2. Lieben sollen wir den Nächsten, wie wir wollen, dass er uns liebe. Blicke in diesen Spiegel. Möchtest du, dass man dich mit Härte behandelt? Möchtest du, dass man verächtlich mit dir spricht? Möchtest du, dass man mit herrischem Ton dir Befehle erteilt? Möchtest du, dass man dich aus Bosheit verleumdet, dich verspottet, dich lächerlich macht, deine geringsten Fehler übertreibt, deine unschuldigen Handlungen vergiftet, gar keine Nachsicht mit deinen Schwächen hat? Möchtest du nicht vielmehr, dass man gerade umgekehrt gegen dich handelt? Warum denn begegnest du andern nicht selbst, wie du willst, dass man dir begegnet?

 

3. Lieben sollen wir den Nächsten, wie Christus uns geliebt hat. Wie aber liebte uns der Herr? Ohne all unser Verdienst. Was auch hätte er je an uns lieben können? Auch liebte er uns ohne allen Eigennutz. Denn was konnte er von uns armen und elenden Sündern erwarten? Und dennoch liebte er uns so sehr, dass er Gut und Blut, Ruhe, Ehre und Leben für uns hingab. So liebte uns Jesus. Dies ist das Beispiel, dass er uns zur Regel aufstellte. Dies ist sein neues Gebot, an dessen Erfüllung er seine Jünger erkennt. Herr, mit Schmerz bekenne ich, dass ich bisher dein Liebesgebot nicht erfüllte, doch gelobe ich dir, es künftig mit deiner Gnade getreu zu erfüllen. 1. Johannes 3,14b: "Wer nicht liebt, der bleibt im Tod."

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Betrachtung am 13. Oktober - Jesus, Gottes und Davids Sohn

 

Es zeigten, Herr, die Seher dich in Klarheit,

Du aber führtest selbst zum Sieg die Wahrheit;

Die Feinde deines Reiches sind vernichtet,

Und ewig steht dein Herrscherthron errichtet.

 

1. Viele verfängliche Fragen hatten die Pharisäer dem Herrn über verschiedene Gegenstände gestellt, er aber hatte sie mit einer Weisheit gelöst, dass sie, ob auch seine größten Feinde, darüber erstaunten. Hierauf aber stellte er selbst eine Frage an sie, und sprach: "Was wisst ihr von Christus? Wessen Sohn ist er?" Sie antworteten: "Davids!" Darüber waren alle einig. Allein David, der ihn seinen Sohn genannt hatte, nannte ihn auch, und zwar im Heiligen Geist, seinen Herrn. Wie also war er Davids Sohn, und zugleich sein Herr? Diese Frage wusste die Synagoge nicht zu lösen. Wir aber kennen diese Lösung. Beten wir Jesus in heiliger Freude an, der unsere Natur in die Einheit seiner Gottheit aufnahm.

 

2. Oft hatte Jesus sich den Sohn Gottes genannt, und immer waren die Juden darüber wütend, wenn er auch seine Gottheit durch allmächtige Wunder bewies. Ja sie hatten nach seinem Ausspruch: "Ich und der Vater sind eins." Steine aufgehoben, und ihm ins Gesicht gesagt: "Wir steinigen dich um der Gotteslästerung willen, weil du dich selbst zu Gott machst, da du doch ein Mensch bist!" (Johannes 10,22-39) Durch die Anführung des 110. Psalms, worin, wie sie selbst bekannten, David im Heiligen Geist gesprochen hatte, bewies ihnen Jesus, dass die Person des Heiligen Geistes nicht gegen die Einheit Gottes streite, und dass also auch seine Sohnschaft dieser göttlichen Einheit nicht widerspreche. Aber ihre Blindheit war unheilbar. 

 

3. Der göttliche Erlöser führte diesen Psalm an, der ihnen sehr geläufig war, sie zum Nachdenken über seinen Inhalt zu wecken, und ihnen die Augen zu öffnen. Denn ausgesprochen war in diesem Psalm, dass Gott selbst den Messias aus seiner Wesenheit erzeugt hatte, dass er ein ewiger Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedechs sei, dass er das Zepter seiner Herrschaft von Sion aussenden, zur Rechten Gottes sitzen, und zugleich mitten unter ihnen, seinen Feinden, herrschen und sie zerschmettern würde. Wie wunderbar wurde diese Weissagung erfüllt, die so lange vor der zeitlichen Geburt des Messias in den Büchern der Juden aufgezeichnet stand. Offenbarung 19,16: "Er ist der König der Könige, und der Herr der Herrscher."

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Betrachtung am 14. Oktober - Von den zwei Naturen in Christus

 

Preis, Jesus, dir, der du vom Himmel kamst,

Und aus Maria unsre Menschheit nahmst:

Als Mensch uns mit dem Vater zu versöhnen,

Als Gott uns mit Erbarmungen zu krönen.

 

1. Betrachten wir die Person Jesu Christi, so sehen wir in ihm eine Heiligkeit und Allmacht, die eines Gottmenschen vollkommen würdig ist. Die glorreichen Wunder, die er zum Beweis seiner Gottheit wirkte, erforderten Gottes ganze Allmacht. Von dieser Art waren: Blindgeborenen Augen zu erschaffen, wenige Brote aus nichts zu vermehren, Tote, und zumal einen viertägigen Toten, zu erwecken, Aussätzige durch ein bloßes Wort zu reinigen. Diese und zahllose andere Wunder tat Jesus vor allem Volk, sprach sich dabei als Gott, und zwar als einen Gott mit seinem Vater aus, und ließ sich als solchen anbeten. Nimmermehr aber konnte, wofern er nicht Gott war, Gott seine Allmacht ihm mitteilen, ein falsches Zeugnis zu bestätigen.

 

2. War Jesus nicht Gott, so war er (was ewig fern sei) der verbrecherischste aller Betrüger, da er für Gott sich ausgab, und göttliche Ehre forderte, - ein Betrüger jedoch, dessen Absichten Gott mit seiner ganzen Allmacht förderte, und durch beinahe zwei Jahrtausende beständig fördert. War er ein bloßer Mensch, so war er ein unauflösliches Rätsel. Er war der demütigste und stolzeste aller Menschen zugleich, der Unterwürfigste und der größte Rebell. Er gehorchte Gott in tiefster Ehrfurcht, opferte ihm Ehre und Leben, und empörte sich zugleich dergestalt wider ihn, dass er selbst auf dem Thron Gottes sich erheben und als Gott herrschen wollte. Wer wird dies je begreifen?

 

3. Ist aber Jesus ein Gottmensch, dann lösen sich alle scheinbaren Widersprüche seines Charakters wunderbar. Dann konnte er in Wahrheit sagen, "er sei dem Vater gleich, er sei früher denn Abraham; was der Vater tut, das tut auf gleicher Weise auch der Sohn, damit alle den Sohn ehren;" - und begreiflich wird dann auch seine tiefe Demut, sein Eifer für die Ehre seines Vaters, seine Aufopferung bis zum Kreuzestod, ihm zu gehorchen. Es glänzt in ihm die Gottheit in ihrer vollen Würde, und die Demut in der höchsten menschlichen Vollkommenheit. Also, liebevollster Erlöser, beten wir dich als den Sohn Gottes und der Jungfrau an. "Ich bin vom Himmel herabgekommen." (Johannes 6,38)

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Betrachtung am 15. Oktober - Die heilige Theresia 

 

Wie glänzest hehr du in des Himmels Sitze,

Theresia, die du das Kreuz erkoren, 

Und lobest Gott an deiner Kinder Spitze,

Die du in Schmerz und Liebe ihm geboren.

 

1. Die heilige Theresia brannte von heiliger Liebe zu ihrem göttlichen Geliebten. Ihre Liebe aber war tätig gleich dem Feuer, das niemals spricht: Es ist genug! Schon in ihrer Kindheit trieb diese heilige Flamme sie an, die Marter zu suchen, in späteren Jahren aber das Gelübde abzulegen, alle ihre Werke mit möglichster Vollkommenheit zu tun. Diese feurige Liebe nahm bis an das Ende ihres Lebens fortwährend an Stärke und Innigkeit zu. Sie erweckte in ihr ein unersättliches Verlangen nach Leiden. Ohne Unterlass krank, peinigte sie ihren unschuldigen Körper noch mit schweren Bußwerken, ja ihr Wahlspruch war: "Entweder leiden oder sterben." - Wann wirst du einmal anfangen, Gott wahrhaft, standhaft und eifrig zu lieben.

 

2. Großes tat die heilige Theresia für Gott. Großes auch litt sie für ihn. Gott, die Menschen und die bösen Geister prüften ihre Liebe und übten ihre Geduld, Gott durch innerliche Trostlosigkeit, die Menschen durch Verfolgungen, die bösen Geister durch wütende Versuchungen. Zwar erhob Gott, nachdem sie durch ihre standhafte Treue seiner sich würdig bewiesen hatte, sie zu den höchsten Entzückungen, und offenbarte ihr viele verborgene Geheimnisse seiner Weisheit, aber wie viele Leiden erweckten ihr diese Offenbarungen, wie schwere Widersprüche ertrug sie von ihren geistigen Führern. Dennoch aber unterwarf sie sich ihrem Urteil, denn mit Recht hielt sie alle Heiligkeit für falsch, die ihrem eigenen Sinn nicht entsagt.

 

3. Endlich war diese seraphische Jungfrau eine glückselige Mutter zahlloser Kinder. Sie stiftete einen Orden für Klostermänner und für Klosterfrauen. Aber wie überaus schwer war ihr die Geburt so vieler Kinder Gottes. Große und strenge Verfolgungen musste sie deshalb, und zwar sogar von solchen erdulden, die ihre heilige Absicht hätten fördern sollen. - Lerne die innerlichen Trockenheiten des Herzens ertragen, da Gott immer großmütig die Seelen belohnt, die in diesen strengen Prüfungen ihm getreu sind. Lerne Gott zuliebe vieles leiden, wenn du Großes für ihn tun willst, da das Samenkorn, wenn es nicht erstirbt, keine Frucht bringt. Hohelied 2,2: "Wie eine Lilie unter Dornen, also ist meine Freundin unter den Töchtern!"

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Betrachtung am 16. Oktober - Jesus ein Pilger in der menschlichen Natur

 

Dass wir im Glanz der Gottheit nicht vergingen,

Nahmst, Herr, du unser sterbliches Gewand;

Und alle, die als Mittler dich empfingen,

Führt deine Huld ins hohe Vaterland.

 

1. Wenn wir die wunderbare Pilgerschaft unseres Herrn in der menschlichen Natur betrachten, dann muss unser Herz von wehmütiger Liebe und Dankbarkeit durchdrungen werden. Denn eine beständige Gewalt litt seine heiligste Menschheit. Angeboren war die Glückseligkeit seiner heiligsten Seele, wegen ihrer persönlichen Vereinigung mit der Gottheit, und ihrer Natur nach hätte diese Glückseligkeit auf seinen heiligsten Leib sich übertragen sollen. Gewaltsam aber wurde das Recht auf diese Glorie seinem heiligsten Leib entzogen, damit er auf solche Weise den Leiden der Sterblichkeit sich unterwerfen könnte. Ebenso litt auch seine heiligste Seele Gewalt, da ihre Glückseligkeit einen ihr entsprechenden, von allen Schmerzen freien und glückseligen Leib erforderte.

 

2. Wer beherzigt diese unermessliche Liebe? Denn freiwillig und aus Liebe unterwarf sich Jesus diesem beständigen Zwang zur Verherrlichung seines himmlischen Vaters, und zu unserem Heil. Die Liebe zu uns Sündern beraubte ihn seiner Glückseligkeit, damit er mit unserer Armseligkeit sich beladen könnte. Die Liebe machte ihn sterblich, die Unsterblichkeit uns mitzuteilen, sie machte ihn arm, uns in den Besitz unsterblichen Reichtums zu versetzen, sie bewog ihn, Knechtsgestalt anzunehmen, uns zu ewiger Herrlichkeit zu erhöhen. Wie mächtig fordert diese Liebe uns auf, dass auch wir um seinetwillen uns Gewalt antun, ihm Liebe mit Liebe zu vergelten.

 

3. Nur einmal hob der Herr diesen Zwang auf eine kurze Stunde bei seiner heiligen Verklärung auf, seinen auserwählten Jüngern eine Probe der künftigen Seligkeit zu zeigen, und auch da besprach er sich mit Mose und Elia über seinen nahen Kreuzestod zu Jerusalem. So groß aber war diese Herrlichkeit, dass die beiden Apostel Petrus und Johannes keine Worte finden, sie auszusprechen. Sein ganzes übriges Leben hindurch aber ertrug er diesen gewaltsamen Zustand, wiewohl seine heiligste Seele immer der glorreichen Anschauung seiner Gottheit genoss. Also vereinigte er die höchste Glückseligkeit und das bitterste Leiden. Verleihe uns, gütigster Jesus, dass auch wir bei beständiger Abtötung der Sinne immerwährender Freude des Geistes erfahren. "Er erniedrigte sich, und wurde gehorsam bis zum Tod am Kreuz." (Philipper 2,8)

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Betrachtung am 17. Oktober - Über Krankheiten

 

Du heilest, Herr, durch Schmerzen unsre Wunden,

Und lässest durch die Krankheit uns gesunden:

Damit wir rein, durch Buße in der Zeit,

Nicht büßen müssen in der Ewigkeit.

 

1. Wenn unser barmherziger Erlöser körperlich Kranken die Gesundheit verlieh, begleitete er sie gewöhnlich mit Worten, die eine Arznei für unsere Seelen sind. So zeigte er durch die Verzeihung der Sünden, die er dem Gichtbrüchigen verlieh, dass die menschlichen Krankheiten ihren Ursprung in der Sünde haben, und dass wir vor allen Dingen um die Befreiung von unseren Sünden bitten sollen. Eben darum auch sprach er zu dem anderen Gichtbrüchigen, den er beim Schwemmteich heilte: "Sieh, du bist nun gesund geworden, sündige hinfort nicht mehr, damit dir nichts Schlimmeres widerfährt!" Deutlich sehen wir hier, dass diese Krankheit seiner Sünden wegen ihm widerfahren war. Darum sollen wir die Krankheiten, die Gott uns zusendet, im Geist der Buße annehmen und zur Versöhnung der göttlichen Gerechtigkeit mit Geduld und Ergebung ertragen.

 

2. Gott sendet zwar seinen Auserwählten zuweilen Krankheiten zu, wie er ihnen andere Trübsale zusendet, nicht um sie zu strafen, als sie dadurch wie das Gold im Feuer zu läutern und die Verdienste ihrer Geduld zu vermehren. Meist aber sucht er die Menschen ihrer Sünden wegen mit Krankheiten heim. Dies bezeugt die Schrift, die spricht: "Wer da sündigt vor dem Angesicht seines Schöpfers, der wird dem Arzt in die Hände fallen!" und an anderer Stelle: "Gott redet, um dem Menschen seine Seele vor dem Grab zu retten, sein Leben davor, in den Todesschacht hinabzusteigen. Er wird gemahnt durch Schmerz auf seinem Lager, und ständig ist Kampf in seinen Glieder." (Ijob 33,18+19)

 

3. Sprechen wir also, wenn eine Krankheit über uns kommt, und Schmerzen uns bedrängen: Herr, ein Sünder bin ich, ein großer Schuldner deiner göttlichen Gerechtigkeit. Nichts auch ist billiger, als dass du die Sünde bestrafst. Doch Dank dir, denn du bestrafst mich als ein milder Vater durch Trübsale dieses Lebens, und schlägst, damit du heilst. So nimm denn meine Schmerzen barmherzig als ein Sühnopfer auf, und verleihe mir deine Gnade, damit sie durch meine Geduld verdienstlich und dir wohlgefällig werden. Ijob 6,10: "Das wäre noch ein Trost für mich; ich hüpfte auf im Leid, mit dem er mich nicht schont. Denn ich habe die Worte des Heiligen nicht verleugnet."

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Betrachtung am 18. Oktober - Vom Nutzen der Krankheiten

 

Das Kreuz und Leiden, Herr, aus deiner Hand

Ist deiner Liebe sichres Unterpfand.

Drum, ist mein Herz darüber auch beklommen,

Sei dennoch, was du sendest, mir willkommen.

 

1. Zahllose Mittel wendet Gottes Weisheit an, die Menschen zu sich zu führen, und oft sendet sie körperliche Krankheiten als Arzneien, kranke Seelen zu heilen. Wäre der königliche Beamte im Evangelium durch die Krankheit seines Sohnes nicht in so schwere Bedrängnis gekommen, so hätte er vielleicht den Herrn niemals gesucht, und wäre nie zur Gnade des Glaubens gelangt. (Johannes 4,46-54) Es gereichte also diese Krankheit nicht nur seinem Sohn, sondern auch ihm selbst zum größten Heil. Darum sollen wir die Geißel des Herrn nicht als ein Unheil betrachten, denn sie zieht die Irrenden oft mit Gewalt zu Gott, weckt die Trägen und Schläfrigen, reinigt die Gerechten, und tilgt oft durch kurze Schmerzen in der Zeit die Strafen der Ewigkeit.

 

2. Nicht feindlich also erzeigt sich Gott gegen uns, wenn er uns, die wir mit so vielen Seelenkrankheiten behaftet sind, die Arznei einer körperlichen Krankheit zusendet; vielmehr sollen wir sie als einen Beweis seiner väterlichen Vorsehung und Liebe betrachten. Denn die Krankheit ist ein Licht. Sie zeigt dem Menschen den Unwert und das Nichts aller weltlichen Eitelkeit ganz nahe. Sie führt ihn in sein Inneres ein und weckt ihn zum Nachdenken. Sie lehrt den Sünder, dessen Herz noch nicht gänzlich erhärtet ist, aus der Not eine Tugend machen, die allmählich durch Gottes Gnade sich vervollkommnet, und löst die Gott ergebene Seele vollends von der Anhänglichkeit an dieses vorübergehende Leben.

 

3. Hören wir den Geist Gottes, der uns also ermahnt, Sprichwörter 3,11+12: "Mein Sohn, verachte nicht die Zucht des Herrn, widersetz dich nicht, wenn er dich zurechtweist. Wen der Herr liebt, den züchtigt er, wie ein Vater seinen Sohn, den er gern hat." Der Apostel, der diese Worte wiederholt, folgert daraus den Schluss, dass also diejenigen, die in diesem Leben nicht von Gott gezüchtigt werden, keine rechtmäßigen Kinder (Hebräer 12), und folglich von der Anzahl der Auserwählten ausgeschlossen sind. Zum größten Trost muss uns dies gereichen, wenn wir von Trübsalen und Krankheiten heimgesucht werden, und uns zum Lob Gottes anregen. Römer 8,28a: "Wir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt."

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Betrachtung am 19. Oktober - Über den Argwohn

 

Die Unschuld ist ein reines Licht,

Sie kennt den falschen Argwohn nicht;

Doch wo die Schuld im Herzen steckt,

Sieht ringsum alles sie befleckt.

 

1. "Was denkt ihr Arges in euren Herzen?" So fragt der Herr die Pharisäer. Er hatte nämlich einem Gichtbrüchigen, bevor er ihn körperlich heilte, die Gesundheit der Seele durch die Worte erteilt: "Deine Sünden sind dir vergeben!" Sie aber sprachen alsbald untereinander: "Dieser lästert Gott!" Wie der Baum, so die Frucht. Weil sie selbst Gotteslästerer waren, hielten sie auch den göttlichen Heiland für einen Gotteslästerer. Also hält ein unkeuscher Mensch alle anderen für unkeusch, ein Lügner, alle anderen für Lügner. Voll sind die Herzen der meisten Menschen von argwöhnischen Gedanken, weil, wie der Apostel Johannes spricht, die ganze Welt im Argen liegt.

 

2. Ijobs Freunde gaben diesem heiligen Dulder zu verstehen, er müsse mit heimlichen Lastern behaftet sein, die Gott so streng an ihm bestrafe. Er aber antwortete ihnen: "Warum verfolgt ihr mich wie Gott?" (Ijob 22) Ein tiefer Sinn liegt in diesen Worte. Er sagt ihnen nämlich dadurch: Was denkt ihr Arges in euren Herzen? Seid ihr vielleicht rein von Fehlern wie Gott, dass auch ihr das Recht habt, mich zu verfolgen? Greift doch in eure Brust, vielleicht findet ihr darin die Laster, deren ihr mich beschuldigt, wenn nicht noch schwerere. Also sollen wir selbst antworten, wenn argwöhnische Gedanken gegen unseren Nächsten in unseren Herzen sich erheben.

 

3. Wollen wir Gott nicht missfallen, so denken wir immer Gutes von unserem Nächsten. Also waren die drei heiligen Weisen so fern, Arges von Herodes zu denken, dass sie zu ihm zurückgekehrt wären, wofern nicht ein Engel sie davon abgemahnt hätte. Ebenso hielt auch der heilige Joseph, ob er auch Maria, seine Jungfräuliche Braut, schwanger sah, es eher für möglich, dass eine Frau ohne Zutun eines Mannes empfangen, als dass Maria sündigen könne. Desgleichen waren auch die Apostel so fern, einen Argwohn auf Judas zu werfen, dass vielmehr jeder selbst zitterte, der Verräter des Herrn zu sein. Denn nimmer denkt, wer selbst gut ist, Böses vom Nächsten. "Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und nimmst den Balken in deinem Auge nicht wahr?" (Lukas 6,41)

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Betrachtung am 20. Oktober - Von der Hingabe an Gott in Trübsalen

 

Du sendest, Herr, mir Kreuz als Arzenei,

Zu heilen meine Wunden;

Durch sie nur kann, wie bitter sie auch sei,

Vollkommen ich gesunden.

Drum heile mich, und sieh dabei

Nicht auf mein töricht Klageschrei.

 

1. Mit väterlicher Liebe sorgt Gott für seine Auserwählten, und er reinigt und prüft sie durch Trübsale, wie das Gold im Feuer. Darum murre nicht, wenn eine Trübsal dir widerfährt, wenn dein guter Ruf verletzt wird, wenn irgend ein bitterer Verlust oder Schaden dich trifft, wenn du mit Schmach zurückgesetzt wirst, oder wenn eine Krankheit dich darnieder wirft, sondern folge der Ermahnung des Apostels, der uns zuruft: "Beugt euch also in Demut unter die mächtige Hand Gottes." (1. Petrus 5,6a) Führst du dein verflossenes Leben wohl zu Gemüte, so wirst du bald zur Überzeugung kommen und sprechen: "Gesündigt hatte ich und das Recht verkehrt; doch hat er mir nicht mit Gleichem vergolten." (Ijob 33,27)

 

2. Lass dich also von deinen Trübsalen niemals verwirren, dass du an Gottes Vorsehung irre wirst, gleich als ob alles, was dir widerfährt, zufällig oder durch die Bosheit der Menschen geschehe, und als ob Gott nicht mehr an dich denkt. Er selbst hat alle Tropfen des Kelches gezählt, den er dir vorsetzte. Er sendet dir, gleich einem Kranken, nicht wonach dich gelüstet, sondern was dir heilsam ist. Er war es, der dein schädliches Vorhaben vereitelte, der die Schmach, die bittere Kränkung über dich verhängte, und so vieles zulässt, das dir widerfährt. Und zwar tut er dies aus wahrer väterlicher Liebe, dich zu heilen und zur Vollkommenheit zu führen.

 

3. Ist nicht der Kranke albern zu nennen, der die Hand des heilenden Arztes von sich stößt, und über seine Anordnungen murrt? Oder wird es dadurch besser mit ihm? Zieht er sich durch seine Ungeduld und seinen Widerstand nicht noch größere Übel zu, und setzt sich der Gefahr aus, das Leben zu verlieren? Du also ahme diese Torheit nicht nach, sondern ergib dich Gott, wie ein gutes Kind, das auf die Liebe seines Vaters vertraut, weil es weiß, dass sein Wohl ihm am Herzen liegt. Je größer dein Vertrauen, um so mehr wird der himmlische Vater bewogen, dir zu helfen, wie er durch seinen Propheten spricht: "Ja, ich werde dich heil entrinnen lassen; du wirst nicht unter dem Schwert fallen, sondern dein Leben wie ein Beutestück gewinnen, weil du auf mich vertraut hast." (Jeremia 39,18)

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Betrachtung am 21. Oktober - Vom Leben aus dem Glauben

 

Herr, deine Wahrheit nähre mich,

Und stärke meiner Seele Mark:

Dann werde ich zum Kampfe stark,

Und preise durch mein Leben dich.

 

1. "Mein Gerechter aber wird durch den Glauben leben." spricht der Herr. (Hebräer 10,38a) Es gibt zwar nicht wenige, die sich selbst für gerecht halten, die aber nicht aus dem Glauben, sondern aus der Hoffart, aus dem Eigendünkel leben, "da sie die Gerechtigkeit Gottes verkannten und ihre eigene aufrichten wollten, haben sie sich der Gerechtigkeit Gottes nicht unterworfen". (Römer 10,3) Aber nicht diese sind es, die der Herr seine Gerechten nennt. Der Glaube des wahren Gerechten ist ein lebendiger Glaube, der die Offenbarungen des Allerhöchsten in ihrem ganzen Zusammenhang dankbar umfängt; "ein Glaube, der durch die Liebe wirkt". (Galater 5,6b) Ist der Glaube nicht so beschaffen, so ist er tot. Nimmermehr aber wird ein Glaube, der selbst kein Leben in sich hat, den Gerechten so nähren, dass er davon leben kann.

 

2. Ein lebendiger Glaube ist stark und siegreich. "Und das ist der Sieg, der die Welt besiegt hat: unser Glaube." (1. Johannes 5,4b) Er siegt "mit den Waffen der Gerechtigkeit in der Rechten und in der Linken." (2. Korinther 6,7b) Weder achtet er der irdischen Wohlfahrt zur Rechten, noch der Widerwärtigkeiten zur Linken, denn sein heller Blick erkennt, dass nichts zu achten sei, außer was ewig ist. Woher der Anfang der Schwäche und des Untergangs einer Seele? Aus der Schwäche ihres Glaubens. Ihr toter Glaube nährt sie nicht, er ist wie ein Brot ohne Kraft, das keine Nahrung gibt; daher die fortwährende Abnahme ihrer Kräfte. Ist nicht dieser tote Glaube die Ursache deiner Schwäche?

 

3. Der Glaube ist nicht nur die gewöhnliche, er ist auch oft die einzige Speise des Gerechten. Es kommen Zeiten, wo seine Seele keine andere Nahrung, keinen Trost vom Himmel empfängt, Zeiten der Trockenheit und der Prüfung. Es ergeben sich oft Ereignisse, Siege der Gottlosen, Unterdrückung der Gerechten und Drangsale, wo die göttliche Vorsehung so gänzlich sich verbirgt, dass selbst der Gerechteste erschüttert würde, wenn er nicht vom Glauben an Gottes unendliche Weisheit und Vorsehung durchdrungen wäre. Hochwichtig also ist es, dass wir durch Betrachtung der ewigen Wahrheiten reich im Glauben werden, damit wir zur Zeit des Hungers davon leben können. Psalm 46,3: "Darum fürchten wir uns nicht, wenn die Erde auch wankt, wenn Berge stürzen in die Tiefen des Meeres."

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Betrachtung am 22. Oktober - Über die innerliche Trostlosigkeit

 

Du bist, Herr, mein Licht und Leben,

Froh nur ist mein Herz bei dir;

Doch es will vor Angst erbeben,

Ist dein Trost entfernt von mir.

 

1. Du klagst über Dürre und Mangel an Trost bei deinem innerlichen Gebet. Kommt dies nicht vielleicht daher, weil du lau bist und zu sehr liebst, was die Sinne erfreulich anspricht? Das Feuer des innerlichen Gebets wird nur durch das Holz des Kreuzes und der Abtötung angefacht und ernährt. Vielleicht auch verlangst du mit allzu großer Gier nach diesem Trost. Gott aber versagt dir ihn, dich in der Demut zu erhalten, vor geistiger Hoffart zu bewahren, zur Erkenntnis deiner selbst dich zu führen und deine Armut und Schwäche dir zu zeigen. Auch entzieht er dir seinen Trost, deine Geduld zu üben und deine Verdienste zu vermehren.

 

2. Gott will, dass du im Geist leben lernst. Er will, dass du im Glauben und in der Hoffnung stark wirst, und dass deine Liebe gereinigt werde. Er will, dass du die Gnade seiner innerlichen Heimsuchung durch ihre Entbehrung hoch achten lernst, dass du sie sorgsam bewahrst, wenn sie dir verliehen wird, und sie eifrig suchst, wenn du sie verloren hast. Er will schließlich deine Treue bewähren, und dich dahin führen, dass du ihn auch dann liebst, wenn das liebliche Licht der Gnade verschwindet, und die Finsternis des Geistes eintritt. So verzage denn nicht, und hoffe in der Nacht, dass der innerliche Tag abermals aufgehen und mit großem Trost dich erfreuen wird. 

 

3. Herr, ich bekenne meine Schuld vor dir. Träge, lau und zerstreut, verdiente ich den Entzug der Gnade deines Trostes. Vergib mir, Herr, meine Untreue und Nachlässigkeit in deinem heiligen Dienst. Ich erkenne, mein Gott, dass ich arm, schwach und elend bin, wenn dein Licht mich verlässt. Aber demütigen will ich mich vor dir, und die verdiente Trockenheit meines Herzens in Geduld ertragen, bis du meiner dich wieder erbarmst, und dir in fester Treue dienen, um deiner selbst willen, und nur suchen, was dir gefällt, nicht aber, was mir erfreulich ist. Psalm 51,13+14: "Verwirf mich nicht von deinem Angesicht, und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir! Mach mich wieder froh mit deinem Heil; mit einem willigen Geist rüste mich aus!"

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Betrachtung am 23. Oktober - Von der christlichen Abtötung

 

Willkommen sei mir, Tod, dein strenger Schmerz,

Der du die Sünde von der Seele scheidest.

Durch dich nur kommt zur Reinigkeit das Herz,

Da du des Lasters Wurzeln ihm entschneidest.

 

1. Die Abtötung ist eine Art des Todes, wie man es am Namen sieht, eines Todes jedoch, der ein Leben erteilt, das uns anregt, der Sünde und der Begierlichkeit zu ersterben, um der Liebe und der Gnade zu leben. Sie geht darauf aus, die Eigenliebe, die Trägheit, die Lust am sinnlichen Vergnügen in uns zu tilgen, damit die heilige Gottesliebe, das wahre Leben der Seele, in uns herrsche. Willst du also zum wahren Leben des Geistes, zum Leben der Gnade und der Glorie gelangen, so musst du dir selbst ersterben durch diese heilige Abtötung, ohne die keine Seele zur glückseligen Umwandlung eines geistigen Lebens gelangen kann.

 

2. Diese Abtötung ist ein Entzug, eine Trennung der Seele vom fleischlichen Leben. Durch sie wird der Geist Gott, der Körper dem Geist unterworfen. Sie beschränkt sich nicht darauf, zu verwerfen was das heilige Gesetz verbietet, sie versagt sich Gott zu Liebe auch erlaubtes Vergnügen, seiner heiligsten Gerechtigkeit für die Schulden ihres vergangenen Lebens genug zu tun. Sie bewacht die Sinne, die Fenster, durch die der Tod in die Seele steigt, und scheidet die Hoffart, die Eigenliebe, die Verachtung des Nächsten, den Vorwitz und alle ungeregelten Anhänglichkeiten an Geschöpfe aus dem Herzen. Das Ziel aber, wohin alle ihre Arbeiten streben, ist, Gott in allen Dingen uns gnädig zu erhalten.

 

3. Diese Abtötung ist die beständige Übung des wahren Christen, und jeden Tag ergeben sich ihm Gelegenheiten dazu. Denn haben wir auch eine Untugend überwunden, so ergibt sich dennoch bald wieder die Notwendigkeit, gegen eine andere zu kämpfen. Denn unser Herz ist ein Acker, auf dem die Natur fortwährend Unkraut hervorbringt, weshalb wir immer wachsam sein müssen, dass es nicht überhand nehme und die wenige gute Frucht ersticke, die wir durch Gottes Gnade nach mühsamer Arbeit gewonnen haben. Unsere Leidenschaften aber sind gleich einer übel gelöschten Fackel, die sogleich sich wieder entzündet, wenn sie in die Nähe des Feuers gebracht wird. Römer 8,13: "Wenn ihr nach dem Fleisch lebt, müsst ihr sterben; wenn ihr aber durch den Geist die sündigen Taten des Leibes tötet, werdet ihr leben."

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Betrachtung am 24. Oktober - Von der Berufung zum Glauben

 

Preis dir, o Gott, der du den Finsternissen

Mich huldreich durch des Glaubens Licht entrissen.

Es führe dieses Lichtes heller Schein

Zum ewigen Vermählungsfest mich ein.

 

1. Wenn ich, mein Gott, betrachte, wie tief die Welt im Argen liegt, wie viele Völker auf dem Erdkreis noch bis zur Stunde in den Finsternissen des Heidentums irren, ja wie viele selbst derjenigen, die deine Barmherzigkeit in das Licht deines Evangeliums berief, die Augen diesem göttlichen Licht vorsätzlich verschließen, um ihre höchste Glückseligkeit in den Schatten und vergänglichen Lüsten der Zeit zu suchen: dann wird mein Herz von innigster Dankbarkeit für die so große und so unverdiente Gnade des heiligen Glaubens durchdrungen, der die künftigen Güter der ewigen Glorie mir zeigt, und mich kräftigt und ermutigt, sie durch Werke der Gerechtigkeit und Geduld in den Trübsalen dieses Lebens zu verdienen. 

 

2. Groß fürwahr und würdig deiner göttlichen Freigebigkeit ist diese Berufung zum Glauben deines göttlichen Evangeliums, mein Gott. Welches Herz auch würde sie verschmähen, ja welches würde sie nicht in seligem Jubel annehmen, wenn es ihren unendlichen Wert betrachtet. Denn dieser Beruf ist die Einladung zu jenem himmlischen Vermählungsfest, das du, der allerhöchste König des Himmels, deinem eingeborenen Sohn, dem Bräutigam seiner Kirche, hältst, und dessen Freuden alles unendlich übersteigen, was die menschliche Einbildungskraft erreichen kann, weil alles darin himmlisch, alles göttlich, alles glorreich und ewig ist. Selig diejenigen, die indessen in diesem heiligen Beruf so wandeln, dass sie "nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes sind!" (Epheser 2,19)

 

3. Preise die Erbarmungen deines Gottes, der vor so vielen Tausenden zu diesem göttlichen Vermählungsfest dich berief, und bereite dich dazu durch ein frommes und gerechtes Leben. Sieh, eingeladen wurdest du durch die Boten des himmlischen Königs, durch seine Kirche. So halte dich denn jederzeit bereit, denn bald werden die Pforten der Ewigkeit aufgetan werden, die in das Gemach des himmlischen Bräutigams dich einführen. Bewahre dich also in heiliger Treue, dass du mit dem Propheten sprechen kannst: "Mein Herz ist bereit, o Gott, mein Herz ist bereit." - "Der Bräutigam kommt! Geht ihm entgegen! . . . und die bereit waren, gingen mit ihm in den Hochzeitssaal, und die Tür wurde zugeschlossen." (Matthäus 25,6+10)

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Betrachtung am 25. Oktober - Über die Glorie der Heiligen

 

O glorreiche Himmelskrone,

Nach dir seufzet mein Verlangen.

Gern will ich das Kreuz umfangen,

Gib, mein Gott, dich mir zum Lohne.

 

1. Gott will, dass alle Menschen selig werden. Alle lädt er zu seinem himmlischen Gastmahl ein. Vieles, ja Unfassbares tat er in dieser Absicht. Doch verlangt er, um dir Anteil an der glorreichen Seligkeit seiner Heiligen zu geben, dass du gleich ihnen sein Gesetz beobachtest, sanftmütig und demütig dich verhältst, und dein Kreuz mit Geduld erträgst. Erhebe dich im Geist in den Himmel, und sieh, ob du darin auch nur einen Heiligen findest, der nichts gelitten hätte. Nimmst du ihre Leiden ihnen hinweg, so nimmst du ihre Krone hinweg. Um diesen Preis also steht auch dir der Himmel offen; tue dir Gewalt an, und du reißt ihn an dich.

 

2. Frage die glorreichen Himmelsbürger, ob es sie nun gereut hat, dass sie das Kreuz umfingen, dass sie in Armut, in Leiden und Trübsalen lebten? Bereit wären sie, wenn Gott es zuließe, abermals auf die Erde zu kommen, und ohne Vergleich größere Schmerzen zu ertragen, ihre Glorie dadurch zu vermehren. Frohlockend preisen sie nun ihre Bußwerke, ihre Leiden, die in diese unermessliche Glorie sie führten, wo sie Gott von Angesicht zu Angesicht schauen, und ewig aus dem Strom seiner Wonnen getränkt werden. Soll ihre glorreiche Seligkeit uns nicht zur Nacheiferung erwecken? Was also hält uns ab? Wo ist unser Glaube? Erheben wir doch unseren Blick zum Himmel, und jede Arbeit wird uns leicht werden.

 

3. Hatten etwa die Heiligen ein anderes Evangelium, andere Sakramente? Oder hatten sie weniger Hindernisse? Sie alle hatten böse Neigungen zu bekämpfen, Gelegenheiten zu meiden, Versuchungen zu überwinden. Was also kann dich entschuldigen? Deine Jugend? Bist du jünger als ein Stanislaus? Deine Kränklichkeit? Sind deine Krankheiten schwerer und länger, als die einer Theresia, einer Liduwina? Deine Geschäfte? Hättest du mehr Geschäfte, als so viele heilige Könige und Fürsten? Oder hättest du schwerere Versuchungen zu überwinden, als Joseph, eine Susanna? Kein Hindernis also steht dir im Wege, als deine Trägheit, und wahrlich nicht sehr teuer erkaufst du den Himmel durch ihre Überwindung. "Schon empfängt der Schnitter seinen Lohn und sammelt Frucht für das ewige Leben, so dass sich der Sämann und der Schnitter gemeinsam freuen." (Johannes 4,36)

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Betrachtung am 26. Oktober - Von der geringen Anzahl der Auserwählten

 

Gerecht und heilig, Herr, ist dein Gericht,

Mild rufst du alle in dein Vaterhaus,

Und die da kommen, führst du in dein Licht;

Die dich nicht hören, schließen selbst sich aus.

 

1. "Gott will," spricht der Apostel, "dass alle Menschen selig werden, und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen!" Der eingeborene Sohn Gottes aber versichert feierlich, "viele sind berufen, und nur wenige auserwählt". Woher dies? Erstens aus dem menschlichen Widerstand, der Gottes liebreiche Absichten vereitelt. Wenn ganze Nationen der Verkündigung der Apostel sich widersetzten, und ihren Nachfolgern noch immer sich widersetzen; - wenn ganze Völker von der Einheit der Kirche sich losrissen, und noch zur Stunde die Augen der Wahrheit verschließen; - wenn so viele Kinder selbst der katholischen Kirche das Irrgerede der Gottlosen anhören, und gegen ihre Mutter sich empören: ist dies nicht ihre eigene Schuld? Und ist Gottes Vorsehung nicht vollkommen gerechtfertigt?

 

2. Die zweite Ursache ist "die Weisheit dieser Welt, die Torheit vor Gott ist". Denn was anderes rät diese törichte Weisheit, als Schädliches suchen, Vergängliches lieben, Heilsames vernachlässigen und Ewiges als nichts achten? Also verschmähten jene vom himmlischen König eingeladenen Gäste diese glänzende Auszeichnung, und gingen ihren Geschäften, ihren Unterhaltungen nach, ja sie misshandelten sogar seine Boten. Ahmen wir aber nicht ihrer Verkehrtheit nach? Ziehen wir unsere zeitlichen Vorteile nicht dem Heil unserer Seele vor? Widerstehen wir Gottes Einladungen nicht beständig, und zürnen denjenigen, die uns ermahnen, seiner Stimme Gehör zu geben, und seinen glorreichen Verheißungen durch treue Befolgung seines heiligen Gesetzes und würdig zu machen?

 

3. Die dritte Ursache ist unser toter Glaube. Wären wir von Gottes Güte und Gerechtigkeit, von der Würde unserer Seele, von der Ewigkeit der himmlischen Belohnungen durchdrungen, wahrlich, wir würden den vergänglichen Gütern dieser Zeit nimmermehr mit so großer Gier nachstreben. Denn welcher Hungernde greift je nach einem Stein, wenn er durch Brot sich erquicken kann? Oder nach einer Schlange, wenn treffliche Fische ihm vorgesetzt werden? Welcher Mensch auch würde je der Hölle zueilen, wenn er tief von dem Gedanken an den Himmel durchdrungen wäre? Irren wir nicht, und treffen wir eine gute Wahl, dann werden auch wir von Gott auserwählt werden. "Vor dem Menschen ist Leben und Tod, das Gute und das Böse; welches ihm gefällt, das wird ihm gegeben werden." 

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Betrachtung am 27. Oktober - Über die Hoffnung, zu den Auserwählten zu gehören

 

Auf dir, o Herr, ruht mein Vertrauen,

Dich einst in deinem Licht zu schauen,

Und dich zu preisen ewiglich.

O milder Gott, erhöre mich.

 

1. Die Gerichte Gottes sind ein tiefer Abgrund. Er allein kennt diejenigen, die mit seiner Gnade zum Heil gelangen werden. Wir aber sollen, nach der Ermahnung des Apostels, unser Heil mit Furcht und Zittern wirken, da wir nicht wissen, ob wir zur Anzahl seiner Auserwählten gehören. Gottes unendliche Weisheit aber wollte dies so, damit wir in der Demut und in beständiger Wachsamkeit bleiben, ohne Unterlass zu seiner göttlichen Barmherzigkeit beten, uns rein bewahren und guten Werken mit Eifer nachgehen, die allein unsere Auserwählung sichern, auch wenn wir wüssten, dass wir zur glückseligen Anzahl der Auserwählten gehörten.

 

2. Bete also die göttlichen Ratschlüsse in Demut deines Herzens an, und fürchte die göttlichen Gerichte. Aber mäßige diese Furcht durch Liebe und Vertrauen. Ist nicht dein ganzes Leben eine beständige Verkettung von Gnaden und Erbarmungen von deinem himmlischen Vater? Früh schon erleuchtete dich sein heiliges Licht und zog dich zu seiner Erkenntnis und Liebe an. Und sieh, als du später hin dich verirrt und seinen Weg verlassen hast, ging seine Gnade dir nach, bewahrte dich vor den Schrecknissen eines jähen Todes und vor gänzlicher Verstocktheit des Herzens, und ruhte nicht, bist du zu ihm zurückgekehrt bist. Wie also fürchtest du, er werde nun das Schäflein verlassen, dass er mit so großer Mühe aufsuchte, und über dessen Wiederfinden er ein Fest mit seinen Engeln feierte? 

 

3. Aber, sprichst du, wer weiß, ob ich aushalten werde! Denn wie viele, die Gott lange Zeit dienten, fielen am Ende ab und gingen ewig verloren. Sage mir, hast du in dir selbst die Kraft gefunden, deine sündhaften Fesseln zu brechen, oder hast du sie von Gott bekommen? Sind also diese großen Gnaden des Heils, die Gott dir verlieh, nicht ein sicheres Unterpfand, dass er auch die übrigen dir verleihen werde, selig zu vollenden? Rufe täglich mit ganzem Herzen um seine Gnade zu ihm, und er wird sie dir täglich verleihen. Nicht durch kleinmütiges Zagen, sondern durch kräftige Hoffnung und getreue Liebe wirst du zur Seligkeit gelangen. Psalm 31,2: "Herr, ich suche Zuflucht bei dir. Lass mich doch niemals scheitern; rette mich in deiner Gerechtigkeit."

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Betrachtung am 28. Oktober - Vom dreifachen Stand derjenigen, die Gott dienen

 

O gib mir, Herr, der heil`gen Liebe Mut,

Und deines Eifers immer rege Glut,

Dass nimmer ich von deinem Wege weiche,

Bis standhaft ich mein hohes Ziel erreiche.

 

1. Die christliche Vollkommenheit ist gleich einem hohen Berg, auf dessen Gipfel die heilige Stadt erbaut ist, wohin alle zielen, die diesen Berg besteigen, um daselbst zur Vereinigung mit ihrem Gott zu gelangen. Unter diesen Wanderern nun werden Anfänger diejenigen genannt, die noch unten am Fuß des Berges sind; - Fortschreitende die, die bereits die Mitte des Berges erreicht haben; - Vollkommene endlich die Glückseligen, die bis an seinen Gipfel gelangt sind. Die ersten haben noch vollauf zu tun, vor Sünden sich zu hüten. Die zweiten ringen nicht mehr, Sünden zu meiden, sondern wahre Tugenden zu erlangen. Die dritten, die bereits in Tugenden geübt sind, streben nach der Vereinigung mit Gott. Erwäge nun, zu welchen aus diesen dreien du gehörst.

 

2. Es müssen zwar auch die Fortschreitenden, ja sogar die Vollkommenen vor Sünden sich hüten, und auch die Anfänger müssen Fleiß anwenden, Tugenden zu erlangen und zur Vereinigung mit Gott zu gelangen. Indessen ist doch jeder dieser Stände vorzüglich mit der Arbeit beschäftigt, die ihm eigen ist, und niemand soll plötzlich von dem einen zu den andern übergehen wollen. Denn viele möchten gerne auf einmal vollkommen sein. Dies aber ist so wenig möglich, als dass der Körper eines kleinen Jungen plötzlich zu einem vollkommenen Mann erwachse. Das Kind mag weder die Speisen, noch die Arbeiten eines Mannes zu ertragen. 

 

3. Darum ermahnt der heilige Apostel Petrus uns sehr weise, gleich neugeborenen Kindern nach vernünftiger Milch zu verlangen, damit wir dadurch allmählich zum Heil erwachsen (1. Petrus 2), und spricht auch an einer anderen Stelle: "Wachst in der Gnade und in der Erkenntnis unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus." (2. Petrus 3) Meist ist es nur die Eigenliebe, die so gerne sich vollkommen sehen möchte, und die nicht sowohl auf ihre Schwäche, als auf ihr Verlangen sieht, weshalb sie auch gewöhnlich auf dem Weg erliegt. Darum schreite mit Gottes Gnade, demütig und behutsam, bis dir gesagt wird: "Freund, rücke weiter hinauf!" Psalm 84,8: "Die Gerechten werden von Tugend zu Tugend schreiten, bis sie den Gott der Götter schauen."

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Betrachtung am 29. Oktober - Von der Anziehung der Gnade

 

Dein Wille, Herr, nur kann mich sicher leiten,

Denn was, o Gott, du willst, ist gut allein.

O lass mich nicht von deinem Wege gleiten,

Und lehre mich, dir wohlgefällig sein.

 

1. Habe immer fromme und gute Übungen zur Hand und vollbringe sie getreu und in reiner Absicht. Doch hänge ihnen nicht so an, dass du sie nicht alsbald verließest, wenn die göttliche Vorsehung entweder durch Anordnung deiner Vorgesetzten oder auf andere deutliche Weise dir kund gibt, dass sie nun anderes von dir fordert. Denn wir sollen Gott nicht nur dienen, sondern dienen sollen wir ihm, wie er selbst es will, und unseren eigenen Willen verleugnen, ja sogar Großes und Lobenswertes verlassen, um Geringes zu tun. Denn verlangt Gott dies von dir, so hört das Geringe auf gering zu sein, und wird besser denn alles, was dir groß und lobwürdig scheint. 

 

2. Dein ganzes Verdienst besteht in deiner Selbstverleugnung, um Gottes heiligen Willen zu tun. Er verteilt seine Gaben auf verschiedene Weise, je nach dem Wohlgefallen seiner Weisheit und dem Beruf und den natürlichen Anlagen seiner Diener. Nicht alle sollen die genannten Übungen abwarten, alle aber sollen in einem Geist der Liebe wirken. Kannst du also nicht tun, was andere tun, so kannst du doch diese Tugenden üben, und demütig, barmherzig und geduldig sein, wenn auch nicht auf dieselbe Weise wie sie. Nimmst du alles wie von Gott an, und suchst in allem nur seine Ehre, nimmermehr wird Gott es dann zulassen, dass du irre gehst, und was immer dir widerfahren mag, wird dir zu größerem Heil gereichen.

 

3. Bemiss deine Vollkommenheit nicht nach dem Maß anderer, sondern richte dich nach Gottes Wohlgefallen, und sieh nicht auf die Gnade, die dieser oder jener empfing. Verlange du keine größeren Gaben, als Gott will, dass du sie haben sollst. Deine Vollkommenheit bestehe darin, so zu sein, wie es Gott wohlgefällig ist, gleichwie ob arm oder reich. Suchst du dich selbst nicht und bist immer bereit, Gottes Anordnungen zu folgen, ob sie der Natur erfreulich oder lästig sind, dann bist du auf dem geraden Weg, der zum Himmel führt. Psalm 143,10: "Lehre mich, deinen Willen zu tun; denn du bist mein Gott. Dein Guter Geist leite mich auf ebenem Pfad."

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Betrachtung am 30. Oktober - Über den Glauben des Halbchristen

 

Erwecke, Herr, in mir den Glauben;

Es leuchte mir sein heil`ges Licht,

Mich zu belehren und zu stärken,

Dass einst ich mit gerechten Werken

Vor dir erscheine beim Gericht.

 

1. "Wer nicht glaubt, der ist schon gerichtet!" spricht der Herr. (Johannes 3,18) Prüfen wir uns also mit Sorgfalt, diesem schweren Strafgericht zu entkommen. Haben wir den Glauben, das heißt, einen festen, lebendigen, werktätigen Glauben? Jakobus 2,19: "Du glaubst: Es gibt nur den einen Gott. Damit hast du recht; das glauben auch die Dämonen, und sie zittern." spricht der Apostel. Glauben wir, dass wir mit Jesus leiden müssen, wenn wir mit ihm herrschen wollen? Betrachten wir alle Dinge nach dem Urteil dieses Glaubens? Würde, wer wahrhaft glaubte, was wir zu glauben verpflichtet sind, leben, wie wir leben?

 

2. Wie viele leben in den Tag hinein, lassen die Wahrheiten des Glaubens dahin gestellt sein, und führen ein heidnisches Leben. Gehören nicht auch wir zu dieser Anzahl von Menschen? Wie kann man je an die unendliche Majestät eines Gottes glauben, und ihm nicht dienen, an seine unendliche Gerechtigkeit, und ihn nicht fürchten? Wie kann man glauben, dass, was vor den Augen der Menschen groß ist, ein Gräuel in seinen Augen ist, und mit aller Gier nach dieser Größe verlangen? Glauben, dass wir uns selbst verleugnen, unser Kreuz tragen, Buße wirken und uns Gewalt antun müssen, wenn wir selig werden wollen, und alle diese Dinge gleich dem Feuer meiden? Wie können wir an die schrecklichen Strafen der Hölle glauben, und ruhig in der Sünde fortleben, ja unsere alten Sünden mit neuen vermehren?

 

3. Der Glaube muss das Licht und die Richtschnur unseres Lebens sein. Immer zeigen unsere Handlungen unseren Glauben wirksamer, als unsere Worte. "Der Gerechte", spricht die Schrift, "lebt aus dem Glauben." Wir aber leben nicht nur nicht daraus, sondern wir ertöten ihn in unserem Verstand und in unserem Herzen. Stehen nicht unsere Sitten in furchtbarem Widerspruch mit unserem Glauben? Verleugnen wir den Glauben nicht unter Ungläubigen, und opfern unser Heil einer geringen Ehre, einem unbedeutenden Nutzen auf? Wehe uns, wenn wir dem Evangelium nicht glauben, und abermals Wehe uns, wenn wir als Christen glauben und als Heiden leben. 2. Petrus 2,21: "Es wäre besser für sie, den Weg der Gerechtigkeit gar nicht erkannt zu haben, als ihn erkannt zu haben und sich danach wieder von dem heiligen Gebot abzuwenden, das ihnen überliefert worden ist."

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Betrachtung am 31. Oktober - Von der Wirksamkeit des Gebetes

 

Verschmähe, Herr, nicht mein Gebet,

Das in Bedrängnis zu dir fleht;

Denn niemand rettet in der Not,

Als du, o Herr, Gott Sabaoth.

 

1. Willst du Gottes Gnade erlangen und bewahren, so liebe das Gebet und lass es deine beständige Übung sein. Gott gab es uns als das allgemeine Mittel gegen alle unsere Übel, und es fordert weder einen erhabenen Geist, noch große Wissenschaft. Ein ehrerbietiges und eifriges Gebet findet immer eine liebevolle Aufnahme. Auch steht der Zutritt zu dem himmlischen König dir frei zu jeder Zeit. Er ist keine stolze und unzugängliche Majestät. Keine Wache verwehrt dir den Eintritt in seinen Palast. Er ist bereit, uns anzuhören, so oft wir wollen, und niemand, der mit andächtigem und zerknirschtem Herzen zu ihm kommt, geht leer von dem Thron seiner Barmherzigkeit aus. 

 

2. Wie oft nimmst du, statt zu dem Vater des Erbarmens zu beten, deine Zuflucht zu Menschen und klagst ihnen deine Not. Darfst du dich aber wundern, wenn du ohne Hilfe, ja oft mit bitteren Worten abgewiesen wirst? Gott hat die Herzen der Menschen in seiner Hand, und sie werden dir auch nur in sofern helfen, als er sie dazu anregt. Warum also nimmst du deine Zuflucht nicht sogleich zu ihm? Hast du nicht seine untrügliche Verheißung, dass du erhalten wirst, um was du im Glauben bittest? Glaubst du etwa dieser Verheißung nicht? Oder achtest du Gottes Wohltaten so gering, dass du nicht einmal darum bittest?

 

3. Betrachte den Fürsten, der zu Jesus kam, ihn zu bitten, dass er seinen Sohn gesund macht. Statt ihn zu erhören, gab der Herr ihm einen Verweis. Aber der betrübte Vater wurde dadurch nicht irre an der Güte Jesu. Er bat noch dringender, und erhielt endlich zu seiner großen Freude die Frucht seines Gebetes. Also prüft Gott zuweilen den Glauben und die Beharrlichkeit seiner Diener, immer aber erhört er ihr andächtiges, dringendes und beharrliches Gebet, und zögert zuweilen nur darum mit der Erhörung, damit sie dann seine Gaben um so höher achten. Denn ausdrücklich ist die Verheißung unseres Herrn: "Ich sage euch: Alles, um was ihr bettet in eurem Gebet, glaubt nur, dass ihr es empfangen werdet, dann wird es euch zuteil." (Markus 11,24)

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