Betrachtungen im November

 

Betrachtung am 1. November - Am Fest Allerheiligen

 

O seht herab vom hohen Himmelssaal,

Wo selig eure Jubelhymnen klingen,

Ihr Himmelsbürger, in dies Tränental,

Wo, ach, wir arme noch in Schmerzen ringen;

Und bittet, dass Gott unser Flehn erhöre,

Und bald durch uns ergänze eure Chöre.

 

1. Es besteht zwischen der triumphierenden und der streitenden Kirche eine wahre, lebendige und innige Gemeinschaft, denn alle Glieder der einen heiligen Kirche sind durch das Erlösungsblut Jesu Christi miteinander verschwistert. Wir zwar leben noch im Glauben, sie aber in der Anschauung. Doch sind alle, die hienieden in Gottes Gnade leben, "Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes". (Eph 2,19) Versichert uns aber die ewige Wahrheit, dass mehr Freude im Himmel ist über einen Sünder, der da Buße tut, als über 99 Gerechte, die der Buße nicht bedürfen (Lk 15,7), so sehen wir daraus klar, dass die glückseligen Himmelsbürger die Gerechten genau von den Sündern unterscheiden.

 

2. Diese Freude der Heiligen an der Bekehrung der Sünder entspringt ihrer feurigen Liebe und der lebendigen Sehnsucht, dass die unendlich liebevolle Majestät Gottes von einer immer größeren Anzahl Anbeter verherrlicht werde. Daher auch nehmen sie den innigsten Anteil an ihren Brüdern und Schwestern, die noch in diesem Tal des Kampfes sind. Sie kennen unsere Schwächen und die Versuchungen, denen wir beständig ausgesetzt sind, und bringen die Bitten, die wir an sie richten, vor Gottes Thron. Wie auch sollten sie, die im irdischen Leben sogar für ihre Feinde beteten, nun, wo ihre Nächstenliebe vollkommen ist, nicht für diejenigen bitten, die sie verehren und anrufen?

 

3. Gott aber erhört die Fürbitten seiner Heiligen für uns. Psalm 145,18-19: "Der Herr ist allen, die ihn anrufen, nahe, allen, die zu ihm aufrichtig rufen. Die Wünsche derer, die ihn fürchten, erfüllt er, er hört ihr Schreien und rettet sie." Auch spricht der Sohn Gottes: "Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren" (Joh 12,26b), diese Ehre aber besteht darin, dass er ihre Bitten erhört. So rufen wir denn diese glorreichen Himmelsfürsten oftmals an, und sprechen wir: Selige Bewohner des himmlischen Jerusalems, bittet für uns beim Thron des Allmächtigen, der euch als seine Kinder liebt, damit wir, wie ihr, die Welt und uns selbst überwinden, im Glauben leben und sterben, und einst Gefährten eurer Seligkeit werden. So heißt es in Davids Psalm: "Deine Freunde, mein Gott, sind mir überaus hoch geehrt; ihre Herrschaft ward überaus mächtig gekräftigt."

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Betrachtung am 2. November - Am Gedächtnis Allerseelen

 

Nimm, Herr, die Seelen, die in deinem Frieden

Aus dieses Lebens Kämpfen abgeschieden,

Barmherzig auf in deiner Heil`gen Schar,

Dass sie dich selig preisen immerdar.

 

1. 2 Makk 12,45: "Es ist ein heiliger und heilsamer Gedanke, für die Verstorbenen zu beten, damit sie von ihren Sünden gelöst werden." Heilig ist dieser Gedanke, weil er von der Liebe, der ersten aller Tugenden, ausgeht, die fordert, dass wir alle, die wir in Jesus Christus ein Körper sind, einander zu Hilfe kommen, und füreinander beten sollen. Sind wir nun schon gegen unsere lebenden Brüder und Schwestern zu diesem heiligen Liebesdienst verpflichtet, wie weit mehr gegen jene, die keine Verdienste mehr erwerben können, der göttlichen Gerechtigkeit genug zu tun, da sie bereits "in jener Nacht sind, wo niemand mehr wirken kann?"

 

2. Ja, dieser Gedanke ist nicht nur heilig, sondern auch heilsam. Denn unsere Gebete, Almosen und andere guten Werke, ganz vorzüglich aber das unblutige Opfer unserer Erlösung, gereichen den Seelen, die das Leben in Gottes Gnade verließen, zum größten Heil, weil wir dadurch an ihrer Statt der göttlichen Gerechtigkeit genugtun. Denn liebevoll nimmt der Vater der Erbarmungen auf, was wir mit Liebe für diese Seelen tun, die er selbst väterlich liebt, und zu seiner ewigen Liebe auserwählte. Es ist also eine heilige Pflicht, für unsere verstorbenen Brüder und Schwestern zu beten, die mit unserem Gebet rechnen und uns zurufen: "Erbarmt, erbarmt euch meiner, ihr, meine Freunde." (Ijob 19,21)

 

3. Es ist ein Ausspruch aller Väter, dass die Strafen der künftigen Welt alle unsere Vorstellungen übertreffen. "Denn jetzt aber, da sein Zorn nicht straft, und nicht groß des Frevels achtet" (Ijob 35,15), dann aber wird der letzte Heller eingefordert. Wie viele Eltern seufzen dort nach der tätigen Liebe undankbarer Kinder. Wie viele Freunde erwarten Hilfe von ihren Freunden und anderen, denen sie einst Gutes taten. Und wie überaus schmerzlich ist für sie die Unbarmherzigkeit ihrer Hinterlassenen. Könnten wir nur einen Blick in diese Gefängnisse der göttlichen Gerechtigkeit tun, wie eifrig würden wir sein, für die Verstorbenen zu beten und zu wirken. Unterlassen wir diese heilige Pflicht an keinem Tag, denn mit dem Maß, womit wir messen, wird uns zurückgemessen werden. Im Buch Kohelet lesen wir: "Versage einem Verstorbenen keine Gnade."

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Betrachtung am 3. November - Gottes Vaterherz

 

Aus deinem Herzen strömt, o Gott, die Liebe,

Die dein Geschöpf zu deinem Bilde schmückt;

Und unbesiegbar sind des Herzens Triebe,

Das wahrhaft liebt und liebend selbst beglückt.

 

1. Gewaltig ist die Liebe guter Eltern für ihre Kinder. Sie achten keiner Sorgen, keiner Anstrengungen, ihr Glück zu fördern. Erkranken aber diese geliebten Kinder, dann ist die ganze Familie ängstlich beschäftigt. Kein Geld wird gespart, keine Nachtwache, kein Opfer gescheut. Also sandte auch jener Fürst, dessen Sohn erkrankt war, nicht seine Leute: er selbst kam zu Jesus, um ihn um die Heilung seines Sohnes zu bitten. Aber liebe Eltern, warum diese Angst? Warum diese Sorgen? Was verliert ihr denn, wenn dieses Kind stirbt? Oder was gewinnt ihr, wenn es am Leben bleibt? Ach, du kennst die Liebe nicht, würden sie dem so Fragenden antworten, uns selbst lieben wir in unserem Kind, und wir selbst sterben gleichsam mit ihm.

 

2. Erkennst du hier das Bild des himmlischen Vaters? Nur einen Funken seiner Liebe legte er in das Herz der Eltern, und wie unüberwindlich wirkt er in ihnen. Was ist aber dieser geringe Funke gegen die unermessliche Liebe des göttlichen Vaterherzens. Denn der Herr selbst spricht in Jesaja 49,15: "Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde, ich vergesse dich nicht." Nichts zwar verliert er, wenn wir verloren gehen, und nichts gewinnt er, wenn wir selig werden, aber sein Wesen ist die Liebe, er liebt uns als seine Geschöpfe, er liebt sein eigenes Bild in uns.

 

3. Gute Eltern suchen ihre Kinder durch Güte und Strenge zu bessern, sie verstoßen sie nicht, auch nach vielen Fehlern. Nun wenn sie nach allen Ermahnungen, Wohltaten und Strafen sich also gegen die Eltern empören, dass sie ihnen nach dem Leben stellen, schließen sie sie mit Schmerz vom Vaterhaus aus. So tut es auch unser himmlischer Vater, der seine unendliche Güte gleichsam erschöpft, und schließt nur jene Verstockten vom Himmel aus, die da wünschten, dass kein Gott wäre, und bis an ihr Ende in dem hartnäckigen Trotz gegen ihn verharren. "Sag zu ihnen: So wahr ich lebe - Spruch Gottes, des Herrn -, ich habe kein Gefallen am Tod des Schuldigen, sondern daran, dass er auf seinem Weg umkehrt und am Leben bleibt." (Ez 33,11a)

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Betrachtung am 4. November - Von der himmlischen Freude

 

Nach dem hohen Vaterlande

Seufzet, hier verbannt, mein Herz.

Wann zerfallen meine Bande?

Wann, ach, weicht der Sehnsucht Schmerz?

Wann verschlingt der Sieg den Streit

In dem Reich der Seligkeit.

 

1. O glückseliges Vaterland in den Höhen, himmlisches Jerusalem, wie glüht mein Herz nach dir. Psalm 87,3: "Herrliches sagt man von dir, du Stadt unseres Gottes." Wann, o wann wird der Tag erscheinen, wo ich unter deine glückseligen Bürger aufgenommen werde, die im lieblichsten Einklang die göttliche Dreieinigkeit loben Tag und Nacht, und, trunken aus dem Strom der göttlichen Wonnen, von Freude zu Freude schweben. Unverwelklich blüht dort ihre Seligkeit in der Fülle unendlicher Liebe. Dort glänzen alle wie die Sonne in ihres Vaters Reich, und singen ewige Triumphgesänge. Dort schauen sie unentwegt die glorreiche Gottheit, lieben sie und werden gleich geliebten Kindern von ihr geliebt und umfangen.

 

2. O Seligkeit, die hoch über allen sterblichen Worten steht. Dort wechseln nicht alternde Tage mit dunklen Nächten, denn dort herrscht der Tag der Ewigkeit, und Gott selbst ist das Licht, das die wunderbare Himmelsburg durch seine Glorie erleuchtet. Dort sind alle in Gott entzückt, und unendlich mehr lieben sie ihn, als ihre eigene Seligkeit. Dort herrscht kein Neid, wo alle groß, alle Kinder Gottes sind, denn das Maß aller ist erfüllt, und die in minderer Glorie glänzen, erfreuen sich der größeren Herrlichkeit ihrer glückseligen Brüder und Schwestern. Die ersten Himmelsfürsten aber sind mit ihnen durch die schönste Liebe verschwistert und tragen Gewänder der himmlischen Glorie.

 

3. O unendliche, unerschaffene Schönheit meines Gottes. Selig, die in deinem Licht wohnen und deine Herrlichkeit schauen. Selig die liebeflammenden Chöre der heiligen Engel, die zahllosen Scharen der heiligen Patriarchen, Propheten, Apostel, Blutzeugen, Bekenner, Jungfrauen und Büßer. Selig alle, die in diese himmlische Heimat aufgenommen werden, und in schöner Vertraulichkeit mit diesen heiligen Bürgern der ewigen Stadt Sion leben, wo alle in einem Geist dich, den König der Unsterblichkeit, preisen, mit deinem eingeborenen Sohn, der diese Seligkeit durch sein Blut ihnen erworben hat, und dem Heiligen Geist, dessen Gnade sie geheiligt und des Himmels würdig gebildet hat. Psalm 42,3: "Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann darf ich kommen und Gottes Antlitz schauen?"

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