Betrachtungen im Januar

 

Betrachtung am 1. Januar - Von der Beschneidung des Herrn

 

Dein Name, Herr, glänzt an des Jahres Spitze.

Dein Erstlingsblut gabst heut du für uns dar.

O lehre unsre Herzen uns beschneiden,

Und gib uns, dass durch Freuden und durch Leiden

Wir unbefleckt durchwallen dieses Jahr.

 

1. Preis und Anbetung dir, o Jesus, Sohn des lebendigen Gottes, der du, die unendliche Schuld der menschlichen Natur zu tilgen, bereit warst, das Gewand der Sünder anzuziehen, und dem schmerzlichen Gesetz der Beschneidung dich zu unterwerfen. Kaum ist dein heiligstes Blut in deinen zarten Adern gebildet, so hast du bereits unter Schmerzen seine Erstlinge als ein Unterpfand vergossen, dass du es einst bis auf den letzten Tropfen für unsere Erlösung vergießen wirst. Darum empfängst du auch bei dieser heiligen Beschneidung den Namen Jesus, den Namen eines Heilandes, eines Erlösers, den sich nicht Menschen erdachten, sondern den Gottes Engel aus den himmlischen Höhen gebracht hatten, noch bevor du in der menschlichen Natur empfangen warst.

 

2. Dies ist das große Geheimnis der göttlichen Milde, das von Anbeginn der Welt verborgen war, nun aber den Heiligen geoffenbart wurde (Epheser 1): dass der Allerhöchste sich selbst erniedrigte, unser Bruder im Fleisch zu werden, um in seiner, mit der göttlichen Natur persönlich vereinten Menschheit unendliche Verdienste zu erwerben, die unendliche Schuld der Menschheit zu tilgen. Darum, o Jesus, beten wir dich an und preisen deinen glorwürdigen Namen, vor dem die bösen Geister zittern, die Himmel jubeln, durch den die Erde neues Leben empfängt und vor dem alle Knie sich beugen, weil dies der einzige Name ist, durch den wir das ewige Heil erlangen können.

 

3. Nur Vorbilder der Erlösung waren alle Zeremonien des alten Bundes, die der Gottmensch Jesus durch die Wahrheit erfüllte. Auch die Beschneidung im Fleisch war ein Vorbild der geistigen Beschneidung. Jesus, unser Erlöser und allerhöchster Gesetzgeber, wandelte zwar die erste, die die Vergebung der Sünde vorbedeutete, in die Taufe um, in der die Sünde erlassen wird; verpflichtete uns aber dafür zur zweiten, nämlich zur christlichen Selbstverleugnung. Beschneiden wir also alle sündhaften Gedanken, Begierden und Werke ernstlich in unserem Herzen, denn nirgends sonst werden wir zur Anzahl seiner Auserwählten gehören. Römer 2,29: "Dies ist die Beschneidung des Herzens, die im Geist, nicht im Buchstaben geschieht, und deren Lob nicht von den Menschen, sondern von Gott ist."

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Betrachtung am 2. Januar - Zum Anfang des neuen Jahres

 

Sieh, ein neues Jahr beginnt.

Auf denn, säume nicht, und eile:

Denn die edle Zeit verrinnt.

Nütze sie zu deinem Heil;

Denn die Aussaat in der Zeit

Reift zur Frucht der Ewigkeit.

 

1. Wie vom Gipfel eines hohen Berges blicke ich im Licht dieses neuen Jahres in den Abgrund der Zeiten hinab. Wie schnell verging dies letzte Jahr, wie schnell meine ganze Lebenszeit, wie schnell alle Stunden, Tage und Jahre, die seit der Schöpfung verflossen sind. Alle eilten in den Ozean der Vergangenheit, wo nun Tage, Wochen, Jahrhunderte von gleicher Kürze sind. Wie viele aber nahm das verflossene Jahr auf seinen Flügeln mit sich in die Ewigkeit, die seinen Anfang noch froh erlebt hatten. Junge und Alte, Reiche und Arme, Könige und Bettler, ja wie viele meiner Freunde und Bekannten auch, die nichts weniger als einiges so schnellen Endes gedachten. Kann aber, was im verflossenen Jahr ihnen widerfuhr, im laufenden Jahr nicht mir selbst widerfahren?

 

2. O Zeit, wie schnell ist deine Eile, wie unsicher deine Dauer, wie unendlich dein Wert. Du bist das Talent, das der himmlische König mir anvertraute. Von deiner Verwendung hängt das Los meiner Ewigkeit ab. Muss ich aber nicht zitternd auf das vergangene Jahr zurückblicken? Sammelte ich mir nicht Schätze des Zorns für den Tag des Gerichts? Und in der großen Anzahl meiner Werke: wie wenig Frucht für den Himmel, und wie viel Spreu zum Verbrennen.

 

3. Dank und Anbetung dir, o König der Ewigkeit, mein Schöpfer und mein allerhöchster Herr. Abermal führte deine Huld in ein neues Jahr mich ein, meinen unermesslichen Verlust zu ersetzen. Ach, wie würden so viele, die nun auf ewig von deinem Angesicht verworfen sind, diese kostbare Zeit verwenden, wenn sie für sie zurückkehrte. Und ich sollte noch länger säumen, mein ewiges Heil durch Werke des Lebens zu sichern? Ach, schon ist vielleicht das Ziel meines Lebens nahe. Ist aber dieses Jahr mein letztes: was möchte ich dann nicht alles darin getan haben. Vergeblich jedoch sind dann meine Wünsche. So will ich denn nun mit deiner Gnade, Herr, kräftig beginnen. Nun ist die Gegenwart in meiner Gewalt; "nun sind Tage des Heils; nun ist eine gute Zeit."

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Betrachtung am 3. Januar - Die erhabene Bestimmung des Menschen

 

Ich pilgre hier in fremdem Land,

Und ziehe eilig fort;

Im Himmel ist mein Ort.

Bald fällt des Fleisches Scheidewand,

Dann reicht mein Schöpfer mir die Hand,

Und nimmt nach meinem Lauf

Mich gnädig zu sich auf.

 

1. Wie kam ich in diese Welt? Und was soll ich in ihr? Verdanke ich vielleicht mein Dasein den leiblichen Eltern? Aber kennen denn diese Eltern auch nur die Hälfte der inneren Organe meines Leibes? Setzten sie den unendlich kunstreichen Bau meines Auges oder meines Gehirns zusammen? Und wie verknüpften sie meinen unsichtbaren Geist mit diesem sichtbaren Körper zu einem Wesen? Eine Kunst unendlicher Weisheit und Allmacht ist hierzu erforderlich. Dies sagt mir das Licht der Vernunft. Gott also hat, wenn auch durch die Vermittlung irdischer Eltern, mir das Dasein gegeben. Er ist der eigentliche Urheber meines Daseins.

 

2. Gab aber Gottes unerschaffene Majestät mir das Dasein, so gab sie es mir offenbar zu ihrer Verherrlichung und zu meiner eigenen Glückseligkeit. Denn alle Wesen schuf der Allerhöchste für sich, alle streben nach ihm, wie nach ihrem Mittelpunkt. Dazu auch ist mein Geist mit einer Erkenntniskraft begabt, die bis ans Unendliche reicht, ihn selbst zu erkennen, und mit einem Vermögen, zu lieben, das kein erschaffenes Wesen vollauf zu sättigen vermag. Schon hieraus erkenne ich klar, dass ich erschaffen bin, meinen Schöpfer zu erkennen, zu lieben und ihn zu besitzen, da nur er, der unendliche Urquell alles Guten, mein Ziel und meine einzig wahre, volle und unendliche Glückseligkeit ist.

 

3. Was also soll ich hier? Offenbar soll ich das Ziel erreichen, für das mein Gott mich erschaffen hat. Hierin aber erkenne ich seine unendliche Güte, die mich nicht erschuf, und dann mir selbst mich überließ. Er gab mir sein heiliges Gesetz als den Weg, auf dem ich zu ihm gelange. Nicht erschaffen wurde ich also, in dieser Welt reich zu werden, nach vergänglicher Ehre zu streben, sündhaften Lüsten mich zu ergeben. Vielmehr würden diese Dinge unendlich weit von dem Weg meiner himmlischen Pilgerschaft mich entfernen. Sondern erschaffen wurde ich, den Willen meines Schöpfers auf die Art und Weise zu tun, die seine heilige Vorsehung mir vorzeichnet, weil ich nur dadurch zu meinem erhabenen Ziel gelange. Psalm 119,73: "Deine Hände, mein Gott, haben mich gemacht und geformt. Gib mir Einsicht, damit ich deine Gebote lerne."

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