Betrachtungen im Dezember

 

Betrachtung am 1. Dezember - Der Schluss des Jüngsten Gerichts

 

Wer muss nicht beben, denkt er des Gerichtes.

Zum Himmel gehn die Kinder nur des Lichtes;

Die Sünder gehn mit Satan in die Pein.

Wo wird mein Aufenthalt auf ewig sein?

 

1. Betrachte den letzten Ausspruch des ewigen Richters bei diesem erschütternden Gericht. Denke dir den himmlischen König, umgeben von den Chören seiner Engel und dem Senat des ganzen himmlischen Hofes, auf dem majestätischen Wolkenthron, wie er mit unendlicher Liebe zu den Auserwählten spricht: "Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters, und besitzt das Reich, das euch bereitet ist vom Anbeginn der Welt." Welcher Jubel wird dann die Herzen dieser glückseligen Kinder Gottes durchströmen, deren Leiber gleich den Sonnen in unermesslicher Glorie glänzen. Wären sie nicht unsterblich, sie müssten sich auflösen vor Freude. Nur wer dieser unendlichen Glückseligkeit teilhaft wird, vermag es, sie zu erfassen.

 

2. Aber wer kann, ohne zu erbeben, die Donnerworte des allerhöchsten Richters anhören, die er zu den Verworfenen spricht: "Fort von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das dem Teufel bereitet ist und seinen Engeln." Selbst die himmlischen Gewalten werden davon erschüttert werden. Aber gleichwie Gott sprach: Es werde Licht," und es wurde Licht, so werden diese allmächtigen Aussprüche im Augenblick in Erfüllung gehen. Einziehen werden in großer Glorie und unter Jubelgesängen die Auserwählten in das Reich ihres himmlischen Vaters; unter schrecklichem Geheul aber werden die Verfluchten mit den bösen Geistern von dem geöffneten Abgrund der Hölle verschlungen werden. Was ist je schrecklich, wenn es dies nicht ist? Werden die Blitze des Zornes Gottes uns niemals aus unserer tödlichen Schlafsucht erwecken?

 

3. Nach dem feierlichen Vollzug des göttlichen Urteils beginnt die Ewigkeit, die kein Ende kennt. Geschlossen sind die Pforten des Himmels, geschlossen die Pforten der Hölle. Keine Furcht mehr findet hier, keine Hoffnung dort mehr statt. Ewig ist die Entzückung, die unsterbliche Glorie der Seligen, ewig die Qual, die Verzweiflung der Verdammten. Wo werden wir dann sein? Können wir dies bedenken, ohne zu zittern. Sind wir aber weise, wenn wir es nicht bedenken, und von der vorübergehenden Glückseligkeit dieser Welt uns bezaubern lassen? Nun steht die Wahl uns frei. Wehe aber, und ewig wehe uns, wenn wir böse wählen. "In allen deinen Werken gedenke deiner letzten Dinge, und du wirst ewiglich nicht sündigen."

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Betrachtung am 2. Dezember - Der Verlust Gottes ist die größte Strafe der Verdammnis

 

O meine Seele, suche Gott von Herzen

In dieser kurzen Lebenszeit.

Sonst seufzest du vergeblich einst in Schmerzen

Um die verlorne Seligkeit.

 

1. Die schrecklichste Strafe der Verdammnis ist Gottes ewiger Verlust. Unsere Seele hat eine unermessliche Auffassungskraft, die nur Gott allein erfüllen kann, doch wird sie in diesem Leben vielfältig zerstreut. Sie fühlt sich gewaltsam und unüberwindlich zu Gott hingezogen; doch wird diese Anziehung hienieden durch die Geschöpfe gleichsam aufgehalten. Sie hat eine natürliche Idee von der unendlichen Schönheit und Herrlichkeit Gottes; doch wird diese Idee durch die Schwere ihres Körpers und das Verderbnis der Sinne verdunkelt und geschwächt. Ist sie aber einmal vom Körper gelöst und fern von diesen Dingen, dann fühlt sie einen unermesslichen Hunger nach ihrer wahren Glückseligkeit, die keine andere als Gott selbst ist.

 

2. Nun ist der Zauber der Geschöpfe verschwunden, die ihr Herz gefesselt hielten. Gelöst ist die Binde, die sie abhielt, Gott zu erkennen. Sie erkennt ihn als die unendliche Schönheit, Lieblichkeit, als den Urquell aller Seligkeit, der allein ihr unendliches Verlangen ersättigen kann, und eilt schneller, denn jeder Pfeil, nach ihm, ihrem ewigen Ziel, ihn zu umfangen und unzertrennlich mit ihm sich zu vereinigen. Doch eine unsichtbare und allmächtige Hand stößt sie zurück, und nun beginnt ihr namenloser Schmerz, ihre unendliche Verzweiflung. Sie will Gott lieben und kann es nicht. Sie erkennt ihn als ihre einzige Glückseligkeit, und kann ihn nicht besitzen. Sie fühlt sich gewaltsam zu ihm angezogen, und wird ewig gewaltsam zurückgestoßen. Diese verschmähte Liebe wandelt sich in den grimmigsten Hass, sie wütet gegen sich und gegen Gott, sucht sich selbst zu vernichten und vermaledeit ewig Gott, der sie erschuf und auf ewig verwarf.

 

3. Was für eine schreckliche Pein, ewig nach Gott, der unendlichen Glückseligkeit, zu ringen, die sie niemals besitzen wird, ewig zu hassen, wonach sie ewig vergeblich sich sehnt. Dieser folternde Schmerz ist die unglückselige Beschäftigung der Verdammten in alle Ewigkeit. Ich habe Gott, die unendliche Glückseligkeit, verloren, auf ewig verloren, durch meine eigene Schuld verloren; habe ihn wegen der Lust eines Augenblicks verloren, und mich selbst in den Abgrund der unglückseligen Ewigkeit gestürzt. Jeremia 6,29-30: "Der Blasebalg schnaubt, doch das Blei bleibt unberührt vom Feuer. Umsonst versucht der Schmelzer zu schmelzen; die Bösen lassen sich nicht ausscheiden. Verworfenes Silber nennt man sie; denn verworfen hat sie der Herr."

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Betrachtung am 29. Dezember - Der Lobgesang der Engel

 

Ihr Engel, welche Gott so hoch erhoben,

O lehret uns, mit euch ihn würdig loben.

Durch euer Flehen werde uns der Frieden

Huldreich beschieden.

 

1. Betrachte die Menge der himmlischen Heerscharen, die mit dem ersten Engel sich vereinigen und den Lobgesang des Allerhöchsten mit den Worten anstimmen: "Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade." (Lukas 2,14) Dies fürwahr sind die Früchte dieses gnadenreichen Festes: Gottes Ehre zu fördern, und Frieden den Menschen zu geben. Nicht allen jedoch, sondern nur jenen, die guten Willens sind, deren Wille nämlich mit dem Willen Gottes übereinstimmt. Stören wir die Ordnung dieses himmlischen Gesetzes nicht. Gott behält sich die Ehre vor, und gibt dir den Frieden. Entziehst du ihm aber die Ehre, dann nimmt er den Frieden dir hinweg.

 

2. Wohnt der Friede Gottes in deinem Herzen? Woher aber dein Unfriede, deine Angst? Gewiss daher, weil du Gott die Ehre entzogen, seine Gebote übertreten und die Hand nach der verbotenen Frucht ausgestreckt hast. Denn dies ist der Quell alles Unfriedens. Niemand, der Gott die Ehre raubt, wird seines Friedens genießen. Frieden wirst du nur in dem Maße haben, als du seine Ehre suchst. Suchst du deine eigene Ehre, dann wirst du weder Ehre noch Frieden finden. Stimme in den Lobgesang der heiligen Engel ein, und lobe und verherrliche Gott mit ihnen bis an den letzten Hauch deines Lebens, damit du würdig wirst, ihn ewig zu loben.

 

3. Heilig ist die Beschäftigung, unseren Gott zu loben und zu verherrlichen. Dies auch ist das Ziel unseres Daseins. Und wie mächtig auch fordern seine unendliche Güte, seine unendliche Liebe und Barmherzigkeit, seine zahllosen Wohltaten uns dazu auf. Er kam vom Himmel und nahm das Gewand unserer Sterblichkeit, nicht furchtbar, sondern liebevoll uns zu erscheinen. "Er liebte uns zuerst, die wir noch Feinde waren", und er, der uns vernichten konnte, bietet uns seinen Frieden an. So lieben wir denn eine so unermessliche Liebe, preisen wir eine so unendliche Güte, und danken wir einer Barmherzigkeit, die alles Maß übersteigt. Psalm 34,2: "Ich will den Herrn allezeit preisen; immer sei sein Lob in meinem Mund."

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Betrachtung am 30. Dezember - Die Anbetung der Hirten

 

Wo geht ihr, fromme Hirten, hin

Mit eilig schnellem Schritt?

- Nach Bethlehem zielt unser Sinn. -

O nehmet mich doch mit.

Anbeten will mit euch ich dort

Des Vaters eingebornes Wort.

 

1. Machen wir uns auf und gehen wir mit den frommen Hirten zur Krippe unseres Herrn. Sieh, der Engel schildert ihn genau. Armut, Demut, Sanftmut und Geduld sind die Merkmale, woran wir ihn erkennen werden, der da kam, diese himmlischen Tugenden uns üben zu lehren. O Erlöser meiner Seele, mit den hochbegnadeten Hirten sinke ich zu deinen Füßen, und bete dich als meinen Gott und Heiland an. Nicht vor Angst erbebend, sondern mit großem Vertrauen komme ich zu dir, denn was kann ich von einem liebreichen Kindlein fürchten, das über mein Elend gerührt ist, Tränen darüber vergießt, und kommt, mich davon zu erlösen.

 

2. Von seliger Freude, Liebe und Hoffnung ist mein Herz bei deinem Anblick durchdrungen. Denn nun verzweifle ich nicht mehr wegen meiner zahllosen Sünden. Ich hörte die Stimme des heiligen Engels, dass ein Erlöser mir geboren wurde. O Emmanuel, Weisheit Gottes, Heiland und Gesetzgeber der Welt, nach dir sehnten sich die verflossenen Jahrhunderte, zu dir blickt im Geist die fernste Zukunft, dich lieben alle heiligen Seelen. Deine Tränen sind Tränen der Barmherzigkeit, deine Krippe ist die Lehrkanzel der Weisheit, durch deine Armut wird die Welt bereichert, und dein göttliches Herz ist der Wohnsitz ewiger Liebe und wird einst als der Quell ewiger Erlösung für mich geöffnet werden.

 

3. Gebenedeit sei der keuscheste Leib, der dich getragen hat. O glorreiche und allerseligste Jungfrau, wahre Mutter Gottes, gepriesen seist du von allen Geschlechtern, die du uns allen den Erlöser geboren hast. In Andacht verehren wir dich als unsere wahre Mutter, da du Jesus in unserer Natur als unseren erstgeborenen Bruder uns geboren hast, und dadurch uns alle vom Tod zum Leben erweckt hast. Gestatte nicht, dass ich ewig verloren gehe, für den dein göttlicher Sohn geboren wurde, sondern erbitte mir seine wirksame Gnade, damit ich durch ihn zum ewigen Leben gelange. "Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes." (Lukas 1,42)

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Betrachtung am 31. Dezember - Am letzten Tag des Jahres

 

Wie schwand das Jahr dahin in Blitzeseile.

Wo ist die Frucht, die du gesammelt hast?

Vermehrtest du nicht deiner Schulden Last?

Kein Jahr vielleicht kommt mehr zu deinem Heil.

 

1. Durch deine Barmherzigkeit, o Gott, mein gütiger Schöpfer, gelangte ich bis zu diesem letzten Tag des scheidenden Jahres. Preis sei deiner unendlichen Güte, die das Leben bis auf diese Stunde mir gefristet, und jeden Tag dieses Jahres durch neue Wohltaten gesegnet hat. Wie, o lieber himmlischer Vater, soll ich alle diese Gnaden dir vergelten. Wie viele Gefahren hast du gnädig von mir abgewendet. Wie oft bist du in meinen Nöten mir zu Hilfe gekommen. Wie väterlich hast du für mich gesorgt. Wie oft meine Sünden und Fehler mir liebevoll verziehen. Wie oft mein Herz durch deine heiligen Einsprechungen erleuchtet und zum Guten angezogen. O sei gepriesen, ewige Barmherzigkeit. Es danke dir an meiner Statt dein eingeborener Sohn und der ganze himmlische Hof, da ich nicht vermag, auch nur für eine Wohltat dir würdig zu danken. 

 

2. Verzeihe mir auch, o ewige Güte, allen Undank, alle Sünden, wodurch ich im Verlauf dieses Jahres deine göttliche Majestät beleidigte, und meine große Lauigkeit in deinem heiligen Dienst. Denn in Zerknirschung meines Herzens bekenne und bereue ich in deiner göttlichen Gegenwart, dass ich deiner selten gedachte, dass ich deine heiligen Gebote öfters übertrat, von meinen ungeordneten Begierden mich hinreißen ließ, hart und lieblos gegen meinen Nächsten war, und durch viele Gedanken, Worte und Werke mich versündigte. Geh nicht ins Gericht mit deinem Knecht, sondern erbarme dich meiner nach der Fülle deiner ewigen Erbarmungen.

 

3. Wie schnell, Herr, ging auch dieses Jahr vorüber. Ach, schon naht der Tod. Nicht mehr lange, und ich werde vor deinem heiligen Richterstuhl erscheinen. Vielleicht erlebe ich das Ende des beginnenden Jahres nicht. Denn wie viele, die das Ende des gegenwärtigen zu erleben hofften, sahen es nicht mehr. Darum, mein Gott, will ich das kommende Jahr als das letzte meines Lebens betrachten, und mit deiner Gnade mich jeden Tag bereit halten, auf deinen Ruf zu erscheinen. Segne, Herr, meine Vorsätze, dass ich sie zu deiner Ehre und zu meinem Heil vollbringe. Ijob 16,22: "Denn nur noch wenige Jahre werden kommen, dann muss ich den Pfad beschreiten, auf dem man nicht wiederkehrt."

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