Betrachtungen von April bis Juni

 

Betrachtung am 1. April - Jesus und die Samaritin

 

Sieh, durstend harrt am Born der Lebensquell,

Die Durstigen mit Wunderflut zu tränken.

So eilet denn, geliebte Seelen, schnell:

Ihn dürstet, mit dem Heil euch zu beschenken.

 

1. Betrachte deinen lieben liebevollen Heiland, wie er von der Hitze des Tages und der langen Reise ermüdet, dürstend beim Brunnen Jakobs sitzt. O guter Hirt, unter wie großen Mühsalen suchst du deine Schäflein. Unter Hunger und Durst, Hitze und Kälte durchziehst du weite Landschaften, deine verirrten und verlorenen Schafe auf Bergen, in Tälern und Wüsten zu suchen. Ja selbst deine Ruhe ist Arbeit, denn dürstend nach dem Heil einer Seele, wartest du sitzend an diesem Brunner, und erbittest einen Trunk Wasser, um dafür mit dem Quell des ewigen Lebens zu vergelten.

 

2. O komm, du glückselige Frau. Bist du auch eine Sünderin, so zögere deshalb nicht. Folge der Gnade, die dich anzieht und dich sucht, ohne dass du sie suchtest. Und sie hört die Worte des Lebens, staunt und fühlt ihr Herz wundersam durchglüht. O sieh wie das Wasser des Lebens in ihr zu wirken beginnt. Sie fragt nicht mehr nach irdischen Dingen, sie erkundigt sich nach der Weise, Gott vollkommen zu dienen, und kaum hat sie erkannt, dass der Messias zu ihr spricht, so fühlt sie sich umgewandelt in eine Apostelin, und eilt, ihrer Stadt das Evangelium, die frohe Botschaft von der Ankunft des Welterlösers, zu verkündigen.

 

3. Wunderbare Macht der göttlichen Erleuchtung. Eine verachtete Samaritin glaubt, ohne ein Wunder zu sehen, und die Pharisäer erblinden im Licht der größten Wunder selbst. Doch sieh, was nun geschieht. Noch verweilt Jesus bei dem Brunnen, da erscheinen seine Jünger, mit Speise ihn zu stärken. Aber so wunderbar hat die Bekehrung ihrer Seele ihn bereits genährt, dass er zu den geliebten Jüngern sagt: "Ich habe eine Speise zu essen, die ihr nicht kennt." Denn das Heil der Seelen ist seine Speise, seine Ernährung, sein Gastmahl. So erfreuen denn auch wir unseren Erlöser durch unsere wahre Bekehrung, nach der ihn noch am Kreuz dürstete, und die er als den einzigen Lohn seiner vielen Arbeiten und Leiden verlangt. Jeremia 3,14: "Kehrt um, ihr abtrünnigen Söhne, denn ich bin euer Gebieter. Ich hole euch und bringe euch nach Zion."

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Betrachtung am 2. April - Am Fest des heiligen Franz von Paula

 

Hell leuchteten die Heil`gen uns voran:

Dass auf dem Weg nicht zurück wir blieben.

Ihr Beispiel ist das Licht auf unsrer Bahn,

Sie alle lehren büßen uns und lieben.

 

1. Der heilige Franz von Paula war ein Engel an Unschuld und zugleich ein Wunder der Buße. Noch als vierzehnjähriger Junge entfernte er sich in die Einöde, und seine ganze Nahrung bestand aus wenigen wilden Kräutern. Nie aß er Fleisch, nie trank er Wein, nie legte er das härene Bußkleid ab. Und diese strenge Lebensweise beobachtete er bis in sein achtzigstes Jahr, ohne von seinem beständigen Nachtwachen, noch von seinen strengen Geißelungen zu sprechen. Wahr ist es, viele große Heilige wurden vom Geist Gottes zu so außerordentlichen Bußwerken angeregt. Und niemand soll ohne den Rat eines erleuchteten Führers so etwas unternehmen, aber ohne alle Bußwerke ist es nicht möglich, die Reinheit des Lebens zu bewahren.

 

2. Nicht weniger wunderbar als seine Buße war die Demut dieses großen Heiligen. Er sah Könige zu seinen Füßen, ja Gott selbst hatte die Gabe der Wunder in erstaunlich hohem Grad ihm verliehen. Dennoch war nie eine Seele demütiger. Er betrachtete sich als den letzten aller Menschen, und wollte auch, dass die Brüder des kirchlichen Ordens, den er stiftete: Minimen, nämlich die Mindesten, sich nennen sollten. Können wir nun die Strenge Buße dieses heiligen Gottesmannes nicht nachahmen, so verhindert doch unsere körperliche Schwäche uns nicht, seine Demut nachzuahmen, ohne die keine Tugend Gott wohlgefällig ist. 

 

3. Setzte aber die Demut diesen Heiligen unter alle Menschen, so erhob dagegen seine feurige Gottes- und Nächstenliebe ihn bis zu den Seraphim. Immer führte er den Namen Caritas im Mund, sein Herz brannte von heiliger Gottesliebe, sie war die Seele seiner Werke, sie auch war der Quell seiner unermesslichen Nächstenliebe. Diese lebendige und tätige Liebe ist das Merkmal aller wahren Jünger Jesu. Herrscht diese Liebe in unserem Herzen? Lieben wir Gott so getreu, dass wir ihm zu Liebe jede Trübsal gern ertragen? Lieben wir den Nächsten um seinetwillen? Ertragen wir seine Fehler mit Geduld? Sind wir bereit, mit Rat und Tat ihm zu helfen? 1. Korinther 13,4-8a: "Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf."

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Betrachtung am 3. April - Von der österlichen Beicht

 

Die Sünder willst du, Gott, mit dir versöhnen

Und mit Erbarmungen die Frevler krönen.

O Güte, Liebe, o Barmherzigkeit.

O Sünder, welche reiche Gnadenzeit.

 

1. Auf, gehorche der Stimme der heiligen Kirche, die in dieser Fastenzeit als eine liebevolle Mutter dich ermahnt, durch eine wahre und aufrichtige Beicht mit Gott dich zu versöhnen. Fällt es dir schwer, dich zu demütigen, so bedenke die göttlichen Belohnungen, die mit dieser Demütigung verknüpft sind. Durch das Bekenntnis deiner Sünden verehrst du Gottes Heiligkeit, und bringst deine Ehre ihr zum Opfer. Dein Schmerz versöhnt seine Gerechtigkeit, die die verdiente Strafe dir erlässt. Durch die Beicht reinigst du dein Gewissen, heilst deine Wunden und sicherst dein Heil. Ja nicht nur dies, denn die heilige Beicht schmückt dich auch mit einer Gnade und Gerechtigkeit, die dich heiligt und alle deine Kräfte durchdringt.

 

2. Hättest du Augen, zu sehen, wie bei der priesterlichen Lossprechung der Mensch in ein neues Geschöpf umgewandelt wird. Gleichwie bei den Worten des Engels die Fesseln von den Händen des Apostels Petrus fielen, also werden hier auf die Stimme des Priesters die Ketten Satans gelöst. Gott nimmt dich zu seinem Kind auf, gesalbt wirst du vom Heiligen Geist und zu einem Erben des himmlischen Reiches erhoben. Dies bedeutet jenes Feierkleid und jener Schmuck, die dem verlorenen Sohn nach dem demütigen Bekenntnis seiner Schuld gegeben wurden. Denn nicht nur fiel der milde Vater ihm um den Hals und nahm ihn in seine Gnade auf, sondern er befahl auch, das erste Gewand, einen Ring und Schuhe herbeizubringen, um ihn zu Schmücken wie es der Würde eines Sohnes geziemte.

 

3. Mein Erlöser, ich folge deiner Stimme. Preis und ewiges Lob sei deiner unendlichen Liebe für das Bad der Reinigung, das du in deinem Blut mir bereitet hast. Nähern will ich mich diesem Quell des Heils mit demütiger Zerknirschung, und meine Missetaten im Schmerz meiner Seele bekennen. Welche Danksagungen, Herr, genügen je für diese unendliche Wohltat: dass du für dies Bekenntnis die ewigen Strafen uns erlässt, und für kurze Beschämung uns zu ewiger Ehre erhebst. Psalm 116,8: "Ja, du hast mein Leben dem Tod entrissen, meine Tränen getrocknet, meinen Fuß bewahrt vor dem Gleiten."

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Betrachtung am 4. April - Von der Mildtätigkeit gegenüber den Armen

 

Schließe nicht dein Ohr dem Armen,

Christus ist`s, der durch ihn fleht;

Zeigest du ihm kein Erbarmen,

Hast den Herrn du selbst verschmäht.

Aber wenn er für dich spricht,

Wirst du siegen im Gericht.

 

1. Sieh, Jesus selbst lehrt uns heute durch sein Beispiel, die Armen nähren und ihrer Not abhelfen. Lernen wir von ihm, und tun wir was wir ihn tun sehen, denn er ist nicht nur unser Lehrer und unser Vorbild, sondern er betrachtet auch alles, was wir seinen Armen tun, also, als hätten wir es ihm getan. Nähren und kleiden wir also den Armen, so nähren und kleinen wir IHN selbst. Er selbst ist in dem Armen wie unter einem geheimnisvollen Schleier verborgen. Und überreichlich wird er für unsere Wohltaten uns belohnen, und auch nicht einen Becher kalten Wassers unbelohnt lassen.

 

2. Nachdem alle Armen gesättigt waren, blieben noch zwölf Körbe voll der Stücke von den wenigen Gerstenbroten übrig. Fürchte dich nicht zu verarmen. Solange du den Armen gütig mitteilst, werden deine Brote unter deinen wohltätigen Händen sich vermehren. Niemals wird es dir am Notwendigen fehlen, wenn du den Armen es nicht am Notwendigsten fehlen lässt. Und so wenig wirst du dein Geld verlieren, als der Ackermann seine Frucht verliert, die er aussät. Denn die Hand des Armen ist ein fruchtbares Ackerland, das hundertfältige Früchte bringt. "Wer kärglich sät, wird auch kärglich ernten;" spricht der Apostel, "wer reichlich sät, wird reichlich ernten." (2. Korinther 9,6)

 

3. Lukas 6,38: "Gebt, dann wird auch euch gegeben werden. In reichem, vollem, gehäuftem, überfließendem Maß wird man euch beschenken; denn nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird auch euch zugeteilt werden." Glauben wir dies nicht, so sind wir keine Christen. Glauben wir es aber, und tun es nicht, so schließen wir uns selbst von den zeitlichen und ewigen Belohnungen Gottes aus. Wann wirst du einmal den Verheißungen Gottes trauen? Ist etwa dein Geld nicht gut bei ihm angelegt? Oder ist er nicht reich genug, dir hundertfältig zu vergelten? Ja ist nicht alles, was du besitzt, sein Geschenk? Wie also weigerst du dich, einen geringen Teil davon ihm zu borgen, zumal da er Güter der Zeit und der Ewigkeit dir dafür verheißt? "Wohl dem, der sich des Schwachen und Armen annimmt; zur Zeit des Unheils wird der Herr ihn retten." (Psalm 41,2)

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Betrachtung am 5. April - Von der Gewissenserforschung und der Reue

 

Zerknirscht von tiefem Liebesschmerz

Sinkt, Gott, zu Füßen dir mein Herz.

O nimm es auf uns sieh, Herr, meine Reue.

Dich lieben will es nun in ew´ger Treue.

 

1. Bereite dich mit Andacht und heiligem Ernst zu dem großen Werk deiner Rechtfertigung. Und gehe in dein Inneres ein, alle Falten deines Herzens zu durchforschen. Sei jedoch nicht so mit deinen Fehlern beschäftigt, dass du darüber die wahre Reue und Zerknirschung vergisst. Denn manche suchen ihre Sünden mit Ängstlichkeit auf, gedenken aber der Reue darüber nur oberflächlich, beherzigen auch weder Gottes unendliche Güte, noch ihren Undank und ihre Untreue, noch die Ursache ihrer Sünden, noch auch die Mittel sich zu bessern. Sie bedenken nur was sie zu sagen, nicht was sie zu tun haben, daher die geringe Frucht so vieler Beichten.

 

2. Rufe den Heiligen Geist andächtig um seine Erleuchtung an, und tue dann was an dir ist, mehr verlangt der Vater des Erbarmens nicht. Hast du eine genügende Zeit auf die Erforschung deines Gewissens verwendet, so ängstige dich nicht weiter, denn gern verzeiht Gott dir die Sünden, die deine Gebrechlichkeit vergaß. Mehr liebt er es, dass du dein Herz, als dass du deinen Verstand anstrengst, mehr, dass du deine Sünden verabscheust, als ihrer dich erinnerst, mehr, dass du deinen Willen beugst, als dein Gedächtnis peinigst. Er will, dass du dich vor ihm demütigst, deinen Willen ihm zum Opfer bringst, und auf seine Barmherzigkeit vertraust.

 

3. Erwecke wahre Reue und tiefsinnige Zerknirschung über deine Fehler, und verabscheue sie in Gottes heiliger Gegenwart. Indessen ist die Tiefe der Empfindung nicht das Maß des Schmerzes und der Reue. Wahrhaft zerknirscht ist, wer keine falsche Beicht ablegen will, wer fest entschlossen ist, nicht mehr zu sündigen. Manche bilden sich ein, sie hätten keine wahre Reue, werden darüber kleinmütig, und es wird das heilsame Sakrament der Buße ihnen zuwider. Dies ist eine Arglist des unsichtbaren Feindes, der sie in seinen Fesseln zurückhalten will. Gehe du einfach mit Gott, der die Einfalt des Herzens liebt. Und ersetze durch tiefe Demut und Vertrauen auf seine göttliche Barmherzigkeit, was dir an Tiefe der Empfindung fehlt. 1. Johannes 1,8-10: "Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, führen wir uns selbst in die Irre, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht; er vergibt uns die Sünden und reinigt uns von allem Unrecht. Wenn wir sagen, dass wir nicht gesündigt haben, machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns."

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Betrachtung am 6. April - Von der herrschenden Leidenschaft

 

Gib mir, Herr, der Liebe Licht,

Meines Heiles Feind zu finden;

Und ihn, der mit Arglist ficht,

Stark im Kampf zu überwinden.

 

1. Selten ist ein Mensch gänzlich frei von Leidenschaften. Ja meist haben wir alle gegen mehrere Leidenschaften zu kämpfen, unter denen eine hervorragt, die über alle anderen herrscht und sie in Bewegung setzt. Diese Hauptleidenschaft ist, je nach den verschiedenen Gemütern, verschieden. Bei dem einen ist es der Stolz, und der drängt ihn Tag und Nacht, sich hervorzutun, und alle anderen zu verachten. Bei anderen ist es der Zorn, der immer Feuer und Flammen spuckt, und wegen eines unbedeutenden Wortes in Wut gerät. Bei anderen der Neid, der sie verzehrt, wenn es anderen gut ergeht. Bei noch anderen die Verleumdungssucht, die alles mit ihrem Gift begeifert. Nur diese sollen erwähnt sein, um nicht von den vielen anderen schändlichen Leidenschaften zu sprechen. 

 

2. Diese herrschende Leidenschaft ist der Hauptquell unserer Sünden, denn sie fließt in unsere Gedanken, Begierden, in all unsere Werke, in unser ganzes Leben ein. Und arbeiten wir ihr nicht mit Gewalt entgegen, so verfinstert sie unseren Verstand, und schlägt uns mit so furchtbarer Blindheit, dass wir im Laster uns beruhigen. Wird aber das Gewissen dennoch aufgeschreckt, und fühlt eine Seele die Notwendigkeit, Widerstand zu leisten, so ist doch ihr Kampf nur schwach. Und da es ihr nie recht ernst ist, wird sie beinahe immer überwunden. So geschieht es, dass diese Lieblings-Leidenschaft immer tiefere Wurzeln greift, und selbst im Tod nicht mehr weicht.

 

3. Erforsche dich selbst, und lerne diese Hauptfeindin deines Heils kennen. Es ist hier fürwahr kein Scherz, denn viele stürzte sie in die ewige Verdammnis. Fasse daher den festen Entschluss, sie männlich zu bekämpfen, und verschiebe diesen Kampf nicht auf die Zukunft. Denn je länger du wartest, um so heftiger wird sie, um so schwächer dein Mut, um so gleichgültiger dein Wille, und um so mehr entfernt sich die Gnade. Täusche dich also nicht selbst, sondern rufe den Beistand Gottes an, und du wirst mit seiner Hilfe siegen und zu großer Freiheit des Geistes gelangen. "Durch dich, mein Gott, werde ich von der Anfechtung errettet werden; und in dir werde ich alle Mauern und Hindernisse übersteigen." (Psalm 18,30)

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Betrachtung am 7. April - Über das Gift des Stolzes

 

O gib mich, Herr, der Hoffart nicht zum Raube.

Und lass mein Flehn Erhörung bei dir finden:

Dass nicht von ihrem finstern Höllenstaube

Des Geistes Augen, der dich sucht, erblinden.

 

1. Höre den Ausspruch des Heiligen Geistes über das fluchwürdige Laster des Stolzes, und lerne es aus ganzem Herzen verabscheuen. "Der Stolz ist der Anfang aller Sünde, und wer damit behaftet ist, der wird mit Fluch erfüllt werden, und sie wird ihn zuletzt stürzen." (Jesus Sirach 10) Durch ihn begann die Sünde im Himmel, sie erfüllte den stolzen Cherub mit Fluch, und stürzte ihn in die ewige Verdammnis. Und was ist auch jede Sünde anderes als Stolz, der gegen Gottes heiliges Gebot sich empört? Nimm den Stolz aus der Welt, und es schwinden die meisten Laster mit ihm. Denn aus ihm gehen Herrschsucht, Vermessenheit, Heuchelei, Starrsinn, Rachsucht, Ungerechtigkeit, Unbarmherzigkeit und noch viele andere Laster gleich ebenso vielen Missgeburten hervor.

 

2. So abscheulich ist dieses Laster, dass der Stolze, der Hoffärtige es vor sich selbst verbirgt. Zeigt aber dies nicht allein schon, dass etwas sehr Niedriges und Schändliches darin verborgen liegt, das den Menschen herabwürdigt? Indessen nagt dieser giftige Wurm sogar an dem Herzen nicht weniger, sonst gottesfürchtiger Menschen. Und so subtil ist dieses Gift, dass es ihre innerlichen Augen verblendet, so dass sie es nicht einmal in sich erkennen. Und hier greife in dein eigenes Gewissen, und findest du dieses Laster in dir, so ertöte es vor dem Kreuz deines demütigen Herrn.

 

3. Kein Laster ist auch so sehr gegen die Natur des Menschen. Denn was ist dieser Leib der Sünde, wenn nicht ein Raub und eine baldige Speise der Würmer? Blicken wir aber in unser Inneres: was anders sehen wir dann als Blindheit, Elend und Sünden, bei deren Anblick wir fürwahr in den Abgrund unseres Nichts versinken sollten. Und dennoch strebt dieses Laster mit aller Macht sich zu erheben. Darum auch widersteht Gott dem Stolzen, ja ihn zu demütigen und zu beschämen, überlässt seine Gerechtigkeit ihn den abscheulichsten Begierden seines Herzens und den schändlichsten Ausschweifungen. Demütigen wir uns vor Gott und den Menschen, wenn wir seine Gnade erlangen und bewahren wollen. Jakobus 4,10: "Demütigt euch vor dem Herrn; dann wird er euch erhöhen."

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Betrachtung am 8. April - Über die Sünde der Unzucht

 

Auf dem Erdkreis brennt ein schädlich Feuer,

Das die edlen Tugenden verzehrt;

Rette, Herr, von diesem Ungeheuer

Meine Seele, die zu dir sich kehrt.

 

1. Die Unzucht ist ein Feuer, das keine kleinen Wunden brennt. Ja was noch furchtbarer ist, je weniger sie gefühlt werden, um so unheilbarer sind sie. Wie bei dem Biss der Schlange, der kaum fühlbar ist, dringt dieses Gift augenblicklich durch den ganzen Körper bis in das Herz, und tötet das Leben der Seele. Indessen wird dies Laster menschliche Schwäche, Sünde aus Gebrechlichkeit genannt, und dennoch ist keines schrecklicher in seinen Folgen, denn es ist fürwahr der Quell der größten Verbrechen. Abfall vom Glauben, Ärgernisse in Städten, Zwietracht in Familien, niederträchtige Verleumdungen, Mordtaten, Verzweiflung, Selbstmorde sind die gewöhnlichen Folgen dieser sogenannten Schwachheitssünde. 

 

2. Aber unendlich verschieden von den Ansichten der Menschen sind Gottes Gerichte. Warum vertilgte die Sündflut das menschliche Geschlecht? Weil die Welt in Unzucht versunken war. Genesis 6,12: "Gott sah sich die Erde an: Sie war verdorben; denn alle Wesen aus Fleisch auf der Erde lebten verdorben." Eben darum fiel auch das Feuer vom Himmel über diese unzüchtigen Städte, ihre schändlichen Unreinheiten bis auf die letzte Spur zu vertilgen. Über 24.000 Israeliten ließ Gott wegen dieses Lasters durch das Schwert niedermachen. Und wie schwer musste David die Sünde des Ehebruchs büßen. Wie viele tausend Seelen auch fallen, ungeachtet Gottes unendlicher Barmherzigkeit, wegen dieses Lasters der ewigen Verdammnis anheim.

 

3. Die gewöhnlichste und furchtbarste Strafe dieses Lasters ist die Verblendung. Die Unzucht raubt dem Unzüchtigen das Licht der Gnade und des Glaubens. Ihm ist dieses Laster keine Sünde mehr, es ist Schwäche, Notwendigkeit. Buße ist Torheit in seinen Augen. Das Feuer der Hölle ist ihm lästig. Erst bezweifelt, dann leugnet er es. Ein Gott, der diese kurze Lust ewig bestraft, ist ihm ein ungerechter Gott, und da er ihn nicht ändern kann, leugnet er sein Dasein. Dies ist die gewöhnliche Sprache aller Unzüchtigen von den höchsten Ständen an bis zu den niedrigsten. Hüten wir uns vor diesem schrecklichen Laster. Wären wir aber unglückseligerweise darin gefangen, so rufen wir Tag und Nacht zum Herrn, uns daraus zu erretten. "Wisst ihr denn nicht, dass Ungerechte das Reich Gottes nicht erben werden? Täuscht euch nicht. Weder Unzüchtige noch Götzendiener, weder Ehebrecher noch Lustknaben, noch Knabenschänder, noch Diebe, noch Habgierige, keine Trinker, keine Lästerer, keine Räuber werden das Reich Gottes erben." (1. Korinther 6,9-10)

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Betrachtung am 9. April - Mittel gegen das Laster der Unzucht

 

Gib Kraft, mein Gott mir, dass ich mich bezwinge,

Und in so schwerem Kampf nicht unterliege.

Denn deine Stärke nur hilft mir zum Siege;

Denn ich durch eigne Schwäche nie erringe.

 

1. Es gibt Laster, die man mit kühnem Mut angreifen muss, und andere, die nur durch eine schnelle Flucht sich überwinden lassen. Zu diesen letzteren gehört die Unzucht, die gefährlichste Feindin unserer Seele. Wer dieser schmeichelnden Sirene sich nähert, ist schon zur Hälfte besiegt, und wer sie anhört, wird bald mit ihr verhandeln, denn sie steht im Einverständnis mit unserem eigenen Herzen und mit allen unseren Leidenschaften. Inbrünstiges Gebet, ernste Wachsamkeit und Flucht sind wirksame Mittel, diesem Ungeheuer zu entkommen und den Sieg uns zu sichern.

 

2. "Der Tod", spricht der Prophet, "ist durch unsere Fenster gestiegen." (Jeremia 9,20) Willst du daher nicht ein Raub des Todes werden, so schließe diese Fenster und entziehe deinen Augen den Anblick gefährlicher Gegenstände. Oft genügt ein vorwitziger Blick, das ganze Herz in Brand zu setzen. Meide also, wenn dein Heil dir lieb ist, nicht nur jeden gefährlichen Umgang, sondern entferne auch alle unzüchtigen Bücher, Gespräche und Ähnliches. Üppiger Putz und Halbnacktheiten sind ein wahres Netz des Teufels, worin unzählige Seelen gefangen werden. 

 

3. Gott verknüpfte eine natürliche Scham mit diesem Laster, und die Gegenwart eines ehrbaren Menschen würde selbst die heftigste Leidenschaft in Schranken halten. Nun sieht dich aber nicht das Auge eines Menschen, sondern derjenige, der das Auge des Menschen erschaffen hat, und dessen Blick furchtbarer ist, als alle Augen der Welt. Genügt aber die Gegenwart der göttlichen Majestät nicht, dich abzuschrecken, so erwäge die namenlose Schande, wenn am Gerichtstag diese Werke der Finsternis vor den Augen aller Menschen ans Licht treten, und alle sie schauen werden. Und genügt auch dies noch nicht, so bedenke die ewige Feuerstrafe, die diesem Laster bestimmt ist, und die alles Irrgerede ungläubiger Lüstlinge nicht auslöschen wird. "Wer unter euch wird in dem verzehrenden Feuer wohnen können? wer aus euch wird in den ewigen Gluten bleiben wollen?" (Jesaja 33,14b)

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Betrachtung am 10. April - Von der Verleumdung

 

So wie dein Herz, o Mensch, ist auch dein Wort;

Genau wie du, ist´s gütig, wahr und rein;

Auch ist es, - bist du arg, - dein Wiederschein;

Und säst du es zu argen Taten aus,

Bringt es dafür Verdammnis dir nach Haus.

 

1. Schnell entschwebt ein Wort den Lippen, aber schrecklich sind oft seine Folgen. Leicht gleich einem Pfeil fliegt das Wort der Verleumdung dahin. Aber grausam, ja oft unheilbar, sind die Wunden dieses Pfeiles, er durchbohrt das Herz des Nächsten, und nicht weniger das Herz des Verleumders selbst. Die Zunge des Verleumders ist eine giftige Natter, ein zweischneidiges Messer, das die Glieder des geistigen Körpers Jesu Christi trennt, und sein heiligstes Herz selbst verwundet. Und dennoch halten viele dies schwere Laster kaum für eine Sünde, ja je witziger die Verleumdung, um so weniger hält der Verleumder sich für strafbar. Verwundet etwa dieser Pfeil weniger tödlich, weil er feiner gespitzt ist? Oder ist das Gift, das in einem süßen Trank gereicht wird, darum weniger Gift?

 

2. Verdient der gewöhnliche Räuber strenge Strafe: welche Strafe verdient wohl derjenige, der einem Menschen Ehre und guten Namen, die kostbarsten aller Güter raubt. Denn wie viele edle Menschen wollen lieber gar nicht, als ehrlos leben. Niemand erlangt die Verzeihung seiner Sünden, wofern er das geraubte Gut nicht zurückstellt. Wie aber soll, wer dem Nächsten die Ehre raubte, sie ihm wieder zurückstellen? Hier bleibt nichts anderes übrig, als sich selbst für einen Lügner zu erklären: wer aber kauft diese Sünde um solchen Preis zurück? Es ist also dieses Laster beinahe ohne Abhilfe, und dennoch wird kaum eins mit so großem Leichtsinn begangen. 

 

3. Täuschen wir uns nicht selbst. Unfehlbar ist der Ausspruch unseres Herrn: "Aufgrund deiner Worte wirst du freigesprochen, und aufgrund deiner Worte wirst du verurteilt werden." (Matthäus 12,37) Oft vielleicht haben wir, leider, durch Verleumdungen das Todesurteil gegen uns selbst ausgesprochen, und unserem Nächsten die Ehre geraubt. Machen wir also ohne Schonung gut, was wir noch gut machen können, und flehen wir aus tiefstem Herzensgrund zu dem Vater des Erbarmens, an unserer Statt zu ersetzen, was wir nicht mehr ersetzen können. Dulden wir auch, diese Sünden zu büßen, willig alle Verleumdungen, die über uns selbst ergehen können, und beten wir für unsere Verleumder. "Weder Verleumder noch Räuber werden das Reich Gottes erben." (1. Korinther 6)

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Betrachtung am 11. April - Über den Halb-Glauben

 

Präge, Jesu, deine Worte

Tief in meine Seele ein,

Dass sie bis ins Leben dringen,

Und die reichsten Früchte bringen,

Die des Himmels würdig sein.

 

1. Viele glauben an den Herrn Jesus, doch nur wenige glauben ihm. Erwäge aber, ob du zu dieser geringen Anzahl gehörst. Zwar sagst du, du glaubst an Jesus als an den wahren Sohn Gottes, und notwendig ist dieses Bekenntnis zur Seligkeit. Prüfe dich jedoch, ob du ihm auch glaubst. Glaubst du Jesus wirklich, wenn er spricht: "Wachet und betet, denn ihr wisst weder Tag noch Stunde." Würdest du dann so sorglos in den Tag leben, und so vielen Gefahren zur Sünde dich aussetzen? Glaubst du seiner Versicherung: "Gebt, und es wird euch gegeben werden." Würdest du dann so ängstlich fürchten, Not zu leiden, wenn du Bedürftigen kräftigen Beistand leisten sollst? Heißt dies Jesus glauben?

 

2. Woher aber dieser Halbglaube? Aus unserer Sinnlichkeit! Es ist eben nicht schwer, an Jesus zu glauben. Auch tut es nicht weh, ihn am Kreuz leidend und sterbend zu betrachten. Aber ihm glauben, wenn er befiehlt, sich selbst zu verleugnen, sein eigenes Fleisch samt seinen bösen Gelüsten zu kreuzigen, wenn wir in den Himmel eingehen wollen: dies allerdings ist schwer, und tut der Natur weh. Warum glaubt der Gottlose und Unzüchtige nicht, was Jesus von der Unzucht und vom ewigen Feuer spricht? Weil sie auf ihre Laster verzichten müssten. Da sie aber dies nicht wollen, darum glauben sie lieber gar nicht an ihn. Siehe, wohin dieser sündhafte Halbglaube führt.

 

3. Es genügt also nicht, dass du an Jesus glaubst, du musst auch Jesus glauben. "Denn die Schrift sagt: Abraham glaubte Gott, und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet." (Römer 4,3) Nicht dadurch wurde er gerechtfertigt, dass er an Gott glaubte, sondern dass er Gottes Worten glaubte. Viele Heiden glaubten, ja auch die bösen Geister glauben an ihn, ohne deshalb gerechtfertigt zu werden. Der Glaube an Christus ist allen Christen gemeinsam, sowohl Sündern als Gerechten. Dennoch ist die Hölle voll von solchen, die einst an Christus glaubten. Aber die ihm glaubten, richteten ihr Leben nach diesem Glauben aus, und freuen sich nun in der himmlischen Seligkeit. "Herr, lehre mich Güte, Zucht und Erkenntnis, denn ich habe deinen Geboten geglaubt." (Psalm 119,66)

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Betrachtung am 12. April - Von der Gewohnheitssünde

 

Schwer seufzt dies Herz in seinen Ketten,

Und fleht um Hilfe, Herr, zu dir.

O sende deine Gnade mir:

Aus diesem Kerker mich zu retten.

Auf dass ich, von mir selber frei,

Dein Knecht, mein Gott, auf ewig sei.

 

1. Niemand kommt plötzlich und auf einmal an den äußersten Rand des Verderbens. Zuerst sündigt der Mensch mit Angst, dann mit Sicherheit, endlich mit Lust, bis allmählich seine Sünden zu einer Kette sich gestalten, die seine unglückselige Seele fesselt, und in das Gefängnis der tyrannischen Gewohnheiten zieht, wo sein Geist erblindet, sein Herz erhärtet, sein Gewissen einschläft und seine Scham erlischt. In diesem Kerker sieht er sein Elend nicht, oder sieht er es auch, so liebt er es, und kann sich nicht entschließen, es zu verlassen. Kommt es ihm auch zuweilen in den Sinn, sich zu bekehren, so ist doch dieser Wille nur vorübergehend, und ohne Kraft und Wirkung.

 

2. Hat einmal ein Laster freien Lauf gewonnen, dann erwächst es zu einem gewaltigen Strom, der alles niederreißt, was sich ihm widersetzt. Es herrscht tyrannisch über den Willen und wird zu einer zweiten Natur, zu einer eisernen Gewohnheit und Notwendigkeit. Vergeblich pocht die Gnade an einem solchen Herzen. Alle ihre Pfeiler prallen von diesem harten Panzer zurück. Eher würde man der Erde einen Baum, als einem Herzen ein Laster entreißen, das einmal daselbst festgewurzelt ist. Darum auch spricht die Schrift von Gewohnheitssündern: "Kann ein Kuschit seine Hautfarbe oder ein Leopard die Flecken seines Fells verändern? Dann könntet auch ihr, die ihr ans Böse gewöhnt seid, Gutes tun." (Jeremia 13,23) 

 

3. Indessen soll dennoch niemand verzweifeln. Wer seine Übel noch fühlt und nach Heilung seufzt, ist noch nicht gänzlich von Gott verlassen, denn sein Verlangen nach Heilung selbst ist eine Wirkung der göttlichen Gnade. Es wird allerdings Gewalt, und zwar große Gewalt erfordert, eine eherne Gewohnheit zu brechen. Und selten auch bekehrt sich auf die Dauer, wer in Sünden ergraut ist. Rufe daher, wenn du in diesem unglückseligen Stand schmachtest, Gott inbrünstig um seine Hilfe an, und tue Werke der Barmherzigkeit an den Armen, die das Herz deines Erlösers rühren, und er wird deine Nächstenliebe durch deine Bekehrung belohnen. Psalm 38,5: "Denn meine Sünden schlagen mir über dem Kopf zusammen, sie erdrücken mich wie eine schwere Last."

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Betrachtung am 13. April - Über die Ehrsucht

 

Herr, der du kamst, die Demut uns zu lehren,

Gib mir, dass ich gelehrig von dir lerne,

Und allen Schwulst des Herzens weit entferne;

Denn Demut nur kann unser Herz bekehren.

 

1. Die Ehrsucht ist eine Folter, die den Ehrsüchtigen ohne Unterlass antreibt, über alle Gebühr sich zu erheben. Kein Rang, keine Ehrenstelle genügt ihm. Immer strebt er höher, und spricht gleich jenem stolzen Seraph: "Ich ersteige den Himmel; dort oben stelle ich meinen Thron auf, über den Sternen Gottes. Ich steige weit über die Wolken hinauf, um dem Höchsten zu gleichen." Jesaja 14,13-14) Nie sieht er, was unter ihm, mit Schmerz sieht er nur, was über ihm steht. Also sah auch Luzifer die zahllosen Engel nicht, die unter ihm waren. Er sah nur Gott, der höher war als er. Seine Ehrsucht aber verblendete ihn so sehr, dass er ausrief: "Gleich will ich sein dem Allerhöchsten!" Dürfen wir uns noch wundern, dass Gott die Ehrsucht und den Ehrsüchtigen hasst?

 

2. Der Ehrsüchtige nimmt keine Rücksicht auf die Mittel, sich emporzubringen, wie ungerecht immer sie sein mögen, sind sie vortrefflich, wenn sie nur seine Absichten fördern. Jeder Weg emporzukommen, ist ihm gerade recht. Er hat nur das Ziel im Auge, was dahin führt, sei es auch schlecht und niederträchtig, ist ihm gleich. Seine Ehrsucht ist sein Abgott. Ihm opfert er Recht, Gewissen, Heil und Menschlichkeit auf. Weder hört er Vernunft, noch Freundschaft, noch die Stimme der Natur, noch der Dankbarkeit an, er hört nur eine Stimme: den Schrei seiner Leidenschaft. Wie viele stiegen auf dem entseelten Körper, sogar eines ermordeten Vaters, wie auf einer Stufe, zum Thron empor.

 

3. Verdammt aber schon die Vernunft dies Ungeheuer, so spricht der Glaube den Fluch darüber aus. "Was die Menschen für großartig halten, das ist in den Augen Gottes ein Gräuel." (Lukas 16,15b) Von diesem fluchwürdigen Laster uns zu heilen, ließ der Allerhöchste selbst sich herab, seine ewige Glorie gleichsam abzulegen, und kam, nicht sich dienen zu lassen, sondern zu dienen, und am Kreuz zu sterben. Was wird je diese schreckliche Krankheit heilen, wenn eine solche Arznei sie nicht heilt. Er auch zeigt uns den Weg zur wahren Größe und sprach: "Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein." (Markus 9,35b) "Warum überhebt sich der Mensch aus Staub und Asche, dessen Leib schon zu Lebzeiten verwest?" (Jesus Sirach 10,9)

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Betrachtung am 14. April - Von Rückfällen in die Sünde

 

Es schütze, Herr, mich deine starke Hand;

Sie breche meines Herzens Widerstand:

Dass ich nicht frevelnd häufe Schuld auf Schuld,

Und sich in Zorn verwandle deine Huld.

 

1. Lebe sorgsam vor Gott, und hüte dich vor Rückfällen in die alten Sünden. Denn je öfter eine Sünde verziehen wurde, um so unverzeihlicher wird sie. Je mehr sie an Anzahl zunimmt, um so mehr auch nimmt sie an Bosheit zu, und wird gleich einer alten Wunde unheilbar. Sünden, die einmal zur Gewohnheit wurden, wandeln sich bald in Notwendigkeit, weil der Wille immer schwächer, der Geist immer blinder, die Leidenschaften immer unbändiger, die Heilmittel dagegen immer unwirksamer werden. Und so gerät der Mensch, der mit so großer Erkenntnis und so schnödem Undank von Gott sich abwendet, abermals in die Schlinge des unsichtbaren Feindes, der ihn nun um so fester hält.

 

2. Dürfen wir uns wundern, dass so viele durch ihre beständigen Rückfälle ein Raub der Verdammnis wurden? Durch dies beständige Fortsündigen treibt der Mensch seinen Spott mit dem Allerhöchsten, er verachtet seine Geduld, trotzt seiner Gerechtigkeit, sündigt vermessen auf Gottes Barmherzigkeit, tritt das Blut der Erlösung mit Füßen, und reizt Gottes Langmut zum Zorn. Auf die sündige Lust folgt dann die Bitterkeit, auf die Vermessenheit die Verzweiflung, auf die Barmherzigkeit die Rache, wie die Schrift bezeugt, die spricht in Jesus Sirach 5,4-7: "Sag nicht: Ich habe gesündigt, doch was ist mir geschehen? Denn der Herr hat viel Geduld. Verlass dich nicht auf die Vergebung, füge nicht Sünde an Sünde, indem du sagst: Seine Barmherzigkeit ist groß, er wird mir viele Sünden verzeihen. Denn Erbarmen ist bei ihm, aber auch Zorn, auf den Frevlern ruht sein Grimm. Zögere nicht, dich zu ihm zu bekehren, verschiebe es nicht Tag um Tag. Denn sein Zorn bricht plötzlich aus, zur Zeit der Vergeltung wirst du dahingerafft."

 

3. O ewige Güte, nicht würdig bin ich, nach so vielfältigem Undank und Meineid, die Augen zu dir zu erheben, denn nicht Schwäche und Gebrechlichkeit, sondern Bosheit, Verachtung, Unbußfertigkeit muss ich meine Sünden nennen, die nicht zu entschuldigen sind, und keine Verzeihung verdienen. Dennoch, mein Gott, verzweifel ich nicht an deiner Barmherzigkeit, der du kein reuiges und zerknirschtes Herz verwirfst. Und da du mir befiehlst Buße zu tun, so will ich heute noch beginnen, sie aufrichtig und ernsthaft zu wirken, will im Sakrament der Gnade mich reinigen, und von nun an dir getreu und unablässig dienen. "Gott will nicht, dass jemand zugrunde geht, sondern dass alle sich bekehren." (2. Petrus 3,9b)

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Betrachtung am 15. April - Von Gottes Barmherzigkeit

gegenüber den Sündern

 

Nein, Herr, du willst den Tod des Sünders nicht;

Barmherzig kommst selbst du ihm entgegen,

Und sendest ihm der Gnade helles Licht,

Sich zu bekehren von der Bosheit Wegen. 

 

1. Gott liebt seine Geschöpfe. Er liebt selbst die Sünder. Er liebt sie zwar nicht als Sünder, sondern als Elende, denn seine unendliche Liebe drängt ihn, die Milch seiner Erbarmungen in alle Herzen zu ergießen, die ihrer bedürfen. Darum ermahnt er den Menschen, der durch die Sünde von ihm sich entfernt hat, durch den lauten Ruf seines Gewissens. Er beunruhigt ihn durch die Vorstellung der Gefahr, in der er schwebt, und drängt ihn zur Rückkehr. Flieht aber der Sünder, gleich dem Propheten Jona, vor dem Angesicht Gottes, so verfolgt er ihn sogar in seiner Flucht. Was würde man von einem Richter sagen, der dem Verbrecher nacheilte, und ihn drängte, Gnade anzunehmen?

 

2. Mit wunderbarer Langmut geht Gott dem Sünder oft selbst an die Orte nach, wo er ihn am wenigsten erwartet. Er vergällt ihm seine Lust durch Bitterkeiten und schreckt ihn zuweilen durch Androhungen eines jähen Todes und der ewigen Verdammnis. Bleibt aber der Sünder bei allen Einladungen, Ermahnungen und Drohungen ungerührt, so wartet Gott wie ein milder Vater oft geduldig, bis der Wahnsinn seiner Leidenschaft sich gelegt hat, und er zu ruhigem Nachdenken gelangt. So liebevoll ist er, dass er zu der sündigen Seele spricht: "Kehre zurück, ich schaue dich nicht mehr zornig an, denn ich bin gütig, ich trage nicht ewig nach." (Jeremia 3,12) Kann die liebevolle Geduld Gottes je weiter gehen?

 

3. Um so wunderbarer ist diese Langmut, als er, der beleidigte Gott, alle Mittel in Händen hat, sich zu rächen. Nicht wenige gänzlich verstorbene Sünder wurden auch, nachdem er alle seine Erbarmungen vergeblich an ihnen erschöpft hatte, plötzlich aus dem Leben gerufen. Wie tief innig sollen wir von Gottes großer Barmherzigkeit uns gegenüber durchdrungen sein. Denn konnte nicht auch uns widerfahren, was ihnen widerfuhr? Und hätten wir es weniger verdient? Und siehe, noch leben wir. Wie, mein Gott, habe ich diese Gnade verdient? Ewig will ich dein Erbarmen preisen, und durch verdoppelte Treue die Beleidigungen ersetzen, die ich deiner göttlichen Liebe angetan habe. Psalm 103,2-4: "Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat: der dir all deine Schuld vergibt und all deine Gebrechen heilt, der dein Leben vor dem Untergang rettet und dich mit Huld und Erbarmen krönt."

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Betrachtung am 16. April - Vom Gericht nach dem Tod

 

Wohin soll, Herr, ich fliehen

Vor deinem Angesicht,

Wenn ich von hier muss ziehen

Und kommen zum Gericht.

O richte meine Lebenszeit

Mit Gnade und Barmherzigkeit.

 

1. Hebräer 9,27: "Es ist dem Menschen bestimmt, ein einziges Mal zu sterben, worauf dann das Gericht folgt." Wie wird uns zu Mute sein, wenn es heißen wird: Fort von hier, vor den Richterstuhl des ewigen Richters! Allein, in unermesslicher Öde, fern von dieser Erde, vor mir der gerechte Richter, der alle meine Gedanken, Worte, Begierden, Absichten, Werke, Ärgernisse auf den Waagschalen des heiligen Kreuzes wiegt, zur Rechten der Engel, den Gott zum Beschützer und Zeugen meines Lebens mir gegeben hatte, zur Linken den schrecklichen Ankläger, der meine Verdammnis fordert. So schwebt meine arme, vom Körper gelöste Seele, die nun sich selbst nicht mehr vor sich verbergen kann, sondern in ihrer ganzen Hässlichkeit sich schauen muss, zitternd in namenloser Angst und Erwartung.

 

2. Herr, allwissender, gerechter, unbestechlicher Richter: ach, was ist mein Leben anderes als ein gräuliches Gewebe von Sünden, Buße, Rückfällen, unbesonnenen Worten, unvollkommenen Werken und zahllosen Versäumnissen. Was werde ich Elender beginnen, der ich auf tausend Fragen dir nicht eine Antwort geben kann, denn hier sind die geheimsten Falten des Herzens entschleiert, es treten die verborgensten Missetaten in das hellste Licht, und alle Gnaden, alle innerlichen Ermahnungen, die vom Bösen mich zurückhielten und zu Werken der Gerechtigkeit mich drängten, zeugen wider mich. 1. Petrus 4,18: "Und wenn der Gerechte kaum gerettet wird, wo wird man dann die Frevler und Sünder finden?" 

 

3. Nicht entkommen können wir dieser schrecklichen Stunde, aber zuvorkommen können wir dem Ausspruch unseres Richters: "Gingen wir mit uns selbst ins Gericht, dann würden wir nicht gerichtet." (1. Korinther 11,31) So richten wir uns denn selbst und bestrafen wir uns mit aller Strenge. Ersetzen wir unsere Ärgernisse durch einen frommen und heiligen Wandel. Widerrufen wir unsere Verleumdungen. Erbauen wir andere durch Worte und Beispiele. Kaufen wir unsere Sünden durch Almosen los. Untersagen wir uns erlaubtes Vergnügen, das unerlaubte zu büßen. Weihen wir dem Gebet und milden Werken die Zeit, die wir bis heute vergeudeten, und Tag und Nacht schwebe die Stunde unserer Rechenschaft uns vor Augen. Psalm 143,2: "Herr, geh mit deinem Knecht nicht ins Gericht; denn keiner, der lebt, ist gerecht vor dir."

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Betrachtung am 17. April - Vom Tod des Gerechten

 

Wie selig, wer getreu das Werk vollbracht,

Das ihm sein Schöpfer aufgegeben.

Ihn führt als Freund der Tod aus dieser Nacht

In Gottes Licht, um ewig dort zu leben.

 

1. Wie trostreich ist das Ende eines wahrhaft frommen Menschen, und wie überschwänglich belohnt es die Gewalt, die er sich angetan hat, das Himmelreich an sich zu reißen. Seine Vergehen ängstigen ihn nicht, denn jeden Tag bat er Gott um die Verzeihung seiner Sünden. Und eifrig auch war er, durch Früchte der Buße, gute Werke und Geduld in Leiden sie zu ersetzen. Der Friede seines Gewissens lässt keine Angst in ihm aufkommen, denn er hat seinen Beruf als ein getreuer Knecht erfüllt. Auch fällt der Abschied vom Leben ihm nicht schwer, denn er kennt seine Gefahren. Sein Herz ist von der Erde gelöst, und längst hat er auf diese Stunde sich vorbereitet.

 

2. Er war vielleicht nicht gefasst, gerade zu dieser Zeit von einer Todeskrankheit überfallen zu werden, aber gewohnt, mit dem Willen seines Schöpfers sich zu vereinigen, heißt er sie willkommen, nimmt sie mit getreuer Ergebung, mit Liebe an, und tröstet sogar diejenigen, die um ihn weinen. Die Betrachtung seines leidenden Heilandes, dessen Bildnis er in den Händen hält, lindert alle seine Schmerzen, und mit sichtbarer Freude empfängt er die Sakramente der Kirche, die die Überreste seiner Sünden hinwegnehmen, und zur Reise in die Ewigkeit ihn stärken. Alle seine Worte, alle seine Seufzer sind Flammen der Liebe, die seine feurige Sehnsucht ausdrücken, bald mit Gott, seiner ewigen Liebe, vereint zu werden.

 

3. Siehe, schon ist er in die Ewigkeit eingegangen. Beweint ihn nicht, geliebte Freunde und Verwandte. Erfreut euch vielmehr mit ihm, denn eingegangen ist er in die glorreiche Seligkeit, die sein ganzes frommes Leben hindurch das einzige große Ziel seiner Sehnsucht war. Können wir je zu viel tun, diese so große, diese endlose Seligkeit zu verdienen? Wie gering sind alle Arbeiten, alle Leiden, gegen sie verglichen. Darum ringen wir ernsthaft um diese himmlische Krone, zu der auch wir berufen sind, und verzagen wir nicht, denn viele haben sie errungen, und wie ihnen, so ist sie auch uns verheißen. Psalm 116,15: "Kostbar ist in den Augen des Herrn das Sterben seiner Frommen."

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Betrachtung am 18. April - Vom Königtum Jesu

 

Wer ist dir, Herr, du höchster König, gleich,

Der fest du gründetest ein ewig Reich,

Wo Sterbliche durch Liebe hier auf Erden

Zu Bürgern deiner Himmelsburgen werden?

 

1. "Siehe, dein König kommt zu dir!" ruft der Seher Zacharias der Zukunft entgegen. Doch nicht er allein, sondern der ganze Chor der Propheten verkündigt Jesus als einen König, und zwar als den gesalbten König, als den Messias. Frage nicht wo, so lange der Sohn Gottes in dieser Welt lebte, sein Palast, sein Thron und die übrigen Zeichen seiner königlichen Würde waren. Denn das Reich unseres Königs ist kein irdisches, es ist ein geistiges, ein himmlisches Reich. Sein Reich ist nicht von dieser Welt.

 

2. Wie glorreich, wie erhaben ist dieses Reich. Statt der dürftigen Pracht, des kriegerischen Gefolges und irdischer Schätze, ohne die die Könige dieser Erde gleich anderen Menschen arm, hilflos und ohne Ansehen wären, brachte unser König unsterblichen Reichtum vom Himmel, und schüttete, was immer in der himmlischen Schatzkammer hinterlegt war, in den Schoß seiner Kirche. Darum auch wird sein Evangelium das Reich der Himmel genannt, weil alles darin himmlisch, alles göttlich ist. Denn es kommt vom Himmel, es kräftigt durch den himmlischen Geist, es lehrt nicht nur ein himmlisches Leben, sondern es verleiht dieses Leben auch, und wandelt irdische Menschen in Bürger des Himmels um.

 

3. Wie viele Königreiche gingen unter und verschwanden samt ihren Königen von der Erde. Von diesem himmlischen Reich aber ruft der Prophet aus: "Dein Königtum, Herr, ist ein Königtum für ewige Zeiten, deine Herrschaft währt von Geschlecht zu Geschlecht." (Psalm 145,13) Doch wer wird es je wagen, sich diesem König der ewigen Majestät zu nahen? So unendlich sein Reich, so unendlich ist seine Sanftmut, und seine liebevolle Güte. So freundlich ist seine Huld, dass er allen Sterblichen zuruft: "Kommt alle zu mir!" Und niemand, der zu ihm kommt, geht leer von ihm aus. Er erlässt dem Sünder die Schuld, spendet dem Gerechten neue Gnaden. Er heilt die Kranken und kräftigt die Gesunden. So eilen wir denn heute zu den Füßen unseres liebevollen Königs, schütten wir unser Herz vor ihm aus und rufen wir in andächtiger Liebe: "Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe!" (Matthäus 21,9b)

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Betrachtung am 19. April - Vom barmherzigen Samariter

 

O wie ist das Elend bitter

Der gesunkenen Natur:

Komm, o milder Samariter,

Sieh, es heilt dein Blut sie nur.

Komm, denn nur durch dich wird Heil

Den Verlorenen zu Teil.

 

1. Wer war wohl der Mensch, der von Jerusalem, der Stadt des Friedens, hinabging in das gottlose Jericho, und auf dem Weg durch die Wildnis unter Mörder fiel? Dieser Mensch bin ich, du, die ganze Menschheit. Denn wir alle waren dieser eine Mensch, den Satan, "der Mörder von Anbeginn", so schlug, dass er halbtot liegen blieb. Also lag er und verblutete an seinen Wunden. Denn geht auch der Priester und der Levit vorüber, so haben sie doch keine Arznei. Das Gesetz zeigt bloß die Wunden, die Opfer und die Zeremonien aber können höchstens die Heilung vorbereiten, aber heilen können sie den Halbtoten nimmermehr.

 

2. Betrachte dieses tiefe Geheimnis. Wir alle lagen tödlich verwundet, und fielen dem ewigen Tod anheim, wofern nicht der barmherzige Samariter kam, uns zu heilen. Wer aber ist dieser Samariter, wenn nicht Jesus, der Sohn Gottes, der sich herabließ, selbst in diese Mörderhöhle hinab zu kommen und unter Mörderhänden zu sterben, um das Öl und den Wein seines Blutes in unsere Wunden zu gießen, das durch das Sakrament seines göttlichen Fronleichnams fortwährend in die Wunden aller einfließt, die zur Heilung gelangen. Preis dir, o ewige Barmherzigkeit, die du dich selbst erschöpfst, vom ewigen Tod uns zu erretten.

 

3. "Und er hob ihn auf sein Tier, führte ihn in die Herberge und trug Sorge für ihn." Dieses Tier war die heiligste Menschheit des Sohnes Gottes, von der er im Psalm 73,23 zu seinem himmlischen Vater spricht: "Ich war wie ein Stück Vieh vor dir." Er also nahm unser Elend selbst auf sich, denn "er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. . . .Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt". (Jesaja 53,4+5b) Nach seiner Auferstehung aber übergab er den Kranken der Herberge. Diese Herberge, wo alle Wanderer ab- und zugehen, ist seine Kirche. Ihr also übergab er mich und dich und alle Glieder dieses großen Kranken zur Pflege, bis zu seiner Wiederkehr am jüngsten Tag. "Herr, du sandtest dein Wort, und heiltest und erlöstest uns vom Untergang; wir aber danken dir für deine Huld, für dein wunderbares Tun an den Menschen." (Psalm 107,20-21)

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Betrachtung am 20. April - Von der Vorbereitung zur heiligen Kommunion

 

O Gastmahl, das der Seelen Hunger stillt.

O Quell, worin das wahre Leben quillt.

Du sättigest das feurigste Verlangen.

Glückselig, die in Liebe dich empfangen.

 

1. Bereite dich mit großer Sorgfalt und Andacht zur Vereinigung mit deinem göttlichen Heiland im Sakrament seiner Liebe vor, und erwäge zumal deine innerliche Armut, dein Elend, und wie unwürdig du so großer Ehre bist. Lass jedoch nicht von übermäßiger Furcht dich abhalten, sondern tritt mit Vertrauen und Liebe hinzu. Denn wie sollte, wer vor Angst zittert, dies Brot des Lebens mit Liebe empfangen können? Es ist aber Jesus in diesem Sakrament: nicht Furcht, sondern Liebe zu erwecken. Er nahm Brotsgestalt an, nicht nur damit du sie schauen, sondern auch essen kannst. So tritt denn mit andächtigem Verlangen hinzu, und der Herr wird durch seine Güte ersetzen, woran es dir gebricht.

 

2. Es irrt, wer eine vollkommene Heiligkeit als notwendige Vorbereitung zu diesem Sakrament fordert. Wer würde es je wagen dürfen, sich diesem göttlichen Tisch zu nähern, wenn er vorher vollkommen heilig sein müsste? Ja welches Heil würde dieses göttliche Sakrament ihm verleihen, da er schon alle Heiligkeit besitzt? Und wäre auch je heilig, wer da glaubte, er habe eine vollkommene Heiligkeit erlangt? Wäre eine solche Meinung von sich selbst nicht der größte und vermessenste Hochmut? Nimmer also soll man als notwendige Vorbereitung verlangen, was eigentlich die Frucht, Wirkung und Absicht dieses göttlichen Sakramentes ist, nämlich fleckenlose Reinheit und Vollkommenheit.

 

3. Nicht nur die Speise, auch die Arznei unserer Seelen ist Jesus in diesem wunderbaren Sakrament. Er selbst beruft alle Kranken, Blinden, Lahmen und Presshaften zu seinem göttlichen Gastmahl. Nimmer also soll deine Krankheit dich abhalten, vielmehr soll sie dich aneifern, zu diesem himmlischen Tisch zu gehen. Besonders unser Elend bewog ihn, diesen Quell des Lebens und des Heils für uns einzusetzen. Und er selbst hat Verlangen, mit unseren Seelen sich zu vereinigen, sie zu heilen und seine Gnade und übernatürliches Leben uns mitzuteilen. Ist also anders dein Gewissen rein von Sünden, und hast du den Vorsatz, nach seinem heiligsten Willen zu leben, so tritt mit großem Vertrauen und Liebe hinzu, und empfange das Unterpfand deiner himmlischen Seligkeit. "Kostet und seht, wie gütig der Herr ist." (Psalm 34,9)

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Betrachtung am 21. April - Unsere Fehler sollen uns nicht

von der heiligen Kommunion zurückhalten.

 

Brot, vom Himmel uns gegeben,

Du verleihest Kraft zum Streit,

Und bereitest unser Leben

Für den Tag der Ewigkeit.

 

1. Wer oftmals zum Tisch des göttlichen Sakramentes hinzutritt, und dadurch nicht besser, sondern sündhafter wird, der wird dem Gericht nicht entfliehen. Nicht sündhafter jedoch bist du geworden, weil du mächtig zum Bösen dich geneigt fühlst. Denn die Kommunion nimmt dem Gemüt nicht alle bösen Neigungen, damit es auf der Hut bleibt, und seine Abhängigkeit von der Gnade erkennt. Verhindert sie aber die Empfindung des Bösen nicht, so verhindert sie dagegen die Einwilligung. Dies selbst aber ist eine große Frucht des Sakraments. Möchtest du eine Todsünde begehen? Wie also sagst du denn, deine Kommunionen gereichen dir nicht zum Guten? Könntest du je des Bösen dich enthalten, wenn die Kraft dieses göttlichen Sakramentes dich nicht stärkte?

 

2. Es ist ein großer Unterschied: das Böse empfinden, - und in dasselbe einwilligen. Du kannst böse sein, ob du auch stark zum Guten dich angezogen fühlst. Und du kannst heilig sein, ob du auch noch so gewaltige Neigungen zum Bösen empfindest, wenn anders du nicht in sie einwilligst. Gerade in diesem Widerstand gegen das Böse zeigt sich der Glaube und die Liebe. Nimmer also sollen schwere Versuchungen vom göttlichen Gastmahl dich entfernen, vielmehr sollst du eben darum an ihm oftmals teilnehmen, Kraft und Stärke darin zu schöpfen. Wer dem Feuer sich nicht nähern will, weil ihn friert, nicht essen will, weil ihn hungert, keine Arznei nehmen will, weil er krank ist: gäbe der nicht ein Zeichen, dass er den Tod sucht?

 

3. Auch wird zu einer fruchtbaren Kommunion keine fühlbare Andacht erfordert, da sie nicht immer von unserem Willen abhängt, und Gott sie oft sogar den größten Heiligen nicht verleiht, damit sie nicht etwa über ihre Verdienste sich erheben. Die wahre Andacht besteht nicht im Zartgefühl, sondern in einem schnellen und ständigen Willen, alles zu tun, was Gott verlangt, und nichts von dem zu tun, was er verbietet. Hierzu bedarf es allerdings großer Gnade. Wo aber willst du Gnade schöpfen, wenn nicht in dem Quell aller Gnaden? Lukas 14,21+23: "Geh schnell auf die Straßen und Gassen der Stadt und hol die Armen und die Krüppel, die Blinden und die Lahmen herbei, . . . und nötige sie zu kommen, damit mein Haus voll wird."

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Betrachtung am 22. April - Von der Demut unseres Herrn

 

Herr, in meines Herzens Wehmut

Seh` ich dich, die Majestät,

Wie sie in der tiefsten Demut

Auf des Lebens Pfaden geht.

Mächtig winkt dein Beispiel mir.

O zieh, Jesu, mich nach dir.

 

1. Ermüden wir nicht, auf den Spuren unseres demütigen Heilands zu gehen. Sieh, die Demut ist die niedrige Himmelspforte. Werden wir nicht gleich den Kindlein, so können wir nicht eingehen in das Himmelreich. Diese heilige Tugend ist die Grundveste und Hüterin aller wahren Tugenden, und wer ohne sie bauen will, der zerstört. Jesus liebt sie als den vorzüglichsten Schmuck seiner Krone. Ja er selbst brachte sie vom Himmel, die vor seiner Ankunft den Heiden nicht einmal dem Namen nach bekannt war, weswegen auch alle ihre Tugenden falsch waren, weil durch Hoffart und Eitelruhm vergiftet. Betrachte seine demütige Geburt in einem armen Stall, seine Verborgenheit zu Nazareth, sein öffentliches Leben und seinen Tod am Kreuz, und sieh, wie sein ganzes heiligstes Leben ein beständiger Akt dieser Demut war.

 

2. Doch, o mein Erlöser, nicht nur dein ganzes menschliches Leben hast du die Hoffart der Welt zu Boden getreten, sondern du hast auch deine Demut uns als ein Vermächtnis vor deinem Opfertod hinterlassen, und gabst uns, unser Herr und Meister, ein Beispiel, worüber alle Zeiten sprachlos erstaunen, als du zu den Füßen deiner Jünger gekniet und gleich einem Knecht sie gewaschen hast. O präge dieses wunderbare Beispiel dir tief in dein Herz! Sieh, gekommen ist Jesus, die Hoffart Satans zu zerstören. Und weil die Demut das einzige Schwert ist, diesem Laster das Haupt abzuschlagen, schärfte er es durch Lehren, Taten und Beispiele, damit wir es nach ihm gebrauchen.

 

3. Ja, o wunderbarer Jesus, auch dies genügte dir noch nicht. Bis zum schmählichsten Tod am Kreuz erniedrigtest du deine Majestät, dies Schwert uns führen zu lernen, weil die Demut in uns selbst ihren bittersten Widersacher findet, der nicht ohne große Gewalt kann überwunden werden, nämlich unsere unglückselige Gier nach eigener Ehre und Verherrlichung. Sind wir nach solchen Beispielen unseres Herrn noch so stolz und hochfahrend, und streben nach den ersten Sitzen: was wäre erst geschehen, wenn das Licht seiner göttlichen Beispiele uns nicht zur Demut antreiben würde. Matthäus 11,29: "Lernt von mir, denn ich bin gütig und von Herzen demütig."

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Betrachtung am 23. April - Bei den Füßen des Kreuzes

 

Deiner Liebe will ich leben,

Ewig bin ich, Jesus, dein,

Der für mich du dich gegeben

In so bittrer Todespein.

 

1. O Abgrund der göttlichen Ratschlüsse, welche erschaffene Fassungskraft wird je in deine Tiefen eindringen: Am Kreuz sehe ich den Sohn des lebendigen Gottes durch sein blutiges Opfer der unendlichen Majestät Gottes eine Huldigung darbringen, die allein die Schuld aller Geschöpfe aufwägt. Mit dieser göttlichen Huldigung aber vereinigen die seraphischen Geister und alle Auserwählten ihre Anbetungen, weil sie nur durch dies Opfer der ewigen Majestät wohlgefällig werden. Mein Herz erschrickt bei dem Anblick der unendlichen Gerechtigkeit, die ein solches Opfer für die Sünde fordert, und den unendlich geliebten Sohn des ewigen Vaters zermalmt, weil er im Gewand der Sünder unser Bürge geworden ist. Beim Anblick des gekreuzigten Gottmenschen wird die ewige Strafe mir begreiflich, die der Beleidigung der unendlichen Majestät Gottes bereitet ist.

 

2. Wer muss nicht vor den Schrecknissen der ewigen Gerechtigkeit und der Verdammnis erbeben, die wir durch zahllose Sünden verdienen. Doch sieh, es ruft uns die Liebe Jesu durch alle seine Wunden, Vertrauen zu fassen, da er am heiligen Kreuz die Schuldschrift des ewigen Todes zerreißt, und mit der Freiheit der Kinder Gottes alle beschenkt, die an ihn glauben, und in den Quellen seiner Erlösung schöpfen wollen. O mein Erlöser, wie vieles sagt mir dein heiliges Kreuz. Dieses göttliche Buch predigt mir Furcht und Liebe, es ist meine Wissenschaft, mein Licht und mein Trost. Es führt in Zweifeln mich zu Entschlüssen, und zwar oft gegen mich selbst, da ich es nicht vermag, seiner unüberwindlichen Beredsamkeit zu widerstehen.

 

3. Prägen wir das Bildnis unseres geliebten Gekreuzigten tief ins Herz. Bei seinem Anblick werden alle Entwürfe unseres Hochmuts, alle Gier nach vergänglichen Gütern verschwinden. Denn wer könnte bei dem Anblick eines armen, verachteten, gekreuzigten Gottmenschen, der aus Liebe zu uns stirbt, noch solchen Dingen nachstreben. Ein beständiger Vorwurf für uns wäre sein Leiden und sein Tod, der uns beschämen und uns zur Verdammnis gereichen würde. O mein gekreuzigter Heiland, dein heiligstes Leiden sei meine Betrachtung im Leben, mein Trost im Tod, meine Liebe in der Ewigkeit. Psalm 73,26b: "Gott ist der Fels meines Herzens und mein Anteil auf ewig."

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Betrachtung am 24. April - Vom Opfer Jesu Christi

 

Lass, Gotteslamm, bei deinem Kreuz mich weinen,

Wo du die Welt versöhnest durch dein Blut.

Mit deinem Opfer will ich mich vereinen,

Und mit dir sterben, Herr, vor Liebesglut.

 

1. Alle Opfer des alten Bundes zielten dahin, Gott die tiefste Ehrfurcht zu bezeigen, für seine Wohltaten ihm zu danken, seine Barmherzigkeit anzuflehen, und seine beleidigte Gerechtigkeit zu versöhnen. Dies vermochten jedoch die Schlachtopfer und das Blut der Böcke und Kälber nimmermehr aus sich selbst, sondern sie waren Bilder und Vorzeichen eines großen künftigen Opfers, das die Gottheit vollkommen versöhnen, und dem menschlichen Geschlecht alle Schätze der göttlichen Gnade erschließen sollte. Dies war das große Opfer des Mittlers zwischen Gott und den Menschen, dessen blutige Aufopferung Jahrtausende hindurch geweissagt wurde, und die das Ziel aller gesetzlichen Opfer der Vorzeit war, und ihnen Kraft und Wirksamkeit verlieh.

 

2. Dies Opfer des Gottmenschen Jesus Christus war allein der allerhöchsten Majestät Gottes würdig, weil es allein unendlichen Wert hatte. Er war "das Lamm, das von Anbeginn der Welt getötet wurde". (Offenbarung 13,8) Mit seinem Blut wurden wir alle besprengt, sein Tod wirkt in uns allen das Leben. Alle daher sind wir, die wir durch den Glauben mit ihm vereint sind, ein Opfer mit ihm. Wir alle müssen sein Opfer in uns fortsetzen, in ihm und mit ihm Gott uns zum Opfer bringen: und bis zum Tod gegen die Sünde streiten. Dadurch werden wir "ein lebendiges, heiliges, Gott gefälliges Opfer". (Römer 12,1)

 

3. Gleichwie aber das Opfer unseres göttlichen Hauptes erst durch seinen Tod vollendet wurde, also wird auch unser Opfer erst im Tod vollendet. "Leben wir aber Gott in Jesus Christus" (Römer 6,11), so sterben wir auch Gott in ihm, da der Tod uns nicht von ihm trennt. Dieser Tod aber ist das höchste Opfer, das wir Gottes Unsterblichkeit bringen können, da es eins mit dem Opfertod Jesu Christi ist. Die christliche Seele also, die noch vor dem Tod erbebt, kennt den unendlichen Wert nicht, zu dem Jesus unseren Tod durch seinen Opfertod erhoben hat. "Niemand aus uns lebt sich selbst, und niemand stirbt sich selbst. Denn leben wir, so leben wir dem Herrn; und sterben wir, so sterben wir ebenso dem Herrn." (Römer 14,8)

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Betrachtung am 25. April - Über die Wahrheit der Auferstehung Jesu

 

Erstanden ist der Herr in Himmelsklarheit.

Besiegelt ist auf ewig nun die Wahrheit.

Die Welt erglänzt im Auferstehungsscheine.

Ihn betet an die heilige Gemeine.

 

1. "Der Herr ist wahrhaftig auferstanden!" So schlage denn an deine Brust, gottesmörderische Synagoge. Erkenne deinen Messias, und bitte mit blutigen Tränen ihn um Verzeihung. Doch höre diese Mörder: Nicht erstanden ist er, die Jünger haben seinen Leichnam geraubt! Woher wisst ihr dies? Die Wächter am Grab haben es ausgesagt. Wie? Diese römischen Krieger schlugen diese wenigen furchtsamen Fischer nicht in die Flucht? Sie schliefen! Wie? Sie schliefen, und sahen dennoch alles, was geschah? Und Pilatus straft diese feigen Memmen nicht? Und ihr selbst lasst diese Räuber, die einen Leichnam stahlen, von dem die Ruhe und die Religion des Landes abhängt, frei umher gehen? O Blindheit, o Wahnsinn, o Verstockung!

 

2. Oft hatte Jesus den Aposteln sein Leiden und seinen Tod geweissagt. Und immer hatte er seine Auferstehung am dritten Tag beigefügt. Sie hatten nun sein Leiden und seinen Tod gesehen. Mussten sie also nicht auch seine Auferstehung erwarten? Glaubte aber auch nur einer aus ihnen daran? Ging nicht ihr Unglaube bis aufs Äußerste, so dass sie die Versicherung der heiligen Frauen für fabelhaftes Weibergeschwätz hielten, und dass Thomas, selbst nach der Versicherung aller Apostel und Jünger, dennoch starrsinnig auf seinem Unglauben beharrte? Und nun kommen aberwitzige Schwätzer und schreien: Enthusiasmus! Verblendung! Ist aber nicht eine Verblendung so vieler Menschen, die vierzig Tage hindurch glauben, sie sprechen und essen mit einem Erstandenen, ein größeres Wunder, als selbst die Auferstehung eines Toten? 

 

3. Hätte Jesus seine Auferstehung nicht geweissagt, so hätte sein Tod seine Freunde immerhin schmerzlich betrübt, doch hätten sie ihn zugleich bemitleidet, dass er seinen Ruf durch eine so sonderbare Weissagung befleckte, die er nicht erfüllen konnte. Die Apostel, die der Spott der Nation geworden wären, wären still zu ihrem Fischerhandwerk zurückgekehrt. Und sein Name wäre allmählich in Vergessenheit versunken. Wer also kräftigte diese schwachen, furchtsamen Fischer, diese Auferstehung in der ganzen Welt zu verkündigen, die Wahrheit der Auferstehung mit ihrem Blut und Leben zu besiegeln, zahllose Bekenner von dieser Auferstehung zu überzeugen, und die Welt zu bekehren? Lukas 24,34: "Der Herr ist wirklich auferstanden!"

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Betrachtung am 26. April - Von den Weissagungen der Schrift

 

Herr, vor dir sind alle Zeiten,

Die nach deinem Willen gehn,

Und zum Heile alle leiten,

Welche ihren Wink verstehn.

 

1. Nie genug können wir die Vorsehung des Allerhöchsten bewundern, die über die Erhaltung der Erblehren, Verheißungen und des Opferdienstes wachte, die er den ersten Menschen gab, und die bis auf Noah, den Gerechten, sich vererbt hatten, der selbst nach der Sündflut dem Herrn ein feierliches Opfer bringt. (Genesis 8,20) Und siehe, bald bevölkert die Erde sich abermals, neue Völker erwachsen, und schon droht Finsternis des Götzentums die heilige Erblehre zu verdunkeln. Da erwählt der Allerhöchste ein eigenes Volk, sie zu bewahren, und schmückt es mit seiner Erkenntnis, mit Wundern, Weissagungen und einem göttlichen Gesetz.

 

2. Alle diese Opfer, Wunder und Weissagungen zielten nach einem verheißenen Erlöser, wie nach ihrem Mittelpunkt. Adam erhielt die erste dunkle Weissagung von einem künftigen Retter. Abraham, der Stammvater dieses gesonderten Volkes, empfängt die Zusage, dass der Erlöser aus seinen Nachkommen sein werde, und dass in ihm alle Nationen gesegnet werden. Sein Enkel Jakob weissagt auf seinem Totenbett seinem Sohn Juda, dass dieser Erwartete der Nationen aus seinem Geschlecht abstamme, aber erst dann erscheinen werde, wenn das Zepter von Juda gewichen sein wird. Moses verkündete ihn als den neuen Gesetzgeber. David lobpreist ihn als seinen Sohn und seinen Herrn und als den ewigen hohen Priester. Spätere Propheten aber schilder ihn, als schrieben sie seine Geschichte.

 

3. Du aber, o Herr aller Zeiten, hast die Aussprüche deiner Propheten besiegelt. Die Erfüllung der Weissagung deines Sehers Jesaja von einer siebzigjährigen Gefangenschaft seines Volkes, und ihre Befreiung durch den noch ungeborenen König Cyrus, erweckte ihm vollen Glauben über alles, was er von der jungfräulichen Geburt und den Leiden des Messias geweissagt hatte. Und wie auch hätte die erfüllte Weissagung Daniels von den vier Monarchien je einen Zweifel übrig gelassen, dass der Messias nach zweiundfünfzig Jahreswochen erscheinen wird, dass sein Volk ihn töten, und dass die Römer ihre Stadt und den Tempel zerstören würden? Alle diese Weissagungen vom Anfang bis zum Ende bilden einen lichtvollen Plan der Erlösung, der vollkommen durch deinen Eingeborenen, unseren Herrn, in Erfüllung ging. Psalm 93,4-5: "Gewaltiger als das Tosen vieler Wasser, gewaltiger als die Brandung des Meeres ist der Herr in der Höhe. Deine Gesetze sind fest und verlässlich; Herr, deinem Haus gebührt Heiligkeit für alle Zeiten."

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Betrachtung am 27. April - Von der Fröhlichkeit der Diener Gottes

 

Herr, wer dir dient mit seligem Vertrauen,

Der trägt den Himmel in der Brust;

Die Hoffnung, bald dich schleierlos zu schauen,

Verwandelt ihm die Last in Lust.

 

1. Die Fröhlichkeit frommer Menschen, die Gott dienen, gereicht Gott zur Ehre, denn die Freude, die auf ihrem Angesicht leuchtet, gibt allen kund, dass sie einem guten Herrn dienen. Ja sie zieht auch zu seinem Dienst manche von denjenigen an, die sie so vergnügt sehen. Denn welcher Mensch liebt nicht Freude und Fröhlichkeit? Die Lasterhaften suchen sie in der Befriedigung ihrer Gelüste. Darunter jedoch gibt es auch edle Gemüter, die, weil sie im Dienst dieser grausamen Herren die Freude nicht finden, die sie gehofft hatten, zuweilen ohne sonderliche Mühe an fromme Diener Gottes sich anschließen, die sie immer heiteren und fröhlichen Gemütes sehen.

 

2. Wer Gott dient, und dabei traurig und niedergeschlagen ist, der verunehrt seinen Herrn. Er bringt seinen Dienst in üblen Ruf und schreckt andere von der Frömmigkeit zurück. Denn bei seinem Anblick erachten die Weltkinder, das sanfte Joch Jesu Christi sei unerträglich, und es wird jede ernste Tugend ihnen zuwider. Welcher Herr aber wird Diener lieben, die seinen Dienst allenthalben in ein verhasstes Licht stellen? "Ich ehre meinen Vater," spricht der Herr, "ihr aber verunehrt mich!" Was habe ich euch zuleide getan? Oder worin habe ich euch betrübt? Entfernt euch von mir! Lieber ist es mir, dass ihr mir gar nicht, als dass ihr mir mit Unlust dient!

 

3. Verlangst du nach dieser geistigen Fröhlichkeit, so habe ein reines Gewissen, und löse dein Herz von den Geschöpfen, deren Verlust das Herz betrübt, das sie liebt. Stelle Gottes Vorsehung dich gänzlich anheim, und wünsche nichts Vergängliches mit sehnlichem Verlangen. Wer weltliche Unterhaltungen und Tröstungen der Sinne sucht, der erstickt die geistige Freude. Der Gedanke an Gott, an seine Wohltaten und an die ewigen Freuden, die er denjenigen bereitet, die ihn lieben, ist ein Quell unversiegbarer Freude für alle seine Diener, und ein kräftiger Trost in allen ihren Trübsalen. "Frohlockt im Herrn, ihr Gerechten; denen, die aufrichtigen Herzens sind, geziemt es, ihn zu loben." (Psalm 34,2)

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Betrachtung am 28. April - Vom Himmel

 

Wann werde ich in dir erscheinen,

O hochgeliebtes Vaterland.

Wann wird der Liebe süßes Band

Mit deinen Bürgern mich vereinen.

Wann werde Gottes Angesicht

Ich schauen in dem ew`gen Licht.

 

1. O glückseliges Vaterland in den Höhen, nach dir seufzt schmerzlich unsre Pilgrimschaft. Psalm 89,16-19: "Wohl dem Volk, das dich als König zu feiern weiß! Herr, sie gehen im Licht deines Angesichts. Sie freuen sich über deinen Namen zu jeder Zeit, über deine Gerechtigkeit jubeln sie. Denn du bist ihre Schönheit und Stärke, du erhöhst unsere Kraft in deiner Güte. Ja, unser Schild gehört dem Herrn, unserem König, dem heiligen Gott Israels." Unendlich hoch über allen unseren Arbeiten, über allen unseren Begriffen, ja über aller unser Sehnsucht stehst du, o glorreiche Seligkeit! Denn du, o himmlisches Jerusalem, bist das wunderbarste Werk der Weisheit Gottes, worin seine Allmacht gleichsam sich erschöpfte, wo der Reichtum seiner unendlichen Glorie in seiner unermesslichen Fülle glänzt, wo seine unerschaffene Schönheit und Herrlichkeit ewig alle glückseligen Bürger des ewigen Tages entzückt.

 

2. Begründet in die unendlichen Tiefen der Gottheit, erfüllt und durchdrungen von der Fülle ihrer unendlichen Wonnen, singen alle lichtstrahlenden Chöre der Engel, alle zahllosen, durch unauflösliche Liebe verschwisterten Scharen der himmlischen Bürger, in glücklichem Jubel den Lobgesang der glorreichen Dreieinigkeit. Sie schauen sie mit entschleiertem Angesicht, schauen durch die innigste Vereinigung mit ihr alle Dinge in ihrem Ursprung, schauen alle tief verborgenen, unerschöpflichen Geheimnisse der unerschaffenen Gottheit in ewig neuer Seligkeit, und werden, in ihrem Licht umgewandelt, heilig, glorreich, glückselig durch Gottes eigene Glückseligkeit, und keinen anderen Willen, kein anderes Verlangen, keine andere Liebe, als ihn, den unendlich geliebten Urheber ihrer Seligkeit.

 

3. Nur im Schatten und aus tiefer Ferne sieht die Seele dies glorreiche Ziel ihrer Pilgrimschaft, das hoch über allen sterblichen Worten steht. So unendlich ist der Preis dieses Ziels, dass unser geliebter Heiland es durch sein Blut erkaufte. Und litten wir ganze Jahrhunderte alle vereinten Martern der heiligen Blutzeugen, so wäre dies dennoch nichts gegen diese unermessliche Glorie. Und was fordert unser Gott von uns? Ein reuiges und zerknirschtes Herz, Reinheit des Lebens, Geduld in vorübergehenden Leiden, und Werke des Glaubens und der Liebe. Können wir je zu viel tun, diese unendliche Glückseligkeit zu erlangen? "Nein, wir verkündigen, wie es in der Schrift heißt, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben." (1. Korinther 2,9)

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Betrachtung am 29. April - Die heilige Katharina von Siena

 

Gleich der reinen Lilie blüht

Das jungfräuliche Gemüt,

Das dem Himmel sich geweiht,

Und sich an die Engel reiht.

 

1. Gott geheiligte Jungfrauen sind wie schneeige Lilien im Garten Gottes. Sie stehen gleich den geistigen Engeln, und haben vor ihnen das Verdienst starkmütiger Siege über Fleisch und Blut und Satans feurige Pfeile. Die Heilige Schrift nennt sie "die Erstlinge der Menschen, die ein neues Lied singen vor Gottes Thron, und dem Lamm folgen, wohin immer es geht." (Offenbarung 14) Und allerdings gebührt jungfräulichen Seelen, die alle Eitelkeiten und Lüste dieser Welt mit Füßen treten, und Gott durch ein heiliges Gelübde sich zum Opfer bringen, vorzügliche Ehre, zumal da ihre klösterliche Jungfräulichkeit meist von Demut, Abtötung, Gehorsam, Liebe und allen Tugenden des Evangeliums geschmückt ist.

 

2. Zu den glorreichsten Zierden dieser heiligen Jungfrauen gehört die heilige Katharina von Siena. Früh von der himmlischen Schönheit der Gnade angezogen, weihte sie bereits in ihrem siebenten Lebensjahr dem Herrn sich als ewige Jungfrau, und hatte, ihr Gelübde zu erfüllen, schwere Kämpfe sowohl mit ihren Eltern, als mit den heftigsten Anfechtungen Satans zu bestehen. Aber in unerschütterlicher Treue zu ihrem himmlischen Bräutigam besiegte sie Eltern, sich selbst und den bösen Geist. Dabei übte sie Bußwerke, die Erstaunen, ja Schauder erregen. Ebenso wunderbar jedoch waren auch die außerordentlichen Gnaden, mit denen der himmlische Bräutigam dies Brandopfer seiner göttlichen Liebe begnadete, und sie zur innigsten Vereinigung mit sich erhob.

 

3. Üben wir doch in unseren Sünden die Buße, die die Heiligen in ihrer Unschuld übten. Wenige sind unter den tausendmal Tausenden jungen Männern und jungen Frauen zum erhabenen Stand der Jungfräulichkeit berufen. Und dennoch ist die Welt so verkehrt, dass sie alsbald ein Geschrei erhebt, wenn eine von Gottes Gnade angezogene Seele diesem himmlischen Beruf folgt, als wäre sie ein unglückseliges Opfer. Gibt es nicht selbst in der Welt vielfältige Verhältnisse, die den Menschen zu einem ehelosen Leben verpflichten? Sind aber nicht alle, die auf das ewige Leben Anspruch erheben, zu standesmäßiger Keuschheit verpflichtet? Oder empfing die Welt ein anderes Evangelium, als gottgeweihte Personen? Wahrlich, nur die sich Gewalt antun, reißen das Himmelreich an sich! "Strebt voll Eifer nach Frieden mit allen und nach der Heiligung, ohne die keiner den Herrn sehen wird." (Hebräer 12,14)

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Betrachtung am 30. April - Vom Eifer im Dienst Gottes

 

Gib mir, Herr, mein höchstes Gut,

Dass des Heil`gen Geistes Glut

Als ein Opfer deiner Ehre

Mich durchflamme und verzehre.

 

1. Wollen wir eifrig im Dienst unseres Gottes sein. Dazu drängt uns Dankbarkeit und Liebe. Je länger wir leben, um so mehr nehmen seine Wohltaten zu: sollen also nicht im gleichen Verhältnis unsere Dankbarkeit und unser Eifer zunehmen? Alle Augenblicke unseres Lebens sind von seinen Wohltaten begleitet. Jeden einzelnen Augenblick also sollten wir ihm danken und mit Eifer dienen. Betrachtest du alle Gaben und Gnaden, die du aus seiner Hand empfangen hast, alle Übel, aus denen er dich gerettet, alle Gefahren, vor denen er dich beschützt hat: bekennen musst du dann, dass du außer Stande bist, deine Schuld jemals zu bezahlen. Wie also sind wir so träge, ihm nicht wenigstens zu bezahlen, was wir vermögen?

 

2. Ein wundersamer Antrieb zu diesem heiligen Eifer ist die Liebe unseres geliebten Heilandes zu uns. Nichts unterließ, nichts schonte er, seine Liebe uns zu bezeigen. Dies war sein Gedanke vom ersten bis zum letzten Augenblick seines menschlichen Lebens. Ruhe, Freude, Ehre, Blut und Leben brachte er uns zum Opfer. Um weit geringeren Preis konnte er unser Heil erwirken, eine Träne, eine Bitte an seinen himmlischen Vater genügte dazu. Doch genügte sie nicht dem Übermaß seiner eifrigen Liebe. Und wir? Wir klagen über das kleinste Opfer! Wie schmählich ist unser Undank, unsere Feigherzigkeit?

 

3. Selbst unser eigener Gewinn sollte zu diesem heiligen Eifer uns anregen. Denn eifrige Seelen fühlen die Mühe der Arbeit nicht. Sie gehen nicht, sie fliegen auf den Wegen des Heils. Nicht nur leicht wird ihnen alles, sie tun auch alles mit Lust. Groß ist ihr Verdienst sogar, wenn sie ruhen. So ermutige dich denn, erwecke dich selbst, und blicke zum Himmel empor, wo Jesus und mit ihm alle eifrigen Seelen in der Glorie des himmlischen Vaters herrschen: damit von dort ein Strahl des Heiligen Geistes dein Herz entzünde, und dies heilige Feuer unauslöschlich in deinem Herzen brenne. Psalm 105,4-5: "Fragt nach dem Herrn und seiner Macht; sucht sein Antlitz allezeit! Denkt an die Wunder, die er getan hat, an seine Zeichen und die Beschlüsse aus seinem Mund."

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Betrachtung am 1. Mai - Von Wegen, die zum innerlichen Frieden führen

 

Friede ist des Sieges Frucht.

Kämpfst nicht tapfer du hienieden,

Kommst du nimmermehr zum Frieden.

Du bist hier in Feindes Land;

Gib das Schwert nicht aus der Hand.

 

1. Viele täuschen sich selbst. Sie erkennen die Seligkeit des innerlichen Seelenfriedens, und gern auch möchten sie ihn besitzen, aber der Friede ist eine Frucht des Sieges, und sie scheuen den Kampf, ohne den es keinen Frieden gibt. Das Ungeheuer, das auf dem ersten Weg zum innerlichen Frieden lauert, ist die Sünde, die unversöhnlichste Feindin des Friedens. Nie und nimmer können die Sünde und der Friede in einem Gewissen zusammen wohnen. Das Gewissen, in dem die Sünde herrscht, ist ein stürmisches Meer, wo Winde und Wellen toben, Angst und Schauder wohnen. Denn, spricht die Schrift: "Wer böte dem Herrn Trotz und bliebe heil?" (Ijob 9,4b) 

 

2. Die zweiten Furien, die auf dem Weg zum wahren Frieden lauern, sind die Leidenschaften, die ohne Unterlass zur Sünde reizen. Jede Leidenschaft ist eine Feindin des Friedens, weil sie eine Feindin der Ordnung und folglich der Ruhe ist. Soll also die Ruhe in einer Seele herrschen, so müssen diese Feindinnen notwendig früher bekämpft, überwunden und unterworfen werden. Dies ist ein harter, langwieriger, aber ein unerlässlicher Kampf. Doch verzage darum nicht, denn die Kraft des Allmächtigen selbst wird deinen Willen stärken. Auch wiegt der selige Friede überreichlich alle Mühsale des Kampfes auf. Wer hier nicht männlich kämpft, der wird nie zum Frieden gelangen, sondern beständig ein Sklave dieser furchtbaren Tyranninnen bleiben. 

 

3. Der dritte Weg, der nach diesen Siegen zum innerlichen Frieden hilft, ist die gänzliche Gleichförmigkeit unseres Willens mit dem göttlichen Willen, wodurch unsere Seele nicht nur die Sünde und alle Untreue gegen die Gnade vermeidet, sondern auch diesem allerhöchsten Willen ihres Schöpfers so vollkommen sich ergibt, dass er die Richtschnur aller ihrer Gedanken und Begierden wird, so dass sie nichts will, oder nicht will, außer was dieser göttliche Wille verlangt oder verbietet. Wen die wahre Gottesliebe bis dahin führte, der beginnt die süßesten Früchte des Friedens zu kosten. Dies ist der Quell und die einzige Grundveste des wahren Friedens. "Lasst uns also nach dem streben, was zum Frieden beiträgt." (Römer 14,19)

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Betrachtung am 2. Mai - Vom innerlichen Frieden

 

Wie selig ist hienieden

Das Herz, das friedlich ruht.

Es sieht in seinem Frieden

Getrost der Stürme Wut;

Denn wie auf hohem Felsenturm

Reicht nimmer bis zu ihm der Sturm.

 

1. Willst du in diesem Leben so glücklich sein, als der Stand deiner Pilgerschaft es gestattet, so strebe jenen Dingen nach, die des Friedens sind. Der Friede einer Seele, die in der Gnade ihres Gottes lebt, ist ein Unterpfand des himmlischen Friedens. Muss sie auch mit dem Apostel sagen, sie sei darum nicht gerechtfertigt, so gibt doch ihr Gewissen ihr so trostreiches Zeugnis, dass sie, wenn Gott aus dem Leben sie abriefe, mit Vertrauen vor ihm erscheinen würde. Denn eine solche Seele ist überaus wachsam, nichts zu tun, das ihm missfallen würde, und seiner Gnade mit aller Treue zu entsprechen.

 

2. Zu diesem seligen Frieden zu gelangen, entferne alle Hindernisse. Bist du in Zweifeln, so suche Einsicht darüber, klagt dein Gewissen dich an, so entferne die Ursachen dieser Vorwürfe, damit die Wogen dieser innerlichen Unruhen still werden. Dann wird der Trost des Heiligen Geistes in dein Herz einkehren, ruhen werden deine Leidenschaften. Und du wirst ein Besitz Gottes sein, der seine Wohnstätte nur in einem friedlichen Gewissen nimmt. Durch diesen Frieden wirst du so unerschütterlich werden, dass weder zeitlicher Verlust und Schaden, noch körperliche Leiden, noch was immer anderes dich tief betrüben wird. Ja mit großer Freude wirst du auch alle Arbeiten deines Berufes vollbringen.

 

3. Wie wunderbar ist eine Seele, die in diesem Frieden begründet ist. Sie ist beinahe den Engeln des Friedens gleich. Denn dies ist "jener Friede Gottes, der allen Sinn übersteigt!" Innig ist sie mit Gott vereint, und nimmt gleichsam Anteil an seinen Eigenschaften. Denn immer ist sie sich selbst gleich, immer, ob auch unter vielfältigen Geschäften und Sorgen, ohne Verwirrung, liebevoll bereitwillig, hilfreich gegenüber dem Nächsten, und wird über seine Fehler nicht zornig, denn ihr Friede ist in Gott gegründet, und hängt nicht von äußerlichen Dingen ab. Selig, und abermals selig die Seele, die zu diesem Frieden sich erhoben hat. Dies ist jene kostbare Perle, die zu erwerben der Mensch nicht zu viel gibt, wenn er sie auch um seinen ganzen Besitz kauft. Kolosser 3,15a: "In eurem Herzen herrsche der Friede Christi; dazu seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes. Seid dankbar!"

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Betrachtung am 3. Mai - Am Fest der heiligen Apostel Philippus und Jakobus

 

Deine tiefe Weisheit, Jesus, wählte

Schwache Jünger zu dem stärksten Werke.

Doch du warst im Innern ihre Stärke;

Und dein Geist War`s, welcher sie beseelte.

Sie predigten dein Reich mit Eifersglut;

Und siegelten dein Zeugnis durch ihr Blut.

 

1. Betrachte den schnellen Gehorsam dieser beiden heiligen Apostel. "Folgt mir!" sprach Jesus zu ihnen. Dies genügte. Sie gehorchten unverzüglich, ohne sich lange zu besinnen, verlassen alles und folgen dem Herrn. Diesen schnellen und liebevollen Gehorsam aber belohnte Jesus dadurch, dass er sie zu Säulen seiner Kirche erhob. Immer erwählt seine göttliche Weisheit einfache Seelen, die seinem Willen schnell und in Demut gehorchen, große Dinge in seiner Kirche zu wirken, und verwirft die, durch Wissenschaft aufgedunsenen Stolzen. Hättest du selbst seinen Anordnungen und Einflößungen schnell und in Liebe gehorcht: wie weit anders stände es nun um dich. Demütige dich also zu den Füßen deines Herrn, und sei wenigstens von nun an getreu.

 

2. Durchdrungen von den himmlischen Lehren ihres göttlichen Meisters und voll des Heiligen Geistes arbeiteten beide heiligen Apostel mit unüberwindlichem Eifer an der Verbreitung des Reiches Gottes. Philippus predigte das Evangelium in Scythien, und unterwarf beinahe jene ganze Nation dem Glauben. Jakobus hingegen leuchtete durch strenge Enthaltsamkeit und wunderbare Heiligkeit als ein Licht des Herrn in Judäa, lenkte als Bischof von Jerusalem bis in sein höchstes Alter die Herde des Herrn daselbst, und führte diejenigen aus Israel, die der heiligen Wahrheit nicht widerstrebten, aus dem Schatten des Todes in das Licht Jesu Christi. Ahmen wir diesen Eifer der heiligen Apostel in unserem Wirkungskreis nach, denn viele Sekten können wir durch Worte zur rechten Zeit und durch Beispiele unserer Frömmigkeit dem Herrn gewinnen. 

 

3. Endlich wurden die heldenmütigen Arbeiten und die heilige Treue dieser großen Apostel durch die Marterpalme gekrönt. Beide besiegelten das Zeugnis Jesu Christi mit ihrem Blut. Jakobus wurde von den Zinnen des Tempels hinabgestürzt und unten erschlagen. Philippus aber vollendete sein Leben zu Hierapolis, gleich seinem göttlichen Herrn, am Kreuz. Also flogen diese glorreichen Heiligen in die himmlischen Freuden auf. Seligpreisen sie nun die zahllosen Arbeiten, Leiden und Drangsale, durch die sie zu dieser großen Herrlichkeit gelangten. Wir aber möchten die Glorie des Himmels umsonst erlangen. Doch so ist es nicht. 2. Timotheus 2,5: "Und wer an einem Wettkampf teilnimmt, erhält den Siegeskranz nur, wenn er nach den Regeln kämpft."

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Betrachtung am 4. Mai - Zur Kreuzerhöhung

 

Ein Wunderbalsam quillt vom Kreuzesstamm,

Zu heilen, meine Seele, deine Wunden;

Für dich vergießt sein Blut dort Gottes Lamm.

Blick auf zu ihm, und schnell wirst du gesunden.

 

1. Johannes 3,14-15: "Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, in ihm das ewige Leben hat." In diesen Worten spricht unser göttlicher Erlöser das große Geheimnis seines Kreuzes aus. Für alle hing jene eherne Schlange an einem Kreuz. Sie hatte keine Schuld, kein Gift, ja sie war auch keine wahre Schlange, sondern sie war im heftigsten Feuer aus Erz gegossen worden. Also hatte auch Jesus keine Schuld, keine Sünde, ja er war auch kein Sünder, sondern das Feuer seiner göttlichen Liebe bewog ihn, die Gestalt eines Sünders anzunehmen. Wer wird diese unermessliche Liebe je erfassen?

 

2. Die eherne Schlange wurde an das Kreuz gehenkt, damit durch ihren Anblick diejenigen geheilt würden, die von giftigen Schlangen gebissen worden waren. Ebenso hing unser liebevoller Erlöser am Kreuz, damit wir, die wir von der "alten Schlange" gebissen worden waren, durch ihn geheilt würden. So sinke denn nieder zu den Füßen des Kreuzes und flehe deinen Heiland um Heilung von deinen Wunden an. Es gibt keine kräftigere Arznei gegen deine schwersten Krankheiten, als der Anblick und die Beherzigung der namenlosen Schmerzen, der tiefsten Schmach und des bittersten Todes, die er um deinetwillen am Kreuz erlitten hat.

 

3. Mose erhöhte die eherne Schlange in der Wüste auf einer hohen Stange, damit alles Volk sie schauen, und geheilt werden könnte. Auch das Kreuz, woran Jesus hing, stand auf der Höhe des Berges, und er selbst nennt seine Kreuzigung, keine Schmach, sondern eine Erhöhung. "Der Menschensohn muss erhöht werden!" Erhöht wollte er werden am Kreuz, damit alle ihn schauen könnten, und niemand an seinem Tod zweifelt. Durch diese Erhöhung aber erhöhte er uns, denn er starb "auf dass jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern das ewige Leben habe". Preis und Anbetung sei dir, Herr! "Du hast uns mit deinem Blut Gott für Gott erworben aus allen Stämmen und Sprachen, aus allen Nationen und Völkern." (Offenbarung 5,9)

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Betrachtung am 5. Mai - Nochmals zur Kreuzerhöhung

 

Erhöht bist, Jesus, du zum Zeichen

Wo sich zu aller Zeit die deinen

In Liebe treu um dich vereinen.

Hier müssen Tod und Satan weichen,

Denn du, Herr, stürztest ihre Macht,

Als siegreich du das Heil vollbracht.

 

1. Betrachte die unaussprechliche Liebe Jesu zu uns, der gleich der ehernen Schlange am Kreuz sich erhöhen lässt. "Des Menschen Sohn" - spricht er - "muss erhöht werden!" Warum, Herr? "Auf dass jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern das ewige Leben habe!" Welchen Schaden, o gütigster Jesus, littest du je, wenn wir auch alle verloren gingen? Wärst du darum weniger unendlich glückselig? Und dennoch willst du unser Heil um deinen Tod erkaufen, als brächte es dir unendlichen Gewinn. Würdest du sagen, du müsstest am Kreuz sterben, weil auch wir alle daran sterben müssten, so wäre noch immer ein unendlicher Unterschied zwischen dir, dem Sohn Gottes, und uns Sündern, und wir selbst würden auf solche Weise noch um geringen Preis von den ewigen Höllenstrafen frei. So aber stirbst du für uns, damit nicht wir sterben müssen, sondern ewiges Leben haben.

 

2. Abgrundtief, Herr, ist die Weisheit deiner göttlichen Liebe. Du lehrst uns: "Seid klug wie die Schlangen!" Du selbst aber tust das Gegenteil. Denn die Klugheit der Schlange besteht darin, dass sie lieber ihren ganzen Leib preisgibt, als ihr Haupt verwunden zu lassen. Du hingegen, unser Haupt, gibst dem Tod dich preis, damit wir, die Glieder deines Leibes, am Leben erhalten werden. Wahrlich, unendlich höher denn alle Vernunft steht deine göttliche Liebe. Wie mächtig soll diese Liebe zu ewigen Danksagungen dem gegenüber uns entflammen, der sich selbst für uns hingibt, das ewige Leben uns zu erwerben.

 

3. Schließlich richtete Mose die eherne Schlange in der Wüste auf. War aber nicht Kalvaria eine schauderhafte Wüste, wo unser Jesus von seinen Aposteln, von den Engeln, ja von seinem himmlischen Vater selbst verlassen war, wo er nichts als das Zischen der gotteslästerlichen Schlangen hörte? Und, o wäre doch die Verlassenheit dieser Wüste nun zu Ende. Aber wie viele wenden sich auch jetzt noch unter schweren Gotteslästerungen von ihm ab. Ersetzen wir diese Lästerungen durch die feurigste Liebe und die heiligste Treue. "Amen, Lob und Herrlichkeit, Weisheit und Dank, Ehre und Macht und Stärke unserem Gott in alle Ewigkeit. Amen." (Offenbarung 7,12)

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Betrachtung am 6. Mai - Von der Treue zu Jesus

 

Könnte auch in Treue Blut und Leben,

Jesus, ich dir zur Vergeltung geben:

Ewig bliebe die Vergeltung schlecht;

Denn du bist der Herr, ich nur ein Knecht.

 

1. "Ein treuer Freund ist wie ein festes Zelt; wer einen solchen findet, hat einen Schatz gefunden. Für einen treuen Freund gibt es keinen Preis, nichts wiegt seinen Wert auf. Das Leben ist geborgen bei einem treuen Freund, ihn findet, wer Gott fürchtet." spricht die Schrift. (Jesus Sirach 6,14-16) Dieser Freund ist Jesus, der die wunderbarste Treue uns erzeigte, unser Wohl mit Aufopferung seines Wohls sicherte, keine Mühe, keine Arbeit, kein Leiden scheute, uns Gutes zu erweisen, ja der sogar sein blühendes Leben opferte, ein unsterbliches Leben uns zu erwerben. Und noch immer beobachtet er diese höchste Treue zu uns. Getreu ist er in allen seinen Verheißungen. Getreu, eine ewige Wohnung im Haus seines himmlischen Vaters uns zu bereiten. Kann je die Treue des geprüftesten Freundes weiter gehen, als diese Treue von Jesus uns gegenüber?

 

2. Erwäge diese wunderbare Treue Jesu, der so große Freundschaft uns keineswegs schuldig war, sondern in unermesslicher Liebe und zuvorkam. Schenkte er uns aber eine so große Treue, dass keine größere möglich ist: wie groß soll wohl unsere Treue ihm gegenüber sein? Denn ist auch Jesus unser Freund, so ist er doch zugleich auch unser allerhöchster Herr. Und sind wir ihm schon als Knechte Treue schuldig: mit welcher Treue werden wir seine Freundestreue vergelten? Auf alle Weise wären wir diese Treue ihm bis an das Ende unseres Lebens, auch ohne weitere Vergeltung, schuldig. Doch so unendlich ist seine Güte, dass er diejenigen, die ihm Treue erweisen, als seine guten und getreuen Knechte in die ewige Freude ihres Herrn eingehen heißt.

 

3. Ach, mein Heiland, Schamröte bedeckt mein Angesicht, wenn ich deine göttliche Treue mir gegenüber, und dagegen meine Untreue dir gegenüber, meinen liebreichsten Freund, meinen göttlichen Herrn, betrachte. Ach, untreu war ich gegen deine Gebote, die ich übertrat, untreu gegen deine Eingebungen und Gnaden, denen ich nicht entsprach, untreu in den Verheißungen, die ich dir gegeben und nicht gehalten habe, untreu in deinem heiligen Dienst und in den Pflichten, die deine göttliche Vorsehung mir vorgezeichnet hat. Ach, erbarme dich meiner, Herr, und entziehe mir deine Gnade nicht. Sieh, ernstlich gelobe ich dir, mein ganzes Leben dir in heiliger Treue zu dienen. "Sei getreu bis in den Tod, und ich werde dir die Krone des Lebens geben!" (Offenbarung 2,10)

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Betrachtung am 7. Mai - Von der Armut

 

Alle Güter dieser Erde

Sind nur Sorgen und Beschwerde:

Gott nur ist das wahre Gut,

Worin sanft die Seele ruht.

 

1. Niemals wird das Wort Gottes tiefer Wurzel im Erdreich unseres Herzens greifen, und reife Früchte des Lebens bringen, wenn wir es nicht von Dornen reinigen. Diese Dornen sind die Begierden nach Reichtum. Die Hand aber, die diese Dornen entreißt, ist die Armut im Geist. So lange ein Herz voll irdischer Begierden ist, kann die Liebe Gottes nicht in dieses Herz eingehen. "Die Frömmigkeit bringt in der Tat reichen Gewinn, wenn man nur genügsam ist." spricht der Apostel (1. Timotheus 6,6). Wenig genügt der Notdurft, nichts aber genügt der Habsucht. Daher auch behilft ein schlichter, frommer, aber dürftiger Mensch sich mit Wenigem, die Habgier aber wird nie satt. 

 

2. Die Reichen dieser Welt sind gewöhnlich solche, denen es an allem fehlt. Weder haben sie Glauben, Hoffnung noch Liebe. Weder Sanftmut, Geduld noch Barmherzigkeit. Weder Trost, Freude noch Ruhe. Und dennoch denken sie, dass sie reich sind. Zu einem solchen Reichen spricht der Herr: "Du behauptest: Ich bin reich und wohlhabend, und nichts fehlt mir. Du weißt aber nicht, dass gerade du elend und erbärmlich bist, arm, blind und nackt." (Offenbarung 3,17) Sehr arm ist, wer Gottes Gnade nicht in seinem Herzen besitzt. Aber unendlich reich ist, wer den Frieden Gottes besitzt. Der Gerechte seufzt in seinem Überfluss, denn er fürchtet die Rechenschaft. Der Sünder aber ist blind, und giert nach Dingen, die ihm Verderben bringen. 

 

3. Ach, mein Erlöser, in wie grellem Widerspruch steht mein Leben mit dem deinigen. Reich warst du, und bist arm geworden. Alles hattest du, und an allem fehlte es dir. Ich aber giere reich zu werden, und will an nichts Mangel leiden. Niemand wurde je ärmer geboren, niemand lebte, niemand starb ärmer denn du. Ich dagegen schäme mich arm zu sein, und preise glückselig die Reichen. Wie darf ich deinen Gläubigen mich beizählen, da ich als glückselig jene betrachte, über die du ein furchtbares Wehe aussprachst, und für elend diejenigen halte, die du selig nennst. Tobit 4,21: "Hab also keine Angst, mein Sohn, weil wir verarmt sind. Du hast ein großes Vermögen, wenn du nur Gott fürchtest, alle Sünden meidest und das tust, was ihm gefällt."

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Betrachtung am 8. Mai - Von der Gleichförmigkeit mit dem göttlichen Willen

 

Herr, mein Gott, aus allen Trieben

Sucht mein Herz dich Tag und Nacht.

Dich nur will getreu es lieben,

Der du es für dich gemacht.

Was verlangst du, Herr? Befiehl!

Denn dein Wille ist mein Ziel.

 

1. Wie unaussprechlich ist die heilige Freude eines Herzens, das seine Glückseligkeit in ihrem Urquell, in Gott allein sucht, und mit seinem heiligsten, ewig anzubetenden Willen sich vereinigt. Wahrlich, wer mit dem Willen seines Gottes wahrhaft und vollkommen vereint ist, der hat den seligen Frieden gefunden. Er ist frei von ängstlichen Sorgen und Unruhen, und ängstigt sich nicht wegen der Zukunft. Sein Vertrauen ruht unerschütterlich auf Gott. Er ist nur besorgt, seinen heiligsten Willen getreu zu vollbringen. Denn er weiß, dass Gott mit zarter Liebe die Seelen liebt, die ihn lieben, und über sie wie über seine Augäpfel wacht.

 

2. Selig und abermals selig die Seele, die in allen Ereignissen ihrer Pilgerschaft mit dem göttlichen Willen übereinstimmt. Ihr Friede ist unerschütterlich, ob sie gesund oder krank, im Licht oder in der Finsternis, in Freude oder in Schmerzen, in Trost oder in Drangsalen, in Frieden oder in Kämpfen und Verfolgungen, in voller Kraft oder auf dem Totenbett ist, denn sie trägt das Paradies in ihrem Herzen. Und wie wütend auch die Stürme toben und die Wogen sich erheben, sie schläft friedlich mit Jesus im Schifflein. Was auch könnte ihr Inneres beunruhigen? Ihr Herz hängt an nichts Erschaffenem, nichts ist ihr die Welt, denn ganz hat sie ihren Willen in den liebevollen Willen ihres Schöpfers ergossen. 

 

3. Wann, ach wann werden wir in diesen Hafen der wahren Glückseligkeit gelangen? O mein Gott und alles, löse mein Herz von allen Geschöpfen, erleuchte mich durch dein innerliches Licht, und leite mich durch deine gütige und unendlich weise Vorsehung, dass ich deinen heiligsten Willen in allen Dingen erkenne, und ohne Menschenfurcht, ohne Schonung gegen mich selbst in aller Treue vollbringe. O fege alle fremden Gedanken und Begierden aus diesem Herzen, was du für dich erschaffen hast, und lass mich dir gänzlich angehören. Denn dir allein will ich leben, dich allein will ich lieben, und dein im Leben und im Tod sein. "Mein Geliebter ist mein und ich bin sein, der unter Lilien weidet, bis der Tag anbricht und die Schatten sich neigen." (Hohelied 2,16-17)

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Betrachtung am 9. Mai - Jesus der gute Hirt

 

Sieh, über seine lieben Schäflein wacht

Der gute Hirt mit Sorgfalt Tag und Nacht.

Zur Weide hat er ihnen sich gegeben.

Und stirbt, damit durch ihn sie ewig leben.

 

1. Höre die liebevolle Stimme deines Herrn: "Ich bin der gute Hirt, und erkenne meine Schafe!" O göttlicher Hirt, wie unbeschreiblich groß ist deine Güte. Mit wie unendlicher Liebe sorgtest du zu jeder Zeit in Arbeit und Plagen, in Hunger und Ermüdung für das Wohl deiner geliebten Schafe. Bei Tag weidest du sie durch himmlische Lehren und Wohltaten. Bei Nacht aber wich der Schlaf von deinen Augen, und du wachtest, deinem ewigen Vater sie in feurigem Gebet zu empfehlen. Durch deine Wunden heiltest, durch deine Demut erhöhtest, durch deine Bande befreitest, durch deine Armut bereichertest du sie, und durch deinen Tod machtest du sie unsterblich.

 

2. O unaussprechliche Liebe unseres Hirten. Welcher Hirt liebt seine Schafe je so sehr, dass er nicht oft von ihrem Fleisch sich nährte, und sein eigenes Leben durch ihren Tod erhielte? Du aber, o barmherziger Hirt, der du erkanntest, dass deine Schafe verschmachten würden, wenn sie nicht von deinem Fleisch und Blut sich nährten, ließest selbst auf dem Altar des Kreuzes dich schlachten, durch die Speise deines heiligsten Fronleichnams uns, deine Schafe, zum unsterblichen Leben zu ernähren. Nicht gleich irdischen Hirten sorgtest du durch deine Herde für dich selbst, sondern uns galten alle deine Mühen, deine Leiden, dein Tod, nichts achtetest du zu viel, das du uns nicht geopfert hättest.

 

3. Wie glücklich sind wir, unter der Fürsorge eines solchen Hirten zu leben. Denn nicht nur als er auf Erden lebte, war Jesus der Hirt seiner Schafe. Er ist ein ewiger Hirt, er kennt alle Schafe seiner Herde, und ruft jedes bei seinem Namen. Er ist ein allmächtiger, allwissender und unendlich barmherziger Hirt, der deine Bedürfnisse, deine Krankheiten, deine Liebe zu ihm kennt. Und herrscht anders die Sanftmut und Gelehrigkeit seiner Schafe in deinen Sitten, so wird er dich lieben und in großer Barmherzigkeit für dich sorgen, bis er mit seiner geliebten Herde auf die Weide des himmlischen Paradieses dich führen wird. Jeremia 31,3: "Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt, darum habe ich aus Barmherzigkeit dich zu mir angezogen."

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Betrachtung am 10. Mai - Hingabe an Gott

 

Dir, mein Gott, nur will ich leben,

Der du mich mir selbst gegeben,

Und von früher Kindheit an

Mich beschützt auf meiner Bahn.

 

1. Überlass dich Gottes liebevoller Führung mit unbedingtem Vertrauen, denn gewiss ist es, dass nichts in dieser Welt geschieht ohne seine bestimmte Anordnung oder seine besondere Zulassung. Alles aber ordnet seine Vorsehung so, dass es, wofern anders nicht wir selbst Hindernisse legen, zu seiner Verherrlichung und zu unserer Heiligung führt. Unendlich besser denn wir selbst weiß er, was uns frommt. Genau kennt er unsere Natur, unsere Neigungen, unsere Bedürfnisse, unsere Schwäche. Und nach dieser Erkenntnis leitet er auch alles zu unserem Besten, wofern wir nur ihn schalten lassen. Oft sogar führt er durch Mittel zum Heil, die nach unserer menschlichen Kurzsichtigkeit zum Untergang zu führen scheinen. Zeugen dessen sind der ägyptische Joseph, Daniel in der Löwengrube, und zahllose andere.

 

2. Jedem einzelnen Menschen hat Gottes Weisheit seinen besonderen und persönlichen Weg vorgezeichnet, auf dem sie ihn zum Himmel führen will. Dieser Weg besteht aus einer Verkettung vielfältiger Ereignisse, Verhältnisse, Einflößungen und Gnaden, die niemand unterbricht, ohne die Ordnung der Vorsehung zu stören, die allein diesen Weg kennt, und auch allein darauf zum Ziel führen kann. So ergeben wir uns denn gänzlich in seine göttliche Güte, denn wie könnte er je eine Seele verlassen, die seinen Vaterhänden mit unbedingtem Vertrauen sich hingibt.

 

3. Wie oft auch haben wir selbst im Verlauf unseres Lebens dies auf die deutlichste Weise erfahren. Wie wundersam waren oft die Führungen der göttlichen Vorsehung bei uns. Wie viele Züge einer besonderen Barmherzigkeit, wie viele Wunder einer ganz besonderen Fügung geschahen für uns und an uns. Wie also wäre es noch möglich, an dieser barmherzigen Vorsehung zu zweifeln, nach allem, was du, unser Gott, für uns getan hast. Und wie viele deiner Erbarmungen, die noch wunderbarer sind, sind uns bis zur Stunde noch verborgen, bei deren Anblick wir jenseits erst deiner Barmherzigkeit lobsingen werden. Dir also, mein Gott, übergebe ich mich. Schalte mit mir nach deinem göttlichen Wohlgefallen. Psalm 27,1: "Der Herr ist mein Licht und mein Heil: wen soll ich fürchten? Der Herr ist der Beschützer meines Lebens: vor wem soll ich zittern?"

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Betrachtung am 11. Mai - Himmlische Begierden,

Blüten und Vorzeichen der Gnade

 

Sieh, es sprosst aus edler Blüte

Lieblich auf die edle Frucht.

Also sprosst aus dem Gemüte,

Von der Gnade heimgesucht,

Bald aus der Begierden Flor

Holder Tugend Frucht hervor.

 

1. Wenn in deinem Herzen lebendige Begierden nach der wahren Gottseligkeit erwachen, dann preise den Herrn, und erkenne mit dankbarem Gemüt den Tag deiner Heimsuchung. Denn diese Begierden sind ein Anhauch des Heiligen Geistes, der dich erleuchtet, die Güter des ewigen Heils zu schauen, und dein Verlangen wirksam danach zu erwecken. Darum werden heilige Begierden füglich den Blüten verglichen, denn gleichwie die Blüte der Frucht vorangeht, also sind fromme Begierden Vorzeichen einer künftigen Fülle himmlischer Gaben.

 

2. Dies heilige Verlangen ist gar sehr von dem Halbwillen verschieden, der immer möchte und niemals ernsthaft will. Denn es spricht die Schrift: "Der Anfang der Weisheit ist das wahrhaftigste Verlangen nach der Zucht" (Weisheit 6,17.18), nämlich nach der Besserung oder nach der Vollkommenheit des Lebens. Denn es gibt auch ein falsches Verlangen, und von welcher Art es ist, lesen wir in der Schrift: "Begierden töten den Faulen, denn zu arbeiten weigern sich seine Hände." (Sprichwörter 21,25) Es verlangt ihn zwar nach seiner Bekehrung, nach seiner Heiligung, aber so, dass er keiner Arbeit sich unterziehen will, um zu ihr zu gelangen. Voll solcher Menschen ist die Welt, und es gibt daher auch jenes Sprichwort: "Die Hölle ist voll guter Begierden, der Himmel aber voll guter Werke."

 

3. Himmelweit also von diesem lauen Halbwillen ist das Verlangen einer Seele, die vom Geist Gottes angeregt wird. Denn das eifrige Verlangen geht von der Liebe des Heiligen Geistes, wie die Hitze von dem Feuer aus. Und es verwandelt sich in der Seele, die das Ohr ihres Herzens dieser göttlichen Stimme erschließt, die Begierde in einen festen Willen, ja in einen wahren Hunger um, der keine Arbeit scheut, sich zu sättigen. Deshalb auch nennt der Herr selig diejenigen, die da hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, weil sie werden gesättigt werden. Darum nähre dies heilige Verlangen in dir durch eifriges und inbrünstiges Gebet zum Heiligen Geist, und lass nicht ab, an der Pforte der göttlichen Barmherzigkeit zu pochen, bis er dir wirksam verleiht, wozu er dein Verlangen angeregt hat. Ein Psalm Davids lautet: "Herr, bekehre meine Seele, und führe mich auf die Wege der Gerechtigkeit, um deines Namens willen."

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Betrachtung am 12. Mai - Vom Adel und der hohen Würde der Seele

 

Wie groß, o Seele, ist dein Adel.

Du wiegst die ganze Schöpfung auf.

Sieh, von des Himmels höchsten Zinnen

Kam Gottes Sohn, dich zu gewinnen,

Und gab für dich sein Blut zum Kauf.

Drum, du, der Schöpfung Schmuck und Licht,

Entweihe deinen Adel nicht.

 

1. Erhebe deinen Blick zu dir selbst, und betrachte den glorwürdigen Adel, zu dem dein Schöpfer dich erhoben hat. Sieh, zahllose Menschen erschuf der Allerhöchste, schmückte sie mit mannigfaltiger Schönheit und Herrlichkeit. Dich aber prägt er mit seinem Bild, schuf dich zu einem freien, unsterblichen Wesen. Du allein bist das Auge dieser sichtbaren Schöpfung, dringst in all ihre Tiefen ein, kennst allein deinen Schöpfer. Und deine Liebe kann durch nichts Geringeres als durch seine unerschaffene Urschönheit gesättigt werden. Wie unendlich erhebt dieser Vorzug dich über alle sichtbaren Geschöpfe. Und dennoch ist dieser Vorzug Gerechten und Sündern gemeinsam.

 

2. Erhebe also deinen Blick höher, und preise die unendliche Güte deines Schöpfers. Bist du mit seiner Gnade geschmückt, dann erlischt das Licht der Sonne und aller himmlischen Sterne gegen deinen Glanz. Denn dein Gott selbst hat dann seinen Wohnsitz in deinem Inneren. Und schön wirst du durch seine Schönheit, heilig durch seine Heiligkeit, "teilhaft wirst du der göttlichen Natur". (2. Petrus 1,4) Willst du deinen unendlichen Wert erkennen, so frage den Sohn des lebendigen Gottes. Im Ratschluss Gottes selbst hattest du auf gewisse Weise höheren Wert als sein Blut und sein Leben, da er es hingab, dich dafür zu erkaufen. Der Glaube selbst erschrickt über diesen deinen unendlichen Wert in den Augen des Allerhöchsten.

 

3. Jetzt zwar schmachtest du noch im Gefängnis deines Körpers in Leiden und Mühsalen. Und kaum sichtbar ist dein unsterblicher Glanz unter der dichten Wolke dieses Elends. Aber höre den Jünger der Liebe: "Meine Vielgeliebten, nun zwar sind wir Kinder Gottes; aber noch ist nicht offenbar geworden, was wir sein werden." (1. Johannes 3,2) Denn noch musst du im Pilgergewand deine Aufnahme in das himmlische Vaterland verdienen. Aber warte noch kurze Frist, und du wirst von deinen Banden entfesselt werden, und in der Glorie deines Schöpfers auffliegen, ewig mit ihm zu herrschen. Dies ist der Preis deines Glaubens, deiner Liebe. Dies der Preis des Blutes deines Erlösers. "Erwarte also den Herrn, handle männlich, und lass dein Herz sich erkräftigen, und harre auf den Herrn." 

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Betrachtung am 13. Mai - Rückblick der Seele

 

Traurig blicke ich empor

Zum verschloss`nen Himmelstor.

Aber noch lebt mein Vertrauen,

Dich, o Sion, einst zu schauen;

Und zum schwersten Kampf und Streit

Ist um dich mein Herz bereit.

 

1. Wenn ich, Herr, den Adel meiner Seele betrachte, dann wird mein Geist zu hohem Erstaunen über diese so glorreiche Bestimmung hingerissen, zu der deine unendliche Güte sie, ohne all ihr Verdienst, aus dem Nichts gerufen hat. Wende ich aber den Blick zu mir selbst, und betrachte, was ich aus dieser Seele gemacht, wie ich dein göttliches Bild entstellt habe, dann werde ich von Beschämung und bitterem Schmerz durchdrungen. Wie, mein Gott, könntest du in dieser entehrten, entheiligten, von Aussatz bedeckten Seele noch dein Bild erkennen? Wo ist noch eine Spur deiner Ähnlichkeit? Ach, weinend muss ich mit dem Propheten ausrufen: "Gewichen ist von der Tochter Zion all ihre Pracht." (Klagelieder 1,6)

 

2. Ich sehe auf Kalvaria den unendlichen Kaufpreis, um den dein Eingeborener meine Seele aus der Knechtschaft Satans und vom ewigen Tod erlöste, und zittere. Was werde ich antworten, wenn er Rechenschaft über alles verlangt, was er für sie getan hat? Er entriss sie ihren Todfeinden, wusch sie in seinem Blut rein, und beschenkte sie mit der Freiheit der Kinder Gottes. Und ich unterwarf sie abermals einer schändlichen Knechtschaft, und verunreinigte sie im Schlamm der Sünde. "Wehe dir, erlöste Stadt, die du zum Zorn reizt." ruft der Prophet. Geht dieses Wehe nicht mich selbst an? Muss ich nicht zittern, dass das Blut der Erlösung um Rache schreit gegen mich und dass dein Erbarmen selbst zu meiner Verdammnis sich wenden?

 

3. Erwachen wir doch endlich aus unserem Todesschlaf. Konnte der allerhöchste Gott, unser Schöpfer, je mehr für uns tun, als dass er zu seiner eigenen unsterblichen Seligkeit in der glorreichen Himmelsburg uns berief? Sollen wir also noch länger uns selbst erniedrigen, noch länger von den Täuschungen der Welt uns verführen lassen, noch länger Gefahren uns preisgeben, die so oft uns in die Sünde stürzten? Wo ist unser Glaube? Wo ist unsere Vernunft? Werden etwa sinnliche Lüste, wird aller Glanz und Reichtum der Welt uns entschädigen, wenn wir ewig von Gottes Angesicht verworfen werden? Psalm 119,29: "Halte mich fern vom Weg der Lüge, Herr; begnade mich mit deiner Weisung." 

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Betrachtung am 14. Mai - Von der heiligen Gottesliebe

 

Wie mächtig drängst du, Herr, zu deiner Liebe

Durch Lockung, Drohung, Bitten und Befehle.

Als wäre nicht unselig meine Seele,

Wenn ohne deine Liebe tot sie bliebe.

Erhebe, Herr, denn ihren Flügelschwung,

Denn nur bei dir ist volle Sättigung.

 

1. Sieh, zu seiner Liebe hat dein Gott dich erschaffen. Und er selbst befiehlt dir, ihn zu lieben aus ganzem Herzen, aus ganzem Gemüt, aus ganzer Seele und aus allen deinen Kräften. Billig fordert er diese Liebe über alles, da er der Urheber unseres Daseins und unser Gott ist. Herrschen also muss seine Liebe über jede andere, ja sie muss jede andere verdrängen, die uns abhalten wollte, sein heiliges Gesetz zu erfüllen, und sogar bereit sein, lieber alle Güter dieser Welt, und selbst das Leben, zu opfern, als seine Liebe zu beleidigen.

 

2. Ach, mein Gott, wie innig sehnte sich mein Herz, dich also zu lieben. Doch schwach bin ich und sehr unvollkommen. Dazu auch legen die so vielfältigen Gefahren, Versuchungen, ja auch so viele Verwirrungen und Geschäfte dieses Lebens mir Hindernisse an der vollkommenen Erfüllung dieses ersten und größten Gebotes, so dass ich zittern muss, es nicht zu erfüllen. Tröste dich, es genügt, dass diese heilige Gottesliebe wesentlich in deinem Herzen herrsche, so dass du bereit bist, lieber alles zu opfern, als die Gnade deines Schöpfers zu verlieren, und wenigstens das Verlangen hast, dieses Gebot vollkommen zu erfüllen. Denn Gott aus allen Kräften, unzerstreut, vollkommen und ohne alle Unterbrechung zu lieben, dies ist der Anteil der seligen Himmelsbürger. 

 

3. Ach, mein Trost und meine Glückseligkeit wäre diese Liebe, mein Gott. Aber leider empfinde ich sie nicht in mir. Ach, ich fürchte, dich nicht zu lieben. Anderes ist die Liebe, anderes das liebliche Gefühl, der Trost, die Entzückung der Liebe. Es wurde dir aber nur die Liebe, nicht der Genuss der Liebe befohlen, der nicht von dir abhängt, und den sehr viele Heiligen nur selten empfanden. Habe du die Festigkeit der Liebe, die zu jedem Kampf, zu jedem Leiden, zu jedem Opfer bereit ist, die Sünde zu verhüten, und stelle das Übrige dem Gott aller Güte anheim. "Ich will dich lieben, Herr, meine Stärke." (Psalm 18,2)

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Betrachtung am 15. Mai - Kennzeichen der wahren Gottesliebe

 

Herr, deine Liebe sucht in treuem Glauben

Mein Herz in seinem Pilgerlauf.

Doch sieh, da drängen sich Geschöpfe auf,

Die Liebe dieses Herzens dir zu rauben.

Verscheuche, Herr, ihr lärmendes Gewirre;

Und dulde nicht, dass meine Liebe irre.

 

1. Zweifle nicht ängstlich beklommen, ob die wahre Gottesliebe deinem Herzen innewohne, denn die Geheimnisse Gottes sind ein Abgrund, und selbst die Heiligsten wissen nicht, ob sie des Hasses oder der Liebe würdig sind. (Kohelet 9,1) Wenn du Gott wahrhaft und eifrig zu dienen verlangst, wenn du seiner oft und mit Freuden gedenkst, wenn du die Sünden wahrhaft hasst und sie als das furchtbarste Ungeheuer verabscheust, dann tröste dich und fasse Vertrauen. Denn haben wir auch in diesem Leben keine vollkommene Sicherheit, so gibt es doch keinen deutlicheren Beweis, dass wir Gott wirklich lieben, als die Furcht, ihn nicht zu lieben, und dass wir gleich dem Feuer alles fürchten, was seiner Liebe uns berauben könnte.

 

2. Höre auch den Ausspruch deines Herrn, den er zu deinem Trost sprach: "Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt. Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten." (Johannes 14,21-23) Hältst du also die Gebote deines Herrn, zumal das Lieblingsgebot seines Herzens, das Gebot der Bruderliebe, dann stille deine Unruhe, denn du hast die Versicherung des Herrn für dich. Es spricht der Jünger der Liebe: "Liebe Brüder, wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir einander lieben." (1. Johannes 4,11) Diese Liebe jedoch, ist, so wie die heilige Gottesliebe selbst, wohl von dem Gefühl der Liebe zu unterscheiden, da sie nicht sowohl im Gefühl, als im Willen und in den Werken besteht.

 

3. So sei denn getrost, wenn dein Gewissen dir dieses Zeugnis gibt. Denn wesentlich ist es, dass du Gott liebst, nicht aber, dass du Gewissheit hierüber hast. "Was würdest du tun, wenn du es wüsstest?" sprach die himmlische Stimme zu einer zagenden Seele. So tue es denn, und du wirst wahrhaft lieben. Ohne Vergleich besser ist es, das erkannte Gute zu tun, als zu wissen, dass man es tut. Eine solche Erkenntnis würde oft nur die Eigenliebe herbeirufen, die den Schatz der Liebe deinen Händen entreißen würde. "Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich liebhabe." (Johannes 21,17)

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Betrachtung am 16. Mai - Am Fest des heiligen Johannes von Nepomuk

 

Wie herrlich, o Johannes, ist dein Glanz.

In Gotteswonnen strahlest du entzückt,

Wo in dem Engelchor der Doppelkranz

Der Beichtiger und Märtyrer dich schmückt.

 

1. Durch glänzende Ehre verherrlichte der Allerhöchste seinen Diener Johannes von Nepomuk. Alle Völker der ganzen katholischen Christenheit singen sein Lob, und rufen ihn um seine mächtige Fürsprache bei Gottes Thron an. Von dieser Verherrlichung können wir auf die glänzenden Verdienste dieses großen Himmelsfürsten schließen. Gleich dem heiligen Täufer Johannes, dessen Namen er führte, war er groß vor dem Herrn, und wandelte gleich ihm im Geiste des Elias. Was ist die Ehre der Menschen gegen die Ehre, zu der Gott seine Diener erhebt.

 

2. Entflammt vom apostolischen Liebeseifer, die Seelen dem ewigen Verderben zu entreißen, predigte er die Gerichte Gottes und die Wahrheiten des ewigen Heils mit einer Kraft, die tief in die Herzen eindrang, und Seelen zu Tausenden bekehrte. Sein glänzender Ruf bewog den König, in an den Hof zu berufen. Sein Anblick flößte Ehrfurcht ein, und sein strenges, bußfertiges Leben gab seinen Worten Nachdruck. Nie war er zu bewegen, weder hohe kirchliche Würden, noch Geschenke anzunehmen. Doch übernahm er die geistliche Führung der Königin und das Amt eines Almosenpflegers, womit keine Belohnungen verknüpft waren. Denn Gott genügte ihm. Was aber wird uns je genügen, wenn Gott uns nicht genügt?

 

3. Die fromme Königin nahm unter der Leitung des apostolischen Mannes wundersam an Heiligkeit zu, aber ihr sittsamer Ernst und zumal die Tränen der Zerknirschung nach ihren Beichten reizten den Vorwitz des unheiligen Königs. Er drang in den Gottesmann, die Beicht seiner Gemahlin ihm zu offenbaren. Johannes erklärte ihm, er werde lieber den Tod erleiden, als das heilige Beichtsiegel brechen. Da nun der König durchaus nichts über ihn vermochte, ließ er nach mancherlei vergeblichen Peinigungen ihn schließlich abends in die Moldau werfen. Aber Gott verherrlichte seinen Märtyrer durch einen leuchtenden Glanz, und durch Heilungen von Krankheiten aller Art, die bei seinem aufgefundenen Leichnam gewirkt wurden. Wie mächtig wirkte zu allen Zeiten die Liebe Gottes in den Heiligen, die lieber den bittersten Tod erlitten, als Gott durch eine Sünde zu beleidigen. "Wer mich verherrlicht, den werde ich verherrlichen, spricht der Herr." 

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Betrachtung am 17. Mai - Von der Treue im Kleinen

 

Groß ist was die Liebe tut.

Sie lehrt großen Sieg erringen;

Wert gibt selbst den kleinsten Dingen

Ihres Eifers goldne Glut.

 

1. Tröste dich, wenn es dir nicht vergönnt ist, große Dinge für Gott zu tun, durch den Gedanken, dass die Treue in geringen Dingen ihm überaus wohlgefällig ist, wenn sie mit großer Liebe, mit großem Eifer getan werden. Denn nichts ist klein vor Gott, wenn es aus Liebe getan wird. Gelegenheiten, große und glänzende Werke zu tun, ergeben sich selten, und für manchen niemals. Sei also getreu in kleinen Dingen, denn nicht nur ergeben sie sich täglich und bringen große Verdienste mit sich, sondern sie bereiten auch das Herz zu größeren vor. Und gewiss ist es, dass wer geringere vernachlässigt, auch die großen nicht tun wird, wenn die Gelegenheit sich dazu bietet. 

 

2. Der Weg zur Vollkommenheit und Heiligkeit ist ein langer Weg. Nur schrittweise kommt man darauf vorwärts. Je weiter aber man schreitet, um so mehr gewinnt man an Kraft, um so mehr gewöhnt man das Gute sich an, um so größer werden unsere Siege. Du täuschst dich, wenn du glaubst, du wirst die heftigsten Stürme bestehen, wenn du es nicht vermagst, kleine Angriffe zu überwinden. Vermessenheit ist es, sich zu schmeicheln, man werde mit riesen Schritten voran gehen, wenn man, schwach gleich einem Kind, bei jedem Schritt fällt. Nur durch tägliche, kleine Opfer bereitet man sich zu einem heldenmütigen Opfer. Und nur durch tägliche leichte Siege wird es möglich, einen großen Sieg zu erringen.

 

3. Es ist vielleicht eben nichts sonderlich Großes, in einer Gelegenheit sich zu überwinden, ein bitteres Wort zu unterdrücken, oder die üble Laune eines Menschen einen Tag oder eine Woche hindurch zu ertragen. Aber in allem sich überwinden, sich beständig Gewalt antun: Dies fürwahr ist ein großes Opfer. Viele würden lieber eine kurze Marter ertragen, als eine Marter dieser Art, die das ganze Leben dauert. Kommt es aber nicht daher, dass ich nach so langer Zeit noch so schwach und so unvollkommen bin, weil ich diese sogenannten Kleinigkeiten vernachlässigte? Ach, Herr, ich erkenne mein Elend. Reiche mir deine Hand, aus ihm mich herauszuführen. 1. Samuel 3,9: "Rede, Herr, denn dein Diener hört."

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Betrachtung am 18. Mai - Dornen der Trübsal

 

Sei, Kelch des Leidens, mir willkommen,

Du unsres Heiles Arzenei.

Seit unser Arzt dich hat erkoren,

Hast du die Bitterkeit verloren,

Und machest uns von Krankheit frei.

 

1. "Meine Seele, warum bist du betrübt und bist so unruhig in mir?" (Psalm 43,5) Vergeblich suchst du hier ein Paradies. Bewaffne dich vielmehr mit dem Schild der Geduld, und halte dich auf Leiden gefasst, sonst wirst du niemals zum Frieden gelangen. Als der Mensch ein Sünder wurde, brachte die Erde alsbald Dornen der Trübsale hervor. Und Gott verurteilte nun den Sünder, sie zu ertragen. Auch Jesus verpflichtete ihn dazu. Doch wandelte er das Elend des Sünders in den Trost des Christen, und ließ, seinen Befehl zu versüßen, selbst sein heiliges Haupt mit den Dornen der Sünder krönen. Wer also darf noch über Trübsale klagen? 

 

2. Diesen Schmerz ertrug unser barmherziger Erlöser von dem ersten Augenblick seiner Empfängnis an, denn lebendig stand sein heiligstes Leiden ihm immerdar vor Augen. "Mein Leid steht mir immer vor Augen", (Psalm 38,18) ruft er selbst uns zu. Ja er ging auch durch Arbeiten und Plagen, Ermüdung und Schmach, durch den Hass der Pharisäer und den schmählichsten Tod wie auf ebenso vielen Stufen in seine Herrlichkeit ein. Keiner aus seinen Jüngern auch kam auf einem anderen Weg in die Glorie, und du willst einen mit Rosen bestreuten Weg? Den Dornen, die nun dich verwunden, werden einst himmlische Rosen entblühen. Aber noch ist dieser ewige Frühling nicht erschienen. 

 

3. Siehe, leiden wollte Jesus, seine Betrübten zu trösten und ihre Leiden zu heiligen, damit sie dem himmlischen Vater wohlgefällig würden. Wie also können wir noch murren, wenn Gott durch Widerwärtigkeiten oder Krankheit uns heimsucht? Was kommt je aus seiner Vaterhand, das nicht durch Liebe versüßt wäre? Er sendet seinen Auserwählten Leiden zu, entweder in dieser Welt auf gelinde Weise sie zu bestrafen, oder aus dem Schlaf der Sünden sie aufzuschrecken, oder ihre Treue zu bewähren, oder die Lust an vergänglichen Dingen ihnen zu vergällen, damit sie die Verbannung nicht als das Vaterland lieben. Darum nimm seine väterliche Zuchtrute mit Danksagung an, denn sie kommt zu deinem Heil und hilft dir zu unsterblichen Verdiensten. "Herr, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht." (Psalm 23,4)

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Betrachtung am 19. Mai - Von der Blindheit des Geistes

 

Entzieh, o Herr, der Gnade Licht

Der Seele, die dich suchet, nicht:

Dass nimmer sie durch Schuld erblinde,

Und dich, ihr Heil und Ziel, nicht finde.

 

1. Die Sünde, die durch ihr Gift die Natur des Menschen zerrüttete, wurde in ihm ein Quell des Todes und aller Krankheiten, die ein Anfang von ihm sind. Und leider wird nicht nur der Körper, sondern auch die ihm innewohnende Seele von zahllosen Krankheiten ergriffen. Dahin gehören Irrtum, Wahnsinn, innerlicher Widerspruch, und andere. Die furchtbarste dieser Krankheiten aber ist die innerliche Blindheit, weil durch sie der Mensch vom Weg der Wahrheit und des Heils sich verirrt, von einer Grube in die andere fällt, und zuletzt "durch den Tod begraben wird". (Hiob 27,15) 

 

2. Voll solcher Blinden ist die Welt. Wollen wir vor ihnen auf der Hut sein, denn nicht nur schwer, sondern auch ansteckend ist ihre Blindheit. Bei vielen auch ist sie leider unheilbar geworden, da sie über die spotten, die sie für blind halten, und sie heilen wollen. Was aber fürwahr erstaunlich ist: oft dringen sie mit ihrem Scharfblick in alle Kenntnisse ein, die dem menschlichen Geist erreichbar sind. Und dennoch sind sie für die Dinge des Heils blinder, als körperlich Blinde für das Licht der Sonne. Oder wäre etwa nicht blind, wer seine ewige Bestimmung, den nahen Tod, das Gericht, die künftigen Belohnungen und Strafen der Ewigkeit nicht sieht, ja sie leugnet und über sie spottet?

 

3. Niemand indessen versinkt plötzlich in diese Blindheit. Sie bildet sich gleich dem körperlichen Star allmählich, durch fortwährenden Widerstand gegen die Gnade, und durch ein Übermaß von Sünden und Lastern. Denn dass diese Blindheit eine Strafe der Sünden ist, bezeugt die Schrift an vielen Stellen. "Tagsüber verstecken sie sich; sie wollen nichts wissen vom Licht. Denn Finsternis ist für sie der Morgen zugleich, denn mit ihren Schrecken sind sie wohl vertraut." (Hiob 24,16-17) Ein Wunder müsste geschehen, solche Blinde zu heilen, und das Licht der Welt würde sie vielleicht auch heilen, wenn sie gleich dem Blinden von Jericho ihn anflehten. Aber sie haben dem Glauben an ihn entsagt, und darum bleiben sie in ewiger Finsternis. Hüten wir uns also vor dem Widerstand gegen die Gnade. "Niemand kann den bessern, den Gott verworfen hat." 

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Betrachtung am 20. Mai - Von der Übung der Tugenden

 

Verleihe, Herr, mir Kraft und Mut

Und deiner Gnade Segen;

Dann wandle ich mit Eifersglut

Auf deinen heil`gen Wegen.

 

1. "Übe dich in der Frömmigkeit! Denn körperliche Übung nützt nur wenig, die Frömmigkeit aber ist nützlich zu allem: Ihr ist das gegenwärtige und das zukünftige Leben verheißen." (1. Timotheus 4,7-8) Ein stehendes Wasser geht in Fäulnis über. Ein Degen, der nicht gebraucht wird, rostet. Und eine Seele, die sich nicht fleißig in Tugenden übt, erschlafft. Wenn du vor jeder geringen Mühe, vor jeder Gelegenheit, dich zu überwinden, vor jedem leichten Spott, vor jeder unbedeutenden Schwierigkeit fliehst, wirst du nie zu Kräften gelangen, mutig Tugenden zu vollbringen. Nur die täglichen Siege über unsere Fehler, die Bändigung unserer Ungeduld und unseres Zorns, die Bezähmung unserer Essgier und andere Übungen dieser Art, wozu die Gelegenheit täglich sich ergibt, helfen uns allmählich zu Kräften, größere Siege zu erringen.

 

2. Wenn du dich darauf beschränkst, bloß zu tun, wozu du streng verpflichtet bist, und meinst, es genügt, dass du Gott nicht beleidigst, nicht Unzucht treibst, nicht lügst noch verleumdest, die Tugenden aber, die Gott ehren, das christliche Leben schmücken und die Seele bereichern, anderen überlässt, dann schwebst du in großer Gefahr. Eine Stadt, die bloß durch Mauern geschützt ist, und keine Vorwerke hat, wird bald vom Feind eingenommen. Also wird auch, wenn du nicht durch die Vorwerke fester Tugenden beschützt bist, an denen die ersten Stürme des Feindes scheitern, der Feind bald von den schuldigen Werken dich abbringen, und unter die Knechtschaft der Sünde dich gefangen nehmen. 

 

3. Bedenke oft den Ausspruch des Apostels: "Und wer an einem Wettkampf teilnimmt, erhält den Siegeskranz nur, wenn er nach den Regeln kämpft." (2. Timotheus 2,5) Unermessliches hatte dieser heilige und eifrige Apostel für die Ehre Jesu und seines Evangeliums getan und gelitten. Und dennoch sprach er: "Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist." (Philipper 3, 13b) Wie aber er, so taten es alle Heiligen und Gerechten. Als Geringes betrachteten sie alle Schätze der Tugenden, die sie bereits erworben hatten, und strebten unablässig nach einer höheren Vollkommenheit. Denn es ist ein durch alle Zeiten bewährter Ausspruch: Wer im Leben des Geistes nicht fortschreitet, der geht zurück, er versinkt in Lauigkeit, und fällt in seine vorigen Laster zurück. "Zögere nicht, in der Gerechtigkeit fortzuschreiten bis zum Tod, denn die Belohnung Gottes bleibt in Ewigkeit." 

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Betrachtung am 21. Mai - Lerne dich selbst in deinen Fehlern ertragen

 

Du staunest ob des Unkrauts Saat

Auf deinem Ackerland.

Was trauerst du? - Nimm an den Rat:

Gebrauche deine Hand,

Und reute aus, und mache rein,

Und streue bessern Samen ein.

 

1. Erbittere dich nicht über dich selbst, wenn du in einige Fehler verfällst, sondern weise darüber dich selbst mit Sanftmut zurecht, wie du deinen Nächsten zurechtweisen würdest, und fasse alsbald den ernsthaften Vorsatz zur Besserung. Niemand legt so leicht den alten Menschen gänzlich ab, so dass keine Spur von ihm in ihm zurückbliebe. Das Leben kann zwar nicht mit dem Tod, wohl aber mit mancherlei Krankheiten zugleich bestehen. Also schließt auch das Leben der Gnade zwar die Todsünde aus, doch tilgt sie darum nicht alle Krankheiten der Seele. Nicht selten lässt Gott es zu, dass seine Diener mancherlei Fehler begehen, damit sie ihre Schwäche um so deutlicher erkennen, und es nicht sich, sondern seiner Gnade zuschreiben, wenn sie von schweren Sünden frei sind, da sie selbst nicht einmal von leichten Fehlern sich befreien können.

 

2. Waren ja doch selbst die Apostel, ob sie auch im Stand der Gnade waren, und von der Weisheit Gottes selbst belehrt wurden, so unvollkommen, dass einige aus ihnen nach den ersten Sitzen gierten, andere aber unwillig sich ereiferten, bis endlich die Fülle des Heiligen Geistes sie vollkommen erleuchtete. Wie also wundern wir uns je, dass wir noch mit Fehlern behaftet sind? Oft ist diese Erbitterung nur ein Ärger der Eigenliebe über unsere Unvollkommenheit, da wir uns für besser hielten, als wir sind.

 

3. So wohlgefällig ist Gott, und so notwendig ist uns die Demut, dass seine Güte es lieber sieht, wenn seine Diener schwächer sind, wofern sie nur auch dabei demütiger sind, als wenn sie stärker, aber weniger demütig wären. Unser Heiland liebte seine Jünger trotz ihrer Schwächen und Fehler. Also aber liebt er alle, die ihm aufrichtig dienen. So werde denn über deine Fehler nicht kleinmütig, sondern kräftige dich durch gute Hoffnung, dass Gott seine Liebe dir nicht entziehen wird, wofern anders du tust, was an dir liegt, und alle vorsätzlichen lässlichen Sünden und Fehler meidest. "Wie ein Vater seiner Kinder sich erbarmt, so erbarmt der Herr sich derjenigen, die ihn fürchten; denn er kennt den Ton, aus dem wir gebildet sind." (Psalm 103,13-14)

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Betrachtung am 22. Mai - Von der Mäßigkeit

 

Gib, Herr, die Weisheit mir zur Führerin.

Sie leite keusch und mäßig mich durchs Leben;

Und lehre mich, mit unbeflecktem Sinn

Zu dir, mein Schöpfer, selig mich erheben.

 

1. Betrachte die freundlich-ernste Tugend der Mäßigkeit mit Liebe, denn ihre Hände sind voll der Gaben, sowohl zu einer großen Vollkommenheit dich zu erheben, als selbst zu einem gesunden und frohen Lebensalter dich zu führen. Wer die Vorschriften der Mäßigkeit nicht befolgt, der wird sich niemals über sich selbst und zur Betrachtung himmlischer Dinge erheben. Denn gleichwie die Nebel und Dünste der unteren Luft den Anblick der Sonne verwehren, also verwehren die Dünste des Weines und übermäßiger Speisen den Anblick heiliger Wahrheiten. Darum auch waren alle, durch das Licht der Betrachtung erleuchteten Heiligen, der strengsten Mäßigkeit ergeben.

 

2. Niemals auch wirst du ohne die Hilfe dieser heilsamen Führerin zu wahren Tugenden gelangen. Denn wo liegt der Ursprung und Grund aller unserer ungeordneten Triebe und Begierden, wenn nicht in dem Fleisch, das wir von Adam angezogen haben? Je einfacher und mäßiger es also genährt wird, um so schwächer werden auch unsere Leidenschaften, und um so leichter unser Kampf gegen alle Hindernisse, die unserer Vollkommenheit sich entgegensetzen. Ein trockenes Erdreich bringt nur wenige, trockene und magere Pflanzen hervor. Aus einem fetten Erdreich dagegen, das überdies gedünkt und bewässert wird, sprossen starke und fette Pflanzen auf. Also keimen im Herzen des Enthaltsamen nur wenige und schwache Antriebe zum Bösen. Im Herzen des Unmäßigen aber sprossen sie in solcher Fülle und mit solcher Kraft, dass sie ihn zu allen fleischlichen Lastern antreiben.

 

3. Wenige und einfache Speisen, durch Gottes Segen und Liebe gewürzt, genügen der Natur, und sind unserem Pilgerstand gemäß. Unmäßigkeit erzeugt Krankheiten ohne Zahl, die die Natur des Menschen beflecken und zerstören. Die Mäßigkeit hingegen ist die Mutter der Gesundheit, die Tilgerin der Laster, die Freundin der Tugenden, die Grundveste der Keuschheit und die Verlängerung des Lebens. Durch sie wird der alte Mensch gekreuzigt und Gottes Gnade erworben. "Die Weisheit wird mich in meinem Tun besonnen leiten und mich in ihrem Lichtglanz schützen." (Weisheit 9,11)

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Betrachtung am 23. Mai - Von der Lehre der Wahrheit

 

O Geist Gottes, reinstes Licht.

Geist der Liebe, Geist der Wahrheit,

Der zu frommen Herzen spricht:

Komm, es lehre deine Klarheit

Unsre Herzen fromm und rein

Und Gott wohlgefällig sein.

 

1. Gleichwie irdische Dinge unseren Augen nur dann sichtbar werden, wenn das äußerliche Licht sie erhellt, also vermögen es auch die Augen unserer Erkenntniskraft nicht, göttliche Dinge zu erkennen, wenn nicht der Heilige Geist durch sein göttliches Licht sie erleuchtet. Rufen wir ihn daher täglich um seine heilige Erleuchtung an, denn er ist der Geist der Wahrheit, der allein uns die himmlische Weisheit lehren kann. Woher so viele falsche und bestochene Urteile der Vernunft? Woher, dass so viele das Böse gut, das Gute böse, das Licht Finsternis, und die Finsternis Licht nennen, außer weil das Licht des Heiligen Geistes fern von solchen Herzen ist?

 

2. Bei jenem allgemeinen Fall der menschlichen Natur, wo alle innerlichen Kräfte des Menschen geschwächt wurden, wurde auch die vorzüglichste von ihnen, die Vernunft- und Erkenntniskraft, durch die schwarze Finsternis der Begierlichkeit verdunkelt. Denn aus diesem babylonischen Ofen steigen nicht nur Flammen sündhafter Begierden, sondern auch Rauch und Dünste auf, die die Helle unseres Verstandes verdunkeln. Daher die traurige Erscheinung, dass viele so vieles kennen, das durchaus nicht zu ihrem Heil dient, aber sehr ungelehrig für die einzige Wahrheit sind, die sie zum Heil führen kann, weil die sinnliche Begierlichkeit dieser Erkenntnis mit ihrer ganzen Kraft sich widersetzt. Kommt daher das Licht des Heiligen Geistes uns nicht zu Hilfe, so bleiben wir in beständiger Finsternis. 

 

3. Solche Menschen haben von der hohen Würde der Kinder Gottes auch nicht den entferntesten Begriff. Sie werden über den Beifall törichter Menschen vor Stolz aufgedunsen, und finden sogar Gründe auf, vollkommen zu rechtfertigen, was die Leidenschaft begehrt. Darum beten wir inbrünstig zu diesem Geist der Wahrheit, dass er der Geist unseres Geistes sei, durch sein Licht uns erleuchte, und durch seine Kraft uns stärke, damit weder die Lockungen der Welt, noch die Lüsternheit des Fleisches, noch das Irrgerede der Gottlosen uns zum Wanken bringen, auf dass wir bis ans Ende in der Gerechtigkeit ausharren, und der Aufnahme in das Reich der ewigen Klarheit gewürdigt werden. Psalm 51,13: "Nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir."

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Betrachtung am 24. Mai - Vom heiligen Gesetz Gottes

 

Dein Gesetz erleuchtet, Herr, die Seelen,

Und gibt ihnen Reinheit, Licht und Kraft,

Dass sie auf der dunklen Pilgerschaft

Nicht den schmalen Himmelsweg verfehlen.

 

1. Die Geschichte der Nationen entfaltet unseren Blicken vielfältige Gesetze, die jedoch sämtlich unvollkommen und mangelhaft waren, gleich den Menschen, von denen sie ausgingen. Teils waren sie zu streng, teils zu nachsichtig. Bald begünstigten sie die Ungerechtigkeit, bald die Unsittlichkeit. Galten sie der Aufrechterhaltung der Religion, so befahlen sie, Holz und Steine anzubeten. Hielten sie aber auch die Ordnung unter den Bürgern aufrecht, so stillten sie doch nimmermehr die häusliche Zwietracht, noch förderten sie auch die Sittenreinheit. Sie konnten dahin wirken, dass die Menschen arbeitsam, tapfer, unternehmend, nimmermehr aber, dass sie tugendhaft wurden. Ihre ganze Wirksamkeit beschränkte sich auf dieses vorübergehende Leben. 

 

2. Nur von der unendlichen Weisheit, Güte und Heiligkeit konnte ein vollkommenes Gesetz ausgehen, das den Menschen zum Ziel führte, für das er erschaffen wurde. Dieses heilige Gesetz brachte der Sohn Gottes selbst uns vom Himmel, und mit feurigem Dank sollten wir seine unendliche Güte dafür anbeten. O welche Glückseligkeit würde auf Erden, welche Eintracht in allen Familien, welche zarte Nächstenliebe, welche Ordnung, welcher Friede unter allen Ständen herrschen, wenn dieses göttliche Gesetz getreu befolgt würde. Fürwahr, die Erde wäre ein lebendiges Bild des Himmels. Wie groß ist doch die Verblendung, der Undank und die Bosheit der Menschenkinder, die dieses heilige Gesetz weder lieben, noch befolgen, je es lästern und mutwillig übertreten.

 

3. Dies ist das Gesetz, von dem geschrieben steht: "Das Gesetz des Herrn ist unbefleckt und bekehrt die Seelen!" Es bekehrte die Welt. Es siegte über die Abgötterei. Es verpflanzte das Kreuz bis an die äußersten Grenzen des Erdkreises. Es ist rein, fleckenlos und bildet alle Heiligen und Gerechten, denn es lehrt alle Wahrheit, Reinheit und Vollkommenheit. Lieben wir dieses göttliche Gesetz, und seien wir sein lebendiges Bild durch unser Leben. Vergeblich seufzen wir, dass dieses Gesetz der Liebe nicht beobachtet wird, wenn wir selbst es nachlässig beobachten. Ziehen wir vielmehr alle durch unser Beispiel zu seiner Befolgung an, und wir werden die Freude haben, dass auch andere uns folgen werden. "Ich will, Herr, deinem Gesetz beständig folgen auf immer und ewig." (Psalm 119,44)

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Betrachtung am 25. Mai - Das Gesetz Gottes duldet keine Ausnahme

 

Willst die Palme du erringen,

Musst du, stark, dich selbst bezwingen,

Und das heilige Gebot

Treu bewahren bis zum Tod.

 

1. Niemand ist von der Haltung des heiligen Gesetzes ausgenommen. Zwar entschuldigt die Welt die Verirrungen der Jugend, aber "die Weisheit der Welt ist eine Feindin Gottes". (Römer 8) Wer hat je der Jugend das Recht gegeben, vom göttlichen Gesetz sich auszunehmen? "Sag nicht: Meine Sünde kommt von Gott. Verabscheuungswürdiges hasst der Herr. Er hat am Anfang den Menschen erschaffen und ihn der Macht der eigenen Entscheidung überlassen. Er gab ihm seine Gebote und Vorschriften. Wenn du willst, kannst du das Gebot halten. Der Mensch hat Leben und Tod vor sich; was er begehrt, wird ihm zuteil. Keinem Menschen gebietet Gott zu sündigen." (Jesus Sirach 15,11.13.14.15.17.20) und es gibt kein Lebensalter, wo es gestattet wäre, den Urheber des Lebens zu beleidigen. Viele Menschen sterben in ihrer Jugend, und viele Kinder, die geboren werden, gelangen nicht zu einem hohen Alter. Wie also kannst du über deine nahe Rechenschaft dich verblenden. Die Erstlingsopfer eines reinen jugendlichen Herzens sind das wohlgefälligste Opfer, das du deinem Schöpfer bringen kannst.

 

2. Andere betrachten die Menge und die Wichtigkeit ihrer Geschäfte als ein Vorrecht, das göttliche Gesetz zu übertreten. Kamst du etwa auf die Welt, diese Geschäfte zu betreiben, und nicht vielmehr, Gott zu dienen und selig zu werden? Sind nicht alle deine Geschäfte diesem einen großen Geschäft untergeordnet, so bringen sie dir unendlichen Schaden. Fehlt es dir etwa an Zeit zu deinen Unterhaltungen? Und nur für das einzige Notwendige findest du keine Zeit? Bald wird ein Tag erscheinen, wo du mit Schmerzen sehen wirst, dass du trotz aller Arbeit müssig warst, und viel gearbeitet, aber nur Spreu gesammelt hast.

 

3. Noch andere halten sich wegen ihres hohen Standes für frei vom göttlichen Gesetz. Hast du vielleicht, wegen dieser Ehrenstellen, dem Christentum entsagt? Die Würde eines Christen ist die erhabenste aller Würden. Kann aber ein Christ von dem Gesetz Christi sich frei sprechen, ohne dem Himmel zu entsagen? Oder gibt es vielleicht zwei Evangelien: Eins für hohe Standespersonen, und ein anderes für die Armen und das Volk? Sieh, die Kleinen und Demütigen reißen den Himmel an sich, und du mit deinem Adel, mit deinem Reichtum und mit deinem Hochmut gibst der ewigen Verdammnis dich preis. "Seht doch auf eure Berufung, Brüder! Da sind nicht viele Weise im irdischen Sinn, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme, sondern das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen. Und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, was nichts ist, um das, was etwas ist, zu vernichten, damit kein Mensch sich rühmen kann vor Gott." (1. Korinther 1,26-29)

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Betrachtung am 26. Mai - Gott widersteht den Hochmütigen

 

Alles was ich bin und habe,

Ist, mein Schöpfer, deine Gabe;

Alles, Herr, verdank ich dir,

Denn ich selbst bin nichts aus mir.

 

1. Gott hasst den Hochmut wesentlich, und er widersteht den Hochmütigen, weil sie ihm die Ehre rauben und sich selbst als Schöpfer alles Guten betrachten, das sie von seiner Freigebigkeit empfingen. Hüte dich also mit aller Sorgfalt, deinen Reichtum, oder deine Fähigkeiten, oder deine Tugenden dir selbst zuzuschreiben, und eitles Wohlgefallen an dir zu haben. "Und was hast du, das du nicht empfangen hättest? Wenn du es aber empfangen hast, warum rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen?" (1. Korinther 4,7) Selbst die Mitwirkung mit seiner Gnade verdankst du Gott, denn er ist es, der das Wollen in uns vollbringt. Keine Seele vermag ohne seine Gnade übernatürlich Gutes zu wirken.

 

2. Nur "den Demütigen gibt Gott seine Gnade", weil sie getreu sind, und ihm die Ehre dafür geben, auch gar wohl erkennen, dass sie nichts Gutes haben noch vermögen ohne ihn, und dass alle seine Gaben Dinge sind, die ihnen nicht angehören, und die er auch nach seinem Gefallen zurücknehmen kann. Darum spricht die Schrift: "Gott lässt die Quellen in die Niederungen fließen" (Psalm 104,10), weil sie nämlich die Gewässer nicht zurückbehalten, sondern sie in das Meer fließen lassen. Je tiefer du daher dich demütigst, und Gott als den Urheber alles deines Guten erkennst, um so mehr wirst du dem Allerhöchsten gefallen, und mit um so größerer Fülle wird er seine Gnade dir erteilen. 

 

3. "Das Törichte in der Welt hat Gott erwählt", spricht der Apostel, "um die Weisen zuschanden zu machen, . . . damit kein Mensch sich rühmen kann vor Gott." (1. Korinther 1,26-29) Verzage also nicht, wenn dein Beruf dir Schweres für Gottes Ehre auferlegt, sondern demütige dich vor Gott, bekenne dein Unvermögen, deine Schwäche, dein Nichts, und dann wird Gott alles durch dich wirken. "Denn er zeigt den Reichtum seiner Ehre an den Gefäßen seiner Barmherzigkeit." (Römer 9,23), nämlich an den Demütigen und Armen, die nichts von sich erwarten, aber fest auf ihn vertrauen. Darum sprich in großer Zuversicht mit dem Apostel: "Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt." (Philipper 4,13)

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Betrachtung am 27. Mai - Wirkungen der Demut

 

Ach, wer mich doch mir selber zeigte,

Wie ich vor Gottes Augen bin:

Auf dass dadurch mein stolzer Sinn

Sich bis zur tiefsten Demut neigte.

 

1. Wenn du um die Demut dich nicht ernsthaft bemühst, wirst du niemals zur Ruhe und Zufriedenheit gelangen. Denn woher aller Verdruss und Unfriede, außer vom Hochmut? Wir ärgern uns, wenn etwas nicht nach unserem Sinn geht. Die Erhebung anderer ist uns ein Dorn im Auge. Wir selbst wollen die Blicke aller auf uns ziehen und gelobt und bewundert werden. Dies ist der Quell des Elends aller Stolzen und Hochmütigen. Der wahrhaft Demütige unterwirft sich vor allen Dingen Gott. Ihm unterwirft er seinen Verstand, zu glauben was er nicht begreift, seinen Willen, zu tun was ihm nicht gefällt, seine Freiheit, dem heiligen Gesetz Gottes zu gehorchen.

 

2. Wer Gott vollkommen sich unterwarf, dem fällt es nicht schwer, nach der Ermahnung des Apostels "allen Menschen sich zu unterwerfen". Denn weil er Gott wahrhaft verehrt, ehrt er auch sein Bild, und zwar in allen Menschen, ob auch dieses göttliche Bild zuweilen so sehr verunreinigt ist, dass es auf den ersten Anblick sich kaum erkennen lässt. Er fürchtet Gottes unergründliche Ratschlüsse, und weiß, dass auch der größte Sünder sich noch bekehren und ein Heiliger werden kann, dass hingegen, wer sich für gerecht hält und einen Sünder verachtet, dem tiefsten Fall nahe steht, und ist daher weit entfernt, auch dem letzten Menschen sich vorzuziehen.

 

3. Die dritte Wirkung der Demut ist, dass eine Seele, je höher sie steht, um so tiefer sich demütigt. Und darin besteht die Vollkommenheit dieser Tugend, in der der allerhöchste Herr und König aller Tugenden uns Vorbild war. Je höher ein Baum, um so tiefer haften seine Wurzeln in der Erde. Darum auch waren die größten Heiligen auch immer die Demütigsten, und eben darum waren sie Gott vor allen wohlgefällig. In allen Büchern der Heiligen Schrift lesen wir in Worten und Taten, dass Gott den Stolzen widersteht, den Demütigen aber seine Gnade gibt. "Ich blicke auf den Armen und Zerknirschten und auf den, der zittert vor meinem Wort." (Jesaja 66,2b) "Wer gleicht dem Herrn, . . . der in der Höhe thront, der hinabschaut in die Tiefe." (Psalm 113,5-6) "Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen." (Lukas 1,52)

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Betrachtung am 28. Mai - Gefahren des Reichtums

 

Nur Schatten sind die Güter dieser Welt

Der Güter, die in Ewigkeit bestehen.

Was zeitlich ist, muss in der Zeit vergehen,

Denn wahr ist nur, was ewig sich erhält.

 

1. Eine schwere Drohung spricht der Sohn Gottes gegen die Reichen aus: "Wehe euch Reichen, denn ihr habt euren Trost hinweg!" Es ist hier wohl zu bemerken, dass der Herr nicht sagt: Wehe euch, weil ihr schreiendes Unrecht begeht, weil ihr raubt und mordet, sondern weil ihr euren Trost habt. Ein schweres Übel muss also in diesem Trost liegen. Worin aber besteht er? Offenbar darin, dass ihr Reichtum sie verblendet, dass sie ihn zum Bösen verwenden, alle ihre Gelüste befriedigen, und beinahe von allen Schwierigkeiten sich befreien können, unter denen die Armen stöhnen. Denn wie die Schrift sagt und die Erfahrung zeigt: "Dem Geld ist alles untertan!" (Jesus Sirach 10)

 

2. Wer seinen Trost in dieser Welt hat, das heißt, wer nur lebt, alle Anforderungen des Stolzes und der Überheblichkeit zu befriedigen, alle sinnlichen Lüste, alle weltlichen Freuden und Lustbarkeiten zu genießen, wie dies leider bei so vielen Reichen der Fall ist, der wird keinen Trost haben in der künftigen Welt. Denn wie ließe ein solches Leben mit dem abgetöteten Leben eines Christen sich vereinbaren? Darum auch wurde dem Prasser in den Flammen geantwortet, er hat seinen Trost in dieser Welt gehabt. Das Wehe, das Jesus über die Reichen ausspricht, ist daher eine schreckende Warnung, ein Wehklagen, eine Drohung, und die Weissagung einer sehr strengen Strafe.

 

3. Indessen spricht der himmlische Lehrer dieses Wehe nicht unbedingt über alle Reichen aus, so wie er auch nicht alle Armen, sondern nur die selig nennt, die arm im Geiste sind, nämlich kein Verlangen nach vergänglichem Reichtum haben, sondern den Anordnungen der göttlichen Vorsehung sich vollkommen unterwerfen. Diese Armut im Geiste kann aber ganz wohl bei großem Reichtum bestehen; und wir sehen auch gottesfürchtige Reiche, die ihren Reichtum als getreue Knechte nach Gottes Absicht verwenden, und diese haben keinen Trost in ihrem Reichtum, daher werden sie für seine gute Verwendung einst himmlische Belohnungen empfangen. Immerhin aber ist der Reichtum eine sehr gefährliche Sache, denn es ist beinahe ein Wunder, reich zu sein, und sich unbefleckt zu erhalten. "Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon." (Matthäus 6,24b)

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Betrachtung am 29. Mai - Vom wahren Reichtum des Gerechten

 

Mein Herz, verlange nicht nach solchen Dingen,

Die gleich der Spreu im Wind verwehen;

Lass deine Sehnsucht dorthin sich erschwingen,

Wo alle Güter ewiglich bestehen.

 

1. "Denn wer den Herrn fürchtet, leidet keinen Mangel!" spricht die Schrift. (Psalm 34,10b) Reich also und wohlbegütert ist der Gerechte, da der Heilige Geist dies versichert. Betrachte jedoch, worin sein Reichtum besteht. Gewiss besteht er weder in Gold und Silber, noch in anderen Kostbarkeiten dieser Erde, die den Menschen nicht besser, oft aber schlechter machen, sein Verlangen nicht stillen, sondern vielmehr reizen, ihm auch keine Ruhe gewähren, sondern sie ihm vielmehr rauben, ja die er auch eigentlich nicht besitzt, da er nicht nach Willen darüber bestimmen kann, weil er, - ohne von zahllosen Zufällen zu sprechen, die ihn darum bringen können, - sie im Tode notwendig verlassen muss.

 

2. Was immer wir auf dieser Welt zurücklassen müssen, ist nicht unser Eigentum. Sehr wahr spricht der heilige Bernhard zu den Reichen: "Wenn euer Reichtum euch wirklich gehört, warum denn nehmt ihr ihn nicht mit euch in die andere Welt?" Ja der Herr selbst nennt diese irdischen Güter: Dornen, weil sie das Gemüt durch Sorgen gleichsam zerreißen, betrügerischen Reichtum, weil sie nicht gewähren, was sie verheißen, und nur die Kisten, nicht aber das Herz füllen, ungerechten Reichtum, weil sie oft durch Ungerechtigkeit zusammengebracht werden, und dem Stolz, der Überheblichkeit, der Schwelgerei und anderen Lastern als Werkzeuge dienen. 

 

3. Versichert also der Heilige Geist, es werde dem Gerechten an keinem Gut fehlen, so zeigt er uns offenbar, dass dieser zeitliche Reichtum kein wahres Gut ist. Denn wahre Güter, die den Menschen vollauf erfreuen, sind nicht von dieser Erde, es sind Früchte der Gnade, der Liebe, Gaben des Heiligen Geistes, Werke des Glaubens, Friede und Ruhe des reinen Gewissens, das die Bürgschaft in sich trägt, Gott einst ewig zu besitzen. Unendlich ist der Wert dieser Güter, da ein einziges Werk der heiligen Liebe allen Reichtum der Erde unendlich aufwiegt. Betrachte aber, wie leicht der Herr es uns machte, reich an solchen Schätzen der Unsterblichkeit zu werden, die kein Zufall zerstören, kein Dieb uns rauben kann. "Ihr seid mit Christus auferweckt; darum strebt nach dem, was im Himmel ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt. Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische!" (Kolosser 3,1-2)

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Betrachtung am 30. Mai - Von der Notwendigkeit des Gebetes

 

Höre, Herr, mein kindlich Flehen,

Das zu dir gerichtet ist.

Denn zu wem kann je ich gehen,

Da nur du mein Helfer bist.

 

1. So wenig der Leib ohne körperliche Speise lange bestehen kann, so wenig kannst auch du ohne eifriges Gebet lange im Leben der Gnade bestehen. Ohne diese heilige Übung ist unser Gottesdienst trocken, unvollkommen und dem Fall nahe, denn eine Seele, die dem Gebet nicht ergeben ist, versinkt unfehlbar in Lauigkeit und Schwäche, sie verliert den Mut, sich Gewalt anzutun, ihre guten Vorsätze lösen sich allmählich auf, die bösen Neigungen erwachen abermals in ihr, und stürzen sie in die Sünde zurück. Notwendig ist uns daher das tägliche, eifrige Gebet, das die Seele - wie die natürliche Hitze den Körper - erwärmt und im Leben der Gnade erhält.

 

2. Wer weiß es nicht aus trauriger Erfahrung, dass wir von Natur aus für geistige Dinge blind, träge, unvermögend sind, und ohne Gottes Beistand nichts übernatürliches Gutes vermögen? Gott zwar kommt uns allerdings mit seiner Gnade zu Hilfe. Die Gnaden jedoch, die er uns verleiht, und die er von Ewigkeit uns bestimmte, bestimmte er unserem Gebet, so wie er der Erde auch nur Fruchtbarkeit vorbestimmte, wenn sie gehörig bearbeitet wird. Demnach ist also das Gebet der Schlüssel zu den göttlichen Gnaden. Und darum auch ermahnt uns der Herr und spricht: "Bittet, dann wird euch gegeben." (Matthäus 7,7a) 

 

3. Gott selbst fordert unser Gebet von uns als eine Huldigung, durch die wir bekennen, dass wir ohne ihn nichts sind, nichts haben, nichts vermögen, und in allen Dingen von seiner göttlichen Vorsehung abhängen. Durch dieses demütige Bekenntnis aber und durch das kindliche Vertrauen, alles von seiner Güte zu erhalten, ehren wir Gott und erbitten seine Gaben. Nicht wundern dürfen wir uns also, wenn, wer diese heilige Übung unterlässt, sich selbst überlassen bleibt, keine besonderen Gnaden von Gott empfängt und in Finsternis des Geistes und in die schwersten Übel versinkt. Das eifrige Gebet hingegen kehrt mit Licht und Kraft aus dem Heiligtum der Erhörung zurück, unser Leben zu ordnen, und in der Gottseligkeit uns zu kräftigen. "Herr, höre meine Worte, achte auf mein Seufzen. Vernimm mein lautes Schreien, mein König und mein Gott, denn ich flehe zu dir." (Psalm 5,2-3)

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Betrachtung am 31. Mai - Von der Kraft des Gebetes

 

O gib mir, Herr, in dieser Pilgerzeit

An jeder edlen Tugend Fruchtbarkeit,

Und was genügt, dies Leben zu durchwallen,

Um dir, mein Gott und Heiland, zu gefallen.

 

1. Gott legte den Schlüssel zu seinen Gaben in unsere eigenen Hände, als er uns befahl, ihn zu bitten, und zugleich die Verheißung beifügte, es würde uns gegeben werden. Was also zögerst du? Bist anders du im Stand der Gnade und bittest mit Vertrauen, so wirst du die Hilfe des Allmächtigen in allen deinen Nöten erfahren. Höre den Jünger der Liebe: "Liebe Brüder, wenn das Herz uns aber nicht verurteilt, haben wir gegenüber Gott Zuversicht; alles, was wir erbitten, empfangen wir von ihm, weil wir seine Gebote halten und tun, was ihm gefällt." (1. Johannes 3,21-22)

 

2. Die Allmacht des Gebetes ruht auf Gottes Güte und auf den Verheißungen und Verdiensten seines Eingeborenen, wie auf unerschütterlichen Grundvesten. Die unendliche Güte Gottes ist eine feurige Sonne, die unaufhaltsam dahin zielt, ihre Strahlen zu verbreiten, und die sie über alles ergießt, was ihren Blicken sich darstellt. So öffne ihnen denn dein Herz durch inständiges Gebet, und du wirst unfehlbar entweder, um was du bittest, oder doch gewiss eine Gabe empfangen, die dir noch heilsamer sein wird. Denn getreu ist die Verheißung unseres Herrn: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, das wird er euch geben."

 

3. Da der Sohn Gottes seine Verheißung durch einen Schwur besiegelt hat, tun wir seinen göttlichen Worten zweifache Schmach an, wenn wir an ihrer vollen Wahrheit zweifeln, und Mangel an Vertrauen, Verzagtheit, Zweifel im Gebet sind eine Beleidigung Gottes. Darum auch spricht der Apostel Jakobus: "Wer bittet, soll aber voll Glauben bitten und nicht zweifeln." (Jakobus 1,6a) Der himmlische Vater ehrt seinen Eingeborenen, wenn er um seinetwillen die Bitten seiner Gläubigen erhört, und niemals wird er dieser Ehre und Freude ihn berauben, da seine Verdienste um seine ewige Verherrlichung unendlich sind. So kräftige denn dein Vertrauen, denn alles wirst du in diesem heiligsten Namen erbitten. Psalm 145,18-19: "Der Herr ist allen, die ihn anrufen, nahe, allen, die zu ihm aufrichtig rufen. Die Wünsche derer, die ihn fürchten, erfüllt er, er erhört ihr Schreien und rettet sie."

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Betrachtung am 1. Juni - Das innerliche Gebet

eine Schule des Heiligen Geistes

 

Herr, wunderbar sind deine Lehren.

Sie sind des Heiles Wissenschaft,

Und geben mit dem Licht die Kraft,

Die Seelen wahrhaft zu bekehren.

 

1. Sei achtsam gegenüber der Stimme deines Gottes. Jesaja 48,17: "So spricht der Herr, dein Erlöser, der Heilige Israels: Ich bin der Herr, dein Gott, der dich lehrt, was Nutzen bringt, und der dich auf den Weg führt, den du gehen sollst." Er ist es, der im innerlichen Gebet dich unterweist und lehrt, dich selbst überwinden, deine ungeordneten Begierden ordnen, heilige Tugenden üben, und mit ihm dich vereinigen. Dies sind fürwahr höchst nützliche Dinge, da sie zum ewigen Leben helfen. Und je aufmerksamer du diese Lehren mit dem innerlichen Ohr deines Herzens anhörst, um so mehr wirst du im Geist zunehmen. Wie lange gehst du schon in diese heilige Schule, und welche Fortschritte machst du in ihr?

 

2. Aber nicht nur durch Worte, auch durch Beispiele lehrt dich der Herr, dein Gott. Dich zu lehren kam er von den himmlischen Höhen, und keine Tugend lehrt er dich, zu keinem Werk ermahnt er dich, das du in seinem heiligsten Leben nicht vollkommen ausgedrückt schauen konntest, so dass du in allen Ereignissen deines Lebens Beispiele zur Nachahmung darin findest. Darum auch ruft er allen seinen Schülern zu "Lernt von mir". Sieh, wie viel so viele Heilige und Gerechte von ihm lernten. Von ihm lernten die jungfräulich Lebenden die Reinheit, die Leidenden Geduld, und allen Heiligen die Heiligkeit. Wie lange wirst du noch hinter so vielen deiner Mitschüler zurückbleiben.

 

3. Ein großer Unterschied auch ist zwischen seiner Schule und den Schulen der Menschen. Denn Menschen können wohl lehren, aber weder können sie Verstand, noch die Kraft verleihen, das Erlernte zu vollbringen. Der Herr aber spricht im Psalm: "Ich werde dir Verstand geben". Er erleuchtete den Sinn vieler einfachen Menschen, dass sie himmlische Geheimnisse erkannten, die den Weisen und Klugen dieser Welt verborgen sind. Er kräftigte Kinder, Jungfrauen und Greise zu Tausenden, seine heilige Lehre mit ihrem Blut zu besiegeln. Er kräftigt auch jeden Tag innerlichen Seelen, die Tugenden vollkommen zu üben, die ihnen im Gebet eingibt. So liebe denn das innerliche Gebet, und du wirst schnell eine hohe Vollkommenheit erreichen. Psalm 69,14: "Ich aber bete zu dir, Herr, zur Zeit der Gnade. Erhöre mich in deiner großen Huld, Gott, hilf mir in deiner Treue."

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Betrachtung am 2. Juni - Von Fehlern, die das Gebet vereiteln

 

Gib mir, Herr, was ich begehre,

Nur, wenn es zu deiner Ehre

Und zu meinem Heile frommt.

Was nicht dahin führt, verhüte

Deiner Weisheit milde Güte,

Weil es sonst zur Strafe kommt.

 

1. Unser Gott ist bereitwilliger, uns zu geben, als der Mensch, zu empfangen, und dennoch geht das Gebet so vieler leer vom Herrn aus. Woher dies? "Ihr bittet und empfangt doch nichts," antwortet hierauf der Apostel, "weil ihr in böser Absicht bittet, um es in eurer Leidenschaft zu verschwenden." (Jakobus 4,3) Der Sünder, der sich nicht bekehren will, kann das Gebet des Herrn nicht beten, das alle Bitten enthält, ohne sich selbst zu widersprechen. Er bittet um die Verherrlichung des göttlichen Namens, und entheiligt ihn, - um die Erfüllung des göttlichen Willens, und übertritt Gottes Gebote, - um zeitliche Gaben, um sie durch Sünden zu missbrauchen, - er bittet Gott um Verzeihung, und fährt fort, ihn zu beleidigen, - er bittet, von dem schwersten Übel, von der Sünde ihn zu befreien, und verharrt vorsätzlich darin. Von so einem Menschen spricht die Schrift: "Wendet einer sein Ohr ab, um die Lehre nicht zu hören, dann ist sogar sein Gebet ein Greuel." (Sprichwörter 28,9)

 

2. Nur dem Gebet im Namen Jesu wurde Erhörung verheißen. Niemals aber bittet in diesem heiligsten Namen, wer um Dinge bittet, die dem Heil entgegen sind. Wie soll Gott den Menschen erhören, der um Dinge bittet, die in sich selbst ungerecht, oder eitel, oder verderblich sind? Auch bittest du wohl um Gesundheit, Reichtum, Ehre, oder um zeitliche Güter, von denen Gottes unendliche Weisheit vorhersieht, dass sie durch Missbrauch Ursache deiner Verdammnis sein würden, und nicht schwerer könnte er dich bestrafen, als wenn er sie dir gewährte. Barmherzigkeit also ist es, wenn er dich dadurch erhört, dass er sie dir versagt.

 

3. Endlich wird zu einem wirksamen Gebet Glauben und Beharrlichkeit erfordert, denn die Gaben Gottes sind es allerdings wert, dass wir eifrig, im festen Vertrauen auf Gottes unendliche Güte, und anhaltend darum bitten. Wie kannst du je Erhörung hoffen, wenn du ohne Ehrfurcht, ohne Andacht, ja ohne Aufmerksamkeit betest, und dadurch selbst Gott beleidigst? Zeigst du dadurch nicht, dass du weder Gott fürchtest, noch an seine Verheißungen glaubst, noch etwas von ihm erwartest? "Herr, lass mein Gebet mir nicht zur Sünde werden!" (Psalm 109,7)

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Betrachtung am 3. Juni - Das Fest der Himmelfahrt des Herrn

 

Mit Sehnsucht, Jesus, blickt mein Herz empor,

Wohin du heute zogst, zum Himmelstor.

O lass mich Armen nicht als Waise hier.

Nimm bald, mein Gott, mich in dein Reich zu dir.

 

1. Stimme dein Herz zu heiliger Freude, denn ein dreifaches, glorreiches Fest feiert heute der Himmel und die Erde. Heute ist das Fest unseres triumphierenden Königs, der Besitz von seinem himmlischen Reich nimmt, und die Krone der Glorie empfängt, die ihm, dem Sieger über Tod und Hölle, gebührt. Mit unaussprechlichem Lob wird er von der göttlichen Dreieinigkeit empfangen, und er, der wegen der Ehre des ewigen Vaters tief unter alles sich erniedrigt hatte, wird nun auf den höchsten Thron der Herrlichkeit zur Rechten des Vaters erhoben, von wo er alles tief unter seinen Füßen sieht, was immer Gottes Allmacht erschaffen hat.

 

2. Es ist aber auch dies glorreiche Fest ein Tag freudigen Jubels für das himmlische Jerusalem, dessen Fürsten die ewigen, bis dahin allen Sterblichen verschlossenen Pforten jauchzend auftun, und ihrem König unter festlichen Hymnen entgegenziehen. Alle Hierarchien der heiligen Engel frohlocken, denn von heute an werden ihre Chöre ergänzt. Die Erstlinge seiner Erlösung, die der triumphierende Gottmensch in die ewigen Burgen einführt, und der göttlichen Dreieinigkeit als seine Siegesbeute darstellt, beginnen bereits mit den himmlischen Heerscharen im Einklang zu singen. Und schon tönt der Lobgesang: "Ihm, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm gebühren Lob und Ehre und Herrlichkeit und Kraft in alle Ewigkeit." (Offenbarung 5,13b)

 

3. Schließlich ist dieses glorreiche Fest der höchste Triumph der menschlichen Natur. Denn heute zieht diese Natur, zu der einst gesprochen wurde: "Du bist Staub, und sollst wieder zu Staub werden!" in den Himmel ein, ewig dort zu herrschen. Epheser 2,6: "Er hat uns mit Christus Jesus auferweckt und uns zusammen mit ihm einen Platz im Himmel gegeben", da wir die Verheißung haben, dass, wo unser Haupt voranging, auch wir, seine Glieder, ihm folgen werden. Er selbst auch sprach: "Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten." (Johannes 14,2b) Dorthin also erheben wir unser zagendes Gemüt, starkmütig auf dem Weg des Kreuzes zu gehen, der uns zu dieser unendlichen Herrlichkeit führt. "Ihr seid mit Christus auferweckt; darum strebt nach dem, was im Himmel ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt." (Kolosser 3,1)

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Betrachtung am 4. Juni - Über die Begründung der Kirche

 

Auf dem Berg erbaut der Herr ein Haus.

Und die Hölle sieht es mit Ergrauen,

Speit mit Ingrimm ihren Geifer aus,

Raubt die Steine, tötet, die da bauen;

Und schon wähnt sie, blind, den Bau vernichtet.

Sieh, da steht er himmelhoch errichtet.

 

1. Erleuchte, Herr, meine Seele, deine abgrundtiefen Ratschlüsse in der Begründung deiner Kirche zu schauen, die als das allerhöchste Werk deiner Allmacht aus deinen Händen hervorging. Staunend betrachte ich, wie du selbst, Herr, dieser Begründung durch arme, einfache, waffenlose Fischer unüberwindliche Hindernisse gesetzt hast. Ja fürwahr, sie selbst sind ein großes Hindernis, und durch ihre Unwissenheit mehr geeignet, dein Werk umzustürzen, als zu gründen. Nicht Gold noch Waffen gibst du ihnen. "Siehe," sprichst du, "ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe!" Ihr Blut sollen sie vergießen und sich erwürgen lassen, den Glauben an unbegreifliche Geheimnisse und die Lehre des Kreuzes in einer ungläubigen und lasterhaften Welt einzuführen. Werden je diese Jünger einen so unerhörten Befehl erfüllen?

 

2. Und siehe, diese Lichtboten teilen den Erdkreis unter sich, und predigen das Kreuz und die Buße. Nie ruhen sie, bis sie dir, ihrem gekreuzigten Herrn, die Welt unterwerfen. Schon ertönt ihr Wort, und die Welt gerät darüber in Wut wie über gottlose Lästerung. Mit allen Schrecknissen bewaffnet sich die Hölle, Juden und Heiden toben, das uralte, seit Jahrtausenden auf dem ganzen Erdkreis fest gewurzelte Götzentum erhebt sich mit seiner ganzen Macht, die Henker peinigen, foltern, enthaupten, verbrennen, zerreißen deine Bekenner, das Schwert mäht Jahrhunderte fort, und mitten unter diesem Blutbad siegt das Kreuz, die Welt ist christlich, und die ermüdeten Henker wandeln aus Wölfen sich in Schafe. Der denkende Geist sinkt nieder und betet im Staub an.

 

3. Wie wunderbar, o Sohn des allmächtigen Gottes, ist deine Weisheit. Nicht Waffen, allmächtige Wunder übergabst du ihren Händen. Deine Kraft siegte in deinen heiligen Blutzeugen, dein göttliches Licht erleuchtete sie, dass sie die Güter der ewigen Glorie schauten. Und so sehr wurden sie von dem Vorgefühl dieser unendlichen Seligkeit durchdrungen, dass sie mitten unter den grausamsten Martern jubelten, und ihre Peiniger zur Verzweiflung brachten, ja nicht selten bekehrten. Glorreich ging deine heilige Kirche aus diesem blutigen Kampf hervor, und steht, trotz der Wut ihrer Feinde, unerschütterlich als das Reich aller Zeiten. "Du allein bist der Gott, der Wunder tut, du hast deine Macht den Völkern kundgetan." (Psalm 77,15)

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Betrachtung am 5. Juni - Dankbarkeit für Gottes Wohltaten

 

Herr, es preise dich mein Leben;

Denn, o Urquell alles Lichts,

Du entriefest mich dem Nichts,

Und hast mich mir selbst gegeben.

 

1. Die Dankbarkeit ist eine Schuld, die wir in demselben Augenblick eingehen, wo wir eine Wohltat empfangen. Und es ist eine Ungerechtigkeit, diese Schuld nicht zu bezahlen. Eine noch schreiendere aber, sie nicht zu erkennen. Erkennst du diese Schuld? Was bist du aus dir selbst? Nichts, und abermals nichts! Wer hat Dasein, Leben, Gesundheit, Fähigkeiten, wer alle Gaben dieses, alle Verheißungen des künftigen Lebens dir gegeben? Kam dir nicht alles aus der Hand der göttlichen Freigebigkeit? Wie aber bezahlst du diese Schuld? Bezahlst du sie nicht jeden Tag, so bist du undankbar und ungerecht, da kein Tag, keine Stunde, ja kein Augenblick vergeht, wo Gott dich nicht erhält und dir Gutes erzeigt. 

 

2. Die Dankbarkeit ist eine Tugend, durch die wir erkennen, dass alles Gute uns von Gott zukommt, und die uns drängt, ihn als unseren allerhöchsten Wohltäter zu verehren, zu lieben, und alles, was wir sind und haben, ihm als seine Gaben anzueignen. Wie übst du diese Tugend? Gedenkst du der göttlichen Wohltaten? Ist dein Herz davon durchdrungen? Rechnest du Gottes Gaben nicht deiner Betriebsamkeit, deinem Fleiß an? Ach, mein Gott, zu meiner Beschämung bekenne ich vor dir, dass ich das undankbarste und ungerechteste deiner Geschöpfe bin. Alles, Herr, verdanke ich dir, mein Undank aber verdiente fürwahr, dass du alle deine Wohltaten mir entziehst.

 

3. Die Dankbarkeit ist schließlich ein Lobopfer, das Gott von uns erwartet, und zu dem seine Schrift uns ermahnt, die spricht: "Bring Gott als Opfer dein Lob, und erfülle dem Höchsten deine Gelübde." (Psalm 50,14) Wann und wie bringst du Gott dieses Lobopfer? Mit jedem Atemzug sollten wir Gott loben und ihm danken, denn jeder Augenblick ist eine Wohltat seiner Hand, die er uns nicht schuldig ist. Sind wir also dankbar Gott gegenüber. Auf unendliche Weise hat er dies um uns verdient. Undank verschließt sich selbst die Pforte der göttlichen Wohltaten, aber gern verleiht Gott seine Gaben einem Herzen, das seine Barmherzigkeit lobpreist. "Dankt für alles; denn das will Gott von euch, die ihr Christus Jesus gehört." (1. Thessalonicher 5,18)

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Betrachtung am 6. Juni - Vom Trost der Hoffnung der Auserwählten

 

Süße Hoffnung, Himmelsfriede,

Du erhebst des Pilgers Herz,

Heilst mit Balsam seinen Schmerz,

Und entzückest das Gemüt,

Das für Ewiges erglüht.

 

1. In allen deinen Trübsalen erhebe deinen Blick mit fester Hoffnung zum Himmel, und alles wird dir erleichtert und versüßt werden. Eine wunderbare Tugend ist diese heilige Hoffnung, die auf dem Glauben an Gottes Verheißungen ruht, und Belohnung hat sie selbst in diesem Leben. Denn gleichwie der Glaube, der festen Schrittes auf dem Weg der Gebote fortschreitet, immer an Licht zunimmt, so dass er bei vollkommenen Seelen der Anschauung nahe kommt: also gewinnt auch auf demselben Weg die Hoffnung eine solche Stärke, dass sie die künftigen Güter gleichsam schon zu besitzen glauben, weil sie die Verschreibung des himmlischen Königs in Händen haben. 

 

2. O wie wunderbar ist die Sicherheit, die Freude, die diese heilige Hoffnung in getreue Seelen ergießt. Mächtig kräftigt sie die Seelen, vorübergehende Dinge zu verachten, himmlische zu lindern, und um ihrer willen alles zu tun und zu leiden. Gleichwie bei Gefahren die Vögel in die Lüfte sich aufschwingen, so erheben heilige Seelen, wenn die Welt sie bedrängt, die Traurigkeit sie peinigt, der Feind ihnen nachstellt, mit den Flügeln dieses Glaubens und dieser Hoffnung sich in die himmlischen Höhen, schauen dort im Geist die ewigen Belohnungen, und ertragen, um sie zu erlangen, Trübsale, Verfolgungen und Schmerzen. Diese Anschauung erfüllte die Apostel und alle heiligen Märtyrer mit unbeschreiblichem Trost in ihren Trübsalen und Peinen. 

 

3. Aber wie wunderkräftig zeigt sich diese Hoffnung heiliger Seelen bei ihrem Tod. Denn wodurch wird der Tod so bitter, so schrecklich? Durch die Anhänglichkeit an dieses Leben und die Angst vor der Rechenschaft und der unglückseligen Ewigkeit. Eine solche Seele aber ist längst von der Erde gelöst, und fern von dieser schrecklichen Angst des Sünders. Ihr Herz glüht vor Verlangen, mit ihrem Gott vereint zu werden. Er war ihr Ziel im Leben, er ist ihre Sehnsucht im Tod. Auf diesen Anker also gestützt, und durch die Trübsale des Lebens gereinigt, erwartet sie voll des feurigsten Verlangens ihr Sterben. Jesus Sirach 1,13: "Dem Gottesfürchtigen geht es am Ende gut, am Tag seines Todes wird er gepriesen."

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Betrachtung am 7. Juni - Die Welt im Gegensatz zum Evangelium

 

O lass, Herr, mich nicht betören

Von dem Trug und Schein der Welt.

Ganz will dir ich angehören,

Und nur tun, was dir gefällt.

Denn dein heiliges Gesetz

Schützt allein vor Satans Netz.

 

1. "Niemand" - spricht der Herr, "kann zwei Herren dienen!" So unmöglich dies ist, suchen dennoch nicht wenige, selbst unter denjenigen, die noch an die göttlichen Offenbarungen glauben, und selig zu werden verlangen, Gott so zu dienen, dass sie es sich mit der Welt nicht verderben. Und der Geist der Lüge überzeugt sie auch leicht von der Möglichkeit. Nicht zerstören zwar kann er das Evangelium, aber wie einst unsere Stammeltern, so überlistet er auch sie. Er sagt nicht, das heilige Gesetz sei ungerecht, sondern nur, es verpflichte nicht mit so großer Strenge, und wer von der verbotenen Frucht isst, werde keineswegs sterben. Dies ist eine Schlinge, in der viele Menschen in den ewigen Untergang gezogen wurden.

 

2. Täuschen wir uns nicht. Weder Gott noch die Welt dulden ein geteiltes Herz. Vielfältiges Wehe sprach Jesus über die Welt aus, und niemals lässt seine Lehre mit den Lehren der Welt, das Kreuz mit ihrer Pracht, Weichlichkeit und ihren Lüsten sich vereinigen. Ständen auch noch so viele falsche Propheten auf, die alles in süßer Weisheit mildern, vereinbaren und in Einklang bringen wollen, so stehen dennoch der Geist Jesu Christi und die Welt einander ewig feindlich gegenüber. Alles, was sie beweisen, ist nur, dass sie den Geist Jesu nicht kennen, der nicht den Frieden brachte, sondern das Schwert, alles zu vertilgen, was dem ewigen Gesetz widerspricht.

 

3. Oft sagte uns Jesus, die Anzahl der Auserwählten sei gering. Deutlich auch spricht der Apostel: "Wer den Geist Christi nicht hat, der gehört nicht zu ihm." (Römer 8,9b) Wo finden wir aber den Geist Jesu Christi, den Geist der Demut und des Kreuzes, der Abtötung und Selbstverleugnung in den Gedanken, Unterredungen, Neigungen, Planungen, Lustbarkeiten, Vorurteilen, im Geiz, der Rachsucht, Habgier, dem Stolz und den Unreinheiten der Welt? Schöne Namen erfand sie, alle Torheiten und Laster zu verharmlosen. Aber hüten wir uns vor diesen Blumen, unter denen die alte Schlange lauert. "Aber das Tor, das zum Leben führt, ist eng, und der Weg dahin ist schmal, und nur wenige finden ihn." (Matthäus 7,14)

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Betrachtung am 8. Juni - Von der Furcht vor den göttlichen Gerichten

 

Prüfest, Herr, du die Vergehen:

Wer kann je vor dir bestehen.

Es erzittert mein Gebein,

Denke ich an dein Gericht.

Selbst die Himmel sind nicht rein,

Herr, vor deinem Angesicht.

 

1. Wenn ich, Herr, deine Gerichte betrachte, dann erzittert mein Gebein in mir, und es vergeht mein Geist bei dem Gedanken, dass ich bald vor deinem Richterstuhl erscheinen muss. "Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen!" ruft dein Apostel aus. (Hebräer 10,31) Selbst deine Heiligen, die ihr ganzes Leben in Unschuld und Buße verlebt hatten, erbebten in ihrer letzten Sunde, ob sie auch nichts Böses sich bewusst waren. Denn sie wussten, dass deine Augen bis ins Innerste der Gedanken dringen, und dass deine Urteile unendlich verschieden von dem Urteil der Menschen sind.

 

2. Zittert aber die Zeder auf dem Libanon, was soll dann das Rohr in der Wüste. Erbebt die Unschuld und Heiligkeit, nicht rein befunden zu werden vor deinen Augen: wie soll die tägliche und veraltete Bosheit nicht erbeben? "Und" - spricht dein Apostel - "wenn der Gerechte kaum gerettet wird, wo wird man dann die Frevler und Sünder finden?" (1. Petrus 4,18) Wenn Jeremias, der noch im Mutterleib geheiligt worden war, deinen Zorn so sehr fürchtete, dass er nicht wusste, wohin er fliehen kann: was soll ich tun, der ich in Sünden empfangen wurde, und unaufhörlich in Sünden lebte? Ach, was wird es sein, wenn das Buch unseres Lebens aufgeschlagen wird, wenn die verborgenen Missetaten ans Licht treten, wenn du die Gnaden schauen wirst, die zu deinem Heil dir gegeben waren, und die du in den Wind geschlagen hast?

 

3. Psalm 143,2: "Herr, geh mit deinem Knecht nicht ins Gericht; denn keiner, der lebt, ist gerecht vor dir." Durchforschst du mein Leben und meine Sitten ohne Barmherzigkeit, dann verschwindet alle meine Hoffnung. Denn nichts finde ich, mich zu rechtfertigen. Auf tausend Fragen finde ich keine Antwort, keine Entschuldigung. Verstummen muss ich, wenn du die Ärgernisse mir vor Augen stellst, die ich gegeben habe. Still werden muss ich angesichts der Beispiele deiner getreuen Diener, die zur Besserung meines Lebens mich ermahnten. Herr, mein Gott, in Zerknirschung meines Herzens falle ich zu den Füßen deiner Barmherzigkeit nieder und bitte in Demut: "Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn, und züchtige mich nicht in deinem Grimm!" (Psalm 6,2)

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Betrachtung am 9. Juni - Ergebung in Leiden

 

Herr, aus tiefbetrübtem Herzen

Tönt mein traurig Lied zu dir.

Doch mein Trost sind Kreuz und Schmerzen,

Denn du sandtest selbst sie mir;

Und nur dadurch kann ich rein,

Und dir, Jesus, ähnlich sein.

 

1. Gepriesen, mein Gott, sei dein heiliger Name in dieser Stunde. Denn deine Hand ist es, die diese bitteren Trübsale mir sendet. Immer aber wird deine Hand von deinem Herzen, und dein Herz von deiner Liebe geleitet. Darum auch, mein Gott, ist deine Züchtigung mir nicht sowohl ein Zeichen deines Zornes, als ein Beweis deiner Liebe. Willkommen also sei mir deine Zuchtrute, denn du strafst als Vater, und weniger schwer als die Hand der Menschen ist deine Hand, weil deine Barmherzigkeit sie führt. Fällt auch die Pein des Augenblicks der Natur schmerzlich, so ist doch deine milde Strafe eine heilsame Arznei, die meine Seele reinigt, heilt und erleuchtet.

 

2. Unendlich mehr, mein Gott, - dies erkennt meine Seele, - haben meine Sünden und meine Nachlässigkeit verdient. Denn, fürwahr, ein böser Knecht bin ich, der ich den Willen meines Herrn erkannt, und nicht getan habe. Und gut tut es mir, dass du in dieser Zeit mich gelinde bestrafst, um mich nicht auf ewig zu verwerfen. Auch ist es mir ein großer Trost, dass du, wenn du mich bestrafst, und nichts Gutes in mir findest, das deiner Belohnungen würdig ist, wenigstens Schmerz und Elend findest, die deiner Erbarmungen würdig sind. Darum, o mein Gott, bitte ich dich: Sende mit dem Kreuz mir zugleich Geduld, damit ich es zu deiner Ehre trage, deine Gerechtigkeit besänftige, und deine Gnade verdiene.

 

3. Was auch, o Jesus, mein Gott und Erlöser, sind alle meine Leiden, wenn ich sie mit den unsagbaren Schmerzen vergleiche, die du in unendlicher Liebe am heiligen Kreuz erlitten hast, von ewigen Schmerzen mich zu befreien. O gib mir einen Funken dieser feurigen Liebe, dass mein ganzes Herz für dich erglüht, und ich im Leiden mich dir gleichförmig bilde. Nimm, Herr, dieses geringe Leiden als ein Opfer auf, das ich dir, meinem gekreuzigten Heiland, bringe, und vereinige es mit deinem unermesslichen Opfer, damit es dadurch geheiligt, und deinem himmlischen Vater wohlgefällig werde. Mit dir, meinem göttlichen Heiland, spreche ich: "Vater, nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen!" (Lukas 22,42b) 

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Betrachtung am 10. Juni - Vom himmlischen Adel der Kinder Gottes

 

Ach, wann wird die Zeit erscheinen,

Die, mein Schöpfer, selig mich

Mit den Deinen wird vereinen,

Dich zu loben ewiglich.

Tag und Nacht verlangt in Schmerz

Nur nach dir mein sehnend Herz.

 

1. Erhebe deinen Sinn und deine Gedanken oft mit freudiger Hoffnung zum Himmel, auf den dein Heiland dir ein Recht und Ansprüche erworben hat, und erwäge die ergreifenden Worte seines geliebten Jüngers: "Seht, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es." (1. Johannes 3,1) Über allen Begriffen steht fürwahr diese unendliche Liebe unseres Gottes zu uns armen Sterblichen, dass diese ewige Majestät uns würdigt, unser wahrer Vater durch zarte Vaterliebe, durch beständige Wohltaten und durch ewige Verherrlichung in seinem Schoß zu sein. Denn nicht nur werden wir Kinder Gottes genannt, sondern wir sind es auch. So hegen wir denn Gesinnungen, die dieses himmlischen Adels würdig sind. 

 

2. Diese Aufnahme in die Kindschaft Gottes hat sein eingeborener Sohn, "der Erstgeborene unter vielen Brüdern" (Römer 8,29b), uns wahrhaft und wesentlich erworben. Feierlich sprach er dies aus, als er seinen Jüngern verkündigen ließ: "Geh aber zu meinen Brüdern, und sage ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott." (Johannes 20,17b) Er selbst erwirkte uns diese göttliche Kindschaft. Sie war das Ziel seiner Menschwerdung, seiner Leiden, seines Todes, seiner ewigen Verherrlichung. Nicht leere Worte sind dies, sondern Wahrheiten, die unser Herz mit ewigem Dank und ewiger Liebe durchdringen sollen. 

 

3. "Liebe Brüder, jetzt sind wir Kinder Gottes. Aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden. Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist." (1. Johannes 3,2) Noch tragen wir das Pilgergewand. Wenn wir es aber ablegen, und die Offenbarung der großen Herrlichkeit Gottes schauen werden, dann wird unsere Würde dem ganzen himmlischen Hof kund werden. Welche Seligkeit liegt in diesen Worten! Aber es fügt der heilige Apostel bei: "Jeder, der dies von ihm erhofft, heiligt sich, so wie er heilig ist." (1. Johannes 3,3) Dies also muss von nun an unser einziger Gedanke, unsere einzige Beschäftigung sein. Dahin müssen alle Werke unseres Lebens zielen. Offenbarung 22,12: "Siehe, ich komme bald, und mit mir bringe ich den Lohn, und ich werde jedem geben, was seinem Werk entspricht." 

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Betrachtung am 11. Juni - Vom Misstrauen gegen sich selbst

 

Nichts, mein Gott, sind meine Werke,

Nichts auch bin ich selbst aus mir;

Aber bist du meine Stärke,

Groß ist dann ihr Wert vor dir.

 

1. Sei vorsichtig in allen Dingen und hüte dich vor Vermessenheit, denn eine traurige Erfahrung zeigte dir, - und zwar leider nicht nur einmal, - wohin dein falsches Vertrauen auf deine Stärke dich führte. Nicht wenige, sogar gerechte Menschen wurden durch ihren Schaden weise. Auch Petrus fiel nur darum, weil er vermessen auf sich selbst vertraute. Wir selbst sind unser ärgster Feind, und darum auch müssen wir beständig vor unserem eigenen Herzen auf der Hut sein. Deswegen ermahnt uns der Apostel und spricht: "Wer also zu stehen meint, der gebe acht, dass er nicht fällt." (1. Korinther 10,12) 

 

2. Müssen wir aber auch in allen Dingen unserer Schwäche billig misstrauen, so darf doch unser Misstrauen niemals bis zur Kleinmütigkeit gehen. Denn es gibt auch solche, die ihren Fähigkeiten und ihrer Tugend aus falscher Demut misstrauen, es nicht wagen, etwas Wichtiges zu tun, ihrer Pflichten überdrüssig werden, und sich weigern, schwierige Arbeiten zu ergreifen. Diese verwechseln das Misstrauen mit der Trägheit, und sind im eigentlichen Sinn unnütze Knechte. Willst du daher in Gottes heiligem Dienst etwas ausrichten, so begib dich nicht mutwillig in Gefahr, weigere dich aber auch nicht dahin zu gehen, wohin die Pflicht oder die Nächstenliebe dich ruft, und schreite zwischen Vermessenheit und Kleinmütigkeit in die Mitte.

 

3. Bei allen Dingen erhebe den Blick zum Herrn, der das Ziel deiner Arbeiten ist, und sprich mit dem Apostel: "Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt." (Philipper 4,13) Denn so sehr der Gerechte sich selbst misstraut, so fest ist sein Vertrauen auf den Herrn. Lässt aber Gott es zu, dass etwas ihm misslinge, so wird er darum nicht missmutig, weil er nichts Gutes von sich erwartete. Befolgen wir die sehr weise Regel der Heiligen, und ergeben wir uns allen unseren Arbeiten mit so großem Eifer und Fleiß, als hinge aller Erfolg von uns allein ab, und erwarten wir dann alles so gänzlich von Gottes Hand, als hätten wir selbst nichts dabei getan. "Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat." (Psalm 124,8)

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Betrachtung am 12. Juni - Die wahre Frömmigkeit ist nicht wunderlich

 

O gib mir, Jesus, deiner Sanftmut Sinn;

Er lehre mich der Liebe Klippen fliehen

Und andere zu deinem Dienste ziehen;

Dies ist der Tugend seligster Gewinn,

Die nur durch deine Liebe sich ernährt,

Und durch Geduld in Liebe sich bewährt.

 

1. Die wahre Frömmigkeit ist einfach in ihrem Leben, und zeichnet sich nicht sowohl durch ihre Handlungen, als durch die reine Absicht bei ihnen aus. Sie spricht, erfreut und unterhält sich sogar auf verdienstvolle Weise, weil sie Gottes Gegenwart nie aus den Augen verliert, und ist auch, selbst im Umgang mit den Kindern dieser Welt, so freundlich, dass sie sie nicht ablehnen können. Darum waren auch die größten Heiligen gewöhnlich die Freundlichsten aller Menschen. Also ließ auch unser liebevoller Erlöser, wie streng auch seine Sittenlehre war, dennoch sich herab, bei einem Pharisäer, bei einem Zöllner zu speisen, einer Hochzeit beizuwohnen, und so freundlich mit den Sündern sich zu unterhalten, dass man den Leib selig pries, der ihn getragen hatte.

 

2. Dieser göttliche Heiland muss auch hier unser Vorbild sein. Nur eine falsche Frömmigkeit ist wunderlich, schwierig, und verstößt gegen gute Gebräuche der Gesellschaft. Immer lehrt und ermahnt sie zur Unzeit, arbeitet und wacht, wenn sie ruhen, sammelt sich im Innern, wenn sie unschuldig sich erheitern sollte, fällt durch ihre Rechthaberei und ihren Tadel allen zur Last, und wirkt durch ihr sonderbares Betragen dahin, dass sie manche guten Seelen verscheucht, die sie leicht hätte zu Gott führen können, wenn sie weniger eigensinnig und liebevoller im Umgang wäre. Hüten wir uns vor diesem Weg, wodurch die wahre Frömmigkeit verkannt und verhasst wird.

 

3. Immer ist die wahre Frömmigkeit vom Geist der Liebe beseelt, die, wie der Apostel spricht, "geduldig, gütig ist, alles erträgt, nichts Böses denkt" (1. Korinther 13), nach den verschiedenen Gemütern sich richtet, mit den Fröhlichen sich erfreut, und mit den Weinenden weint. Der heilige Apostel, der diese Lehren erteilt, übte sie selbst mit wundersamer Anmut, und zielte durch die Sanftmut seines Lebens dahin, allen Liebe zur Frömmigkeit einzuflößen, wie er auch selbst spricht: "Auch ich suche allen in allem entgegenzukommen; ich suche nicht meinen Nutzen, sondern den Nutzen aller, damit sie gerettet werden." (1. Korinther 10,33) "Du aber, . . . strebe unermüdlich nach Gerechtigkeit, Frömmigkeit, Glauben, Liebe, Standhaftigkeit und Sanftmut." (1. Timotheus 6,11) 

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Betrachtung am 13. Juni - Am Pfingstfest

 

Von der Herabkunft des Heiligen Geistes

 

Deine heil`ge Siebengabe,

Heil`ger Geist, begnade mich;

Sie ist Stärke, Trost und Labe,

Und erleuchtet wonniglich.

Deine süße Gnadenflut

Stillt der bösen Triebe Glut.

 

1. Wie wunderbar, wie hochgewaltig ist die Kraft des Heiligen Geistes. Gleichwie durch einen heftigen Sturm werden bei seiner Ankunft urplötzlich das Haus, wo die Jünger in tiefinnigem Gebet ihn erwarten, und mehr noch die Herzen dieser einfachen und furchtsamen Jünger selbst erschüttert. Und sieh, da leuchtet das Feuer dieses Heiligen Geistes in Gestalt feuriger Zungen über ihnen. Der Allerhöchste, der den Menschen nicht zu einem puren Geist, sondern mit körperlichen Sinnen erschaffen hatte, verschmähte es nicht, ihm unter sinnbildlichen Zeichen zu erscheinen. Und er zeigte durch diesen Sturm die gewaltige Umwandlung, die der Welt bevorstand, und erleuchtete durch dies himmlische Feuer den Verstand dieser Jünger, und entzündete ihr Herz zur feurigsten Liebe.

 

2. Unermesslich ist die Menge der Fremden beim hohen Pfingstfest zu Jerusalem: Männer aus Judäa, aus Pontus, aus Ägypten, aus Lybien, Phrygien, aus den entferntesten Ländern. Und starr vor Erstaunen hören sie diese ungelehrten Fischer, jeglichen in seiner Landessprache, reden. Wer aber ist der gewaltige Redner, der, gleich als wäre er über dem Studium der Schriften ergraut, die Gottheit des gekreuzigten Jesus so siegreich beweist, und die Häupter der Synagoge über ihren Gottesmord so unerschrocken straft, dass diese erzittern, jene aber zu Tausenden an die Brust schlagen und die Taufe begehren? Dies ist nämlich der Petrus, der vor wenigen Tagen noch vor der Stimme einer schwachen Magd gezittert hat. O wunderbare Umwandlung der Rechten des Allerhöchsten.

 

3. Nimmermehr aber versiegte die Kraft dieses Heiligen Geistes. Dies heilige Feuer seiner Liebe wandelte schwächliche Jungfrauen und Kinder in Helden um, die den Glauben an den Gekreuzigten freudig mit ihrem Blut besiegelten. Dies Feuer wandelte und wandelt noch täglich unzüchtige Böcke in keusche Lämmer, Geizige und Ehrsüchtige in entsagende Büßer um, ja es wandelt dich selbst um, - wenn anders du umgewandelt bist, - denn nimmermehr in sich findet der Mensch die Kraft, seinen Lastern und sündhaften Leidenschaften sich zu entreißen. Dies ist die Kraft des Heiligen Geistes, "dies die Liebe Gottes, die ausgegossen ist in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist." (Römer 5,5b)

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Betrachtung am 14. Juni - Wirkungen des Heiligen Geistes

 

Entzünde, heil`ger Geist, mit einem Blitz

Der heil`gen Liebe meine kalte Seele,

Und nimm darin dann deinen Wonnesitz:

Dass sie durch dich die göttlichen Befehle

In Schmerz und Freude gleich getreu vollbringe,

Und deiner Gnade Lobgesänge singe.

 

1. Betrachte die wunderbaren Wirkungen des göttlichen Geistes. Den Tröster und den Geist der Wahrheit nennt Jesus ihn, der Zeugnis von ihm geben wird: damit auch wir von Jesus Zeugnis geben. Nimmermehr hätten, ohne die übernatürliche Kraft seines himmlischen Trostes, die Apostel den Tod und alle Leiden besiegt, die sie bei der Verkündigung des Evangeliums erlitten. Und nicht nur bei ihnen, sondern fortwährend wirkt dieser göttliche Geist, seit seiner Sendung, in den Herzen aller wahren Gläubigen. Er kräftigt uns durch den starken Trost seiner Liebe, uns selbst Gewalt anzutun, alle Feinde unseres Heils zu besiegen, und die Gottheit, die Erlösung und das Mittleramt Jesu Christi standhaft gegen alle seine Widersacher zu verteidigen, damit die heilige Kirche bis ans Ende der Zeiten siegreich fortbestehe.

 

2. Dieser Heilige Geist ist auch der Geist der Wahrheit, der irreligiöse Irrsale besiegt und zerstreut, über die Wahrheiten des Glaubens uns innerlich erleuchtet, den Geist des Evangeliums unseren Herzen einprägt, das Nichts vergänglicher Dinge, die Wege des Heils, die unsterblichen Belohnungen der Ewigkeit durch sein innerliches Licht uns zeigt, und unseren Glauben dergestalt kräftigt, dass wir lieber das Leben, als diesen göttlichen Glauben opfern. Sehr viele solcher tapferen Streiter zählte die Kirche zu allen Zeiten. Reihen auch wir uns an sie an, und entsprechen wir den Eingebungen des Heiligen Geistes getreu, denn nur in seiner Schule werden Himmelsbürger erzogen.

 

3. Der Heilige Geist ist wesentlich der Geist der Heiligung in allen Seelen, die zur Heiligkeit gelangen. Prüfen wir aber uns selbst, in wiefern wir seinen göttlichen Anregungen folgten. Sind unsere Gedanken und Absichten geheiligt? Zielen sie nach Gottes Liebe und Verherrlichung? Ist unser Herz von der Welt gelöst? Hassen wir die Sünde über alles? Haben wir unsere Leidenschaften unterjocht? O welche große Arbeit bleibt uns noch, bis wir hierin zur Vollkommenheit gelangen? Doch werden wir nicht mutlos, sondern rufen wir diesen Geist der Wahrheit, des Trostes und der Heiligung inbrünstig an, und seine Gnade wird uns erleuchten und stärken. "Wir wollen Gott so dienen, wie es ihm gefällt, in ehrfürchtiger Scheu." (Hebräer 12,28b)

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Betrachtung am 15. Juni - Von unseren täglichen Werken

 

Sieh, ein Gast, gehst du vorüber;

Sammle dir nicht eitlen Tand;

Sende Schätze dir hinüber,

Wo du bleibst, ins Vaterland.

Sammle Gold der Liebe ein,

Dann wirst ewig reich du sein.

 

1. Höre die Ermahnung deines Herrn: "Sammelt euch Schätze im Himmel!" (Matthäus 6,20), und präge diese beiden Wahrheiten dir tief ins Herz, dass dein Aufenthalt in diesem fremden Land nicht lange mehr dauern wird, und dass du in der Heimat, wohin du pilgerst, nichts finden wirst, als was du selbst dahin voran sandtest. Gott kann zwar, wen du ihn demütig und bußfertig darum bittest, deine Vergehen dir erlassen. Hast du aber einmal das Pilgerkleid abgelegt, dann kann er, so allmächtig er auch ist, keine anderen deiner Werke belohnen, als die du zu seiner Ehre getan hast. Darum ruft die apostolische Posaune uns allen zu: "Denkt daran: Wer kärglich sät, wird auch kärglich ernten; wer reichlich sät, wird reichlich ernten." (2. Korinther 9,6)

 

2. Sieh, ein Pfennig ist zwar gering, aber viele Pfennige, jeden Tag weise gesammelt, geben am Ende eines Menschenlebens eine ungeheure Summe. Also verhält es sich mit unseren täglichen Werken. Eine geringe Selbstüberwindung, ein kleines Almosen aus gutem Herzen, ein friedliches Erdulden körperlicher Schmerzen, eines harten Wortes, einer Kränkung, ein freundliches Wort zu dem Beleidiger, eine milde Fürsprache für den Nächsten: dies sind dem Anschein nach geringe Dinge, aber ihr Wert übersteigt alle menschlichen Begriffe, denn sie wirken, nach dem Ausdruck der Schrift, ein ewiges Gewicht an Herrlichkeit. (2. Korinther 4,17) 

 

3. Betrachte auch den liebevollen Willen deines Schöpfers. Er fordert gerechte Werke von dir, und zwar sogar unter schweren Drohungen. Warum das? Bringen sie ihm etwa Gewinn? "Tust du recht, was gibst du ihm, oder was empfängt er aus deiner Hand?" (Ijob 35,7) O unerschaffene Güte, gleich einer liebevollen Amme drängt die Fülle deines unendlichen Reichtums dich, die Milch deiner Liebe zu schenken. Und je mehr wir durch gute Werke dich dazu drängen, um so mehr erfreuen wir dein Vaterherz. Wo ist eine Seele, die diese unendliche Liebe betrachtet, und die, wäre sie auch zu verdrossen, um ihrer selbst willen dir zu dienen, nicht durch diese Betrachtung zu feurigem Eifer entzündet würde? "Herr, mein Herz ist bereit, dein Gesetz zu erfüllen bis ans Ende und ewig, um deiner überschwänglichen Vergeltung willen." (Psalm 119,112)

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Betrachtung am 16. Juni - Vom Kampf gegen die innerlichen Feinde

 

Meine Seele, Ruhm und Sieg

Glänzet nur im Kampf und Krieg;

Und die goldne Siegeskrone

Wird dem Tapfern nur zum Lohne.

 

1. "Ist nicht Kriegsdienst des Menschen Leben auf der Erde?" (Ijob 7,1) Dieser Kriegsdienst beginnt beim Erwachen unserer Vernunft und dauert, bis der Todesengel zum Abzug bläst. Wir, die wir bereits in der Taufe die Rüstung Christi angezogen haben, und als Streiter seines Heeres in seine Rollen eingeschrieben sind, haben uns verpflichtet, gegen seine Feinde zu streiten, die nicht weniger auch unsere sind. Zwischen diesen beiden Heeren gibt es keinen Waffenstillstand. Wer nicht streitet, wird als überwunden betrachtet. Zeugen bei diesem Kampf sind Engel, und nicht selten auch Menschen. Der Kampfrichter aber ist Gott, der, je nach unserer Tapferkeit, ewige Siegeskronen uns reichen wird. 

 

2. Die Feinde, gegen die wir besonders kämpfen müssen, sind, wie unser Feldherr selbst uns lehrt, unsere Hausgenossen, nämlich die innerlichen Feinde, unsere Fehler, Leidenschaften und Laster. Edle, starke und geübte Helden ziehen beim Kampf gegen diese Philister sogleich auf den Riesen Goliath los, weil, wenn ihm das Haupt abgeschlagen ist, die übrigen Feinde leicht zu überwinden sind. Und ruhmwürdig ist allerdings dieser Kampf, der unfehlbar zum Sieg führt. Denn ist einmal der Quell verstopft, dann hört das giftige Gewässer von selbst auf zu fließen, und ist die Hauptleidenschaft überwunden, dann legen sich allmählich auch die übrigen.

 

3. Blicke hin auf so viele gekrönten Streiter Jesu Christi, ihr Anblick wird dich ermutigen. Verlass ja den Kampfplatz nicht, ob du auch anfangs sogar verwundet wirst. Denn ein starker, tiefgewurzelter Baum fällt nicht auf den ersten Streich. Allmählich wirst du mit der Hilfe des Herrn siegen lernen und Triumphgesänge anstimmen. Sähest du die Siegeskrone, die der Herr dir bereitet: wie eifrig würdest du zum Kampf sein. Offenbarung 3,21-22: "Wer siegt, der darf mit mir auf meinem Thron sitzen, so wie auch ich gesiegt habe und mich mit meinem Vater auf seinen Thron gesetzt habe. Wer Ohren hat, der höre." Muss nicht eine solche Verheißung auch den Feigherzigsten ermutigen? Psalm 18,38: "Ich verfolge meine Feinde und hole sie ein, ich kehre nicht um, bis sie vernichtet sind."

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Betrachtung am 17. Juni - Gottes Dasein

 

Gott, Herr und Schöpfer der Natur,

Dich beten alle Wesen an;

Du leitest sie auf ihrer Bahn;

Und alle zeigen deine Spur.

 

1. Herr, mein Gott, was tut der Mensch, der dem Menschen das Dasein der Sonne beweisen will! Und erniedrigt nicht die Vernunft des Menschen, wer das Dasein des Schöpfers der Sonne ihm beweisen wollte? Dennoch ist die Welt voll der Gottlosen, die in ihrem Herzen sprechen: "Es gibt keinen Gott!" Wer kann je das Auge zu deiner wundervollen Schöpfung erheben, die höchst geordnete Abstufung so zahlloser Wesen schauen, den Glanz der unermesslichen Gestirne des Firmaments, ihren regelmäßigen Lauf, und die erstaunliche Übereinstimmung der Natur in allen ihren Teilen betrachten, die so wundersam verschieden, und dennoch durch das innigste Band vereint sind, - ohne dich, ihren allmächtigen Urheber, zu erkennen? 

 

2. Ein lauter Schrei der Natur ist dies, der durch alle Gemüter dringt, und alle von deinem glorreichen Dasein überzeugt. Denn aus allen diesen wunderbaren Werken leuchtet eine unendliche Allmacht und Weisheit. Woher auch alles Gute, Schöne, Liebliche in der Natur, vom glänzendsten Gestirn des Himmels bis zur letzten Blume des Feldes, wenn nicht aus dem lebendigen Urquell aller Güte, Schönheit und Lieblichkeit? Alle Werke deiner grenzenlosen Schöpfung preisen dich, o Gott, als den Ursprung ihres Daseins, als den König der Ewigkeit, als die unendliche Allmacht, Weisheit, Güte und Gerechtigkeit.

 

3. Wie also, mein Gott, spricht der gottlose Tor in seinem Herzen: "Es gibt keinen Gott!" Doch spricht dies auch sein Herz, so spricht es doch nimmermehr sein Verstand. Ja selbst sein Herz straft ihn Lügen, da auch er in plötzlichen Schrecknissen, auf Antrieb der Natur selbst, zu dir aufschreit. Bittere Pein ist ihm dein göttliches Dasein, weil er allen Lastern und Ausschweifungen sich überlassen will, und das innerste Bewusstsein deiner Gerechtigkeit ihn foltert und zu dem Wunsch verleitet, dass es keinen Gott gibt, der seine Versprechen sieht und bestraft. So wie aber dieser Glaube an dich, mein Gott, den er vergeblich sich bemüht zu ersticken, die peinlichste Folter des Gottlosen ist, also ist er die schönste Freude deiner Diener. Psalm 90,2: "Ehe die Berge geboren wurden, die Erde entstand und das Weltall, bist du, o Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit."

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Betrachtung am 18. Juni - Über die heiligen Geheimnisse der Religion

 

Herr, unser Gott, wie bist du wunderbar.

Dem treuen Glauben ist dein Ausspruch klar;

Der Frevler aber, der dich will ergründen,

Wird in dem Licht der Majestät erblinden.

 

1. Wir leben hier auf der Erde noch in dem geheimnisvollen Helldunkel des Glaubens. Zwar ist die Wahrheit unser Licht, doch ist es noch von Wolken umschleiert, und erst in der Heimat des Lichts, zu der wir pilgern, werden wir sowohl die Geheimnisse der göttlichen Offenbarung als der Natur in ihrer vollen Klarheit schauen. Wäre unsere Religion ohne unerfassliche Geheimnisse, so wäre sie keine göttliche Religion. Denn unendlich und unbegreiflich ist unser Gott, und notwendig müssen seine Offenbarungen und Geheimnisse mit diesem Siegel seiner unendlichen Unbegreiflichkeit besiegelt sein. Der Menschengeist, der die unfasslichen Ratschlüsse Gottes begreifen will, wäre ähnlich einem Kind, das alle Gewässer des Meeres in die hohle Hand fassen möchte.

 

2. Wie in der Natur, also ist auch in der Religion unser Gott sichtbar und verborgen zugleich. Sichtbar ist er in dem himmlischen Licht, in dem wir die Sendung seines Eingeborenen schauen, dessen Kreuz den Erdkreis umwandelte. Verborgen aber ist er in seinen Offenbarungen, weil wir durch den Glauben seiner Wahrheit huldigen, und durch diese Huldigung die glorreiche Anschauung verdienen müssen. Vollkommene Gewissheit haben wir, dass er sich herabließ, der Menschheit sich zu offenbaren. Und es ist die Aufgabe der Vernunft, den Menschen von dieser Gewissheit zu überzeugen, dann aber der Religion ihn zu übergeben, damit sie ihn zu seiner erhabenen Bestimmung führt, wohin sie selbst ihn nicht zu führen vermag.

 

3. In wunderbarem Zusammenhang stehen alle heiligen Geheimnisse der göttlichen Religion. Nimm einen Stein aus diesem göttlichen Gebäude, und das Ganze zerfällt in Trümmer. Das Geheimnis des eingefleischten Wortes setzt das Geheimnis der göttlichen Dreifaltigkeit, das Geheimnis der Erlösung, das Geheimnis der ursprünglichen Schuld voraus. Und die Geheimnisse der Gnade hängen am Geheimnis der Erlösung. Eine Schuld von unendlicher Bosheit, ein Erlöser von unendlichen Verdiensten, eine unendliche Belohnung, eine unendliche Gerechtigkeit, beide eines unendlichen Gottes würdig: dies sind die anzubetenden Geheimnisse unseres Glaubens, die das blinde Irrgerede weder unserer Tage noch aller Zeiten je stürzen wird. Wer diese unbegreiflichen Geheimnisse verwirft, stürzt sich in unbegreiflichen Irrtum. "Deine Gesetze, Herr, sind fest und verlässlich." (Psalm 93,5)

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Betrachtung am 19. Juni - Unfasslichkeit der göttlichen Natur

 

O Gott, du unzugänglich hohes Licht,

Was spricht von dir der Mensch, der Wurm im Staube.

Der Cherub sieht entwölkt dein Angesicht,

Und fasset ewig deine Fülle nicht;

Und sieh, es fasst sie hier der treue Glaube. 

 

1. Unendliche Majestät, ewige, unwandelbare Urschönheit, Allmacht und Weisheit, in Ohnmacht versinkt mein Geist, wenn er den Blick zu dir erhebt, dich zu erkennen, seinen Schöpfer, um durch diese Erkenntnis zu deiner heiligen Liebe sich zu erwecken. Je tiefer er in diesen uferlosen Ozean eindringt, um so mehr erblindet er in deinem göttlichen Urlicht. Denn enge Grenzen sind der endlichen und beschränkten Fassungskraft des Menschen gezogen. Deine Glorie aber übersteigt unendlich die Fassungskraft aller erschaffenen Geister, und so wenig, ja unendlich weniger reicht eine erschaffene Fassungskraft an dein unzugängliches Licht, als ein Zwerg, der seine Hand ausstreckt, die Wolken des Himmels berührt.

 

2. Was also soll die sterbliche Zunge lallen von dir, o unerfassliche Majestät, da selbst die lichten Seraphim in der schleierlosen Anschauung ihr Antlitz mit ihren Flügeln bedecken, und in sprachlosem Erstaunen dich anbeten. Was immer der erhabenste menschliche Verstand von deiner unendlichen Fülle und Herrlichkeit auszusprechen sich erkühnt, ist, wie entzückend es auch im sterblichen Wort lauten mag, dennoch weit mehr von der Wirklichkeit entfernt, als ihr entsprechend. Ja auch, was die erhabensten Geister von deiner unerschaffenen Urschönheit und Majestät erfassen, sind nur wenige Tropfen, und gegen deine in alle Ewigkeit nie zu überschauende Fülle nicht zu vergleichen.

 

3. O ewig anzubetende Majestät! Selbst die Erkenntnis des glorreichsten Geistes, den deine göttliche Allmacht erschaffen kann, würde, übersteigt sie auch die Fassungskraft aller erschaffenen Wesen, dennoch als Nichts verschwinden, da auch das allerhöchste Geschöpf von Grenzen umschrieben, und, gegen deine unermessliche Fülle verglichen, weniger als der geringste Tropfen gegen das Weltmeer ist. Dies, Herr, mein Gott, ist das unzugängliche Licht, in dem du allein wohnst, der du allein dich vollkommen erkennst, allein deine ewige Glorie und Seligkeit bist. Preis und flammender Dank dir, der du die Augen der Vernunft und des Glaubens mir verliehen hast, durch die ich wenigstens im Spiegel und Rätsel dies schaue, denn entzückt dieser Schatten schon das Herz: wie unbeschreiblich wird sein Jubel in deiner glorreichen Anschauung sein. "Ihm, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm gebühren Lob und Ehre und Herrlichkeit und Kraft in alle Ewigkeit." (Offenbarung 5,13b)

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