Unterm Angelus-Läuten

 

Aus: Kriegsbilder aus Spanien, 1864, Berlin, Dt. Verl.

 

1. Zavala, ein wohlhabender Edelmann aus Biscaya, hatte das Schwert für Don Carlos, Infant von Spanien, gezogen. Die feindlichen Scharen brachen in seine Besitzungen ein, raubten und verwüsteten seine Habe, brannten sein Haus nieder, und führten seine beiden Töchter, zwei schuldlose Kinder, mit sich hinweg. Das Herz des Vaters erbebte, der Kampf wurde ohne Erbarmen geführt und gegen den Feind waren alle heiligen Rechte der Menschheit erloschen. Dennoch, obgleich Zavala wusste, welch ein Geschick seine Kinder bedrohte, wankte er nicht in dem, was er für Recht hielt, und fuhr fort, mit ungebeugtem Mut für die Sache des Don Carlos zu kämpfen. Er war den Christinos damals der gefürchtetste Guerillaführer; umsonst machte man alle Anstrengungen, ihn zu bewältigen und seine Streitgenossen zu vertilgen. Siegend, oder auch besiegt, zog er sich nach jedem blutigen Kampf in seine Felshorste zurück, wohin ihm die Feinde nicht folgen durften. Diese nahmen nun zu einer beispiellosen Grausamkeit ihre Zuflucht. Wenn sie auszogen, um Zavala anzugreifen, so schleppten sie dessen Kinder mit und stellten sie in die vordersten Reihen als Schutzwehr gegen den Vater auf. Wenn seine Guerillas nunmehr die todbringende Kugelbüchse erhoben, musste der Vater fürchten, seine Kinder zu töten. Da brach des Mannes starker Felsensinn. Er begann, um das Leben seiner Kinder nicht zu bedrohen, den Kampf mit seinen Gegnern zu vermeiden. Aber der Gehorsam der Guerillas ist nur durch des Führers persönlichen Mut bedingt. Zavalas Schar fing an zu murren, und er wurde von ihr der Feigheit beschuldigt. Nie aber hatte der stolze Mann einen Flecken auf seiner Ehre geduldet. Die Schmach dieser Anklage gab ihm seine Tatkraft wieder, er verließ seinen Felsenhort und führte die Guerillas ungesäumt den Feinden entgegen. Diese jedoch harrten seiner, die beiden gefangenen Töchter an ihrer Spitze. Er konnte der Kinder bleiche Gesichter erkennen. Es dünkte ihm, als ob die Bitten und Seufzer ihrer Angst an sein Ohr tönten. Überlegen war ihm die Schar der Feinde. Doch ihn schreckte nicht deren Menge, sondern die furchtbare Überzeugung: die ersten Kugeln deiner Kampfgenossen müssen die Herzen deiner Kinder treffen! Einige Augenblicke stand er regungslos im grauenvollsten Kampf mit seinen Empfindungen. Einige der Guerillas, die noch menschlich fühlten, traten zu ihm und flüsterten: „Lass uns zurückweichen, denn zu groß ist die Zahl der Feinde!“ Zavala verstand, was sie mit diesen Worten andeuten wollten. Wieder leuchtete sein Auge wie in vergangenen Tagen, er wandte sich zur harrenden Schar und mit fester Stimme kommandierte er: Feuer! Gehorsam seinem Befehl leuchteten die Gewehre der Guerillas auf, und ihre Kugeln schlugen in die Reihen der Christinos, und der Pulverdampf verhüllte auf einen Augenblick die blutigen Folgen.

 

Die Carlisten waren, nachdem sie gefeuert hatten, mit dem Degen in der Faust vorwärtsgedrungen; feige hatten die Christinos den Kampfplatz sogleich verlassen und waren nach allen Seiten hin zerstäubt. Auf der Wahlstätte lagen nur Tote und Verwundete; des Vaters Blicke suchten die Leichname seiner Kinder. – Er fand sie nicht! – Gottes Walten hatte den Lauf der Kugeln gelenkt; der Mann, der die beiden Kinder geführt hatte, lag mit geschlossenen Augen am Boden, aus seiner Brust rann das frische Lebensblut, aber die Kinder erwiesen sich als unversehrt. Da brach des Vaters starres Herz, das Schwert entfiel seiner Hand, heiße Tränen stürzten aus seinen Augen, er sank in die Knie, drückte mit beiden Armen die Kinder, die nicht er, sondern Gottes Huld geschont hatte, an sein Herz, und seine Lippen stammelten: „Ave Maria!“ Und seine wilden Genossen waren wie er in die Knie gesunken und beteten wie er: „Ave Maria!“ – Da regte sich noch einmal derjenige, der Zavalas Kinder der Gefahr entgegengeführt hatte; ohne die Augen zu öffnen, stöhnte auch er: „Ave Maria!“ – Es erklang eben das Angelus-Domini-Geläute.

 

Zavala schauderte; der Sterbende, der so grausam an ihm gehandelt hatte, war – Alvarez, sein Jugendfreund; er hatte ihn geliebt mit ganzer Seele. Es war aber nicht ungewöhnlich in diesem Parteienkampf, dass Bruder dem Bruder gegenübertrat, und der Sohn das Schwert gegen den Vater erhob; aber nie hatte Zavala die Folgen der Zwietracht so peinlich empfunden wie jetzt; und obgleich ihm seine Töchter wohl erhalten geblieben, verließ er doch völlig entmutigt den so schauerlichen Kampfplatz.

 

2. Mehrere Jahre waren dahingegangen, Zumalacarregui, Spaniens zweiter Cid, war tot. Mit diesem Feldherr hatte Don Carlos zugleich seine Krone verloren. Der Kampf für seine Sache wurde immer hoffnungsloser. Viele seiner Angehörigen hatten ihn mit des Kampfes Wechsel verlassen. Zavala jedoch bewahrte ihm die Treue. Abgezehrt vom Hunger und jeglicher Entbehrung musste er mit den wenigen Getreuen, die ihm noch folgten, das Leben einsetzen, um nur einen Trunk Wasser und einen Bissen Brot zu erringen. In einem solchen Kampf der Verzweiflung wurde er einst von seiner Schar getrennt und von den Christinos gefangen.

 

Eine halbe Stunde nachher stand Zavala vor dem Kriegsgericht. Er wusste, was seiner wartete. Er, der gefürchtete Guerilla-Führer, durfte auf keinen milden Ausspruch hoffen. Was er vermutete, geschah. Nach kurzer Beratung rief der Vorsitzende des Gerichts: „Einen Beichtvater für ihn!“ – Mit diesen Worten war sein Todesurteil gesprochen. – Ruhig und ohne mit einer Wimper zu zucken, vernahm Zavala die Entscheidung, und fragte nur: „Wann?“ Der Richter antwortete: „Eine halbe Stunde vor dem Angelus-Läuten!“ Dann fügte er die Frage hinzu: „Wünschet Ihr sonst noch etwas vor Eurem Tode, Señor?“ Unerschüttert entgegnete Zavala: „Einen Cigaritto!“ Und der Mann, der soeben sein Todesurteil gesprochen hatte, reichte mit ritterlicher Höflichkeit die eigene Papier-Zigarre ihm hin.

 

Der Abend dämmerte. Die Wachen weckten den Zavala aus seinem festen Schlummer, um ihn zum Tod zu führen. Ruhig, fast heiter, ging er seinem Tod entgegen. Auf den Straßen wogte die neugierige Menge, die den gefürchteten Carlisten sterben sehen wollte. Das Gedränge wurde immer stärker und der Zug wurde oft aufgehalten; endlich stand Zavala auf dem Richtplatz. Der Ring wurde geschlossen. Die Soldaten, schussfertig, harrten des Kommandos ihres Offiziers. Zavala wies die Binde, die seine Augen bedecken sollte, von sich. „Ich habe“, sprach er ruhig, „so oft dem Tod entgegengesehen, ich werde auch jetzt nicht erbleichen!“ Da trat der Offizier seitwärts und kommandierte: „Legt an!“ – Der Befehl wurde vollzogen; und sieben Todesröhren zielten auf Zavalas Herz. – Der Offizier öffnete abermals die Lippen, um: „Feuer!“ zu kommandieren, als – die Glocken zum Angelus-Domini läuteten! Es ist aber genügsam bekannt, wie diese hehren Glockentöne in Spanien jede menschliche Beschäftigung augenblicklich unterbrechen. So geschah es auch hier. Die Soldaten ließen die Gewehre wieder sinken, der Offizier entblößte sein Haupt und Zavala, tief erschüttert von der Mahnung an die heilige Muttergottes, sank in die Knie, um noch einmal vor seinem Tod sich ihrer barmherzigen Fürbitte bei Gott zu empfehlen. Wie er, so tat auch die neugierige Menge. Und dasselbe Volk, das im glühendsten Hass ihn noch vor mehreren Augenblicken geschmäht und gelästert hatte, beugte jetzt mit ihm die Knie und betete mit ihm zur göttlichen Gnadenmutter.

 

Und wie die Glockentöne verhallten, das Gebet beendet war und Zavala sich wieder erhob, um den Tod zu erleiden, sprengte ein Reiter daher, der ein weißes Tuch emporschwang. Ein froher Jubel brauste aus der gedrängten Volksmasse, denn Parteiwut und Rachgier waren im frommen Gebet erloschen.

 

Zavala war begnadigt! – Er erfuhr nicht, wer sein Retter gewesen war!

 

3. Acht Tage nach diesem Ereignis kniete ein Pilger an der Stätte, wo Spanien und Frankreich sich voneinander trennen. Zavala ist es, sein Tagwerk war getan. Tief wie in ein Grab vergrub er auf spanischem Boden sein Schwert, denn er hatte sein Ehrenwort gegeben, nicht mehr gegen die Christinos zu kämpfen. Noch einmal küsste er die heimatliche Erde, und nun wanderte er von dannen, ein Obdachloser in der Fremde, wie er es im Vaterland gewesen war.

 

Und wie er so lange umhergewandert war, ruhte er eines Abends in der Nähe eines Klosters, das im stillen Gottesfrieden vor ihm lag. Er hatte das Haupt sorgenschwer in die Hand gestützt und fragte sich selbst: „Heilige Jungfrau Maria, wo werde ich Ruhe finden und wo wird einst mein Grab sein? – In demselben Augenblick läuteten die Klosterglocken zum Angelus-Domini. Dies schien ihm ein Gotteszeichen und eine Muttergottes-Antwort zu sein. – Nachdem er sein Gebet geendet hatte, schlug er an die Klosterpforte, begehrte Einlass und bat um Aufnahme in die fromme Brüderschar. Seiner Bitte wurde willfahrt und er nach dem Prüfungsjahr aufgenommen. Seine Brüder ehrten ihn und liebten ihn, denn er war nur streng gegen sich selbst, aber mild und liebevoll gegenüber anderen. Er zeigte sich auch als ein sehr sorgsamer Krankenpfleger, deshalb begehrten die schwer Leidenden gar oft seinen Beistand und seine Hilfe.

 

So wurde er denn auch eines Tages zu einem Kranken gerufen, der sich jenseits des Flusses im Gasthof befand. Zu oft hatte Zavala am Lager des Sterbenden geweilt, um nicht das Nahen der letzten Stunde zu kennen. Das Auge des Dulders war halb geschlossen, die hageren Hände gefaltet in den Schoß gesunken. „Ave Maria!“ flüsterte Zavala. Da zuckte das Leben wieder in den erbleichten Zügen, das Auge erschloss sich, und eine Stimme, wohl bekannt aus den Jugendtagen, stammelte fast freudig: „Zavala, bist du es? O wie gut ist es, dass ich dich noch auf der Erde wiedersehe! Du hast mich wohl verkannt! Die Schar, deren Führer ich war, zwang mich, deine Kinder in den blutigen Kampf zu führen. Aber da die Todesröhren der Deinen aufleuchteten, bedeckte ich mit meinem Körper die Kleinen und empfing schwere Wunden, die wohl heilten und vernarbten, an denen ich aber siechte bis zu dieser Stunde!“

 

Welch ein Wiedersehen! Welch ein Erkennen! – Der alte Mönch und der Sterbende blickten sich lange schweigend ins Auge. Alle ihre Hoffnungen, alle ihre Freudenträume, das Leben selbst war untergegangen, und dennoch tat es ihnen wohl, denn sie durften sich wieder lieben, wie ehedessen in der schuldlosen Kinderzeit.

 

Das letzte Trosteswort, das Alvarez noch für Zavala hatte, lautete: „Deine Kinder hat Spanien unter seinen Schutz genommen! Ave Maria!“

 

Und als Zavala von Alvarez schied, nahm er die Überzeugung mit sich, dass der die kommende Stunde nicht erleben würde, und fühlte sich wehmütig-froh, dass er den Freund entsühnt wusste. Und an dem eigenen morschen Leib empfand er, dass die Trennung nur kurz und das Wiedersehen nahe sei. Angelus-Domini läutete es aber vom Kloster her.