Tröstliches in dem Engels-Gruß: "Ave!"

 

Aus: Seraphischer Sternenhimmel, von Hermann Born, Regensburg, Manz 1860

 

Seit der Erzengel Gabriel, von Gott gesandt, vor Maria in Nazareth erschien und sie mit den Worten anredete: „Gegrüßet seist du, Maria! Du bist voll der Gnade! Der Herr ist mit dir!“ – ist die heilige katholische Kirche nicht müde geworden, das Lob der unbefleckten Jungfrau und Gottesmutter zu verkündigen und ihr zärtliche und liebevolle Grüße mit jenen Worten des Engels und denen der heiligen Elisabeth: „Du bist gebenedeit unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes!“ durch Gebete und eigene Lobgesänge und Lieder zuzurufen. O wie herzinnig klingt, und wie ehrfurchtsvoll, und doch auch wieder wie gar zutraulich, der Gruß, der sich dem Gedächtnis und Herzen eines jeden katholischen Christen in der Kindheit einprägt, und der selbst bei dem von Weltstürmen hin und her Geworfenen, im religiösen und sittlichen Schiffbruch Verunglückten, nicht gänzlich in Vergessenheit kommt – wie süß und hehr klingt der Gruß des Engels an Maria, die Mutter des Herrn, die Schlangenzertreterin, die Miterlöserin!

 

Das Wort Ave (Sei gegrüßt!), mit dem der Erzengel die allerseligste Jungfrau ansprach, besteht aus drei Buchstaben. Der erste, A, weist hin auf Adam, - der dritte, E, erinnert uns an Eva. Zwischen diesen beiden ist das V, der Anfangsbuchstabe des Wortes Virgo (Jungfrau), und mahnt uns daran, wie Gott, der allbarmherzige, die Verheißung gab: dass die Jungfrau die Vermittlerin sein werde, durch die das Heil der Welt, das Adam und Eva durch ihre Sünde für sich und alle ihre Nachkommen verwirkt haben, dem Menschengeschlecht wieder zuteilwerden würde.

 

Ebenso gibt das Wort Ave, zurückgelesen, den Namen Eva, wohl zum Zeichen: dass Maria jene andere Eva sei, eine wahrhafte Mutter aller Menschen, die den allgemeinen Fluch der Verwerfung und alles Elend, das die sündige Eva über uns brachte, in Heil und Segen für uns verwandelt hat. – Und so ist es auch. Eva war die Ursache des Todes aller Menschen, Maria aber wurde von dem Augenblick an, da der Engel das Ave gesprochen hatte, die Ursache unseres Lebens, indem sie uns das Leben geboren hat, den Gottmenschen Jesus Christus, der ja von sich selbst bezeugt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!“ – Eva war die Urheberin der Sünde, Maria wurde durch das Ave die Urheberin des Verdienstes bei Gott; - Eva hat uns verwundet, Maria aber geheilt; - Eva veranlasste ihre und unsere Verstoßung und Ausschließung aus dem Paradies, durch Maria wurde es uns wieder eröffnet; - Eva unterlag durch die List der Schlange, Maria hat dieser Schlange den Kopf zertreten; - Eva glaubte dem Engel der Finsternis, genoss die verbotene Frucht, und gebar den Tod, Maria glaubte Gabriel, dem Engel des Lichtes, empfing durch die Herabkunft des Heiligen Geistes und das Umschattetwerden von der Kraft des Allerhöchsten die Frucht ihres Leibes und gebar uns den Welterlöser, den Friedensstifter zwischen Gott und den Menschen, den Seligmacher.

 

Glückliches Ave! Wer erkennt nicht, durch dieses Ave alles Unglück gehoben wurde, das Eva über die ganze Welt brachte! Wer möchte mit der seligen Königin Johanna von Valois nicht verlangen, dass es mit goldenen Buchstaben in unser Herz und auf unsere Zunge geschrieben wäre, damit wir die gnadenreiche Jungfrau Maria mit ihm recht würdig begrüßen könnten! Denn durch das öftere und andächtige Aussprechen dieses Ave ehren wir den dreieinigen Gott selbst, erfreuen wir die Königin des Himmels, bewirken wir, dass die Engel frohlocken, und wir selbst reichliche Gnaden erlangen!