Maria und der Schüler

 

Aus: Illustrierte Zeitung für das katholische Deutschland, 1865

 

Es war vor einiger Zeit ein Schüler, der zur Schule fleißig ging und fleißig die Schrift lernte. Sein Herz war der Tugend voll und von Jugend auf hing er mit innigster Liebe an Maria, der Mutter unseres Erlösers. Sein Gemüt sagte sich los von der Täuschung der Welt und er bewahrte - um Maria willen, sein Leben in rechter Keuschheit.

 

Nun hatte sich der Schüler heimlich in seinem Gebet verpflichtet: jeden Morgen auf den Knien sieben Ave vor dem Bild der heiligen Muttergottes zu sprechen, dabei ihm auch die Gnade zuteilwurde, die „Königin der Jungfrauen“ zu schauen. Dies Gelübde war geschehen, und davon ließ er nimmer ab. Er ging in der Stadt betteln und das Almosen lesen, denn er war fern von seinen Freunden und hier ein Fremdling. Weil er dessen bis in sein fünfzehntes Jahr nachging und nirgends dem bösen Beispiel und der Sünde folgte, wie er solches leider an anderen sah, wollte ihn Unsre Liebe Frau von der Armut freimachen.

 

Da war eine Kirmes in einem Dorf, dahin sich die Leute des Ablasses, die armen Schüler aber auch noch außerdem der Speisung wegen begaben.

 

Als der Marien-Schüler den Morgen anbrechen sah und die Sonne ihre ersten Strahlen schimmern ließ, wanderte auch er aus der Stadt zur Kirchweihe. Aber gerade am besagten Morgen hatte er seines Gelübdes vergessen und seine sieben Ave Maria nicht gesprochen. Doch pilgerte er in seinem reinen Herzen allein und ohne Begleitung, und ging so hinter den anderen nach. Als aber die Sonne jetzt voll aufgegangen, da gedachte der Schüler seines Gebetes und erschrak, weil es heute unterblieb, was er sonst gewohnt war. Darob überkam ihn großes Leid, dass er in tiefer Reue bittere Tränen vergoss, weil ihn sein Herz dazu zwang. Er wollte schon seine Schritte nach Hause lenken, jedoch begann er zu erwägen, dass er, wenn er heimging, den Ablass nicht empfange, und dessen Gnade ihm so benommen würde; käme er jedoch dort in die Kapelle, so wollte er, im Fall sie geschlossen sei, ohne irgendetwas zu essen, warten bis zur Vesperzeit, da man sie wieder aufzuschließen pflegt. So mochte er dann doch so, wie er es wünschte, das Bild unsrer Lieben Frau schauen und vor ihm sein Gebet sprechen. Er hatte es bei sich beschlossen; doch war er sehr betrübt, und seine Augen blinkten stets feucht von Tränen.

 

Inzwischen führte ihn sein Weg in ein dichtes Gehölz; und als er zur Seite blickte, da gewahrte er ein Bild von Unserer Lieben Frau, wie es nie ein Meister besser schnitzen konnte. Als der Schüler das Bild auf dem Baumstumpf stehen sah, schwoll sein Herz vor Freude und es entschwand ihm alles Leid. Seine Gedanken brachten ihn auf die Vermutung, ein Maler hätte es daher gesetzt und es dann vergessen. Der Schüler beugte sich wiederholt vor der göttlichen Gnadenmutter und fiel auf die Knie, dabei seine Gebete sprechend. Als er dies ganz nach seinem Willen und zu seiner Labung getan, da sagte ihm sein Herz: er möchte fleißig und viel der schönen Waldblumen lesen, daraus einen großen Kranz flechten und ihn dem Bild aufsetzen, damit die wilden Vögel nicht die Schönheit und den Glanz des Bildes beschmutzten. Als er nach seines Herzens Rat alles wohl vollbracht und nach dem Dorf zu wandern gedachte, wohin ihn sein Weg lenkte, da wuchs ihm Sorge im Gemüt, weil das anmutige und hehre Bild ganz ohne Dach in der weiten Wildnis stand. Die Gestalt des Bildes war meisterhaft und das Gemälde mit Gold und Lasur eingelegt, darum tat es ihm unendlich um die Farbe weh. „Ach“, seufzte er, „diese schöne Farbe wird durch den Regen ganz abgewaschen werden! O, das wird auch denjenigen betrüben, der es hier vergessen hat!“ Er zeigte sich darum sehr besorgt, was da anzufangen wäre. Zwei linnene Kleider besaß er und einen Mantel, den er trug; er war also wirklich arm; jedoch, ob er auch mehr hätte, er würde eher alles dagelassen haben, ohne dies war auch der Sommer sehr heiß; da riss er sein Hemd, wie er es für billig erkannt, entzwei. Dem reichen Frauenbild warf er einen Teil des Gewandes um, den andern benützte er, um sich darin zu hüllen, dann nahm er den Mantel, und bedeckte es sorgfältig mit demselben.

 

Als er ein Stück gegangen war, da rief ihm ganz vernehmlich das Bild Marias, dass er recht sehr erschrak. Jedoch eilte er ungesäumt zurück und fiel auf die Knie. „Heilige Maria, Mutter Gottes, Unsere Liebe Frau, ich bin hier! Gebenedeite Königin, was willst du von mir, dass du, wie ich gehört, mich wieder zu dir kommen heißest?“ Und Maria sprach zu ihm: „Ich schaue daran deine Tugend! Gehe hin in den Pfarrhof, da findest du den Bischof. Vergiss es nicht, und sag ihm, dass ich ihn mit all der Freundlichkeit grüße, die er um mich verdient hat; danach sprich, dass er dich morgen zum Priester weihe!“ Der Schüler sprach: „O Königin Maria, das wird sein Spott sein und er treibt mit mir Scherz, wenn ich ihm deinen Gruß sage, auch ist es weit außer der Zeit, dass man Priester zu weihen pflegt; dann bin ich für einen Priester zu jung, dazu noch ungelehrt, wie ich das Amt der heiligen Messe singe!“ Maria widersprach seinen Ausflüchten mit den Worten: „Du bist gelehrt und alt genug; auch ist die Zeit wohl gelegen, dass du ganz und gar den priesterlichen Segen erlangen sollst! Ich will dir ein Zeichen sagen, dass der Bischof deiner Nachricht von mir Folge geben wird. Sprich: dass er in der ersten Zeit, da ihm das Amt übergeben wurde, in seinem Herzen still gelobte: jeden Tag fünfzig Ave Maria zu sprechen. Frag ihn dann: ob er noch meiner gedächte und auch dessen, was er aus freiem Willen gelobte? Das sollst du dem Bischof von mir sagen, weil er dir dann glauben wird!“

 

Der Schüler neigte sich vor der Würdigsten bis zur Erde, wie es ihm sein andächtiger Sinn eingab, und hiermit schied er. Wie er eine Strecke gegangen war, da sah er wieder nach der Stätte, wo er das Bild gelassen hatte – da war es wundersam geschehen – denn er sah das Bild nicht mehr! Unausgesetzt betete er, bis er zu dem Dorf kam. Sein tugendhafter Sinn brachte ihn in frommer Eile zuerst in die Kapelle, allwo er sein Gebet sprach. Und als er dies getan hatte, wollte er zu dem Bischof, der da in dem Pfarrhof wohnte. Die Türhüter wollten ihn, den Halbbekleideten nicht vorlassen. Doch was er auch Leides ertragen musste, er wollte die ihm übertragene Botschaft ausrichten; er drang auch wirklich vor bis an den Tisch, wo der Bischof saß und mit seinen Untertanen, Rittern und Kaplänen einen Imbiss einnahm; es war das eine große Versammlung. Der Bote trat vor den Bischof; und als er die rechte Zeit merkte, da erhob er öffentlich sein Wort zu dem Bischof. Dieser sah den Schüler an und wähnte, er sei ein Spaßmacher; da wollten alle, dass man still schwiege, damit er reden könne. Als das der Schüler sah, sprach er: „Herr Bischof, höret was ich Euch sagen muss! Maria, die Königin des Himmels bietet Euch ihren Gruß; der Gruß soll so mit Euch sein, als Ihr es um sie verdient habet!“ Da entgegnete der Bischof: „Ha, was dieser Mensch hier Seltsames redet!“ Der Schüler versetzte: „Herr, wenn es Euch behagt, so lasset mich ausreden und meine Worte zu Ende bringen, wie solche mir aufgetragen sind! Maria lässt Euch ferner sagen, dass Ihr mich morgen zum Priester weihen möchtet!“ Der Bischof entgegnete, sich ernst stellend: „Ihr habt doch ein gar zu gutes Kleid, als dass man Euch weihen sollte! Auch dürfte es gut sein, wenn Ihr davon abständet, die Stellvertreter Gottes mit Euern Märchen zum Besten zu halten! Solltet Ihr aber davon nicht lassen, so fällt es zu Eurem Nachteil aus! Treibt Euren Scherz anders, aber nicht mit Maria, der heiligen Muttergottes! Man soll ihrer nicht spottend gedenken!“ Der Schüler fuhr fort: „Ei, nun Gott! Wollte es Euch genehm sein, so würde ich Euch ein Wahrzeichen geben, dass sie mich zu Euch gesandt hat!“ Da sprach der Bischof alsbald: „Gerne wollt ich, dass Ihr meinen Zweifel besiegt!“ Der Schüler verkündete: „Unsre Liebe Frau, meine Herrin, lässt Euch melden, dass Ihr in Eures Herzens Inbrunst heimlich ehedessen einen Eid geschworen habt, der war nie einem Menschen bekannt, jeden Tag fünfzig Ave Maria zu sprechen!“

 

Der Bischof erkannte an diesen Worten den Boten Marias und tat nach ihrem Befehl. Des andern Morgens wurde der Schüler mit Priesterkleidern angetan und geweiht. Auch sollte er dann das Amt singen. Ungelehrt wie er war, kam er darum nicht in geringe Sorge; doch meinte der Bischof, dass Maria ihrem Schüler gewiss auch darin beistehen werde.

 

Da sprach der Schüler-Priester: „Nun, das sei!“ und so trat er an den Altar. Nachdem er das „Confiteor“ gesprochen hatte und die „Indulgenzia“ geschah, da hub der neue Kapellan das „Gloria in exelsis!“ an, und so fest und frisch und hehr, als wenn er es sonst öfter schon getan hätte. Bei des Sanges erstem Wort, da ihn der neugeweihte Priester erhub, bemerkte er in und der Bischof allein, dass zu dem Altar (wie beide es wohl schauen mochten) die anmutigsten Jungfrauen kamen, die kein Auge je gesehen hat. Unter allen prangte eine ausgewählte Königin in Samt und Baldachin, durchwirkt von lauterem Gold. Der Mantelknopf brannte wie die Sterne und ihre Krone leuchtete, dass die Augen es kaum ertrugen. So kam die Königin in andächtigem Sinn und opferte den Blumenkranz, den der Schüler vor kurzem dem Bild im Wald geflochten hatte. Der Priester kannte den Kranz wohl; auch der Bischof empfand viel Freude, weil der Schüler es vorher ihm mitgeteilt hatte, wie er der Gottesmagd den Kranz aus Waldblumen zusammenlas. Nun dies geschehen war, traten die Jungfrauen zurück. Nicht über lange, als man den Opfergesang anhub – kamen abermals die Jungfrauen, und die Königin voran. Sie nahm das halbe Hemd, das er jüngst um das Bild gewunden hatte, und legte es mit ihrer schneeweißen Hand auf den Altar; dann neigte sie sich züchtiglich und verschwand mit ihrer Schar. Das merkte gleichfalls niemand, nur der Bischof und der Gottesreine, der vor dem Altar stand; der aber sang zu Ende, wie die Priester tun, denen ihr Amt durch vieljährige Übung geläufig ist. Als er die konsekrierte hochheilige Hostie genommen, das „Domine non sum dignus!“ drei Mal andächtigst gesprochen und das Opfer des Fleisches und Blutes Jesu genossen und die Danksagung verrichtet hatte, da zeigte sich dem Bischof ein neues Wunder: der Schüler-Priester stand und war tot. Von Unserer Lieben Frau, der barmherzigen, wurde die Seele ihres frommen Verehrers in den Himmel geleitet, nachdem er hienieden vorher das „göttliche Viaticum“ genossen hatte.

 

Als man dieses Wunder erkannte, da lobte die Priesterschaft in Freude Gott den Herrn und Maria. Der Bischof und sie alle bestatteten den Leichnam des guten Schülers nach den priesterlichen Würden. Lilien und Rosen wurden von frommen Kindlein auf sein Grab gestreut.

 

Aus dem Erzählten sieht man, wie recht fruchtsam das Lob der himmlischen Königin ist. Wohl einem jeden, wer oft hie und da ein Ave Maria in seinem Herzen trägt: sein heiliger Mut wird in Gnade entbrennen, die heilige Liebe darinnen wohnen, dass es ihn immer gar mächtig zieht, Maria zu dienen, und bei und mit ihr einst ewig selig zu sein in Gott!