Wahre Seelengröße und Demut

 

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts waren in einer theologischen Frage in Spanien und Frankreich die Geister arg in Streit geraten. Auch zwei hochberühmte Bischöfe Frankreichs, an deren Namen sich die Blüte der französischen Literatur knüpft, Bossuet und Fenelon, gerieten darüber in eine schriftliche Fehde, die von Bossuet nicht ohne Gereiztheit geführt wurde. Die Sache erregte das größte Aufsehen, der französische Hof und die Universität Paris, ja ganz Frankreich und die gebildete Welt mischten sich in den Streit. Schließlich wandten sich beide Parteien an den Papst um die letzte Entscheidung. Sie fiel zu Ungunsten Fenelons aus. 23 Sätze aus einer seiner Schriften wurden zwar nicht als Häretisch, aber als verwegen und gefährlich verworfen und das Urteil durch ein Breve vom 12. März 1699 verkündet. Fenelon erhielt das päpstliche Breve als er gerade am Mariä Verkündigungstag in seiner Kathedrale zu Chambrai die Kanzel besteigen wollte. Er hielt nicht die vorbereitete Predigt, sondern verkündete das Breve seiner eigenen Verurteilung und predigte über die den Obern gebührende Unterwerfung in solcher Weise, dass alle Zuhörer vor Achtung, Bewunderung und Rührung aufs tiefste ergriffen wurden. Er bat seine Diözesanen, sein Buch nicht weiter zu verteidigen. Überdies erklärte er noch in einem eigenen Hirtenbrief seinen Diözesanen die Unterwerfung, und zwar „einfach, absolut und ohne jeden Schatten des Vorbehaltes“. Er ermahnte die Diözesanen zu der gleichen Unterwerfung. Die Welt staunte über die Demut und Seelengröße des Bischofs, dessen Name in der Kirchen- und Literaturgeschichte Frankreichs ewig glänzen wird, und der Papst anerkannte mit großen Lobsprüchen seinen Seelenadel.