Vom Zeichen des heiligen Kreuzes

 

Da alle Segnungen durch das heilige Kreuzzeichen, als das Zeichen der Erlösung, geschehen, weil aller Segen, auch im Zeitlichen, nur durch die Erlösung bedingt ist: so dürften hier einige erklärende Worte über dieses heilige Zeichen wohl an der rechten Stelle sein.

 

Seit den ersten Jahrhunderten finden die heiligen Väter nicht Worte genug, dieses Siegeszeichen zu preisen und allen zur Verehrung anzuempfehlen. Sie sehen im Kreuz den Grundstein des Glaubens, den Anker der Hoffnung und das Siegel der göttlichen Liebe. Darum machten schon die ersten Christen das Zeichen des heiligen Kreuzes so vielfältig, denn sie fingen kein Gebet an und schlossen keins ohne das Kreuzzeichen. Sie gingen nicht aus, ohne ihre Stirn damit zu bezeichnen. Sie unternahmen überhaupt kein Geschäft, ohne es zuvor durch das Kreuzzeichen zu heiligen. Man darf den Gebrauch, in einem heiligen Glauben an den für uns gestorbenen Erlöser das Kreuzzeichen zu machen, mit vollem Recht von den Aposteln herleiten. Und nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Häuser, all ihre Geräte und Habseligkeiten bezeichneten die ersten Christen mit dem heiligen Kreuz. Es war dies das Kennzeichen der Rechtgläubigkeit, und es ist bemerkenswert, dass alle Irrlehrer der Vorzeit, sobald sie vom wahren Glauben abgefallen waren, das Zeichen des heiligen Kreuzes, sowie den Lobspruch: Gelobt sei Jesus Christus!“ unterließen.

 

In der katholischen Kirche wird das heilige Kreuz auf zweierlei Art gemacht. Die erste Art besteht darin, dass man mit der flachen rechten Hand, während die linke unter der Brust ruht, von der Stirn bis unter die Brust, und dann von der linken Schulter zur rechten fährt. Dieses Zeichen nennt man das große oder lateinische Kreuz, weil es gewöhnlich von denen gemacht wird, die sich einer lateinischen Formel bedienen. Die zweite Art besteht darin, dass man, während die linke Hand auf der Brust ruht, mit dem Daumen der rechten, die etwas geschlossen ist, Stirn und Mund und Brust mit einem kleinen Kreuz bezeichnet, was man gewöhnlich das deutsche Kreuz nennt, indem man dabei die deutsche Formel gebraucht: „Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“ Wie viel sprechen wir durch eine solche Bezeichnung aus! Möchte dies wohl erwogen werden! Sind diese Worte nicht ein klares und offenes Bekenntnis des Glaubens an das Geheimnis der allerheiligsten Dreieinigkeit? Wir sagen: „Im Namen Gottes“, und bekennen dadurch, dass nur ein Gott ist, und nennen dann die drei göttlichen Personen, die eins in der Gottheit sind. Wir bilden das Zeichen des Kreuzes, um zu bekennen, dass wir an Jesus Christus, der wahrer Gott und wahrer Mensch und am Kreuz zu unserer Erlösung gestorben ist, fest und standhaft glauben. Wir bilden es auf die Stirn, um zu zeigen, dass wir uns des gekreuzigten Heilandes nicht schämen. Wir bilden es auf den Mund, um zu zeigen, dass wir bereit sind, unseren Glauben auch in Worte vor Freunden und Feinden unerschrocken zu bekennen. Wir bilden es auf die Brust, um zu zeigen, dass wir entschlossen sind, die Lehre des Gekreuzigten mit Eifer und Liebe zu befolgen. Eine andere Bedeutung der Bekreuzung der Stirn, des Mundes und der Brust ist auch die, dass wir dem dreieinen Gott alle unsere Gedanken, Worte und Werke weihen und ihn zugleich bitten, um der Verdienste des Gekreuzigten willen uns Gnade zu verleihen, als seine echten Jünger leben zu können.

 

Im heiligen Kreuzzeichen liegt auch eine besondere Kraft, denn es ist eine Abbildung jenes heiligen und kostbaren Kreuzes, an dem Jesus Christus für das Heil der ganzen Welt gestorben ist. Wie nun an diesem Kreuz Christi alle Macht des Satans gebrochen und uns dagegen ewiges Heil geworden ist, so können wir auch jetzt noch durch das Zeichen des heiligen Kreuzes uns dem Einfluss des Satans entziehen und dagegen verschiedene Güter sowohl an der Seele, als am Leib erlangen. "Was hast du noch zu fürchten, wenn du deine Stirn mit dem Kreuzzeichen bewaffnet hast? Dieses Zeichen, das wir auf der Stirn tragen, ist ja ein Zeichen, durch das wir geheilt und gerettet werden", schreibt der heilige Kirchenvater Augustinus. Vorzüglich aber ist es ein kräftiges Mittel gegen die Versuchungen und Anfechtungen zur Sünde. Denn da Jesus Christus durch das Kreuz den Satan überwunden hat, so fürchtet sich der Erzböse und flieht davon, sobald er das Zeichen dieses heiligen Kreuzes erblickt. Daher schreibt der obige Kirchenvater: "Durch die Kraft des Kreuzes werden alle Anfälle Satans vernichtet." Deswegen machen fromme Christen dieses Zeichen so häufig, machen es besonders in jeder Versuchung. Es ist ja das kräftigste Mittel gegen böse Gewohnheiten, gegen den Zorn und andere Leidenschaften, und schützt vorzüglich bei Anzreizung zur Unreinheit. Wenn es aber heilsam sein soll, so muss es mit einem großen Glauben, mit Reinheit des Herzens, mit Andacht und festem Vertrauen auf die Verdienste Christi gemacht werden.

 

Wir machen jedoch das Kreuz nicht nur über uns, sondern auch über andere Dinge, damit uns der Gebrauch der Dinge nicht schade, sondern vielmehr zum Heil gereiche. Denn, wie der heilige Chrysostomus sagt, "das Kreuzzeichen, dieses Bild des Todes Jesu, ist die Quelle eines großen Segens".

 

Heilig sei uns immerdar das Siegeszeichen unseres Herrn und Heilandes. Wir wollen uns des Kreuzes nie schämen, uns damit nicht nur im Glauben und Vertrauen bezeichnen, sondern das Bild des Kreuzes auch in unseren Wohnungen ohne Scheu aufstellen und verehren, denn wo das Kreuzbild aus den Häusern entfernt wird, da zieht der arge Weltgeist mit seinem bösen Gefolge ein.

 

"Es sei fern von mir, mich zu rühmen, außer im Kreuz unseres Herrn Jesus Christus, durch den mir die Welt gekreuzigt ist, und ich der Welt." (Gal 6,14)

 

(aus: „Kalender für katholische Christen auf das Jahr 1847“, Sulzbach in der Oberpfalz)