Die Hervorsegnung oder Aussegnung der Wöchnerinnen

 

Im Alten Bund war gesetzlich bestimmt, dass eine Mutter, wenn 40 Tage nach der Geburt eines Jungen, und 80 nach der Geburt eines Mädchens vorüber waren, sich im Tempel einfinden und das vorgeschriebene Opfer darbringen musste, worauf sie vom Priester für wieder rein erklärt wurde. Auch Maria, wiewohl sie als die immer reine Jungfrau diesem Gesetz nicht verpflichtet war, unterwarf sich in ihrer Demut dem Gesetz und kam mit ihrem göttlichen Sohn in den Tempel und brachte das vorgeschriebene Opfer, wie bei der Erklärung des Festes Mariä Reinigung angegeben und dort zugleich mit einigen Worten auf die Bedeutung des ersten Kirchgangs christlicher Ehefrauen nach der Geburt eines Kindes hingewiesen worden ist. Dieser erste Kirchgang, gewöhnlich Hervorsegnung oder Aussegnung der Wöchnerinnen genannt, verdient jedoch eine nähere Erklärung.

 

Dass die Hervorsegnung der christlichen Mutter eine ganz andere Bedeutung hat, als ehemals die Darstellung der jüdischen Mutter im Tempel, geht schon aus dem hervor, dass das jüdische Zeremoniengesetz mit den Vorschriften rücksichtlich der körperlichen Unreinheit für die Christen aufgehoben ist, denn das Christentum nennt unrein nur die Sünder. Es ist daher jene fromme Sitte der Kirche, die Wöchnerinnen hervorzusegnen, nur eine Nachahmung des jüdischen Gebrauchs. Die Absicht ist zunächst, die gläubigen Mütter, die es in Demut verlangen, feierlich in die Kirche einzuführen, um wieder mit den übrigen die gewöhnlichen Gebete zu verrichten und der Wohltaten des öffentlichen Gottesdienstes teilhaftig zu werden, wie die dabei vorkommenden Zeremonien nachweisen.

 

Schon das Erscheinen der Mutter an der Schwelle der Kirchtür, wo selbe, wenn es füglich geschehen kann, niederkniet und so den Priester erwartet, drückt die demütige Bitte aus, von den Sünden, die sie in den Verhältnissen der Ehe möchte begangen haben, erledigt und durch den Priester in die Kirche geleitet zu werden. Sie hält dabei eine brennende Kerze in der Hand, um anzudeuten ihren Glauben an Jesus Christus, das Licht der Welt, und zugleich ihren Vorsatz, ihren Säugling, den Sie als Geschenk Gottes anzusehen hat, und für das sie dankt, durch Wort und Beispiel zur Ehre Gottes im wahren Glauben zu erziehen. Den Säugling mit zur Kirche zu bringen, ist an vielen Orten gebräuchlich und auch zu empfehlen, denn die Mutter kommt ja auch, um ihn dem Herrn geistiger Weise aufzuopfern, und es wird umso inniger geschehen, wenn das Kind gegenwärtig auf ihren Armen ist.

 

Wenn der Priester in Begleitung eines Kirchendieners, der ein Weihwassergefäß trägt, im Chorrock und weißer Stola bei der Kirchentür angekommen ist, so besprengt er die Wöchnerin mit Weihwasser und betet nach vorausgeschicktem Versikel: „Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn,“ worauf der Kirchendiener antwortet: „Der Himmel und Erde geschaffen hat“, den 23. Psalm, in dem unter andern die Worte vorkommen: „Wer wird hinaufsteigen den Berg des Herrn, oder wer wird stehen an seinem heiligen Ort? Wer unschuldig an Händen und rein von Herzen ist, seine Seele nicht gebraucht zum Eitlen und nicht fälschlich schwört seinem Nächsten: der wird den Segen vom Herrn erlangen, und Barmherzigkeit von Gott, seinem Heiland“. – Dann reicht der Priester der Wöchnerin das Ende der Stola, zum Zeichen, dass sie nur durch die Verdienste Jesu Christi gottgefällig leben könne und nur um dieser willen Erhörung im Gebet hoffen dürfe, und führt sie in die Kirche ein, sprechend: „Tritt ein in das Haus Gottes; bete an den Sohn der allerseligsten Jungfrau, der dir eine Leibesfrucht geschenkt hat.“ – Angekommen bei einem Altar, kniet die Wöchnerin auf der Stufe nieder und der Priester betet über sie nach mehreren Versikeln und Responsorien folgendes Gebet: „Allmächtiger, ewiger Gott! Der du durch die Geburt unseres Herrn aus der allerseligsten Jungfrau Maria die Schmerzen der Gebärenden in Freude verwandelt hast: schau gnädig hernieder auf diese deine Dienerin, welche mit dankbarem und freudigem Herzen deinem Altar genaht ist, und verleihe, dass sie nach diesem Leben durch die Verdienste und die Fürbitte der allerseligsten Jungfrau Maria mit ihrem Kind zu den Freuden der ewigen Seligkeit gelangen möge durch Christum, unsern Herrn! Amen.“ Hierauf besprengt er sie wieder mit Weihwasser in Gestalt des Kreuzes und spricht dabei: „Der Friede und Segen des allmächtigen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes steige über dich herab und bleibe allezeit bei dir! Amen.“

 

Aus dem ganzen Wesen dieser Segnung geht hervor, dass der Ort, wo sie erteilt werden soll, nur die Kirche sei, und es ist auch ohne oberhirtliche Erlaubnis sie sonst vorzunehmen, und eitel ist die Furcht mancher Mütter, dass sie allerlei bösen Einflüssen ausgesetzt seien, bevor sie nicht hervorgesegnet sind.

 

Wie wichtig soll diese Stunde einer Wöchnerin sein, welche Gefühle des Dankes, welche heiligen Vorsätze, welche Bitten sollen da in ihr erwachen und genährt werden! Gefühle des Dankes für die glückliche Geburt des Kindes, für die Erholung ihrer Gesundheit, für das liebe Kind, das ihr Gott schenkte und zur heiligen Taufe gelangen ließ; - heilige Vorsätze, das ihr anvertraute Unterpfand, das sie der göttlichen Obhut und Gnade aufopfert, so zu schätzen, zu lieben, mit mütterlicher Sorgfalt zu pflegen und zu erziehen, von allem Bösen abzuhalten und zum Guten zu ermuntern, dass es als rechtschaffener Christ zur Ehre und zum Wohlgefallen Gottes, wie zur Erbauung seiner heiligen Kirche heranwachse, und selber auch immer eifriger dem Herrn zu dienen; - innige Bitten um die Gnade und den Beistand des Herrn, diese Vorsätze zu ihrem und des Kindes ewigem Heil treu ausführen zu können. Würden alle Mütter die Bedeutung der Hervorsegnung recht begreifen und sich öfter aufmerksam an sie erinnern, gewiss! es stünde besser um die Erziehung vieler Kinder. Viele würden nicht ein Raub der Verführung und so entrissen dem Herrn, dem sie beim ersten Kirchgang der Mutter aufgeopfert worden sind. O welch seliges Gefühl für eine Mutter, wenn sie in Wahrheit sagen kann: Herr! keins von denen, die du mir anvertraut hast, ist durch meine Schuld verloren gegangen.

 

(aus: „Kalender für katholische Christen auf das Jahr 1847“, Sulzbach in der Oberpfalz)