Der Ring der Muttergottes

 

Auf einer meiner Reisen besuchte ich auch ein Wallfahrtskirchlein in Steiermark. Darin befand sich eine Muttergottes-Statue, an deren gebogenem Finger sich ein Ring befand. Über den Ursprung dieses Ringes hörte ich dann die folgende Sage:

 

Großen Lärm hörte man schon am frühen Morgen in dem weiten Hof der herrlichen Burg des Ritters Ferdinand. Geschäftig eilten die Diener hin und her, die Rosse stampften, die Hunde zerrten an der Leine. Ungeduldig wartete alles auf den Herrn, den stolzen Ritter, der für den heutigen Tag eine Jagd zu Ehren seiner Freunde und Zechgenossen veranstaltete. Geräuschvoll ging das Leben in der Burg zu, denn der Ritter Ferdinand sah es gerne, wenn zahlreiche Gäste um ihn versammelt waren und die Zechgelage dauerten bis spät in die Nacht. Und Worte des Übermutes und Worte des Frevels hörte man und Glaube und Frömmigkeit waren verbannt aus dem Schloss. Jetzt eilte ein Diener herbei und gab ein Zeichen, denn die Jagdgäste nahten sich, voran der stolze Burgherr. Alles schwang sich auf die Rosse und fort ging es, dem Wald zu.

 

Ein kühler Abend folgte dem heißen Tag. Müde schlugen die Jagdgäste den Heimweg ein. Mit reicher Beute beladen folgten die Diener. Plötzlich hörte man ein lustiges Plätschern. Ein silberheller Quell sprudelte aus dem Gestein. Ritter Ferdinand stieg vom Pferd, um sich an dem frischen Wasser zu laben und die Ritter folgten seinem Beispiel. Da ertönte Glockenklang vom nahen Kirchlein. Nun erinnerte sich Ferdinand, gehört zu haben, dass sich in dieser Kirche eine wunderschöne Marienstatue befände. Er wurde neugierig und machte seinen Freunden den Vorschlag, in das Kirchlein einzutreten, um diese Statue anzusehen. Lachend stimmten ihm die Männer bei und folgten ihm ins Kirchlein. Wirklich sahen sie eine reizende Muttergottes-Statue, die das Jesuskindlein auf dem Arm hielt und gütig lächelnd vom Altar herabsah. Voll Übermut nahte sich jetzt der leichtsinnige Ritter Ferdinand der Marienstatue, nahm seinen Ring vom Finger, steckte ihn an den Finger der Mutter Gottes und versprach, sich nie zu vermählen. Kaum waren diese Worte gesprochen, da – o Wunder – lächelnd bog Maria den Finger und der Ring ging nicht mehr herab. Tief ergriffen, stürzte der Ritter nieder und staunte das Wunder an, das einen solchen Eindruck auf ihn gemacht hat, dass er gelobte, sein Wort zu halten und ein frommer Mensch zu werden. Und er hielt es auch, wurde fromm und gottesfürchtig und ließ Kirchen und Klöster bauen zur Ehre Gottes.