Der außergottesdienstliche Segen eines Bischofs oder Priesters

 

Schon im Zeitalter der Patriarchen ist der Segen des Vaters, wegen dessen Ansehen und der ihm damals zukommenden priesterlichen Würde überaus hoch geschätzt, ja als Gottes Stimme angesehen worden, indem er vielfältig zugleich Weissagungen enthielt, wie es unter anderem deutlich aus dem Segen erhellt, den der Patriarch Jakob seinen zwölf Söhnen erteilte. Auch den priesterlichen Segen finden wir schon in derselben Zeit, denn Melchisedech, König von Salem, der ein Priester Gottes des Allerhöchsten war, segnete den Abraham. Im mosaischen Gesetz hat Gott selbst eine Segensformel vorgeschrieben. So heißt es im 4. Buch Mose 6,22-27: „Und der Herr redete zu Mose und sprach: Rede zu Aaron und deinen Söhnen: Also sollt ihr die Söhne Israels segnen und ihnen sagen: Der Herr segne dich und behüte dich: der Herr zeige dir sein Angesicht und sei dir gnädig: der Herr wende zu dir sein Angesicht und gebe dir den Frieden! Und sie sollen anrufen meinen Namen über die Söhne Israels, und ich will sie segnen.“

 

Im Gesetz der Gnade segnet Jesus, der ewige Priester, selbst die Kinder und seine Jünger. Er erteilte den 12 Aposteln und 72 Jüngern den Auftrag, dass, wenn sie auf ihren Missionen in ein Haus treten, sie es grüßen und sagen sollen: Der Friede sei mit diesem Hause!, und der heilige Apostel Paulus schließt seinen zweiten Brief an die Korinther mit dem Segenswunsch: „Die Gnade Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! Amen.“ – Daher erteilen die Bischöfe und die Priester nicht nur bei gottesdienstlichen Handlungen, sondern auch außerhalb derer den Segen, und so ist es von den apostolischen Zeiten her immer gehalten worden, wie die Schriften der heiligen Väter nachweisen. Alle Gläubigen, selbst die Kaiser, neigten das Haupt vor dem segnenden Bischof nicht nur in der Kirche, sondern auch wenn er irgendwo einzog und dgl. Und wer hat noch nicht vom außergottesdienstlichen Segen des sichtbaren Oberhauptes der Kirche gehört, nicht gehört, mit welcher Sehnsucht und Ehrfurcht die Gläubigen in Rom ihn empfangen? – Auch bei uns drängt sich das gläubige Volk hin, wenn ein Bischof einzieht oder ein Priester sein 50jähriges Jubiläum feiert oder ein neugeweihter Priester ankommt, um von ihnen den Segen, den sie besonders hochachten, zu empfangen, wiewohl auch sonst fromme Gläubige, wenn sie einem Priester begegnen, den Segen von ihm verlangen. Woher wohl jene besondere Hochachtung? Der Christ weiß, dass der Glaube und die Frömmigkeit desjenigen, der den Segen spendet, dabei hoch anzuschlagen ist, und setzt nun voraus, dass ein Bischof, als Oberhirt, in dieser Hinsicht ausgezeichnet sei, dass ein Priester, der bereits 50 Jahre dem Herrn gedient hat, sich viele Verdienste für die Ewigkeit gesammelt habe, und ein Neugeweihter den heiligen Vorsatz nähre, mit der erhaltenen Gnade immer treu und unbefleckt zu wirken. Der fromme Gläubige verlangt auch den Segen anderer Priester, indem ihm bekannt ist, dass der Bischof, als sie die Priesterweihe empfingen, ihre Hände gesalbt und dabei gebetet hat, dass gesegnet werde, was immer sie segnen.

 

Der Bischof segnet gewöhnlich durch dreimalige Bildung des Kreuzzeichens bald mit einer Formel, bald ohne solche. Wenn ein Jubelpriester oder ein Neugeweihter den Segen erteilt, geschieht es gewöhnlich so, dass er dem Gläubigen die Hände auflegt, dabei spricht: „Durch die Auflegung meiner Hände und die Anrufung aller Heiligen segne dich mit aller himmlischen und irdischen Segnung der allmächtige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist! Amen. Der Friede sei mit dir!“ – und vor dem Schluss das Zeichen des heiligen Kreuzes mit der rechten Hand bildet.

 

Wird wohl ein Segenswunsch, wenn der Spendende und der Empfangende gehörigen Glauben und Herzensreinheit besitzen, von Gott unberücksichtigt bleiben? Christliches Volk! Halte treu an deinen geistlichen Vätern und ehre ihren Segen; trenne dich nicht von der wahren Kirche, dieser guten, sorgsamen Mutter; denn außer ihr vertrocknet die Quelle des Segens; die vom Weinstock getrennte Rebe verdorrt.

 

(aus: „Kalender für katholische Christen auf das Jahr 1847“, Sulzbach in der Oberpfalz)