Jesus und die Vögel

 

Im Winter, wenn der Schnee auf den Zaunpfählen lag, der Wind durch die Gassen pfiff, und der Rauch aus Marias Küche so schön blau an der kalten Luft hinaufkletterte, schaufelte Klein-Jesus das Fensterbrett seines Kämmerleins blank und ließ braune, schwarze, silber- und goldfarbene Körner darauf niederprasseln. Eins, zwei, drei patschte er die Händchen zusammen und sie kamen auch schon, seine Freunde. Glänzende Amseln mit gelben Schnäbeln, Rotkehlchen mit flammenden Brüstchen, Schneefink, Meise und Ammer, Seidenschwanz, Sperling und Zaunkönig. Waren sie satt, dann setzten sie sich auf das Scheunendach gegenüber, zu Josefs Tauben, und bliesen, schmetterten, sangen und rollten Töne hervor mit vollen Mäglein und fröhlichen Herzen. Ei, war das schön! Bis Jesus ihnen zuwinkte, da streckten sie die Hälse vor, neigten die Köpfe und husch flogen sie fort.

Schöner war es ja noch, wenn der Frühling kam. Die Staren und Schwalben kehrten in ihre Häuser und Nester zurück. Jesus sah bald mit glänzenden Augen die Eierchen im Nest liegen, zu dem Josef ihn hochhob. Und wie die Vögel Klein-Jesus ehrten und ihm dankbar waren! Sobald die Sonne den ersten neugierigen Blick über die Hügelkette herüber tat und dem Himmel ein rosiges Lächeln ins Gesicht flog, kam ein kleiner Sänger zu Jesu Fenster und trillerte und lobte und tat froh, dass man sein Herzlein durch das Federkleid auf- und abspringen sah. Abends, wenn der Knabe zur Nacht gebetet, seinem Vater sich empfohlen und ans Himmelreich gedacht hatte, wenn er in seinem Nachtkittelchen in den Kissen lag, Mutter Maria noch hereinkam ihn zu segnen und zu küssen, abends, wenn dies alles geschehen war, fing wiederum ein Vogel bei ihm zu singen an. Und er ging nicht eher in sein Nestlein heim, bis Jesus sicher eingeschlafen war.

Die Vögel blieben ja auch Jesus im ganzen Leben treu. Eines kam noch zum Kreuz und wollte die Nägel aus Jesu Händen ziehen, ein anderes kam und wollte in die Dornen seiner Krone ein Nest bauen, ihm nahe zu sein. Rohe Soldaten trieben sie fort. – Als der Heiland vom Tod auferstand, waren die Vögel gleich da und er sandte sie zur Mutter, ihr meldend, dass er käme. Und als er von einer Wolke zu seinem Vater hinaufgetragen wurde, da hat Jesus – durch das Reich seiner befiederten Freunde schwebend – sie zum letzten Mal gesegnet und ihnen allen das Paradies versprochen.