Jesus in den Blumen

 

Als Jesus noch ganz klein war, gleich nach seiner Rückkehr aus dem Ägypterland, als er noch kaum aufrecht stehen konnte, noch immer Marien am Halse hing, noch gerne süße Milch aus seiner Glasflasche saugte und in einem Wiegenkörbchen schlief, da nahm ihn St. Josef einmal Huckepack und trug ihn hinaus auf die Wiese, die geradewegs draußerhalb des Zaunes lag, den Josef um den Garten gezimmert hatte. Josef musste dann wieder in die Werkstatt zurück zu seiner angefangenen Truhe, Maria wollte gleich auf die Wiese nachkommen mit einem Arm voll Leinwand zum Bleichen. – Da saß nun Klein-Jesus in Gras und Blumen, wie in einem zarten Wald, der über ihm zusammenschlug. Seine Augen blickten groß und freundlich umher und dann hob er den Kopf, sah die goldene Sonnenkugel gerade über ihm rollen und jauchzte, so gut er jauchzen konnte. Und dann fing er zu krabbeln an, von einer Blume zur anderen, wie sie um ihn standen. War das eine Pracht! Er drückte sie an sich, streichelte sie, küsste sie und sagte ihnen Liebes in seiner Sprache, das Menschen noch nicht entziffern, Blumen aber wohl verstehen konnten. Und die Blumen, die sollten nie mehr vergessen, dass Jesulein mitten unter ihnen saß. Sobald es hier einen Stern, dort ein Glöckchen berührte, waren die von einer Wonne überschüttet, wie kein Sonnenstrahl und kein Tropfen Tau sie wecken konnte. Das Herz der Blumen läutete, sie zitterten vor Freude, sie dufteten! Nicht so berauschend wie die stolzen Gartenschwestern. Aber sie dufteten! Still, bescheiden, innig, wie es ihre Art ist. Ja sie dufteten von dem Tag an, die frische Minze und der herbe Mohn, die Kamillenblüh` und die goldene Arnika, Maiglocke und Heckenrose. Auch die Schlüsselblume voll Honig und das Veilchen – wenn Jesus auch nur ihre Blätter streichelte – da die Beiden längst nicht mehr blühten.

Als Maria mit den Wäschestücken kam, roch sie gleich das Angewohnte, Süße, Würzige in der Luft. Sie wusste: Das tat mein Kind! Und sie nahm sich nicht mehr die Zeit, ihre Wäsche auszubreiten, stellte den Korb hin und suchte Jesus.

Kaum konnte sie das Kind finden, aber die Löckchen leuchteten durch das Gras. So golden war kein Wiesenstern. Und sie nahm den Knaben in die Arme und herzte ihn. Jesus aber hatte die Händlein voll Blumen und streute sie über der Mutter Haar. Und seine Hände griffen nach den Zöpfen. Da löste sich die lichte Flut über Marias reines Kleid. Und Maria hüllte ihr Kind in den Mantel aus Gold und trug es singend durch die Wiese.