Die Spinne

 

Als Jesus schon in das Alter kam, da unsere Jungen zur Schule gehen, war er davon noch frei, ganz frei. Er durfte weiter auf dem Hügel an der Sonne liegen und in die Welt hineinträumen; er ging weiter mit Mutter Maria in die kleinen Kramläden Nazareths, Öl und Zucker, Salz und Mehl, manchmal auch ein Stück Fleisches kaufen. Was sie sonst noch zum Leben brauchten, gab ihnen ja alles der Garten. Salat und zarte Bohnen und samtene Pfirsiche. Äpfel und Birnen lagen mit Stängeln und Soßen in den Einmachgläsern. Dicke Milch erhielten sie von der alten braunen Kuh und ein paar Hennen versorgten Maria mit Eiern. Jesus war Marias treuer Küchen- und Gartenhelfer; er nahm die Eier aus, sammelte die Bohnen ein und pflückte Zinnien und Goldlack zum Strauß. Für Josefs Werkstätte war Jesus damals noch zu schwach. Nur die Späne durfte er kehren und dem Vater die Pfeife bringen. Der hob ihn wohl manches Mal auf die Knie und ließ ihn sachte reiten, nach Jerusalem, nach Bethlehem oder in das Himmelreich. Dann lächelte der Junge – wie ein Stückchen Himmelsblau, dachte Josef – und streichelte fast scheu über die Locken, die dicht und weich waren und schimmerten. Das allerliebste war es Jesus aber doch, draußen am nahen Hügel einsam zu liegen und zu sinnen. Hier in der Stille geschah es einmal, dass der Himmel über ihm eine Spalte auftat und der göttliche Vater ihm zurief: „Jesus, mein lieber Sohn.“

Braune Käferlein krabbelten zärtlich über die bloßen Kinderfüße, ein Vogel saß in seinem dichten Gelock wie in einem warmen Nest, kam ein weißes Kaninchen und machte artig Männchen, brave Bienen, die Höschen voll goldenem Honig, summten im Kranz um ihn, ein Falter wippte auf Jesu ausgestreckter Hand! Die Tiere wussten es längst, dass das liebe Kind der heilige Erlöser ist.

Ein Tierchen nur getraute sich nicht zum Kind heran. Die ihm freilich nicht recht erklärliche Angst, dem Kind durch seinen Anblick weh zu tun, hielt das Tierchen fern. War es denn hässlich? Doch auch die grauen, obendrein noch frechen Spatzen und die einfältig piepsenden Mäuse durften bei ihm sein. Da wagte es denn endlich auch Frau Spinne, auf Jesuleins Fuß zu klettern. Aber sieh! Da geschah es schon, was sie befürchtete. Jesus fuhr angstvoll zusammen. Seine Augen wurden dunkel wie der Nachthimmel; doch statt Sternenpracht und allen Wundern leuchtete nur Weh aus ihnen. Die Tiere erschraken, das schlanke Reh, es stand eng an Jesu Seite, hörte wie des Knaben Herz hämmerte. Die halb offenen Lippen formten ein grausames Wort: das Kreuz! Traurig kroch die Spinne weg. Alle Tiere dachten an den Abschied. Jesus wollte gewiss zur Mutter heim. Sie drängten sich nochmals recht an ihn und Jesus hob die zitternde Kinderhand und segnete sie.

Als er allein war, beugte er sich ins Gras, holte das Spinnlein auf seine Hand, ließ ihm das Pochen seines Herzens hören und streichelte über das helle Kreuz.

Spinnlein saß wieder im Gras. Jesus war müde, bog den Kopf nach rückwärts und schlief ein. Als die Sterne kamen, holte Maria den Jungen heim. „Mutter, Mutter, das Kreuz“ – schlaftrunken lallte das Kind. Über Marias Glück, das silbern wie die Mondsichel in ihrer Seele hing, zog schwarz die Wolke. Sie fasste Jesu Hand und presste sie auf Wangen und Mund. Von allen süßen Gute-Nacht-Liedern fiel ihr keins zu. Nur das eine: Lass vom Kreuz dir nichts träumen, allerliebstes Jesulein. Davon wirst du nichts versäumen, jetzt bist du noch viel zu klein.“