Die Freunde

 

Auf schönen Bildern sehen wir sie oft zusammen: Jesus und Johannes und das Lamm. Dann aber hatte Klein-Jesus auch noch andere Freunde. Die Heckenrosenstaude, unter die Vater Josef ihm ein Bänklein zimmerte, den Weidenbaum, der draußen am Bach stand, aber mit seinem Wipfel in den Garten hinein sah und die Tanne, die jung war wie er und mit ihm im Wachsen wetteiferte. Einst schlief Jesus unter dem Heckenrosenstrauch ein und tat einen Traum voll Wehe und doch wieder voll Süße. Es war die Zeit gekommen, da er nicht mehr Junge, sondern ein Jüngling, ja ein Mann geworden war. Eine Stimme rief ihm vom Himmel herab zu, rief aus seinem Herzen heraus, rief ihm von den Lippen der Menschen entgegen, dass er kommen solle, dass man auf ihn warte, dass er hinaus gehen solle zu lehren, Wunder und Liebes zu tun und die Menschen mit seinem Tod erlösen. Und er ging hin und tat, was ihm seliges Müssen. Und die Menschen sangen ihm Lieder oder spotteten seiner, brachten ihm ihre Herzen dar oder schickten ihm ihre Henker nach, tranken sich aus der Quelle seiner Lehre gesund oder trübten sie und nannten ihn Lästerer Gottes. – Und Jesus träumte von Qualen, Blut und Tod. Man band ihn an die Säule und hieb mit Ruten vom Weidenbaum auf ihn ein. Da musste Jesus des Weidenbaumes gedenken, der am Bach vor seiner Eltern Garten stand und seinen Spielen zusah. Da sah Jesus die kühlen, munteren Wellen, die so sorgsam den Knaben trugen, den Maria ihnen anvertraute. Und er hörte seiner Mutter Stimme: „Du Lilienblüte, schaukelnd auf Baches Wellen, du Perle aus der Muschel meines Leibes gebrochen, du Fischlein, gefangen im Netz meiner Liebe.“ Und der Weidenbaum stand daneben in Ehrfurcht und Seligkeit. Nun würden sich seine Zweige senken, das wusste Jesus, nun würde er ihm nicht mehr ins Angesicht zu schauen wagen. Der Gute, dachte der Heiland, und hat mir doch die bitterste Stunde gekürzt.

Man krönte den Heiland mit Ranken vom wilden Rosenstrauch; ohne Blüten waren sie, nur voll der spitzen Dornen. Als diese Dornen ihm in die Stirn drangen und er leise stöhnend den Kopf herniederbog, dass die rote Farbe des Spottmantels ihn blendete, da stand ein leuchtender Strauch vor ihm. Süßer Duft ging von ihm aus. Die Heckenrosen, die Heckenrosen! Und Jesus war es, als säße er in dem Winkel der seligen Kinderzeit, auf dem hölzernen Thrönlein, das sein Vater ihm gezimmert und alles huldigte ihm, Bienen und Falter und die lustigen Vögel. O Soldatenroheit und grausamer Spott, was seid ihr dagegen!

Und Jesus träumte weiter bis zu der Stunde, da man ihm das Gewand herunterriss und ihn auf die Balken des Kreuzes hinstieß, das am Boden lag. Jesus legte das dorngekrönte Haupt auf sein Holz und spannte gehorsam die Arme aus. Das Kreuz, o es war hart darauf zu liegen und doch auch wieder weich, wie auf etwas, das einem zugehört. Es war weich darauf zu liegen wie auf etwas, das einen gerne aufnimmt und einen schirmen will, so es nur könnte. Das Kreuz war ja aus den Brettern des Tannenbaumes, aus dem Holz des jungen Baumes, der mit ihm im Wachsen wetteiferte. Nun hatten sie beide das Vollalter erreicht und es kam schon das Sterben. Das Tännlein musste für Jesus sterben. Jesus starb für alle Kreatur. O das Kreuz! Lind war es und sanft, darauf zu ruhen. Einst war es ein Bäumchen mit Wipfelgrün und Vogelbesuch. Kinderhände griffen in die Äste und freuten sich am Tännlein.

Da wachte Klein-Jesus auf; ob seinem Haupt blühten die Rosenkelche, der Weidenbaum schwenkte seine Äste über den Zaun und rief ihn zum Spiel; dort stand das Tännlein, reckte sich auf den Zehen und wuchs. – Jesus war froh, dass alle seine Freunde in gesunder Frische um ihn waren und dass nahe durch das Grün das Kleid der Mutter schimmerte.