Der Dom

 

Die Sehnsucht aller Kinder, die im heiligen Land lebten, war es, bald in die Hauptstadt Jerusalem zu kommen. Dort gab es – von den erzählenden Eltern und von den Pilgern wussten sie es – immer einen lustigen Wirrwarr von Menschen, gab es Geschäfte voll der seltsamsten Dinge, gab es Edelherren und schöne Damen, die in goldenen Kutschen spazieren fuhren oder sich in gläsernen Sänften durch die Palastgärten tragen ließen.

 

n Jerusalem gab es auch Soldaten in prachtvollen Waffenröcken und mit silbernen Helmen, auf denen goldene Adler die Flügel spreiteten. Ach, was gab es dort nicht in Jerusalem?!

Auch Jesus dachte voll Sehnsucht an Jerusalem. Dort stand der hohe Dom. Das edle Haus, das Gezelt, das die Menschen dem Vater gebaut hatten, ihn zu drängen, bei ihnen zu sein. Seine Mutter hatte dort Gott gedient als Tempeljungfrau, die heiligen Geräte und die priesterlichen Gewänder gewaschen, gehofft, gebetet und sich gesehnt nach dem Heiland. Dort vor Gottes Angesicht war sie aufgeblüht wie eine liebliche Aue, wie ein duftender Cederwald. Später dann reichten sich Maria und Josef an den Stufen, die zur hohen Pforte des Tempels hinaufführten, die Hände, um gemeinsam hineinzugehen in das Heiligtum vor den segnenden Priester hin. – Jesus wusste von der Mutter, dass der Dom von reichen, frommen Königen so prächtig erbaut worden war und, dass er die steingewordene Klage, Sehnsucht, Hoffnung des Volkes Gottes bedeute. O, diese hohe, in Sehnsucht anschwellende Halle, wie sah der Junge sie vor sich! Wie sie selbst lebendig in ihrem Höhendrang an Alles ihr Leben mitteilt. Wie sie angefüllt ist mit der Erhabenheit der Säulen, mit der Zierlichkeit des Maßwerkes. Gewinde von Blumen und Früchten blühen und reifen. Sterne tanzen. Und wenn das Licht der Sonne hereinflutet, fangen die Glasgemälde zu leuchten an, Priester schreiten im Rhythmus. Das Wunder ist sichtbar geworden und das Volk erschaudert vor Gott.

Jesus wusste es ja, dass er dort seinem Vater nicht näher sein konnte, als er ihm hier im Haus seiner Eltern, als er ihm im Sonnenschein des Angers oder im Staub der Landstraße war. Aber es zog seine Seele doch dorthin, wo die Menschen zusammenkamen den Vater zu preisen. Und er jubelte, als seine Mutter ihm vom Ostergang nach Jerusalem sprach.

Der junge Esel, ein Füllen des guten Tieres, das Maria ins Ägypterland getragen hatte, wurde für die Reise gezäumt und ihm ein Bündelchen mit Lebensmitteln an den Halfter geknüpft. Maria ritt das Tier, Josef führte es auf schwierigen Wegen, Jesus ging ein paar Schritte voraus. Vor seiner Seele wölbte sich ein anderer Tempel und Gott Vater sprach zu ihm, dass er es sei, der da zur Welt gekommen, die Sehnsucht der Menschen zu erfüllen. Er musste seine Arme gegen Himmel breiten und seine Seele sang: „Vater, siehe da, ich bin das Haus wo deine Liebe wohnt. Vater, ich sehe die Erde von deiner Gnade überfluten und ich sehe den Dom, zu dem sich Mensch und Mensch zusammenschließen. Vater, du stelltest den Thron deiner Herrlichkeit in das Herz des Menschen hinein.“

 Da tat der Wald sich auf. Sonnenumflutet lag Jerusalem. Der Dom glänzte in einer Wolke des Lichtes. Jesus ließ sich auf die Knie nieder, Maria stieg vom Tier, sie stellten das Eselein in den Gaststall einer Schenke am Tor und schritten dann Hand in Hand in die Stadt hinein.

Als Jesus im Haus des Vaters, voll des heiligen Geistes, dem Drang des Herzens nicht mehr länger wehren konnte und er den Priestern des alten Testamentes von dem neuen Bund sprach, den Gott mit der Menschheit zu schließen gedenke, da waren die einen voll Ärger, die anderen voll Unglauben, die dritten voll Freude.

Aber Jesu Sendungsstunde war noch nicht gekommen. Erst dem Mann war die Erfüllung dessen vorbehalten, was das Kind verheißen konnte. Und so ging denn der zwölfjährige Jesus, als seine Eltern ihn im Kreis der Lehrer aufgefunden hatten, mit diesen wieder heim nach Nazareth. Und er diente ihnen in Liebe bis die Stunde kam, die ihn rief.