Das Miseräbelchen

 

Klein-Jesus spielte gerne mit den Kindern von Nazareth. Er warf mit ihnen Bälle, tat Haschen und Verstecken mit und war der Anmutigste im Reigen. Er war Kind unter Kindern, ihr bester Kamerad. Rings um den Anger knieten wohl die Engel und beteten ihn an. Er wusste nichts davon. Es war kein Unterschied zwischen ihm und den Gespielen – außer dem, dass auf seinem Gesicht das schönste Lächeln blühte, aus seinem Mund das süßeste Lied kam und dass er immer voll Frieden war. – Nur wenn Jesus hinüberging in das Häuschen der Witwe (nächst dem Zimmermannshaus), mit dem armen Mädchen zu spielen, da war es anders. Da war er Heiland, Wundertäter, Gott. Das Mädchen, ein wenig jünger als Jesus, war ein krankes, zurückgebliebenes Kind. Seine Sprache war den Menschen zu unverständlich, sein Gesichtlein zu mager und blass; sein Körperchen war zu elend, als dass es hätte mitspringen und reihen können. Sein Seelchen freilich, das blühte wie ein Röslein; und Klein-Jesus war dieses Rösleins Sonne. Wenn sie zusammen waren, abgeschieden von allen Menschen, dann baute Jesus eine Welt der Wunder um das arme Kind. Wahrhaftig, da sah Miseräbelchen die Engel in seinem Stübchen aus- und eingehen, sah einen herrlichen Namen auf der Stirn seines Gespielen glänzen, war selbst weißgewandet und mit Blüten geschmückt. Und schöner noch als all die Kinder auf dem Anger sang es Gottes Lob. Es bekam eine Geige, mit der konnte es jubeln wie die Lerchen. Waren Jesus und das Mädchen im Gärtchen, dann kamen die Tiere voll Zutrauen auch zu Miseräbelchen. Die Bienen stachen nicht, die Falter ließen sich auf die Fingerspitzen nieder; wenn sie die Knospen betasteten, taten sie sich auf, welke Blumen schwollen zu neuem Blühen, so Jesus sie an die Lippen drückte. Das Kind hütete das Geheimnis der Wunder. Seine Tage – immer mehr voll Schmerzen – flossen ihm von Freude über. Bis ihm Jesus eines Morgens sagen konnte, dass es nach des Vaters Willen in den Himmel soll.

Und so starb Miseräbelchen. Hand in Hand des Freundes. Das Fenster stand offen, die Schwalben und Lerchen kamen bis an das Bett. Jesus hatte einen Kranz aus Sternchen geflochten, der schmückte das Mädchen. Die Mutter kniete vor dem Bett leise schluchzend. Horch, da begann Jesus das heimatliche Abendlied. Die Sterne am Himmel funkelten auf. Trost segnete das Herz der Mutter. Miseräbelchen lächelte immer noch, als es schon längst eingeschlafen war.