9. Maiandacht - Maria, mein Anker


Havanna, eine der größten und reichsten Handelsstädte der Welt, ist die Hauptstadt von Kuba, der größten unter den westindischen Inseln, die im Golf von Mexiko liegen. Diese Insel wird auch die Perle der Antillen genannt, weil der Reichtum an kostbaren Produkten aller Art, den sie hervorbringt, alles übertrifft, was man in jenen Gegenden bewundert. Was aber die Insel und die Stadt Havanna den Reisenden mehr wert macht, als eine Perle, ist das Gnadenbild der lieben Frau, das sich auf der Festung der Stadt, dem sogenannten Moro befindet, der den Seehafen von Havanna beherrscht.

So oft ein Schiff von diesem Hafen ausfuhr, die weite Reise über das Weltmeer nach Europa zu machen, wurde oben auf der Höhe der Burg von den Festungsbewohnern mit dem hochverehrten Muttergottesbild eine Prozession um die Mauern gehalten, um eine glückliche Seefahrt zu erflehen. Zugleich zeigte man denen im Schiff unten das Gnadenbild herab, damit auch sie ihre Gebete und Gelöbnisse mit denen oben vereinigen konnten.

Wenn der heilige Augustin mit Recht sagt, dass dieses Leben nichts anderes sei, als ein beständig stürmisch, aufgeregtes Meer, auf dem wir uns zu Schiffe befinden, keinen Augenblick sicher, von den Wogen verschlungen zu werden, wohin sollen wir hilfesuchend uns wenden, wohin vertrauensvoll blicken? – Wohin anders, liebe Christen, als auf Maria, die nach Jesus unsere einzige Hilfe ist, als auf Maria, die der heilige Andreas von Kreta: Einen festen, unerschütterlichen Anker nennt, und die wir deshalb heute und immer freudig begrüßen: Maria, mein Anker!

Ja, die heilige Jungfrau ist mein Anker und zwar: in den Stürmen der Zeit und im Hafen der Ewigkeit!

Lieber Christ, du magst betreten das Heiligtum von Roc-Amadour, in dem Mariens Hand eine Glocke ohne Seil bewegt, wenn die Schiffe auf dem Ozean von den Stürmen Not leiden; du magst besuchen die Muttergottes von Lampadusa, die wie ein Leuchtturm auf einer wüsten Insel zwischen Malta und Afrika wohnt und deren Lampe abwechselnd von Christen und Muslimen unterhalten wird und unausgesetzt Jahrhunderte lang fortbrannte; du magst beten vor der Muttergottes von Monte Nero, die Livorno beherrscht und deren von unzählbaren Pilgern besuchte Kirche die Gestade des tuscischen Meeres weit überragt; du magst niederknien vor der Muttergottes von Lavasina in Korsika, die im Angesicht der blauen Gewässer des mittelländischen Meeres ihren Pilgern und den Schiffen, deren Segel sich fern am Horizont blähen, den Duft ihrer Orangenwälder zuführt, gleich einer lieblichen Offenbarung ihrer Nähe; du magst wallfahren zur Muttergottes von der Hut, deren auf der Spitze eines steilen Felsens im 13. Jahrhundert erbaute Kapelle die letzten Gedanken und den letzten Blick des von der Heimat scheidenden provenzialischen Seemannes empfängt; allüberall, in all diesen Gnadenorten und Kapellen wirst du Anker aufbewahrt finden, als Zeichen dankbarer Liebe für die Hilfe Mariens in Meeresstürmen.

Wie aber Maria denen so oft geholfen, die sie im Sturm der entfesselten Elemente angerufen haben, so ist sie uns auch in allen jenen Stürmen ein mächtiger Anker, der unser Lebensschifflein nicht untergehen lässt, welche der böse Feind, böse Menschen und unsere eigene böse Lust gegen uns erregen. Wenn der Himmel düster wird und immer dunkler, wenn das Meer unruhig zu werden anfängt, die Seevögel kreischend über das Schiff flattern, der Wind fürchterlich tobt, dass der Mastbaum kracht, wenn die Wogen immer höher und höher steigen und der rasende Orkan schäumend und zischend die Wellen peitscht, wenn das Schiff in Blitzesschnelle turmhoch hinaufgeschleudert wird, um im nächsten Augenblick in einen ebenso tiefen und grausigen Abgrund hinabgetrieben zu werden, - im Sturm, da wirft man den Anker aus, aber, wenn Gott nicht ein Wunder wirkt, meistens vergebens und umsonst; er fasst nicht mehr oder wird, kaum er den Grund durchbohrt, wieder losgerissen von der Gewalt des Orkans.

Doch unser Anker, Maria, täuscht uns nie, er hält uns immer fest und lässt uns nicht untersinken. Rufe Maria an, sagt der heilige Ephräm, und du wirst nie untergehen! – Nimm deine Zuflucht zu Maria, ermahnt uns der heilige Joseph Calasanz, wenn die Stürme der Leidenschaften dich umtoben, wenn boshafte Menschen oder dein ärgster Seelenfeind, der Teufel, gegen dich anstürmen; sie wird dich retten, weil sie der Schlange den Kopf zertreten hat, weil sie die Mutter desjenigen ist, der dem Wind und den Wellen gebietet! – Als der allmächtige Gott die sündhafte Welt durch die Sündflut vertilgte, als er die Schleusen des Himmels öffnete und in Strömen der Regen niederfiel, so dass die ganze Erde zum Meer ohne Ufer und Grenzen wurde, da blieben allein die gerettet, die sich in die Arche geflüchtet, die ein Sinnbild Mariens ist. – Noch immer aber, liebe Christen, ist ihr Mutterherz unser Rettungsschiff, noch immer ist ihre Mutterhand der Anker, der uns aufrecht hält in den Stürmen der Zeit und uns sicher und glücklich geleitet bis zum Hafen der Ewigkeit.

Kommt man dem Land nahe, das man erreichen will und das man vielleicht schon lange und heiß ersehnt hat, so wirft man einen Anker aus, um das Schiff festzuhalten oder man befestigt es an einem schon auf dem Grund liegenden Anker.

Ist die Lebensreise vorüber, das stürmische Meer dieser Welt glücklich überschifft, ist die Meerenge zwischen Diesseits und Jenseits durchfahren und der Hafen der Ewigkeit erreicht, welchen Anker, liebe Christen, bedarf wohl dann die Seele, um sich festzuhalten an den Ufern der seligen Heimat, am Bord der himmlischen Ewigkeit?

Keinen anderen, als Maria! Durch ihre Hilfe, durch ihre mächtige Fürbitte bei Gott werden wir sicher in das Paradies gelangen. Der Kardinal Hugo sagt: Durch Mariens Fürbitte sind viele Heilige im Paradies, die ohne sie nicht darin sein würden, und der heilige Antonin tut den Ausspruch: So wie es unmöglich ist, dass jene selig werden, von denen Maria den Blick ihrer Barmherzigkeit abwendet, so ist es gewiss, dass die, welche Maria liebt und für sie fürbittet, die Rechtfertigung und die ewige Glorie erhalten werden. Ja, sie ritt hin vor den Richterstuhl Gottes und verteidigt die Seele, die verlassen und hilflos, eingedenk ihrer geistigen Armut, zitternd den Urteilsspruch aus dem Mund des Richters der Lebendigen und der Toten erwartet; sie spricht für sie und zählt das wenige Gute auf, das die Seele auf Erden ihr zu Liebe und zu ihrer Ehre getan und in ihrem Mund wird es vollgewichtig und zieht die Schale der Wage hinab, deren Inhalt sonst zu gering und leicht befunden worden wäre. Und der göttliche Heiland, der keine Bitte seiner Mutter abschlagen kann, wie der heilige Athanasius sagt, nimmt die Seele auf in die ewigen Freuden seines Himmels und zur vollen Wahrheit ist im Hafen der Ewigkeit geworden der Gruß, womit sie so oft und vertrauensvoll die heilige Jungfrau in den Stürmen der Zeit begrüßte: Maria, mein Anker!

Die Kaiserin Mathilde, eine Enkelin Wilhelm des Eroberers, sah sich während des Krieges, den sie für ihren Sohn Heinrich gegen Stephan von Blois führte, bei zweifelhaftem Wetter, das bald in einen Sturm überging, zur Überfahrt über den Kanal gezwungen. Die empörten Wogen brachen sich schäumend an der Küste; schwarz verhing den Horizont ein unermesslicher Wolkenvorhang und die Masten des Schiffes neigten sich wie Schilf, das der Nordwind durchfährt, auf die Wellen nieder. Die englischen Ritter, die damals gute Katholiken waren, empfahlen sich andächtig Gott und seinen Heiligen. Mathilde befand sich auf dem Verdeck und ihre festen, wenngleich blassen Züge, verleugneten das starke Geschlecht nicht, dem sie entsprossen. Habt gute Hoffnung, meine Freunde, sagte die Prinzessin zu den Matrosen, unsere liebe Frau ist gut und mächtig, sie, der festeste Anker im Sturm, wird uns retten. Steige einer von euch auf den Mastbaum und sobald er das Land entdeckt, will ich einen Lobgesang zur heiligen Jungfrau singen und ich gelobe, ihr am Gestade, wo wir landen, eine Kapelle zu erbauen.

Kaum hatte die Fürstin ihr Gelübde ausgesprochen, als die Wellen sich glätteten; der Wind sprang um und ein frischer Ost trieb das Schiff schnell den Küsten der Normandie zu. Plötzlich lässt die Stimme des Piloten von der Höhe des großen Mastes die sehnsuchtsvoll erwartenden Worte vernehmen: Singt, Frau Königin, hier ist Land! Und die Tochter Heinrichs I. stimmte in sanften, gehaltenen Tönen einen Lobgesang auf die heilige Jungfrau an, den die englischen Barone freudig mit gefalteten Händen und entblößtem Haupt wiederholten. – Bald warf das vor dem Schiffbruch wunderbar bewahrte Schiff in der kleinen Bucht von Equeurdreville in der Nieder-Normandie die Anker aus. Als die Fürstin ausgeschifft, war sie vor allen Dingen bedacht, die Stätte, wo ihre Kapelle sich erheben sollte, zu bezeichnen und ehe sie diese Ufer verließ, legte sie selbst den ersten Stein zu dem Gebäude.

So werden auch wir, liebe Christen, hier im Sturm nicht untergehen und dort im Hafen der ewigen Ruhe landen, wenn wir in unserem Herzen Maria eine Kapelle erbauen und darin oft mit zuversichtlicher Hoffnung und unerschütterlichem Vertrauen beten: Maria, mein Anker! Amen.