8. Maiandacht - Maria, mein Lied


Dante, jener größte aller italienischen Dichter, schloss seine herrliche Kanzone an die heilige Jungfrau mit den Worten: Geendet bist du nun, mein Lied, und jene, die dich singen, die dich lesen, und jene, die dich hören, sollen dich mit mir preisen, o Himmelskönigin! Geschlossen ist mein Lied, doch nicht für mich, immer und immer klingst du wieder in meiner Seele, in nie erlöschenden Tönen dem Ohr meines Herzens vernehmbar: Maria, mein Lied!

Wie hier der fromme Dichter begeistert von Maria gesungen hat, so soll eine jede christliche Seele sie oft mit dem schönen Titel begrüßen: Maria, mein Lied! – Dein Name, Maria, ruft der heilige Antonius von Padua aus, ist Honig im Mund und Wohlklang im Ohr! Und der heilige Bonaventura sagt: Es gibt keine Harmonie so rein, keinen Gesang so schön, keinen Wohllaut so süß, als Maria!

Folgen wir, liebe Christen, den Heiligen nach; all ihr Tun und Handeln ist uns ein Muster und Vorbild, weil es immer fromm und tugendhaft war. Wir wissen aber von den Heiligen, dass sie oft und gerne Loblieder zu Ehren Mariens gesungen haben, z.B. der heilige Alphons, der heilige Vinzenz von Paul. Der heilige Franz von Solan sang oft mit größter Herzensfreude das Lob der Gottesmutter; der gottselige Jakob von Guzmann pflegte auf seinen Reisen immer Lieder zu Ehren der heiligen Jungfrau zu singen. Doch, liebe Christen, wir sollen nicht bloß nach dem Beispiel der Heiligen marianische Lieder singen, auch uns soll, gleichwie ihnen, Maria der Inhalt und Gegenstand jeden Liedes sein, die Liebe und Andacht zu ihr soll in uns wirken wie ein Lied, das gut macht, denn es heißt mit Recht: Wo man singt, da lass dich freudig nieder, böse Menschen haben keine Lieder; wie ein Lied, das beruhigt und erhebt, das der Seele zur Sprache ihrer Freude, ihrer Reue und ihrer Andacht dient. Darum soll Maria unser Lied sein zum Harfenspiel und Orgelklang.

David spielte die Harfe und sang in seiner Jugend dazu Lieder, die die Schwermut des Königs Saul vertrieben, und in seinem Alter solche, die seine Seele zur Reue und Buße bewegten. Hier ist die zweifache Wirkung des Liedes. Es verscheucht die Sorgen, zerstreut den Kummer, beruhigt und besänftigt das Herz. Wenn das einfache Lied solch eine Kraft besitzt, um wie viel mehr, wenn Maria der Gegenstand desselben ist, wenn Maria selbst unser Lied ist! – Wirst du genannt, kehrt die Freude wieder, sagt der heilige Antonin, und erklingt dein süßer Name, fliehet jeder Schmerz. Nennt nicht die heilige Kirche Maria die Ursache unserer Freude und die Morgenröte, die nach Nacht und Nebel den sonnigen Tag uns verkündet?

War der heilige Franziskus Solanus betrübt und von Versuchungen und Kämpfen niedergebeugt, pflegte er ein gewisses Lied zu Ehren der heiligen Jungfrau zu singen und alsbald kehrte Herzensfreude und Seelenfrieden in seine Brust zurück und zwar in solchem Maß, dass er aufjubelte und jauchzte und alle, die ihn hörten und sahen, zur Begeisterung hinriss. Maria belohnte ihn aber nicht nur auf diese Weise, sondern sie schickte ihm vor seinem Tod einige Vögel, die vor seinem Fenster bis zu seinem letzten Augenblick in solch wunderbarer Weise sangen, dass alle Anwesenden bis zu Tränen gerührt wurden.

Tief war David gefallen; doch so groß seine Sünde war, ebenso groß war seine Reue. Zur Harfe sang er jene Psalmen, die der Ausdruck eines gedemütigten und zerknirschten Herzens waren, jener Lieder, die wahr und deutlich den bußfertigen Sünder bewiesen. Auch wir, liebe Christen, haben gesündigt oft und schwer; stimmen wir unsere Seele zur Reue und Buße durch Maria. Sie, der Quell der Tränen, wird auch unsere Tränenquelle öffnen; sie, die Zuflucht aller Sünder, wird auch uns den Weg der Buße führen; sie, die von Gott uns die Gnade der Bekehrung erfleht hat, wird uns auch jenen Reueschmerz und Bußgeist erbitten, der sich wie ein roter Faden in einem weißen Linnengewebe hindurchzieht alle Tage unseres Lebens bis hin zum Tod. – Der gottselige Joseph Anchieta aus der Gesellschaft Jesu wurde als Missionar nach Brasilien gesendet, wo er 47 Jahre unermüdet unter den Ureinwohnern arbeitete. Diese taten ihm nie etwas zu Leide. Während er bei ihnen war, gelobte er seiner allerliebsten Mutter Maria ein Lobgedicht zu machen. Er hatte dazu weder Papier, noch Tinte und Feder. Er prägte daher das Gedicht seinem Gedächtnis ein, in dem er das ganze Leben der gebenedeiten Jungfrau und alle ihre Geheimnisse in den schönsten lateinischen Versen besang. Maria belohnte ihn deshalb, indem sie ihn vor den vielen Angriffen bewahrte. Als er aus Brasilien zurückkehrte, schrieb er sein Gedicht nieder, das aus 2086 Versen bestand und weihte es der Gottesmutter.

Ist Maria auch unser Lied, liebe Christen, bildet die Liebe zu ihr und die Nachfolge ihrer Tugenden die Harmonie unseres Lebenswandels, die kein Misston einer Sünde stört, dann wird sie auch uns auf dem Weg der Rückkehr zu Gott, der Reue und Buße vor den wilden Leidenschaften beschützen und bewahren, dass sie unsere Seele nicht mehr zu Fall bringen und töten.

Die Orgel ist ein kirchliches Instrument, das schon im Alten Bund erwähnt wird und seit den ältesten Zeiten des Christentums in allen Kirchen im Gebrauch ist. Zu den Tönen der Orgel werden dem Allerhöchsten und seinen Heiligen Lieder des Lobes und Preises gesungen; durch ihre Klänge wird der Gottesdienst verherrlicht und ihre Harmonien erheben beim Opfer der heiligen Messe die Seele auf den Flügeln der Andacht zu Gott empor und rufen in dem Herzen das Heimweh nach dem ewigen Vaterland, dem Himmel, wach. Von der Orgel begleitet wird das Lied zum Lied der Sehnsucht und zum Lied des Preises; da aber Maria all unsere Sehnsucht stillt und des höchsten Preises würdig ist, so soll sie unser Lied sein und der Wunsch des heiligen Philipp Neri für uns Befehl: Ich wünsche, dass, wenn du singst, du nur von Maria singst.

Als das Schiff, auf dem der heilige Vinzenz von Paul nach Marseille fahren wollte, von Seeräubern angefallen wurde, wurde er als Sklave nach Tunis verkauft. Er kam auf das Landgut eines Renegaten, wo er unter sehr harter Behandlung das Feld bebauen musste. Der Heilige gedenkend seiner eigenen Verbannung sang oft jenes rührende Lied, das König David den in der babylonischen Gefangenschaft weilenden Juden in den Mund gelegt hatte: An den Flüssen Babylons saßen wir und weinten, da wir an Sion gedachten; wir hatten die Harfen an die Weiden gehängt, und bei dem Vers: Wie könnten wir singen im fremden Land? warf Vinzenz einen sehnsüchtigen Blick nach Frankreich hin und konnte sich der Tränen nicht erwehren. Doch diesem Lied fügte er sogleich das der heiligen Kirche bei: Sei gegrüßt, o Königin, Mutter der Barmherzigkeit, zu dir schreien wir verbannte Kinder Evas, - und als Maria sein Lied wurde, versiegten die Tränen, verstummte der Schmerz und Ruhe kehrte wieder zurück in seine Seele. Aber nicht bloß auf diese Weise stillte Maria seine Sehnsucht; die türkische Frau des Renegaten, gerührt von den Liedern des Heiligen, machte ihrem Mann Vorwürfe, dass er eine so herrliche Religion verlassen habe, und er ging in sich, schwor aufs Neue seinem Gott Treue und entfloh mit Vinzenz aus Tunis. Bald hatten sie Frankreichs schöne Ufer erreicht und Maria hatte wirklich die Sehnsucht des Heiligen gestillt.

Welch ein Antrieb für uns Christen, Maria oft und oft im Lied zu bitten und sie im Salve Regina anzurufen, dass sie, wenn wir uns so recht verlassen fühlen auf dieser Erde, wenn wir recht bitter empfinden die Verbannung in diesem Tränental, wenn die Sehnsucht nach dem Himmel, das Verlangen nach der ewigen Heimat, recht lebendig in uns erwacht, unsere Sehnsucht stillen und uns sicher und gewiss zu ihrem göttlichen Sohn in die ewige Seligkeit bringen möge!

Die Orgel ist ganz geeignet, das Lied des Lobes und Preises zu begleiten. Wer aber verdient nach Gott mehr geehrt und verherrlicht zu werden, als diejenige, die von sich selbst singen konnte: Von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter! als diejenige, von der der heilige Anselmus sagt: Auch das größte Lob ist zu schwach, um Maria genügend zu preisen? – Je mehr die Seele durchdrungen ist von der Größe und Majestät der heiligen Jungfrau, von dem Reichtum ihrer Gnaden und dem Schatz ihrer Mutterliebe, desto mehr fühlt sie sich angetrieben zu ihrem Lob und Preis, zu singen mit dem seligen Heinrich Suso: In Ewigkeit will ich die Erbarmungen Mariens besingen, zu sagen mit dem Bernhardin von Siena: Unser ganzes Leben soll ein hohes Lied der Lobpreisung auf Maria sein! – Um sie nach dem Verlangen seines Herzens loben und preisen zu können, verfasste der heilige Anselmus zu ihrer Ehre Lobgesänge für alle Stunden des Tages und der Nacht, denn er wollte, dass zu jeder Zeit Lieder des Dankes und Preises zum Thron der Himmelskönigin emporstiegen. – Die fromme Frau des französischen Generals Bergé hatte ihm empfohlen, durch ein besonderes Gelübde um die Fürbitte der Mutter Christi zu flehen. Er machte ein solches unmittelbar vor der Erstürmung des grünen Hügels vor Sebastopol, zu welcher Zeit er gerade jenen Brief seiner Frau erhalten hatte. Nachdem er diesen mörderischen Sturm glücklich ohne irgend eine Verwundung überstanden hatte, löste er seine Gelübde – das Dogma von der unbefleckten Empfängnis Mariens laut und öffentlich anzuerkennen, - durch ein herrliches Sonett, dessen letzte Worte heißen:

 

So lass mich jetzt, was ich gelobt, erfüllen,

Als mitten in dem Schlachtgewühl ich stund:

Dass sündlos du, nach Gottes heilgem Willen,

Empfangen bist, bekennt mein Herz, mein Mund!

 

Ja, du hast mich beschützt im heißen Kampfe,

Dass stark mein Mut blieb und dabei besonnen

Im Kugelregen und im Pulverdampfe.

 

Dir dank ich diesen Sieg, den wir gewonnen;

Drum sei des Sieges Ruhm auch dir geweiht,

Marias Name sei gebenedeit!

Amen.